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Autoren: Aufenanger, Stefan/ Lampert, Claudia/ Vockerodt, Yvonne.
Titel: Lustige Gewalt? Zum Verwechslungsrisiko realer und inszenierter Fernsehgewalt bei Kindern durch humoreske Programmkontexte. (Auszug).
Quelle: Bayerische Landeszentrale für neue Medien (Hrsg.): Lustige Gewalt? Zum Verwechslungsrisiko realer und inszenierter Fernsehgewalt bei Kindern durch humoreske Programmkontexte. BLM-Schriftenreihe, Band 38. München 1996, S. 16-84.
Verlag: Reinhard Fischer Verlag.
Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Herausgebers.
Stefan Aufenanger/Claudia Lampert/Yvonne Vockerodt
Lustige Gewalt? Zum Verwechslungsrisiko realer und inszenierter Fernsehgewalt bei Kindern durch humoreske Programmkontexte. (Auszug).
Die Einführung spezieller Kinderkanäle mit dem Schwerpunkt auf Zeichentrickfilmen und der Ausstrahlung gewalthaltiger Sendungen im Tagesprogramm rücken erneut Fragen über die Nutzung und die Wirkung von gewalthaltigen Sendungen in den Mittelpunkt öffentlichen und wissenschaftlichen Interesses.
Wird in der Öffentlichkeit meist von einem einseitigen Gewaltwirkungsbegriff in dem Sinne ausgegangen, daß Gewaltdarstellungen in den Medien kausal auf die Fernsehzuschauer wirken, haben sich die Ansätze der medialen Gewaltforschung, in deren Zentrum der Rezipient als aktives Individuum steht, jedoch weiterentwickelt. Sozialisationsfaktoren, kognitive Entwicklung etc. werden als ausschlaggebende Komponenten für das Verständnis von individueller Mediennutzung und möglicher Wirkung herangezogen. Gerade Kinder, die sich noch in einer für ihre Identitätsbildung wichtigen Phase befinden, stehen im Mittelpunkt des Forschungsinteresses, da ihnen - nach Meinung der Erwachsenen - die nötige Kompetenz fehlt, zwischen Realität und Fiktion zu unterscheiden.
Dabei lassen sich zwei Zugangsweisen unterscheiden, die auch in der allgemeinen Gewaltforschung in Hinsicht auf Medien gewählt werden: zum einen werden Programmanalysen durchgeführt, die untersuchen, in welchem Umfang und zu welchen Uhrzeiten Gewaltszenen ausgestrahlt werden, in welchen Handlungskontexten Gewalt Verwendung findet und wie Täter bzw. Opfer dargestellt werden. Zum anderen werden Erwachsene und Kinder daraufhin untersucht, warum sie sich Gewalt in den Medien ansehen, wie sie diese wahrnehmen und verarbeiten. Darüber hinaus wird kritisch thematisiert, ob die Programmformen des Kinderprogramms (Zeichentrick, Slapstick etc.) durch die Verknüpfung von Gewalt, Witz und Komik dazu führen können, daß Kindern die Gewalt nicht mehr als solche bzw. als harmlos wahrnehmen. Über diese Frage versucht die vorliegende Studie zum Verwechslungsrisiko Aufschluß zu geben. Im folgenden sollen als Grundlage für unsere Arbeit die Ergebnisse aktueller Untersuchungen kurz vorgestellt werden, die sich auf verschiedene Weise mit dem Thema ‚Kinder und Gewalt im Fernsehen’ auseinandersetzen.
In einem Aufsatz von 1985 kritisiert Kunczik verschiedene Studien, die die These einer einseitigen, von der Anzahl der medialen Gewaltakte abhängigen Medienwirkung propagieren.1 In Abgrenzung dazu weist Kunczik darauf hin, daß neben individuellen auch altersabhängige Differenzen in der medialen Wahrnehmung von Kindern bestehen. Hinzu kommt, daß das Genre und die damit verbundene Erwartungshaltung die Wahrnehmung von medialen Gewalthandlungen beeinflussen, so daß nach Kunczik kein Zusammenhang zwischen inhaltsanalytisch festgestellter und vom Rezipienten wahrgenommener Gewalt besteht. (Vgl. Kunczik 1983, S.339) Als Beleg führt Kunczik die Studie von Howitt und Cumberbatch (1974) an, die zu dem Ergebnis kommt, daß zum Beispiel Zeichentrickfilme trotz einer objektiv nachweisbaren hohen Gewaltrate von Kindern als lustig wahrgenommen und bewertet werden. Kunczik zufolge müssen Nutzungsmotive sowie die Wahrnehmung von Medieninhalten stärker in den Mittelpunkt der Medienforschung gerückt werden.
An diesen Ansatz anknüpfend, konzentriert sich die Studie von Paus-Haase (1991) auf die Programmvorlieben von Kindern im Alter von 3-11 Jahren. Mittels standardisierter Fragebögen und Gruppengesprächen ermittelte sie Fernsehverhalten, Lieblingssendungen, favorisierte Fernsehfiguren und deren Bedeutung für Kinder. Die Untersuchung zeigt, daß Kinder ihr Programm nach ihren individuellen Vorstellungen und Wünschen auswählen, die sich sehr stark an Spannung und Spaß orientieren - typische Elemente von Actionserien und -cartoons.
„In den Action-Serien sind die Machtkämpfe in einer für Kinder völlig fremden Erwachsenenwelt angesiedelt. Sie werden zum Schlüsselloch für den verbotenen, aber reizvollen Blick in geheimnisvoll-fremde Welten.“ (Paus-Haase 1991, S.679)
Die Auswahl der Sendungen basiert nach Meinung der Autorin auf geschlechtsspezifischen Motiven: Für die Jungen stehen der ‚starke Held’ sowie die Themen ‚Magie’ und ‚Technik’ im Vordergrund. Bei den Mädchen richtet sich das Interesse mehr auf emotionale Inhalte. Die Auswahlpräferenzen unterscheiden sich auch hinsichtlich der Altersstruktur: Ihrer kognitiven Entwicklung gemäß nehmen jüngere Kinder Handlungen im unrealistischen Kontext ernst und legen daher Wert auf einen guten Ausgang des Films, ältere Kinder hingegen favorisieren Sendungen bzw. Filme mit realistischen Handlungen.
Helga Theunert u.a. kommen in ihrer Studie „Zwischen Vergnügen und Angst“ (1992) bezüglich der Programmvorlieben und der Auswahlmotive zu vergleichbaren Ergebnissen. Neben den Fragen zu Sendungspräferenzen, Nutzungsmotiven und bevorzugten Medienfiguren von 8-13jährigen Kindern, untersucht die Studie, wie Kinder Gewaltdarstellungen im Fernsehen wahrnehmen und verarbeiten.
Sie kommt zu dem Ergebnis, daß Kinder überwiegend physische Gewaltformen im Fernsehen wahrnehmen. Den Autoren zufolge entwickeln Mädchen und Jungen eine individuelle „Gewaltschwelle“, ab der sie mediale Gewalthandlungen als solche wahrnehmen und von ihnen emotional berührt werden. Im Gewaltverständnis sowie den Gewaltschwellen zeigen sich geschlechtsspezifische Differenzen: Während ’Gewalt’ für Mädchen jegliche Form von körperlicher Auseinandersetzung bedeutet, verstehen Jungen unter Gewalt „drastische und existentielle körperliche Verletzungen“ (Theunert 1992, S.196). Theunert konstatiert, daß die „Gewaltschwelle“ der Kinder nur selten überschritten wird, da sie bevorzugt Sendungen sehen, in denen Gewaltfolgen als harmlos oder nicht gezeigt werden.
Um das Gewaltverständnis von Kindern genrespezifisch weiter zu beleuchten, setzen sich zwei Studien mit der Rezeption von Zeichentricksendungen auseinander. Aufbauend auf der Studie von Schorb u.a. „Wenig Lust auf starke Kämpfer“ (1992) über die Faszination, Vorlieben und Motive der Rezeption von Zeichentrickfilmen befaßt sich die Studie „’Einsame Wölfe’ und ‘Schöne Bräute’ „von Helga Theunert (1993) mit der Frage, welche Bedeutung Cartoonfiguren und ihr Handeln für Jungen und Mädchen haben und erforscht geschlechtsspezifische Vorlieben und Abneigungen. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf dem Umgang mit Zeichentrickgewalt. Hier treten bezüglich der Wahrnehmung medialer Gewalt Unterschiede auf, die von den Autoren auf das geschlechtsspezifische Alltagsverständnis der Kinder zurückgeführt werden.
Als Ergebnis halten sie fest, daß Mädchen sich an ihrem unmittelbaren Umfeld orientieren und sich von Gewalt distanzieren. Ihre Aufmerksamkeit richtet sich auf die Opfer und die männlichen Täter. Jungen verfügen über ein globaleres Gewaltverständnis; für sie sind männliche Täter und Taten bedeutsam, da sie zum sich entwickelnden männlichen Rollenverständnis beitragen. (Vgl. Theunert 1993, S.144)
Auf Cartoons bezogen kommt die Untersuchung zu folgendem Ergebnis:
„Zeichentrickserien sind in der Wertung der Kinder (fast) gewaltfrei, wegen der dort dominierenden ‚sauberen’ folgenlosen Gewalt. Mädchen lehnen jedoch auch in den Cartoons die dargestellten Gewalthandlungen überwiegend ab, während Jungen diese mit dem Legitimationsklischee der Serien ‚Die Guten erwehren sich der Bösen’ verteidigen.“ (Theunert 1993, S.144)
Diese Ergebnisse sind kongruent zu denen der oben angeführten Studie und belegen, daß folgenfreie Gewalt von den Kindern nicht als solche wahrgenommen wird und sie daher emotional nicht negativ berührt. Werden Kinder stattdessen mit medialen Gewaltdarstellungen in undurchschaubaren oder realitätsnahen Kontexten konfrontiert, deren Folgen bzw. Opfer gezeigt werden, reagieren sie emotional mit verschiedenen Bewältigungsstrategien.
Um über die Frage Aufschluß zu bekommen, wie Kinder realitätsnahe Gewaltdarstellungen wahrnehmen und bewerten, untersuchten Theunert und Schorb 1995 in ihrer Studie “‘Mordsbilder’: Kinder und Fernsehinformation” Kinder im Alter von 8 bis 13 Jahren hinsichtlich ihres Umgangs mit Gewaltdarstellungen in Nachrichten, Informationsmagazinen und Reality-TV.
Den Autoren zufolge messen die Kinder den drei genannten Genres einen hohen Wahrheitsgehalt bei. Ihre Reaktion auf die Inhalte ist abhängig von gezeigten Gewaltfolgen bzw. Opfer, Handlungskontext und Dramaturgie. Auf die gewalthaltigen realen Themen reagieren sie in den meisten Fällen mit Angst. Detaillierte Bilder physischer Folgen und leidender Opfer lösen Ekel aus, psychische Qualen erwecken bei den Kindern Mitleid. Verbunden mit den Kenntnissen über die Dramaturgie von Reality-TV-Sendungen werden deren Inhalte oft mit Angstlust und Spannung aufgenommen. (Vgl. Theunert 1995, S.169 ff.)
Die in knapper Form beschriebenen Studien zeigen, daß es zum einen geschlechtsspezifische und zum anderen genrespezifische Differenzen in der kindlichen Wahrnehmung, Bewertung und Verarbeitung medialer Gewaltdarstellungen gibt (vgl. auch Theunert/Schorb 1996). Dennoch bleibt die Frage offen, welche Darstellungen als Gewalt bezeichnet bzw. was von den Kindern als Gewalt wahrgenommen wird. Um sich dieser Frage anzunähern, erscheint es uns notwendig und sinnvoll, von einem sehr weit gefaßten Gewaltbegriff auszugehen, an dem das Gewaltverständnis der Kinder ‚gemessen’ wird.
Hinsichtlich der oben angeführten Studien stellten wir fest, daß diese auf einem ‚klassischen’ Gewaltbegriff basieren. So verwenden Schorb und Theunert in ihren Studien einen Gewaltbegriff, der in Anlehnung an Galtung (1971, S.62) sowohl strukturelle als auch physische und psychische Formen personaler Gewalt umfaßt, deren Grenzen jedoch fließend sind: „Gewalt ist die Manifestation von Macht und/oder Herrschaft, mit der Folge und/oder dem Ziel der Schädigung von einzelnen oder Gruppen von Menschen.“ (Schorb/Theunert 1982, S.323). Die Definition bezieht sich nach Schorb und Theunert sowohl auf reale als auch mediale Gewalthandlungen und setzt ihren Schwerpunkt auf eine intendierte Schädigung und die damit verbundenen Folgen. Anhand dieser Definition wählten die Autoren Gewaltsequenzen aus, an denen sie das Gewaltverständnis der Kinder mittels vorgegebener Reaktionsmöglichkeiten verglichen.
Unserer Meinung nach sollten Studien zum kindlichen medienbezogenen Gewaltverständnis offener angelegt sein. Das bedeutet, daß ein weit gefaßter Gewaltbegriff (zur Auswahl von Sequenzvorlagen) zugrunde gelegt wird, der Möglichkeit bietet, die für Kinder bedeutsamen Aspekte medialer Gewalt ohne einschränkende, vorgegebene Reaktionsmodelle zu ermitteln.
Ein so verstandener umfassender Gewaltbegriff liegt der aktuellen Untersuchung von Werner Früh (1995) zur Gewaltwahrnehmung zugrunde. Obwohl die Studie sich durch die Zielgruppe von 14 bis 85jährigen von den bisher genannten unterscheidet, erscheint es uns sinnvoll, seine Überlegungen hier mit einzubeziehen. Nach Früh basieren vorangegangene Studien auf einem vordefinierten Gewaltbegriff, der sich sehr stark an der jeweiligen Sicht des/der Forscher orientiert. Er kritisiert, daß diese sich in ihrem Gewaltbegriff überwiegend an starken physischen Gewaltakten orientieren und dabei die Analyse filmischer Elemente medialer Gewaltdarstellungen vernachlässigen. Früh zufolge gehen die meisten Forscher zum einen davon aus, daß die Gewaltwahrnehmung der Rezipienten mit ihrer festgelegten Definition identisch ist, zum anderen unterstellen sie ein einseitiges Wirkungsschema, nach dem eine Gewaltdarstellung auf alle Rezipienten gleich wirkt.
