Wie aus Maria Meyer die unsterbliche Peregrina von Mörike wurde

- Peregrina-Darstellerin Wiebke Eckstein bei Dreharbeiten zu einer Mörike-Dokumentation
Als im Wirtshaus der Brauerei Mergenthaler in Ludwigsburg ein neues Schankmädchen angestellt wird, spricht sich seine verführererische Schönheit in der Männerwelt der württembergischen Stadt schnell herum. So lernt es auch der 18-jährige Tübinger Student Eduard Mörike (1804-1875) kennen. Die Semesterferien-Begegnung mit der vom Brauereibesitzer selbst am Stadtrand aufgelesenen Fremden von ungewöhnlicher, geheimnisvoller Ausstrahlung wurde die am intensivsten erlebte und auch verstörendste Episode seines Lebens - und eine Sternstunde der Literaturgeschichte.
Immer wenn des später berühmten Dichters Mörike gedacht wird, wie jetzt aus Anlass seines 200. Geburtstags am 8. September, kommt auch "Peregrina" - die Umherziehende, die Fremde - in Erinnerung. In den fünf Gedichten des Peregrina-Zyklus, eingefügt in den ein Jahrzehnt nach der Ludwigsburger Begegnung veröffentlichten Roman "Maler Nolten", kommen verfremdet und dichterisch gestaltet, alle ihre Emotionen zum Ausdruck. Es sind Verse von einzigartiger bildhafter Eindringlichkeit.
Da fühlt sich nach der Trennung der Liebenden der Zurückgebliebene wie durch einen luftgesponnenen Zauberfaden mit der Herbeigesehnten verbunden - und malt sich aus: "Wie? Wenn ich eines Tages auf meiner Schwelle / Sie sitzen fände, wie einst, im Morgen-Zwielicht, / Das Wanderbündel neben ihr, / Und ... sagte: Da bin ich wieder / Hergekommen aus weiter Welt!" Im fünften Gedicht heißt es dann "War's möglich, solche Schönheit zu verlassen?" Die Hoffnung auf eine Wiederkehr des "alten Glücks" erfüllt sich nicht. Der Zyklus endet mit der Vorstellung des Dichters "Sie küsst mich zwischen Lieben noch und Hassen, / Sie kehrt sich ab und kehrt mir nie zurück."
Es vergingen etwa hundert Jahre, bis die Biografie der Kellnerin mit den schwarzen Haaren und braunen Augen eingehender recherchiert wurde - durch den von Mörikes Versen beeindruckten späteren Schweizer Bundesrichter Paul Corrodi. Sie wurde am 27. Dezember 1802 als das erste Kind der ein lockeres Leben führenden unverheirateten Metzgertochter Helene Meyer im Schweizerischen Schaffhausen geboren. Sie war also fast zwei Jahre älter als Mörike. Die Mutter gab als Vater einen wandernden Weißgerbergesellen an.
Maria Meyer war ein schönes, begabtes, anziehendes, kluges - und unstetes Mädchen. Noch nicht fünfzehn Jahre alt verschwand es aus der Obhut von Verwandten und schloss sich der als mystische Seherin und Prophetin umherziehenden Juliane von Krüdener an. Das Gefolge dieser deutschbaltischen Baronin bestand zum Teil aus ziemlich dubiosen Existenzen. Es stand auch im Ruf ein "wanderndes Hurenhaus" zu sein. Als Maria Meyer nach vier Monaten wieder in Schaffhausen auftauchte, wurde sie wegen "physischer und moralischer Verdorbenheit" zuerst in Untersuchungshaft genommen und dann in ein Arbeitshaus eingewiesen.
Kaum wieder frei nimmt sie ihr Wanderleben wieder auf, arbeitet hier und da, findet Aufnahme auch in angesehenen Häusern. In Ludwigsburg wohnt sie eine Zeit lang bei der verwitweten Mutter eines Kommilitonen Mörikes - unter einem Dach auch mit zwei Töchtern der Witwe, die von ihrem zigeunerhaften Charme ebenfalls gefesselt sind.
Als Mörike wieder in Tübingen ist, schreibt er ihr zunächst leidenschaftliche Briefe. Doch der empfindsame junge Mann wittert zunehmend Unheil in der Beziehung und bricht schließlich ab - vielleicht auch beeinflusst von der Warnung seiner Schwester Luise, immer auf «das hohe Ideal der Reinheit und der Tugend» zu achten. Als Maria ihn ein Jahr nach der Ludwigsburger Begegnung in Tübingen wiedersehen will, lässt er sich verleugnen und flüchtet zu seiner Mutter nach Stuttgart. Ein Universitätsangehöriger möchte sie aufnehmen, was aber an der Weigerung seiner Frau scheitert. Zwei Jahre später macht Maria brieflich einen neuen Versuch, den Geliebten wiederzusehen - ebenfalls vergeblich.
Sie arbeitet noch einige Zeit als Hutmacherin in Ludwigsburg und danach auch in ihrer Heimatstadt Schaffhausen. Hier heiratet sie 1836 schließlich den aus Nürnberg stammenden Schreinermeister Andreas Kohler. Sie soll ihm eine gute Ehefrau und in ihrer Umgebung geachtet gewesen sein. Im Alter von 62 Jahren stirbt sie, kinderlos. Es ist nicht bekannt, ob sie jemals Mörikes Peregrina-Gedichten begegnete.
Eduard Mörikes und Maria Meyers Liebesbeziehung ist auch als Beispiel für eine Zeitströmung gedeutet worden, die das Außergewöhnliche suchte und verklärte. Die vagabundierende Fremde entsprach einem Prototyp der Zeit. Doch alles, was man von dieser bewegenden Beziehung weiß, zeigt: beiden ging es um mehr.
Autor: Rudolf Grimm/dpa






