Landesmedienzentrum Baden-WürttembergMediaculture online

Am 6. April fand am Stadtmedienzentrum Stuttgart eine Fortbildung zum Thema digitale Informationssuche und Informationsverarbeitung statt, Zielgruppe waren sowohl Schülerinnen und Schüler als auch Lehrkräfte. Als Referenten waren Karin Machner, Leiterin des Kreismedienzentrums Tuttlingen, und Harald Krichel, Autor und Administrator bei Wikipedia, vor Ort. Die These der Veranstalter lautete, dass die Ergebnisse der Internetrecherche von Schülerinnen und Schülern oftmals nicht überzeugen. Als Ursache hierfür wird vermutet, dass möglicherweise der “Netzgeneration” automatisch das entsprechende Know-how unterstellt wird, das systematische Einüben der methodischen Fähigkeiten in der Schule jedoch kaum erfolgt.
 
«Google sucht nur die Oberflächenstruktur des Internets ab»
 
Sucht die “Generation Google” wirklich nur bei Google oder kennt sie auch andere Strategien? Im Hinblick auf die Zielgruppe stand natürlich die Recherche für den Unterricht im Mittelpunkt der Vorträge. So hob Frau Machner hervor, dass die Kenntnis einschlägiger Portale die Arbeit wesentlich erleichtern kann – etwa offizielle Seiten von Kommunen oder Landkreisen für die Erhebung statistischer Daten für den sozialwissenschaftlichen Unterricht. Wikipedia empfahl sie in erster Linie zur Einarbeitung in ein bestimmtes Themenfeld und hob die Qualität der dort zu jedem Thema platzierten Links hervor. Zudem nannte sie einschlägige Adressen für die Bildung wie die Bundes- und die Landeszentrale für politische Bildung und deren gemeinsamen Auftritt politische Bildung.de, wo eine Fülle an qualitativ hochwertigen Informationen zu politischen, aber auch historischen, geografischen und gesellschaftlichen Themen aufzufinden ist. Zudem riet sie dazu, jeweils die interne Suchfunktionen der Portale zu nutzen. Für zeitgeschichtliche Studien empfahl sie das wahrlich beeindruckende Online-Archiv der ZEIT, in dem sämtliche Ausgaben verfügbar gemacht wurden – mittels OCR-Texterkennung. Zuletzt sei noch der Bildungsserver Hamburg genannt, der eine exzellente Linkliste zu Themen von ethnischen Konflikten bis zur Landwirtschaft bietet.
 
«Wenn ich aus der Bibel zitiere, habe ich auch keinen Autor»
 

Wikipedia-Autor Harald Krichel

Harald Krichel erläuterte den Anwesenden Geschichte und Funktionsweise der Wikipedia. Anhand des Artikels des Tages, an jenem Mittwoch war es der Mindener Dom, erklärte er den Aufbau der einzelnen Artikel mit Lemma, Abstract, Inhaltsverzeichnis und Anhang (Literatur, Weblinks, Einzelnachweise) und stellte nützliche Funktionen vor, die selbst der erfahrene Netzjunkie nicht alle kennt. Während die Druckversion noch jedem vertraut sein dürfte, sind die Funktionen Als PDF herunterladen und der Buchgenerator schon etwas weniger bekannt. Mit letzterem lässt sich aus verschiedenen Wiki-Seiten ein Buch als PDF oder ODF erstellen. In Bezug auf das Zitieren von Artikeln hob er die Versionsgeschichte und die Funktion des Permalinks hervor. Will man einen Artikel zitieren, so besteht immer die Möglichkeit, die zu diesem Zeitpunkt gesichtete Version zu verlinken, Wikipedia speichert jede Änderung und archiviert sie in der Versionsgeschichte.
 
Neben dem massigen Input an Informationen entstand auch eine Diskussion über den Umgang mit kontroversen Themen bei Wikipedia oder die Zitierfähigkeit der Artikel. Dabei kam die Frage nach dem Autor auf, da manche Teilnehmer auf die Nennung eines Autors in Quellenangaben bestanden. Hierzu Krichel: “Wenn ich aus der Bibel zitiere, habe ich auch keinen Autor.” Auf die Frage, ob es nicht denkbar gewesen wäre, den Autoren die Verwendung von Pseudonymen zu untersagen, verwies er auf eine Abspaltung von Wikipedia, Wikiweise. Der Initiator wollte auf die Anonymität verzichten und eine “richtige” Enzyklopädie gründen, “wo nicht mehr dieser ganze Popkultur-Scheiß drin ist”. Offenbar hat er um die 20 Autoren zusammen bekommen – ein Zeichen dafür, dass die Wikipedia von der Anonymität lebt. Zudem merkt Krichel an, dass der Aufwand, die vielen Tausend Autoren zu verifizieren, ohnehin nicht leistbar wäre.
 
