Spekualtionen über einen "Kriminalfall Kepler"

- So geht's auch: "Das Weltgeheimnis" des Berliner Journalisten und Physikers Thomas de Padova ist eine spannend geschriebene (Doppel-) Biographie und wissenschaftliches Sachbuch in einem.
Es gibt viele gute Bücher über Kepler, und jeder Autor findet einen anderen Weg zu diesem Genius. Einen höchst spekulativen und sicher sehr verkaufsfördernden fanden 2005 die Amerikaner Joshua und Anne-Lee Gilder mit ihrem Buch „Der Fall Kepler. Mord im Namen der Wissenschaft“. Darin äußern sie den Verdacht, dass Johannes Kepler seinen Mentor Tycho Brahe mit Quecksilber vergiftet habe.
Was steckt dahinter?
Johannes Kepler wurde 1600 Assistent von Tycho Brahe. Brahe (1546 – 1601) lebte als reicher dänischer Edelmann in Prag, und hatte sich mit Haut und Haaren der Astronomie verschrieben. Die Messwerte der täglichen Planeten- und Sternenpositionen, die Tycho Brahe im Laufe seines Lebens sammelte, waren von damals unerreichter Vollständigkeit und Genauigkeit. Brahe war zwar ein exakter Beobachter, aber kein Mathematiker. Kepler hingegen war ein Mathematiker mit astronomischen Visionen, aber er hatte keine eigenen Messwerte, nicht zuletzt auch deshalb, weil er fehlsichtig war.
Am 24. Oktober 1601 stirbt Tycho Brahe nach einem großen Trinkgelage, das zehn Tage vorher stattgefunden hatte. Klarer Fall, sagen die amerikanischen Autoren: Da man in Brahes Barthaaren nachträglich Quecksilber gefunden hatte, wurde der Däne mit Quecksilber vergiftet. Ebenso schnell finden die beiden Hobbykriminalisten den Täter: Kepler war’s – schließlich profitierte er von Brahes Tod, er wurde sein Nachfolger.

- Eher oberflächlich und extrem spekulativ. Hofften die Autoren auf einen Bestseller?
Bei genauerer Betrachtung zeigt sich, dass Kepler mehr Nachteile als Vorteile von Brahes Tod hatte. Zwar misstraute Brahe Kepler zunächst in der Angst, dass sein kluger junger Assistent ihn als führenden Astronom seiner Zeit verdrängen könnte. Er gab ihm deshalb zunächst nur Einblick in einen Teil seiner umfangreichen Datensammlung. Doch war Kepler dank Brahes Vermittlung schließlich für die Stelle des Hofmathematikers vorgesehen. Für eine Quecksilbervergiftung, so eine vor kurzem erstellte Expertise des Klinikums der Universität München, fehlt zudem jegliche Symptomatik. Ein „Kriminalfall Kepler“ ist also sehr unwahrscheinlich und widerspräche zudem der streng lutherischen Haltung Keplers.
Kepler wurde dann tatsächlich Hofastronom bei Kaiser Rudolf II. Nach sechs Jahren voll sorgfältiger und mühseliger Berechnungen auf Basis von Brahes Messdaten konnte er beweisen, dass die klassische Vorstellung von Kreisbahnen falsch ist. Kepler zeigte, dass sich die Planeten auf Elipsen bewegten. Niemand vor Kepler hatte jemals soviel gerechnet wie er. (Nebenbei: Die Bahnellipsen unterscheiden sich nur im Promillebereich von Kreisen - mit bloßem Auge ist der Unterschied nicht erkennbar.)
Albert Einstein sagte rund vierhundert Jahre später über seinen Landsmann: „Kepler fand die wahre Gestalt der Erdbahn und wie sie durchlaufen wird. Wir später geborenen Menschen, Europäer, Deutsche oder sogar noch Schwaben, dürfen ihn darob wohl bewundern und preisen.“

- Das nach Tycho Brahe benannte Planetarium in Kopenhagen (Bild: Thue/wikimedia)
Bücher über Kepler
Mechthild Lemcke: Johannes Kepler. Reinbeck 1995. (Sehr gute Kurzbiographie)
Anna Maria Lombardi: Johannes Kepler. Mailand/Heidelberg 2000.
(Anschauliche Kurzbiographie)
Volker Bialas: Johannes Kepler. München 2003. (Philosophische Aspekte)
Max Caspar: Johannes Kepler. Stuttgart 1995. (Standardbiographie)
James Connor: Kepler’s Witch. New York 2004. (Lesenswert, englisch)
C. F. von Weizsäcker: Grosse Physiker. München 1999.
Katja Doubek: Katharina Kepler. München 2003. (Erzählende Biographie)
Gerhard Schnell: Kepler, Mathematicus der Kaiser. Norderstedt 2006. (Erzählende Biographie)
Kitty Ferguson: The Nobleman and his Housedog. Review books 2002.
(Kenntnisreiche Doppelbiographie Brahe/Kepler)
Thomas de Padova: Das Weltgeheimnis. München 2009. (Profunde und
lesenswerte Schilderung der Beziehung Kepler/Galilei. Umfangreiche Literaturangaben)
Kepler im Film
Der 15minütige Film "Johannes Kepler - Die Bahnen der Planeten" (D 2004) ist als DVD unter der Verleihnummer 4680889 bei verschiedenen Kreismedienzentren ausleihbar. Zur Medienrecherche...
Das Internationale Jahr der Astronomie 2009
In Erinnerung an die großen Fortschritte und an die Bedeutung der Astronomie für die Kultur der gesamten Menschheit haben Vereinten Nationen haben das Jahr 2009 offiziell zum "Internationalen Jahr der Astronomie" (International Year of Astronomy IYA 2009) ausgerufen.







