Citizen Kane
USA 1940
Regie: Orson Welles.
Kamera: Gregg Toland.
Länge: 120 Min. s/w
Darsteller: Orson Welles, Agnes Moorehead, Joseph Cotten, Ruth Warrick, Everett Sloane, Dorothy Comingore.
Leihmöglichkeit: VHS Video (Nr. 42 50605) / DVD (Nr.46 50055) / engl. VHS Video (Nr. 42 57477) beim LMZ Baden-Württemberg.
Zeitkritische Filmbiographie. Aufstieg und Fall des Zeitungszaren Kane, der äußerlich reich, aber innerlich arm in seinem Prunkschloß "Xanadu" stirbt. Ein epochaler Film als Ausstellung der Filmgeschichte, die an Stilen, Stimmungen, Perspektiven, Tricks, Gegenständen, Charakteren und Dekors alles enthält, was Hollywood bis dahin nur versprach und so komprimiert nicht wieder zeigte.
Quelle: Adolf Heinzlmeier: Lexikon Filme im Fernsehen. Rasch und Röhring Verlag, Hamburg, 2. erw. Aufl, 1990.
Metzler Filmlexikon: Citizen Kane
Nach dem Tod des einflußreichen Zeitungsmagnaten Charles Foster Kane arbeitet ein Wochenschau-Team an einem Porträt des Verstorbenen. Unzufrieden mit dem bisherigen Ergebnis, erinnert der Produktionsleiter an Kanes letztes Wort: "Rosebud". Der Reporter Thompson wird beauftragt, herauszufinden, was es damit auf sich hat - in der Hoffnung, damit einen Schlüssel zum Verständnis für Kanes Leben zu erhalten.
Im Verlauf der Recherche befragt Thompson fünf Zeugen; Rückblenden schildern Etappen aus dem Leben Kanes, so daß sich das Wissen des Zuschauers synchron mit dem des Reporters aufbaut. Mit einer Ausnahme: der Auflösung des vermeintlichen Rätsels in der letzten Einstellung des Films. Beim Verbrennen der Hinterlassenschaften Kanes erscheint auf einem Schlitten der Schriftzug "Rosebud", kurz bevor er von den Flammen verzehrt wird. Mit diesem Schlitten hatte sich der achtjährige Kane gewehrt, als er von seinem Vormund, einem Bankier, von Zuhause weggeholt wurde. Der plötzliche Reichtum der Familie Kane dank der Goldmine eines Schuldners hat seine Kindheit zerstört und scheint verantwortlich zu sein für seine Unfähigkeit zu Liebe und Freundschaft, sein Scheitern in sozialen Beziehungen. Ob dies jedoch wirklich der Schlüssel zu dem Leben des machtbesessenen Mannes ist, wird kurz zuvor von Thompson ausdrücklich in Frage gestellt: "Ich bin nicht der Meinung, daß ein Wort ein ganzes Leben erklären kann. Ich glaube, `Rosebud´ ist bloß ein Stein aus einem Puzzle-Spiel, ein verlorengegangener Stein." Der Zuschauer kennt diesen Stein, doch die geheimnisvolle Faszination wird dadurch nicht aufgehoben. Orson Welles: "Der Sinn des Films liegt nicht in seiner Auflösung des Rätsels, sondern in der Art und Weise seiner Darstellung."
