Dr. Seltsam oder Wie ich lernte, die Bombe zu lieben
Dr. Strangelove or How I Learned to Stop Worrying and Love the Bomb
Großbritannien 1963
Regie: Stanley Kubrick.
Kamera: Gilbert Taylor.
Länge: 89 Min. s/w
Darsteller: Peter Sellers, George C. Scott, Sterling Hayden, Keenan Wynn, Slim Pickens, Peter Bull.
Zeitkritische Groteske. Der nordamerikanische General Jack D. Ripper löst, um einem eingebildeten Sowjetangriff zuvorzukommen, den Atomkrieg aus. Eine Rettungsaktion - theoretisch unmöglich - hat nur beinah Erfolg. Kubrick ("Clockwork Orange") nutzt die Story zu mehr als einem Film-Leitartikel über das Weltende. Auf das Kontrastprogramm zum herkömmlichen Umgang mit der Katastrophe kam es ihm an. So entstand eine Groteske, die schwarz ist wie der Aschenregen nach dem Super-GAU.
Quelle: Adolf Heinzlmeier: Lexikon Filme im Fernsehen. Rasch und Röhring Verlag, Hamburg, 2. erw. Aufl, 1990.
Metzler Filmlexikon: Dr. Strangelove
Mitten im Kalten Krieg, kurz nach der Kuba-Krise, drehte Stanley Kubrick eine schrille Satire auf die Strategie der atomaren Abschreckung und Sicherheitsmechanismen wie das `rote Telefon´, mit dem ein Atomschlag aufgrund eines Mißverständnisses ausgeschlossen werden sollte. Dr. Strangelove ist eine provozierende Attacke auf die militärische Doktrin der Supermächte und löste entsprechende Reaktionen aus: Als destruktiv und gefährlich wertete z.B. die "New York Times" den Film. Ein englischer Kritiker, mit schwarzem Humor mehr vertraut, charakterisierte Dr. Strangelove als "Jux-Zigarre, die einem ins Gesicht hinein explodiert". General Jack D. Ripper, von abstrusen Wahnvorstellungen besessen, hat seiner Staffel, die sich im Luftraum rund um die Sowjetunion bewegt, den Angriffsbefehl gegeben und gleichzeitig seine Air Base in Burpleson von der Außenwelt vollkommen isoliert. Der Abbruch der Kommunikation prägt auch die Situation an den beiden anderen Handlungsorten des Films: Ein Funkkontakt zum Bomber von Major "King" Kong ist durch die nahe Explosion einer Abwehrrakete unmöglich, so daß der Pilot den Rückholcode nicht empfangen kann; im "War Room" des Pentagon, in dem die Krisensitzung abgehalten wird, kann der amerikanische Präsident Muffley zwar über den heißen Draht mit dem sowjetischen Ministerpräsidenten Kissoff telefonieren, doch zu den Gefahrenherden in den eigenen Reihen besteht keine Verbindung.
Die Konstellation und die Dramaturgie folgen dem Thriller-Modell: Ein verrückter Einzeltäter - Ripper glaubt, daß die kommunistische Weltverschwörung durch Fluoridation des Wassers die Körpersäfte der Menschen der freien Welt vergiftet - hat sich in seinem Lager verschanzt. Durch Einsatz von Truppen wird die Air Base erobert. Die Uhr tickt, denn die Sowjetunion verfügt über eine noch unbekannte Weltvernichtungsmaschine, die bei einem Bombenangriff automatisch ausgelöst wird und die Welt für 93 Jahre in atomaren Nebel hüllt. Nachdem der Rückholcode endlich geknackt ist, drehen die Bomber ab - bis auf einen: Der treue Patriot Kong versucht, unter allen Umständen seine Bombe loszuwerden, auch wenn das ursprüngliche Ziel wegen des lecken Tanks nicht erreicht werden kann, auch wenn er die Bombenluken, deren Elektronik zerstört ist, mit der Hand öffnen muß. Kubrick kehrt die übliche Suspense-Dramaturgie um: Erfolg bedeutet hier nicht Rettung, sondern Vernichtung.
Sexuelle Anspielungen ziehen sich durch den gesamten Film, sei es die Namensgebung der Hauptfiguren oder die gehäufte phallische Symbolik. Krieg erscheint als Ersatzbefriedigung, Sexualität ist verschoben auf Maschinen, die den Tod verheißen. Eine "Erektion" besonderer Art ist beim Auftritt Dr. Strangeloves - bei der Übersetzung Dr. Seltsam geht der sexuelle Beiklang verloren, wie überhaupt die deutsche Synchronisation stark kritisiert worden ist - zu beobachten, als er über die Rettung der Menschengattung nach dem Atomkrieg durch gezielte Vermehrung der Besten und Gesündesten in Bergwerksstollen doziert: Gegen seinen Willen reckt sich sein rechter Arm immer wieder zum Hitlergruß. Die Figur steht für viele NS-Forscher, die ihre Arbeit it den USA nahtlos fortführen konnten; Wernher von Braun ist nur das bekannteste Beispiel. Strangelove ist als Figur nicht so zentral, wie es der Filmtitel suggeriert, doch er verkörpert die These des Films: Die militärische Logik mündet in der Unmenschlichkeit faschistischer Vernichtungsstrategien und Zerstörungsphantasien.
