Blade Runner
USA 1982
Regie: Ridley Scott.
Kamera: Jordan Cronenweth.
Länge: 117 Min.
Darsteller: Harrison Ford, Rutger Hauer, Sean Young, Daryl Hannah, Edward J. Olmos.
Science-fiction-Film. Ein Polizist mit Spezialauftrag jagt im Jahr 2019 meuternde künstliche Menschen - Replikanten durch ein verregnetes Los Angeles. Der düstere, am „Film noir" der vierziger und fünfziger Jahre orientierte, atmosphärisch dichte SF-Krimi von Kultregisseur Ridley Scott („Alien") setzt neue Genre-Maßstäbe.
Quelle: Adolf Heinzlmeier: Lexikon Filme im Fernsehen. Rasch und Röhring Verlag, Hamburg, 2. erw. Aufl, 1990.
Metzler Filmlexikon: Blade Runner
Blade Runner, 1982 zeitgleich mit Spielbergs E. T. in die Kinos gekommen, war zunächst ein Flop, entwickelte sich aber rasch zu einem Kultfilm, der auch ein intellektuelles Publikum zu faszinieren vermag. Ridley Scotts Zukunftsvision spielt im Los Angeles des Jahres 2019: Der "Blade Runner" Deckard hat die Aufgabe, fünf "Replikanten", die sich unerlaubterweise auf der Erde befinden, zu eliminieren. "Replikanten" sind Androiden, deren Lebenszeit auf vier Jahre begrenzt ist; äußerlich nicht von Menschen zu unterscheiden, verraten sie sich nur in psychologischen Tests. Auf der Jagd nach den Replikanten wird Deckard zunehmend verunsichert; schließlich verliebt er sich in Rachael, die er zugleich als Replikant entlarvt. "Liebst du mich? Vertraust du mir?" fragt er sie, während er den Revolver lädt. Gemeinsam verlassen sie die Wohnung: Deckard flieht mit Rachael in eine unbekannte Zukunft. In der Version von 1982 erscheint Deckard noch als Einzelgänger vom Schlage eines Philip Marlowe oder Sam Spade. Dieser Eindruck soll durch die aus der Schwarzen Serie bekannten Selbstreflexionen des Helden vermittelt werden. Der Schluß - von Anfang an unter den Beteiligten der Produktion umstritten - ist ein schwülstiges Happy End: Das Paar verläßt die Alptraum-Stadt und fährt in eine offene Landschaft; Flugaufnahmen von Wolken und Bergen - Restmaterial von Stanley Kubricks The Shining - sind die letzten Einstellungen. Zehn Jahre nach der Uraufführung kam 1992 eine neue, als "Director´s Cut" ausgegebene Version in die Kinos, die sowohl auf den Off-Kommentar wie das Happy End verzichtet. Die Grenze zwischen Replikant und Mensch verschwimmt hier derart, daß der Schluß möglich ist, Deckard selbst sei ein Replikant: So wie Deckard die Träume kennt, die Rachel implantiert wurden, so sind auch seine Träume dem Polizisten Gaff bekannt. Scott hat eine kurze Traumsequenz Deckards wieder eingefügt und läßt das Ende offen; der Director´s Cut erweist sich nicht nur als die filmisch bessere Version, sondern auch als die einzig logische.
Das Verhältnis von Mensch und Replikant ist in Blade Runner weniger bestimmt vom Frankenstein -Mythos als von der Bibel. Nicht nur Tyrell, in dessen Firma die Replikanten entwickelt werden, trägt Züge des biblischen Schöpfergottes: Die Menschen sind allwissend, ihnen ist die Macht über Leben und Tod ihrer Geschöpfe - ohne moralische Bedenken - gegeben. Entsprechend sind die Replikanten "Söhne" im biblischen Sinn: Batty bezeichnet sich selbst als den verlorenen Sohn; Anspielungen an den Sohn Gottes sind unübersehbar, bis hin zur Durchbohrung der Hand. Gleichzeitig kommt es aber zu einer Auflehnung gegen die gottgegebene Ordnung: Batty tötet Tyrell; Deckard weigert sich, Rachael umzubringen. Gestört wird die Ordnung auch dadurch, daß die Replikanten - getreu dem Firmenmotto von Tyrell - "more human than human" erscheinen und durch emotionales Verhalten überraschen. Dagegen wirken die Menschen kalt und berechnend, geradezu unmenschlich: Ihr Verhalten erscheint mindestens ebenso `programmiert´ wie das ihrer `seelenlosen´ Geschöpfe. Bestürzt beobachtet Deckard an sich selbst, wie aus dem emotionslosen Blade Runner ein liebender Mann wird, der seinen Auftrag verrät, um Rachael zu retten.
Blade Runner, der zahlreiche Filme wie u. a. The Terminator (James Cameron, 1984) beeinflußt hat, ist seinerseits voll von Zitaten und Anspielungen: So greift er Elemente des klassischen Film noir sowie des Thrillers auf. In der Architektur finden sich neben aktuellen Gebäuden aus Los Angeles (Bradbury Building) deutliche Bezüge zu den Bauten von Metropolis. Die Spurensuche mittels Vergrößerung von Bildausschnitten kann als Hommage an Blow-up verstanden werden. Die Fotos selbst erinnern an Gemälde von Edward Hopper. Dekor und Design, die Gestaltung der futuristischen Stadt, aber auch die viele Interpretationen zulassende, ethische Fragen berührende Geschichte haben Blade Runner zu einem der wichtigsten Science-fiction-Filme der achtziger Jahre gemacht.
Michael Dempsey: "Blade Runner". in: Film Quarterly, 1982/83, H.2; Susan Doll/Greg Faller: "Blade Runner and Genre: Film Noir and Science Fiction", in: Literature/Film Quarterly, 1986, H 2; David Dresser: "Blade Runner: Science Fiction and Transcendence", in: Literature/Film Quarterly, 1985, H. 3; Franz Everschor: "Blade Runners europäisches Finale", in: film-dienst, 1993, H.8; Werner Faulstich: "Der neue Science-fiction-Film: Blade Runner" (1983), in: ders./Helmut Kette (Hg.): Fischer Filmgeschichte. Bd. 5. Frankfurt a. M. 1995; Judith B. Kerman: "Retrofitting Blade Runner". Bowling Green 1991; William M. Kolb: "Blade Runner: An Annotated Bibliography", in: Literature/Film Quarterly, 1990, H.1; Rachela Morrison: "Casablanca Meets Star Wars: The Blakean Dialectics of Blade Runner", in: ebd.; Jean-Louis Olive: "Les structures de l´enfermement urbain de Metropolis à Blade Runner", in: Les Cahiers de la Cinématheque, 1986, H.44; Alain Philippon: "Un thriller futuriste", in: Cahiers du Cinéma, 1982, H. 339; Peter Ruppert: "Blade Runner: The Utopian Dialectics of Science Fiction Films", in: Cineaste, 1989, H. 2; Joseph W. Slade: "Romanticizing Cybernetics in Ridley Scott´s Blade Runner", in: Literature/Film Quarterly, 1990, H.1; Frank Schnelle: "Ridley Scott´s Blade Runner". Stuttgart 1994; Helmut Weihsmann: "Blade Runner: Urban Fiction im Genre des Stadtfilms", in: Hans J. Wulff u. a. (Hg.): 2. Film- und Fernsehwissenschaftliches Kolloquium Berlin `89. Münster 1990.
Autor: Stefan Krauss.
Quelle: Michael Töteberg (Hrsg.): Metzler Filmlexikon. J. B. Metzler Verlag, Stuttgart/Weimar 1995.