Mit Citizen Kane, dem Debütwerk des 25jährigen, hat Orson Welles Filmgeschichte gemacht. Nach seinem sensationellen Erfolg mit dem Hörspiel The War of the Worlds konnte er bei der Produktionsfirma RKO einen Vertrag durchsetzen, der ihm sämtliche Freiheiten zusicherte. Regisseur, Hauptdarsteller und Coautor in Personalunion, wählte Welles einen brisanten Stoff: Offenkundig hat die Figur Kane in dem Pressezar Randolph Hearst ein reales Vorbild. Hinter den Kulissen versuchte Hearst, den Film und seine Premiere im Kino zu verhindern. Bei der Uraufführung erwies sich Citizen Kane zunächst als kommerzieller Mißerfolg; der einst als Wunderkind Hollywoods gefeierte Welles mußte sich bei allen anderen Filmen später den Restriktionen der Produzenten beugen und hat kaum eine Arbeit vollendet. Erst Jahrzehnte später wurde die Bedeutung von Citizen Kane erkannt: Das Meisterwerk, das einen amerikanischen Mythos zum Thema hat, ist längst selbst zu einem Mythos geworden. Der Film ist ein Puzzlespiel, dessen Teile nicht recht zusammenpassen: Thompson stößt auf subjektive Erinnerungen, die ein widersprüchliches Bild von Kane ergeben. Multiperspektivität bestimmt die Gestaltung und den Aufbau des Films: die fragmentarische Erzählweise in Ellipsen und nicht chronologisch geordneten Rückblenden, die Verwendung der Tiefenschärfe, die raffenden Bildfolgen und kühnen Überblendungen, die ungewöhnlichen Kameraperspektiven. Die Darstellungsweise, die oft manieristisch und eklektizistisch wirkt, legitimiert sich aus der Geschichte: Extreme Auf- und Untersichten machen den Zeitungsmagnaten zu einer hervorgehobenen Gestalt: Kane dominiert immer das Bild. Sein Durchsetzungswille ist so groß, daß er nur noch sich selbst bestätigt; zugleich leidet er unter seinem Versagen, anderen gegenüber frei und offen zu sein. Citizen Kane ist auch die Geschichte eines Scheiterns, begründet in Größenwahn und Allmachtsphantasien. Am Ende haust er einsam in seinem Schloß Xanadu. Orson Welles, seinem Protagonisten in manchen Zügen verwandt, hat diese Biographie eindrucksvoll visualisiert.
"Citizen Kane", in: The Citizen Kane Book. London 1971. (Drehbuch, Filmprotokoll, Materialien). - In: Enno Patalas (Hg.): Spectaculum. Texte moderner Filme. Frankfurt a. M. 1961. (Filmprotokoll)
André Bazin: "Orson Welles". Wetzlar 1980; Frank Brady: "Citizen Welles". New York 1982; Peter Bogdanovich: "Hier spricht Orson Welles". Weinheim, Berlin 1994 (Interview); Robert L. Carringer: "The Making of Citizen Kane". Berkeley 1985; Peter Cowie: "The Cinema of Orson Welles". London 1973; Manfred Etters: "Xanadu revisited", in: film-dienst, 1991, H. 9: Jens Malte Fischer: "Filmwissenschaft - Filmgeschichte". Tübingen 1983; Ronald Gottesuran (Hg.): "Focus on Orson Welles". Englewood Cliffs 1976; Knut Hickethier: "Filmkunst und Filmklassik: Citizen Kane (1941)", in: Werner Faulstich/ Helmut Korte (Hg.): Fischer Filmgeschichte. Bd. 2. Frankfurt a. M. 1991; Ira S. Jaffe: "Film as the Narration of Space: Citizen Kane", in: Literature/ Film Quarterly, 1979, H. 3; Peter W. Japsen/ Wolfram Schütte (Hg.): "Orson Welles". München 1977; James F. Maxfield: "`A Man Like Ourselves´: Citizen Kane as an Aristotelian Tragedy", in: Literature/Film Quarterly, 1986, H. 3; Laura Mulvey: "Citizen Kane". London 1992; Andrew Sarris: "Citizen Kane: The American Baroque", in: Leo Brandy/Morris Dickstein (Hg.): Great Film Directors. New York 1978; Frank Schnelle: "Der erste Streich des Wunderkinds", in: Frankfurter Rundschau, 27.4.1991; Erich von Stroheim: "Citizen Kane", in: Wolfgang Jacobsen u. a. (Hg.): Erich von Stroheim. Berlin 1994; Gregg Toland: "Realism for Citizen Kane", in: American Cinematographer, 1991. H. 8.
Autor: Klaus Bort.
Quelle: Michael Töteberg (Hrsg.): Metzler Filmlexikon. J. B. Metzler Verlag, Stuttgart/Weimar 1995.
111 Meisterwerke des Films: Citizen Kane
Ein Geniestreich, 1962 und 1972 von internationalen Kritikern jeweils zum besten Film aller Zeiten gekürt: Orson Welles' Citizen Kane, das Spielfilmdebüt eines Fünfundzwanzigjährigen, der damit 1941 Filmgeschichte schrieb. Ein Werk, das dem Kino seine erzählerischen Fesseln nahm.
"Rosebud" lautet das mysteriöse letzte Wort des Zeitungszaren Charles Foster Kane (Orson Welles), bevor er auf seinem monströsen Schloß Xanadu stirbt. Diesem Geheimnis möchte der Reporter der Wochenschau "News of the March" auf die Spur kommen. Dazu befragt er die Menschen, die dem legendären Pressemagnaten am nächsten standen: dessen zweite Frau Susan (Dorothy Comingore), eine heruntergekommene Barsängerin, Mr. Bernstein (Everett Sloane), den früheren Chefredakteur, Jedediah Leland (Joseph Cotten), Kanes besten Freund. Nach und nach entsteht ein Bild der Persönlichkeit.
