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Autorin: Arbeiter, Ursula.
Titel: Medienpädagogische Elternarbeit.
Quelle: ajs-Informationen, Fachzeitschrift der Aktion Jugendschutz, Heft 4 (1998). Stuttgart 1998. S. 1-4.
Verlag: Aktion Jugendschutz, Landesarbeitsstelle Baden-Württemberg.
Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Autorin.
Ursula Arbeiter
Medienpädagogische Elternarbeit
Kaum ein Bereich unseres täglichen Lebens ist heute ohne Medien denkbar. Auch aus der Welt der Kinder sind Medien heute nicht mehr wegzudenken. Damit haben pädagogische Institutionen wie Schule und Kindergarten auch die Aufgabe, Kindern und Jugendlichen Fähigkeiten zu vermitteln, sich in unserer mediatisierten Welt zurechtzufinden. Doch zunächst wird der Umgang mit Medien in der Familie gelebt und vorgelebt.
Medien sind und werden verstärkt ein Thema für die Elternarbeit. Zugleich zeigen Berichte und Erfahrungen von Erzieher/innen und Lehrer/innen, daß es nicht einfach ist, dieses Thema an einem Elternabend aufzugreifen.
Im folgenden soll versucht werden, die Schwierigkeiten und Ängste aller Beteiligten sowie Lösungsansätze aufzuzeigen.
Beinahe alle Bereiche unseres Lebens sind heute durchdrungen von Erkenntnissen der Psychologie und Pädagogik. Noch nie gab es eine derartige Fülle pädagogischer und psychologischer Verlautbarungen zu allen Fragen des Lebens in Büchern, Zeitschriften, Sendungen in den Medien, Kursen an Volkshochschulen, Familien- und Erziehungsberatungsstellen etc. Dadurch entsteht der Eindruck, alle Schwierigkeiten des menschlichen Miteinanders in der Partnerschaft, der Familie, der Erziehung von Kindern und im Berufsleben ließen sich ganz einfach lösen, man brauche nur die richtige Methode anzuwenden. Gelingt dies nicht, so wird dies mehr denn je als persönliches Scheitern aufgefaßt.
Trotz oder vielleicht gerade wegen dieser Fülle an pädagogischem "Allgemeinwissen" in den Köpfen der Menschen, in der Literatur und in den Medien sind viele Eltern heute verunsichert, was nicht selten zu Resignation und Kapitulation in Erziehungsfragen führt.
Die Anforderungen an die Eltern sind, was die Erziehung von Kindern angeht, enorm gewachsen. Die Familie gilt auf der einen Seite nach wie vor als der Hort von Emotionalität und Geborgenheit, in dem Kinder in einem behüteten Rahmen aufwachsen können. Festzustellen ist, daß es die Familie zunehmend weniger gibt, sondern eine Vielzahl von Lebensgemeinschaften von Erwachsenen und Kindern (im folgenden sind diese immer mit gemeint, wenn der Einfachheit halber von Familie die Rede ist). Dabei muß man sich von der landläufigen Vorstellung verabschieden, daß dies immer defizitär wäre. Auf der anderen Seite verliert die Familie durch die gesellschaftlichen Verhältnisse zunehmend ihre Erziehungs- und Kontrollfunktion und soll dennoch gesellschaftliche Mißstände ausgleichen. So sollen Eltern in einer konsumorientierten Freizeitwelt zu Sparsamkeit, Bescheidenheit und Kreativität erziehen, die Kinder in einer kommerzialisierten Medienwelt vor schädigenden und desorientierenden Einflüssen schützen, ihren Kindern Angebote machen, die die Verstädterung des Lebensumfelds mit der einhergehenden Verknappung von Spiel- und Freiflächen ausgleichen und nicht zuletzt dafür sorgen, daß Kinder fit sind für die Anforderungen der Leistungsgesellschaft und des späteren Berufslebens.
