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Autor: Mörike, Eduard / Ammon, Christoph.
Titel: Drehbuch - Mörike.
Quelle: pers. Manuskript. Stuttgart 2004. S. 1-10.
Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Autors.
Christoph Ammon
Drehbuch – Mörike
Nur fast so wie im
Traum ist mir’s geschehen,
Daß ich in dies geliebte
Tal verirrt.
Kein Wunder ist, was meine Augen sehen,
Doch
schwankt der Boden, Luft und Staude schwirrt.
Darf ich mich vorstellen?
Eduard Mörike – ich bin am 8. September 1804 zu Ludwigsburg geboren als Sohn des Oberamtsarztes Dr. Karl Friedrich Mörike und der Pfarrerstochter Charlotte Dorothea. Ich befand mich als Knabe in einem lebhaften Kreis von mehreren Geschwistern, die an Alter teils vor, teils hinter mir standen.
An unserer Erziehung konnte der Vater wegen seines geschäftsvollen Amtes nur den allgemeinsten Anteil nehmen. Schon früh in meinem Leben, ich war gerade 13 Jahre, erkrankte er schwer. Am Morgen des 22. September 1817, bei meinem Erwachen sagte man mir das ganz unfaßliche Wort, daß ich jetzt keinen Vater mehr hätte. Nach bestandenem dritten Landexamen am Gymnasium in Stuttgart ward mein Beruf zum Prediger entschieden ausgesprochen. Im Oktober 1818 wurde ich mit mehr als 30 Zöglingen in die Klosterschule Urach aufgenommen.
Die Schulzeit in Urach war ein wichtiger Lebensabschnitt des jungen Mörike. Neben der Ausbildung schloß er auch zahlreiche Freundschaften.
Kurz nach seinem Eintritt ins Kloster erkrankt Mörike an Scharlachfieber. Sein Urfreund Wilhelm Hartlaub über Mörike:
“Als er besucht werden durfte, strömten die Mitschüler in den Freistunden zu ihm. Mit hundert Scherzen erfreute und unterhielt er den Haufen um sich her”.
In Kontrast zum streng regulierten Klosterleben ...
“Die beinharte Hausordnung machte mir als unterdurchschnittlichem Schüler schwer zu schaffen:
…gänzliches Sichenthalten, aller Unsauberkeit in Gedanken, Worten, Werken; Wahrhaftigkeit, Gehorsam, Verzicht auf unerlaubte Vergnügungen und Genüsse.
Der Tagesablauf : 5 Uhr Wecken, anschließend Morgengebet – Lektionen, Studien in Religion, Deutsch, Latein, Griechisch und Hebräisch – Abendandacht – 22 Uhr Bettruhe. Verstöße wurden mit allerlei Sanktionen geahndet – ich mußte darunter reichlich leiden. Meine häufigsten Verstöße: Abschreiben im Unterricht – schwänzen der Abendandacht.”
Mörike genießt die Uracher Zeit, obwohl das streng reglementierte Leben dem in einer Kaserne gleicht.
Mörikes Lehrer waren von seinen Leistungen in Latein, Griechisch und Hebräisch wenig angetan.
Nächtlich
erschien mir im Traum mein alter hebräischer Lehrer,
Nicht in
Menschengestalt , sondern – o schreckliches Bild!
Ein
grammatikalisches Scheusal
Trat er zur Türe herein, mich zu
ermorden gewillt.
War die Zucht vollends unerträglich, flohen die Uracher Jungspunde in die Wälder, tobten über die bizarren Felsen des Albrands, palaverten – ein Lieblingsort: Hüttchen sorgenfrei – Unterhalb des Eppenzillfelsens nahe des Wasserfalls.
Da seid ihr alle
wieder aufgerichtet,
Besonnte Felsen, alte Wolkenstühle
Auf
Wäldern schwer, wo kaum der Mittag lichtet
Und Schatten
mischt mit balsamreicher Schwüle.
Hinweg! Und leite
mich, du Schar von Quellen
Die ihr durchspielt der Matten grünes
Gold!
Zeigt mir die ur-bemoosten Wasserzellen
Aus denen euer
ewiges Leben rollt.
