Landesmedienzentrum Baden-WürttembergMediaculture online

Michael Schaller

Ausflug ins Qualitätsfernsehen

Gerade lief auf Phoenix die Sendung “Unter den Linden” mit dem Thema “Unter Piraten – Wem gehört das geistige Eigentum?”. Prof. Rupert Scholz von der CDU und Dirk Hillbrecht (Vorsitzender der Piratenpartei Deutschland) waren eingeladen, die Moderation lag bei Christoph Minhoff.
‘Wie weit geht die Freiheit des Einzelnen im Internet? Und wo liegt der Unterschied zwischen materiellem und geistigem Eigentum?’ sind Fragen, die eine unterhaltsame Sendung erwarten ließen.

Das Thema ‘Internetsperren zu Bekämpfung von Kinderpornografie’ konnte natürlich nicht ausgespart werden, aber geschenkt.
Dass ein Moderator parteiisch ist und einseitig einer Person ins Wort fällt – geschenkt.
Dass einzelne Aspekte nur angerissen werden, um den Vertreter der Piratenpartei ‘dumm aussehen zu lassen’ – geschenkt.
Irgendwann hatte ich das Gefühl, ich könne mir die Sendung schenken.

Die Chance auf einen Austausch der Positionen wurde zugunsten der bekannten, platten Pseudokritik am Internet (’Das Internet ist kein rechtsfreier Raum’, ‘Das Internet verhindert die gerechte Entlohnung von Künstlern’, ‘die einseitige Betrachtung des sogenannten geistigen Eigentums’) vertan.

Fernsehkritik ist immer subjektiv, aber irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass solche Formate denkbar ungeeignet sind an ein fortgeschrittenes Argumentationsniveau anzuknüpfen, so sie es denn überhaupt wollen. Die momentan viel beschworene Kluft zwischen den Generationen hinsichtlich der Nutzung und Bewertung des Internets wird durch solche Sendungen jedenfalls nicht kleiner.

Qualitätsfernsehen sieht anders aus. In der ersten Reihe zu sitzen muss nicht immer gut sein, wenn man möglichst schnell zum Ausgang will.

14 Kommentare zu “Ausflug ins Qualitätsfernsehen”

  1. simplizissimusam 25.06.2009 um 21:17

    hallo, automatisches trackback hat nicht geklappt, deshalb nochmal eine inhaltliche anmerkung so:

    Urheberrechtsreform der Piraten – Ideen und Irrtümer

    Ich hatte heute Nachmittag die Zeit, mich nochmal intensiv mit dem Programm der Piratenpartei auseinanderzusetzen. Insbesondere das, was die Piraten zum Urheberrecht und der (nicht-)kommerziellen Vervielfältigung schreiben, ist interessant. Ich zitiere mal ein paar Passagen und kommentiere diese gleichzeitig…

    http://simplizissimus.wordpress.com/2009/06/24/irrtumer-der-urheberrechtsreform-der-piraten/

  2. Emmaam 26.06.2009 um 08:41

    Was mich stört an der Piratendiskussion ist, dass deren Vertreter scheinbar nicht über ernsthafte Einwände gegenüber der ach so tollen Freiheit im Internet nachdenken. Wie wollen wir denn dafür sorgen, dass Leute, die ein Kunstwerk, ein Musikstück, einen Text geschaffen haben, davon auch profitieren können? Wie wollen wir denn dafür sorgen, dass exzessive Gewalt, Kinderpornografie und so weiter frisch und frei übers Internet – meist ja auch – verhöckert werden, denn schon dies ist ja strafbar. Mir kommt das doch stark so vor, als würden da alle grölen: “Hier kann jeder machen, was er will…”- im Namen der Freiheit, der Grundrechte und was weiß ich noch.

  3. Emmaam 26.06.2009 um 08:42

    ach, und ich vergaß: heißt Qualitätsfernsehen etwa, dass nur eine Meinung die richtige ist?

