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Nosferatu - Eine Symphonie des Grauens

Nosferatu

Deutschland 1922

Regie: Friedrich Wilhelm Murnau.

Kamera: Fritz Arno Wagner, Günther Krampf.

Länge: 96 Min.

s/w mit monochromen Einfärbungen, stumm

Darsteller: Max Schreck, Gustav von Wangenheim, Greta Schroeder, Ruth Landshoff, Alexander Granach.

 

Leihmöglichkeit: 16mm Film (Nr. 32 51598-99) beim LMZ Baden-Württemberg.

 

Gruselklassiker. Im Auftrag eines Häusermaklers reist der jungverheiratete Hutter in die Karpaten. Er schließt einen Hausvertrag mit dem Vampir Orlok, der daraufhin nach Deutschland reist, die Pest bringt und erst durch ein Liebesopfer von Hutters reiner Frau vernichtet wird. Filmmagier Murnau ("Tabu") inszenierte das Grauen über die verworrene Zeit der Weimarer Republik in Gestalt des Vampirs als subtiles Kammerspiel des Terrors.

 

Quelle: Adolf Heinzlmeier: Lexikon Filme im Fernsehen. Rasch und Röhring Verlag, Hamburg, 2. erw. Aufl, 1990.

Metzlers Filmlexikon: Nosferatu

Die erste Verfilmung von Bram Stokers Roman ist ein Plaggiat: Der Produzent holte die Rechte nicht ein und wurde, obwohl man die Namen verändert hatte, prompt verklagt. Überdies jagte der "erste wahre Horrorfilm" (Everson) den Zeitgenossen kaum Schrecken ein. Roland Schacht erschien Nosferatu als schwache Kopie von Das Cabinet des Dr. Caligari und Genuine (Robert Wene, 1920); Murnaus Regie wertete er als "mäßigen Durchschnitt", und der Vampir entlockte ihm nur mokante Bemerkungen: "Dazu dann dieser Nosferatu, der egal mit einem Sarg herumschleppt, wie jemand, der kurz vor sieben, wenn die Postämter schließen, noch ein Weihnachtspaket aufgeben will und nicht recht weiß, wo er's noch probieren soll. ("Das Blaue Heft", 15.4.1922) Nur wenige Filmkritiker erkannten den innovativen Charakter. Béla Balázs verglich ebenfalls mit dem Caligari-Film - Dieser sei künstlerisch origineller und vollendeter, doch löse sich die Wirkung in einer "ästhetischen Harmonie der Dekorativität" auf. Murnau dagegen verlasse die Studiowelt und habe gespürt, daß "die stärkste Ahnung des Übernatürlichen gerade aus der Natur zu holen ist". Nicht der Inhalt der Fabel erzeuge die Unheimliche Spannung. sondern der Stimmungsgehalt der Bilder - "Naturbilder, in denen ein kalter Luftzug aus dem Jenseits weht". Zu Beginn sieht man Seiten aus einer alten Chronik: "Nosferatu - Tönt dies Wort Dich nicht an wie der mitternächtliche Ruf eines Totenvogels? Hüte Dich, es zu sagen, sonst verblassen die Bilder des Lebens zu Schatten ..." Schrifttitel - Buchseiten in gotischen Lettern, ein geheimnisvoller Brief mit esoterischen Zeichen, aber auch weniger mystische Texte wie Zeitungsartikel oder Eintragungen ins Logbuch - strukturieren den Film. Nosferatu ist, formuliert Heide Schlüpmann pointiert, keine Romanverfilmung, sondern der Versuch, die Möglichkeiten des Films zu erkunden: "Das alte Buch von Nosferatu verweist auf seinen Gegenpol: das neue Medium, dem nichts als wirklich gilt denn die "äußere Welt, die reproduzierbar ist." Das 'Unsichtbare', von dem der Film erzählt, ist nur vordergründig ein obskurer Okkultismus. "Als Hutter die Brücke überschritten hatte, kam er in das Land der Phantome": Der biedere Hanseat, Häusermakler von Beruf, gerät in ein nächtliches Reich, in dem Blutsauger ihre spitzen Zähne in weißes Fleisch schlagen. Der Vampir ist oft als zweites Ich Hutters interpretiert worden, als Nachtseite des im hellen Tageslicht braven Bürgers. Erlösung von den Sexuellen Obsessionen kann nur das Liebesopfer der Frau bringen, die sich dem Monster hingibt.