Als Fünfundzwanzigjähriger gelangte Kane in den Besitz eines riesigen Vermögens, mit dem er erst die marode Zeitung "Inquirer" kaufte, zu einem auflagenstarken Sensationsblatt machte und sich dann rastlos in neue Aktivitäten stürzte. Seine Ehe zerbricht darüber, die - wie Leland den Reportern erzählt - endgültig scheitert, als Kane mit der Sängerin Susan Alexander ein Verhältnis eingeht, das von seinem politischen Rivalen an die Öffentlichkeit gebracht wird. Aber auch die Verbindung mit Susan scheitert an Kanes Eigenwilligkeit und dem Egoismus, mit dem er seine Frau in seinem Prunkschloß Xanadu einschloß. Vom Butler Raymond (Paul Stewart) erfährt der Reporter schließlich, daß dem sterbenden Kane eine Schneeglaskugel aus der Hand glitt, wobei er jenes ominöse "Rosebud" murmelte. Während der Reporter das Schloß verläßt, ohne dessen Bedeutung zu kennen, fährt die Kamera auf einen Ofen, in dem allerlei Gerümpel verbrannt wird. Gerade wird ein alter Schlitten hineingeworfen, auf dem "Rosebud" zu lesen ist.
François Truffaut meinte von Citizen Kane, daß dies wohl der Film sei, der die meisten jungen Leute veranlaßt habe, Regisseur zu werden. Unbestritten zählt Citizen Kane zu den Maßstab setzenden Werken der Filmgeschichte - ein ungemein reiches, vielschichtiges Werk, verwirrend wie ein unfertiges Puzzle, ebenso exzentrisch wie poetisch. Orson Welles hatte für seinen Erstlingsfilm völlige künstlerische Freiheit erhalten, im starren Studiosystem der dreißiger und vierziger Jahre eine Ausnahme. Doch RKO, das den Film produzierte, erhoffte sich von dem jungen Welles Wunderdinge. Als Theaterschauspieler und -regisseur genoß er bereits einen guten Ruf, als Rundfunkmacher war er legendär. 1938 hatte seine Reportage über die (fiktive) Landung von Marsmenschen in New York eine Panik verursacht.
Welles' erstes Projekt war die Verfilmung von Joseph Conrads "Heart of Darkness". Dazu experimentierte er mit einer "subjektiven" Kamera, die die Geschichte gewissermaßen mit den Augen der Hauptfigur sehen sollte. Doch das Verfahren erwies sich als undurchführbar. Welles nahm es aber in seinem zweiten Projekt Citizen Kane in abgeänderter Form wieder auf. So ist der Reporter fast nur von hinten zu sehen, schaut ihm die Kamera über die Schulter. Geradezu revolutionär aber sind Erzählweise und Kameraführung. Zwar gab es auch schon 1941 im Hollywood-Kino Ansätze, eine Geschichte nicht mehr chronologisch zu erzählen, doch erst Welles und sein Co-Autor Herman J. Mankiewicz führten einen weitgehenden Bruch mit dieser Tradition herbei.
Dauernd wechselt die Perspektive, werden die jeweiligen Erzähler konterkariert. Sie kennen immer nur Teile des Puzzles Kane, der Zuschauer indes erfährt mehr. Er kennt das Bild als Ganzes und erlebt nun mit, wie es von den Beteiligten nur unvollständig zusammengebracht wird. Angeschnittene Bilder, Einstellungen aus der Froschperspektive, eine an den deutschen Expressionismus erinnernde Lichtsetzung tun das ihre, die Person des Charles Foster Kane in ihrer Größe zu relativieren und ihr Geheimnis zu bewahren.
Innovativ war hierbei der Einsatz von Tiefenschärfe. Wie auf einer Bühne spielt sich das Geschehen mal vorne, mal hinten im Raum ab, ohne daß durch Schnitte Figuren oder Aktionen herausgehoben oder isoliert werden. Das Bild wurde in seiner Unberechenbarkeit zum Spiegel der im Raum agierenden Personen - die Visualisierung der menschlichen Psyche.