Ausgehend von dieser Kritik, basiert die Studie von Früh auf einem dynamisch-transaktionalen Ansatz, der von einer Wechselwirkung zwischen Medieninhalt und Rezipient ausgeht. Bezogen auf die Gewaltthematik bedeutet dies, daß der Gewaltstimulus erst während der Rezeption entsteht. Entscheidend ist nach Meinung von Früh, welche Inhalte der Rezipient ohne Vorgabe der Forscher als Gewalt wahrnimmt und bewertet. Infolgedessen beschäftigt sich die Untersuchung mit den Fragen, welche Darstellungen im Fernsehen von den Zuschauern als gewalthaltig wahrgenommen werden, und ob sich Persönlichkeitsmerkmale auf die Rezeption von Gewaltdarstellungen auswirken. (Vgl. Früh 1995, S.172)
Ähnlich wie in den bisher genannten Studien, wählte Früh für den ersten Teil der Fragestellung verschiedene kurze Filmsequenzen, die von den Versuchspersonen anhand ihrer subjektiven Wahrnehmung bezüglich ihres Gewaltgehaltes eingestuft wurden. Die Sequenzauswahl basiert jedoch auf einem Gewaltbegriff, der um folgenden Aspekt erweitert wird:
„Gewalt ist die realisierte oder beabsichtigte, bewußte (nicht notwendig geplante) psychische oder physische Schädigung von Personen, Tieren, Pflanzen oder Sachen.“ (Früh 1995, S.174)
Die Definition bezieht Gewalthandlungen aus der Perspektive des Opfers mit ein, denen keine erkennbare Intention zugrunde liegt - dazu zählen vom Täter in Kauf genommene und durch grob fahrlässiges Verhalten evozierte Schädigungen als auch passive Gewaltformen, z.B. die bloße Anwesenheit eines Aggressors. Frühs Gewaltbegriff bietet somit die Möglichkeit, auch gewalthaltige Slapstick-Darstellungen in Komödien, Zeichentrickfilmen und anderen von Kindern favorisierten Genres in Untersuchungen zur Gewaltthematik zu beachten.
Die vorliegende Studie zum Verwechslungsrisiko basiert auf einem Gewaltbegriff, der sowohl personale und strukturelle Gewaltarten als auch Frühs Ergänzungen mit einbezieht. Des weiteren berücksichtigen wir auch solche Gewaltformen, die durch eine intendierte Schädigung mit irrealen oder unrealen, keinen bzw. nicht visualisierten Folgen charakterisiert sind.
Darüber hinaus wollen wir aber auch bei der Auswahl der Sequenzen Gewaltformen einplanen, die zwar in üblichen Studien keine Verwendung finden, juristisch aber anerkannte Formen sind. Dazu zählt vor allem die Differenzierung zwischen vorsätzlicher und fahrlässiger Gewaltanwendung. Beim Vorsatz wird nochmals unterteilt in eine mit Absicht durchgeführte Handlung („Ich will, daß durch meine Handlung eine bestimmte Folge eintritt.“), Handlungen mit direktem („Ich weiß, daß durch meine Handlung bestimmte Folgen eintreten und nehme es in Kauf“) und mit bedingtem Vorsatz („Ich halte es für möglich, daß durch meine Handlung bestimmte Folgen eintreten können und akzeptiere das“). Bei der Fahrlässigkeit läßt sich eine bewußte Form („Ich halte es für möglich, daß eine Folge eintreten kann, bin aber fest überzeugt, daß alles gut gehen wird“) von einer unbewußten Form („Ich halte es für unmöglich, daß eine Folge eintritt bzw. meine Handlung irgendwelche Folgen haben könnte“) unterscheiden. Nicht zuletzt wird es für die Beurteilung von Gewalt auch bedeutsam sein, ob es sich um einen oder mehrere Täter handelt.
Nimmt man die aufgeführten Formen und Typen zusammen und stellt sie in einen systematischen Zusammenhang, dann ließen sich sehr differenzierte Gewalthandlungen aufführen. Da es sich bei der vorliegenden Studie um eine handelt, die sich auf Kinder bezieht, haben wir zu komplexe Formen außer acht gelassen und uns auf solche konzentriert, von denen wir annehmen konnten, daß sie für Kinder auch erkennbar sein könnten. Ausgeschlossen haben wir strukturelle Gewalt, da es differenzierte kognitive Fähigkeiten verlangt, diese zu erkennen. Auch bei den juristisch relevanten Gewaltformen haben wir uns nur auf vorsätzliche, fahrlässige und unbeabsichtigte Gewalthandlungen konzentriert. Übrig geblieben ist dann folgendes Schema, welches in der Programm- und Produkt- sowie zum Teil auch in der Rezeptionsanalyse Anwendung gefunden hat.
gegen Sachen
gegen Personen
ein Täter ohne Waffe
eine Täter mit Waffe
mehrere Täter mit bzw. ohne Waffen
ein Täter ohne Waffe
ein Täter mit Waffe
mehrere Täter mit bzw. ohne Waffen
(jeweils differenziert nach vorsätzlich, fahrlässig und unbeabsichtigt)
Mit dieser Unterscheidung erhoffen wir uns auch eine differenzierte Beurteilung der Wahrnehmung und der Bewertung von Gewalthandlungen durch Kinder.
Der Begriff ‚Humor’ wird häufig - auch z.B. in amerikanischen Studien - als Oberbegriff für die verschiedenen Formen humorvollen Sprechens, Denkens und Handelns benutzt. Im Alltag haben wir dafür recht unterschiedliche Begriffe. Mit Humor verbinden wir Witz und Ironie, aber auch Spott, Sarkasmus und Zynismus. Wir finden etwas lustig, komisch oder auch spaßig. Wir haben - vielleicht nicht immer - Freude an Kalauern, an Zoten oder Komik. Wir lachen über eigenartige Menschen oder über deren seltsames Verhalten. Humor würzt Beziehung und Kommunikation und wirkt in allen Lebensbereichen belebend. Unter einer streng wissenschaftlichen Perspektive haben sich nicht viele mit diesem rein menschlichen Phänomen beschäftigt. Die wohl bedeutendsten Arbeiten zum Thema Humor hat Sigmund Freud (1905, 1927) vorgelegt. Danach wird systematisch zwischen Humor, Komik und Witz unterschieden. Freud hat die Ergebnisse seiner Überlegungen in eine prägnante Kurzform gebracht: Witze macht man, Komik findet man und Humor hat man. Für ihn hat Humor eine wichtige psychodynamische Bedeutung, die im Lustgewinn liegt. Das mit Humor verbundene Lachen löst Spannungen, die entweder in der lachenden Person selbst oder in der Beziehung zu anderen Personen liegen. Ein gelungener Witz kann verkrampfte Gespräche auflockern, eine humorvolle Äußerung eine belastete Beziehung wieder ins Lot bringen, und eine komische Situation kann belebend auf Veranstaltungen wirken. Auf die psychoanalytische Theorie des Humors soll aber nicht näher eingegangen werden, da es hier weniger um die Bedeutung von Humor für das Subjekt als um die mediale Darstellung von Humor und dessen Rezeption durch Kinder in einem bestimmten Programmkontext (Gewalthandlungen) geht. Die Arbeiten von Freud dienen eher der Systematisierung unterschiedlicher Formen von Humor.
Genauer kann man die drei genannten Formen wie folgt voneinander differenzieren:
Witze arbeiten überwiegend auf der sprachlichen Ebene. Ihre Technik besteht vor allem darin, daß entweder Worte verdichtet, Ersatzbildungen oder Verschiebungen vorgenommen werden, ein Denkfehler vorliegt oder ein Widersinn entsteht.
Komik entzündet sich in einer Situation oder an einem Objekt. Sie entsteht meist in einem Vergleich einer Vorstellung von etwas (etwa einem Normalmodell) mit dem vorliegenden Fall, über den gelacht wird. Die Komik kann entstehen entweder innerhalb des Subjekts (z.B. falsche Erwartungen), oder zwischen zwei Subjekten (z.B. Überlegenheit oder Minderleistung), oder auch in Situationen (z.B. unvorhersehbare Ereignisse).
Humor ist dagegen eher eine besondere Leistung des Subjekts, indem auf eine Situation in einer besonderen Form reagiert wird. Dabei wird meist mit Paradoxien oder der Umkehrung ins Gegenteil gearbeitet.
Während der Witz aus einer aktiven Bewegung heraus entsteht - er muß erfunden werden -, ist die Komik eher durch Passivität gekennzeichnet. Aus Freuds psychoanalytischer Sicht lassen sich die drei Formen auch in der Hinsicht voneinander unterscheiden, daß die Quelle des Witzes im Unbewußten, der Komik im Vorbewußten und des Humors im Über-Ich liegt. Ein Witz drückt etwas Verdrängtes und damit Unbewußtes aus, die Komik entsteht in einem kognitiven Vergleich des Vorbewußten, und mit einer humorvollen Äußerung will das Über-Ich sich schützen.
Für das vorliegende Forschungsprojekt schien diese Differenzierung im Hinblick auf die Kategorisierung von Fernsehsendung bzw. Programmkontexten besonders geeignet und wird im methodischen Teil wieder aufgegriffen. Dazu muß aber noch eine Transferleistung vorgenommen werden, da es ja nicht um Humor - als Oberbegriff verstanden - in realen Kontexten, sondern in medial vermittelter Form geht. Dies bedeutet, daß es neben den drei Formen und den möglichen Untervarianten noch verschiedene mediale Inszenierungsformen gibt. Ein Witz im Fernsehen erzählt kann anders wirken als im Gasthaus, und eine komische Situation im Fernsehen wird vielleicht nicht von allen Zuschauern als eine solche erkannt. Und um Humor zu verstehen, muß man Kontexte kennen, egal ob im Alltag oder im Fernsehen.
Eine besondere Frage stellt sich natürlich für die Beantwortung des Verwechslungsrisikos von Gewalthandlungen in humoresken Programmkontexten: Wie und ab welchem Alter verstehen Kinder die verschiedenen Formen von Humor? Um einen ersten Hinweis zu bekommen, wurde entsprechende Forschungsliteratur gesichtet. Vor allem dem Bereich der Entwicklungspsychologie lassen sich interessante Ergebnisse entnehmen, die Hinweise auf ein altersentsprechendes Verstehen von Witz, Komik und Humor geben. Dabei muß jedoch berücksichtigt werden, daß das Verstehen von Humor im engeren Sinne schon eine ausgereifte kognitive Entwicklung voraussetzt und damit eher bei Jugendlichen und Erwachsene zu finden ist. Dieser Aspekt wird daher im folgenden außer acht gelassen.
In dem Verständnis der Entwicklung des Verstehens von Humor - als Oberbegriff - wird dieser als das Nicht-Übereinstimmen von dem, was erwartet wird und dem, was dann wirklich folgt, verstanden. Dies kann sich auf Dinge und deren Erscheinung, auf Handlungen und Situationen, auf Sprache und auf Bilder beziehen. Das Verständnis eines Witzes oder einer komischen Situation setzt zum einen das Wissen um Dinge, Begriffe oder Regeln und deren Bedeutung voraus, zum anderen müssen aber auch kognitive Fähigkeiten vorliegen, um die dem Witz eigentümliche Nichtübereinstimmung auch erkennen zu können. Bariaud (1989) beschreibt dazu ein schönes Beispiel. Zuerst der Witz: „Vier Männer wollen mit ihrem Auto, das 1200 kg schwer ist, über eine Brücke fahren, die nur für 1000 kg zugelassen ist. Wie machen sie das? Sie tragen ihr Auto über die Brücke!“ Um über diesen Witz lachen zu können, muß man nicht nur die Zahlen kennen und rechnen können sowie wissen, was es heißt, daß nur Autos unter einem bestimmten Gewicht eine Brücke überqueren dürfen, sondern man muß auch schon ein Konzept von der Erhaltung des Gewichts entwickelt haben.
Mit zwei recht unterschiedlichen theoretischen Ansätzen läßt sich die Entwicklung des Humorverständnisses gut beschreiben. Der eine Ansatz argumentiert psychoanalytisch und fragt auch entsprechend nach der Bedeutung von Witzen und Komik für die kindliche Entwicklung. Der andere Ansatz betrachtet das kognitive Verständnis von Witzen aus einer an Piaget angelehnten Entwicklungsperspektive.
Der psychoanalytische Ansatz von Wolfenstein (1954) geht davon aus, daß Humor ein Prozeß ist, mit dem man eine negative Erfahrung in eine positive wenden möchte. Im Vorschulalter haben Witze für Kinder die Bedeutung, eigene sexuelle und aggressive Tendenzen zu bewältigen, da diese offen nicht gezeigt werden dürfen. Witze beziehen sich meist auch auf Geschlechtsrollen. Bis zum Alter von 6 Jahren ‚erfinden’ Kinder gerne eigene Witze, während sie ab dem Grundschulter auf vorgegebene zurückgreifen. Dann beginnt auch aus der Sicht der psychoanalytischen Theorie schon die Latenzperiode. Durch Witze, die man erzählt, kann man zum einen soziale Anerkennung in der Gleichaltrigen- oder Freundschaftsgruppe finden; man ist ein beliebter Typ, weil man witzig ist. Zum anderen ermöglichen Witze aber auch Entspannung von Frustrationen, die man durch Streß und Leistungsanforderungen in der Schule erleidet. In der Pubertät gewinnen Witze mit einem sexualthematischen Gehalt wieder an Bedeutung, da nun nicht nur die Geschlechtsrollenidentität gefestigt werden muß, sondern auch die Beziehung zum anderen Geschlecht in den Vordergrund sozialen Handelns rückt.
Der kognitive Ansatz, der vor allem von McGhee (1971) vertreten wird, interpretiert das Humorverständnis als eine Entwicklungssequenz. Humor wird unterschieden nach seinem Vorkommen: in Handlungen und Situationen, in und mit der Sprache sowie in Bildern. Kinder bis zum Alter von ca. 2 Jahren entdecken Humor in Handlungen und Situationen. Sie können lachen, wenn zum Beispiel beim Spielen eine Figur immer wieder hinfällt. Es besteht eine Nichtübereinstimmung zwischen ihren Erwartungen an ein Objekt und dessen Verhalten. Diese Nichtübereinstimmung wird in einer weiteren Stufe mit zunehmendem Alter auf die Bezeichnung von Objekten und Ereignissen erweitert, d.h. Kinder lachen darüber, wenn ein Spielzeug einen anderen Namen als den wirklichen erhält. In einer weiteren Stufe weitet sich das Konzept von Nichtübereinstimmung auf wahrgenommene Eigenschaften von Objekten und ihre Zugehörigkeit zu bestimmten Klassen auf. So lacht man über Mäuse, die Elefantenohren haben. Dem folgt ein Humorverständnis, welches sich nun auch auf den sprachlichen Bereich erstreckt. Vorschulkinder lachen gerne über ‚unsinnige’ Wörter oder Wortverdrehungen (z.B. ‘Tefelon’ anstatt ‚Telefon’). Mit dem Aufkommen des logischen Denkens im Vorschulalter erscheinen nun viele Dinge lustig und witzig, die genau diesen logischen Erwartungen widersprechen. Im Sprachbereich wird weiterhin die Doppeldeutigkeiten von Wörtern interessant („Was liegt zwischen Frankfurt und Oder? Das ‚und’!“). Kinder können nun auch Gründe angeben, warum sie über Witze lachen oder Situationen ulkig finden. Nach dem Grundschulalter beginnt nun eine ‚realistische’ Wende, d.h. bestimmte komische Situationen, über die die Kinder früher noch lachen konnten, erscheinen nun als albern. Es wird ein Wechsel von einem wahrnehmungsbezogenen Ansatz des Verständnisses von Humor zu einem ‚interpretatorischen’ Ansatz vollzogen. Nun werden tieferliegende Bedeutungen eines Witzes interessant und auch seine Bedeutung in der sozialen Realität gesucht.