 

Nosferatu teilt das Schicksal vieler Stummfilmklassiker: Der Film wurde verstümmelt und verschnitten. 1930 erschien unter dem Titel Die zwölfte Stunde. Eine Nacht des Grauens eine nachsynchronisierte Tonfilm-Bearbeitung, in der wesentliche Einstellungen eliminiert, ausgesondertes Material und nachgedrehte Szenen hinzugefügt wurden; der offene Schluß wurde verkehrt in ein Happy End. Werner Herzogs Nosferatu (1978) ist eine Hommage an Murnau und über weite Strecken, entgegen den anders lautenden Statements des Regisseurs, ein Remake. Nach jahrelanger Arbeit konnte Enno Patalas 1987 eine bis auf 57 Meter vollständige Rekonstruktion vorstellen, in der auch die ursprüngliche Viragierung wiederhergestellt wurde: Die Nachtszenen sind blau getönt, die Innenräume tagsüber braun und nachts gelb; das Morgengrauen aber, vor dem die Vampire sich fürchten, ist rosa eingefärbt.

 

"Nosferatu", in: Lotte H. Eisner: Murnau. Frankfurt a.M. 1979. (Drehbuch, mit Anmerkungen von Murnau).

Béla Balázs: "Nosferatu'", in: ders.: Schriften zum Film. Bed. 1. Berlin (DDR)/München 1982; Ilona Brennicke/Joe Hembus: "Klassiker des deutschen Stummfilms 1920-1930". München 1983; Jonathan Lake Crane: "Terror and everyday life". Thousand Oaks 1994; William K. Everson: "Klassiker des Horrorfilm". München 1980; Sylain Exertier: "La lettre oubilée de Nosferatu", in: Positif, 1980, H. 228; Thomas Gaschler: "Nosferatu - Eine Symphonie des Grauens", in: Norbert Stresau (Hg.): Enzyklopädie des phantastischen Films. Meitingen 1986, Fred Gehler/Ullrich Kasten: "Friedrich Wilhelm Murnau". Berlin (DDR)/Augsburg 1990; Fritz Göttler (Red.): "F.W. Murnau: Nosferatu". München 1987; Peter W. Jansen/Wolfram Schütte (Hg.): "Friedrich Wilhelm Murnau". München 1990; Ursula von Keitz: "Der Blick ins Imaginäre", in: Klaus Kreimeier (Hg.): Die Metaphysik des Dekors. Marburg, Berlin 1994; Andreas Kilb: "Der gefärbte Vampir", in: Die Zeit, 13.2.1987; Siegfried Kracauer: "Von Caligari zu Hitler". Frankfurt a.M. 1979; Richard Ira Romer: "The Cinematic Treatment of the Protagonists in Murnau's Nosferatu, Browning's Dracula, and Whale's Frankenstein". Ann Arbor 1984; Heide Schlüpmann: "Der Spiegel des Grauens", in: Frauen und Film, 1990, H. 49; Peter Schott (Red.): "Nosferatu", in: Sequenz, 1989, H. 1; Robin Wood: "Murnaus's Midnight and Sundrise", in: Film Comment, 1976, H. 3.

 

Autor: Michael Töteberg.

Quelle: Michael Töteberg (Hrsg.): Metzler Filmlexikon. J. B. Metzler Verlag, Stuttgart/Weimar 1995.

 

 

111 Meisterwerke des Films: Nosferatu

Bremen 1838. Aus dem Tagebuch des Johann Cavallus, des begabten Historikers seiner Heimatstadt Bremen: "Nosferatu! Dieser Name allein kann das Blut erstarren lassen! Nosferatu! War er es, der im Jahre 1838 die Pest nach Bremen brachte?"

 

Ja! Und das kam so: Jonathan Harker erhält von seinem Arbeitgeber, dem Makler Renfield, den Auftrag, nach Transsylvanien zu fahren. Graf Dracula möchte in Bremen ein Haus kaufen, das genau dem von Harker gegenüberliegt. Kurz vor dem Ziel seiner Reise wird Harker von Bauern gewarnt, die Burg des Grafen zu betreten. Nachts im Gasthof liest er noch im "Buch der Vampire" eine weitere Warnung vor "Nosferatu": "... dieser Name ist wie der Schrei eines Raubvogels. Sprich ihn niemals laut aus ... "

 

Am nächsten Tag gelangt Harker auf gespenstisch anmutende Weise in die Burg des Grafen, eines sonderbaren Mannes mit kantigen Gesten, finsterem Aussehen, einer skelettartigen Figur, düsteren Augen und langen, krallenähnlichen Fingern. Nach und nach entdeckt Harker, daß er sich in der Gewalt eines Vampirs befindet, der nicht nur für ihn, sondern auch für seine ferne Frau Nina zur Bedrohung wird. Nach der Vertragsunterzeichnung bereitet der Graf seine Abreise vor. Er nimmt sechs Särge mit ungeweihter Heimaterde mit, in denen er ruht, wenn es Tag ist. Harker bleibt allein zurück, kann aber wenig später fliehen, wird verletzt und von Bauern gepflegt.

