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M - Eine Stadt sucht einen Mörder

M - eine Stadt sucht einen Mörder

Deutschland 1931

Regie: Fritz Lang.

Kamera: Fritz Arno Wagner.

Länge: 98 Min. s/w

Darsteller: Peter Lorre, Ellen Widmann, Inge Landgut, Otto Wernicke, Gustaf Gründgens, Paul Kemp, Theo Lingen.

 

Leihmöglichkeit: 16mm Film (Nr. 32 51598) / VHS Video (Nr. 42 50318) beim LMZ Baden-Württemberg.

 

Kinoklassiker. Der Kriminalfall aus dem Berliner Alltag von 1930 - ein Triebtäter versetzt eine Stadt in Aufruhr. Peter Lorre ist der Mann mit dem Kindergesicht und den Luftballons: Seine herausragende Darstellung des Sexualpathologen, der gleichermaßen Mitleid und Empörung hervorruft, machte ihn berühmt. Ein Zeitdokument voller Zeichen und Symbole.

 

Quelle: Adolf Heinzlmeier: Lexikon Filme im Fernsehen. Rasch und Röhring Verlag, Hamburg, 2. erw. Aufl, 1990.

Metzler Filmlexikon: M.

M beginnt mit einer Schwarzblende, im Off spricht ein Mädchen einen Abzählvers: "Warte, warte nur ein Weilchen, bald kommt der schwarze Mann zu dir ..." Das Bild blendet auf: eine Gruppe spielender Kinder, eine Hausfrau bei der Arbeit, ein kleines Mädchen auf dem Heimweg. Sie läßt ihren Ball gegen die Litfaßsäule springen. Die Kamera schwenkt hoch und erfaßt ein Plakat: 10.000 Mark Belohnung sind für die Ergreifung des Kindermörders ausgesetzt. Darüber schiebt sich der Schatten eines Mannes, der das Mädchen anspricht. Während die Frau das Mittagessen vorbereitet, kauft der Mann dem Kind einen Luftballon und pfeift dabei ein Motiv aus "Peer Gynt". Die folgenden Einstellungen zeigen die wartende Mutter und ihre wachsende Unruhe. Man sieht das leere Treppenhaus, den leeren Dachboden, den leeren Platz am Küchentisch. Der Ball des Mädchens rollt langsam aus dem Gebüsch, der Luftballon verfängt sich an einem Telegrafenmast. Der Mörder hat ein neues Opfer gefunden. Nach seinen statischen Monumentalfilmen, die ihn zuletzt auch künstlerisch in eine Sackgasse geführt hatten, wandte sich Lang wieder der Realität zu: M griff auf Tatsachenberichte zurück, der Arbeit am Drehbuch gingen Recherchen im Milieu voraus. Langs erster Tonfilm war sogleich ein Bravourstück, in dem die neuen Möglichkeiten dramaturgisch geschickt eingesetzt wurden: Lang zeigt keinen einzigen Mord, ihm genügt das gepfiffene Grieg-Motiv, um Thriller-Spannung zu erzeugen. Einmal zeichnet er subjektive Hör-Erlebnisse nach: Als sich der blinde Bettler die Ohren zuhält, verstummt der Ton; erst als er die Hände wieder von den Ohren nimmt, hört man wieder das Motiv aus "Peer Gynt". Da weiß der Blinde, daß er den Mörder vor sich hat und kennzeichnet ihn, indem er ihm mit Kreide ein M auf den Rücken malt.