Für die vorliegende Untersuchung ist weniger das Humorverständnis im Vorschulalter als das im Grundschulalter und später von Bedeutung. Aus den zitierten Studien wird deutlich, daß sich Humor beziehen läßt auf sprachliche Aspekte, auf Handlungen und Situationen sowie auf Bilder.
Die Verbindung beider beschriebener Elemente, nämlich Gewalt und Humor, ist aus Sicht medienpsychologischer Forschung bisher selten vorgenommen worden. Zwar gab es in den sechziger Jahren in Deutschland eine heftige Diskussion um die Zeichentrick-Serie Schweinchen Dick, in der ähnlich wie bei Tom & Jerry Gewalthandlungen in humoresken Kontexten vorkamen, empirische Untersuchungen zu den damals unterstellten Wirkungen oder über die Harmlosigkeit liegen dazu jedoch kaum vor. Es wurde sehr viel über solche Filme spekuliert, ohne jemals Kinder oder Jugendliche in eine entsprechende Rezeptionsstudie einzubeziehen. Eine der wenigen Arbeiten, die sich mit dem Thema Gewalt im humoresken Kontext beschäftigte, ist die von Jablonski und Zillmann (1995). Mit dem Verweis, daß in modernen Actionfilmen immer stärker auch humoreske Momente mit aufgenommen werden, entwerfen sie eine eigene Forschungsfrage, die lautet: Führt das Hinzufügen von humorvollen Elementen in Gewaltszenen zu einer Entschärfung der Gewalthandlung? Dahinter steht die Befürchtung, daß solche Szenen zu einer Veralltäglichung und Banalisierung von Gewalt führen können. In einer eigenen empirischen Untersuchung sollten 90 Frauen und Männer vier Filmszenen hinsichtlich ihres Gewaltgehaltes einschätzen. In einer dieser Szenen waren nur Gewalthandlungen zu sehen, in einer anderen wurde die Gewalt mit Humor verbunden. Die Befragten sollten nach dem Ansehen des Films u.a. beurteilen, wie gewalttätig die Handlungen gewesen seien und ob die Gewalt zu rechtfertigen sei. Zum einem gab es einen ganz eindeutigen geschlechtsspezifischen Effekt in der Hinsicht, daß die befragten Frauen die Gewalt weniger rechtfertigten als die befragten Männer. Zum anderen zeigte sich auch, daß durch die Einführung von humorvollen Elementen in Gewalthandlungen die Gewalt selbst als harmloser eingeschätzt wurde. Insgesamt konnte damit die These bestärkt werden, daß es durch die Verbindung von Gewalt und Humor zu einer Verharmlosung der Gewalt kommen kann.
Die Frage, ab wann Kinder Realität und Fiktion im Alltag und insbesondere in Medien unterscheiden können, beschäftigt schon lange die Entwicklungspsychologie. Vor allem die Arbeiten des Schweizer Psychologen Jean Piaget haben einen bedeutenden Beitrag zur Beantwortung dieser Frage geleistet. Nach seinen Studien können die ganz jungen Kinder unter zwei Jahren noch nicht unterscheiden, was real und was nicht-real ist. So glauben Kinder in dieser Altersstufe etwa, daß Träume real sind und daß sie diese nachts wirklich erlebt haben. Erst im Lauf der kognitiven Entwicklung gelingt es ihnen, eine Vorstellung auch von Objekten zu bekommen, die nicht real sind. Piaget stellt diese Entwicklung mit der Überwindung des kindlichen Egozentrismus in Zusammenhang. In der Stufe des anschaulichen Denkens können Kinder zwar reale und fiktive Objekte unterscheiden, aber ihre Anschauung ist noch auf für sie real existierende Objekte begrenzt. Erst wenn sie im Piagetschen Sinne ‚denken’ können - also mit Beginn der Stufe der konkreten Operationen - spielen Fiktionen als Gedankenexperimente eine größere Rolle.
Der amerikanische Forscher John Flavell (1990) hat die Frage nach der Fähigkeit der Unterscheidung von Realität und Fiktion auf Bilder und das Fernsehen übertragen. Er stellt als erstes das methodische Problem in den Vordergrund, wie Kinder Fragen nach Fernsehbildern beantworten. Verstehen sie es denn genau so, wie Erwachsene es meinen, wenn sie etwa gefragt werden, ob ein Ball im Fernsehapparat echt sei und herausfallen könnte. Andere Untersuchungen haben nämlich gezeigt, daß zwar auf die Frage, ob das Wort ‚Regen’ naß sei, jüngere Kinder mit ‚ja’ antworteten, es sich aber bei näherem Nachfragen herausstellte, daß sie das Phänomen ‚Regen’ meinten, weil sie noch keine sichere Vorstellung von einem Begriff hatten. Sie hatten also die Frage falsch interpretiert.
In eigenen Studien hat Flavell eine Lösung des Problems gesucht und drei- und vierjährige Kinder anhand von Beispielen Fragen zur Unterscheidung zwischen dem Objekt im Fernsehapparat und in der Wirklichkeit gestellt. Eine erste Frage bezog sich darauf, ob die Dinge im Fernsehen real oder nicht-real sind, und die zweite Frage darauf, ob die Dinge im Fernsehen wirklich handeln können oder nicht. Er zeigte zum Beispiel den Kindern eine kleine Schachtel mit einem Ball darin und fragte sie anschließend, ob die gleichen Gegenstände im Fernsehen wirklich existierten. Die Kinder mußten dann auch eine Prognose darüber stellen, ob der Ball aus der Schachtel herausfallen würde, wenn der Fernsehapparat auf den Kopf gestellt würde. Vor allem die Dreijährigen meinten, daß auch aus dem Bild der Ball herausfallen würde. Diese Ausdifferenzierung der Fähigkeit von Realität und Fiktion nimmt mit dem Alter zu. Die bisher vorliegenden Studien beziehen sich aber fast immer auf Kinder unter sechs Jahren, so daß wir für den von uns gewählten Altersbereich auf keine Vergleichsstudie zurückgreifen können.
Mit den aus den Literaturrecherchen entwickelten Konzeptionen von Humor sowie von Gewalt wurde ein Analyseraster für eine Sichtung von Fernsehgewalt in humoresken Programmkontexten entwickelt. Ziel war es dabei, Szenen in Sendungen des öffentlich-rechtlichen und des privaten Fernsehens zu identifizieren, in denen Gewalthandlungen vorkommen, die in lustigen Kontexten, in Witz oder Humor eingebettet sind. Wir wollten uns dadurch einen Überblick über die Häufigkeit als auch die Struktur solcher Sendungen bzw. Szenen verschaffen. Zu diesem Zweck wurde das Programm von ARD, ZDF, RTL, SAT.1, Pro 7, RTL 2 und Kabel 1 in einem Zeitraum von 6 Wochen (März/April 1995) beobachtet und jene Sendungen aufgezeichnet, in denen auf den ersten Blick die gesuchten Szenen zu finden waren. Ausgeschlossen wurden von vornherein Nachrichtensendungen, Dokumentarfilme, Spiel- und Talkshows. Da Kinder im Blickpunkt der vorliegenden Untersuchung stehen, beschränkte sich diese auf Spielfilme, Serien, Zeichentrickfilme, Fernsehfilme und Reihen, die im Zeitraum zwischen 6 und 22 Uhr ausgestrahlt wurden.
Eine erste quantitative Bewertung des Programmangebots macht deutlich, daß Fernsehgewalt in humoresken Kontexten relativ häufig vorkommt. Es gibt Fernsehserien und -reihen sowie Zeichentrickfilme, die nur mit diesem Prinzip arbeiten, d.h., ihr Erfolg beruht vor allem auf der Verbindung dieser beiden Elemente. Am bekanntesten in dem vielfältigen Spektrum der verschiedenen Angebote dürften wohl die Filme von Dick & Doof, die Zeichentrickreihe Tom & Jerry, der Kinofilm Beverly Hills Cops sowie Familie Feuerstein sein. Natürlich gibt es noch viele andere Sendungen, in denen eine Trennung von Humor und Gewalt nicht immer eindeutig ist bzw. in denen über gewalthaltige Szenen gelacht wird, weil ein humorvolles Element eingebaut wurde. Einen Grenzfall stellen solche Sendungen wie „Bitte lächeln!“ (RTL 2) dar, in denen Zuschauer ihre Videos einsenden können, auf denen sie meist slapstickartige Szenen festgehalten haben. Zwar wird in diesen Szenen nicht direkt Gewalt angewandt, aber die oft jungen Protagonisten erleiden meist in irgendeiner Art und Weise Schaden, weil andere sich ungeschickt verhalten. Diese Form haben wir wegen des Grenzbereichs des Genres und der Unterstellung, daß es sich meist um ein Ungeschick handelt, herausgelassen. Überschaut man nun das Sendungsmaterial, dann lassen sich folgende für die Rezeptionsstudie relevante Programmtypen herausfiltern, in denen auf je unterschiedliche Art und Weise Fernsehgewalt in humoresken Kontexten präsentiert wird.
Da sind zum einen die slapstickartigen Komödien wie Dick & Doof oder die Bud Spencer-Filme. Sie zeichnen sich dadurch aus, daß hier entweder keine beabsichtigte Gewalt verwendet wird oder die Gewalthandlungen zum Teil sehr übertrieben dargestellt werden. Zum anderen sind hier jene Action-Serien zu nennen, in denen die Gewalthandlung einen großen Teil der Handlungsgeschichte ausmacht, diese aber dann noch mit Witz, Komik oder Humor garniert werden. Wir zählen Filme wie A-Team, M.A.S.H. oder auch Power Rangers dazu. Nicht zu vergessen sind natürlich die vielen Zeichentrickfilme, wie Tom und Jerry, Familie Feuerstein oder Popeye, in denen in recht unterschiedlicher Art und Weise Humor und Gewalt miteinander verwoben sind. Wir haben dieses Genre als eine eigene Kategorie behandelt, da sie sich durch ihre Darstellungsform - den Zeichentrick - von den anderen Kategorien unterscheidet und sich auch bei den Kindern einer besonderen Beliebtheit erfreut.
Als Ergänzung wurde eine weitere Form hinzugezogen, die auf den ersten Blick vielleicht weniger humorvoll erscheint, bei genauerem Hinsehen jedoch ebenfalls ein Verwechslungsrisiko implizieren kann. Es handelt sich um das bei RTL 2 ausgestrahlte Wrestling, eine Form professionellen Ringens. In den Showkämpfen werden Gewalthandlungen real inszeniert, aber gleichzeitig so kommentiert und medial inszeniert, daß dieser Showcharakter im Verborgenen bleiben kann. Da es sich hier ebenfalls um Gewalthandlungen handelt, über die man sich - wenn man das Geschehen durchschaut - belustigen kann, wurde diese Kategorie in die Analyse mit aufgenommen. Folgende Programmkategorien wurden demnach der weiteren Analyse zugrunde gelegt:
Zeichentrick-Serien - Slapstick-Komödien
Action-Serien
Wrestling-Sendungen
Das Programmangebot der genannten Sender wurde hinsichtlich der Ausstrahlung von Sendungen, die in diese Programmkategorien fallen, für einen Zeitraum von sechs Wochen quantitativ ausgewertet. Da die Analyse einzelner Filme kein typisches Programmangebot repräsentiert, haben wir uns überwiegend auf Serien konzentriert.2 Tabelle 1 macht deutlich, daß die Hauptsendezeiten der in Frage kommenden Sendungen, in denen Gewaltszenen in humoresken Kontexten vorkommen, auch in jenen Zeiten ausgestrahlt werden, in denen überwiegend Kinder fernsehen. Damit wird die jugendmedienschutzrelevante Bedeutung des Themas unterstrichen.
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Uhrzeit |
Montag |
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Mittwoch |
Donnerstag |
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Samstag |
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05:00 |
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Rude Dog |
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06:00 |
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Tom& Jerry |
Tom&Jerry |
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07:00 |
Familie Feuerstein |
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08:00 |
Simpsons |
Simpsons |
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09:00 |
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Power Rangers |
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10:00 |
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11:00 |
Ein Colt für alle Fälle |
Tom& Jerry |
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12:00 |
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Popeye |
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13:00 |
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14:00 |
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15:00 |
Pippi Langstrumpf |
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16:00 |
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A-Team |
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17:00 |
M.A.S.H. |
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||||
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18:00 |
Tom & Jerry, Familie Feuerstein, Ein Colt für alle Fälle |
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||||
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19:00 |
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Tom & Jerry |
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20:00 |
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Simpsons |
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21:00 |
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|
Wrestling |
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22:00 |
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Es wurden nun in einem weiteren Schritt jene Szenen aus dem Programmangebot ausgewählt, in denen mindestens eine Kombination der beiden folgenden Definitionen - von Gewalt und von Humor - vorkam.
Unter Gewalt wurde verstanden:
Beabsichtigte bzw. vorsätzliche physische Schädigung eines anderen mit Folgen
Unbeabsichtigte physische Schädigung eines anderen - Fahrlässige physische Schädigung eines anderen
Anwendung psychischer Gewalt im Sinne von jemanden bedrohen oder unter Druck setzen mit und ohne Waffen
Unter Humor wurde verstanden:
Wort- und Sprachwitze durch Wortverdrehungen, Sich-lustigMachen über andere u.ä.
Situationskomik im Sinne von ungeschicktem Verhalten bzw. dem Hervorrufen von unbeabsichtigten Ereignissen
Verwendung von Rollen, in denen Personen tölpelhaft oder tolpatschig dargestellt werden
Aus dem Programmangebot haben wir unter den obengenannten Prämissen folgende Sendungen / Filme ausgewählt (Tabelle 2)
|
Serie/Film |
Folgentitel |
Genre |
Sender |
Sendetermin |
|
Tom und Jerry |
Tom kann’s nicht lassen |
Zeichentrick-Serie |
Pro 7 |
13.03.95 |
|
Fam. Feuerstein |
Das Stienweg-Klavier |
Zeichentrick-Serie |
Pro 7 |
15.03.95 |
|
Rude dog |
Ding-a-ling-kitty |
Zeichentrick-Serie |
RTL |
15.03.95 |
|
Die Simpsons |
Verbrechen lohnt sich nicht |
Zeichentrick-Serie |
Pro 7 |
29.01.95 |
|
Popeye3 |
Classic collection |
Zeichentrick-Serie |
Video |
|
|
Bud Spencer |
Sie nannten ihn Mücke |
Slapstick-Komödie |
RTL |
|
|
Pippi Langstrumpf |
|
Slapstick-Komödie |
Pro 7 |
17.04.95 |
|
Popeye |
Der Seemann mit dem harten Schlag |
Slapstick-Komödie |
ARD |
25.03.95 |
|
Dick und Doof |
Bestellen Sie zwei Särge |
Slapstick-Komödie |
Pro 7 |
29.01.95 |
|
M.A.S.H. |
Ein Aufstand für |
Slapstick- |
Kabel 1 |
23.03.95 |
|
Power Rangers |
Die Schlingpflanze |
Action-Serie |
RTL |
28.01.95 |
|
A-Team |
Bis das der Tod uns scheidet |
Action-Serie |
RTL |
10.12.94 |
|
WWF-Wrestling |
|
Wrestling-Sendung |
RTL 2 |
28.03.95 |
Aus jeder dieser Sendungen wurde eine unseres Erachtens typische Szene ausgewählt und deren Struktur der Vermischung von Gewalt und Humor näher analysiert. Die Ausschnitte wurden zeitlich, unter Berücksichtigung von Sinnabschnitten, auf eineinhalb bis zwei Minuten begrenzt. Diese Szenenanalyse wird im folgenden vorgestellt. Sie dient als Grundlage für die Rezeptionsanalyse, in der die zu befragenden Kinder diese Szenen vorgelegt bekommen sollen. In welcher Form hier Gewalt und Humor verbunden sind, soll im weiteren dargestellt werden.
