Deutschland im Jahre Null
Germania, anno zero
Italien/Deutschland 1947/48
Regie: Roberto Rossellini.
Kamera: Robert Juillard.
Länge: 70 Min. s/w
Darsteller: Edmund Moeschke, Franz Kruger, Barbara Hintz, Werner Pittschau.
Zeitkritischer Film. Ein Junge im besetzten Nachkriegs-Berlin vergiftet seinen Vater aus schierer Not, nicht aus niederen Motiven. Der neorealistische Film, überwiegend mit Laien vor Ort gedreht, schildert den Mord als Konsequenz eines finsteren Trümmermilieus mit psychologisch sorgfältig herausgearbeiteten Charakteren.
Quelle: Adolf Heinzlmeier: Lexikon Filme im Fernsehen. Rasch und Röhring Verlag, Hamburg, 2. erw. Aufl, 1990.
Metzler Filmlexikon: Germania anno zero
Die deutschen Trümmerfilme benutzten die Ruinen der zerbombten Städte in der Regel, um darauf schwarzweiß gerasterte Erklärungen für all das Elend und die Not zu legen. Einem Italiener blieb es vorbehalten, mit Germania anno zero den beeindruckendsten dieser Nachkriegsfilme zu schaffen.
Berlin, Sommer 1945. Der zwölfjährige Edmund muß seinen schwer kranken Vater unterstützen und die Familie ernähren. Die älteren Geschwister - ein Bruder, der sich "mannhaft" seiner Fahnenflucht schämt, und eine Schwester, die keine Mutter sein kann - scheinen mit der Situation überfordert. Neben seinen Pflichten, denen der Junge voller Ernst nachgeht, lockt ihn ein Mädchen: Edmund macht seine ersten, verwirrenden sexuellen Erfahrungen. Ein ehemaliger Lehrer, der Nazi-Devotionalien an die Amis verscherbelt, beeinflußt ihn mit nietzscheanischen Ideen vom Starken, das überlebt, und dem Schwachen, das zugrundegehen muß. In einem überaus nachvollziehbaren Schritt läßt Rossellini diese Idee, die nun in das Gehirn des Kindes eingepflanzt ist, Edmund in die Tat umsetzen: Er tötet seinen Vater und vollzieht damit noch einmal den Akt der Euthanasie, die doch - und das ist die bittere Ironie des Films und gleichzeitig seine Lehre - dem zusammengebrochenen NS-Regime vorbehalten war. Als der Junge seine Tat dem Lehrer beichtet, nennt dieser ihn ein Monster und schickt ihn fort. Edmund, unschuldig-schuldig, irrt ziellos durch die Straßen; ihm wird bewußt, was er getan hat, und er stürzt sich von einer Ruine in den Tod. Das Kind, das in diesen Zeiten kein Kind mehr sein kann, wählt in vollem Bewußtsein den Freitod. Wie Rossellini diesen Beschluß ins Bild setzt (die Vorverweise, die im Film gegeben werden, wirken so beiläufig, daß der Zuschauer sie zunächst ignoriert), hat Filmgeschichte gemacht. Andre Bazin sprach in diesem Zusammenhang von einem "Realismus nicht des Themas, sondern des Stils" und fragte: "Ist das nicht eine solide Definition des Realismus in der Kunst: den Geist zur Teilnahme zu zwingen, ohne mit Menschen und Dingen zu mogeln?"
Rossellini trieb mit dem größtenteils im Herbst 1947 in Berlin gedrehten und im Jahr darauf in Rom fertiggestellten Film seine Geschichtserforschung der Gegenwart auf die Spitze. In Deutschland wurde der Film abgelehnt. "Rossellini pflückt in diesem Film nicht Blumen von dein Grab einer Nation", schrieb der als amerikanischer Besatzungsoffizier zurückgekehrte Hans Habe, "er erbricht sich in den Sarg." (Süddeutsche Zeitung, 28.9.1949). Erst drei Jahre nach der Uraufführung war der Film in deutschen Kinos sporadisch zu sehen; bis heute scheint Germania, anno zero hierzulande nicht recht rezipiert. In Frankreich dagegen, wo das Projekt gereift war (der Filmtitel geht zurück auf ein Buch des Soziologen Edgar Morin), fand der Film eine begeisterte Aufnahme, besonders bei einer `phänomenologischen´ Kritik, die nach den Erfahrungen mit Filmen jedweder Propaganda zuallererst ihren eigenen Augen trauen wollte.
"Germania, anno zero", in: Roberto Rossellini: La trilogia della guerra. Hg. Renzo Renzi. Bologna 1972. (Drehbuch). - In: ders.: The War Trilogy. New York 1973. (engl. Ausgabe).