 

Die fieberhafte Suche der Polizei hat die Unterwelt aufgescheucht; die im Ringverein organisierten Kriminellen, unterstützt von den Bettlern und Huren, nehmen ihrerseits die Jagd nach dem Mörder auf. Streckenweise wird M zur "Film-Reportage" (Lang), die Denunziantentum und Massenhysterie ebenso einfängt wie die akribische Ermittlungsarbeit. Solche Bildsequenzen werden funktional verzahnt durch den überlappenden Ton. Höhepunkt ist eine Parallelmontage: Bei ihrer Lagebesprechung werden die beiden konkurrierenden Organisationen, Ringverein und Polizei, ineinander geschnitten und der Montage ein Gesamtdialog unterlegt: Ein Ganove, der Schränker, beginnt einen Satz, nach dem Schnitt setzt ihn der Polizeipräsident fort. Gleiche Gesten und die gleiche Kameraposition unterstreichen die Identität zwischen Verbrechersyndikat und Staatsorgan: Ordnungsmächte sind sie beide.

 

Gefaßt wird der Mörder von den Kriminellen, die über ihn Gericht halten. Für Triebtäter kennen sie keine Gnade: Der Schränker fordert die Todesstrafe. Verzweifelt schildert der Mörder, daß er unter Zwang handelte. Im letzten Moment erscheint die Polizei und verhindert die Lynchjustiz. Bei der Uraufführung wurde noch die ordentliche Gerichtsverhandlung gezeigt; diese Szene wurde später entfernt. Übrig blieb der Satz einer Mutter aus dem Off: "Man muß halt besser uffpassen uff de Kleenen!" Der Schluß wurde als unbefriedigend empfunden, die zeitgenössische Presse warf Lang "Bekenntnisfeigheit" vor. M ist kein Tendenzfilm für oder wider die Todesstrafe, sondern setzt den Zuschauer widersprüchlichen Emotionen und Ängsten aus. Lang hatte bewußt das scheußlichste Verbrechen, Kindermord, gewählt, doch zeigt er den Mörder nicht als "Bestie" - so bezeichnet ihn nur der Schränker, der wegen dreifachen Totschlags gesucht wird. Peter Lorre zeichnet den Täter als Opfer: Er ist kein Monster, sondern dick und verweichlicht, ein kleiner Mann mit rundem Kindergesicht.

 

"M". Hg. Gero Gandert/Ulrich Gregor. Hamburg 1963. (Filmprotokoll, Materialien).

Joseph S.M J. Chang: "M: A Reconsideration", in: Literature/Film Quarterly, 1979, H. 4; Roger Dadoun: "Lepouvoir et `sa´ folie", in: Positif, 1976, H. 188: Joseph Garncarz: "Fritz Lang´s M: A Case of Significant Film Variation", in: Film History, 1990, H. 3; Silvia Hebel: "Bild- und Tonmontage in dem Film M", in: Filmwissenschaftliche Mitteilungen, 1965, Sonderheft; Eckart Jahnke: "Fritz Langs M, in: Filmwissenschaftliche Mitteilungen, 1965. Sonderheft; Anette Kaufmann: "Angst. Wahn. Mord". Münster 1990; Reinhold Keiner: "Thea von Harbou und der deutsche Film bis 1933". Hildesheim u. a. 1984: Jacques Petat: "L´ouverture de M le Maudit" , in: Cinema, Paris, 1982, H.282: Noël Simsolo u. a.: "M le Maudit", Paris 1990.

 

Autor: Michael Töteberg.

Quelle: Michael Töteberg (Hrsg.): Metzler Filmlexikon. J. B. Metzler Verlag, Stuttgart/Weimar 1995.

 

Reclams Filmführer: Fritz Lang

Lang, geboren am 5. Dezember 1890 in Wien (Österreich) und gestorben am 2. August 1976 in Los Angeles (USA), studierte Architektur und Malerei. Nach einer Verwundung im Ersten Weltkrieg begann er, Drehbücher zu schreiben, die von Joe May und Otto Rippert verfilmt wurden. 1919 debütierte Lang mit dem Film Halbblut als Regisseur; ersten künstlerischen Erfolg brachte ihm zwei Jahre später Der müde Tod. In den zwanziger Jahren gehörte Fritz Lang zu den führenden deutschen Filmregisseuren. 1933 emigrierte er, nachdem ihm Goebbels zuvor angeboten hatte, eine Art "Reichs-Filmintendant" zu werden. Über Frankreich und England ging er in die USA, wo er eine zweite erfolgreiche Karriere begann. Ein Versuch, Ende der fünfziger Jahre im deutschen Film wieder Fuß zu fassen, scheiterte.