Beschreibung der Szene:
Tom jagt Jerry und verfolgt ihn quer durch ein Wohnzimmer. Dabei flüchtet Jerry unter ein Eisbärfell und kommt durch das Gebiß wieder hervor. Tom bleibt dagegen mit seinem Körper im Fell stecken, während der Kopf aus dem Gebiß herausschaut. Ein kleiner Vogel, der die ganze Szene beobachtet, springt auf den Kopf des Eisbärfells, so daß das Gebiß zusammengedrückt wird und Toms Hals einklemmt. In der weiteren Verfolgung bedroht der kleine Vogel Tom mit einer Pistole. Als Jerry heimlich eine Glühbirne fallen läßt und es zu einem Knall kommt, denkt Tom, er sei erschossen worden und fällt um. Darüber freuen sich dann Jerry und der kleine Vogel.
Formen von Gewalt und Humor:
Allgemein besteht das Humorvolle von Tom & Jerry in der Überdrehung der einzelnen Handlungen. Diese äußert sich etwa in dem überschnellen Laufen, Veränderungen des Körpers beim Aufprallen auf Gegenstände oder in der Fehleinschätzung, ob man durch einen Gegenstand hindurch kommt. Auch Überraschungsmomente lassen die Zuschauer lachen. Diese Serie hat auch etwas von Slapstick, d.h., daß man unbeabsichtigt andere schädigt oder sich ungeschickt verhält. Der Witz der ausgewählten Szene besteht außerdem darin, daß Tom sich über den Schuß täuscht und glaubt, er sei tot. Die Gewaltmomente sind zum Teil mit diesen humorvollen Komponenten verbunden. Man lacht also, wenn eine Figur sich durch eine ungeschickte Bewegung oder eine Fehleinschätzung verletzt, wenn andere jemandem Gewalt antun und sich der Körper dann besonders stark verformt. Zwar werden die Folgen von Gewalt gezeigt, diese sind aber nicht in Form von Verletzungen erkennbar; die Betroffenen können sich anschließend sofort wieder normal bewegen. Von den Gewaltformen sind in diesem Zeichentrick vor allem beabsichtigte und fahrlässige Schädigungen anderer zu finden.
Bei Tom & Jerry verbinden sich demnach beide Elemente: Das Humorvolle entsteht meist durch die eigentümlichen Folgen der Gewalt, die Gewalt erscheint dadurch humorvoll.
Beschreibung der Szene:
Barney und Fred transportieren ein Klavier, das Fred heimlich seiner Frau Wilma schenken möchte. Dabei schiebt Barney das Klavier auf Freds Fuß. Dieser revanchiert sich damit, daß er den Klavierdeckel auf Barneys Finger fallen läßt und ihn dazu noch mit dem Kopf in einen Briefkasten steckt. Anschließend versuchen beide, das Klavier mit einem Seil von außen an Freds Haus hochzuhieven, wobei Fred oben aus einem Fenster heraus am Seil zieht und Barney unter dem Klavier steht. Als zufällig Wilma Fred ruft, läßt dieser das Seil mit dem Klavier los, das nun herunterfällt und Barney unter sich begräbt.
Formen von Gewalt und Humor:
Gewalt ist bei Familie Feuerstein häufig eine Folge von Ungeschicklichkeiten. Daraus entsteht dann auch der Witz der Szenen, da das Ungeschick auch überzogen dargestellt ist. Es lassen sich damit auch Ähnlichkeiten zum Slapstick herstellen. Humor kommt in dieser Zeichentrickserie noch durch die Gegenstände hinzu, die zwar aus heutiger Zeit stammen, aber im steinzeitlichen Gewand erscheinen. In der gewählten Szene ist es besonders das Ungeschick von Fred, das Humor auslöst, gleichzeitig aber auch unbeabsichtigt seinen Freund Barney verletzt. Die Gewalt zeigt als Folge nur die Verformung der Körper, aber keine sichtbaren Verletzungen, und die Figuren stehen danach einfach wieder auf. Das Besondere von Familie Feuerstein liegt in der unbeabsichtigten physischen Schädigung anderer, die zwar Folgen zeigt, diese aber kurzfristig und typisch für Zeichentrickfiguren sind.
Beschreibung der Szene:
Die Katze Simor jagt den kleinen Hund Tweeg, der zu Rude Dogs Freunden gehört. Dabei versteckt er sich in einem großen Mülleimer, dessen Deckel beim Verlassen auf einen daneben stehenden Mülleimer fällt, in dem Simor sich bereits versteckt hatte. Simor bekommt den Deckel heftig auf den Kopf und kann sich anschließend nur schwer aus dem Eimer befreien. In einer weiteren Szene versucht Tweeg vor Simor in ein Haus zu fliehen, in dem seine anderen Freunde sind. Obwohl er schreiend vor der Katze wegläuft und verzweifelt versucht, in das Haus zu kommen, kümmert sich keiner der anderen Hunde um ihn. Erst nach einigen witzigen Gesprächen und einem Streit darüber, wer die Tür aufmachen soll, öffnen sie Tweeg die Tür und schlagen sie Simor vor der Nase zu. Dieser springt dann durch die Holztür und liegt platt wie ein Brett auf dem Boden.
Formen von Gewalt und Humor:
Bei Rude Dog wird vielfach mit Wortwitz gearbeitet sowie mit den für Zeichentrick typischen überspitzten Darstellungen.
Der Wortwitz kommt vor allem bei den Gesprächen zwischen den Hunden zum Vorschein. Überspitzt dargestellt ist die Szene, in der die Katze Simor durch die Tür springt und dann wie ein Sandwich mit der Tür zu Boden fällt. Die Tür weist anschließend die Umrisse der Katze auf. Witzig wird es, als einer der Hunde das Brett für die Katze Simor hält. Die Gewalt ist z.T. eine beabsichtigte, z.T. aber auch unbeabsichtigt. Hier tritt Gewalt in Verbindung mit Wortwitzen auf.
Beschreibung der Szene:
Bart Simpson will in einer zwielichtigen Bar als Kellner jobben. Da er sich naiv anstellt, wird er von den Bossen mit Pistolen bedroht. Er soll dann den Gewinner eines Pferderennens genau vorhersagen und auch einen Drink für einen der Gangster mixen. Beides gelingt ihm auch. In der Bar läuft außerdem ein Fernseher, in dem eine Szene aus einem Zeichentrickfilm zu sehen ist. Dort schießt eine Maus mit einem Maschinengewehr den Ausdruck ‚The End’ in eine Wand, vor der lauter Katzen stehen. Diese fallen durchlöchert um, und bei einer Katze spritzt dann noch Blut auf die Wand. Über diese Szene im Fernsehen lachen die Bosse besonders herzlich.
Formen von Gewalt und Humor:
Die Simpsons sind überwiegend durch Wortwitze gekennzeichnet. Auch das Verhalten der einzelnen Figuren kann manchmal als humorvoll bezeichnet werden. In dem gewählten Filmausschnitt spielt der Wortwitz zwischen Bart und den Gangstern eine besondere Rolle. Die Gewalt spielt sich zum einen in der Bar-Szene zwischen den Beteiligten ab, indem Bart von den Bossen mit der Pistole bedroht wird. In der Fernsehszene wird zum anderen beabsichtige Gewalt angewendet, bei der auch die Folgen in Form von Toten zu sehen sind. Eigentlich ist Gewalt kein typisches Merkmal der Simpsons, in dieser ausgewählten Szene aber besonders ausgeprägt.
Beschreibung der Szene:
Popeye kämpft mit einem Säbel gegen einen dicken Mann. Dabei geht sein Säbel entzwei, so daß er zu verlieren droht. Der Mann stößt seinen Säbel in die Herzgegend von Popeye, trifft aber nur eine Spinatdose und holt diese mit dem Säbel hervor. Popeye greift diese und verschlingt den Spinat. Mit der dadurch gewonnenen Kraft wirft er den Mann in einen Fernsehapparat und gewinnt letztendlich den Kampf.
Formen von Gewalt und Humor:
In diesem Zeichentrickfilm bestimmt ein Kampf die Hauptform der Handlung mit beabsichtigter körperlicher Schädigung eines anderen. Wiederum typisch für Zeichentrickfilme werden die Folgen der Gewaltanwendungen übertrieben, was den humorvollen Aspekt ausmacht. Nur an wenigen Stellen lassen sich auch Wortwitze finden.
Beschreibung der Szene:
In einer Prügelszene fliegen Menschen durch die Luft, gegen Wände und über Tische und Bänke. Ein Mann fliegt durch einen Kinnhaken gegen die Lampe, erfährt dabei einen elektrischen Schlag und landet anschließend auf einem heißen Ofen. Die Beteiligten dieser Szene zeigen dabei übertriebene Verhaltensweisen.
Formen von Gewalt und Humor:
Ähnlich wie bei Popeye leben die Filme mit Bud Spencer von Schlägereien - also der beabsichtigten Schädigung anderer – als auch von den dabei hervortretenden Übertreibungen in den Folgen dieser Gewaltanwendungen. Ebenfalls lassen sich Anwendungen psychischer Gewalt in Form von Bedrohungen finden. Das humorvolle Element liegt in erster Linie in den übertriebenen Folgen der Schlägereien, kommt aber auch in den Wortwitzen vor. Ähnlich wie in Zeichentrickfilmen werden die Folgen der Gewaltanwendungen als harmlos dargestellt, wobei dadurch auch meist erst das Humorvolle ausgelöst wird.
Beschreibung der Szene:
Zwei Einbrecher wollen in das Haus von Pippi eindringen, um ihren Affen und ihr Pferd zu stehlen. Pippi erwischt die beiden, nimmt ihnen ein Seil weg und wird von ihnen verfolgt. Dabei klettert sie über das Dach ihres Hauses, die beiden Einbrecher hinterher. Letztere stolpern dabei über sich selbst oder fallen vom Dach.
Formen von Gewalt und Humor:
Bei Pippi Langstrumpf stehen Gewalt als auch Humor nicht im Zentrum der Handlung, beides ist aber in diesem Film zu finden. Es kommen beabsichtigte, unbeabsichtigte sowie fahrlässige physische Schädigungen von anderen vor. Das Lustige kann überwiegend in der Situationskomik, d.h. der Tolpatschigkeit der Personen gesehen werden.
Beschreibung der Szene:
Popeye kommt in eine Hafenkneipe und wird von einigen Gästen provoziert. Es kommt zu einer Schlägerei, in deren Verlauf Popeye alle Beteiligten zusammenschlägt. Mit dem Kopf eines Mannes boxt er wie mit einen Punchingball.
Formen von Gewalt und Humor:
Ähnlich wie in dem Zeichentrickfilm spielt in dem realen Film die angewandte Kraft von Popeye eine zentrale Rolle. Die Gewalt in Popeye präsentiert sich besonders durch die vielen Schlägereien, in die die Hauptfigur verwickelt wird. Dabei geht es bewußt um die Schädigung anderer. Auch kommen Bedrohungen vor. Das Humorvolle ergibt sich einerseits aus den bei den Schlägereien dargestellten Übertreibungen, andererseits aber auch in Wortwitzen, die in den dazugehörigen Dialogen vorzufinden sind.
Bei Popeye überwiegt die Gewalt und nur in manchen Szenen ergibt sich daraus auch ein humorvolles Element.
Beschreibung der Szene:
Dick und Doof versuchen, mit einer Marmorplatte eine Haustür einzuschlagen. Beim Anlaufnehmen stellt sich Doof so ungeschickt an, daß Dick in einen Gartenteich fällt und die Marmorplatte auf ihm liegen bleibt. Beim zweiten Anlauf gelingt es, die Tür aufzubrechen, wobei sie jedoch so viel Schwung haben, daß sie durch die Haustreppe in den Keller fallen und in Sauerkrauttöpfen landen.
Formen von Gewalt und Humor:
Bei Dick und Doof sind zwar auch Gewalt und Humor miteinander verbunden, nur bezieht sich hier die Gewalt auf entweder unbeabsichtigte oder fahrlässige Formen der Schädigung von anderen. Aus einer mit den Rollen verbundenen Tolpatschigkeit ergeben sich Szenen, in denen versehentlich anderen ein Schaden zugefügt wird. Es ist also eine Situationskomik, die in diesem Film angewandt wird, wobei Gewalt und Situationskomik zusammenfallen.
Beschreibung der Szene:
Ein Mann und eine Frau tanzen in einem engen Zelt. Dabei stellt sich die Frau sehr ungeschickt an, und der Mann berührt einen heißen Ofen und verbrennt sich. Als er sich danach auf das Bett setzen will, kracht es unter ihm zusammen.
Formen von Gewalt und Humor:
Die Szenen in M.A.S.H. haben etwas Slapstickartiges an sich. Es handelt sich auch in erster Linie um Gewalt gegen Sachen, die unbeabsichtigt erfolgt. Daraus ergeben sich dann tölpelhafte Momente, die als Humor im Sinne einer Situationskomik eingeschätzt werden können.
Beschreibung der Szene:
Die Power Rangers pflanzen den Samen einer Schlingpflanze in einem Park und werden dabei von zwei trotteligen Typen - Sculk und Bulk - beobachtet. Diese wollen den Samen stehlen, als die Power Rangers Wasser zum Gießen holen gehen. Dabei überrascht sie ein Ungeheuer, über das sie sich so sehr erschrecken, daß sie sich in einem Toilettenhäuschen verstecken. In einer parallelen Szene werden bei ihrer Rückkehr die Power Rangers von grauen Karatekämpfern angegriffen. Dann entspinnt sich ein Karatekampf zwischen allen, den letztendlich die Power Rangers gewinnen. Zwischendrin werden Szenen mit den zwei Typen im Toilettenhäuschen eingeblendet, wie sie ungeschickt versuchen, die Tür zu öffnen, was aber nicht funktioniert.