 

Graf Dracula reist nach Bremen; wo er sich aufhält, bricht eine Pestepidemie aus. Mit einem Schiff, dessen Mannschaft unterwegs stirbt, gelangt er ans Ziel; unbemerkt geht er an Land und zieht in sein neues Domizil ein. Fast gleichzeitig mit ihm trifft auch Harker zu Hause ein. Mit dem Schiff kam auch die "Pest" nach Bremen, die täglich neue Opfer fordert. Nina ahnt, wie sie das Unheil beenden kann. Sie "hält den Vampir an ihrer Seite, bis daß der Hahn kräht". Die Sonne geht auf, Nosferatu löst sich in ein Rauchwölkchen auf, und die Stadt ist gerettet.

 

Friedrich Wilhelm Murnau (1888-1931) gehört zu den Regisseuren, die zu Beginn der zwanziger Jahre den deutschen Filmexpressionismus begründeten (der indes nicht mit dem Vorbild des Expressionismus in der Literatur und in der Malerei verwechselt werden sollte). Durch die Ausformung expressionistischer Stilmittel (unter anderem die Verzerrung der äußeren Welt, um die Psyche des Menschen auszudrücken) entstand ein filmkünstlerisches Genre, das den Ruhm der deutschen Filmklassik begründete. Zu Murnaus bekanntesten Filmen zählen die Dr. Jekyll and Mr. Hyde-Version "Januskopf", "Der letzte Mann", "Tartüff" und "Faust". 1926 ging er nach Hollywood, wo er sein Meisterwerk "Sunrise" drehte. Murnau starb 1931 an den Folgen eines Autounfalls.

 

"Nosferatu" hält sich nicht an die Handlungsabfolge und Struktur des 1897 erschienenen Romans "Dracula" von Bram Stoker. Personen, Charaktere und Schauplätze wurden wesentlich geändert. Seine besondere künstlerische Bedeutung gewinnt der Film dadurch, daß Murnau den Vampir-Grafen Dracula nicht als billige Spukgestalt oder Horrorfigur zeichnet, sondern zur Personifizierung der Pest erhebt - einer konkreten und vorstellbaren Gefahr.

Im Gegensatz zu anderen expressionistischen Filmen, die in Studios gedreht wurden, bevorzugte Murnau hier Außenaufnahmen; unter anderem dreht er in den Karpaten, in Wismar und in der Lübecker Altstadt, wo heute noch die Salzspeicher zu sehen sind, in denen Nosferatu seine Särge unterstellte. Natur, Landschaft, Gebäude und Menschen sind nicht Kulisse, sondern Teil einer durchkomponierten, sich verdichtenden Handlung, die von einer gespenstischen Stimmung getragen wird.

 

Der Drehbuchautor war Henrik Galeen, dessen Vorliebe für phantastische Stoffe ("Golem") bekannt war. Kostüme und Bauten stammen von Albin Grau, dem auch die Idee zugeschrieben wird: Im Kriegswinter 1916 hörte er in Serbien einen alten Bauern von einem "Untoten", einem "Nosferatu", berichten.

 

Der Film "Nosferatu" jedenfalls ist das erste bedeutende Werk des Genres der Vampirfilme und löste eine Reihe von faden Imitationen aus, die beispielsweise heute noch in den Zombie-Filmen variiert werden. Nur wenige dieser Filme, unter anderem "Dracula" von Tod Browning, USA 1931, sind von filmgeschichtlicher Bedeutung; meistens wird der Stoff respektlos ausgebeutet. Exemplarisch geschah dies 1978 mit Werner Herzogs Remake des Murnau-Films "Nosferatu - Phantom der Nacht": Murnaus filmschöpferische Leistung wurde als Vorlage für das Starkino amerikanischer Konfektion mißbraucht.

 

"Nosferatu" wurde seinerzeit ohne Sicherung der Stoffrechte produziert. Bram Stokers Witwe führte gegen die Produktionsfirma einen Prozeß, den sie 1925 gewann. Der Film sollte vernichtet werden, aber dafür war es schon zu spät, denn zuvor waren schon Kopien ins Ausland verkauft worden. 1930 kam in Deutschland unter dem Titel "Die zwölfte Stunde" eine Fassung auf den Markt, die durch Hinzufügungen, Umstellungen und eine vertonte Überarbeitung dem Original wenig ähnlich war; Murnaus Name wurde nicht mehr erwähnt.

