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Anonym: Nukanbuku und Komenbuku

Vor langer Zeit gab es folgende Geschichte. Damals lebte eine Mutter, die eine Stieftochter Nukanbuku und eine Tochter Komenbuku hatte. Eines Tages gab sie Nukanbuku einen Strohsack, der unten ein Loch hatte, und Komenbuku einen Sack, der kein Loch hatte, und schickte die beiden Mädchen in die Berge zum Kastaniensammeln. Sie befahl ihnen: "Nukanbuku soll beim Sammeln vorausgehen, weil sie die ältere Schwester ist, und Komenbuku, weil sie die jüngere ist, soll hinterher gehen."

Also gingen die Mädchen in die Berge und sammelten Kastanien. Komenbukus Sack jedoch füllte sich, denn sie sammelte auf, was aus dem Sack ihrer Stiefschwester heraus fiel. Bald wurden die beiden hungrig und beschlossen, das mitgebrachte Essen auszupacken. Als sie das viereckige Tuch, in das das Essen eingewickelt war, auf einem Stein ausbreiteten, fiel ein Reiskloß heraus und rollte koro-goro den Berg hinunter. Da liefen die Mädchen hinterher und kamen zu einem einsamen Haus, in dem eine Berghexe wohnte, die gerade das Bein eines kleinen Kindes aufgespießt hatte und am Feuer briet. "Was wollt ihr hier?", fragte sie. "Wir sind unserem Reiskloß hinterhergelaufen", antworteten die Mädchen. "Der Reiskloß ist nicht hier", sagte die Berghexe, "und ihr dürft nicht hier bleiben. Gleich kehren meine beiden Söhne heim, die wollen euch fressen. Kommt schnell unter meinen Rock!" Da versteckten sich die Stiefschwestern unter dem Rocksaum der Berghexe. Als die Brüder heimkehrten, riefen sie: "Heute haben wir keine Beute gemacht. Aber hier riecht's nach Menschen, hier riecht's nach Menschen." - "Wie sollte ein Mensch hierher gekommen sein? Viel eher wird im Dorf ein Toter liegen", sagte die Berghexe. "Geht hin und grabt ihn euch aus." Die Brüder verschlangen erst das Kinderbein, das die Mutter gebraten hatte, und machten sich dann auf den Weg ins Dorf.

Die Berghexe nähte Nukanbukus Sack unten zu, füllte ihn mit Kastanien und sagte: "Verlaßt jetzt die Berge bevor es dunkel wird!" Dann fragte sie: "Wer von euch beiden will einen leichten Bambuskorb, und wer will einen schweren Korb haben?" "Ich möchte einen schweren Korb", sagte Komenbuku und erhielt einen schweren Korb. Nukanbuku sagte: "Ich möchte einen leichten Korb", und erhielt einen leichten Korb. Die Mädchen luden sich die Körbe auf den Rücken und liefen den Berg hinunter. Unterwegs sagte Komenbuku: "Mein Korb ist so schwer. Ich will ihn aufmachen und nachsehen." Sie öffnete ihn am Wegrand und sah hinein, Da war er voller Nattern, Schlangen und Ochsendreck. Entsetzt warf sie ihn fort und rief: "Nukanbuku, jetzt mach du auf und sieh nach!" Aber Nukanbuku antwortete: "Ich sehe nicht nach bevor ich zuhause bin." Als sie schließlich heimgekehrt waren, öffnete Nukanbuku heimlich ihren Korb und fand darin ein rotes wattiertes Seidengewand. Das versteckte sie im Reisschuppen.