Dazu kommen verstärkt existenzielle Sorgen von der zunehmenden Armut sind vor allem Familien und hierbei in erster Linie die Alleinerziehenden betroffen. Es geht in vielen Familien um das ökonomische Überleben. Unter dieser Belastung muß der Alltag strukturiert werden, das Zusammenleben organisiert werden (Arbeitsplatz, Schule, Kinderbetreuung, Familienzeit, Erholung der Familienmitglieder etc.). Der Familienberater Jan-Uwe Rogge drückt dieses so aus: "Familien, die sich mit Erziehungsfragen beschäftigen können, leben in der Regel im emotionalen und materiellen Luxus".
Über das vielbeschworene Montagssyndrom bei Kindern muß kritisch nachgedacht werden. Liegt es wirklich nur am verstärkten Medienkonsum am Wochenende? Kann es nicht viele Ursachen haben: Enge Wohnverhältnisse, anderer Rhythmus des Familienlebens als unter der Woche, anstrengende Verwandtschaftsbesuche, Streit etc.? Und welche Lehrerin, welcher Erzieher kann schon von sich behaupten, montags immer frisch, gutgelaunt und motiviert zur Arbeit zu erscheinen? Auch die Stimmung der Pädagog/innen hat Einfluß auf die Wahrnehmung und auf das Verhalten der Kinder.
Situation der Lehrer/innen, ErzieherinnenDie oben beschriebene Situation wirkt in die Schule, in den Kindergarten oder Hort hinein – auch die Lehrer/innen und Erzieher/innen sind davon betroffen. Auch an sie wird immer häufiger die Forderung herangetragen, all das auszugleichen, woran es Kindern in unserer Konsum-, Auto-, und Medienwelt mangelt und was die Familien in zunehmendem Maß nicht mehr zu leisten im Stande sind.
Erschwerend wirkt sich aus, daß sich die Arbeitsbedingungen in pädagogischen Institutionen in den letzten Jahren zunehmend verschlechtert haben. (Abbau von Stunden für AG's, größere Klassen / Gruppen, Stundenplanverdichtung, etc.)
Nun könnte man annehmen, daß dies einen Solidarisierungsprozeß bewirkt – oft genug ist aber leider das Gegenteil der Fall: Bei Eltern und Lehrer/innen kommt es zu gegenseitigen Schuldzuweisungen, die das nötige Miteinander erschweren. Dafür gibt es verschiedene Gründe:
Sind geprägt von Unsicherheiten und schlechtem Gewissen, bis hin zur Hilflosigkeit bei der Medienerziehung, kapitulieren vor der Medienübermacht und den Ansprüchen der Kinder.
Haben oft ein anderes Medienverhalten – ja eine ganz andere Lebenswelt. Sie kennen die Medienwelt der Kinder nicht bzw. lehnen sie ab.
Fühlen sich mit ihren Problemen, Wünschen, Sehnsüchten nicht ernst genommen, sie sind froh, sich in ihre Medienwelt zurückziehen zu können, die ihnen reichlich Stoff für Tagträume und Fluchtmöglichkeiten bietet.
Es ist sicher richtig, daß kindliches Verhalten – auch das Medienverhalten –, ein Produkt familiärer Erfahrung ist, aber die Projektion auf Sündenböcke macht zum einen die Reflexion über die eigenen Anteile überflüssig, zum anderen erschwert sie die Suche nach für alle Seiten gangbaren und produktiven Lösungen. Ein Verständnis der Elternarbeit, das von Kooperation und Ganzheitlichkeit ausgeht, strebt nicht Elternbelehrung an, sondern Zusammenarbeit, Dialog und gegenseitige Bereicherung. Elternarbeit muß sich an der Lebenswelt der Eltern und Kinder orientieren.
Medien sind inzwischen ein selbstverständlicher Bestandteil des Alltags, Kinder wachsen heute in einer mediatisierten Umgebung auf. Die Medien sind somit zu einem wichtigen Sozialisationsfaktor geworden, auch wenn sie oft genug Botschaften transportieren, die Eltern, Lehrer/innen und Erzieher/innen nicht immer für pädagogisch wertvoll, vielmehr oft genug für schädlich halten, Die heutige Generation wächst mit einer vollständig anderen Medienbiographie auf als Heranwachsende früherer Generationen. Kinder verfügen heute weitaus eigenständiger über Medien und sind unabhängiger von Erwachsenen als frühere Generationen, ja teilweise haben sie Erwachsenen sogar einiges an Erfahrungen voraus (Beispiel Computer). Für die Eltern bedeutet dies, daß sie nicht mehr über brauchbare Modelle verfügen, wie der Umgang mit Medien in der Familie gelernt und gelebt werden soll.