Im September 1822 endet die Zeit in Urach. Trotz dürftiger Leistungen – das Examen bestanden – die Zulassung zum Theologiestudium am Tübinger Stift war gesichert.
Anders wird die Welt
mit jedem Schritt,
Den ich weiter von den Liebsten mache;
Mein
Herz, das will nicht weiter mit.
Hier scheint die Sonne kalt ins
Land,
Hier deucht mir alles unbekannt,
Sogar die Blumen am
Bache!
Hat jede Sache
So fremd eine Miene, so falsch ein
Gesicht.
Das Bächlein murmelt wohl und spricht:
Armer
Knabe, komm bei mir vorüber,
Siehst auch hier
Vergißmeinnicht!
Ja, die sind schön an jedem Ort,
Aber
nicht wie dort.
Fort, nur fort!
Die Augen gehen mir über!
“Im Oktober des Jahres 1822 kam ich auf das evang. Stift nach Tübingen.
Ich hatte in der Zeit, da ich dort studierte, einen Freund, dessen Denkart mit der meinigen Hand in Hand ging. Wir trieben in den Freistunden unser Wesen miteinander, wir bildeten uns bald eine eigene Sphäre von Poesie. Wir erfanden für unsere Dichtung einen außerhalb der bekannten Welt gelegenen Boden, eine abgeschlossene Insel. Die Insel hieß Orplid.”
“Du bist
Orplid, mein Land! Das ferne leuchtet; vom Meere dampfet dein
besonnter Strand den Nebel, so der Götter Wange feuchtet.
Uralte
Wasser steigen verjüngt um deine Hüften, Kind! Vor deiner
Gottheit beugen sich Könige.”
Ein vierjähriges Theologiestudium lag vor ihm. Es war wohl die wichtigste Station seines Lebens: für seinen Beruf, sein dichterisches Werk und eine geheimnisvolle Liebe, die ihn zeitlebens poetisch inspirieren sollte.
In Ludwigsburg während der Semesterferien lernt ich sie kennen im Wirtshaus zum Holländer, wo sie als Kellnerin arbeitete: Maria Meyer – meine große Liebe meine Voyantin aus der Schweiz – meine schwarze Schönheit, mein Frühlingssturm.
Mit weinendem Blick,
doch grausam,
Hieß ich das schlanke,
zauberhafte
Mädchen
Ferne gehen von mir.
Ach ihre hohe Stirn
War
gesenkt, denn sie liebte mich,
Aber sie zog mit Schweigen
Fort
in die graue
Welt hinaus
Krank seitdem,
wund ist und wehe
mein Herz,
Nimmer wird es genesen!
Als ginge,
luftgesponnen, ein Zauberfaden
Von ihr zu mir, ein ängstig
Band,
So zieht es, zieht mich schmachtend ihr nach!
Obwohl Mörike in Gedanken nicht von ihr lassen konnte und sie noch mehrmals nach Tübingen kam, wollte er sie nicht mehr wiedersehen.
Die reale Begegnung mit Maria Meyer war damit beendet, die innere Begegnung mit ihrem Bild dagegen nahm jetzt erst ihren eigentlichen Anfang. Aus Maria Meyer wurde die Peregrina des entsprechenden Gedichtzyklus.
Ihr Leben, so viel ist gewiß, hat aufgehört in das meinige weiter einzugreifen als ein Traum, den ich gehabt und der mir viel genützt.
Sein Studium am Evangelischen Stift betrieb Mörike mit minimalem Arbeitsaufwand. Lieber saß er in der Kneipe beim Wein oder am romantischen Neckarufer, dort wo auch Hegel und Hölderlin ihre Spuren hinterlassen haben.
Wegen notorischer Faulheit musste er auch viel Zeit im Uni-Karzer absitzen. Umso mehr hatte er den Drang neues zu erleben.
Hochwürdiges Inspectorat die gehorsamst Unterzeichneten bitten um die gütigste Erlaubnis eine Excursion nach Kirchheim und auf die Teck machen und von Samstag früh bis Montag Abend zum Nachtessen ausbleiben zu dürfen.
