Vertigo Aus dem Reich der Toten
USA 1958
Regie: Alfred Hitchcock.
Kamera: Robert Burks.
Länge: 130 Min.
Darsteller: James Stewart, Kim Novak, Barbara Bel Geddes.
Leihmöglichkeit: VHS Video (Nr. 42 57946) beim LMZ Baden-Württemberg.
Thriller. Brillant konzipiertes und durchgeführtes Seelendrama um einen Mann mit Höhenangst und seine Liebessehnsucht zu einer Frau, der er zweimal verfällt. Mit dramaturgischen Überraschungen aufwartender, in intensiven Stimmungen schwelgender Spannungsfilm; Kim Novak in ihrer besten Rolle.
Quelle: Adolf Heinzlmeier: Lexikon Filme im Fernsehen. Rasch und Röhring Verlag, Hamburg, 2. erw. Aufl, 1990.
Metzler Filmlexikon: Vertigo
Scottie Ferguson, der nach einem Unfall an Höhenangst (engl. Vertigo) leidet und den Polizeidienst quittiert hat, wird von seinem Freund Elster gebeten, seine verhaltensauffällige Frau zu beschatten. Es gelingt ihm, ihren Selbstmord gerade noch zu verhindern. Madeleine behauptet, eine vor langer Zeit verstorbene Person namens Carlotta zu sein und von Todessehnsucht getrieben zu werden. Scottie, mittlerweile hoffnungslos in sie verliebt, ist entschlossen, ihr Rätsel aufzuklären. Beim Besuch einer alten Mission - ein Platz, an dem sie im vergangenen Jahrhundert schon einmal gewesen sein will - kann er wegen seiner Phobie nicht verhindern, daß Madeleine sich vom Kirchturm in den Tod stürzt.
Scottie findet sich im emotionalen Chaos wieder; weder der Arzt noch seine Freundin Midge können ihn von seinen Alpträumen befreien. Zufällig trifft er eine Frau, Judy, deren Gesicht an Madeleine erinnert. In einer Rückblende erfährt der Zuschauer die Wahrheit: Judy hat sich als Madeleine verkleidet, Elster mit ihrer Hilfe seine Frau beseitigt und Scottie zum Zeugen eines vermeintlichen Selbstmordes gemacht.
Der ahnungslose Scottie - von der obsessiven Liebe zu der verlorenen Madeleine getrieben - überredet Judy, Madeleines Kleidung und Haarfarbe anzunehmen. Als er schließlich Verdacht schöpft, zwingt er sie zu einem Geständnis auf dem Kirchturm der alten Mission, wo sie diesmal wirklich abstürzt. Scottie wird durch den Schock von seiner Höhenangst befreit.
Vertigo ist Hitchcocks reichhaltigster Film, in dem sich seine Themen, sein psychoanalytisches Interesse und seine stilistischen Vorlieben verbinden zu einem komplexen Geflecht, zumal sich die Spannung nach der Auflösung des Rätsels am Beginn des zweiten Teils vom kriminalistischen Aspekt auf das emotionale Drama verlagert. Romantische Motive wie das des Doppelgängers, die Fixierung auf eine unerreichbar scheinende Frau und die Erlösung im Tod werden mit der typisch Hitchcockschen Verwicklung eines durchschnittlichen, vernunftbegabten Protagonisten in einen Mordkomplott vermischt. Hinzu kommt eine deutlich erotische Komponente: Scotties Versuch, in Judy Madeleine wiederherzustellen, zielt ausschließlich auf ihre kühle, geheimnisvolle Erscheinung. Der eigentliche Schock besteht nicht darin, daß er sich von Judy hat täuschen lassen, sondern daß die Madeleine seiner Vorstellung nie existiert hat. Mit ihrem zweiten Tods verliert er endgültig das Objekt seiner Begierde.
