12 mal 1945 - Monate des Umbruchs
Es war nicht nur das Jahr des Kriegsendes im Mai, es war auch das Jahr der Befreiung der KZ-Überlebenden von Auschwitz und Bergen-Belsen im Januar und April, das Gründungsjahr der UNO im Juni, das Jahr des ersten Atombombenabwurfs auf Hiroshima im August, des Beginns der Nürnberger Prozesse im November. Jeder Monat hatte sein eigenes Gesicht, seine eigene Dramatik. Es war kein Jahr einer Stunde Null, in der alles neu begann, es war auch kein Jahr des bloßen Zusammenbruchs. Es war ein Jahr großer Desorientierung, in dem viele Hoffnungen geweckt und wieder begraben wurden.
Jedem Monat des Jahres 1945 ist eine 5-minütige Collage aus Ton-Aufnahmen gewidmet, die der SWR auf dem Sendeplatz Dschungel ausgestrahlt hat. SWR-Redakteur Dr. Wolfram Wessels hat die akustischen Miniaturen zusammengestellt und einleitend kommentiert. Medi@Culture-online dankt dem SWR für die Möglichkeit, die Dokumente auf unserem Portal präsentieren zu dürfen.
Januar
Im Osten haben sowjetische Truppen in Polen bereits das Vernichtungslager Auschwitz erreicht, im Westen überschreiten die alliierten Truppen den Rhein und auf den Radio-Wellen liefern sich die Kriegsparteien einen Ätherkrieg: In Berlin werden täglich neue Parolen diktiert, illegale Nazi-Sender der Wehrwolf-Partisanen sind ebenso zu hören wie legale Sender der amerikanischen Armee. Einer ihrer Mitarbeiter ist Golo Mann, Sohn des emigrierten Literatur-Nobelpreisträgers Thomas Mann, der seine Landsleute über die tatsächliche Lage aufzuklären versucht. Der amerikanische Präsident Franklin D. Roosevelt sieht das Ende der Nazi-Diktatur und des japanischen Imperialismus nahen, während sich nicht nur die BBC fragt, ob Adolf Hitler wie in den Jahren zuvor am 30. Januar eine Rede halten wird.
Januar 1945 (mp3, 4,78 MB)
Februar
Februar 1945. In Jalta auf der Halbinsel Krim beraten die Alliierten über das politische Schicksal Europas und das Ende des Krieges mit Japan. Endlich muss Schluss sein. Der Alltag ist längst keiner mehr, der Ausnahmezustand die Regel, auch wenn der Star-Schauspieler Heinrich George dem Schwedischen Rundfunk Interviews gibt und sein neuester Film „Kolberg” Premiere feiert.
Februar 1945 (mp3, 4,53 MB)
März
Im März 1945 erhielten Kinder und Jugendliche Orden und Auszeichnungen für ihren Kriegseinsatz und Hitler persönlich empfing sie in seinem Hauptquartier. Am Ende des Krieges, als den Erwachsenen längst klar war, dass er verloren war, wurden sie an die Front geschickt , als ginge es um einen Pfadfinderausflug, oder einen Gottesdienst, wie Propagandaminister Joseph Goebbels suggerierte. Mit allem Pathos und Zynismus, der ihnen noch zur Verfügung stand, machten sie Kinder zu Mördern.
März 1945 (mp3, 4,40 MB)
April
Am Ende des Monats trafen sich sowjetische und amerikanische Truppen bei Torgau an der Elbe, Deutschland war fast vollständig besetzt. Die „provisorische Regierung eines Neuen Deutschland” war allerdings eine Erfindung amerikanischer Propaganda, der versprengte Nazi-Partisanen der „Wehrwölfe” vergeblich etwas entgegenzusetzen versuchten. Die Menschen allerdings beschäftigten die ersten Berichte der BBC aus dem am 15. April befreiten Konzentrationslager Bergen-Belsen weit mehr.
April 1945 (mp3, 4,93 MB)
Mai
Der Krieg ging zu Ende, auch der Ätherkrieg. Zum letzten Mal wandte sich William Joyce, alias Lord Haw Haw, der Engländer im Dienste der Nazi-Propaganda an seine Landsleute, während Thomas Mann noch einmal aus den USA zu seinen „deutschen Hörern” sprach. Doch bevor die Welt am 8. Mai den „V-Day” feiern konnte, den Victory Day, war Hitlers Tod zu melden und die Eroberung Berlins durch sowjetische Truppen.