  4. Martinam 26.06.2009 um 10:23

    Die letzten Kommentare zeigen genau die momentan überall diskutierte Kluft bspw. hier: http://blog.koehntopp.de/archives/2518-Falscher-Planet,-falsches-Jahrtausend.html
    Es geht nicht um Einwände, die nicht gehört werden, es geht schlicht darum, dass die Einwände so nicht stimmen, dass allerschlimmste ist aber, dass die Gemeinde der Einwänder (Politiker, Jugendschützer, Verwertungsgesellschaften etc.) einfach nicht fähig ist bestimmte Entwicklungen wahr zu nehmen und in den immer gleichen Argumentationslücken festsitzt.
    Statt bspw. zu diskutieren wie können die Interessen der Künstler im digitalen Zeitalter zur Geltung kommen, wie sehen alternative Systeme aus, kommt die veraltetet und vollkommen überholte Keule des bestehenden Urheberrechts, um zu belegen, dass das Internet böse ist.

  5. Michaelam 26.06.2009 um 10:36

    Die ironische Verwendung des Begriffs Qualitätsfernsehen bezog sich lediglich auf die in dieser Sendung unterirdische Qualität und war natürlich eine Seitenhieb auf die Selbstwahrnehmung der Fernsehschaffenden. “Dass nur eine Meinung richtig ist” ist übrigens eine gute Beschreibung der Sendung, die Meinung des Vertreters der Piratenpartei wurde leider nicht berücksichtigt.

  6. Emmaam 26.06.2009 um 10:50

    Lieber Martin, Kristian Köhntopp ist bestimmt ein Vertreter der neuen Generation, obwohl so ganz jung scheint er ja auch nicht mehr zu sein. In seinem Blog spricht er ja auch schön abfällig über die “alten Männer” und die E-Mail-Ausdrucker. Das ist aber doch genau der Punkt: nicht alle leben so wie K.K. und es wird auch noch ne ganze Weile Leute geben, denen das Internet nicht die einzige Heimat ist. Und wenn Computer Kopiermaschinen sind, was ich nicht bezweifle, dann ist damit leider noch kein Grund genannt, warum man alles zur freien Verfügung stellen sollte. Es gibt meines Wissens einen Vorschlag (von den Grünen?) für eine Art Kultur-Cent, ähnlich wie bei Kopierern. Aber in diversen Communities habe ich nicht wenige Leute gelesen, die das als völligen Quatsch, als gemein teuer und so weiter bezeichnen. Ich sehe bisher keinen Vorschlag, und auch Du machst keinen, der diese Frage mal konstruktiv beantworten würde.

  7. Martinam 26.06.2009 um 11:32

    Es ist genau diese Haltung, die auf Dauer frustriert, es gibt massenhaft Vorschläge und Konzepte, das Netz ist zum Brechen voll mit ‘konstruktiven’ Vorschlägen, nur werden diese von den ‘Internetausdruckern’ vollkommen ignoriert.

    http://www.mediaculture-online.de/Open-Content-Urheberrecht.1493+M5df8a3dce34.0.html
    http://de.wikipedia.org/wiki/Kulturflatrate
    http://lessig.org
    http://irights.info/
    die CC-Lizenzen

    Und nebenbei ein Zitat der Piratenpartei:”Deshalb tritt die Piratenpartei für eine Legalisierung der Privatkopie ein, auch weil es technisch gar nicht möglich ist, Privatkopien zu unterbinden. Dabei geht es ihr aber nicht darum, das Urheberrecht vollständig abzuschaffen.”

  8. Vincentam 26.06.2009 um 13:32

    Es ist notwendig, dass Dinge wie Verwertungs- und Urheberrechte unter den neuen Aspekten, die das Netz mit sich bringt, diskutiert werden. Aber wer diskutiert: vor allem junge, internetaffine Menschen.

    Was aber, wenn diese jungen, internetaffinen Menschen älter werden?