Die erste Hälfte des Films spielt an Orten der Vergangenheit und Vergänglichkeit. Scottie beschattet Madeleine im Museum, auf dem Friedhof (der durch irreales Licht trotz der Taghelle gespenstisch verfremdet wirkt) und bei einem Besuch im mysteriösen Haus der Carlotta. Gemeinsam fahren sie später zu einem märchenhaften Wald von Mammutbäumen und zu einer alten spanischen Mission - Hinweis auf die geschichtliche Vergangenheit Kaliforniens, die auch in der Orchestrierung der Filmmusik mit Kastagnetten immer wieder anklingt. Die Titelsequenz mit ihren rotierenden Spiralen, die den Blick sogartig in die Tiefe ziehen, etabliert eine irritierende Instabilität, die den ganzen Film hindurch erhalten bleibt. Eine wichtige Rolle spielt dabei die sich einer durchgehenden Melodie verweigernde Musik von Bernard Herrmann, die harmonisch nie auf sicherem Boden steht. San Francisco mit seinen schwindelerregenden Hügeln und Tälern ist Schauplatz unendlicher Verfolgungsfahrten. Und schließlich versetzt die Kombination einer Kamerafahrt mit einem Zoom auch den Zuschauer, der Scotties Blick in die Tiefe des Treppenhauses teilt, in einen Taumelzustand.
Meisterhaft ist die Dramaturgie der Farbe und die visuelle Gestaltung. Bei der ersten Begegnung zwischen Scottie und Madeleine in einem Lokal trägt Madeleine ein malachitgrünes Brokatkleid - durch die rote Tapete im Kontrast gesteigert und den freien Rücken und die kunstvoll frisierten, blonden Haare als erotische Verlockung inszeniert. Neongrün ist auch das Licht, das durch das Fenster des Hotelzimmers fällt, als Judy nach Scotties Vorgaben als Madeleine `wiederaufersteht´. Das Motiv des schachtartigen, in die Tiefe ziehenden Treppenhauses kehrt wieder, als Midge ihrerseits nicht vermag, Scottie aus seiner Apathie zu befreien: Deprimiert verschwindet sie in der Tiefe eines Korridors, an dessen Ende kein Licht ist (so wie Madeleine einen immer wiederkehrenden Traum beschrieben hat).
Ausstattungsmerkmale des Melodramas entwickelt Hitchcock in Vertigo zum elaborierten Vexierspiel von Sein und Schein weiter: Die Spiegeltür, in der Scottie Madeleine im Blumenladen beobachtet, betont ihren chimärenhaften Charakter; im zweiten Teil ist häufig nur Judys Ebenbild im Spiegel zu sehen. Kunstgriffe wie diese verleihen dem Film einen traumhaften, visionären Charakter.
"Vertigo", in: Bryan R. Bruce: Hitchcock's Vertigo. Toronto, Ontario 1987. (Filmprotokoll). Hartmut Bitomsky u. a.: "Hitchcocks Vertigo", in: Filmkritik, 1980, H. 6; Royal S. Brown: "Vertigo as Orphic Tragedy", in: Literature/ Film Quarterly, 1986. H. 1; Graham Bruce: "Bernard Herrmann: Film Music and Narrative". Ann Arbor, Michigan 1985: Dave Kehr: "Hitch´s Riddle", in: Film Comment, 1984/85, H. 3; Helmut Korte: "Trügerische Realität: Vertigo (1958), in: ders./ Werner Faulstich (Hg.): Fischer Filmgeschichte. Bd.3. Frankfurt a.M. 1990; Mechthild Krüger-Zeul: "Der Knoten. Phantasien über Weiblichkeit und ihre Kostüme in Alfred Hitchcocks Vertigo", in: Frauen und Film, 1985, H. 38; Chris Marker: "A free replay", in: Positif, 1994, H. 400; James F. Maxfield: "A Dreamer and his Dream", in: Film Criticism, 1989/90, H. 3; Alain Silver: "Fragments of a Mirror: Uses of Landscape in Hitchcock", in: Wide Angle, 1976, H. 3; Yann Tobin: "Vertigo revient", in: Positif, 1984, H. 281/282; Bettina Thienhaus: "Vertigo - Aus dem Reich der Toten", in: epd Film, 1984, H. 11; Slavoj iek: "Sublimierung und der Fall des Objekts", in: ders.: Ein Triumph des Blicks über das Auge. Wien 1992.
Autor: Ingo Fließ.
Quelle: Michael Töteberg (Hrsg.): Metzler Filmlexikon. J. B. Metzler Verlag, Stuttgart/Weimar 1995.
Reclams Filmführer: Alfred Hitchcock
Hitchcock, geboren am 13. August 1899 in London (England) und gestorben am 29. April 1980 in Los Angeles (USA), wurde in einem Jesuiten-Seminar erzogen und studierte dann Kunstwissenschaft und Ingenieurwesen. Zum Film kam er als Verfasser und Zeichner von Zwischentiteln. Er avancierte zum Architekten, Cutter, Co-Autor und Regieassistenten.