Eines Tages kam eine Kagura-Tanzgruppe zu dem Reichen, und die Stiefmutter wollte mit ihrer Tochter Komenbuku die Vorstellung besuchen. Deshalb befahl sie ihrer Stieftochter Nukanbuku sieben Eimer Wasser zu schöpfen, sieben Spulen Garn zu spinnen und sieben Mal Hirse im Mörser zu stampfen. Nukanbuku wäre auch gern zum Kagura-Fest mitgegangen, aber sie mußte tun, was ihr aufgetragen worden war. So saß sie nun hinter der Schiebetür und weinte bitterlich, während sie den Faden spann. Da kam eine alte Frau aus der Nachbarschaft und fragte: "Bei euch sind alle fortgegangen, um den Kagura-Tanz zu sehen. Weinst du, weil du nicht auch zur Vorstellung gehen kannst?" Nukanbuku antwortete: "Ich möchte gern gehen und zusehen, aber mir ist aufgetragen worden, sieben Eimer Wasser zu schöpfen, sieben Spulen Garn zu spinnen und sieben Mal Hirse im Mörser zu stampfen. Solange ich diese Arbeiten nicht getan habe, darf ich nicht hingehen. Jetzt bin ich gerade dabei, den Faden zu spinnen." -"Ich werde die Hirse stampfen und das Wasser schöpfen", sagte die Alte, "geh nur und sieh dir den Kagura-Tanz an!" Nukanbuku wusch sich das Gesicht, legte weißen Puder auf und kämmte sich das Haar. Dann zog sie das Seidengewand an, das sie von der Berghexe bekommen hatte, und ging zum Kagura-Tanz bei dem Reichen. Dort entdeckte Komenbuku sie und rief: "Mutter, Mutter, Nukanbuku ist gekommen, um sich den Kagura-Tanz anzusehen." - "Wie kann Nukanbuku gekommen sein", sagte die Stiefmutter. "Wir wollen nach Hause gehen und nachsehen." Während die Stiefmutter das sagte, war Nukanbuku schon nach Hause gelaufen, hatte das Seidenkleid ausgezogen und wieder versteckt. Sie beschmierte sich das Gesicht und war gerade dabei, Wasser zu schöpfen, als ihre Stiefmutter mit Komenbuku zurückkehrte. "Also war es doch nicht Nukanbuku", sagte die Stiefmutter.

Zwei oder drei Tage waren seitdem vergangen, da kam ein Heiratsvermittler und sagte, daß der Reiche das Mädchen Nukanbuku zur Frau begehre. Die Stiefmutter aber antwortete: "Wenn sich Nukanbuku die Haare kämmt, tönt es grob wie Holzhacken. Doch bei Komenbuku tönt es sammetweich. Deshalb will ich Euch lieber Komenbuku geben." - "Nein, das geht nicht", sagte der Heiratsvermittler, "denn der Reiche hat gesagt, daß er Nukanbuku haben will. Gebt mir also Nukanbuku mit." Da mußte sich die Stiefmutter fügen. Nukanbuku, geputzt und geschminkt, zog das Seidenkleid an, das sie von der Berghexe bekommen hatte, und auf einem mit klingenden Glöckchen festlich geschmückten Pferd reitend, wurde sie dem Reichen als Braut zugeführt.

Als Komenbuku das sah, rief sie weinend: "Mutter, Mutter, ich möchte auch eine Braut sein!" - "Niemand will dich zur Braut haben. Ich werde dich in einen Mörser setzen und herumziehen." Sie nahm Schneckenschalen und legte sie in den Mörser. Dann zog sie ihn mit ihrer Tochter am Rand des Reisfeldes hin und her. Plötzlich rollte der Mörser davon und Komenbuku fiel ins nasse Reisfeld. "Weh, ich werde eine Schnecke!" rief sie und wurde tatsächlich in eine Schnecke verwandelt. Das ist die ganze Geschichte.

(Kenkichi Ogasawara, Volksmärchen aus dem Shiwa-Distrikt)

 

 

Aus: Tomkowiak, Ingrid/ Marzolph, Ulrich (Hrsg.): Grimms Märchen International. Zehn der bekanntesten Grimmschen Märchen und ihre europäischen und außereuropäischen Verwandten. Bd. 1: Texte: Paderborn 1996, 145-152.