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Politische und öffentliche Reden

Philipp Jenninger: Rede am 10. November 1988 im Deutschen Bundestag

Autor: Jenninger, Philipp

Datum: 10. November 1988
Quelle: Deutscher Bundestag

Beschreibung:

Bundestagspräsident Philipp Jenninger hielt diese Rede im Rahmen einer Gedenkveranstaltung am 10. November 1988, 50 Jahre nach den Pogromen der Reichskristallnacht. Die Rede ging in die Geschichte ein, zumal sie auch internationale Empörung auslöste, so dass sich der Redner gezwungen sah, vom Amt des Bundestagspräsidenten zurückzutreten. Besonders die ungeschickte Zitierweise Jenningers sorgte damals für Missverständnisse. Die Rede ist ein Beispiel dafür, wie wohlgemeinte Worte durch mangelnde rhetorische Fähigkeiten den Intentionen des Redners zuwiderlaufen können.
Eine Abschrift der Rede liegt auch als Textdokument vor.

Jenninger, Philipp

Philipp Jenninger (* 1932) war von 1984 bis 1988 Bundestagspräsident. Mit seiner Gedenkrede zum 50. Jahrestag der "Reichsprogromnacht" am 10. November 1988 löste der Politiker einen nationalen und internationalen Skandal aus, der ihn zum Rücktritt zwang. Schon während der Rede entstand Unruhe im Plenum, schließlich verließen zahlreiche Abgeordnete (vor allem von SPD, Grünen und FDP) den Saal. Jenninger erklärte tags darauf in der FAZ, seine Rede sei von vielen nicht so verstanden worden, wie er sie gemeint habe.

 

Kommentare

4 Kommentare
#4 Andreas Wendrich schrieb am 07.03.2010 15:16 answer email

Nachdem Hören der Rede ist eines klar:

Das Problem waren das Publikum und die damalige politische Öffentlichkeit. Was mich noch mehr empört: Die Unfähigkeit um das Verstehen des Gesagten bzw. der Zitierweise scheint bis heute in den Medien anzudauern!

 

Allein schon aus dem Inhalt der Rede ergibt sich doch die Intention Jenningers. Selbst wenn man die Art der Zitate nicht gutheißen würde, bleibt kein Zweifel an der Grundaussage des Redners, nämlich die Abscheu vor der Judenvernichtung und die Verurteilung der nationalsozialistischen Verbrechen und deren Vertreter. Nicht ein einziges Mal ist in der Rede zu spüren, dass der Holocaust relativiert oder irgendetwas daran entschuldigt wird. Wer also vernünftig ist, kann daraus gar keinen Skandal machen!

 

Bei den Zitaten ist nicht zu erkennen, dass Jenninger sich übermäßig in die Geisteshaltung der Nazis hineinsteigert und somit eine Begeisterung oder gar Identifikation zum Zitatinhalt aufkommt. Es ist aber notwendig und zulässig die Tonlage beim Zitieren derart zu verändern, dass dem Zuhörer jene Geisteshaltung der Zitierten verdeutlicht wird. Eine Zitierweise die sich in die Nazi-Verbrecher hineinversetzt kann die Abscheu und die Distanz zum Gesagten und zur nationalsozialistischen Ideologie beim Publikum noch erhöhen und damit die Wirkung der eigentlichen Rede positiv verstärken! Wer das nicht begreift, kann nicht in den Medien wirken oder gar Politiker sein!

 

Jenninger trifft meines Erachtens den richtigen Ton, lässt eine Pause nach einem Zitat und kommentiert dieses.

 

Ja ich denke, man muss sich auch als Zuhörer Mühe geben, ein gewisses Maß an geistiger Reife mitbringen und zum Differenzieren fähig sein! Vielleicht konnten und können einige Zuhörer von damals bis heute nicht mit den Zitaten an sich umgehen, egal wie sie betont werden.