    Dann wird zum einen das Internet noch eine viel größere Rolle spielen als heute. Zum anderen werden sie irgendwann merken, dass man von guten (und gutgemeinten) Postings und Blogs im Netz nicht leben kann.

    Kurz: vielleicht sollten sie sich auch darüber Gedanken machen, in wie fern und wie das Netz existenzsichernd sein kann.

  9. simplizissimusam 26.06.2009 um 23:17

    @martin – wofür mir jedes verständnis fehlt, ist die ignoranz und arroganz, mit der nerds wie du meinen, nur sie seien diejenigen, die das netz am leben erhalten und deshalb das recht hätten, anderen ihren willen aufzuzwingen. dabei wird das netz mittlerweile von millionen “normalo”-usern genutzt, die sich nicht wirklich um euere netz-ideologie kümmern. in einer demokratie legt (bis auf minderheitenschutzrechte) immer noch die mehrheit fest, wohin die reise geht. nicht, dass nerds nicht wertvolle impulsgeber sind. aber die masse entwickelt eben ihr eigenleben.

    nur zur verdeutlichung: ihr bezeichnet alle diejenigen, die nicht eurer meinung sind, als internetausdrucker (früher zu trackball-seiten nannten wir sie “mäuseschubser”) – ohne deren lebenslauf und hintergrund zu kennen. ihr behauptet pauschal und undifferenziert, diese internetaudrucker seien nicht in der lage, das netz zu verstehen seien deshalb in ihrer falschen argumentation gefangen und unfähig, eure gedanken zu verstehen.

    nun, zumindest für mich, der ich ja auch anderer meinung bin (allerdings überhaupt keinen drucker besitze) nehme ich in anspruch, eure gedankengänge sehr wohl zu verstehen. sie sind nur grundlegend falsch und ich habe mich bewußt gegen sie entschieden. und jeder, der behauptet, dass die so genannte reform des urheberrechts im sinne der pp nicht so gravierend ist, dass sie einer abschaffung desselben gleichkommt, lügt bewußt andere menschen an. jeder, den ich persönlich kennen und der für die kostenlose freigabe der privatkopie ist, hat schon illegal musik gesaugt. warum seid ihr nicht ehrlich und steht einfach dazu, dass es nicht um ein heres ziel geht, sondern ausschließlich um persönliche bereicherung? meint ihr, der rest der gesellschaft durchschaut das nicht?

    alles das, was ihr den “internetausdruckern” vorwerft – mangelnde toleranz, mangelndes verständnis, voreingenommenheit, festhalten an überkommenen strukturen etc. das trifft leider vor allen auf euch selbst zu. ihr seid immer noch gedanklich in den anfängen des nets gefangen, wo jeder alles machen konnte und man froh war für jede entwicklung. das netz war ein raum absoluter freiheit, weil sich der “mainstream” nicht darum gekümmert hat. gesetze galten nicht, was technisch realisierbar war, galt als machbar.

    aber das netz ist gewachsen, wurde von einer kommunikativen subkultur zur mainstream-plattform, die nicht mehr nur der kommunikation, sondern auch vielen anderen dingen wie handel, arbeiten und geschäften dient. und das netz wird jetzt eben auch von den mit dieser entwicklung notwenigerweise entstehenden gesetzen und organisationsstrukturen der mainstream-gesellschaft eingeholt. dieser prozess ist unumkehrbar.

    wer noch in seiner alten denkweise gefangen ist, wird irgendwann merken, dass er die elementaren entwicklungen verschlafen hat. gesetze, strafverfolgungsbehörden, urheberrecht, kurz: regeln – die gibt es in der “echten” welt, warum nicht auch im netz?

    also: wach endlich auf.