Die Mediennutzung ist eingebunden in das Alltagsleben einer Familie. Die Art und Weise, wie Familienmitglieder miteinander umgehen, wie der Tagesablauf und der Alltag strukturiert sind sowie die sozialen und ökonomischen Lebensverhältnisse bilden die Rahmenbedingungen. Diese werden bestimmt durch die Bedingungen der Eltern am Arbeitsplatz, durch Einkommen, Wohnverhältnisse, Familiengröße und die Einstellung zu Erziehungsfragen. Dabei hängt der Umgang mit Erziehungsfragen oft auch davon ab, wieviel Kraft den Eltern hierfür neben der Bewältigung des schwieriger werdenden Alltags noch bleibt.
Medien haben im familiären Alltag vielfältige (auch positive) Funktionen:
Sie machen Spaß, sie unterhalten
Sie dienen der Entspannung
Sie bieten Stoff für Tagträume und Rückzug aus dem belastenden Alltag
Sie strukturieren den Tagesablauf
Sie sorgen für Gesprächsstoff
Sie schaffen Nähe
Sie informieren
Sie bieten Ersatzmöglichkeiten für nicht erfüllte Bedürfnisse
Schon viele Kinder erleben ihren Alltag, wie Erwachsene auch, als anstrengend und belastend. Nicht selten ist er schon genau durchstrukturiert und verplant und bietet wenig Raum für Spontaneität und freie Gestaltung. Und so haben auch Kinder heute vermehrt das Bedürfnis nach Rückzug und Entspannung.
Eine ganzheitlich orientierte medienpädagogische Elternarbeit muß die medienzentrierte Sichtweise aufgeben. Auch die Medienwirkungsforschung stellt mittlerweile nicht mehr nur die Frage "was machen die Medien mit den Menschen?", sondern in erster Linie "was machen die Menschen mit den Medien?".
Die Mediennutzung bzw. die Konflikte, die damit verbunden sind, berühren das familiäre Zusammenleben. Um zu einer ehrlichen Auseinandersetzung zu kommen, ist es daher wichtig, die äußere, vielleicht auch die innere Realität der Teilnehmer/innen zu erfassen, sie als bedeutenden Faktor ernst zu nehmen, und zu versuchen, sie in den Mittelpunkt der Elternbildung zu stellen. (vgl. Bachmair, Medienpraktisch 2/95)
Dazu bedarf es einiger Vorüberlegungen:
Wie sehen die Rahmenbedingungen der Familien aus, mit denen ich es zu tun habe (z.B. Anteil von Alleinerziehenden, Nationalitäten, ökonomisches und soziales Umfeld etc.)?
Was weiß ich tatsächlich über den Medienkonsum bzw. die Medienwelten der Kinder und wie sie damit umgehen?
Auch die eigene Sichtweise muß immer wieder kritisch überprüft werden:
Wie gehe ich selbst mit Medien um?
Wie sieht die eigene Medienbiographie aus?
Warum finde ich das Mediennutzungsverhalten der Kinder eventuell problematisch?
Welche eigenen Normen und Werte sind die Grundlage meiner Einschätzung – können sie auch für andere gelten (z.B wie unterscheidet sich meine Lebenswelt von der der Kinder oder Eltern – verstehe ich vielleicht auch manche neuen Entwicklungen einfach nicht)?
Kann ich die Mediennutzung der Kinder akzeptieren und nach positiven und unterstützenden Maßnahmen suchen?
Welche "Bilder" habe ich von den Menschen, mit denen ich es zu tun habe?