Kubrick setzt auf drastische Komik und übersteigerte Mimik; er spielt mit Genre-Stereotypen und scheu auch nicht vor Slapstick-Einlagen zurück. Die Tortenschlacht, die dem finalen Atomschlag am Ende unmittelbar vorausging, hat Kubrick bei der Endfertigung jedoch wieder eliminiert: Bei aller Absurdität geht es ihm doch immer auch um die Glaubwürdigkeit seiner apokalyptischen Vision. Peter Sellers, in gleich drei Rollen präsent, trug mit seinem Improvisationstalent wesentlich zum grotesken Charakter des Films bei, der sich bewußt in die Tradition der Swiftschen Satire stellt. Das futuristische Dekor des War Rooms, wo Amerikas Entscheidungsträger wie um einen riesigen Spieltisch sitzen, steht in Kontrast zu den mit dokumentarischem Gestus gedrehten Szenen auf dem Luftwaffenstützpunkt Burpleson. Während sich die amerikanischen Truppen auf der Air Base gegenseitig abschlachten, ist ein großes Plakat mit dem Slogan "Peace is our Profession" zu sehen; seichte Schlagermusik erklingt als ironischer Kommentar zur Detonation der Bombe. Der Film treibt mit Entsetzen Scherz: Dr. Strangelove ist eine "Alptraum-Komödie" (Kubrick).
"Dr. Seltsam oder wie ich lernte, die Bombe zu lieben", in: Film, Velber, 1964, H. 8. (Filmtext).
Peter Basler: "The One Woman", in: Wide Angle, 1984, H. 1; Michel Ciment: "Kubrick". München 1982; Jürgen Berger (Hg.): "Production Design: Ken Adam". München 1994; Peter W Jansen/Wolfram Schütte (Hg.): "Stanley Kubrick". München 1984; Robert Lamm: "`Can We Laugh at God?´ Apocalyptic Comedy in Film", in: Journal of Popular Film and Television, 1991, H. 3; Kay Kirchmann: "Stanley Kubrick. Das Schweigen der Bilder". Marburg 1993; Charles Maland: "Wie ich lernte, die Bombe zu lieben", in: Film und Fernsehen, 1988, H. 6 u. 7; Sergio Tofetti: "Stanley Kubrick". Berlin 1979; Alexander Walker: "Stanley Kubrick Directs". New York 1971; Gary K. Wolfe: "Dr. Strangelove, `Red Alert´, and Patterns of Paranoia in the 1950s", in: Journal of Popular Film, 1976, H. 1.
Autor: Tim Darmstädter
Quelle: Michael Töteberg (Hrsg.): Metzler Filmlexikon. J. B. Metzler Verlag, Stuttgart/Weimar 1995.
Reclams Filmführer: Stanley Kubrick
Kubrick, geboren am 26. Juli 1928 in New York (USA), verkaufte im Alter von 14 Jahren ein Foto an die Zeitschrift "Look", wurde mit 17 von der gleichen Zeitschrift fest angestellt und war mit 21 ein bekannter und erfolgreicher Fotograf. Dann begann er, sich für den Film zu interessieren. Nach zwei Kurzfilmen (Day of the fight - Der Tag des Kampfes, 1949; Flying padre - Der fliegende Priester, 1951) drehte er zwischen 1953 und 1956 drei Filme, bei denen er jeweils sein eigener Produzent, Autor, Regisseur und Kameramann war. Im Kino waren diese Filme nicht sonderlich erfolgreich; aber die Kritiken waren doch so positiv, daß Hollywood Kubrick 1957 die Chance gab, den Film Paths of glory zu drehen, der ihn berühmt machte. In den sechziger Jahren übersiedelte Kubrick nach England. Kubricks Filme sind stets kritisch engagiert - gegen die Macht des Geldes, gegen den Krieg, gegen die Allmacht des Staates, gegen die Atombombe usw. Während er aber in seinen früheren Filmen das Publikum durch krassen und oft brutalen Realismus überzeugen wollte, bediente er sich später vieldeutigerer, mit Vorliebe satirischer Mittel. In seinem Film Dr. Strangelove, or: How I learned to stop worrying and love the bomb zum Beispiel geriet ihm die Vision eines Atomkriegs zum höhnischen Spektakelstück, das den Wahnwitz der Situation gerade in der Übersteigerung einer absurden Komödie deutlich machte. Und Hohn spürte man auch, wenn in 2001: A space odyssey turbulente "Action"-Szenen von einem Wiener Walzer untermalt werden, wenn in A clockwork orange Beethovens 9. Symphonie KZ-Bilder illustriert. Diese giftigen Attacken werden eingebettet in ein wahres Furioso von Motiven und Bildern, die viele seiner Filme als den verzweifelten Kampf eines Moralisten gegen das Böse in all seinen Erscheinungsformen erscheinen lassen. Es gibt keinen positiven Bezugspunkt in der Wirklichkeit mehr, nur das absurd makabre Bild einer total aus den Fugen geratenen Welt. Und diese Absurdität spürt man auch in einem Film wie Barry Lyndon, der die absolute Amoralität seines Helden in einer heillosen Zeit in Bildern von betörender Schönheit schildert.
Fear and desire (Furcht und Begierde, 1953), Killer's kiss (Der Tiger von New York, 1954), The killing (Die Rechnung ging nicht auf, 1956), Paths of glory (Wege zum Ruhm, 1957), Spartacus (Spartacus, 1959), Lolita (Lolita, England 1961), Dr. Strangelove, or: How I learned to stop worrying and love the bomb (Dr. Seltsam oder Wie ich lernte, die Bombe zu lieben, England 1963), 2001: A space odyssey (2001: Odyssee im Weltraum, England/USA 1965-68), A clockwork orange (Uhrwerk Orange, England 1970/1971), Barry Lyndon (Barry Lyndon, England 1974), The shining (Shining, England 1979), Full metal jacket (Full Metal Jacket, USA/England 1987) u.a.
Quelle: Krusche, Dieter: Reclams Filmführer. Reclam Verlag, Stuttgart, 10. neu bearb. Aufl. 1996.







