07.03.2012
Computerspiele – Spielzeug oder Suchtmittel?
Spielen ist ein Grundbedürfnis des Menschen und dient auch dem Lernen. Manche Eltern fragen sich, muss es aber unbedingt ein Computer sein?
Bild: LMZ
In seinem Vortrag “Computerspiele – Nettes Spielzeug oder Suchtmittel?” am 1. März 2012 im Landesmedienzentrum Karlsruhe macht Roland Gimmler von der Universität Koblenz-Landau klar, was die Faszination von Computerspielen ausmacht – und warum manche Menschen daran hängen bleiben.
Diesen Vortrag hat der Arbeitskreis Mediensucht des Stadt- und Landkreises Karlsruhe organisiert. Er eröffnete eine Reihe von Veranstaltungen, die sich ausdrücklich an Eltern richten. Unter dem Motto “Interesse hilft” möchte der Arbeitskreis Eltern über Spielverhalten am Computer informieren und Handlungsmöglichkeiten im konkreten Fall aufzeigen. In den folgenden Abenden können Eltern selbst den Spieleklassiker Counter Strike ausprobieren, mit Experten aus der Suchtberatung diskutieren oder Einblicke erhalten, wie sich im Falle einer exzessiven und pathologischen Computerspielsucht die ambulanten oder stationäre Hilfe gestaltet.
Zocken ist nicht sinnlos
Computerspiele, so Gimmler, seien keine sinnlose Freizeitbeschäftigung. Menschen gehen nur Beschäftigungen nach, wenn sie ihnen in irgendeiner Form etwas bringen. Computerspiele – zum Beispiel solche der Genre Action/Ego-Shooter oder Kriegs-/Strategiespiele – seien äußerst attraktiv. Es gehe um Schnelligkeit, Macht, strategische Entscheidungen oder schlichtweg ums Überleben. Das Ziel sei das Erlebnis; fremde Welten zu entdecken, Aufgaben zu lösen oder spannende Geschichten zu erleben. Je höher der Realitätsgrad, desto größer die Attraktivität. Gimmler spricht hier von einem Immersionspotenzial, was bedeutet, dass sich der Spieler mit seinem virtuellen Ich (Avatar) immer stärker identifiziert. Faszination und Suchtpotenzial liegen hier nahe beieinander.
Games sind nicht die Ursache für eine Sucht
Das größte Suchtpotenzial wird dem Genre Massive Multiplayer Online Role-Playing Game zugeschrieben, also Online-Rollenspiele, bei denen mehrere tausend Spieler gleichzeitig eine virtuelle Welt bevölkern. Roland Gimmler veranschaulicht dies anhand von World of Warcraft (WoW), dem bekanntesten Spiel dieses Genres. Das Spiel ist endlos und läuft weiter, auch wenn man nicht online ist. Manche Aufgaben können nur im Team mit anderen Spielern gelöst werden; man muss sich zu gemeinsamen Spielterminen und Uhrzeiten verpflichten, was das Ausloggen erschwert.
Bild: cgauthier2112, Lizenz: cc
Die Spieler erleben Flow, einen Zustand, bei dem sich Körper und Geist in völligem Gleichgewicht befinden. Alles, was um einen herum passiert ist Schall und Rauch. Die Zeit verfliegt, der Körper schüttet Drogen aus, Glücksgefühle überwältigen den Spieler. “Wenn’s einen angenehmen Zustand gibt, dann will ich ihn wiederhaben”, sagt Gimmler. WoW (und andere Computerspiele) biete außerdem einen Raum, um Zwänge abzulegen und aus dem Alltag zu flüchten.
Doch wann hört Spaß auf und fängt Sucht an? Diese Frage lässt sich nicht generell beantworten. Häufiges und zeitintensives Spielen muss noch lange nicht exzessiv sein. Und: Computerspiele sind nicht die Ursachen für eine Sucht. Risikofaktoren sind mangelnde Anerkennung und ein damit einhergehendes mangelndes Selbstwertgefühl sowie emotionale Instabilität. Daraus ergibt sich, so Gimmler, das Suchtpotenzial von Computerspielen.
Käseglocke bringt nichts
Manche Eltern stellen sich die Frage: Wie kann ich meine Kinder vor Computerspielen bewahren? Nach dem Vortrag meldete sich beispielsweise eine Mutter zu Wort, die davon berichtete, dass die Mitschüler ihres Sohns nicht mehr zu ihnen nach Hause kommen. Ihr Sohn sei kein begehrter Spielpartner, da er bislang von Computerspielen ferngehalten wurde. Sie fragt sich, ob ihr Verhalten denn so abnormal sei, sie mache der soziale Druck traurig. Für diese Gefühle zeigte Gimmler Verständnis, es sei menschlich, dass man seinen Kindern das Schöne der Welt zeigen und sie zu kompetenten Menschen heranwachsen sehen und vor möglichen Gefahren schützen möchte. Doch komme es darauf an, was man seinen Kindern zutraue, ob man sie Stück für Stück an die Hand nehme und ihnen die Welt erkläre, mit allen Chancen und Risiken, die sich darin verbergen. Was für das Internet oder den Straßenverkehr gilt, gilt auch für Computerspiele: es komme darauf an, welche Fähigkeiten ich meinem Kind vermittle, damit umzugehen. Seine Kinder unter einer Käseglocke aufwachsen zu lassen, habe keinen Sinn.
An den folgenden Abend der Veranstaltungsreihe haben Eltern die Möglichkeit, sich vertiefend und angeleitet durch erfahrene Spieler mit Computerspielen auseinanderzusetzen sowie psychologische und sozialpädagogische Fachkräfte um Rat zu fragen.
Info
Die Veranstaltungen finden immer donnerstags von 19 bis 21 Uhr im LMZ in der Moltkestraße 64 in Karlsruhe statt, mehr Infos gibt es hier.
Die nächsten Termine:






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