Reales Vorbild für die Figur des Charles Foster Kane war der Zeitungszar William Randolph Hearst, der in seinen Blättern den Film heftig angreifen ließ. Eingeschüchtert verzichteten vor allem ländliche Kinobesitzer darauf, Citizen Kane zu spielen, obwohl die Kritik begeistert war. Die enttäuschend schwachen Einspielergebnisse veranlaßten RKO zu einer Vertragsänderung. Seinen nächsten Film, The Magnificent Ambersons, konnte Welles bereits nicht mehr selbst montieren, worauf er bei seinem dritten RKO-Projekt, Journey Into Fear, die Regie einem anderen überließ. Welles' weitere Karriere war fortan bestimmt durch die Beschneidung seiner künstlerischen Freiheit. Mit den Gagen als Schauspieler in anderen Filmen finanzierte er seine eigenen Projekte, etwa die Shakespeare-Verfilmungen Macbeth und Chimes at Midnight. Doch erreichte Welles, der im Oktober 1985 starb, mit keinem seiner anderen Filme mehr die Wirkung und Bedeutung wie mit Citizen Kane, seinem ersten.
Autor: Meinolf Zurhorst.
Quelle: Günter Engelhard/Horst Schäfer/Walter Schorbert in Zusammenarbeit mit der Wochenzeitung 'Rheinischer Merkur/Christ und Welt' (Hrsg.): 111 Meisterwerke des Films. Das Video-Privatmuseum. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt a.M. 1989.
Reclams Filmführer: Orson Welles
Welles, geboren am 6. Mai 1915 in Kenosha (USA) und gestorben am 10. Oktober 1985 in Los Angeles (USA), schockierte und faszinierte schon als Zwanzigjähriger das Publikum mit ungewöhnlichen Theaterinszenierungen. Und nachdem ihm 1938 eine Hörspielfassung von H. G. Wells' "Krieg der Welten" so realistisch geraten war, daß sie eine Massenhysterie auslöste, gab Hollywood dem jungen Mann den wohl großzügigsten Vertrag in der Geschichte der Filmmetropole: Welles sollte jährlich einen Film in absoluter Freiheit drehen. So entstand Citizen Kane (1940). Aber bald gab es doch Meinungsverschiedenheiten, Einsprüche und Eingriffe. Orson Welles verließ 1947 Hollywood und filmte seither in verschiedenen Ländern, wobei man insgesamt dem Schauspieler Welles mehr Chancen bot als dem Regisseur. Seine Inszenierungen entstanden nicht selten durch die Unterstützung von Mäzenen, manche Filme blieben unvollendet, wie etwa sein in Mexiko begonnener Don Quijote.
Welles' erster Film war eine radikale Absage an die damals gültigen ästhetischen Regeln des Films. Er löste die übliche Handlung in Erinnerungsfetzen auf; mit Hilfe der Tiefenschärfe des Bildes, die ein Spiel im Vorder- und Hintergrund ermöglichte, zog er Gegenwart und Vergangenheit stellenweise in einer Szene zusammen; Weitwinkelobjektive verzerrten und verfremdeten die Handlung. Welles hat daraus aber keinen "neuen Stil" entwickelt, den er zum Prinzip erhoben hätte. So wie er sich stets wieder andersartiger Stoffe bemächtigt hat, so hat er sie auch in immer neuen Formen behandelt. Dabei wirken alle seine Filme, in denen er gewöhnlich auch die Hauptrolle spielte, gleichsam überlebensgroß und ganz individuell. Selbst Macbeth und Othello erscheinen weniger als Shakespeare-Adaptionen, sondern als Welles-Filme.
Citizen Kane (Citizen Kane, 1940), It's all true (Es ist alles wahr, Brasilien 1941 - unvollendet), The magnificent Ambersons (Der Glanz des Hauses Amberson, 1942), The stranger (Der Fremde, 1946), The lady from Shanghai (Die Lady von Shanghai, 1947), Macbeth (Macbeth, 1947), Othello (Othello, Marokko 1951), Mr. Arkadin / Confidential report (Herr Satan persönlich, 1955), Touch of evil (Im Zeichen des Bösen, 1957), Le procès (Der Prozeß, Frankreich/BRD/Italien 1962), Compañadas a medianoche (Falstaff, Spanien/Schweiz 1965), Histoire immortelle (Die Stunde der Wahrheit Frankreich 1967), The deep / Dead reckoning (Die Tiefe, 1967-69 unveröffentlicht), The other side of the wind (Die andere Seite des Windes, 1970-72 - unvollendet), Fake? / F for Fake (F wie Fälschung, USA/ Frankreich 1973) u.a.
Quelle: Krusche, Dieter: Reclams Filmführer. Reclam Verlag, Stuttgart, 10. neu bearb. Aufl. 1996.








