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Sans soleil

Sans Soleil

Ohne Sonne

Frankreich 1982

Regie: Chris Marker.

Kamera: Sandor Krasna.

Länge: 100 Min.

 

Avantgardefilm. Der Dokumentarfilm schildert in Form eines Essays Reiseeindrücke aus Afrika und Japan. Polemischer Öko-Film über die Schönheiten der Natur und ihre Bedrohung durch die Zivilisation. Spannender als viele Spielfilmabenteuer.

 

Quelle: Adolf Heinzlmeier: Lexikon Filme im Fernsehen. Rasch und Röhring Verlag, Hamburg, 2. erw. Aufl, 1990.

 

 

 

 

Metzler Filmlexikon: Sans Soleil

Ein Film von großer Dichte und Komplexität, kein klassischer Essayfilm. Wie ein weit verzweigtes und fest geflochtenes Rhizom wuchern Bilder und Gedanken. Reisebeschreibungen, in Briefform geäußerte Gedanken, Gedichte, Anekdoten, thematische Reflexionen über Bilder und das Kino wechseln kunstvoll miteinander ab. Sans soleil setzt auf die analytische Kraft der Bilder, auf die -Errettung der äußeren Wirklichkeit. Der Film schafft dies, indem er die große Bilderflut, die numerische Vervielfachung der existierenden Bilder und die Zersetzung ihrer Abbildfunktion durch die elektronische Bearbeitung im Computer, in den Körper des Films selbst hineinholt.

 

Walter Benjamins Flaneur wandelte noch zu Fuß durch die Metropolen, der Zuschauer von Sans soleil flaniert durch die ganze Welt, die städtischen Konzentrationen ebenso wie die ländlichen Randgebiete. Ungleichzeitigkeiten der Entwicklung werden übersprungen wie die räumlichen Grenzen; Vergangenes durchdringt die Gegenwart, und ein Stück Zukunft wird sichtbar.

 

Japan und Afrika gilt das Hauptinteresse des Films. Der Kommentar nennt sie "die beiden äußersten Pole des Überlebens". Von der elektronischen Zeichenwelt der Megametropole Tokyo zu dem Gewimmel der Märkte Guinea Bissaus. Der Krieg der Schaltkreise und der Befreiungskrieg, Action cooking in Ginza und der Hungertod in der Wüste. Die Riesengesichter der Comicfiguren auf den elektronischen Plakatwänden in Tokyo und die Masken der Tänzer beim Karneval auf den Kapverden. Was die Extreme verbindet, ist der Umgang mit den Dingen und den Zeichen. Hier wie dort sind die Formen des Blicks und die Funktionen des Bildes noch nicht restlos vom Prinzip des ökonomischen Tausches durchdrungen, sie haben noch magische, rituelle, mythische Funktionen.

 

Bilder einer startenden Polarisrakete und Bilder von Emus auf der Ile de France, Bilder des letzten mit Petroleum betriebenen Leuchtturms auf der Insel Sal und Bilder eines Festungsturms, der einst Jeanne d´Arc Schutz geboten hat. Andere Bilder, durch den Computer von Sinn und Bedeutungslast befreit, explodieren zu reinen Farben und Bewegungen. Der Film nimmt Bilder aus allen Zusammenhängen und akzeptiert keine Gesetze oder Grenzen in ihrer Rekombination. Trotzdem werden die Bilder nicht beliebig, sondern kommen gerade auf diese Weise wieder zu ihrem Recht, auch weil eine direkt illustrierende Beziehung zwischen Bild und Ton unterbleibt. Marker sammelt seine Bilder überall auf der Welt und zu allen Zeiten. Er arrangiert sie jedoch nicht zu einem schlüssigen Konzept, sondern wendet sie hin und her, untersucht sie, ohne ihnen ihr Geheimnis zu nehmen.

 

