Sein oder Nichtsein
To Be or Not To Be
USA 1942
Regie: Ernst Lubitsch.
Kamera: Rudolf Maté.
Länge: 94 Min. s/w
Darsteller: Jack Benny, Carole Lombard, Robert Stack, Felix Bressart, Lionel Atwill, Sig Ruman
Leihmöglichkeit: VHS Video (Nr. 42 57002) / DVD (Nr. 46 50107) beim LMZ Baden-Württemberg.
1939 in Warschau probt das Theater eine Hitler-Parodie, aber der Einmarsch der deutschen Truppen verhindert die Aufführung; statt dessen kommt wieder "Hamlet" auf den Spielplan. Doch die Wirklichkeit überholt das Theater, und bald müssen die Schauspieler wirkliche Nazis spielen - Politthriller als bissig-böse Antinazi-Satire. Filmklassiker.
Quelle: Adolf Heinzlmeier: Lexikon Filme im Fernsehen. Rasch und Röhring Verlag, Hamburg, 2. erw. Aufl, 1990.
Metzler Filmlexikon: To Be or Not To Be
Als To Be or Not To Be im November/Dezember 1941 gedreht wurde, stand der Holocaust noch bevor, jedoch waren die Grausamkeiten der Gestapo in den USA bereits seit Jahren bekannt. 1942 wurde bei der "Wannsee-Konferenz" die Vernichtung der Juden Europas von den Nazis beschlossen; im selben Jahr kam Ernst Lubitschs Anti-Nazi-Filmkomödie zur Uraufführung, in der äußerst derbe Scherze um einen "Konzentrationslager-Erhardt" gemacht werden. Damals wie heute waren die Scherze komisch - doch mochten einige Zeitgenossen nicht darüber lachen. Angesichts der politischen Lage erschien es ihnen recht unpassend, über diese Themen Witze zu reißen. Lubitsch sah sich gezwungen, seinen Film zu verteidigen: "Ich habe drei Todsünden begangen, so scheint es - ich habe die üblichen Genres mißachtet, als ich Melodrama mit komischer Satire und sogar mit Farce verband, ich habe unsere Kriegsziele gefährdet, weil ich die Nazibedrohung verharmloste, und ich habe außerordentlich schlechten Geschmack bewiesen, weil ich das Warschau von heute als Schauplatz für eine Komödie wählte", leistete er ironische Selbstkritik in der "New York Times" (29.3.1943). Fünf Jahre später ging er noch einmal auf den Fall ein. "To Be or Not To Be hat viel Polemik herausgefordert und ist meiner Meinung nach unberechtigterweise angegriffen worden", schrieb er in einem Brief an Herman G. Weinberg. "Dieser Film mokiert sich nicht über die Polen; er war nur eine Satire über Schauspieler, Nazi-Geist und bösen Nazi-Humor. Obwohl dieses Bild des Nazismus als Farce gemeint war, zeigte es ihn doch ungeschminkter als viele Romane, Artikel und Filme, die sich mit denn selben Gegenstand beschäftigten."
1939, nach der Besetzung Polens durch deutsche Truppen, muß ein Warschauer Theater schließen. Die arbeitslosen Schauspieler nutzen jedoch ihr Talent und die für ein Antinazistück hergestellten Uniformen und Kostüme als Waffe im Untergrundkampf: Unfreiwillig zu Partisanen geworden, überlisten sie die Gestapo und Wehrmacht, wobei die Liebesromanze der Theaterleiterin Maria Tura mit dem jungen polnischen Luftwaffenoffizier Stanislav Sobinski für zusätzliche Verwirrung sorgt. Lubitsch ist mit To Be or Not To Be eine seiner raffiniertesten sophisticated comedies und zugleich ein Ausnahmefilm unter den zahlreichen - ca. 150 insgesamt - Anti-Nazi-Filmen Hollywoods gelungen. Indem er faschistische Machtrituale als theatralischen Bluff entlarvt, karikiert der Film darüber hinaus einen wichtigen Aspekt des Nationalsozialismus, dessen Schergen als aufgeblasene Schmierendarsteller gezeigt, mit ihren eigenen Mitteln geschlagen und der Lächerlichkeit preisgegeben werden. To Be or Not To Be ist eine Hommage an das Theater. Entgegen seinen sonstigen Gewohnheiten benutzte Lubitsch kein Theaterstück oder einen literarischen Stoff als Vorlage, sondern schrieb mit dem Autor Melchior Lengyel eine Originalstory. Es handelt sich, denkt man an Lubitschs eigene Theatererfahrungen hei Max Reinhardt in Berlin, auch um einen persönlichen Film: To Be or Not To Be fragt nach der "Trennungslinie zwischen Bühne und Leben, zwischen Schein und Realität, zwischen Spiel und Ernst, zwischen Sein und Nichtsein"; ein Thema des Films ist der "permanente Konflikt des Schauspielers zwischen dem Wunsch, überzeugend in seiner Rolle aufzugehen, und dem Bedürfnis, als großer Darsteller erkannt und anerkannt zu werden". (Heinz-Gerd Rasner).
