Landesmedienzentrum Baden-WürttembergMediaculture online

Anja Lochner

re:publica 2012 – ACT!ON

Open Data and Transparency

Wissen ist Macht. Warum Open Data gerade im politischen Bereich wichtig ist, wie Transparenz zentrale Paradigmen in den postkommunistischen Ländern verschiebt und notwendige Reformen vorantreibt, erklärte die Slowakin Zuzana Wienk, Gründerin der politischen Watchdog-NGO Fair-Play Alliance, in ihrem Vortrag Open Data and Transparency. Denn frei zugängliche und nutzbare Datenbestände ermöglichen es einem Volk nicht nur, zukünftige politische Entwicklungen vorherzusehen. Sie stellen zudem ein Gleichgewicht im politischen Machtgefüge her, da sie BürgerInnen die Möglichkeit geben, in öffentlichen Debatten als mündige PartnerInnen mitzureden und Realität mitzugestalten. Wienk berichtete anhand eines Fallbeispiels, wie die Fair-Play Alliance arbeitet. So wurden bei einer recht kostspieligen Werbekampagne der Regierung sämtliche relevanten Informationen recherchiert und auf der Fair-Play-Website öffentlich dokumentiert. Dies rief eine derart breite Resonanz bei der Presse und in der Bevölkerung hervor, dass sich die verantwortlichen Politiker schließlich dem Druck beugen und Alternativen vorstellen mussten. Die kürzlich ausgezeichnete Organisation nutzt Techniken des investigativen Journalismus, um illegale oder kritische Praktiken in der öffentlichen Verwaltung und Politik aufzudecken, und entwickelt technische Tools, um Transparenz und ethische Grundsatzfragen in der Regierung voranzubringen.

Between Censorship and Revolution

Ein sehr beeindruckendes Beispiel zum Thema Action bot die 28-jährige Sängerin und Soziologin Dorottya Karsay, eine Menschenrechtsaktivistin aus Budapest, die mit diversen ungarischen Bürgerinitiativen zusammenarbeitet. Mit ihrem Protestsong Nem tetszik a rendszer, der auf youtube mittlerweile nahezu 850.000 Aufrufe zählt, wurde sie zur Galionsfigur der prodemokratischen Bewegung und geriet damit ins Kreuzfeuer der Regierungskritik. Nichtsdestoweniger organisiert sie Menschenketten, Demonstrationen oder Flashmobs, um gegen die Verschärfung der Mediengesetze oder die Verfolgung bedrohter Bevölkerungsgruppen wie Roma oder Homosexuelle zu protestieren, und engagiert sich für Transparenz und freie Meinungsäußerung. Karsays Credo: “You have an alternative!” Wow!

Selfpublishing

Bild: re:publica, Lizenz: cc

Was macht man, wenn “Nein” die einzige Antwort ist, die man von Verlagen auf sein eingereichtes Manuskript erhält? Man publiziert selbst. Was Autoren vom Selfpublishing erwarten können (und was nicht), wie man Geld generiert und ob die herkömmlichen Verlage ohnehin einen uneinholbaren Vorsprung haben, darüber diskutierten Nicole Sowade, Ulrike Langer, Leander Wattig, Wolfgang Tischer und Sebastian Posth in einem Panel, das von Johnny Haeusler moderiert wurde. Dabei ging es neben ganz irdischen Dingen wie Buchpreisbindung, Steuerklasse und Künstlersozialkasse auch um solide Communitypflege und kreative Marketingstrategien. Nicole Sowade beispielsweise, die sich ins E-Publishing einarbeitete und ihr Erstlingswerk “Miss Januar” als E-Book bei Amazon herausbrachte, trat bei der Leipziger Buchmesse im Outfit ihrer Heldin auf, nämlich mit Schärpe und Krönchen, und erregte so Aufmerksamkeit. Auch die freie Journalistin Ulrike Langer berichtete, dass das Schreiben im Selbstverlag lediglich 25% der eigentlichen Arbeit ausmache, die restlichen 75% bestünden in der Organisation rund um die Buchentstehung. Dabei steckt jede Menge Idealismus hinter diesen Werken, leben kann man davon allerdings noch lange nicht. Das Fazit: Schreiben im Selbstverlag muss man wirklich wollen, aber es macht Spaß und bietet jede Menge Lerneffekte und Erfahrungswerte.