Die meisten der Eltern kommen zu einem Elternabend, bei dem es um Medien und Medienkonsum geht – wenn überhaupt – mit Angst oder zumindest mit großer Unsicherheit, insbesondere beim Thema Fernsehen. Dazu trägt allerdings oft schon die Einladung mit bei (Fernsehen – zappelnde Kinder, Gewalt im Fernsehen – Gewalt im Klassenzimmer, die Droge im Wohnzimmer etc.). Eltern kommen oft mit dem Wissen oder dem Gefühl, daß in ihrer Familie etwas nicht richtig läuft, haben aber keine Idee, was man ändern könnte. Dazu kommt, daß hauptsächlich die Mütter anwesend sind. Fernseherziehung ist Teil der Kindererziehung und somit immer noch vorrangig Frauensache. Etwas anders sieht es an Elternabenden aus, bei denen der Computer im Mittelpunkt steht. Der Anteil der anwesenden Väter ist dann größer. Für sie geht es hier um Wissensvermittlung, um den Anschluß an die Zukunft der Kinder. Dabei sind sie jedoch weniger an pädagogischen Fragen interessiert, sondern diskutieren über die "richtige" Hardware und wollen sich über Software informieren. Mütter sehen die Computernutzung der Kinder weitaus kritischer als die Väter und empfinden sie als mindestens genauso problematisch wie den hohen Fernsehkonsum.
Die Mütter sind meist die ersten, die spüren, daß .es eigentlich nicht um Medien geht, sondern um innerfamiliäre Beziehungen, also um ein sensibles Thema, über das man nicht gerne öffentlich diskutiert.
Treffen sie nun auf Lehrer/innen oder sog. Expert/innen, die den Medienkonsum der Kinder ausschließlich kritisch sehen und/oder sogar verantwortlich machen für schlechte Schulleistungen, aggressives Verhalten oder das sogenannte Montagssyndrom, so ist die Blockade fast zwangsläufig die Folge. Wer kommt schon gerne zu einem Elternabend, bei dem ein "Berufspädagoge" einem bescheinigt, alles falsch zu machen und der dazu noch mit alltagsuntauglichen Ratschlagen glänzt.
Immer noch gängige Ratgeberliteratur oder Veranstaltungstitel wie "Fernsehen, die Droge unserer Kinder" sowie vereinfachende Theorien zur schädlichen Wirkung von Fernsehen, Video oder Computer (Fernsehen macht Kinder süchtig, aggressiv und zappelig) sind zwar bei vielen Pädagog/innen nach wie vor beliebt und eingängig, haben jedoch für die Medienerziehung hinderliche Konsequenzen:
Eltern werden auf diese Weise nicht motiviert, sich mit der tatsächlichen Rolle der Medien in ihrer Familie, in den Beziehungen der Familienmitglieder untereinander und in der Erziehung zu beschäftigen. Bei Eltern wird dadurch die Erwartung geweckt, gebrauchsfertige Rezepte zum Umgang der Kinder mit dem Fernsehen zu bekommen (Wie lange darf ein Kind fernsehen, welche Sendung darf es sehen?) und müssen enttäuscht werden.
Medienerziehung beschränkt sich dann darauf, zu verhindern, daß Kinder nicht zu viel und keine brutalen oder pornographischen Filme sehen.
Demgegenüber stehen folgende Zielsetzungen:
Die Problemlösungskompetenz der Eltern zu aktivieren und zu stärken. Ihr Wissen und ihre Erfahrungen nutzbar zu machen für medienerzieherische Fragestellungen und ggf. für Verhaltensänderungen.
Die Beobachtung der Eltern dafür zu sensibilisieren, wie Kinder mit Medien(erlebnissen) umgehen.
Die Medienwelten und den Umgang ihrer Kinder damit kennenzulernen bzw. bewußter wahrzunehmen.
Die kindliche Sehweise ist oft eine andere als die der Erwachsenen, sie kennenzulernen und sich darauf einstellen zu können ist ein wichtiges Ziel für Elternarbeit (Wahrnehmungs- und Verarbeitungsmöglichkeiten von Kindern).
Die Kinder als aktive und gestaltende Mediennutzer zu entdecken und wahrzunehmen. Bei dieser positiven Sichtweise kann es Eltern, aber auch Lehrer/innen und Erzieher/innen eher gelingen, Kinder zu unterstützen, aktiv und kreativ mit Medien und Bilderwelten umzugehen.
