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Goldrausch

Charlie Chaplin in "Goldrausch"

The Gold Rush

USA 1924

Regie: Charles Chaplin.

Kamera: Roland H. Totheroh.

Länge: 74 Min. s/w

Darsteller: Charles Chaplin, Mack Swain, Tom Murray, Georgia Hale.

 

Leihmöglichkeit: VHS Video (Nr. 42 50387) beim LMZ Baden-Württemberg.

 

Slapstickkomödie. Tramp Charlie erlebt als Goldsucher in der eisigen Winterlandschaft des Klondike absurde, haarsträubende Abenteuer in weltberühmten Szenen (u. a.: Der ausgehungerte Charlie versucht seinen alten Schuh zu verspeisen; Charlie zappelt mit der Blockhütte über dem Abgrund). Kommentar zum amerikanischen Mythos vom Reichtum; ein Kinoklassiker, von Chaplin 1942 mit Text und Musik versehen.

 

Quelle: Adolf Heinzlmeier: Lexikon Filme im Fernsehen. Rasch und Röhring Verlag, Hamburg, 2. erw. Aufl, 1990.

 

 

Metzler Filmlexikon: Goldrausch

The Gold Rush ist Chaplins populärster Film. Vor allem die berühmten Slapstickszenen bleiben dem Publikum im Gedächtnis: das Schuh-Dinner, bei dem der Tramp und Big Jim ein wesentliches Bekleidungsstück des Tramps verspeisen. Wie Chaplin dabei den Schuhnagel fein säuberlich abnagt wie einen Knochen, galt schon Alfred Polgar als "Witz ganz anderer, um eine Schraubenwindung höherer Art" ("Das Tagebuch", 27.2.1926). Daneben funkeln weitere Einfälle: Chaplin als Huhn, das sein Kumpel Big Jim im Hungerwahn schlachten will; die Hütte über dem Abgrund und vor allem der Brötchentanz, vielleicht die graziöseste Szene, die Chaplin je gespielt hat. Kurt Tucholsky überschrieb sogar seine Kritik "Der Brötchentanz" ("Vossische Zeitung", 25.12.1925) und schwärmte von der "schlumpige(n) Grazie diese(s) Spitzentanz(es) in Lumpen". Über diesen Szenen darf man nicht übersehen, daß Chaplin in diesem Film der Trampfigur eine wesentlich tiefere Dimension gibt als früher. Alle Slapsticks sind aus tragischen und existentiell bedrohlichen Situationen heraus entwickelt: Lebensgefahr, Hunger, Einsamkeit. Der Tramp wird noch eindeutiger als Außenseiter der Gesellschaft gekennzeichnet. Der einsame Goldsucher steht selbst am Silvesterabend beim traditionellen "Auld lang syne" draußen allein in der Kälte.

 

Zu der Geschichte dieses Films wurde Chaplin angeregt durch die Lektüre eines Buches über die Donner-Expedition, bei der viele Mitglieder in Schnee und Eis umkamen; bei ihm wird die Goldsuche zur Metapher für die vergebliche Jagd nach dem Glück und für die nur an materiellen Werten orientierte Gesellschaft. Wirkliche menschliche Zuwendung erlebt der Tramp nur einmal von Hank Curtis, und dessen Mitleid hat er sich erschwindelt durch die vorgetäuschte Ohnmacht. Freundschaft und Liebe bleiben ihm verwehrt, auch sein Verhältnis zu Big Jim ist eine Not- und Zweckgemeinschaft: Der Tramp wird von seinem Partner als Arbeitstier ausgenutzt. Die sozialkritischen Tendenzen des Films sind nicht zu übersehen.

 

So ist das Happy End des Films im Wortsinn erkauft, denn der Tramp gelangt zu gesellschaftlichem Ansehen und zu seiner geliebten Georgia erst als Millionär. Doch büßt er dafür seine Identität ein, er ist nur noch Big Jims Partner - und bleibt selber namenlos. Der plötzliche Reichtum, der einem unwahrscheinlichen Zufall zu verdanken ist und die hektische Vermarktung der märchenhaften Erfolgsstory, setzen außerdem deutlich ironische Akzente. Georgia, die sich mit ihren Freundinnen stets über den komischen kleinen Mann lustig gemacht hat, hätte ihn kaum genommen, wenn er der arme Schlucker geblieben wäre. Immerhin hat sie, die sich als Tanzgirl verkaufen muß - bei Chaplin ein Synonym für Prostitution - noch Reste echten Gefühls bewahrt. In der Tonfassung hat Chaplin 1942 das Ende gekürzt und den langen Kuß geschnitten, so daß das gemeinsame Glück nur kurz angedeutet wird. Der Film, der ca. eine Million Dollar kostete und mehr als sechs Millionen Dollar einspielte, wurde ein weltweiter Erfolg. Auch in Deutschland wurde der Film begeistert gefeiert: "Der allerschönste Film der Welt, der aller-, allerschönste Film, der jemals gemacht worden ist", schwärmte Willy Haas im "Film-Kurier" (18.2.1926), und der Chefredakteur dieser Zeitung, Hans Feld, hat berichtet, daß bei der Berliner Premiere sich etwas Einmaliges ereignete: Das wild klatschende Publikum erzwang ein da capo des Brötchentanzes während der Vorstellung.

 

"The Gold Rush", in: Cinema, 1968, H. 2. Hg. Timothy J. Lyons. (Filmprotokoll).

