30.04.2012
Wenn Jugendliche Porno schauen…
… und Erwachsene drüber reden: Die Fachtagung „Pornografie und Rollenbilder“ am 18. April in Hannover war angenehm undramatisch. Rund 100 Teilnehmer kamen auf Einladung der Landesstelle Jugendschutz Niedersachsen (LJS) zusammen.
Claudia Mikat von der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen (FSF) sprach in ihrem Eröffnungsvortrag „Love, Sun & Fun – die Mediensexualität der Jugendlichen“ über Scripted-Reality-Formate und Castingshows im Fernsehen. Solche Formate können bei Kindern und Jugendlichen durchaus dazu führen, dass sie mehr über Sexualität wissen, als sie selbst ausprobiert haben – „overscription“ nennt sich dieses Phänomen. Die FSF als Kontrollinstanz sei in diesem Zusammenhang nicht für moralische Urteile zuständig, sondern zur Beurteilung, welches sexuelle Wissen von der jeweiligen Altersgruppe adäquat verarbeitet werden kann. Was dazu führen kann, dass eine Scripted-Reality-Sendung wie „X-Diaries – Love, Sun & Fun“ zunächst mit der Altersfreigabe „ab 16 Jahren“ nach 22:00 Uhr auf RTL II läuft, das Format dann aber überarbeitet auch dem jüngeren Publikum im Vorabendprogramm zugänglich gemacht wird.

Professor Konrad Weller von der Hochschule Merseburg plädiert für einen unaufgeregten ressourcenorientierten Ansatz.
Professor Dr. Konrad Weller, Sexualwissenschaftler an der Hochschule Merseburg, konstatierte zunächst: „Noch nie konnte man eine Veränderung hinsichtlich jugendlicher Sexualität so klar an einem Datum und einem Ereignis fest machen wie bei der Online-Schaltung von Youporn im August 2006.“ Noch immer, so Weller, überwiege in der Sexualpädagogik der risiko-orientierte Blick. Es werde eher nach negativen Folgen des Pornokonsums gesucht als nach Möglichkeiten der Entwicklungsförderung. Beim ressourcen-orientierten Ansatz wird die sexuelle Neugierde eher positiv betrachtet. Weller entdramatisierte, indem er darauf hinwies, dass für Heranwachsende nur „normales“ pornografisches Material masturbationstauglich sei (in klarer Abgrenzung zu harter oder Brutal-Pornografie), also Material, das ihren eigenen sexuellen Erfahrungen entspricht. Da die Nutzungspräferenzen im eigenen Erfahrungshorizont liegen, kann der Einfluss auf die sexuellen Skripte der Jugendlichen somit nicht so drastisch sein, wie immer befürchtet.
In die Praxis ging dann Marthe Kniep von der Online-Redaktion des Dr. Sommer-Teams der Jugendzeitschrift BRAVO. „Die Fragen der Jugendlichen zwischen 11 und 17 Jahren sind seit 40 Jahren dieselben“, fing sie ihren Vortrag an. Themen wie Intimrasur und Analverkehr lassen aber doch auf Irritationen im Zuge des Konsums pornografischen Materials schließen. Bedenklicher als die unreflektierte Übernahme von pornografischen Skripten ist laut Marthe Kniep aber die gestiegene Unzufriedenheit vor allem der Mädchen mit ihrem Körper. „Noch nie“, so Kniep, „hat allerdings ein Junge an das Dr. Sommer-Team geschrieben, dass er die Scheide seiner Freundin hässlich findet.“
Interessante Ergebnisse liefert eine Studie von Alexander Rihl aus Berlin, der 1077 Heranwachsende online zu Nutzungsmotiven und inhaltlichen Präferenzen ihres Pornokonsums befragt hatte. Ähnlich wie Konrad Weller stellte er fest, dass es sich bei der Pornografierezeption von Heranwachsenden primär um leichte Kategorien handelt, die möglichst nah an der Lebenswelt der Jugendlichen orientiert sind. Somit sei es ein Vorurteil, dass Jugendliche wahllos alles an pornografischem Material konsumieren, was der Internetmarkt zu bieten hat. Die Rezeption erfolgt eher gezielt.
Abschließend gab Dr. Daniel Hajok von der Arbeitsgemeinschaft Kindheit, Jugend und Neue Medien aus Berlin einen Einblick in die sexual- und medienpädagogische Praxis. Interessanterweise verwies er in seinem Vortrag (hier als mp3-Datei zum Downloaden, ca. 37 MByte, ca. 40 Minuten: ljs_140412_hajok) öfter auf die Broschüre “Let’s talk about Porno”, die das Landesmedienzentrum Baden-Württemberg im letzten Jahre gemeinsam mit klicksafe und profamilia Bayern veröffentlichte.
Alles in Allem wurde hier einmal mehr klar gemacht, dass es Aufgabe der Erwachsenen ist, pornografische Vorgaben zugunsten der Jugend zu entmystifizieren und somit Irritationen vorzubeugen. Denn sie sind doch einfach nur neugierig…








Porn, it’s cheaper than dating – is auch ein Aspekt! Schöner Artikel.
Natürlich ist der Grund für für den Pornokonsum von Jugendlichen die Neugier. Sie wollen sich das Thema Sex näher veranschaulichen. Leider bieten die Pornos keine richtige Aufklärung bzw. kein richtiges Bild zu diesem Thema. Den Jugendlichen und Kindern muss man demzufolge eine Aufklärung ermöglichen, auch wenn es bei Lehrern und Eltern kein beliebtes Thema ist. Übrigens sucht man derzeit auf http://harri-wettstein.de/pornoforschung/ nach Möglichkeiten gesucht, wie man dies am bestmöglich umsetzt.