Den Eltern dabei zu helfen, das Programmangebot, Serien, Figuren und Geschichten in die jeweiligen Lebenszusammenhänge und den Entwicklungsstand der Kinder einzuordnen.
Die Möglichkeit zum Erfahrungsaustausch mit anderen Eltern zu geben ("nicht nur ich habe damit Probleme").
Die Reflexion über das eigene Medien- bzw. Freizeitverhalten anzuregen: Nachdenken über Nutzungsrituale, Gebrauchsroutinen und soziale Rahmenbedingungen.
Die beste Voraussetzung, auf Interesse bei den Eltern zu stoßen, ist, wenn er nicht allein von der Institution veranlaßt wird, sondern wenn Eltern bei der Themenwahl und der inhaltlichen Planung miteinbezogen sind. Das Interesse kann schon im Vorfeld geweckt werden:
Medien sind Thema im Unterricht oder im Kindergarten und werden so über die Kinder eventuell schon in der Familie thematisiert.
Wichtig ist die Form der Einladung: sie sollte mit persönlichem Anschreiben erfolgen. Inhaltliche Katastrophenszenarien als Begründung des Themas oder als Titel der Veranstaltung sind auf jeden Fall zu vermeiden ("Fernsehen, die Droge unserer Kinder", "Gewalt in den Medien – gewalttätige Kinder"...). Sie verstärken nur das schlechte Gewissen der Eltern und die Angst vor dem Abend.
Wichtig ist das Bemühen um eine aufgelockerte Atmosphäre, die hilft, Unsicherheiten abzubauen oder gering zu halten. Die Besucher/innen sollten möglichst zu Beginn von vermeintlichen Aufträgen entlastet werden: Es gibt keine problemfreie Erziehung, auch nicht in der Medienerziehung und insbesondere gibt es bei Erziehungsfragen keine Patentrezepte. So ein Abend muß genügend Raum lassen für Fragen der Eltern, es muß Zeit geben zum Erfahrungsaustausch, zum Nachdenken und um Anregungen aufzunehmen. Keinesfalls eignet sich ein Elternabend für die Beratung von einzelnen Problemfällen. Hier muß versucht werden, Betroffene sensibel einzeln anzusprechen und eventuell Hilfe-Stellung zu geben, um Beratungsstellen aufzusuchen. Einzelne Eltern dürfen auf einem Elternabend nie bloßgestellt werden.
Hüten sollte man sich auch vor alltagsuntauglichen, besserwisserischen Ratschlägen nach dem Motto "Fernsehen ist kein Babysitter" oder "Spielen sie doch einfach mehr mit ihrem Kind".
Falls bei einer Elternabendveranstaltung der Wunsch spürbar wird, einzelne angesprochene Aspekte zu vertiefen oder sich nochmals darüber auszutauschen, sollte man die Chance, mit Eltern im Gespräch zu bleiben, nutzen. Vielleicht eignet sich dazu dann die eine oder andere im folgenden aufgeführte Form der Elternarbeit.
Das
Einzelgespräch oder die Elternsprechstunde
Hier ist es
eher angebracht, mit einzelnen Eltern ins Gespräch zu kommen.
Wichtig dabei ist es, die Sichtweise der Eltern kennenzulernen, um
Verhaltensweisen und ihre Auswirkungen besser nachvollziehen zu
können und gemeinsam über Alternativen nachzudenken
("Eltern da abholen, wo sie stehen").
Der Stammtisch
Bei dieser lockeren Zusammenkunft fühlen
Eltern sich meist freier. Ein Elternstammtisch eignet sich daher
besonders für den Erfahrungsaustausch und das Entwickeln
gemeinsamer Ideen und Themen.
