Der Zauberer von Oz
Das zauberhafte Land
The Wizard of Oz
USA 1939
Regie: Victor Fleming.
Kamera: Harold Rosson.
Länge: 101 Min. s/w + Farbe
Darsteller: Judy Garland, Ray Bolger, Bert Lahr, Jack Haley, Frank Morgan, Margaret Hamilton.
Leihmöglichkeit: DVD (Nr. 46 50370) beim LMZ Baden-Württemberg.
Die kleine Dorothy gerät im Traum in das farbenprächtige Land Oz und kann mit ihren Weggefährten, einer Vogelscheuche, einem Zinnmann und einem ängstlichen Löwen, zum mächtigen Zauberer vordringen, der ihre Wünsche zwar nicht erfüllen kann, sie jedoch zur Selbsthilfe anleitet. Ein Musical-Klassiker, der einiges an Patina angesetzt hat, heute nur in Einzelszenen gelungen erscheint, aber nach wie vor gute Unterhaltung bietet.
Quelle: Lexikon des internationalen Films. Zweitausendeins, Frankfurt a. M. 2002.
Metzler Filmlexikon: The Wizard of Oz
Dorothy kommt aufgeregt nach Haus: Miss Gulch hat ihren Hund Toto mit dem Stock geschlagen! Doch keiner will ihr zuhören. Tante Em und Onkel Henry sind zu beschäftigt, auch die Farmarbeiter haben keine Zeit für die Sorgen des Mädchens. Sie reißt mit Toto aus, kehrt aber bald wieder um. Plötzlich fegt ein Wirbelsturm über das Land. Dorothy irrt durchs leere Haus, die Farmersleute haben sich im Keller verkrochen. Ein Fensterrahmen wird von einem Windstoß aus den Angeln gehoben und trifft das Mädchen auf den Kopf; sie sinkt auf dem Bett nieder. Das Haus wird vom Sturm in die Luft gewirbelt: Durchs offene Fenster sieht man vorbeifliegen: eine strickende Oma im Lehnstuhl. eine Kuh, zwei Männer im Boot sowie Miss Gulch auf ihrem Fahrrad, die sich in eine Hexe auf dem Besenstiel verwandelt. Nach einer unsanften Landung steht das Haus wieder auf dem Boden. Dorothy öffnet die Tür: Sie betritt ein Wunderland und reibt sich erstaunt die Augen: "Das ist nicht Kansas."
War der Film bislang schwarzweiß, so wird er nun farbig. Knapp 30 Minuten sah man eine unwirkliche Studiolandschaft mit gemalten Prospekten und kargen Requisiten: eine öde Landschaft, dominiert von einem Weg, einem Gatter und einem schmucklosen Farmhaus. Im Zauberland Oz ist alles bunt: eine Ausstattungsrevue, die in Farben schwelgt. Dorothy ist in einem Zwergenstaat gelandet, und dessen putzige Bewohner, die Munchkins, ernennen sie sogleich zur Nationalheldin: Das herunterstürzende Haus hat die böse Hexe getötet. Leider hat sie noch eine Schwester, die Dorothy verfolgt, weil das Mädchen nun die magischen "Ribbon Slippers" trägt. Der geheimnisvolle große Zauberer, meint die gute Hexe Glinda, könnte Dorothy helfen. Das Mädchen macht sich auf den Weg, bald begleitet von drei Freunden, die sich ebenfalls etwas vom Zauberer erhoffen: die mit Stroh gestopfte Vogelscheuche wünscht sich Verstand, der eingerostete Blechmann ein Herz, und dem feigen Löwen fehlt Courage.
Mag sein, daß die Figuren und Motive nicht besonders originell sind - Graham Greene monierte, daß der Film den Vergleich mit "Alice im Wunderland" nicht aushalte und lediglich einen "amerikanischen Vertretertraum vom Ausbrechen darstelle -, aber die Ausführung ist von liebevoller Sorgfalt und technischer Perfektion. Der frühe Technicolor-Film arbeitet mit kräftigen Farben: der gelbe Weg, das rote Mohnfeld, das grüne Smaragdschloß und nicht zuletzt ein Zauberpferd, das von Einstellung zu Einstellung seine Farbe wechselt.