    simplizissimus


    http://simplizissimus.wordpress.com

  10. Martinam 27.06.2009 um 21:14

    @simplizissimus
    da geht jetzt aber einiges gehörig durcheinander, also mal der Reihe nach.
    Mag sein das der Begriff ‘Internetausdrucker’ leicht spöttisch verstanden werden kann, in diesem Zusammenhang bezieht sich der Begriff aber nicht abwertend auf Menschen, die das Netz (wie auch immer nutzen), sondern dient als Beschreibung für Leute (Politiker), denen der nötige Sachverstand in offensichstlicher Weise fehlt, die sich das Internet von ihren Mitarbeitern ausdrucken lassen um dann über entsprechende Gesetzte zu entscheiden. Die von dir unterstellte Arroganz liegt auf dieser Ebene und ich habe keine Lust mehr, dass arrogante Politiker Entscheidungen treffen von denen sie erwiesenermaßen nicht den Hauch einer Ahnung haben.

    Aber mal weg von Befindlichkeiten und Zuschreibungen, warum bedeutet das Recht auf Privatkopie faktisch eine Abschaffung des Urheberrechts? Und ja ich habe schon Musik gesaugt, mich damit aber nicht (im monetären Sinn) bereichert. Und nur mal am Rande, durch eine digitale Kopie wird niemandem etwas weggenommen. Vorschläge wie Künstler entlohnt werden könne gibt es genügend (Stichwort Kulturflatrate, freiwillige Zahlungen, Konzerte, Merchandising, erst zahlen-dann produzieren etc.)
    Man kann das Urheberrecht doch nicht als natürliche Konstante sehen, betrachte doch mal die historische Entwicklung, erst mit dem Aufkommen der unterschiedlichen technischen Möglichkeiten (Massenmedien, Tonaufnahmen etc.) konnte sich das Urheberrecht zu der heutigen Form entwickeln und nun steht durch die Digitalisierung eben eine weiter Reform des Urheberrechts an, weil es in dieser Form einfach nicht mehr zeitgemäß ist. Viele Gesetzte unterliegen Anpassungen an gesellschaftlich Änderungen, das Urheberrecht wurde auch angepasst, aber immer nur zugunsten der Verwertungsgesellschaften, Firmen und Konzernen (Stichwort Schutzfristverlängerung, erklär mir mal was ein Autor eines Werkes, davon hat, dass sein Werk bis 70 Jahre nach seinem Tod nicht gemeinfrei wird).
    Nur für einen relativ kurzen Źeitraum bestand für Musiker, die Möglichkeit durch den Verkauf von Tonträgern den größten Teil der Einnahmen zu erzielen, diese Zeit ist einfach vorbei.
    Den Blick immer nur einseitig auf die Interessen der Urheber zu richten ist eben auch nur die halbe Wahrheit, wie Lawrence Lessig eindrücklich beschreibt ist die Balance zwischen Allgemeininteressen (die Verwendung und Nutzung von Kultur) und den Interessen der Urheber (meistens der Verwertungsgesellschaften) vollkommen aus dem Gleichgewicht geraten.
    Unendlich viele Filme, Bilder, Tonaufnahmen usw. verrotten in Archiven, weil die Rechtelage unklar ist, diese wertvollen Kulturgüter sind so für die Allgemeinheit für immer verloren. Jugendliche werden kriminalisiert, kreative Verwendungen und die Schaffung neuer Werke ist massiv behindert. Ist klar, jetzt kommst du und sagst das Saugen von Musik aus dem Netz ist nichts Kreatives, sondern Diebstahl und ich sage, dass ist nur ein Aspekt der Digitalisierung und es hilft nichts unsere Kinder und Jugendlichen zu Kriminellen zu stempeln und wir drehen uns weiter im Kreis.
    Hast du dir mal ernsthaft das Konzept der Kulturflatrate angesehen?
    Und da ich wach bin wiederhole ich gerne den Satz der seit den Urzeiten des Internets gilt, der aber wohl nicht oft genug wiederholt werden kann: “Das Internet war noch nie ein rechtsfreier Raum”, er wird nur zunehmend zu einem Bürgerrecht-sfreiem Raum, das ist aber wider ein anderes Thema.