ARD – und sie bewegt sich doch

In der Werbeveranstaltung der ARD wurden zahlreiche Online-Projekte vorgestellt, die in den letzten Jahren mehr oder weniger erfolgreich an den Start gegangen waren. So bekam man einen Überblick über die transmediale Brainscanner-Science-Fiction-Serie “Alpha 0.7″ aus dem Jahr 2010, den YouTube-Channel, die beliebtesten Sendungen der Mediathek (Dokus), den digitalen Sender Einsplus, die Tagesschau-App u.a. und erfuhr, dass der “Tatort” ab dem 13. Mai als Ermittlungsspiel im Netz interaktiv wird. Zum Thema Barrierefreiheit sagte Pressesprecher Stefan Wirtz, dass die Mediathek bereits untertitelt sei und dass ab 2013 alle Neuproduktionen mit Untertiteln versehen würden. In diesem Zusammenhang stellte eine gehörlose Zuschauerin die Frage nach Gebärdensprache. Sie hätte als Kind gerne “Die Sendung mit der Maus” gesehen, was ihr allerdings erst möglich war, als sie mit sechs Jahren die Untertitel lesen konnte. Daraufhin entgegnete der Pressesprecher, das sei für ihn “ein ganz neuer Aspekt”, den er gerne mitnehme. Weiterhin wurde kritisiert, dass viele gute Online-Inhalte der ARD nach sieben Tagen bereits depubliziert würden. Dafür kann die ARD nun aber wirklich nichts. Denn nach dem 12. Rundfunkänderungsstaatsvertrag (RÄStV) von 2009 ist es sämtlichen öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten im Internet nur mehr gestattet, Inhalte bereitzustellen, die sich direkt auf das Programm beziehen, oder diese eben nach sieben Tagen wieder vom Netz zu nehmen. Ausnahmeregelungen gelten für Dokumente von zeitgeschichtlicher Bedeutung, bildungsbezogene Sendungen, Verbraucherinformationen und einige andere. Das ist sehr schade. Dürften die Öffentlich-Rechtlichen nämlich ihren gesamten Content frei von allen Verweildauervorschriften im Netz publizieren und archivieren, könnte sie sich die ganzen Online-Projekte eigentlich sparen. Denn was da, nicht nur bei der ARD, in den Archiven für die Öffentlichkeit unzugänglich lagert, sind versunkene kulturelle Schätze, für die man nebenbei noch Gebühren zahlt.

Netzkulturlernen statt Medienkompetenz

Digitale Räume werden häufig als Bedrohung empfunden, nicht als bereichernde Lebensrealität. Anstatt sich jedoch lange mit kulturpessimistischen Stereotypen und angstbesetzten Denkmustern über Cybermobbing, Killerspiele, Online-Sucht oder verbaute Karriereaussichten durch fragwürdige Facebook-Posts aufzuhalten, beschäftigt sich die “Diskursgestalterin” Christine Kolbe lieber mit den konstruktiven Aspekten der Netzkultur wie Partizipation und Selbstbestimmung: “Unser Internet kann mehr und der jugendliche User auch.” Kolbe, die Medienprojekte an Schulen durchführt, geht es vor allem um die Möglichkeiten und Werte, die sich durch einen kreativen und praktischen Umgang mit dem Netz vermitteln lassen; Dinge wie Technik, Identität, Privatsphäre oder Informationskompetenz lernten die SchülerInnen fast nebenbei.

Um den SchülerInnen ein Gespür für Urhebergerechtigkeit zu vermitteln und die Lust an der kreativen Eigenproduktion zu wecken, führte sie am Albrecht-Dürer-Gymnasium in Berlin-Neukölln ein Schülerprojekt in der 11. Klasse durch,: Filme und Musik im Netz
 – wem gehört das und was darf ich damit machen? In einem Theorieteil ging es ums Urheberrecht inklusive Abmahnindustrie und Tauschbörsen, CC-Lizenzen und Remix Culture. In einem Praxisteil erstellten die SchülerInnen einen fünfminütigen Trailer mit CC-lizenziertem Material und veröffentlichten das Ergebnis auf vimeo und im Schulblog.