 

Es gibt meiner Meinung nach zwei Seiten im Publikum und der Öffentlichkeit:

Die eine kann mit der historischen Wahrheit und den Fakten nicht umgehen und scheut sich vor der Verantwortung von uns Deutschen bis in die heutige Zeit. Sie fühlen sich angegriffen, weil Jenninger auch bedeutende Persönlichkeiten wie Wagner mit seinen antijüdischen Tendenzen zur Sprache bringt. Seine Rede war zu unbequem, ja für manche Ewiggestrige ging sie mit ihrer Ursachenanalyse bis ins Mark.

 

Die andere Seite ist schlicht ignorant und unfähig das Gesagte richtig einzuordnen. Allein schon das Zitieren von Göbels oder des Reichsführers SS, allein schon das deren Worte fallen, überfordert manche Menschen, scheinbar auch die Macher dieser Internetseite!

 

Es empört mich, dass Jenningers Rede heute als Musterbeispiel für schlechte Rhetorik gilt. Die Zitierweise kann jedenfalls nicht die Ursache dafür sein. Ich würde gern einmal von den Machern von mediaculture-online wissen, wo sie Jenninger eine “ ungeschickte Zitierweise“ vorwerfen, die zu Missverständnissen führen kann!!!

#3 Siegfried Niepel schrieb am 20.12.2009 00:11 answer email

Hier noch ein bemerkenswerter Auszug aus:

Holger Siever:

Kommunikation und Verstehen

Der Fall Jenninger als Beispiel einer semiotischen Kommunikationsanalyse

Verlag Peter Lang 2001

 

Allein in der ZEIT vom 09.12.1988 finden sich fünf von insgesamt 32 Leserbriefen, die eine "Publikumsschelte" (Polenz) beinhalten. Die wesentlichen Passagen lauten:

"daß etliche Abgeordnete nicht in der Lage waren zuzuhören"

"gewolltes Mißverstehen"

"Abgeordnete und Journalisten, die eine so hervorragende Analyse der damaligen Zeit nicht verstehen"

"Diejenigen, die Philipp Jenninger ans Kreuz nageln wollen, haben zwar zugehört, aber nicht hingehört (sie waren eben "zu" beim Hören)"

"Nicht der Redner, wir, seine deutschen Zuhörer, wir uns Entrüstenden sind es, die sich bloßgestellt haben"

 

Diesen Leserbriefen ist eines gemeinsam, nämlich das Unverständnis über die Reaktionen der Abgeordneten und weiter Teile der Öffentlichkeit, die stilistische Fragen höher bewerten, als den guten Willen, die Wahrheit zu sagen, den sie dem ehemaligen Bundestagspräsidenten unterstellen.

#2 Siegfried Niepel schrieb am 19.12.2009 22:44 answer email

Dank an dieses Medium, das mir ermöglichte, nach 21 Jahren noch einmal Jenningers Rede zum 50. Jahrestag der Pogrome an den Juden, in voller Länge anzuhören!

Es erschüttert mich, wie es (damais) zu diesem fatalen

Misverstehen kommen konnte !

 

Es möge Jeder selbst urteilen!

#1 anonym schrieb am 06.11.2009 19:52 answer email

Angesichts der vorliegenden Analysen zur Rezeption dieser Rede (vgl. u.a. buecher.hagalil.com/lang/jenninger.htm) ist die Kurzzusammenfassung auf dieser Seite unter der Überschrift "Medienpädagogik und Medienkultur" an grotesker Einseitigkeit und Oberflächlichkeit kaum zu überbieten.

 

Zur Kommunikation gehören immer zwei. Sender ebenso wie Empfänger. Das Problem der Jenninger-Rede bestand mindestens ebenso (wenn nicht viel mehr) auf der Empfänger-Seite: Auf der Unfähigkeit der Zuhörer, sich auf einen ansonsten politisch untadeligen Redner einzulassen und seine These, dass Gedenken unehrlich wird, wenn man sich nicht darauf einlässt, wie verbreitet Tätergedanken und Täterhandeln in der Bevölkerung waren.

 

Es ist peinlich, wie durch falsch verstandene Political Correctness genau das Gegenteil erreicht wird. Durch die oberflächliche Kommentierung der Rede wird die notwendige Auseinandersetzung mit der Geschichte bagatellisiert.

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