The Wizard of Oz zeugt von dem hohen Produktionsstandard Hollywoods in der Glanzzeit der Studios. Was die beteiligten Künstler im einzelnen zum Film beigetragen haben, läßt sich kaum auseinanderhalten: In den Vorspanntiteln wird als Regisseur einzig Victor Fleming aufgeführt, doch während der ersten Drehtage inszenierte George Cukor, dann übernahm Richard Thorpe für zwei Wochen die Regie. Als Fleming keine Zeit mehr hatte, weil er - wo er wiederum Cukor ablöste - Gone With the Wind inszenieren mußte -, drehte King Vidor die Schlußszenen. Nicht weniger als zehn Autoren haben am Drehbuch mitgeschrieben, nur drei werden in den Credits genannt. Der Dialog und die Liedertexte, gespickt mit lautmalerischen Wortspielen, sind voll absurder Komik. Die Traumfabrik zog alle Register ihres Könnens: Kostüme und Maske, Ausstattung und Choreographie, Farbdramaturgie sowie die Special effects fügen sich zu einem kollektiven Meisterwerk, das keine individuelle Handschrift trägt.
Am Ende holt die Konvention den Film wieder ein: Alles erweist sich als Traum, die Gestalten aus dem Zauberland Oz haben ein Pendant in der Realität von Kansas. "Es ist nirgendwo besser als daheim", so die Schlußapotheose, doch die Sehnsucht nach einem Phantasiereich wird nicht gänzlich zurückgenommen. Die eigentliche Auflösung, das Ende der Abenteuer in Oz, ist für einen Kinderfilm ungewöhnlich nüchtern: Der Zauberer wird entzaubert, er ist nur ein Mensch, der mit billigen Tricks arbeitet. Er weiß, daß alle Menschen genausowenig oder genausoviel Herz, Verstand und Mut haben wie Dorothys drei Wegbegleiter; was ihnen fehlt, ist die gesellschaftliche Anerkennung. Die Vogelscheuche bekommt ein Universitätsdiplom, der Blechmann eine Auszeichnung als Wohltäter und der Löwe einen Heldenorden: Der soziale Status ist entscheidend. Statt Moral serviert der Film, kindgerecht verpackt, soziologische Erkenntnis. Salman Rushdie verweist auf den "lustvollen und beinahe allumfassenden Säkularismus". Mit Dorothy lernen die Zuschauer, daß die Erwachsenen keineswegs allmächtig sind. Rushdie: "Ich brauchte das halbe Leben, um mir darüber klar zu werden, daß die apologia pro vita sua des Großen Oz genausogut auf meinen Vater zutraf - daß auch er ein guter Mensch war, aber ein sehr schlechter Zauberer."
"The Wizard of Oz". Hg. Michael Patrick Hearn. New York 1989. (Filmtext).
Carol Billman: "`I´ve Seen the Movie´: Oz Revisited", in: Literature/Film Quarterly, 1981, H.4; Ray Bolger: "The Wizard of Oz and the Golden Era of the American Musical Film", in: American Cinematographer. 1978, H. 2; L. Carpenter: "`There´s No Place Like Home´: The Wizard of Oz and American Isolationism", in: Film and History, 1985, H. 2; Stephen Cox: "The Munchkins Remember: The Wizard of Oz and Beyond". New York 1989; Graham Greene: "The Pleasure Dome". Oxford 1980; Aljean Harmetz: "The Making of The Wizard of Oz". New York 1984; James Lindroth: "Down the Yellow Brick Road: Two Dorothys and the Journey of Initiation in Dream and Nightmare", in: Literature/Film Quarterly, 1990, H. 3: Doug McClelland: "Down the Yellow Brick Road: The Making of The Wizard of Oz". New York 1989; Salman Rushdie: "The Wizard of Oz". London 1993; ders.: "Weg aus Kansas", in: Cinema, Basel, 1993, Bd. 38.
Autor: Michael Töteberg.
Quelle: Michael Töteberg (Hrsg.): Metzler Filmlexikon. J. B. Metzler Verlag, Stuttgart/Weimar 1995.