Formen von Gewalt und Humor:
Bei Power Rangers laufen Gewalthandlungen und humorvolle Handlungen meist parallel bzw. wechseln sich ab. Die eine Linie der Gewalt besteht in den Karatekämpfen, die die Power Rangers mit den Kämpfern in Grau ausführen. Die andere Linie ist in den Rollen von Sculk und Bulk zu finden, die durch ihre Tölpelhaftigkeit und Situationskomik einen gewissen humorvollen Aspekt in die Sendung bringen.
Beschreibung der Szene:
Um eine Frau kurz vor ihrer nicht-gewollten Vermählung zu befreien, verkleidet sich Murdock als die Braut. Er enttarnt sich, als er vor dem Pfarrer das Ja-Wort sprechen soll. Er flieht durch die Hochzeitsgesellschaft und wird von den Leibwächtern des Bräutigams verfolgt. In einer großen Geburtstagstorten-Attrappe hat sich B.A. versteckt, der mit Maschinengewehrsalven Murdock den Weg zur Flucht freihält.
Formen von Gewalt und Humor:
Beim A-Team wird gezielt physische und psychische Gewalt eingesetzt. Die Folgen sind jedoch nie zu sehen. Auch passiert es häufig, wie in der ausgewählten Szene, daß etwa mit Maschinengewehren in einen Raum geschossen, aber niemand getroffen wird. Die Folgen - wie etwa Querschläger, die jemanden treffen könnten - werden nicht thematisiert. Der humoreske Aspekt liegt überwiegend in den Wortwitzen zwischen den Mitgliedern des A-Teams sowie in der Rolle von Murdock, der den scheinbar Unbedarften und Dummen spielt, dabei oftmals eine gewisse Fahrlässigkeit in seinen Handlungen zuschulden kommen läßt. Aber auch in den Gewalthandlungen ist eine gewisse Situationskomik inszeniert.
Die besondere Form der Gewalt im A-Team liegt in den brutalen Anwendungen derselben, ohne aber die Folgen in ihren realen Auswirkungen zu zeigen. Dadurch gewinnen diese Szenen mit Unterstützung von Wortwitzen ein humoreskes Moment.
Beschreibung der Szene:
In einem Kampf zwischen Lex Luger und Mark Star setzt ersterer mehrere Griffe an, um den Gegner auf den Rücken zu werfen. Dabei wird Mark Star auch der Kopf verdreht. Die Stimmen aus dem Off moderieren das Geschehen als einen Sportkampf.
Formen von Gewalt und Humor:
Das Humorvolle im Wrestling kann man nur erkennen, wenn man das ganze Geschehen als eine Inszenierung von Gewalthandlungen betrachtet. Genau dies wird aber durch verschiedene Aspekte erschwert.
Typisierung von Gewalthandlungen in humoresken Programmkontexten
Aus den Analysen der einzelnen Szenen lassen sich nun folgende verschiedene Formen bzw. Typen der Vermischung von Humor und Gewalt in Fernsehsendungen entnehmen. Wir sind dabei von den oben klassifizierten Gewaltformen ausgegangen.
|
|
Humor |
Gewalt |
|||||
|
|
Situation |
Wortwitz |
Humor durch Gewalt |
physisch ohne Folgen |
physisch mit Folgen |
psychisch |
unbeabsichtigt |
|
Tom & Jerry |
X |
|
X |
X |
(X) |
X |
X |
|
Feuerstein |
X |
(X) |
X |
X |
(X) |
|
X |
|
Rude Dog |
(X) |
X |
X |
X |
X |
|
|
|
Simpsons |
|
X |
|
|
X |
X |
|
|
Popeye |
X |
|
X |
|
X |
|
|
|
Bud Spencer |
X |
X |
X |
X |
X |
X |
|
|
Pippi |
X |
|
|
X |
|
|
X |
|
Popeye |
X |
X |
X |
X |
X |
X |
|
|
Dick & Doof |
X |
|
(X) |
|
|
|
X |
|
M.A.S.H. |
X |
X |
|
X |
|
|
X |
|
Power Rangers |
X |
X |
|
X |
|
X |
|
|
A-Team |
X |
X |
X |
X |
X |
X |
|
|
Wrestling |
|
|
|
X |
(X) |
|
|
Die Übersicht macht deutlich, daß in fast allen untersuchten Sendungen physische Gewalt ohne Folgen gezeigt wird, in der Mehrzahl zusätzlich solche mit Folgen. Unbeabsichtigte Gewalt scheint ein typisches Merkmal von Zeichentrick-Serien sowie von Slapstick-Komödien zu sein. Letztere kommt jedoch nicht gemeinsam mit psychischer Gewalt in einem Film vor. Situationskomik ist die typische Erscheinungsweise von Humor in den ausgewählten Szenen, Wortwitz ist dagegen seltener zu finden. Humor durch Gewalt ist dagegen das wesentliche Gestaltungsmittel in Zeichentrick-Serien. Insgesamt lassen sich aber keine genrespezifischen Formen von Gewalt bzw. Humor erkennen, so daß in der Rezeptionsstudie eher nach Gewalt- und Humorformen als nach Genres differenziert werden muß.
Zur Beantwortung der Forschungsfrage, wie Kinder Gewalthandlungen in humoresken Programmkontexten verstehen und damit umgehen, wurde ein Forschungsdesign gewählt, in dem Kindern nach ihrem Verständnis von Humor und Gewalt im Alltag sowie in medialer Darstellung als auch nach der Kombination von beidem im Fernsehen befragt wurden. Ausgangspunkt dabei war die Überlegung, daß es zur Einschätzung des Verwechslungsrisikos wichtig sei, das kindliche Verständnis von Humor und Gewalt zum einen im Alltag, zum anderen im Fernsehen zu kennen. Wir haben uns deshalb für ein Modell entschieden, indem genau diese Aspekte nacheinander erhoben wurden, bevor wir nach dem Verständnis von Gewalthandlungen in humoresken Programmkontexten fragten. Ein Modell der Struktur unseres Forschungsdesigns gibt Abbildung 1 wieder.

Nach diesem Modell gehen wir von der Annahme aus, daß das Verständnis von Humor, Gewalt und die Fähigkeit zur Differenzierung von Realität und Fiktion von kognitiven Fähigkeiten abhängt. Die genannten Aspekte sind u.E. eine wesentliche Voraussetzung des Verständnisses von Gewalthandlungen in humoresken Programmkontexten. Die Fähigkeit zur Differenzierung; von Realität und Fiktion ist eine notwendige Bedingung, um die. medial inszenierten Formen von Gewalt von realer Gewalt unterscheiden zu können.
Darüber hinaus wurden von den Kindern Daten zu ihrer Mediennutzung und ihren Medienpräferenzen sowie zu ihrem familialen Hintergrund erhoben. Die Daten wurden anschließend hinsichtlich der Beschreibung des Entwicklungsverlaufs sowie zu persönlichkeitsspezifischen Voraussetzungen des Verwechslungsrisikos herangezogen. Die Auswahl der Kinder erfolgte quotiert nach Altersgruppen (3 Gruppen mit zwei Jahrgängen), nach Bildungshintergrund der Familie (Schulabschluß und Ausbildung beider Elternteile) und nach Mediennutzung. Die Stichprobe wurde zur einen Hälfte in Hamburg und zur anderen Hälfte in München zusammengestellt.
Wie Tabelle 4 deutlich macht, haben wir drei Altersgruppen gewählt: eine erste Gruppe (Gruppe 1), die die 6-, 7- und 8jährigen Kinder umfaßt (Gruppe II), eine zweite Gruppe für die 9-, 10- und 11jährigen sowie eine dritte Gruppe für 12- und 13jährige (Gruppe III). Die Aufteilung in drei Altersgruppen erfolgte aufgrund der Überlegung, daß im Kernpunkt des Interesses die 6 bis 11jährigen stehen, da sie jene Gruppe sind, für die gewalthaltige Filme mit einer FSK-Freigabe ab 12 Jahre i.d. Regel nicht geeignet sind. Da es bei jugendmedienschutzrelevanten Fragen der Ausstrahlung solcher Filme mit gewalthaltigen Programminhalten im Tagesprogramm aber entscheidend ist, ob Kinder, die jünger als 12 Jahre sind, Schwierigkeiten mit diesem Programmangebot haben, dürfte dies genau die Zielgruppe sein, an der man das Verwechslungsrisiko am besten untersuchen kann. Zwar kommt prinzipiell auch die Gruppe der Vorschulkinder in Frage, aber aus der Schwierigkeit heraus, diese Gruppe in der kurzen Projektzeit methodisch sicher zu untersuchen, wurde sie vernachlässigt. Das Hinzuziehen der Gruppe der 12- und 13jährigen soll dagegen der Versicherung dienen, ob das Verwechslungsrisiko nur auf die jüngere Gruppe der Grundschulkinder beschränkt ist oder aber, ob auch in diesem Altersbereich spezifische Risiken bestehen. Ein Prüfstein für die jugendmedienschutzrelevante Beurteilung des Verwechslungsrisikos dürfte die Antwort auf die Frage sein, ob spezifische Verwechslungen der kognitiven Entwicklung der untersuchten Kinder geschuldet sind oder ob es sich altersunabhängig eher um medienspezifische Problembereiche handelt. Für die Altersgruppe der 12- und 13jährigen müßte aus der Sicht der Entwicklungspsychologie von Jean Piaget mit dem Erreichen des formaloperatorischen Denkens ein kognitiv-bedingtes Verwechslungsrisiko von realer und inszenierter Fernsehgewalt nicht mehr bestehen.
|
Altersgruppe |
Alter |
m |
w |
Summe |
|
I |
6 7 8 |
0 6 8 |
6 2 4 |
6 8 12 |
|
II |
9 10 11 |
5 1 5 |
5 9 2 |
10 10 7 |
|
III |
12 13 |
1 1 |
3 2 |
4 3 |
|
|
Summe |
27 |
33 |
60 |
Die Kinder wurden im Zeitraum von Mai bis August 1995 in Tageseinrichtungen (Horte bzw. Kindertagesheime) in München und Hamburg rekrutiert. In der Auswahl der Einrichtungen legten wir Wert darauf, verschiedene soziale Milieus zu berücksichtigen. Die Kinder aus Hamburg kamen aus vier verschiedenen Einrichtungen, die aus München aus zwei Einrichtungen. 50% der Hamburger Kinder sind sozial schwachen Familien zuzuordnen, 28% entstammen einer Einrichtung, die nur Kinder von Alleinerziehenden aufnimmt, und 12% kommen aus mittelschichtorientierten bzw. Akademikerfamilien. Die Münchner Kinder können ausschließlich sozial schwachen Familien zugeordnet werden. Ein Viertel aller befragten Kinder kommen aus gemischtnationalen oder ausländischen Familien, wobei jedoch keine Kinder in die Untersuchung aufgenommen wurden, die nicht in Deutschland geboren wurden oder sich nicht deutsch verständigen konnten. Mit der letztgenannten Bedingung sollte verhindert werden, daß aufgrund von sprachlichen Verständnisschwierigkeiten die Ergebnisse hätten verfälscht werden können.
Die Zusammensetzung der Stichprobe erscheint damit vielleicht etwas zu unterschichtenlastig, dürfte jedoch dem Problembereich und der Fernsehnutzung dieser Familien angemessen sein. Wie Tabelle 4 ebenfalls deutlich macht, sind Mädchen und Jungen in der Gesamtstichprobe etwa gleich häufig vertreten (55% zu 45%), auch wenn es in den Altersgruppen II und III ein leichtes Übergewicht der Mädchen gibt.
Die Erhebung setzte sich aus drei Phasen zusammen:
Gruppendiskussion - „Warming-up“-Phase (ca. 20 Minuten)
Erstellung einer Wandzeitung - kreative Phase (ca. 30 Minuten)
Einzelinterviews - intensive Phase (ca. 50 Minuten)
Die Gruppendiskussion und die Einzelinterviews wurden anhand eines Leitfadens durchgeführt, der die Aspekte Gewalt, Humor und deren Kombination beinhaltet. Sowohl die offenen Fragestellungen als auch verschiedene konkrete Vorlagen hatten spielerischen Charakter und sind dem Alter entsprechend leicht verständlich.
Die Wandzeitung gibt den Kindern eine zusätzliche Möglichkeit, sich kreativ mittels Collage, Zeichnungen und Schrift zu den Themen Gewalt und Humor zu äußern.
Im folgenden wird der Verlauf der Befragung detailliert dargestellt und auf die Intention der einzelnen Fragestellungen eingegangen.
Nach der Begrüßung im Sitzkreis führten wir an das Thema heran. Wir begannen mit Fragen zum „Humorverständnis“ und versuchten damit gleichzeitig, die Distanz zwischen Interviewerinnen und Kindern abzubauen:
„Worüber habt ihr in letzter Zeit gelacht?“
Abbildung 2 veranschaulicht die Überlegungen zur Erfassung des medienfreien und medienbezogenen Gewalt- bzw. Humor-Verständnisses.
Im folgenden wird der Verlauf der Befragung detailliert dargestellt und auf die Intention der einzelnen Fragestellungen eingegangen.

Uns interessierte, welchen Stellenwert mediales Geschehen für die Kinder hat, ob sie spontan medienbezogene oder -freie Ereignisse nennen. Nennen sie lustige Geschehnisse oder Figuren aus dem Fernsehen, fordern wir sie auf, Witze und lustige Erlebnisse aus ihrem Alltag/unmittelbaren Umfeld zu erzählen. Dadurch erhalten wir Informationen über ihr medienfreies Humorverständnis. Schildern die Kinder von sich aus Witze oder Anekdoten, stellen wir ihnen Fragen mit medialem Kontext:
„Gibt es etwas, über das ihr im Fernsehen lacht?“
„Über wen lacht ihr im Fernsehen? Warum?“
Fällt ihnen keine Figur ein, fragen wir sie nach bekannten Schauspielern, die mit Witz, Komik und der Kombination aus beiden im Fernsehen agieren. So erfahren wir, inwieweit Kinder in der Lage sind, Witz und Komik zu erkennen und zu differenzieren. Im Anschluß daran greifen wir die medienbezogenen Beispiele des vorangegangenen Gesprächs auf, die eine Verquickung aus Humor und Gewalt beinhalten (z.B. Tom & Jerry / Dick und Doof u.a.) und übersetzen sie in die aktuelle Situation:
„Ihr sagt, daß ihr es lustig findet, wenn Dick und Doof sich schlagen. Wäre es lustig oder nicht lustig, wenn wir uns jetzt schlagen würden?“
Die Antworten schaffen eine Überleitung zum nächsten Themenkomplex, in dem es um das kindliche Gewaltverständnis geht. Methodisch verfahren wir wie im ersten Teil.
Medienfreie Fragen:
„Kennt ihr das Wort ‚Gewalt’? In welchem Zusammenhang habt ihr davon gehört?“
„Kennt ihr andere Wörter, die den Begriff umschreiben?“ „Wie würdet ihr jemandem das Wort ‚Gewalt’ erklären?“
So bekommen wir einen Eindruck, inwieweit Kinder ‚Gewalt’ kennen und in welchem Kontext sie damit bereits konfrontiert wurden.