Das Stadtmedienzentrum stellt die Handouts von Frau Machner und Herr Krichel zum Download zu Verfügung:
 
Internetrecherche – Liste interessanter Links für Schülerinnen und Schüler der gymnasialen Oberstufe (Karin Machner)
 
Links zum Thema Wikipedia (Harald Krichel)

5 Kommentare zu “Wikipedia meets KMZ – digitale Informationssuche”

  1. Michael Beiselam 17.04.2011 um 16:50

    Anonymität der Autorschaft bei wikipedia mit der Bibel zu vergleichen, hat durchaus etwas Anregendes: In der Tat blieben viele Autoren der Bibel anonym, weil sie sich im Dienste eines Größeren sahen und zur Zeit der Antike / des alten Orients das Konzept eines „genialen“, individuellen Autors noch überhaupt nicht denkbar war. Gerade bei religiösen Texten ist das so, denn man nannte den Namen einer Autorität der Tradition (z.B. Mose), unter dessen Namen man die eigenen Texte stellte. Überarbeitungen und Redaktionen solcher Texte sind im Großen und Ganzen später dann weitgehend überlieferungstreu geblieben, allerdings haben wir heute nur noch anhand von Stilvergleichen die Möglichkeit, verschiedene „Hände“ auszumachen, die an einem Text gearbeitet haben (man kann also nicht einfach „Versionsgeschichte“ aufrufen wie bei wikipedia). In recht wenigen Fällen können wir wie bei einigen Briefen des Paulus die Autorschaft einer historischen Person namhaft machen – wobei es auch Vermutungen gibt, es sei bei diesem großen Apostel auch nicht eigenhändig zugegangen, sondern als mündliches „Diktieren“, und obendrein begegnet auch bei ihm das Phänomen der Pseudepigrafie, dh., seine Schüler und Nachfolger schrieben Briefe, „als ob sie von Paulus wären.“
    Ich kann bei engagierten Wikipedia-Beitragenden durchaus die Haltung schätzen, dass sie sich wie die biblischen Autoren ganz in den Dienst ihrer Sache stellen, dh. dem enzyklopädischen, ständig auf Verbesserung und Aktualisierung bedachten Artikel zu einem Thema, zu dem sie die Experten sind. Unsere Veröffentlichungskultur (nicht zuletzt auch wegen der bisherigen Vergütungsgepflogenheiten) arbeitete bisher allerdings mit dem Prinzip des Autors. Er war auch für den Inhalt verantwortlich und sozusagen dafür haftbar. Dagegen rechnet man bei Wikipedia durch „wisdom of the crowd“ mit beständigem, aufmerksamem kollaborativem Verbessern der Inhalte.
    Anonymität und Autorität der Texte sind also bei Wikipedia und der Bibel durchaus etwas Vergleichbares, wenn sie auch verschiedene Ursachen haben: Die Autorität kommt biblischen Texten durch eine jahrtausendealte kanonisierende Bestätigung der Glaubensgemeinschaft zu, die sie als „heilige Schrift“ weitergibt. Bei wikipedia besteht die Autorität im Vertrauen auf das Prinzip kollaborativer „Selbstverbesserung“. Anonymität ist im Falle der Bibel Ergebnis selbstlosen, moderner Individualität noch nicht bewußten „heiligen Dienstes“. Anonymität bei Wikipedia: im besten Falle sozusagen auch. Nun, es „menschelt“ halt dann doch auch hier. Und schon gibt es „edit wars“ aus manchen eitlen Beweggründen. Dass manche Ordinarienherrlichkeit sich plötzlich ganz populär und smart von Wikipedia-Inhalten auf dem Gebiet überholt sieht, wo man sich bisher als Platzhirsch wähnte, dem sein Revier durch das Fachverlagswesen sozusagen lebenslang exklusiv garantiert wurde, ist vielleicht nicht der schlechteste Effekt, finden Sie nicht auch ? Allerdings kann ich heute auch niemanden mehr haftbar machen, wenn ich mich auf falsche Informationen aus einem wikipedia-Artikel verlassen habe. „Glauben“, fällt dem Theologen in mir dazu ein, ist ein vertrauender Sprung ins Ungewisse – in der Hoffnung, aufgefangen zu werden….