Noël Carroll: "The Gold Rush", in: Wide Angle, 1979/80, H. 2; Willy Haas: "Goldrausch", in: ders.: Der Kritiker als Mitproduzent. Berlin 1991; Timothy J. Lyons: "The Idea in The Gold Rush: A Study of Chaplin's Use of the Comic Technique of Pathos Humor", in: Donald W. McCaffrey (Hg.): Focus on Chaplin. Englewood Cliffs 1971; Gerald Mast: "A Comparison of The Gold Rush and The General", in: ebd.; Jennifer E. Michaels: "Chaplin and Brecht: The Gold Rush and The Rise and Fall of the City of Mahagonny", in: Literature/Film Quarterly, 1980, H. 3; William Paul: "The Gold Rush", in: Film Comment, 1972, H. B.

 

Autor: Helmut G. Asper

Quelle: Michael Töteberg (Hrsg.): Metzler Filmlexikon. J. B. Metzler Verlag, Stuttgart/Weimar 1995.

 

Reclams Filmführer: Charles Spencer Chaplin

Chaplin, geboren am 16. April 1889 in London (England) und gestorben am 25. Dezember 1977 in Vevey (Schweiz), war das Kind armer Varieté-Künstler und trat bereits mit sechs Jahren in kleinen Tanznummern öffentlich auf. Mit der Truppe des Pantomimen Fred Karno machte er 1910 und 1912/13 Tourneen durch die USA. Während der zweiten Tournee wurde er von Mack Sennett entdeckt und für die "Keystone" verpflichtet. Hier entwickelte er allmählich das Kostüm und die Maske, die später weltberühmt wurden. Nach etwa 35 Filmen für Sennett wechselte er 1915 zur "Essanay" und 1916 zur "Mutual" über. 1919 war er bereits Mitbegründer der "United Artists"; und in den zwanziger Jahren wurde er gleichsam ein ungekrönter König des Films, der es sich leisten konnte, an neuen Projekten monate-, ja jahrelang zu arbeiten. Als einer der wenigen Stummfilm-Komiker überstand er auch die Einführung des Tonfilms, allerdings verzichtete er später auf die Figur des "Tramps", die ihn berühmt gemacht hatte. Nach dem Zweiten Weltkrieg führten sein Privatleben und sein politisches Engagement in den USA zu Pressekampagnen gegen ihn. Man warf ihm "unamerikanisches Verhalten" vor; und während einer Europareise Chaplins im Jahr 1952 erklärte der US-Justizminister, Chaplin, der immer noch englischer Staatsbürger war, werde nicht die Genehmigung zur Rückkehr erhalten. Seither lebte Chaplin in der Schweiz.

 

"Charlie", der kleine Mann mit dem Habitus des Heruntergekommenen, der auf teils lächerliche, teils rührende Weise einen Rest von Würde bewahren will, ist wohl die bekannteste Figur der Filmgeschichte. Louis Delluc verglich seinen Schöpfer mit Molière, Élie Faure stellte ihn neben Shakespeare. Das Wort "chaplinesk" ist in viele Sprachen eingegangen. Es bezeichnet einen hintergründigen Humor, in dem Melancholie und das Wissen um die Mängel dieser Welt mitschwingen. Und es bezieht sich auf die Figur des Tramps, der leidet, der sich gegen die Ungerechtigkeit engagiert, der aber auch bereit ist zu kämpfen, um zu überleben. Die Entwicklung dieser Figur, ihre darstellerische Ausprägung und die Erfindung ihrer Abenteuer sind zweifellos das größte Verdienst Chaplins. Der Autor und Schriftsteller überragt noch den Regisseur, der stets mehr vor als mit der Kamera gestaltete. So hat Chaplin auch keine Schüler und Nachahmer gefunden; denn das wesentlichste Moment seiner Wirkung, die Figur des Tramps "Charlie", ist sicherlich unnachahmlich.

 

1913/14: rund 35 Filme für die "Keystone"; 1915: 14 Filme für die "Essanay"; 1916: 11 Filme für die "Mutual".

The tramp (Der Tramp, 1915), The fireman (Der Feuerwehrmann, 1916), The vagabond (Der Vagabund, 1916), One a. m. (Ein Uhr nachts, 1916), Easy street (Easy street, 1917), The immigrant (Der Einwanderer, 1917), A dog's life (Ein Hundeleben, 1918), Shoulder arms (Gewehr über, 1918), The kid (Das Kind / Der Vagabund und das Kind, 1920), Pay day (Zahltag, 1922), The pilgrim (Der Pilger, 1922/23), A woman of Paris (Die Nächte einer schönen Frau / Eine Frau in Paris, 1922/23), The gold rush (Goldrausch, 1925), The circus (Circus, 1926/27), City lights (Lichter der Großstadt, 1930), Modern times (Moderne Zeiten, 1932-35), The great dictator (Der große Diktator, 1938-40), Monsieur Verdoux (Monsieur Verdoux / Der Heiratsschwindler von Paris, 1944-46), Limelight (Rampenlicht, 1952), A king in New York (Ein König in New York, England 1957), The countess of Hongkong (Die Gräfin von Hongkong, England 1965) u. a.

 

Quelle: Krusche, Dieter: Reclams Filmführer. Reclam Verlag, Stuttgart, 10. neu bearb. Aufl. 1996.