Medienbezogene Fragen:
„Habt ihr im Fernsehen auch schon mal etwas gesehen, was ihr als ‚Gewalt’ bezeichnen würdet? Wenn ja, was?“
Auch in dieser zweiten Phase wollen wir untersuchen, worin das Gewalt- und Humorverständnis begründet ist. Die Materialien, bestehend aus bunter Pappe DIN A 3, Wachsfarben, schwarzen Filzstiften, Klebstoff, Scheren, alten und aktuellen Programm und anderen Zeitschriften bieten neben medienfreien und - bezogenen auch entwicklungsbedingte Ausdrucksmöglichkeiten.
Aufgabenstellung:
„Ihr seid Redakteure/Redakteurinnen einer Kinderzeitung und wollt auf die eine Seite eurer Zeitung das schreiben, malen, ausschneiden, kleben, zeichnen, was ihr lustig findet und auf die andere Seite, was euch zum Thema ‚Gewalt’ einfällt.“
Für diese Phase bilden wir geschlechtshomogene Kleingruppen, um Hemmungen zu vermeiden und eventuell auftretende geschlechtsspezifische Unterschiede zu berücksichtigen. Während jedes Kind seine individuelle Collage gestaltet, notieren wir uns ihre Kommentare und versuchen mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Die gestalteten Wandzeitungen bilden den Einstieg und die Grundlage für die folgende Phase.
Das Einzelinterview gibt uns die Möglichkeit, mehr über das individuelle Humor- bzw. Gewaltverständnis der Kinder zu erfahren. Diese Ergebnisse bilden die notwendige Voraussetzung, um die Kommentare zu den ausgewählten Sequenzen (Teil d) zu interpretieren. Mit Fragen nach sozio-demographischen Angaben und individuellen Fernsehgewohnheiten leiten wir die Phase ein.4
„Beschreibe doch mal die lustige Seite Deiner Wandzeitung!“ „Was findest du daran lustig?“
Die Kinder beschreiben uns ihre Collage und erklären, warum sie einzelne Elemente lustig finden. Fragen, die über die Wandzeitung hinausgehen, ergänzen die Informationen über das individuelle Humorverständnis.
„Worüber kannst du sonst noch lachen?“
„Erinnerst du dich an etwas Lustiges, das du erlebt hast/ im Fernsehen gesehen hast?“
Auf gleiche Art und Weise thematisieren wir anschließend den Gewaltbegriff.
„Warum ist das für dich Gewalt?“
„Was ist für dich Gewalt?“
Um die Befragung abwechslungsreich zu gestalten und den Bezug zu alltäglichen Konfliktsituationen zu knüpfen, wählten wir zehn Photos5, die verschiedene Formen der Auseinandersetzung zwischen Kindern auf dem Schulhof illustrieren (vgl. die Abbildungen im Anhang). Formen struktureller Gewalt wurden hier bewußt ausgeklammert; sie sind auf einem Bild auch schwer darstellbar. Im Hinblick auf unsere Gewaltdefinition konzentrierten wir uns auf personal-psychische und -physische Gewaltarten verschiedener Intensitätsgrade, die sich durch Anzahl der Täter, Art der Waffe und anderes definieren. Sowohl Täter als auch Opferrolle wurden geschlechtsspezifisch abgefragt. Jedes Kind sortiert die Photos nach den Kriterien ‚Gewalt und Nicht-Gewalt’. Anschließend kategorisiert es die ‚Gewalt’-Bilder nach seinem Gewaltverständnis. Abbildung 3 gibt eine Übersicht über die Bildvorlagen „Gewalt auf dem Schulhof“.
„Wenn du Programmchef wärst, was würdest du im Fernsehen verbieten?“
„Welche Filme sollten deiner Meinung nach kleinere Kinder nicht Schauen?“
Mit diesen Fragen erfahren wir Meinungen und Kritik der Kinder am Programmangebot und bekommen Aufschluß darüber, welche Filme sie belasten. Wir vermuten, daß die Antworten zur zweiten Frage die Ängste der befragten Kinder implizieren.
Für diesen Teil der Intensivphase hatten wir zwölf beschriftete und mit Szenenphotos bebilderte Videokassetten mit den ausgewählten Filmsequenzen vorbereitet. Wir fragten die Kinder, ob sie die Filme kannten - wenn ja, ob sie gefallen würden und warum. Anschließend sollte sich das Kind zwei Filme aus jeweils unterschiedlichen Genres auswählen und seine Wahl begründen. Eine Auflage war es, daß den Kindern nur jene Filme gezeigt werden sollten, die ihnen bereits bekannt waren. Da in den Filmsequenzen gewalthaltige Szenen vorkamen, wollten wir mit dieser Vorgehensweise die Kinder vor Ungewohntem schützen. Dies war auch eine der Zusicherungen, die wir den Eltern für die Einverständniserklärung gegeben hatten.
Nach dem Ansehen der ersten Sequenz wurde das Kind gebeten, den Inhalt wiederzugeben. Die Inhaltsbeschreibung reflektierte Aspekte, die dem Kind besonders wichtig waren. Uns interessierte, ob sich das Kind in seiner Nacherzählung stärker an Gewalt- oder an Humorelementen orientierte.
„Findest du die Szene eher lustig oder eher gewalttätig?“
„Was war für dich lustig?“
„Was würdest du in der Szene als Gewalt bezeichnen?“
„Tun die (Protagonisten) sich weh oder nicht? - Verletzen die sich oder nicht?“
„Kann das auch in echt passieren; hat das Folgen oder hat das keine Folgen?“
Aufgrund der Genredifferenzen war es notwendig, zu den ausgewählten Sequenzen spezifische Fragen zu stellen. So erhielten wir Aussagen zur Verwechslungsproblematik von Realität und Fiktion. Es handelte sich um folgende Fragethemen:
Wrestling: Erkennt das Kind den Showcharakter?
Spiel- und Actionfilm, Slapstick: Existieren die Protagonisten mit ihren filmischen Eigenschaften auch in der Realität? Hat mediale Gewalt reale Folgen?
Zeichentrick: Welche Unterschiede machen Kinder zwischen Real- und Zeichentrickfilm
Welchen Unterschied machen Kinder, wenn sie den gleichen Filminhalt in unterschiedlichen Genres sehen (Vergleich des Popeye-Spielfilms mit dem Popeye-Zeichentrick)?
Den Kindern wurden 12 Videokassetten mit den jeweiligen Filmsequenzen zur Wahl vorgelegt. Insgesamt wurden 106 Filmsequenzen von den 60 befragten Kindern ausgewählt. Dabei wurden 43 Zeichentrickszenen, 2 Slapstick-Szenen, 25 Spielfilm- 1 Szenen, 29 Actionserien-Szenen und 7 Wrestling-Szenen ausgesucht.
Tabelle 5 gibt die Wahl nach dem Geschlecht der Kinder, Tabelle 6 nach den Altersgruppen wieder. Simpsons, Power Rangers und Wrestling wurden überdurchschnittlich häufig von Jungen, Pippi Langstrumpf dagegen von Mädchen gewählt. Bei den Altersgruppen fällt auf, daß vor allem Tom & Jerry sowie Power Rangers eher von den jüngeren Kindern bevorzugt wurden. Die ungleiche Verteilung der Filmsequenzen sowie die Nichtwahl einiger Vorlagen (Rude Dog und M.A.S.H.) ergab sich aus dem forschungsethischen Prinzip, die Kinder nicht zu zwingen, sich Filme mit Gewaltszenen anzusehen zu müssen, die sie nicht kannten.
|
Film |
Jungen |
Mädchen |
Summe |
|
Tom & Jerry |
13 |
13 |
26 |
|
Rude Dog |
0 |
0 |
0 |
|
Fred Feuerstein |
2 |
2 |
4 |
|
Popeye |
1 |
4 |
5 |
|
Simpsons |
8 |
2 |
10 |
|
Dick&Doof |
0 |
2 |
2 |
|
M.A.S.H. |
0 |
0 |
0 |
|
Popeye |
0 |
6 |
6 |
|
Pippi |
2 |
11 |
13 |
|
Bud Spencer |
3 |
3 |
6 |
|
Power Rangers |
14 |
8 |
22 |
|
A-Team |
3 |
2 |
5 |
|
Wrestling |
7 |
0 |
7 |
|
Summe |
53 |
53 |
106 |
|
Film |
6-8 Jahre |
9-11 Jahre |
12-13 Jahre |
|
Tom & Jerry |
16 |
10 |
0 |
|
Rude Dog |
0 |
0 |
0 |
|
Fred Feuerstein |
0 |
2 |
0 |
|
Popeye |
1 |
3 |
1 |
|
Simpsons |
3 |
5 |
2 |
|
Dick&Doof |
1 |
1 |
0 |
|
M.A.S.H. |
0 |
0 |
0 |
|
Popeye |
2 |
3 |
1 |
|
Pippi |
8 |
5 |
0 |
|
Bud Spencer |
1 |
3 |
2 |
|
Power Rangers |
13 |
9 |
2 |
|
A-Team |
1 |
2 |
2 |
|
Wrestling |
1 |
4 |
2 |
|
Summe |
47 |
47 |
12 |
Mit dem Einverständnis der Eltern und der Kinder wurden die Gruppengespräche und Einzelinterviews audiovisuell aufgezeichnet. Die technische Dokumentation wirkte sich nicht negativ auf das Antwortverhalten der Kinder aus.
,,..das ist lustig, das ist brutal; kann man auch sagen: spannend?“
Durch die Kamera sieht die Welt ganz anders aus
Nachdem wir zunächst einmal auf wiederholtes Fragen hin erklären, daß wir nicht vom Fernsehen sind, die Kamera jedoch für die Dokumentation wichtig ist, überzeugen sich schnell einige Kinder von der Funktionstüchtigkeit des Equipments. Eine Erzieherin reicht noch zwei unterschriebene Einverständniserklärungen von Eltern nach, und mit kurzer Verspätung - eine ‚kreative’, dem Projektablauf zuträgliche Tisch- und Stuhlformation läßt sich nicht in zwei Minuten gestalten - geht es los.
Alle nennen ihre Namen und lassen uns spüren, daß wir mit unserem Anliegen, ihre Meinung über einige Themen kennenzulernen, willkommen sind - gespannt hören sie zu.
Auf unsere erste Frage, worüber sie in letzter Zeit gelacht haben, sprudeln Witze und Anekdoten aus der Schule und von Freunden. Häufig werden bereits hier Szenen aus Filmen beschrieben und mit entsprechender Wort- und Geräuschkulisse belebt, die schauspielerische Leistung der Kinder sei an dieser Stelle festgehalten!
So ist die Frage nach lustigen Fernsehinhalten damit meistens schon beantwortet. Nicht ganz so spontan kommen die Gründe, warum sie etwas lustig finden. Oft wird das im Einzelinterview deutlicher und dementsprechend lassen wir das allgemeine Glucksen ausklingen, um zum Thema Gewalt überzuleiten.
Sven (8) ,,... hauen ist schlimmer, weil da kann man sich weh tun und mit Worten nicht.“
Die Vorstellung, was wäre, wenn sich die Interviewerinnen schlagen würden (nur als Gedankenexperiment!) finden die Kinder „gar nicht witzig“ - wo sich die meisten doch zuvor bei der Vorstellung kringelten, wie Dick & Doof handgreiflich werden. Eine ernste Stimmung kommt bei der Frage auf, was sie unter Gewalt verstehen. Auch hier werden Beispiele genannt, Definitionen gefunden und Fernseherlebnisse wiedergegeben. Für Eingangsgespräche sind mindestens 15 Minuten zuzurechnen. Ihre Augen werden groß, wenn wir sie auffordern, sich vorzustellen, Reporterinnen einer Kinderzeitung (siehe Anhang) zu sein. Die bunten Kartons, Farbstifte und etliche Zeitschriften überzeugen sie jedoch schnell, zu Schere und Klebstoff zu greifen und sowohl in den Vorlagen nach gewalthaltigen und lustigen Bildern bzw. Texten zu suchen wie auch selbst Beispiele und Definitionen zu Papier zu bringen. Für die nächsten zwanzig Minuten bedeutet das: schreiben, schneiden, malen, kleben, sich über Photos zu unterhalten und die benachbarten Collagen zu kommentieren.
Wir stehen mit Rat und Tat zur Seite, beschriften nach Wunsch ihre Bilder und lassen uns von den Jüngeren ihre Ideen diktieren. Sobald sie nach eigener Entscheidung fertig sind, (Nadja: „so, jetzt reicht’s, gleich platzt die Pappe!“) beginnen die Einzelinterviews.
Torsten: „Ich will zuerst, ich muß früher los!“
Je zwei Kinder werden parallel befragt, während die anderen gemeinsam mit einer Betreuerin basteln und spielen. In die Kamera grinsend stellt Torsten seine Wandzeitung vor. Jetzt erklärt er auch, warum er über den erzählten Witz so gelacht hat und macht sich nochmals Gedanken zum Thema Gewalt. Während er im Anschluß daran die Schulhofbilder durchschaut, beschreibt er erlebte Situationen, die den Darstellungen auf den Bildern ähneln.
Zuvor noch engagierter Kinderzeitungsredakteur hat Torsten jetzt keine Schwierigkeiten, sich in die Rolle eines Fernsehprogrammchefs hineinzuversetzen, um zu bestimmen, was sein Meinung Kinder nicht sehen sollten bzw. was im Fernsehen nicht ausgestrahlt werden dürfte.
„Darf ich die alle gucken?“
Mit Blick auf die 12 bunt beschrifteten Videokassetten gibt er anhand der Checkliste zu den einzelnen Sequenzen seine Meinung ab. Auch unser immer wiederkehrendes „Warum... guckst, Du das gerne?“ macht ihn nicht ungeduldig. Allerdings fällt die Wahl von zwei (T: „echt, wirklich nur zwei?“) unterschiedliche Filmgenres nicht leicht. Die kurzen, zweiminütigen Sequenzen („schon vorbei...?“) bieten dennoch genug Gesprächsstoff über Inhalte und seine Meinung zu lustigen, gewalthaltigen und „so’n bißchen von beidem“.
Nach einer Dreiviertelstunde sucht sich Torsten noch aus unsere Geschenkkiste ein Büchlein über Geheimsprachen und verabschiedet sich mit der Frage: „ Und wann komm ich jetzt im Fernsehen?“
Ergebnisdarstellung
Die folgende Darstellung der Ergebnisse beschreibt Entwicklungsfortschritte in den einzelnen Bereichen, d.h. es werden die Antworten der befragten Kinder qualitativ analysiert und dabei das jeweilig Typische herausgestellt. Dabei legen wir besonderes Augenmerk darauf, dieses Typische in Abhängigkeit vom Alter zu betrachten. Unsere Bestimmung der Bedeutung des Verwechslungsrisikos für den Kinder- und Jugendmedienschutz war ja daran gebunden, daß wir den Entwicklungsgedanken einbrachten. Wir halten das Verwechslungsrisiko dann für weniger bedeutsam, wenn wir vermuten können, daß die Kinder in ihrer weiteren Entwicklung das zurückliegende Verwechslungsproblem erkennen. Wir versuchen also, in der Interpretation unserer Daten jene Momente herauszufiltern, von denen wir genau im Sinne eines nicht überwindbaren Verwechslungsrisikos annehmen können, daß sie die Kinder in ihrer Wahrnehmung von Gewalt in humoresken Kontexten beeinflussen könnten.
