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Auf der Fachtagung “Web 3.0 – Herausforderungen für Medienpädagogik und Jugendschutz” der Aktion Jugendschutz Baden-Württemberg (ajs), die am 11. Oktober 2011 in Stuttgart stattfand, ging es in drei sehr interessanten Vorträgen um die Bereiche Technik, Medienpädagogik und Philosophie. Während Aytekin Celik, Bildungsreferent beim Stadtjugendring Stuttgart, in seinem Einstiegsvortrag spannende technische Neuerungen des Web vorstellte, fokussierte Niels Brüggen vom Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis (JFF) den Bereich des pädagogischen Jugendmedienschutzes. Der Autor, Datenschutzexperte und Mitbegründer der Digitalen Gesellschaft e. V. Falk Lüke dagegen stellte die ebenso essentiellen wie zeitlosen Fragen nach Formen gesellschaftlichen Miteinanders: Welche Werte und Normen haben wir? Wie wollen wir miteinander leben? Diese eher philosophischen Fragen wurden auch in der abschließenden Podiumsdiskussion aufgegriffen.
 
Jugendliche Weltbürger
 
Wenn Erwachsene an Online-Freundschaften und Kommunikation im Netz denken, geschieht dies häufig unter der Prämisse, dies seien keine “richtigen” Beziehungen. Für Kinder und Jugendliche in sozialen Netzwerken sind diese Kontakte allerdings durchaus echt. Im Gegenteil, viele junge Menschen unterhalten und pflegen Online-Freundschaften in der ganzen Welt, vernetzen sich und ihre Ideen, tauschen sich über viele Jahre miteinander aus und treffen sich mitunter auch ganz real im Urlaub. Das Internet nutzen sie dabei als Instrument, mit dem man arbeiten und Beziehungen gestalten kann. Damit kommen sie ziemlich nah an die Idee des Weltbürgertums heran, so Elke Sauerteig, Geschäftsführerin der ajs.
 

Aytekin Celik: Web 3.0? Worum geht’s?

 

Aytekin Celik: 'Ein bisschen wie auf der Enterprise.'

Das so genannte “Mitmach-Web”, oder Web 2.0, bei dem UserInnen Inhalte eigenständig hoch- und runterladen können, ist mittlerweile Standard. Jetzt steht die nächste Internet-Generation vor der Tür: das Web 3.0 oder das semantische Web. Aytekin Celik lieferte in seinem Vortrag einen flotten Abriss der Internet-Geschichte und stellte neueste Entwicklungen vor. Während die Netzinhalte der 1990er Jahre (Web 1.0) vor allem aus statischen HTML-Seiten bestanden, wurde für die Angebote um das Jahr 2000 (Web 2.0) herum charakteristisch, dass Struktur, Design und Inhalte getrennt bearbeitet wurden: Programmierer setzten Systeme auf, Grafiker bastelten Bilder dazu, NutzerInnen erstellten die Inhalte und pflegten sie ein. Die Fortentwicklung dieser Technologie könnte man bereits als Web 3.0 bezeichnen. Die Arbeitsteilung Struktur – Design – Inhalt bleibt, allerdings kommen nun die Aspekte Beziehung und Bedeutung hinzu: Computer sind zunehmend in der Lage, bestimmte Informationen miteinander zu verbinden, so Bedeutungen aus ihnen abzuleiten und Kontexte zu erstellen.
 
Intelligente Suchmaschinen und assistierende Smartphones
 
So liefert beispielsweise die Suchmaschine Wolfram Alpha keine Webseiten mit passendem Inhalt, sondern versucht inhaltliche Antworten auf Fragestellungen zu geben (enttäuschend: Auf die Frage nach dem Sinn des Lebens spuckt sie allerdings in Anlehnung an Douglas Adams lediglich die Antwort 42 aus). Oder die Suchmaschine für Bildquellen TinEye berechnet, wo ein (ähnliches) Bild im Netz zu finden ist und wie oft. Das Musikidentifikationsprogramm Shazam dagegen ermöglicht es, Musiktitel mit Hilfe eines Mobiltelefons zu erkennen. Die App AroundMe von Apple nutzt GPS-Daten, um dem Nutzer die nächst gelegenen Tankstellen, Banken, Krankenhäuser, Hotels oder Restaurants etc. vorzuschlagen. Ebenfalls von Apple stammt das Spracherkennungsprogramm Siri für das neue iPhone 4S, das dem Nutzer als persönlicher Assistent Fragen beantwortet (“Brauche ich heute einen Regenschirm?” – “Nein, heute nicht.”), auf Zuruf Anrufe zu Personen aus dem Telefonbuch aufbaut, Termine in den Kalender einträgt, Entfernungen zwischen Orten berechnet und vieles mehr. Das sind erste Schritte in der Mensch-Maschine-Kommunikation, die Celik kommentiert mit: “Geht ein bisschen in die Richtung, was wir uns seit der Enterprise gewünscht haben.” Darüber hinaus wären noch erwähnenswert der Augmented-Reality-Browser Layar, der einem Zusatzinformationen zu Gegenständen aus der realen Welt (Kunstobjekte, Gebäude, Straßen etc.) auf das internetfähige Handy schickt, der Barcode-Scanner barcoo, der einem sämtliche Produktinformationen, Bewertungen sowie Preisvergleiche liefert, oder die Nachrichten-Suchmaschine Paperboy, mit dem sich tagesaktuelle Meldungen aus Deutschland und der ganzen Welt finden lassen.
 
Das Web 3.0 wirft Fragen auf
 
Die Entwicklungen, die das Web 3.0 betreffen, gehen aber nicht nur in Richtung mobiles Internet oder Cloud Computing, also webbasierte Dienstleistungen, sondern auch die neue Version des Internetprotokolls IPv6, das seit März 2011 340 Sixtillionen Möglichkeiten an IP-Adressen zur Verfügung stellt, spielt dabei eine nicht geringe Rolle. Mit dieser immensen Summe an Zuordnungsmöglichkeiten wird die öffentliche Adressierung von Quell- und Ziel-IP-Adressen weiter ausgebaut. So kann jede Strecke jedes Datenpaketes, ähnlich einer Daten-DNA, identifiziert, entschlüsselt und nachverfolgt werden: Wo kommt jede einzelne Datei her, wo geht sie hin? Dies wiederum führt zwangsläufig zu weniger Anonymität im Netz.
 
Damit wirft das Web 3.0 technische, juristische und philosophische Fragen auf: Wie entwickelt sich die Technik weiter? Welche Spuren hinterlassen wir? Was bedeutet das für die individuelle und gesellschaftliche Sicherheit? Und welche Konsequenzen ergeben sich daraus für die Gerechtigkeit? Es bleibt spannend.
 
  Web 3.0? Worum geht’s?
(mp3, 11 MB, Dauer: 00:28:10)

Die Vorträge im einzelnen:
 
Niels Brüggen: Zwischen Partizipation und Ctrl-Verlust
 
Falk Lüke: Aufwachsen in der “Digitalen Gesellschaft”
 
Podiumsdiskussion: Welche Vision haben wir?
 

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