 

Ornamentaler Stil und architektonische Struktur bestimmen seine frühen deutschen Filme. Riesige Bauten, raffinierte Lichteffekte, drohende Schatten beherrschen oft die Szenerie. Der Mensch erscheint vorwiegend als Opfer schicksalhafter Verstrickungen. Und konsequent bannt ihn die Kamera in ein Labyrinth strenger Linien, konfrontiert ihn mit der Monumentalität riesiger Dekorationen oder ballt ihn zur Masse gesichtsloser Lebewesen. Wie kein anderer Filmregisseur vielleicht hat Lang in den zwanziger Jahren die Probleme der Zeit erahnt. Daß er sie in seinen Filmen nicht kritisch reflektierte, sondern intuitiv schilderte, führte gelegentlich zu dem Mißverständnis, er identifiziere sich mit diesen Zeitströmungen zumal seine Frau und langjährige Drehbuchautorin Thea von Harbou sich nach 1933 den neuen Verhältnissen in Deutschland schnell anpaßte. In Hollywood hat Lang vorwiegend "Action"-Filme gedreht. Auch hier sind die Protagonisten meistens Gehetzte, Ausgelieferte, Hoffnungslose; aber ihre Umwelt wird nun realistischer geschildert, und die Sozialkritik wird dadurch direkter und faßbarer.

 

Fritz Lang

Halbblut (1919), Die Spinnen - I. Teil: Der goldene See (1919), Die Spinnen - II. Teil: Das Brillantenschiff (1920), Der müde Tod (1921), Dr. Mabuse, der Spieler - I. Teil: Der große Spieler, ein Bild unserer Zeit (1922), Dr. Mabuse, der Spieler II. Teil: Inferno, ein Spiel vom Menschen unserer Zeit (1922), Die Nibelungen - Siegfried (1923), Die Nibelungen - Kriemhilds Rache (1924), Metropolis (1926), Spione (1928), Die Frau im Mond (1929), M (1931), Das Testament des Dr. Mabuse (1932).

In Frankreich: Liliom (Liliom, 1934).

In den USA: Fury (Raserei / Fury / Blinde Wut, 1936), You only live once (Gehetzt / Du lebst nur einmal, 1936), You and me (Du und ich, 1938), The return of Frank James (Rache für Jesse James, 1940), Western Union (Überfall der Ogalalla / Western Union, 1941), Man hunt (Menschenjagd, 1941), Hangmen also die! (Auch Henker sterben, 1943), The ministry of fear (Ministerium der Angst, 1944), The woman in the window (Gefährliche Begegnung / Die Frau im Fenster, 1944), Scarlet street (Straße der Versuchung, 1945), Cloak and dagger (Im Geheimdienst, 1946), Secret beyond the door (Geheimnis hinter der Tür, 1947), House by the river (Das Todeshaus am Fluß, 1950), American guerilla in the Philippines (Der Held von Mindanao, 1950), Rancho notorious (Engel der Gejagten, 1951), Clash by night (Vor dem neuen Tag, 1952), The blue gardenia (Gardenia, eine Frau will vergessen, 1952), The big heat (Heißes Eisen, 1953), Human desire (Lebensgier, 1954), Moonfleet (Schloß im Schatten, 1954), While the city sleeps (Die Bestie, 1955), Beyond a reasonable doubt (Jenseits allen Zweifels, 1956).

In der Bundesrepublik - jeweils in Gemeinschaftsproduktion BRD/Frankreich/Italien: Der Tiger von Eschnapur (1958), Das indische Grabmal (1958), Die 1000 Augen des Dr. Mabuse (1961) u. a.

 

Quelle: Krusche, Dieter: Reclams Filmführer. Reclam Verlag, Stuttgart, 10. neu bearb. Aufl. 1996.