  11. bernhardam 28.06.2009 um 14:10

    Hm,… Nach dem durchlesen Eurer Beiträge, denke ich, dass es wichtig ist in der Diskussion verschiedene Ebenen auseinander zu halten. Ich will dies einfach mal versuchen:

    erstens: Kapitalistische Verwertungslogik
    Die Urheberrechtsdebatte wird m.E. in vielen Diskussionen verkürzt betrachtet. Es wird häufig vergessen, dass es nicht die Urheber geistiger (sowie geistloser) Werke sind, die in der Regel von – wie auch immer gearteten – Bezahlmodellen profitieren, sondern Unterhaltungskonzerne den Kuchen verteilen und für den/die KünstlerIn meist wenig übrig bleibt.

    Und wenn ich mir den Markt so anschaue, dann stellt sich mir die unvermeidliche Frage, ob ich mit dem Kauf eines Produktes von einem Sublabel eines Majorlabels (ich bekenne mich hier dazu, dass mein Musikgeschmack eher nicht am Mainstream orientiert ist) immer auch für den Lebensstil von Dieter Bohlen und Konsorten aufkommen muss, bzw. warum ich für ganzseitige Werbeanzeigen in Hochglanzmagazinen mit bezahlen soll.
    Ein ernsthaft geführter Diskurs über alternative Modelle tut Not.

    Die Kultur- und Bewusstseinsindustrie hat digitale Trends verschlafen und versucht jetzt mit strafrechtlichen Konsequenzen ihre “Gegner” einzuschüchtern. Viele Medienvertreter reihen sich in diese Rhetorik ein – von Politikern ganz zu schweigen. Eine hanebüchene Preispolitik z.B. kosten aktuelle CDs heute über 15.- €, MP3-Dateien (schlechtere Klangqualität, günstigerer Vertrieb als bei CDs und kein Mehrwert wie Cover, CD,… für den Kunden) sind für 99ct zu haben (macht bei einem Album mit 15 Tracks auch wieder knapp 15.- Euro),… hat doch erst dazu geführt, dass Konsumenten “in die Illegalität” getrieben werden. Für mich ein klares Beispiel von Angebot und Nachfrage,… warum bezahlen, wenn es auch umsonst geht – Geiz ist ja schließlich geil – oder nicht? Ich persönlich nutze seit einigen Jahren keine Filesharingtools mehr, da ich finde, dass es im Netz inzwischen einige hochwertige Musikportale mit Musik gibt, die „verschenkt“ wird. Dadurch bin ich schon auf ein paar Künstler gestoßen, deren Werke ich mir dann gekauft habe.

    Alternativen zu bisherigen Vertriebswegen gibt es einige. Myspace ist nur ein Beispiel dafür, dass Bands auf sich aufmerksam machen können ohne einen Major-Deal im Hintergrund zu haben. Renommierte Bands stellen ganze Alben ins Netz (z.B. NineInchNails, Radiohead, REM,…). Es gibt im Netz einige Portale mit “kostenloser” Musik, die bestimmt nicht umsonst sind, sondern Künstlern Aufmerksamkeit, Bekanntheit und letztlich auch Geld zu führen.

    Ergo: Auf zu neuen Ufern. Warum also nicht über eine Kulturflatrate etc. jenseits der aktuellen Vermarktungsmodelle nachdenken? Die “Piraten” können da sicherlich Denkanstöße für geben.

    zweitens: Die Freiheit, die ich meine.

