Shoah
Frankreich 1985
Regie: Claude Lanzman.
Kamera: Dominique Chapuis, Jimmy Glasberg, William Lubchansky.
Länge: 566 Min.
Leihmöglichkeit: VHS Video (Nr. 42 51865) beim LMZ Baden-Württemberg.
Ohne sich nur eines einzigen Bildes der Vernichtung zu bedienen, zeichnet Shoah in neuneinhalb Stunden eindringlich die Spuren bzw. die Spurentilgung eines grauenhaften Völkermordes nach. Keine historische Aufnahme, keine fiktive Erzählung schockiert die Zuschauer. Der Zugriff auf die `reale Hölle´ erfolgt fast ausschließlich aus dem Blickwinkel der Gegenwart.
Das ästhetische Konzept Lanzmanns ist eine überzeugende Antwort auf die Frage, ob und wie sich nach Auschwitz noch eine Kunst schaffen ließe, die das Grauen weder durch unzulängliche Abbildungen trivialisiert, noch durch klischeehafte Verklärungen einer moralisierenden Sinnstiftung unterzieht. Dank eines außergewöhnlichen Procedere findet die intendierte "Réincarnation" der Vergangenheit vielmehr in der Imagination der Zuschauer statt, da sie sich konkret an der komplexen filmischen Verschränkung von Ton- und Bildmaterial entzündet.
Lanzmann verzichtet auf Chronologie; er breitet ein dichtes Netzwerk vielfältiger Bezüge aus, das sich nur langsam entwirrt. Er bereist heutige polnische Landschaften und Dörfer. deren vordergründige Idylle über die einstigen Plätze der Tötungsmaschinerie hinwegtäuscht: Ansichten von Treblinka vermischen sich mit denen von Chelmno, Sobibor, Grabow, Auschwitz. Immer wieder schieben sich Rampen und Bahngleise ins Bild, sind stehende Waggons zu sehen, rattern Eisenbahnen vorbei, oder befindet sich die Kamera selbst auf einem rollenden Zug - Metaphern einer gnadenlosen Reise in den Tod.
Die ersten Filmbilder nehmen dieses Thema sinnbildlich vorweg: Charon befährt den Fluß Styx. Die Eingangssequenz zeigt, auf einem Kahn durch die malerische Flußlandschaft bei Chelmno gleitend, den singenden Srebnik, heute wie damals Grenzgänger zwischen dem Reich der Toten und der Lebenden. Indem Lanzmann ihn nach Polen an die nun grasüberwachsenen mörderischen Stätten zurückbringt, durchlebt und wiederholt Srebnik seine Erfahrungen als dreizehnjähriger Junge, selbst knapp dem Tod durch Genickschuß entronnen. Die subjektive Kamera tastet schwankend das weite Gelände ab, während der Schock dem Mann die Sprache verschlägt. "Es war still. Ruhig. So wie jetzt, so war es." Die Aussage Srebniks verändert den Blick auf die Landschaft. Vergangenes wird gegenwärtig.
Über den Sänger stellt Lanzmann die Verbindung zu den Bauern Chelmnos her, die über Gehörtes und Gesehenes mit z. T. unterschwelligem Antisemitismus berichten. Weltweit sticht er Menschen in ihren heutigen Lebensbedingungen auf: überlebende Opfer der Konzentrationslager. deutsche "Techniker" der Vernichtung.