Der Kommentar begleitet die Bilder, er greift ihnen vor oder folgt ganz anderen Assoziationen, als es die Bilderketten tun. Doch ist nie eindeutig, wer spricht: Kein singulärer Autor breitet seine Gedanken aus. Eine weibliche Stimme liest aus den Briefen eines durch die Welt reisenden Kameramannes, manchmal zitiert sie ihn in der indirekten Rede, ein anderes Mal kommentiert sie Briefpassagen, oder es folgt ohne Übergang ein neuer, eigener Gedanke. Die Grenze zwischen der Person, die berichtet, und der, die zitiert, verwischt sich. Das Ich des Kommentars verdoppelt sich, es sind zwei Personen oder vielleicht sogar vier. Raum und Zeit sind zersplittert; auch auf der Ebene der Sprache soll keine einheitliche Perspektive geschaffen werden. Der Text ist eine komplizierte, fiktionalisierende Konstruktion, die verhindert, daß der Film ein Zentrum bekommt - ein Zentrum, von dem der Autor Chris Marker glaubt, daß es in der Welt schon lange nicht mehr vorhanden ist. Sans soleil ist eine geschickt gebaute Spirale zwischen Gegenwart und Vergangenheit, die in einen Bereich der Bilder führt, die Marker nach dem Tarkovskij-Film Stalker "die Zone" nennt. Eine Spirale des Erinnerns wie in einem anderen Film, Vertigo, den das ich des Kommentars neunzehnmal gesehen hat, um dann in einer Wallfahrt nach San Francisco in einer Begegnung mit dem Hyperrealen festzustellen, daß die Orte der filmischen Scheinwelt alle in der Wirklichkeit existieren: Hitchcock hat nichts erfunden. Sons soleil ist ein einzigartiger Versuch, Raum und Zeit gleichzeitig zu durchdringen und einen Film zu machen, der sich selbst vor seiner Entstehung kommentiert. Der Film beginnt mit einem kurzen Bild von drei Kindern auf einer Straße in Island, gefolgt von Schwarzfilm. Etwas verschoben heißt es im Kommentar: "Er sagte mir, es sei für ihn das Bild des Glücks und auch daß er mehrmals versucht habe, es mit anderen Bildern in Verbindung zu bringen - aber das sei nie gelungen. Er schrieb mir: `Ich werde es eines Tages ganz allein an den Anfang eines Filmes setzen, und lange nur schwarzes Startband darauf folgen lassen. Wenn man nicht das Glück in dem Bild gesehen hat, wird man wenigstens das Schwarze sehen...´" Später sehen wir dieses Bild wieder in der ganzen Länge der ursprünglichen Einstellung, aus der es isoliert wurde, und die Stimme sagt: "In Island habe ich den Grundstein zu einem imaginären Film gelegt. In jenem Sommer war ich drei Kindern auf der Straße begegnet und ein Vulkan war aus dem Meer aufgetaucht... Freilich werde ich diesen Film nie drehen. Aber ich sammle Dekorationen, ich denke mir Umwege aus, ich bringe meine Lieblingsgeschöpfe darin unter, und ich gebe ihm sogar einen Titel, eben den der Melodien Mussorgskijs: Ohne Sonne."

 

"Sans soleil". Hamburg 1983. (Kommentartext).

Klaus Ahlheim/David Wittenberg: "Die Dinge, die das Herz schneller schlagen lassen", in: Thomas Koebner (Hg.): Autorenfilme. Münster 1990; Hans-Christoph Blumenberg: "Die Welt als Fundsache", in: ders.: Gegenschoß. Frankfurt a.M. 1984; Orkun Ertener: "Filmen, als ob sich filmen ließe", in: Augen-Blick, 1991. H. 10: Andreas Eisenhart: "Sans soleil, in: Filmkritik, 1983, H. 5; Eva Hohenberger: "Er schrieb mir", in: film-dienst, 1995, H. 3; Jean-Pierre Jeancolas: "Le monde, à la lettre", in: Positif. 1983. H. 264; Stephen Jenkins: "Sans soleil", in: Monthly Film Bulletin, 1984, H. 606; Birgit Kämper: "Sans Soleil - `ein Film erinnert sich selbst´", in: Christa Blümlinger/Constantin Wulff (Hg.): Schreiben Bilder Sprechen. Wien 1993; Yann Lardeau: "L´empire des mots", in: Cahiers du Cinéma, 1983. H. 345; Pierre Legendre: "Notification poetique du désir et de la mort", in: Positif, a.a.O.: Terence Rafferty: "Marker changes trains", in: Sight and Sound, 1984, H. 4; Edgar Reitz: "Das Unsichtbare und der Film", in: ders.: Liebe zum Kino. Köln 1984; Walter Ruggle: "Vom Eindringen in die `Zone´ des Bildes", in: Filmbulletin, 1984, H. 134; Birgit Thiemann: "Die Relativität der Dinge und ihrer Begriffe", in: Augen-Blick, a.a.O.

 

Autor: Jochen Brunow.

Quelle: Michael Töteberg (Hrsg.): Metzler Filmlexikon. J. B. Metzler Verlag, Stuttgart/Weimar 1995.