Gangsta-Rap trifft Pädagogik
Videos und Musik aus der Gangsta-Rap-Szene schockieren Erwachsene oft durch extrem sexistische, gewaltverherrlichende, rassistische und homophobe Texte. Viele Jugendliche sind dagegen von den Gangsta-Rappern und ihren drastischen Songs fasziniert. Die Aktion Jugendschutz veranstaltete am 21. Oktober 2008 eine Tagung mit dem Titel "Gangsta-Rap trifft Pädagogik". Dort wurde ein sehr differenziertes Bild von Hip-Hop und Gangsta-Rap vermittelt und davon, was vor allem Jungs an der Musik begeistert. Zudem wurde intensiv darüber diskutiert, welche Umgangsweisen und Anknüpfungspunkte sich für die pädagogische Arbeit in der Schule oder in der Jugendarbeit ergeben können.
Zwischen Aufbegehren und Spaß: HipHop und Gangsta-Rap
Hannes Loh und Murat Güngör möchten den Blick auf Hip-Hop und Gangsta-Rap weiten und deutlich machen, dass der bürgerlich-moralische Diskurs, der momentan die Diskussion um diese Musik dominiert, nur eine mögliche Betrachtungsweise ist.
Eine sozialräumliche Perspektive verdeutlichen sie am Beispiel zweier Musikvideos von Sido und Azad, die beide "Mein Block" heißen. Soziale Brennpunkte wie das Märkische Viertel erfahren durch solche Songs eine neue positive Wertung und sind mittlerweile für Jugendliche zu einem attraktiven und spannenden Viertel im Sinne einer Touristenattraktion geworden. Eine weitere Betrachtungsweise ist der Demokratisierungsaspekt, denn Gangsta-Rap ist für viele die einzige Möglichkeit, in dieser Gesellschaft eine eigene Stimme zu entwickeln. Am Beispiel von Massivs "Ghettolied" und seiner Inszenierung von Männlichkeit werden auch Geschlechterfragen thematisiert.
Gangsta-Rap zwischen Aufbegehren und Spaß (mp3, 21 MB)
Hannes Loh ist Lehrer für Deutsch und Geschichte in Pulheim und war Rapper bei der Politrapgruppe "Anarchist Academy".
Murat Güngor studierte Kulturanthropologie, Soziologie und Politik, war als Rapper sowie Musikproduzent aktiv und ist freier Jugendbildungsreferent in der politischen Bildungsarbeit.
Streetwork supports Gangsta-Rap
Uwe Buchholz schildert seine Erfahrungen als Streetworker mit der Hip-Hop-Szene in Karlsruhe. Grundlage für diese Arbeit ist eine akzeptierende Haltung gegenüber den Jugendlichen und ihrer Kultur. Hip-Hop ermöglicht es jungen Leuten, unhabhängig von ihrem Bildungsgrad, etwas leisten zu können und sich selbst zu verwirklichen. Gleichzeitig bietet sich gerade der Gangsta-Rap zur jugendtypischen Provokation an, mit der sich Jugendliche abgrenzen und ihre eigene Identität finden können. Nicht zuletzt ist die Musik eine Möglichkeit, Gefühle auszudrücken und kann auf diese Weise auch als pädagogisches Mittel gesehen werden.
Streetwork supports Gangsta-Rap (mp3, 13 MB)
Uwe Buchholz ist Streetworker in Karlsruhe und hat dort den Verein Farbschall e.V. zur Förderung der Hip-Hop-Kultur gegründet.
Die Jungs und die Maske - Was Jungs an deutschem Gangsta-Rap fasziniert
Michael Herschelmann arbeitet in der Prävention sexueller Gewalt und betrachtet deshalb das Thema aus einer Kinderschutz- und Genderperspektive. Er hat Umfragen und Interviews an Schulen durchgeführt, um herauszufinden, wie viele Jugendliche diese Musik hören und was ihnen daran gefällt. Er geht davon aus, dass Rapper eine Projektionsfläche für latente Wünsche, Gefühle und Ängste von Jungs bieten. "Die Interpreten scheinen all das zu haben, was die Jungen sich wünschen: Anerkennung, Respekt, Geld, Frauen, Sex". Im Gangsta-Rap wird ein starres Bild von Männlichkeit wie eine Maskerade konstruiert, die von Jungs gleichzeitig zur Selbstdarstellung und zur Selbstverleugnung genutzt wird. Für einen Teil der Jugendlichen, die spezielle Erfahrungen, biografische Hintergründe und Problemlagen haben, sieht er jedoch ein gewisses Gefährdungspotenzial.
Was Jungs an Gangsta-Rap fasziniert (mp3, 20 MB)
Michael Herschelmann ist Diplom-Pädagoge und arbeitet am Kinderschutz-Zentrum Oldenburg.
Weitere Informationen
Weitere Informationen zur Tagung gibt es bei der Aktion Jugendschutz.
Literaturtipps
Lisa von Hilgers:
Gangster Rap medienpädagogisch betrachtet
Klaus Neumann-Braun/ Lothar Mikos:
Bedeutung und Funktion von Gewaltdarstellungen in Musikvideos
Klaus Neumann-Braun/ Lothar Mikos:
Musikvideos und ihre Wirkungen auf ZuschauerInnen
Klaus Neumann-Braun/ Lothar Mikos:
Geschlechterpräsentation in Musikvideos
Dietmar Hüser:
Hip-Hop und Rap in Frankreich













Kommentare
Auf der Seite www.lizzynet.de/dyn/83537.php gibt es auch einen intersssanten Artikel dazu aus Mädchensicht:
Sex und Gewalt in deutschen Rap-Texten
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