Mörike und seine Freunde
Hier ist Freude, hier
ist Lust,
Wie ich nie empfunden
Hier muß eine
Menschenbrust
Ganz und gar gesunden
Mag da drunten
jedermann
Seine Grillen haben
Wer sich hier nicht freuen
kann,
lasse sich begraben
Laß denn, o
Herz, der Qual
Froh dich entbinden!
Wirf sie ins tiefste
Tal,
Gib sie den Winden!
Mit 28 Jahren hat er bereits sechs Jahre “Vikariatsknechtschaft” hinter sich. In Dörfern die nach schwäbischer Provinz klingen: Oberboihingen, Pflummern, Plattenhardt, Owen und Ochsenwang: Ein kleines, fast 800m hochgelegenes Alb-Dorf.
“Ich lebe hier an einem Ort, den mir die Muse selbst nicht hätte besser aussuchen können. Ein wildes Paradies, ein Adlerhorst, abgeschnitten von aller kultivierten Welt, und doch nur wenn ich will, ein Sprung in die Städte der Menschen.”
In der Ochsenwanger Zeit erscheint sein einziger Roman, “Maler Nolten”. Sein Hauptthema: Broterwerb und künstlerische Existenz unter einen Hut zu bringen. Einerseits quält ihn der Beruf des Geistlichen andererseits ist er begeistert von der Gemeinde.
In einem Brief an Luise Rau – seiner Verlobten:
“Das hiesige Kirchlein musst du sehn;
Es ist ganz der Pendant vom Pfarrhaus, reinlich und rührend-klein, wie von Kinderhänden aufgestutzt. In der Kinderlehre hatt ich mein wahres Vergnügen, so prompte und frische Antworten hörte ich nirgend.
Der sittlich-religöse Zustand der Gemeinde stellt sich im Allgemeinen als gut und löblich dar, und Gesetzmäßigkeit, Zucht und Ordnung werden geliebt. Grobe Ausschweifungen und Laster werden selten oder nie bemerkt. Wenngleich bei dem hiesigen Kirchengesang, welcher fast immer schreiend und ohne Ausdruck ist, der Fehler hauptsächlich in der eingewurzelten Gewohnheit liegt.”
„Ich habe schon ganze Nachmittage im Freien zugebracht und ganz unerhörte Schönheiten der Gegend entdeckt…
da hängt man die Füße gleichsam über die herrliche Galerie hinaus, dass einem die Lüfte des Himmels mit seligem Schauer berühren…
da sieht man im Tal die Äcker und Felder in niedlicher Kleinheit liegen und drüberher zerstreut die Feldarbeiter wie Ameisen emsig zappeln…“
“Ich bin seit Wochen wie ein gehetztes Wild, unstet, fast heimatlos, uneins mit mir selbst und möchte mein Schicksal mit Füßen zertreten.
Ich muß weg, das ist alles, und es bleibt dabei, dass ich länger als bis in den Herbst hier oben nicht aushalte; mag es dann gehen wie es will.”
Mörikes Klagen über das rauhe Klima der Alb häuften sich. Sein Gesundheitszustand verschlechtert sich. Er schreibt Gesuch um Gesuch nach einer Pfarrstelle in einer klimatisch besseren, seiner Gesundheit bekömmlichen Gegend…
Schließlich wird ihm in einem königlichen Schreiben datiert vom Mai 1834, die Pfarrei Cleversulzbach am Kocher übertragen.
Laß
o Welt, o laß mich sein!
Locket nicht mit
Liebesgaben,
Laßt dies Herz alleine haben
Seine Wonne
seine Pein!
Am 3. Juli 1834 bezog Mörike zusammen mit seiner Mutter und seiner 18-jährigen Schwester Klara das geräumige Pfarrhaus in Cleverzulzbach. Erstmals war er sein eigener Pfarrherr.
“...wie neu und erhebend war mir der Gedanke, dass ich nunmehr gewürdigt sein sollte, von einer Gemeinde vollkommen Besitz zu nehmen!”
“Meine guten
Bauern freuen mich sehr;
Eine scharfe Predigt ist ihr Begehr.
Und
wenn man mir es nicht verdenkt,
sag ich, wie das zusammenhängt.
Sonnabend, wohl nach
elfe spat,
im Garten stehlen sie mir den Salat;
In der
Morgenkirch mit guter Ruh
Erwarten sie den Essig dazu;
Der Predigt Schluß
fein linde sei:
Sie wollen gern auch Öl dabei.”
