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Von Postfliegern, Autokarten und der Bild-Zeitung

Luftaufnahme des Stuttgarter Marktplatzes

Wussten Sie, dass Anfang der 1920er Jahre auf dem Cannstatter Wasen Postflugzeuge starteten? Der Schorndorfer Flugpionier Paul Strähle führte seinerzeit Linienflüge von Stuttgart nach Konstanz durch. Auf einem solchen Flug entstanden im Jahr 1920 die wohl ältesten Filmaufnahmen der Stuttgarter Innenstadt aus der Luft, die nun sogar die Bild-Zeitung auf die neueste Produktion des Stadtmedienzentrums Stuttgart und der Firma medialesson GmbH aufmerksam machte. “Sensationeller Film aus einem Postflieger aus dem Jahr 1920 aufgetaucht!” heißt es dort in üblicher Bild-Manier.
 
Das ist doch etwas übertrieben, der Film lag im Archiv des Haus des Dokumentarfilms und war durchaus bekannt. Trotzdem freut man sich natürlich beim Stadtmedienzentrum über diese Form der Öffentlichkeitsarbeit, wenn auch die Berichterstattung in den Stuttgarter Nachrichten den Geschmack besser trifft. Doch der Film ist nur das i-Tüpfelchen der neuen DVD «Stadtentwicklung Stuttgart – Von den Anfängen bis zur Gegenwart», welche gestern im Rathaus vorgestellt wurde.

Über 50 historische Karten

Diese ermöglicht einen multimedialen Zugang zur Geschichte der Stadt und wurde in erster Linie für den Einsatz an Schulen entwickelt. Doch der rege Publikumsandrang zeigte, dass damit durchaus auch interessierte Privatpersonen erreicht werden können. Eines der Herzstücke der DVD sind 55 zoombare Karten, Kupferstiche und Stadtpläne von 1592 bis heute, die chronologisch geordnet ein lebhaftes Bild von der siedlungsgeschichtlichen Entwicklung geben, die die Stadt in den vergangenen 400 Jahren erfahren hat. Man beachte etwa folgende Karte aus dem Jahre 1928, die verschiedene Autorundfahrten durch die Innenstadt aufzeigt:

Karte von 1928 mit Tipps für Autorundfahrten

Wer würde heute schon auf die Idee kommen, eine Sightseeing-Rundfahrt mit dem PKW zu machen? In den 1920er Jahren ließ die Verkehrssituation dies jedoch noch ohne weiteres zu. Für die Reichsgartenschau im Jahr 1939 gab es dann schon eine Karte mit einem richtigen “Parkleitsystem”, wie Herbert Medek vom Amt für Stadtplanung und Stadterneuerung der Landeshauptstadt Stuttgart bei der Präsentation scherzhaft bemerkte. Welche Probleme der Autoverkehr dann in der Nachkriegszeit mit sich brachte, lässt sich in einem anderen Bereich der DVD anschaulich erfahren.

Unter dem Stichwort Themen finden sich gesonderte Darstellungen zu zwölf einzelnen Aspekten der Stadtentwicklung wie Bahnhöfe, Rathäuser oder das sogenannte «Postdörfle», eine für Post-und Bahnbedienste angelegte Siedlung aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Zu jedem Punkt gibt es einen von Mitarbeitern des Stadtmuseums erarbeiteten Infotext sowie umfangreiche Bildersammlungen. Darunter auch der Charlottenplatz, an dem exemplarisch die Entwicklung Stuttgarts zur autogerechten Stadt mit all ihren Problemen nachgezeichnet wird.

Der Charlottenplatz im Jahr 1963

Stadtführung im Modell

Ein weiteres Highlight sind die “Stadtführungen”, erläutert anhand eines Modells, das die Stadt in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts darstellt. Herbert Medek zeigt dabei etwa auf, dass sich im Innenstadtbereich trotz der schweren Kriegszerstörungen am Straßengrundriss seit damals kaum etwas geändert hat. Wo heute allerdings die Königstraße liegt, war damals der Obere Graben, welcher die nördliche Begrenzung der Kernstadt markierte. Im Süden war dies der Kleine Graben, heute die Eberhardstraße. Man hätte wohl keinen besseren Sprecher für die DVD bekommen können. Gespickt mit Anekdoten und Ausflügen in politische und gesellschaftliche Zusammenhänge lässt Medek die Entwicklung der Stadt lebendig werden.

Herbert Medek, Bild: Arnim Weischer   / LMZ

Seine Begeisterung für die Stuttgarter Stadtgeschichte zeigte sich auch bei seinem Vortrag auf der Präsentationsveranstaltung, wo sich etwa 400 Interessierte eingefunden hatten. Nach Begrüßungsworten von Johannes Gienger, Leiter des Stadtmedienzentrums Stuttgart, und Susanne Laugwitz-Aulbach, Leiterin des Kulturamts der Stadt Stuttgart, fesselte Medek die Zuschauer für etwa 90 Minuten mit seinem Exkurs in die Tiefen der Stadtgeschichte. Von der Wasserversorgung über die Anfänge der Straßenbeleuchtung bis zur Eisenbahn oder den zahlreichen Kasernen, die es hier und da gab, zeichnete er ein buntes Bild der Alltags- und Kulturgeschichte. Dankenswerterweise wurde der Vortrag aufgezeichnet und demnächst auf den Seiten des Stadtmedienzentrums zu sehen sein.

Bei der Veranstaltung waren die DVDs erst einmal komplett ausverkauft, doch beim Stadtmedienzentrum sind noch Exemplare zu haben.

Zahlreiche Institutionen haben zum Gelingen dieser Gemeinschaftsproduktion beigetragen: Die Karten kommen vom Stadtmessungsamt, das Stadtmodell vom Amt für Stadtplanung und Stadterneuerung der Landeshauptstadt Stuttgart, die Textbeiträge stammen vom Planungsstab des Stadtmuseums Stuttgart, der Film vom Haus des Dokumentarfilms. Zahlreiche Fotografien entstammen dem Bildarchiv des Landesmedienzentrums. Die technische Realisierung des Projekts hat die Firma medialesson GmbH übernommen.

Johannes Gienger, Bild: Arnim Weischer / LMZ

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