Lubitsch treibt mit Entsetzen Scherz; daß darüber erhobenen Hauptes nach wie vor gelacht werden kann, während das Remake von Mel Brooks (1983, Regie Alan Johnson) nur albern wirkt, darin erweist sich die präzise Treffsicherheit von Lubitschs Komödienstil. Die Realität, der Überfall der Deutschen Wehrmacht auf Polen, teilt sich in diesem Film über einen kalkulierten Stilbruch mit: In einer Szene scharen sich die Theaterschauspieler in ihren Kostümen um ein Radio, aus dem eine Rede Hitlers zu hören ist. "Für zwanzig Minuten verliert die Geschichte fast völlig den Charakter einer Komödie und nimmt statt dessen die Form eines realistischen Kriegsdramas an." (Heinz-Gerd Rasner).
Susanna Backes: "Zufall oder kein Zufall?", in: Frankfurter Rundschau, 25.3.1994; Richard Corliss: "Edwin Justus Mayer", in: ders.: Talking Pictures. Woodstock, New York 1974; James Harvey: "Romantic Comedy in Hollywood". New York 1991; Jan Christopher Horak: "Anti-Nazi-Filme der deutschsprachigen Emigration von Hollywood 1939-1945". Münster 1984; Joachim Kaiser: „Ernst Lubitschs brillante Gestapo-Komödie", in: Süddeutsche Zeitung. 18.8.1960; Hellmuth Karasek: „To Be or Not To Be" in: ders.: Mein Kino. Hamburg 1994; Robert W. Mills: "The American Films of Ernst Lubitsch. Ann Arbor 1976; Peter Nau: „Zur Kritik des Politischen Films". Köln 1978; Uwe Naumann: „Zwischen Tränen und Gelächter". Satirische Faschismuskritik 1933-1945 Köln 1983: Enno Patalas: „Sein oder Nichtsein", in: Filmkritik, 1960, H.8; William Paul: „Ernst Lubitsch's American Comedy". New York 1983; Heinz-Gerd Rasner: „To Be or Not To Be" in: Hans Helmut Prinzler/Enno Patalas (Hg.): Lubitsch. Berlin 1984; Herta-Elisabeth Renk: „Ernst Lubitsch". Reinhek 1992; Herman G. Weinberg: "The Lubitsch Touchs". New York 1977.
Autor: Ronny Loewy.
Quelle: Michael Töteberg (Hrsg.): Metzler Filmlexikon. J. B. Metzler Verlag, Stuttgart/Weimar 1995.
Reclams Filmführer: Ernst Lubitsch
Lubitsch, geboren am 28. Januar 1892 in Berlin (Deutschland) und gestorben am 30. November 1947 in Hollywood (USA), war zunächst im väterlichen Geschäft, einer Damenschneiderei tätig, ehe Max Reinhardt ihn 1911 als Schauspieler entdeckte. Schon bald trat Lubitsch auch in Filmen auf, und 1914 führte er zum ersten Mal selbst in einem Film Regie. 1919 hatte er mit der Komödie Die Austernprinzessin und mit dem historischen Ausstattungsfilm Madame Dubarry großen Erfolg und zählte damit zu den führenden deutschen Filmregisseuren. Aber schon 1922 ging er nach Hollywood, wo er bis zu seinem Tode blieb.
In Deutschland drehte der vielseitige Lubitsch Volksstücke, Komödien und historische Ausstattungsfilme, die vor allem seinen Ruhm begründeten. In Hollywood wurde er zum Meister der Gesellschaftskomödie, die gewöhnlich ein wenig frivol und ein wenig zynisch war gerade soviel, daß sie noch das augenzwinkernde Einvernehmen mit den Helden gestattete. Der vielzitierte "Lubitsch touch" bestand dabei aus der spielerischen Leichtigkeit, mit der er seine Pointen setzte, aus dem Geschick, mit dem er dramatische Situationen ironisch auflöste und das Pathos seiner Helden entlarvte. Die Erfindung des Tonfilms nutzte Lubitsch für einfallsreiche musikalische Komödien, denen die Entwicklung des amerikanischen Musicals viel verdankt.
Blindekuh (1915), Schuhpalast Pinkus (1916), Ein fideles Gefängnis (1917), Carmen (1918), Die Augen der Mumie Ma (1918), Die Austernprinzessin (1919), Die Puppe (1919), Madame Dubarry (1919), Kohlhiesels Töchter (1920), Sumurun (1920), Anna Boleyn (1920), Die Bergkatze (1921), Das Weib des Pharao (1921).
In den USA: The marriage circle (Die Ehe im Kreise, 1924), Forbidden paradise (Das verbotene Paradies, 1924), Lady Windermere's fan (Lady Windermeres Fächer, 1925), The student prince (Der Studentenprinz / Alt-Heidelberg, 1927), The love parade (Liebesparade, 1929), The smiling lieutenant (Der lächelnde Leutnant, 1931), The merry widow (Die lustige Witwe, 1934), Angel (Engel, 1937), Bluebeard's eighth wife (Blaubarts achte Frau, 1938), Ninotchka (Ninotschka, 1939), The shop around the corner (Rendezvous nach Ladenschluß, 1940), That uncertain feeling (Ehekomödie, 1941), To be or not to be (Sein oder Nichtsein, 1942), Heaven can wait (Ein himmlischer Sünder / Memoiren eines Lebemannes, 1943), That lady in ermine (Die Frau im Hermelin, 1948 - fertiggestellt von Otto Preminger) u. a.
Quelle: Krusche, Dieter: Reclams Filmführer. Reclam Verlag, Stuttgart, 10. neu bearb. Aufl. 1996.