Mai 1945 (mp3, 4,27 MB)
Juni
Nach dem Ende des Krieges in Europa - um Japan wird noch immer gekämpft - ging es um den Aufbau demokratischer Strukturen: In San Francisco wurde die Charta der Vereinten Nationen verabschiedet und in Deutschland bemühten sich die Alliierten um demokratische Erziehung. Dazu wollte auch der gerade ernannte bayerische Ministerpräsident Fritz Schäffer beitragen.
Juni 1945 (mp3, 4,44 MB)
Juli
Bestandsaufnahme. Der expressionistische Dichter und spätere DDR-Kulturminister Johannes R. Becher sprach bei der Gründung des „Kulturbundes zur demokratischen Erneuerung Deutschlands”, davon, dass alles „gründlich anders” werden müsse und schloss sich dem Schauspieler Paul Wegener an, der die Rückkehr zu klassischen Werten forderte. Der amerikanische Militärsender zog sich derweil aus Deutschland zurück, und ein schweizer Journalist erkundete sein Nachbarland.
Juli 1945 (mp3, 4,54 MB)
August
Während man sich in Deutschland mit den im Land gebliebenen Dichtern beschäftigte, dem Schwaben Albert Hofele und dem Rheinländer Herbert Eulenberg, beendeten die Alliierten im fernen Osten nach dem Abwurf der ersten Atombombe auf Hiroshima endgültig den zweiten Weltkrieg. Präsident Truman sah in der neuen Waffe nicht nur ein Instrument zur vollständigen Zerstörung Japans, er betonte auch die Möglichkeiten, die eine friedliche Nutzung der neuen Energieform zu bieten schien. - In Deutschland erhielt derweil der Physiker Max Planck den Goethe-Preis der Stadt Frankfurt. - Und am Ende wird der Bischof von New York hervorheben, dass die Menschheit durch die Atombombe vor die Alternative Welt-Frieden oder Welt-Zerstörung gestellt würde.
August 1945 (mp3, 4,55 MB)
September
In der sowjetischen Besatzungszone begannen die ersten Reformvorhaben: die KPD und ihr Vorsitzender Wilhelm Pieck beschlossen eine Bodenreform. In Hamburg bemühte sich der Journalist Axel Eggebrecht im Gespräch mit dem Schauspieler Matthias Wiemann - den Hörern des Nazi-Rundfunks durch seine „Schatzkästlein”-Sendung mit klassischer Literatur und Musik wohlbekannt - die Rolle des Künstlers im Dritten Reich zu erörtern. Und der Filmregisseur Helmut Käutner inszenierte Carl Zuckmayers „Der Hauptmann von Köpenick” als Hörspiel.
September 1945 (mp3, 4,81 MB)
Oktober
Langsam begann der Wiederaufbau: in den Kommunen machten sich Politiker, Architekten und Städteplaner Gedanken über die zukünftige Gestaltung der Städte. Aus dem Exil kehrten einige Emigranten zurück, darunter der Schauspieler und Regisseur Wolfgang Langhoff aus Zürich.
Oktober 1945 (mp3, 4,67 MB)
November
In teilweise zerstörten Fabriken nahmen die Arbeiter langsam wieder die Produktion auf: auch wenn es an Zucker für Marmelade fehlte, Fruchtmark aus frischen Früchten ließ sich schon wieder herstellen. Das entscheidende Ereignis des Monats war aber der Beginn des Nürnberger Prozesses gegen die Hauptkriegsverbrecher, den Fritz Eberhard, aus dem englischen Exil zurückgekehrter Mitarbeiter von Radio Stuttgart, kommentierte.
November 1945 (mp3, 4,61 MB)
Dezember
Das erste Weihnachten und Silvester nach dem Krieg: noch gab es zahlreiche Kriegsgefangene, die etwa über den Moskauer Rundfunk Grüße nach Hause richten konnten, wo man sich in Normalität übt. Allerdings gestehen Politiker, wie der gerade gewählte Österreichische Präsident Karl Renner, der Österreichische Bundeskanzler Leopold Figl, aber auch der Direktor der amerikanischen Militärregierung in Württemberg-Baden, William Dawson, dass sie den Bürgern keine Geschenke versprechen können - außer einem Fest im Frieden.
Dezember 1945 (mp3, 4,85 MB)