Im Twitteraturprojekt konnten die SchülerInnen die sprachspielerischen und -kulturellen Möglichkeiten des Kurznachrichtendienstes entdecken und mit der Konzentration und Reduktion von Sprache auf 140 Zeichen experimentieren. Dazu bot sich das Themenfeld Sturm und Drang ganz gut an, wo ebenfalls das Innerste nach außen gekehrt und Sprache stark verdichtet und verkürzt wird. Es wurden Beispiele im Netz angeschaut, nach geeigneten Hashtags gesucht, die Suchlogik erklärt und ein gemeinsamer Regelkodex aufgestellt. Twitter diente dabei nicht nur als Experimentierfeld und Werkzeug, sondern auch als Plattform zum Veröffentlichen und Gelesenwerden, das immer wieder neue Schreibanlässe generierte. So lernten die SchülerInnen die Twitterarchitektur und den Umgang mit einem derartigen Medienkanal kennen, sammelten Erfahrung mit Community-Bildung und entwickelten gleichzeitig ihre sprachliche Ausdruckskraft und Reichweite. Fazit: Mehr DOs statt DON’Ts!

Facebook mit Schülern nutzen

Wie hältst du’s mit Facebook? hat sich zur Gretchenfrage für die Schule entwickelt, wo das soziale Netzwerk ein Fremdkörper ist, der fast nur von der problematischen Seite gesehen wird. Für die Antwort muss man die Vorteile der Vernetzung gegenüber dem mangelnden Vertrauen in die kommerzielle Plattform abwägen, so Martin Kurz. Der hessische Mathe- und Physiklehrer hat sich ganz pragmatisch entschlossen, über Facebook mit seinen Schülerinnen und Schüler zu kommunizieren, denn das ist nun mal die Plattform, auf der sie sich aufhalten. “Ich mag Facebook nicht, aber es ist praktisch.” Bei ihnen an der Schule gibt es ein peer-to-peer-Projekt, bei dem Medienscouts jüngeren Schülern unter anderem im Umgang mit Sozialen Netzwerken schulen. Denn auch Martin Kurz hält es für unabdingbar sich mit deren AGBs und Themen wie Datenschutz auseinanderzusetzen. Er appelliert auf jeden Fall dafür, Facebook erst mal eine Weile selbst zu nutzen, bevor man es ablehnt. Um ein paar Vorüberlegungen kommt man als Lehrer oder Lehrerin dabei nicht herum: Nutze ich es privat oder beruflich? Wie halte ich es mit Schülerinnen und Schülern als Freunden: Alle akzeptieren? Keinen? Nur Ehemalige? Wie sieht es mit Eltern aus? Als Konsens gilt dabei, selbst keine Freundschaftsanfragen an Schüler zu stellen. Rechtlich gesehen kann man auf jeden Fall keinem Lehrer die Nutzung von Facebook verbieten, auch nicht für Schulprojekte.

Er selbst hat sich bewusst dafür entschieden, als Lehrer in Facebook präsent zu sein, wobei heute auch technisch gut getrennt werden kann. Er richtet für alle seine Klassen geschlossene Gruppen ein, bei denen er selbst und einige SchülerInnen die Admin-Rechte haben. Ob diese Gruppen tatsächlich zum Austausch über Hausaufgaben, Stoff für Klassenarbeiten oder Organisatorisches genutzt werden, liegt an der Klasse. In manchen Gruppen läuft nichts, in anderen tauschen sich die SchülerInnen aus, verabreden sich zu informellen Lerngruppen usw., ihn hat dabei selbst überrascht, wie schulisch die Nutzung orientiert war. Er schätzt, dass durchschnittlich 80% seiner Schülerinnen und Schüler bei Facebook sind. Um den Rest nicht zu benachteiligen, muss klar sein, dass es keine Informationen geben darf, die nicht auch anderweitig kommuniziert werden, wobei er die Erfahrung gemacht hat, dass letztendlich sowieso alle irgendwie mitkriegen, was in den Facebook-Gruppen läuft. Sein Fazit: Es passiert da nichts Besonderes, aber das Netzwerk kann auf vielfältige Art eingesetzt werden. Es ist schnell, effizient und bietet einen Einstieg in Social Learning. Über seine Erfahrungen mit der schulischen Nutzung von Facebook berichtet er auch in seinem Blog.

Seiten: 1 2

Trackback URI | Kommentare als RSS

Einen Kommentar schreiben