Ein Tag
der offenen Tür / Feste
Hier bietet sich die
Möglichkeit, eine Ausstellung zu präsentieren. Gezeigt
werden können zum einen Medienprodukte von Kindern (Filme,
Fotos, Bilder, etc.), in denen sie ihre Medienerlebnisse oder
Erfahrungen dokumentieren (z.B. Bilder zu Themen wie "Helden"
oder "Angst'). Eltern können so auf die Medien(erlebnisse)
ihrer Kinder neugierig gemacht werden. Zum anderen kann man Eltern
die Gelegenheit bieten, "gute" Kindermedien
kennenzulernen, vom Buch über Fernsehsendungen bis zum
Computerspiel.
Gemeinsame
Ausflüge
Gemeinsame Ausflüge von Lehrer/innen oder
Erzieher/innen, Eltern und Kindern können auch einmal eine
Rundfunkstation, einen Fernsehsender oder eine Filmproduktionsfirma
zum Ziel haben, um einmal hinter die Kulissen zu schauen.
Ein
Familienwochenende oder eine Familienfreizeit
Dies ist
sicherlich eine selten praktizierte Form der Elternarbeit, da sie
sehr aufwendig in der Planung und Durchführung ist und von
Lehrer/innen oder Erzieher/innen enormes Engagement, insbesondere
zeitlichen Einsatz verlangt, der ihnen vom jeweiligen Träger
selten zu Verfügung gestellt wird. Es lohnt aber durchaus
darüber nachzudenken, da sich hier natürlich die besten
Möglichkeiten bieten, mit Eltern und Kindern rund um das Thema
Medien zu arbeiten. (Siehe als Beispiel Bericht vom
Multimedia-Camp).
Die
schriftliche Elterninformation / der Elternrundbrief
Diese
Form bietet die Möglichkeit, ein Thema ausführlich und
unter verschiedenen Aspekten zu beleuchten und es kann auch immer
wieder in Ruhe darin nachgelesen werden. Nur muß man sich hier
gut überlegen bzw. erforschen, wen man damit erreicht.
Gemeinsamer
Nachmittag mit Eltern und Kindern
Wie erleben Erwachsene
einen Film und wie erleben Kinder den gleichen Film – welche
Unterschiede gibt es? Um dies auszuprobieren, kann sich ein solcher
ein Nachmittag anbieten.
Das ist möglich mit von Kindern hergestellten Produkten zum Thema Fernsehen:
Gemalte oder gebastelte Lieblingsfernsehhelden oder -heldinnen
Kurze von Kindern verfaßte Geschichten zum Thema „Fernsehen und Angst"
Kinderzeichnungen oder Kindergeschichten "Mein schönstes Fernseherlebnis"
"Ich will so sein wie ...!“ malen oder basteln
Zweiergespräch: Zwei nebeneinandersitzende Personen befragen sich über ihre jeweiligen Erwartungen oder Erfahrungen zum Thema und stellen sich dann gegenseitig im Plenum vor. Dadurch haben alle zu Beginn die Möglichkeit, etwas im Plenum zu sagen und die Beteiligung an einer Diskussion fällt auch Ungeübten leichter.
Jeder soll seine Gedanken auf einen Zettel schreiben. Danach können sich Kleingruppen nach gleichen Interessen bilden, die die Fragen besprechen und den restlichen Teilnehmer/innen vortragen.
Der Moderator oder die Moderatorin bereitet Fragekärtchen vor wie z.B: Welche Regel gibt es zum Fernsehkonsum?
Bei welchen Sendungen ängstigt sich das Kind?
Fernsehverbot als Bestrafung?
Nach welchen Kriterien entscheiden Sie, was angeschaut wird?
Die Erfahrungen können ebenfalls in Kleingruppen diskutiert und im Plenum vorgestellt werden.
Verschiedene Karikaturen zum Thema "Kinder und Medien" oder "Familie und Medien" werden am Elternabend ausgestellt. Die Eltern können die Bilder schon bis zum Beginn des Elternabends betrachten. Nach einer Einführung werden die Eltern aufgefordert, sich die Karikaturen nochmals zu betrachten und sich die, die sie am meisten ansprechen, wegzunehmen.