  2. Jiří Hönesam 18.04.2011 um 11:21

    Hallo Herr Beisel,

    vielen Dank für diesen interessanten Kommentar! Ich dachte bei dem Vergleich mit dem Zitieren aus der Bibel zunächst eher allein an den Umstand der fehlenden Autorennennung bei gleichzeitiger Vertrauenswürdigkeit. Aber klar, auch die Entstehungsweise der Texte ähnelt sich bei beiden Werken.
    Sicher ist es eine Errungenschaft, wenn hier gewisse Machtstrukturen im Bezug auf die Rangliste der Informationsquellen aufgebrochen und die Karten neu gemischt werden. Was die Edit Wars angeht, so sind vielleicht die Artikel um Stuttgart 21 bzw. K21 aktuelle Glanzbeispiele dafür, wie es auch in der Wikipedia menschelt.
    Dass man niemanden mehr haftbar machen kann, sollte man sich auf falsche Wikipedia-Informationen berufen, ist möglicherweise auch ein Anstoß zu kritischer Quellenkritik allgemein – sozusagen entgegen der Ansicht “Das steht doch in einem Buch, das muss also stimmen”. Wobei ich denke, dass man der Wikipedia durchaus glauben kann, so wie der Christ der Bibel Glauben schenken darf – eben beides nicht ohne selbst über das Gelesene nachzudenken.

  3. Elly Köpfam 18.04.2011 um 16:30

    Und wer Lust hat auch mal einen Workshop an seiner Schule zu diesem Thema zu veranstalten, der kann sich unter http://www.wikimedia.de/Schulprojekt näher informieren.
    Mit einer Mail an schule@wikimedia.de können Sie auch direkt einen Workshop für Ihre Schule anfragen.
    Wikipedia macht Schule! Machen Sie mit!

  4. angel54am 02.05.2011 um 01:37

    Und was soll bei einem solchen Workshop rumkommen? Dass man der Wikipedia z. B. was etwa die Geschichte ab 1900 angeht, gar nicht mehr vertrauen kann? Da haben eher rechts-konservative den Laden schon lange übernommen. Ausgewogenheit – ein besonderes Markenzeichen der WP (NPOV = Neutral Point of view) ist ganz bestimmt Fehlanzeige. Ich rate meinen Schülern – Finger weg von Wikipedia – egal, was Herr Krichel erzählt…

  5. Jiří Hönesam 02.05.2011 um 10:47

    Habe gerade recherchiert, das Thema scheint nicht unerheblich zu sein, wenn auch die auffindbaren Beiträge hierzu bereits 2 – 3 Jahre alt sind.
    Wer mehr lesen möchte, dem sei zum einen ein Interview mit dem Autor Günter Schuler, der die Wikipedia analysiert hat, bei mut-gegen-rechte-gewalt.de zu empfehlen:

    http://www.mut-gegen-rechte-gewalt.de/news/meldungen/wikipedia-rechtsaussen/

    Heraus ein Zitat:

    «Wie gehen rechte Editoren strategisch vor, um ihre Einträge zu verteidigen oder um Themen zu setzen?

    Schuler: Zum Teil sehr klug, aber vor allem äußerst beharrlich. Beispielsweise bei Artikeln zum spanischen Bürgerkrieg wird erst einmal die Gleichsetzung von den spanischen Nationalisten mit Faschisten abgewehrt. Das geschieht mit Wortklaubereien. Und bei der Bombardierung von Guernica wird dies dargestellt, als habe es sich um eine reine Kampfhandlung gehandelt. Dann wird es wiederum verglichen mit der Bombardierung von Dresden. Und diese Dinge werden beharrlich vertreten. Man hat da seine liebe Mühe und Not als Autor gegen diese Nebelgranaten anzukommen und zu argumentieren. Das ist sehr mühsam. Und viele Leute scheuen sich das auch. Dadurch ist diese Strategie teilweise von Erfolg gekrönt.»

    Er spricht auch von “falscher Toleranz” und übertriebenem Beharren auf Meinungsfreiheit bzw. der Berufung auf das Zensurverbot, was es rechtsorientierten Autoren erleichtere, ihre Meinungen zu verbreiten.

    Auch in folgender Diskussion bei http://www.netz-gegen-nazis.de kommt wird über diese Strategie berichtet:

    http://www.netz-gegen-nazis.de/frage/rechtsextremismus-bei-wikipedia

    Durchaus ein Thema, das weiter zu verfolgen ist.

    Auch lesenswert ist ein Artikel der Bundeszentrale für politische Bildung über Rechtsradikale auf YouTube:
    http://www.bpb.de/themen/NOSAXQ,0,0,Neonazis_auf_YouTube.html

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