Die Methode der Oral History selbst ist nicht neu. Einzigartig ist die psychologisch fundierte und auf unterschiedlichste Weise situativ abgestimmte Fragetechnik Lanzmanns, um den Befragten ihre verdrängten oder verleugneten Bewußtseinsinhalte zu entlocken. Abgesehen von der insistierenden, oft auch schonungslosen Gesprächsführung frappiert sein Vorgehen besonders, wenn er die Betroffenen, wie Srebnik, noch einmal im `Spiel´ in die damalige Situation zurückversetzt: Abraham Bomba, von Beruf Friseur, wurde als Arbeitsjude gezwungen, den Frauen, Minuten vor dem Schritt in die Gaskammer, die Haare abzuschneiden. In einem angemieteten Friseursalon in Tel Aviv bringt Lanzmann ihn vor der Kamera dazu, die Bewegungen auszuführen und dieses Trauma noch einmal zu durchleben, während der normale Kundenbetrieb weitergeht. Die Gesichtszüge spiegeln die tiefe Pein Bombas, sorgfältig von der Kamera in Großaufnahme registriert. Nur in diesem Zusammenbruch wird für Lanzmann die "Réincarnation" des verinnerlichten Horrors deutlich und kann als authentisches Zeugnis exemplarisch für die Qualen eines ganzen Volkes gelten, das noch heute unter den Nachwirkungen leidet. Die bewußt fragmentarisch präsentierten Interviews ergeben ein subtil gewobenes Geflecht ineinander verschränkter Auszüge, die das Unvorstellbare aus jeweils unterschiedlichen Perspektiven beleuchten: Der Erzähler ist entweder an einem neutralen Ort oder am erzählten Ort der Vernichtung. Kommt die Stimme aus dem Off, sucht die Kamera z. B. in langen Plansequenzen die Landschaft ab, oder andere assoziative Anschlüsse sind als Bild dem Ton unterlegt. So umkreist der Film zunächst die anfängliche Sprachlosigkeit der Protagonisten, um sich kaleidoskopartig den Umständen des Transportes, der Ankunft der Deportierten im Lager, den alltäglichen Grausamkeiten und ihrer Organisation zu nähern. Lanzmann bezieht Stellung. Durch die Kameraführung wird der Zuschauer immer wieder in die Perspektive der Opfer gedrängt. Plötzlich befindet er sich selbst auf dem Zug, der unerbittlich auf das Haupttor von Auschwitz zurollt und abrupt an der Rampe stoppt, die für immer das Ende bedeutet. Agonie wird zur eigenen Erfahrung. Den vielen, farbigen Nahaufnahmen der Opfer und Betroffenen steht die Vermittlung der `Täter´-Seite indessen gebrochen und unvereinbar gegenüber. Bedingt ein Interview mit versteckter Kamera durchaus eine größere Unschärfe des Bildes, so schafft der Regisseur auch auf anderen Ebenen Distanz zum Gesagten. Während er mit dem Interviewten ein sogenanntes "Fachgespräch" führt, empfängt die Funkstation eines Kleintransporters auf einem winzigen Monitor flimmernde, grobkörnige Schwarzweiß-Bilder mit schwarzen Balken. Mitarbeiter regulieren die Aufnahmequalität - eine unmißverständliche Anspielung auf die Verdrehung der Wahrheit, falls nicht schon das Mienenspiel selbst die Täter der Lüge überführt.
"Shoah". Düsseldorf 1986. (Filmtext).
Marc Chevrie: "`Das ist das Platz´", in: Cahiers du Cinema, 1985, H. 374; Michel Deguy (Hg.): "Au sujet de Shoah". Paris 1990; T. Doherty: "Representing the Holocaust: Claude Lanzmanns Shoah", in: Film and History, 1987, H. 1; Peter W. Jansen: "Shoah", in: tip Filmjahrbuch. Bd 2. Frankfurt a.M. 1986; Klaus Kreimeier: "Unsagbares sagen", in: epd Film, 1986, H. 3; Gertrud Koch: "Die Einstellung ist die Einstellung". Frankfurt a.M. 1992; Dietrich Leder: "Shoah", in: Rudolf Joos/ Isolde L. Mozer (Red.): Filme zum Thema. Bd. 2. Frankfurt a.M. 1988; Herbert Luft: "Shoah", in: Films in Review, 1986, H. 5; Michael Marek: "Verfremdung zur Kenntlichkeit", in: Rundfunk und Fernsehen, 1988, H. 1; Marcel Ophuls: "Closely Watched Trains", in: American Film, 1985, H. 2; Robert Riesinger: "Die Spur des Todes", in: Jürgen E. Müller/ Markus Vorauer (Hg.): Blick-Wechsel. Münster 1993; Hervé LeRoux: "Le lieu et la parole", in: Cahiers du Cinema, a. a. O.; Corinne Schelbert: "Annäherung an Auschwitz", in: Cinema, Basel, 1986, Bd.32; Louise Sweet: "Shoah", in: Monthly Film Bulletin, 1987, H. 638; Ulrich Wendt: "Prozesse der Erinnerung", in: Cinema, Basel, 1994, Bd. 39.
Autor: Andrea Otte.
Quelle: Michael Töteberg (Hrsg.): Metzler Filmlexikon. J. B. Metzler Verlag, Stuttgart/Weimar 1995.