Wir haben, wie im Methodenteil schon ausgeführt, das Wissen über Humorverständnis der Kinder neben ihren Vorstellungen von Gewalt als eine wesentliche Bedingungen für die Beurteilung des Verwechslungsrisikos gekennzeichnet. Im nun folgenden Kapitel wollen wir die Ergebnisse dazu vorstellen. Wir unterscheiden dabei zwischen ihrem Verständnis von Humor im Alltag und dem, was sie im Fernsehen lustig finden. Angeregt zu ihren Äußerungen wurden die Kinder in der Gruppensituation, in der sie einen Witz erzählen sollten. Wir hatten uns dadurch erhofft, daß diese Situationen ihnen eine gute Bühne für das geben wird, was sie lustig oder witzig finden. Aber hier wurde schon deutlich, daß bereits so junge Kinder, wie die befragten, auch in Gruppen schon gehemmt sein können. Vielfach fiel ihnen einfach kein Witz ein! Außerdem sollten sie auf die Wandzeitung alles aus Zeitschriften, die wir ihnen zur Verfügung stellten, aufkleben, was sie lustig bzw. witzig fanden. Darüber hinaus bekamen sie aber im Einzelgespräch auch noch die Gelegenheit, ihr Verständnis von Humor zu thematisieren. Ein Problem stellte die genaue Bezeichnung dessen dar, was wir wollten. Wenn wir nach Humor fragten, war dies möglicherweise für die jüngsten Kinder unserer Befragungsgruppe ein unbekanntes Wort. Fragten wir nach etwas Lustigem, dann könnte dies von vorne herein auf Situationskomik zielen, bei der Frage nach etwas Witzigem auf Sprachwitze. Trotzdem gelang uns in den ausführlichen Gesprächen die Kinder anzuregen, nicht nur ihr Verständnis von dem, was wir unter dem Oberbegriff ‚Humor’ fassen, zu erzählen, sondern auch die Fernsehsendungen danach zu beurteilen. Zuerst stellen wir die Ergebnisse zum Humorverständnis der Kinder im Alltag dar, dann beziehen wir dieses auf Medien, ins besondere das Fernsehen.
Es lassen sich aus den Antworten der Kinder auf unsere Fragen insgesamt zwei verschiedene Typen von Humorverständnis beschreiben.
Ein erster Typus bei der Bestimmung dessen, was lustig ist, läßt sich in der Orientierung am Äußeren von Personen, an ihrem Verhalten oder an Situationen festmachen. Britta (6) hat einige Bilder aus Zeitschriften auf ihre Wandzeitung geklebt und kommentiert diese wie folgt:
„Also da ist ein Mann und eine Frau drauf, die haben eine lustige Frisur und dann habe ich da zwei Männer, einer mit einer Brille und einer, der sieht so doof aus (lacht). Und dieser, der schaut so blöd und hat so eine komische Frisur und die, die macht so was, irgendwie, und die ist so komisch angezogen“ - „Und da tut einer Fahrrad fahren auf einer Wiese, obwohl das verboten ist. Und da ist eine Sängerin, und die tut so komisch singen (lacht)“
Valery, ebenfalls 6 Jahre alt, findet es lustig „wenn jemand ins Wasser fällt“, und Julia (7) kann über andere lachen, die Witze erzählen: „Meine Schwester kann ganz schöne Witze. Über meine Schwester kann man sich totlachen.“
Alena (10) lacht über ihr Meerschweinchen, das sich manchmal ganz komisch auf die Seite legt, wie ein platter Pfannkuchen: „Das sieht auch immer so lustig aus.“ Es sind vor allem die jüngsten Kinder unserer Gruppe, die diesem Typus zuzuordnen sind. So fand auch der 7jährige Mike einen Zirkusbesuch lustig, bei dem ein Lama gespuckt hat.
Die Situationskomik kann aber auch auf selbst erlebte Ereignisse bezogen werden, wie etwa bei Emine (9):
„Da wollt’ ich mir Selter einschenken, da war der Deckel nicht so richtig drauf und dann wollt’ ich eingießen und da ist mir der Deckel mit ins Glas gefallen.“
Etwas Dramatischeres schildert die 10jährige Alena:
„ich meine, das ist vielleicht nicht witzig, aber manchmal sieht das lustig aus. Wir hatten einen Jungen hier, das war kurz vor dem Fußballspiel, dann geht er so an der Seite und guckt uns dabei an, erzählt uns was - boum, rennt total gegen ´n Baum. Da mußte ich auch lachen. Ich mein’ vielleicht tat das weh, aber irgendwie sah das lustig aus, manchmal muß ich dann halt lachen.“
Wenn der Junge geweint hätte, hätte sie nicht gelacht, weiß allerdings nicht, ob ihr das Lachen nicht so ‚rausgerutscht’ wäre. Yassa (10) erzählt von einem Ereignis, wo alle gelacht haben,
„[...] obwohl es voll weh getan hat. Ich war auf dieser Stange da, hab’ ich mich so `runter gehängt. Hab’ ich gesagt, ‚Kann mir mal jemand hochhelfen?’. Da hat mich Natascha hochgehoben, bin ich abgerutscht und voll gegen den Rücken und ich hab’ ja schon öfters Probleme und danach haben alle sich schlappgelacht und ich lag da und hab’ nur geheult und dann ‘Oah, hast du das mal gehört ‚Boum’ voll so geknallt?’ und die haben sich voll schlappgelacht, wie ich weg war.“ Interviewerin: „Und wie fandst du das? Ich mein, diesmal warst du ja dann die Betroffene, ne? Wie fandst Du das, daß die gelacht haben? Hat dich nicht gestört, oder?“ Yassa: „Das fand ich gemein, aber wenn das jetzt witzig war. Das sah ja auch witzig aus, weil, ich bin geknallt, dann bin ich so umgedreht wieder mit den Füßen aufgeknallt.“
Tim (7) berichtete uns, wie er über sich selbst einmal gelacht hat:
„Zum Beispiel, ich hatte mir schon mal ‘ne Straße gebaut, `ne, da wollt’ ich weiterbauen, da hab’ ich mich auf die Straße gestellt und da hab’ ich gedacht, ‚Wer hat sich denn dahin gestellt’, obwohl ich’s selber war.“ Er mußte selber über sich lachen, „weil ich immer denk, das ist ‘n anderer.“
Ein weiteren Typus stellen die Wortwitze dar, die aber je nach Alter recht unterschiedlich verstanden werden. Am einfachsten sind die Wortwitze, die als Ostfriesen-Witze kursieren oder auf Wortspielen beruhen. Sven (8) hat uns folgenden Witz erzählt:
„Als Doof dem Polizist erzählt hat, daß Niemand auf sein Kopf gespuckt hat und Keiner hat’s gesehen. Das finde ich so lustig daran, daß der dem das gesagt hat und da hat er gesagt: ‘Sind sie doof und da hat Doof gesagt, ‚Ja, woher wissen sie das?’, das find’ ich so lustig.“
Sven weiß auch schon, daß dies von den Namen abhängig ist: Er findet an dem Witz die Namen so lustig. Mit anderen Namen wäre der Witz nicht mehr so witzig.
„Warum essen die Ostfriesen nie Brezeln? - Weil sie nie den Knoten aufkriegen“ - „Und wieso nehmen die Ostfriesen immer Ketchup mit in die Toilette? - Damit die ‚Wurscht’ besser schmeckt“.
Dies sind Witze, über die vor allem die jüngeren Kinder lachen können. Etwas anspruchsvoller werden die älteren Kinder, wenn sie zum Beispiel wie Alena (10) Werbesprüche mit in ihren Witz einbauen:
„Ein Mann geht in ein Restaurant, setzt sich hin und bestellt Essen und so und dann hat er einen ganz verschmierten Mund und dann steht da groß geschrieben in dieser Karte da: ‚Ist ganz günstig, extra große Serviette. Bestellt er sich eben so ‘ne extra große Serviette, sagt der Kellner ‚o.k., geht wieder weg, kommt er mit einem Tablett mit einer Rolle Klopapier an und dann sagt der Gast: ‚Ich wollte kein Klopapier, ich wollte eine Serviette haben.’ und dann hat der Kellner gesagt: ‚Tja, für die einen ist es Klopapier und für die anderen die längste Serviette der Welt.“ Lustig findet sie daran: „Es gibt ja auch so `ne Werbung im Fernsehen von Duplo. ‚Für die einen ist es Duplo und für die anderen ist es die längste Praline der Welt’.“
Besonders beliebt bei den Kindern der untersuchten Altersgruppe waren die Blondinenwitze, die wir sehr häufig erzählt bekamen. Der 11jährige Henning hat davon ein reichhaltiges Repertoire, und was das Besondere an ihm ist, daß er auch sehr gut beschreiben kann, warum er sie witzig findet. Wir wollen im folgenden eine etwas längere Interviewsequenz wiedergeben, um seine Kompetenzen im Erklären von Blondinenwitzen zu erläutern:
I: Worüber lachst Du denn sonst noch?
H: Über Blondinenwitze.
I: Aha, ach ja stimmt, Du warst das mit den Blondinen-Witzen. (Henning kichert) Erzähl mal einen, einen anderen. Nicht den von eben, sondern einen anderen.
H: (undeutlich) Ich muß mal überlegen.... OK: Ein Weihnachtsmann, eine Blondine, eine schlaue Blondine, der Osterhase, eine - wie heißt das? - ein Engel gehen so Hand in Hand so `n alten Gehweg lang. Vor ihnen liegt nun so ein 1000 Mark-Schein. Wer hebt ihn auf? Keiner! Den Weihnachtsmann gibt’s nicht, der kann es nicht aufheben, den Osterhasen auch nicht, eine schlaue Blondine gibt’s nicht, Engel gibt’s auch nicht und die dumme Blondine denkt, das ist ein plattgetretenes Kaugummi. (Interviewerin lacht)
I: Kannst Du mir jetzt bitte daran erklären, was daran witzig ist, auch wenn ich jetzt lache, aber ich möchte von Dir hören, was Du daran witzig findest.
H: Also ich fand das witzig, daß die dumme Blondine denkt, [..] das war ein plattgetretenes Kaugummi.
I: Was wäre, wenn das nicht die Blondine wäre, wäre das dann auch noch so lustig?
H: Ne
I: Ist es dann die Blondine, die lustig ist oder?
H: Ja
I: Und warum ist das lustig? Es gibt ja so viele Blondinen-Witze. Warum sind die witzig. Ich bin blond, `ne. Warum ist das witzig?
H: Nein, Sie find ich ja nicht witzig. Ich finde nur so die Handlung da eben. Da gibt’s, ich kenn’ da noch so `n Witz. Zum Beispiel: Da stehen eine Blondine und eine Brünette auf ‘nem Hochhaus. Springen beide `runter. Wer klatscht auf und ist tot? Die Brünette, die Blondine muß bei jedem Stockwerk nach dem Weg fragen. Ja, das ist eben so. Die Blondine wird so dumm dargestellt, daß die denn bei jedem Stockwerk sich so festhält und denn so fragt, ‚Ja, wo geht’s jetzt lang?’, `ne. Da muß man irgendwie auch schon lachen. Da fällt eine `runter, hält sich so fest, fragt, wo geht’s denn jetzt lang, sagt der Mann „nach unten“ und dann läßt sie sich los und fällt `runter. Und das bei jedem Stockwerk. Das ist doch witzig. (lacht)
I: Aber ist es dann die Blondine, die lustig ist. Also wenn’s ‘ne Brünette und ‘ne Rothaarige wären, wär s nicht lustig, oder?
H: Doch, das wär’ schon lustig, aber...
I: Wär’ auch lustig?
H: Ja, aber nicht so lustig wie bei einer Blondine. (grinst)
Einerseits macht Henning deutlich, daß der Witzeffekt für ihn eigentlich nicht bei den Blondinen, sondern in der Dummheit der Handlungen liegt, andererseits kann er es sich aber nicht verkneifen, der blonden Interviewerin - schelmisch - zu vermitteln, daß es mit den Blondinen als Figuren aber am besten klingt.
Mit diesen beiden Typisierungen sind auch die wesentlichen Formen von Humor benannt, die bei den befragten Kindern vorkommen. Zum einem handelt es sich also um Situationskomik, zum anderen um Wortwitze. Überhaupt nicht erwähnt wurde dagegen der eigentliche Humor, wie er einleitend von uns beschrieben wurde. Dies dürfte auch mit der Altersgruppe zusammenhängen, die vermutlich aufgrund ihrer kognitiven Entwicklung noch nicht in der Lage ist, diesen Typus zu erkennen und ihn als eine sehr persönliche Umgangsform zu erleben. Es wurde aber auch deutlich, daß wir in beiden Typen eine altersabhängige Ausdifferenzierung und Verfeinerung der Humorarten finden können. Diese Entwicklungsschritte äußern sich auch in immer stärkeren Formen der Selbstreflexivität sowie der Fähigkeit, Witze auch erklären zu können. Im nächsten Abschnitt wollen wir uns nun etwas näher das ansehen, was Kinder im Fernsehen lustig finden.
Wir wollen die Antworten der Kinder darauf, was sie im Fernsehen lustig bzw. witzig finden, ebenfalls wie bei dem medienfreien Humorverständnis typisieren. Zum Teil fiel es den Kinder schwer, genauer zu begründen, was und warum für sie lustig oder witzig ist. Sie können dies - vor allem, wenn sie jünger sind - nur meist recht diffus beschreiben, wie etwa die sechsjährige Valery auf die Frage, was sie bei Pippi Langstrumpf lustig gefunden habe: „Alles war lustig!“ Wir meinen, daß sich fünf unterschiedliche Typen beschreiben lassen.
Bei den Antworten des ersten Typus wird ebenfalls wieder Äußeres lustig gefunden. Dazu zählt die Erscheinung von Fernsehfiguren, ihr Aussehen oder auch allein die Namen. Mira und Julia (6 und 7) finden bei Dick und Doof allein die Namen schon lustig. Manche Kinder finden die Grimassen von Mr. Bean, Bud Spencer als Figur, und auch Otto aufgrund seiner Erscheinung zum Lachen.