Allerdings besorgte seine Predigten gerne bei Amtsbrüdern oder er beauftragte Vikare aus der Gegend den Gottesdienst zu verrichten.
Der Herr Vikare
Red’t
immer das gute und Wahre,
Er ist ein Staat,
Wie
der Herr…
Prediget
Und gleichsam die Leute
nötiget
Zu dem Wahren und guten;
Er bekehrt
Heiden und Juden.
Nein, auf Ehre!
Wenn ich nur so
wäre!
Um seine Gemeindemitglieder zu meiden, schlich er sich gelegentlich durch eine Hintertür in die Landschaft – unter Bäumen liegend war er ganz bei sich selbst.
“Blättchen,
das im losen Spiel
Winde durch die Lüfte tragen,
Blättchen,
kannst du mir nicht sagen,
Wo ist deiner Wandrung Ziel?”
Ach ich weiß ein frommes Kind
Neun Jahre hält er es im Dorf und Pfarramt aus – solange wie in keinem anderen Ort. Trotz zahlreicher Beurlaubungen und Kuraufenthalte wurde sein physisches und seelisches Befinden immer bedenklicher. Beim württembergischen König bat er um Entlassung aus dem Amt.
Königliche Majestät. Durch den Erlaß des hohen königlichen Konsistoriums wurde ich für den Fall, dass ich meine Stelle noch immer nicht ohne Gehilfen sollte verstehen können, aufgefordert, um Pensionierung bis zu meiner Wiederherstellung allerunterthänigst zu bitten.
Ein allgemeines Schwächegefühl, das mich seit Jahren eigentlich nie verlassen hat und sich bei jeder Art von länger fortgesetzter Anstrengung, vornehmlich bei der physisch-geistigen der öffentlichen Rede zeigte, ist kürzlich in Folge meiner neu übernommenen ungeteilten Amtsthätigkeit, in erhöhtem Grade eingetreten. Vermehrter Blutandrang nach dem Kopfe, Schwindel, Kopfschmerz, ein heftiges, nicht selten die Sprache hinderndes Herzklopfen und gegen das Ende ein auffallender Nachlaß der Kräfte.
Nach dieser ganzen, der lautersten Wahrheit gemäßen, Darstellung und unter Beteiligung eines ärztlichen Zeugnisses, wage ich denn, Eurer Königlichen Majestät die Bitte um gnädigste Enthebung vom Predigt-Amt und huldvolle Verleihung einer Pension unterthänigst zu Füßen zu legen.
In tiefster Ehrfurcht verharrend Eurer Königlichen Majestät allerunterthänigster treugehorsamster
Eduard Mörike, Pfarrer
“Ade, o Tal, du
Berg und Tal!
Rebhügel, Wälder allzumal!
Aus ist, was mich
gefreut so lang,
Geläut und Orgel, Sang und Klang”
Nach der Heirat mit Margarethe Speeth wurden die Töchter Fanny und Marie geboren – 1851 kehrt er in die wenig geliebte Stadt Stuttgart zurück. Geldnöte trieben ihn in die Schwabenmetropole. Am Stuttgarter Königin-Katharina-Stift – einer Schule für höhere Töchter – unterrichtete er Literatur.
Unruhe trieb ihn von einer Wohnung zur anderen. Elfmal ist die Familie Mörike in der Metropole von Wohnung zu Wohnung gezogen. Anfangs zumindest waren es gute Jahre – es entstanden außergewöhnliche Werke, wie u. a. die Novelle: “Mozart auf der Reise nach Prag”. Seine Liebe zu Mozart und zur Musik wurde von Hugo Wolf in zahlreichen Mörike-Vertonungen aufgegriffen:
1875, 71jährig stirbt Mörike in Stuttgart.
Gottfried Keller zu seinem Tod:
“Er starb, wie wenn ein stiller Berggeist aus einer Gegend wegzieht, ohne dass man es weiß, wie wenn ein schöner Junitag dahin wäre – wenn sein Tod nun seine Werke nicht unter die Leute bringt, so ist ihnen nicht zu helfen, nämlich den Leuten.”
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