Roy Armes: "Patterns of Realism". South Brunswick, London 1971; Amédée Ayfre: "Néo-réalisme et phénoménologie", in: Cahiers du Cinéma, 1957, H. 17; André Bazin: "Filmkritiken als Filmgeschichte". München 1981; Ursula Blättler: "Germania, anno zero", in: Zoom, 1987, H. 18; Peter Bondanella: "Roberto Rossellini". Cambridge (Mass.) 1993; Thomas Brandlineier: "Von Hitler zu Adenauer. Deutsche Trümmerfilme", in: Jürgen Berger u.a. (Red.): Zwischen Gestern und Morgen. Frankfurt a.M. 1989; Carlo Lizzani: "Im zerbombten Berlin", in: Peter W. Jansen/Wolfram Schütte (Hg.): Roberto Rossellini. München 1987; Philippe Niel: "Voyage au centre d´Allemagne année zéro", in: Positif, 1988, H. 331; David Overbey: "Germania, anno zero", in: The Movie, 1980, H. 26; Gianni Rondolino, "Come nacque Germania, anno zero", in: Bianco e nero, 1987, H. 3; Christian Ziewer: "Unter der Oberfläche", in: Hans Helmut Prinzler (Hg.): Das Jahr 1945. Berlin 1990.
Autor: Thomas Meder.
Quelle: Michael Töteberg (Hrsg.): Metzler Filmlexikon. J. B. Metzler Verlag, Stuttgart/Weimar 1995.
Reclams Filmführer: Roberto Rossellini
Rossellini, geboren am 8. Mai 1906 in Rom (Italien) und gestorben ebendort am 3. Juni 1977, kam nach abgebrochenem Studium und Versuchen in verschiedenen Berufen zunächst als Atelierarbeiter und Techniker zum Film. Nach einigen Kurzfilmen drehte er 1941 unter der künstlerischen Oberleitung von Francesco De Robertis seinen ersten Spielfilm, La nave bianca (Das weiße Schiff / Glückliche Heimkehr). Wenige Jahre später machte ihn sein Film Roma città aperta (1944/45) weltberühmt. Rossellini galt als Meister des Neorealismus, der ein völlig neues Verhältnis zur Wirklichkeit im Film brachte. Aber schon in den fünfziger Jahren warfen ihm vor allem italienische Kritiker Verrat an eben diesem Neorealismus vor. Sie gingen dabei von einer engen, theoretischen Definition des Begriffes aus, während Rossellini in einem Interview betont hatte: "Für mich ist Realismus nichts anderes als die künstlerische Form der Wahrheit!" Unterstützung fand Rossellini vor allem bei französischen Kritikern und Kollegen. Jacques Rivette zum Beispiel schrieb über den Film Viaggio in Italia (Liebe ist stärker, 1953), der in Italien ein völliger Mißerfolg war: "Durch das Erscheinen von Viaggio in Italia sind alle Filme plötzlich um zehn Jahre gealtert ..."
Mitte der fünfziger Jahre reiste Rossellini für längere Zeit nach Indien und drehte dort Dokumentarfilme. Nach seiner Rückkehr inszenierte er noch einige Spielfilme, die aber nur geringen Erfolg hatten, da sie den Erwartungen nicht entsprachen, die das Publikum und große Teile der Kritik an seinen Namen knüpften. Rossellini arbeitete daraufhin überwiegend für das Fernsehen, für das er Dokumentarfilme und "szenische Dokumentationen", wie eine Geschichte der Apostel (1968), drehte. Rossellini war stets von der "Wirklichkeit" fasziniert. Dokumentarfilme, semi-dokumentarische Spielfilme und die realistischen Bestandsaufnahmen aus der Nachkriegszeit weisen nachdrücklich darauf hin. Aber "Wirklichkeit" und die "Realität der Wahrheit" hat er auch in Filmen über die Apostel, über den heiligen Franziskus oder den König Ludwig XVI. gesucht. Man hat ihm vorgeworfen, sein Verhältnis zur Wirklichkeit sei unreflektiert und intuitiv; und tatsächlich verzichtet Rossellini häufig auf Analysen und Erklärungen. Er erfaßt statt dessen Tatsachen und Tatbestände subjektiv in ihrer Komplexität und stellt sie dabei gleichsam als Selbstverständlichkeit vor die Zuschauer. Doch dieser Methode gewinnt er oft einen eigentümlichen Reiz ab, sie ermöglicht ihm eine Kongruenz von Sinn und Form, die sowohl künstlerisch als auch moralisch wahrhaftig ist.
La nave bianca (Das weiße Schiff / Glückliche Heimkehr, 1941 - Oberleitung: Francesco De Robertis), Roma città aperta (Rom - offene Stadt, 1944/45), Paisà (Paisa, 1946), L'amore (Amore, 1947/48), Germania, anno zero (Deutschland im Jahre Null, 1947), Stromboli, terra di dio (Stromboli, 1949/50), Francesco, giullare di dio (Franziskus, der Gaukler Gottes, 1950), Europa 51 (Europa 51, 1952), Viaggio in Italia (Liebe ist stärker, 1953), Angst (BRD/Italien 1954), India, matri bhumi (Indien, Mutter Erde, Italien/ Frankreich 1958 - Dokumentarfilm), Il generale della Rovere (Der falsche General, Italien/ Frankreich 1959), Vanina Vanini (Der furchtlose Rebell, Italien/Frankreich 1961), Anima nera (Schwarze Seele, 1961), La prise de pouvoir par Louis XVI. (Die Machtergreifung Ludwigs XVI., Frankreich 1966 - Fernsehproduktion), Anno uno (Das Jahr eins, 1974), Il Messia (Der Messias, Italien/Frankreich 1975-78) u. a.
Quelle: Krusche, Dieter: Reclams Filmführer. Reclam Verlag, Stuttgart, 10. neu bearb. Aufl. 1996.