 

Enno Patalas, der Leiter des Münchner Filmmuseums, hat sich jahrelang um die Rekonstruktion von "Nosferatu" bemüht und durch Auswertung der verschiedenen Auslandsfassungen und -bearbeitungen sich dem Original "angenähert". Diese (vorläufige) Endfassung ist leider noch nicht auf Video erhältlich. Wer mehr über Murnaus "Nosferatu" erfahren möchte, ist auf das Buch von Lotte H. Eisner ("Murnau", Kommunales Kino Frankfurt 1979, 664 Seiten) angewiesen. Es enthält unter anderem das Faksimile des von Murnau beim Drehen verwendeten Originalskripts des Films.

 

Autor: Horst Schäfer.

Quelle: Günter Engelhard/Horst Schäfer/Walter Schorbert in Zusammenarbeit mit der Wochenzeitung 'Rheinischer Merkur/Christ und Welt' (Hrsg.): 111 Meisterwerke des Films. Das Video-Privatmuseum. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt a.M. 1989.

 

Friedrich Wilhelm Murnau

Murnau, als Friedrich Wilhelm Plumpe am 28. Dezember 1888 in Bielefeld (Deutschland) geboren und am 11. März 1931 in Santa Barbara (USA) gestorben, studierte Kunstgeschichte und wurde als Mitglied eines Studententheaters von Max Reinhardt entdeckt. Er spielte und inszenierte dann am Theater und debütierte als Filmregisseur erst 1919 mit dem Film Der Knabe in Blau. Wie andere Filme Murnaus ist auch dieses Erstlingswerk verschollen. Seinen ersten großen Erfolg erzielte Murnau 1921 mit Nosferatu. Einige Jahre später ging er mit einem Fünfjahres-Vertrag nach Hollywood. Als Produzent Fox jedoch seinen Film Our daily bread (Unser täglich Brot, 1929) gegen den Willen des Regisseurs veränderte, kündigte Murnau seinen Vertrag und floh verbittert in die Südsee, wo er in Zusammenarbeit mit Robert Flaherty den Film Tabu drehte. Eine Woche vor seiner Uraufführung starb Murnau bei einem Verkehrsunfall. Im deutschen Film der zwanziger Jahre war Murnau Einzelgänger und Anreger zugleich. Während die deutschen Regisseure damals überwiegend in den Ateliers eine künstliche Welt aufbauten, zog es ihn, wie seine schwedischen Kollegen, in die Natur, der er immer neue Aspekte abgewann von der düsteren Drohung in Nosferatu bis zu einer ganz sinnlichen Schönheit in Tabu. Verwandt war er seinen deutschen Zeitgenossen darin, daß er statt der Realitäten des Alltags vornehmlich die geheimen Grenzbezirke der Seele erforschte und dabei eine Welt voll unwirklicher Bedrohungen und Ahnungen beschwor, wobei er in dem Drehbuchautor Carl Mayer einen idealen Mitarbeiter fand. Allerdings ist der Mensch bei Murnau dem Schicksal nicht wehrlos ausgeliefert. Selbst in Nosferatu gibt es eine Alternative, kann das Unheimliche durch die Tat besiegt werden. Dies alles hat Murnau in einer suggestiven Bildsprache verwirklicht. Er entdeckte selbst viele Möglichkeiten filmischer Gestaltung oder brachte seine Mitarbeiter dazu, sie zu entwickeln. Marcel Carné sagte von seinen Filmen, in ihnen werde die Kamera zu einer Person des Dramas.

 

Der Knabe in Blau (1919), Satanas (1919), Sehnsucht (1920), Der Bucklige und die Tänzerin (1920), Der Januskopf (1920), Abend - Nacht Morgen (1920), Der Gang in die Nacht (1920), Marizza, genannt die Schmugglermadonna / Das schöne Tier (1920), Schloß Vogelöd (1921), Nosferatu (1921), Der brennende Acker (1921), Phantom (1922), Die Austreibung (1923), Die Finanzen des Großherzogs (1924), Der letzte Mann (1924), Herr Tartüff / Tartüff (1925), Faust - Eine deutsche Volkssage (1926).

In den USA: Sunrise (Sonnenaufgang, 1926/1927), Four devils (Die vier Teufel, 1928), Our daily bread / City girl (Unser täglich Brot / Die Frau aus Chicago, 1929), Tabu (Tabu, 1929-31).

 

Quelle: Krusche, Dieter: Reclams Filmführer. Reclam Verlag, Stuttgart, 10. neu bearb. Aufl. 1996.