    In den letzten Jahren findet ein massiver Angriff auf Freiheits– und Grundrechte statt – übrigens nicht nur im Internet. Stichwörter hierfür: Vorratsdatenspeicherung, Netzsperren (die Bandbreite reicht derzeit von nicht transparenten Sperrlisten (->”Stopp-Schilder”) – und mit der Forderung nach Transparenz meine ich nicht, dass diese von jedem im Internet einsehbar sein sollten, sondern dass es eine sinnvolle Kontrolle der Kontrolleure und des Sperrverfahrens geben muss (Interessierte mögen sich die Beiträge hierzu auf http://www.heise.de durch lesen) – und gipfelt derzeit in der in meinen Augen unsäglichen Diskussion Urheberrechtsverletzer aus dem Internet auszuschließen (vgl. Frankreich), wie sie bis vor kurzem im CDU Wahlprogramm angedacht war, elektronischer Personalausweis, Gesundheitskarten, …

    Was hier in den letzten Jahren geschaffen wurde kommt dem Orwell´schen “Großen Bruder” beängstigend Nahe. Wer nichts verbrochen hat hat auch nichts zu verbergen? Klar doch, aber wenn dereinst mal wieder braune, rote, grüne,… Systeme, die es mit Meinungsfreiheit etc. nicht so genau nehmen, an der Macht sind, dann sind die Grundlagen für Kontrolle und Verfolgung von (politischen) Gegnern und Andersdenkenden schon geschaffen und es wird ein Leichtes sein mit ihnen aufzuräumen.

    Es werden inzwischen Hinterbänkler im “Reichstag” laut, die fordern, dass die Netzsperre auch auf andere Inhalte ausgeweitet werden – dies sind (obgleich demokratisch gewählt) diejenigen, die den Titel „Gegner der Demokratie“ verdienen, denn das was sie wollen ist mitnichten die FdGO zu stützen, sondern Zensur und damit ein Angriff auf Freiheit – ein Angriff auf Demokratie.
    Freiheit im Internet bedeutet mitnichten alles zu dürfen (s. drittens) sondern Meinung bilden und äußern zu können – die Möglichkeit sich Abseits von „Bild-Dir-Deine-Meinung“ und anderen Mainstream-Medien zu informieren.

    Ein Beispiel hierfür: Naziseiten aus dem Netz zu entfernen bedeutet die Unfähigkeit sich argumentativ mit politischen Gegnern auseinander zu setzen. Oder den Unwillen? Ist es nicht häufig recht und billig eine Gruppe diskreditieren zu können, um eigene politische Ziele durch zu setzen? Und ist es nicht gar selber irgendwie gar faschistoid als Reflex eine Löschung unliebsamer Inhalte zu erwirken? Eine Demokratie muss es aushalten können, dass Menschen mit einer anderen Meinung diese äußern und mit Gleichgesinnten und Gegnern diskutieren.

    drittens: Strafrechtliche Implikationen

    “Zensi-Zensa-Zensursula,… sperren statt löschen – wunderbar!” (Vgl. http://www.youtube.com/watch?v=O4vbdusj7Pk)
    Das Internet war noch nie ein rechtsfreier Raum! Inhalte und Handlungen, die im Internet ihren Raum finden, haben strafrechtliche Auswirkungen, die sich sehr wohl aus der virtuellen in die reale Welt auswirken. Nehmen wir als Beispiel wieder die tumben Übermenschen aus dem zweiten Punkt. Wenn im Internet zu Gewalt gegen andere aufgerufen wird oder Verleumdung, Volksverhetzung, Verfassungsfeindlichkeit,…offen geäußert werden, dann kann der Urheber – so er denn ermittelbar – oder der Betreiber eines Angebotes, auf dem derartige Äußerungen zu finden sind, sehr wohl zur Rechenschaft gezogen werden. Das gleiche gilt für andere strafrechtlich relevante Inhalte und Äußerungen. Anstatt zu zensieren ist es sicherlich sinnvoller Strukturen auszubauen, die eine strafrechtliche Verfolgung bei Bedarf ermöglichen. Justizbehörden sprechen davon, dass sie zu wenig Personal besitzen und häufig keine Möglichkeit haben bei Straftaten im Internet einzuschreiten. Statt einem aushebelbaren Stoppschild-Mechanismus hätte man hier doch prima ansetzen können: mehr Geld für Ermittlungsbehörden, sowie neue Gesetze, um – gerne auch international – gegen Gesetzesüberschreitungen vorzugehen.