Gut fand Tim (7) bei Bud Spencer eigentlich nur „wo der eine da gesagt hat, der Spaghetti-Zoni ist wieder da, das fand ich so gut.“ Das fand er auch lustig, „weil er so witzig aussah.“ - „Mr. Bean, der macht auch immer so Grimassen, und dann ist er auch immer so dumm und macht immer falsche Sachen.“ (Frank, 8)
Am häufigsten werden von den Kindern aber lustige Situationen im Fernsehen genannt. Wir listen einige der Beschreibungen der Kinder dazu auf. So meinen die Kinder z.B. zu Dick und Doof und zu einigen anderen Filmen:
„[. ..] die sind komisch, weil manchmal fällt Olli ins Wasser und manchmal, wenn er raus kommt, haut er ihm den Kopf“ (Valery, 6)
„Und ich finde das so lustig, weil, die haben Rührei gemacht und da hat der Doof gesagt, gib mal n’ Rührei her, da hat der das falsch verstanden und hat das so geschmissen und dann hat der gesagt: ‚Du machst das ganz ganz falsch’.“ (Erkan, 7)
Marcus (8) findet an Dick und Doof lustig, „weil manchmal streiten sie sich mit ‘n andern, also, Dick, dann streitet der sich mit ‘n andern und denn streitet der sich mit seinem Freund.“ Wenn Marcus sich mit seinem Freund streitet, findet er es nicht lustig. Bei Dick und Doof ist es etwas anderes, „weil es immer so lustig aussieht, wenn die sich schubsen und so.“
„Die sind lustig, die gefallen mir, die stellen immer so lustige Sachen an, der Dicke sagt zu dem Dünnen ‘Mach das!’, und wenn der das falsch macht, kriegt er eins mit der Pfanne auf den Kopf“ (Johannes, 9)
„Auch lustig, letztes Mal hat das Feuer gebrannt und der Popo hat gebrannt, bei dem Dünnen. Und der setzt sich da auf sein Klo, und auf einmal kommt so ein Mann und sieht ihn nicht, und pieselt auf den so drauf, und dann wird der immer so wütend, und hat dem Dünnen auf den Kopf gehauen, so was blödes.“
„ich hab’ gestern Familie Feuerstein gesehen und da wollten die abreisen und dann hat Wilma gesagt, die anderen Menschen können da wohnen und da hat Fred Feuerstein die Tür aufgemacht und wollte schlafen gehen und da waren Männer überall, die schlafen und dann hat er neben die geschlafen. Das war so witzig.“ (Julia, 7)
Boris (8) hat das Bild von Ernie und Bert aufgeklebt, „weit die so lustig sind. Die machen dann so Witze.“ Seiner Meinung nach machen sie beides, Witze erzählen und sich lustig bewegen. Ansonsten kann er über „Bitte Lächeln“ lachen, weil die auch immer so viele Witze machen. Witze erzählt werden in der Sendung nicht. „ Die zeigen die Witze. Ich glaube, die haben da so ‘ne Kamera und dann zeigen sie das.“
Gleiches gilt etwa auch für den Film von Pippi Langstrumpf:
„Den kenn’ ich, den will ich wieder anschauen“ - „Lustig und ganz schön, weil die Pippi Langstrumpf einen Jungen immer ins Wasser schubst und mit einem Regenschirm auf einem Seil geht.“ (Valery, 6 )
Auf die ARD-Serie Süderhof bezogen schildert Alena (10), was sie daran lustig findet:
„Da haben irgendwie so was mit Ketchup gegessen und dann hat der eine Junge da gesagt, ( ..) hat er zu der Schwester gesagt: ‚Kann ich mal bitte noch mehr Ketchup haben?“ Und dann hat sie ihm Ketchup alles ins Gesicht gemacht und so und dann hat er gesagt: ‘Mami, Mami, ich blute, hilf mir.“ Und dann kam die Mutter: „Oh Gott, was ist denn mit dir passiert.“ Und der Junge: ‘Mmm, Ketchup schmeckt ganz schön gut.“ - Ab und zu sieht sie auch mit ihrem Bruder Sesamstraße. „Manchmal gibt es ganz lustige Sachen da ‘drinne, [...] wenn Ernie und Bert dann kommen und dann schläft der Bert schon und Ernie sagt dann (A. mit nerviger Stimme): ‚Bert, schläfst du schon?’ keine Antwort ‚Bert, schläfst du schon?’ und dann wird das immer lauter und dann sagt er dann irgendwann (A. mit zorniger Stimme): ‚Nein, Ernie, ich schlafe noch nicht.“
Die älteren Kinder beschreiben jene Szenen, die sie im Fernsehen lustig finden, viel ausführlicher als die jüngeren Kinder. Ein Beispiel dafür sind die Aussagen von Henning (11) über Otto:
Zu Otto: „Ja, find ich irgendwie witzig. Nehmen wir erst mal eine Sendung. Da ruft so dann eben so ein Junge an [undeutlich: das ist schon so gestellt]“ - I: „Die Serie, die er jetzt macht?“ - H: „Ja, ruft da so einer an und sagt: „Ja, Otto. Ich bin ihr einer, ich war einmal ihr größter Fan.“. Dann fragt er: „Warum denn nicht mehr?“ Und dann sagt er. „Tja,..“ nee, dann ruft er so an, dieser Junge da eben und dann sagt er da so: „ Ja, ich habe alles von ihnen gesehen, den Film, ihre, ich hab’ ihre Bücher gelesen, ich habe ihre Stifte gekauft, ja, alles.“ Fragt Otto: „Was alles?“ - „Alles Scheiße.“ [undeutlich] Fragt Otto:“ Bist du noch `dran?“ Sagt der Junge: „Ja, so leicht werden sie mich nicht los.“ Und dann nimmt er ein, so `n Ding zum Höhlensprengen, drückt das `runter, dann sieht man so ein Bild wo die Telefonzelle in die Luft fliegt (von wo) der Junge aus telefoniert hat.“ - 1: „Mmh, und was findest Du daran jetzt lustig?“ - H: „Der Junge da so: „Ich finde alles von ihnen Scheiße.“ [undeutlich] und dann reagiert Otto so: „Ja? Bist du noch `dran?“ und dann „Waam“ fliegt die Telefonzelle in die Luft, wo er `draus telefoniert hat. Das find’ ich so `n bißchen lustig. Eigentlich ist das ja `n bißchen brutal, wenn ich das jetzt sagen (machen) würde, aber man merkt, daß es ja, aber ich würde nie so, wenn einer jetzt bei mir anrufen würde, dann sagen würde „Henning, ich find’ dich so scheiße, dann würd’ ich ihn ja nicht gleich in die Luft sprengen, dann würde ich mich damit abfinden.“ - I: „Aber im Fernsehen findest du das dann witzig?“ - H: „Ja, das find’ ich witzig.“ - 1: „Und so, wenn das dann so wirklich wär, dann wär’s schon..“ - H: „Ja, (undeutlich) im Fernsehen ist das schon witzig. Da ist es ja nicht echt.“
Oder zu Sister Act
H: „Ja, ich find’ das lustig, daß da die bei den ganzen Nonnen so, so Rock `n Roll macht.“ - 1: „Ach so. Und was war dann witzig?“ - H:: „Ja, die hat sich irgendwie so, ist doch komisch, wie bei dieser Visa-Werbung, das da so `n Nonne so `n Visa-Karte hat und bei der ist das eben lustig, daß die da eben mit derGitarre so `rumläuft und in so `n Strip-Lokal `drin ist.“ - 1: „Und das ist witzig, wenn da so `ne Nonne....“ - H: „Ja, ja, das ist, das ist, wenn das jetzt in echt passieren würde, das wär’ ja dann irgendwie so Gottesfrevel von der Kirche halt, aber da, das ist ja irgendwie so `n, so eine Verkackeierung der Kirche.“ - 1: (lacht) „Mmh. Also, dann siehst Du das auch wieder so, wenn ich das richtig verstehen, im Fernsehen ist das witzig und....“ - H: ,,....Ja und in echt ist das nicht so witzig.“
Weiterhin werden im Fernsehen Wortwitze als lustig empfunden. Interessant ist dabei, daß auch noch ältere Kinder sich an den Dialogen von Ernie und Bert von der Sesamstraße ergötzen.
zu Ernie und Bert: „die sprechen so komisch und lachen so komisch“ (Erkan, 7)
„I: Was findet ihr an Otto besonders lustig? M.: „Ich finde lustig, der tut auch manchmal so Witze machen.“ (Mike, 7)
Fred Feuerstein, „den habe ich schon hundert mal gesehen, der ist lustig, wenn der Barni - die sagen aneinander immer ‚Busenfreunde’ - Barni und Fred, (sagt, das er und sein Freund auch Busenfreunde sind). Simpsons, die sind lustig, weil die immer Schmarrn machen“ (Mike, 7)
Thomas (8) findet Wortwitze besonders lustig:
Bei Ernie und Bert findet er lustig, „Daß sie immer so komisch reden, so und Witze erzählen.“ Dick und Doof erzählen manchmal auch Witze. Ernie und Bert machen sowohl lustige Sache als auch Witze erzählen. Und zum A-Team: „Murdock find’ ich immer lustig, weil er manchmal so komische Sachen erzählt und so.“
Lustiges an A-Team: „ Der Boß sagt immer, wenn die gewonnen haben gegen die: ‘Ich liebe es, wenn ein Plan funktioniert.’ Das find’ ich schon lustig daran, das sagt er jedesmal. Warum er das lustig findet, kann er selbst nicht genau sagen“ (Jan, 8)
Je älter die Kinder werden, desto eher erkennen sie , daß auch Rollen als witzig erkannt werden können.
Fred Feuerstein „ist lustig, weil, die machen manchmal was verkehrt, oder die vertragen sich nicht und dann sind sie doch noch Freunde“ (Mike, 7)
Jan (8) hat für seine Wandzeitung das Bild von Sculk und Bulk ausgewählt, „weil die so witzig sind. Der Dicke haut immer den Dünnen, wenn er was falsch macht.“ Sculk und Bulk erzählen keine Witze, sondern machen lustige Sachen und „sind selber witzig.“ „Die ziehen sich manchmal komisch an.“
Ebenfalls zu den Power Rangers, „ die andern Sculk und Bulk), die so Witze machen.“ Er meint, die verhalten sich komisch, Witze erzählen sie aber nicht. (Boris, 8)
An Sulk und Bulk findet Sven (8) lustig: „Die tun so immer, als wenn die Stärksten und die Besten sind und dann passiert den nachher so was.“
„Michel aus Löneberger, das ist ein ganz normales Kind, das immer Unfug macht, das ein Haus in die Luft jagt, oder Überschwemmungen verursacht“ - „Das zweite Bild ist die Muppetshow, das sind Figuren, die auch immer lustiges Zeug machen, sie probieren die Leute zum Lachen zu bringen, die sind ganz verrückt, springen vom ersten Stock in einen Pool oder sie unternehmen sehr viel zusammen.“ - „Das dritte Bild ist Popeye der Seemann. Das find ich lustig, weil er rettet Leute, er ist sehr stark. Ich finde es besonders lustig, weil er Sachen heben kann, die ein echter Mensch gar nicht heben kann, z.B. ein ganzes Schiff oder ein ganzes Haus in die Luft heben kann.“ (Paul, 8)
Die älteren Kinder können sich auch über schlecht gemachte Filme belustigen und finden auch Verulkungen witzig und lustig.
„’Samstag Nacht’: die Sketche, die Leute überhaupt, die sehen so komisch aus, wenn man die sieht, muß man sich schon schlapp lachen, das ist so `ne geile Atmosphäre. Traumhochzeit ist eher aus Verarschung lustig.“ Antje (12) und Fulia (13) ergänzen: „Ne, Traumhochzeit ist wirklich lustig, wenn sie sich dann in die Arme fallen, wenn sie auf dieser Torte stehen ... dann muß ich lachen.“
Henning (11) zu seiner Lieblingssendung ‚Thunder in paradise’: „Ach, das ist, bei einem Film verarschen die da zum Beispiel das englische Königshaus. Zum Beispiel, da zeigen sie die Königin irgendwie von England und dann war so `ne krüpplige alte Oma, die da mit ihrem Krückstock `rumhopst.“ und weiter I: „Also, die erzählen da keine Witze ...?“ H: „Ne, keine“ - I:“ ..oder manchen sich irgendwie lustig?“ - H: „Nein, die fahren da eben mit dem Boot `rum [….Geschichte aus der Serie… I …. ja und dann ist da eben so `n Kasten, der voller Augen, ein Kasten voller Augäpfeln und dann sagt der eine dann „Laß’ uns mal ein Auge `drauf werfen. „ - 1: „Das ist auch lustig?“ - H :“Ja, `n bißchen so. Das ist ein Kalauer.“
Ähnlich wie beim allgemeinen Humorverständnis lassen sich beim Verständnis von Humor im Fernsehen bei den befragten Kindern Situationskomik und Wortwitz als wichtige Formen wiederfinden. Darüber hinaus amüsieren sich die Kinder jedoch auch über das Äußere von Personen sowie über bestimmte Rollen als auch über Verulkungen. Je älter sie werden, desto differenzierter wird auch ihr Verständnis von humoresken Formen. Gleichfalls können sie sich aber auch von einfachen Formen distanzieren und diese nicht mehr lustig finden. Die Medien und insbesondere das Fernsehen scheinen eine Vielfalt von Situationen, Geschichten und Personen anzubieten, die zur Belustigung von Kindern beitragen. Dies könnte schon als ein erster Hinweis gewertet werden, daß das Lustige in der Medienrezeption dominiert und möglicherweise zur Überlagerung von gewaltbezogenen Handlungen beitragen könnte.
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1Kunczik bezieht sich in seinem Aufsatz auf Studien von H. Heinrichs und G. Gerbner, denen er unterstellt, „daß sie die Erkenntnisse der Wirkungsforschung ignorieren.“ (Kunczik 1985, S.338)
2Ein weiterer Grund wird in der methodischen Beschreibung der Rezeptionsanalyse deutlich. Da wir den Kindern nur jene Filme zumuten wollten, die sie schon kannten, war es einfacher, auf Serien als auf Einzelfilme zurückzugreifen
3Der Popeye-Zeichentrickfilm wurde von uns in die Analyse hinzugefügt, da er sich gut für die Rezeptionsanalyse beim Vergleich des Verständnisses von Real- und Zeichentrickfilmen eignet.
4Die Einzelinterviews wurden parallel durchgeführt. Eine Betreuerin bot den anderen Kindern in der Zwischenzeit verschiedene Beschäftigungsmöglichkeiten an
5Bei den Bildvorlagen handelt es sich um inszenierte Darstellungen einer Kindertheatergruppe. Wir haben uns für Bilder mit Kinder deshalb entschieden, da sie näher an den Kindern sind und somit nicht die Gefahr besteht, daß einige Kinder durch Gewaltdarstellungen mit Erwachsenen schockiert werden.
*Die Szenen der Bildvorlagen mußten so gewählt werden, daß auch die jüngsten Kinder nicht ‚geschockt’ wurden. Aus diesem Grund mögen einige Bilder (z.B. Schulranzen als Waffe) eigenartig erscheinen. In den Gesprächen mit den Kindern wurde aber darauf eingegangen und dies erklärt.