1922 produzierte und inszenierte er den Film Number thirteen (Nummer dreizehn), der aber aus Geldmangel unvollendet blieb. So debütierte er als Regisseur 1925/26 in München mit zwei englisch-deutschen Coproduktionen. 1926 erzielte er mit The lodger seinen ersten großen Erfolg. In den dreißiger Jahren galt Hitchcock als einer der führenden englischen Regisseure. 1939 ging er nach Hollywood.
Hitchcock gilt unbestritten als Meister des "suspense", einer Spannung, die nicht aus der Abfolge grober Effekte oder der Suche nach dem Täter, sondern aus intelligent dosierter Irritation des Zuschauers entsteht. ("Ich habe 'Whodunits' immer vermieden, weil bei ihnen sich meistens das ganze Interesse auf den letzten Teil konzentriert ... Man sitzt da und wartet in Ruhe auf die Antwort: Wer war der Täter? Von Emotion keine Spur" - Hitchcock.) Sein Lieblingsthema ist der Identitätsverlust. Immer wieder werden seine meist gutbürgerlichen Helden aus der Ordnung ihres alltäglichen Lebens gerissen. Sie werden in ein Verbrechen verwickelt, werden für Verbrecher oder Spione gehalten, oder müssen selbst befürchten, ein Verbrechen begangen zu haben. Ihre gewohnte Umwelt zeigt sich unter der Oberfläche merkwürdig verändert; sie werden Fremde in ihrer eigenen Welt. Diese Thematik bestimmt auch den Stil der Filme. Die Kamera nimmt oft eine subjektive Position ein und zieht den Betrachter in die Handlung hinein. In der Montage wird die Spannung raffiniert gesteigert und ein ständiger Schwebezustand des Argwohns geschaffen. "Man verlangt vom Publikum, fast zwei Stunden ununterbrochen auf ein und dieselbe Fläche zu starren. Da muß man darauf schon etwas unterbringen, was das Interesse der Leute wachhält" (Hitchcock). - "Hitchcock ist augenblicklich der einzige Cinéast der Welt, der genau weiß, was er will und wie er es erreichen kann" (François Truffaut).
The lodger (Der Untermieter, 1926), Blackmail (Erpressung, 1929), Juno and the paycock Juno und der Pfau, 1930), Murder (Mord / Mary Sir John greift ein!, England/Deutschland 1930), Number seventeen (Nummer siebzehn, 1932), Waltzes from Vienna (Wiener Walzer, 1933), The man who knew too much (Der Mann, der zuviel wußte, 1934), The thirty-nine steps (Die 39 Stufen, 1935), The lady vanishes (Eine Dame verschwindet, 1938), Jamaica Inn (Riff-Piraten, 1939).
In den USA: Rebecca (Rebecca, 1940), Foreign correspondent (Mord, 1940), Suspicion (Verdacht, 1941), Saboteur (Saboteure, 1942), Shadow of a doubt (Im Schatten des Zweifels, 1943), Lifeboat (Das Rettungsboot, 1943), Spellbound (Ich kämpfe um Dich, 1945), Notorious (Berüchtigt / Weißes Gift, 1946), The Paradine case (Der Fall Paradin, 1947), The rope (Cocktail für eine Leiche, 1948), Under capricorn (Sklavin des Herzens, England 1949), Stagefright (Die rote Lola, England 1950), Strangers on a train (Der Fremde im Zug / Verschwörung im Nordexpreß, 1951), I confess (Ich beichte / Zum Schweigen verurteilt, 1952), Dial M for murder (Bei Anruf Mord!, 1953), Rear window (Das Fenster zum Hof, 1954), To catch a thief (Über den Dächern von Nizza, 1955), The man who knew too much (Der Mann, der zuviel wußte, 1955 - Remake des Films von 1934), The trouble with Harry (Immer Ärger mit Harry, 1956), The wrong man (Der falsche Mann, 1957), Vertigo (Aus dem Reich der Toten, 1958), North by northwest (Der unsichtbare Dritte, 1959), Psycho (Psycho, 1960), The birds (Die Vögel, 1963), Marnie (Marnie, 1964), Torn curtain (Der zerrissene Vorhang, 1966), Topaz (Topas, 1968), Frenzy (Frenzy, England 1971), Family plot (Familiengrab, 1975) u. a.
Quelle: Krusche, Dieter: Reclams Filmführer. Reclam Verlag, Stuttgart, 10. neu bearb. Aufl. 1996.