    Mein Fazit
    Machen wir uns nichts vor! Das Internet ist ein Abbild unserer Gesellschaft. Hier wie dort gibt es positive Seiten aber auch anomisches Verhalten. Die Verfügbarkeit wie auch immer gearteter bedenklicher Inhalte ist über den dezentralen Aufbau des Internets höher und schwerer kontrollierbar als im Reallife. Ich wage die Frage aufzuwerfen, ob es überhaupt sinnvoll ist eine solche Kontrolle durchsetzen zu wollen (-> China, Iran, Big Brother). Oder macht es nicht viel mehr Sinn Diskussionen, wie die derzeitige über Netzsperren, etc. immer wieder ernsthaft zu führen, mit dem (vermutlich idealistischen) Ziel, dass in unserer Gesellschaft ein Bewusstsein über Inhalte und Form von jeglichen Arten von Medien besteht, dass einer Art ” gesamtgesellschaftlicher Medienkompetenz” nahe kommt.

    Ich kann auch nicht verstehen, warum hier „Nerds“ angefeindet werden. Bevor sich der „Mainstream“ im Internet bewegt hat, waren auch schon jede Menge Idioten online. Damals wie heute wurden Diskurse geführt, wie man mit denen umgehen soll. Inzwischen sind Hinz und Kunz im Internet unterwegs und Politik und Medien interessieren sich auch dafür, was in der „Parallelgesellschaft“ des Internets abgeht. Anstatt aber miteinander an einer Lösung von Problemen zu arbeiten werden wirtschaftliche und politische Interessen über bestehende Diskurse drüber gestülpt! Ein wenig Populismus vor Wahlen und einseitige, ignorante Lobbyarbeit für industrielle Interessen bringen keinen Fortschritt für alle sondern zementieren möglicherweise in der Auflösung befindliche Strukturen.

    Der oft beschriebene “Digital Divide” erstreckt sich nicht nur durch die Verwerfungslinien “Mediennutzer und -ausgeschlossene” sondern hat in den letzten Wochen ganz deutlich die Kluft “Internetausdrucker vs. Internetcommunity” zu Tage gebracht. In der derzeitigen politischen Diskussion stehen sich vermeintliche Idealisten und ordnungspolitische Hardliner gegenüber, deren scheinbar unvereinbare Positionen diametral entgegengesetzt zu sein scheinen. Wenn sich die verschiedenen Parteien vielleicht ein bisschen besser zu hören würden (und ich kann es mich nicht verkneifen, hinzuzufügen, dass die Internetausdrucker aufmerksamer sein sollten!), dann könnte man vielleicht wieder ein wenig sachdienlicher über die verschiedenen Themen diskutieren. Oder will das etwa keiner?

  12. Michaelam 02.07.2009 um 13:33

    Nur noch zur Ergänzung ein Link auf einen lesenswerten Artikel von Kristian Köhntopp: http://blog.koehntopp.de/index.php?url=archives/2531-Dir-fehlen-die-Worte-oder-Die-Position-der-Piratenpartei-zum-Urheberrecht-in-einer-Flatrategesellschaft.html

  13. emmaam 07.07.2009 um 21:16

    Ich empfehle die Lektüre dieses Artikels für ein wenig Licht im Dunkel der Piraten…http://www.spiegelfechter.com/wordpress/572/piraten-in-schwerer-see

  14. Michaelam 07.07.2009 um 23:24

    Wieso soll es bei den Piraten Dunkel sein? Bei wohl kaum einer anderen Organisation sind die Medien und die Netzöffentlichkeit momentan in dieser Weise präsent, da bleibt zum Glück kein Platz für dunkle Ecken.
    Die Geschichte mit Bodo Thiesen ist natürlich nicht nur der PR-Super-Gau (den manche schon fasst erhofft hatten), sondern zeigt, dass sich die PP mit bisher nicht gekannten Problemen beschäftigen muss. Für ein wenig mehr Licht empfehle ich das Weiter-Verfolgen der Diskussionen.

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