Der oder die Moderator/in könnte dann folgendermaßen versuchen, ein Gespräch in Gang zu bringen: "Wer möchte von Ihnen etwas zu der Karikatur sagen, die Sie ausgesucht haben? Das können eigene Erfahrungen sein, die Ihnen beim Ansehen gekommen sind, aber auch Ideen und Gefühle können geäußert werden." Die Karikaturen sollten möglichst fotokopiert werden, damit sie auf Wunsch mit nach Hause genommen werden können.
Die Erkennungsmelodien gängiger Fernsehsendungen vorspielen und die Teilnehmer/ innen raten lassen, um welche Sendung es sich handelt. Danach können Erfahrungen und Meinungen zu den Sendungen diskutiert werden.
Die Aussagen von Kindern über eine gängige Serie/Sendung auf Tonband aufzeichnen. Den Eltern die Sendung zeigen und darüber reden, was die Erwachsenen von dieser Sendung halten? Welche Themen, welche Problematik sehen wir? Was denken wir, was Kindern gefällt?
Dann die Aussagen der Kinder anhören. Worin liegen die Unterschiede, was erfahren wir über die Sichtweise der Kinder? Spannend für diese Methode wäre es, gerade eine umstrittene Sendung auszuwählen.
Leben in der Medien- und Informationsgesellschaft ist ein generationenübergreifendes Thema. Die Entwicklung der vielbeschworenen Medienkompetenz, die uns zu mündigen Nutzer/innen machen soll, dürfte uns lebenslang begleiten. Es müssen daher zielgruppenorientierte Angebote für alle Altersgruppen entwickelt werden. Erwachsene werden sich zunehmend mit der Tatsache auseinandersetzen müssen, daß sie nicht mehr automatisch aufgrund ihres Altersvorsprungs auch einen Wissensvorsprung haben. Es stellt sich also auch die Frage, was Erwachsene von den medienbezogenen Kompetenzen Heranwachsender lernen können. Jedoch ist die Erwachsenengeneration mehr denn je in der Verantwortung, die Auseinandersetzung um Normen und Werte und die Entwicklung einer Medienethik zu führen und den Heranwachsenden vorzuleben.
Ein weiterer wichtiger Punkt für die Eltern- bzw. Erwachsenenbildung ist die Berücksichtigung bzw. Einbeziehung gesellschaftlicher Entwicklungen in Fortbildungskonzepte. So sind z.B. Armut, Arbeitslosigkeit und soziale Probleme oft die Ursache für exzessiven Medienkonsum. Das stellt die Arbeit in der Elternbildung vor die Herausforderung, neue Konzepte zu entwickeln, neue Wege und Formen zu finden und dabei ihre Mittelschichtsorientierung aufzugeben.
Andererseits muß auch klar sein, daß die ökonomische und ökologische Benachteiligung insbesondere von kinderreichen Familien und Ein-Eltern-Familien, deren Schwierigkeiten oft auch im Bereich der Medienerziehung ihren Ausdruck finden, nicht durch Medienpädagogik alleine zu beheben sind.
Bachmair, Ben: Präventiver Jugendschutz – praktischer Beitrag der Medienpädagogik zur Medienkultur. In: Film und Fakten, Juli 1993, Ausgabe 19. Magazin der FSK.
Bachmair, Ben, Neuß, Norbert, Apel, Thomas, Zipf, Jürgen: „Schuld sind die Medien", Medienpädagogische Elternabende als Maßnahme vorbeugenden Jugendschutzes. In: Medien Praktisch, Heft 74, Juni 1995, 19. Jahrgang.
Hurrelmann, Bettina: Familienmitglied Fernsehen. Fernsehgebrauch und Probleme der Fernseherziehung in verschiedenen Familienformen, Opladen 1996, Schriftenreihe Medienforschung der Landesanstalt für Rundfunk Nordrhein-Westfalen, Bd.20.
Knodt, Dorothea: Zusammenarbeit mit Eltern. infoset „Alles auf Empfang? – Familie und Fernsehen“, Herausgegeben von: Aktion Jugendschutz, Landesarbeitsstelle Bayern e.V.
Rogge, Jan-Uwe: Kinder und Medien. Bausteine für die Medienerziehung jüngerer Kinder. Band 6. Der Elternabend. Herausgegeben vom Niedersächsischen Kultusministerium 1990.
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