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Henriette Carle

re:publica 2012 – Reflection

Übermorgen.TV – Nichts Neues aus der Zukunft

Bild: thilo_specht, Lizenz: cc

Bei Übermorgen.TV – Neues aus der Zukunft spekulierten Mercedes Bunz, Christoph Kappes und Christian Heller unter der Moderation von Mario Sixtus über künftige Entwicklungen des Internets im Speziellen und dieser unserer Welt im Allgemeinen. Bahnbrechend Neues kam dabei nicht wirklich heraus, außer dass alle Klout blöd finden, ein amerikanisches Unternehmen, das über den Klout-Score den Erfolg von Personen in Netzwerken wie Twitter oder Facebook analysiert und bewertet, und wonach auch Arbeitgeber künftig ihre Mitarbeiterinnen bewerten könnten. Das wäre natürlich schon blöd. Wobei Menschen bewerten an sich ja auch wiederum nichts Neues wäre: In der Schule würde benotet, LehrerInnen bewerten SchülerInnen, man findet FreundInnen gut oder blöd, man liked auf Facebook usw. Ein solches Vorgehen suggeriere die Messbarkeit von Menschen und könne zur Stigmatisierung führen, jetzt würde es eben auch digital eingeführt. Ansonsten wurde konstatiert, dass das Internet eine Kultur ohne Territorium darstelle und Staatsgrenzen sich für Sixtus immer absurder ausnehmen. Auch hier bestätigte sich der Eindruck einer Bestandsaufnahme: Das Internet ist mittlerweile irreversible Realität und wird, abgesehen von zahlreichen Internotnutzern (Lobo), von allen genutzt, jetzt gilt es, Regeln dafür zu finden: Welche Formen des Zusammenlebens wollen und brauchen wir? Und wie reguliert man die? Alles in Allem also nicht so wahnsinnig futuristisch.

Urheberrecht

Diskussionen um das Urheberrecht, die angemessene Vergütung von Künstlern, um ACTA und um alternative Modelle wie die Creative-Commons-Lizenzen waren zahlreich und allgegenwärtig. Alles wiederzugeben würde den Rahmen sprengen, wirklich neue Aspekte zum Thema habe ich jedoch nicht gehört. Deshalb an dieser Stelle einfach ein paar nette Zitate:

Johnny Haeusler:
“War früher bei uns auch schon so, nach einem Konzert gab’s Leute die gesagt haben: ‘Voll geil, ich habe alle eure Platten auf Kassette!’”

Conrad Fritzsch:
“Man kann aber auch nicht denken, man schreibt einen Hit und lebt dann davon. Ein Bäcker kann auch nicht sagen, ich backe ein Brot und leb’ dann davon.”

Das schönste Zitat zum Thema fiel aber ausgerechnet im Panel über Foodblogs, denn Rezepte sind nicht urheberrechtlich geschützt. Vijay Sapre dazu:
“Wo kämen wir denn auch hin, wenn wir für jede Bechamel etwas abdrücken müssten?”

Speziell um Open-Content-Lizenzen, die mittlerweile das mit Abstand am weitesten verbreitete Lizenzierungsmodell für freie Inhalte darstellen, ging es dann auch noch bei Dr. Till Kreutzer und Matthias Spielkamp von iRights.info. Die Verbreitung der Werke ist dabei explizit von den UrheberInnen gewünscht, um die darin befindlichen Informationen einer digitalen Allmende zuzuführen. Kreutzer: “Kontrollverlust ist einer der wesentlichen Hintergründe dieser Lizenzen.” Neu und hervorhebenswert ist in diesem Zusammenhang, dass es jetzt eine brandneue Broschüre speziell zur CC-Lizenz “nicht-kommerzielle Nutzung” gibt: “Freies Wissen dank Creative-Commons-Lizenzen. Folgen, Risiken und Nebenwirkungen der Bedingung ‘nicht-kommerziell – NC’”, verfasst von Rechtsanwalt Dr. Paul Klimpel (iRights.info), herausgegeben von der Wikimedia Deutschland.

Soylent green, äh, the internet is people

In seiner unnachahmlichen Art legte Felix Schwenzel in seinem Vortrag soylent green, äh, the internet is people! dar, warum die Unterscheidung in virtuelle und reale Welt eigentlich nicht möglich ist. Schließlich sei es ein “Bug in der menschlichen Firmware, dass man Dinge als real ansieht, die es gar nicht sind.” Als Beispiel dafür zog er die EHEC-Panik im letzten Sommer heran, die uns tatsächlich dazu brachte, Angst vor Gurken zu haben. So gesehen sind wir es eigentlich gewohnt mit Virtualität umzugehen, egal ob es sich um die Inhalte von Büchern oder eben um “gefährliche” Gurken handelt. Nur weil die digitale Welt neu ist, erscheint uns die Virtualität plötzlich als etwas Besonderes. Um seine ausgefeilte Argumentationskette etwas abzukürzen, hier noch seine Zusammenfassung: Realität sind andere Menschen, das Internet besteht aus Menschen, also ist das Internet real.

Standardsituationen der Technologiebegeisterung

Bild: Alexander Svensson, Lizenz: cc

Wozu soll das gut sein, wer will denn so was haben? Das nutzen doch nur privilegierte Menschen… Nachdem Kathrin Passig diese und andere sich seit Jahrhunderten wiederholenden Argumente bei der Einführung neuer Technologien bereits 2009 in ihrem Essay über Standardsituationen der Technologiekritik zusammengefasst hat, knüpfte sie nun mit den Standardsituationen der Technologiebegeisterung daran an. Auch wenn es weniger optimistische als pessimistische Vorhersagen gibt, hat sie doch genügend gefunden, die Freiheit, Brüderlichkeit und Weltfrieden als quasi automatische Folge technischer Errungenschaften prophezeien. “Wir machen uns gemeinsam über diese Gestalten lustig und tun so, als hätten wir nicht selbst schon das halbe Internet mit solchen Behauptungen gefüllt”, so ihre Ankündigung. Ihr Fazit: Wer nicht unbedingt dazu gezwungen wird, sich zur Zukunft zu äußern, einfach mal zurückhaltend sein. Wer ihren trockenen Humor mag, kann sich hier darüber informieren, was z.B. das Faxgerät zum Weltfrieden beigetragen hat.

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