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Autor: Aufenanger, Stefan.

Titel: Macht Fernsehen wirklich „dick, dumm, krank und traurig“?

Quelle: unveröffentlichtes Manuskript. Oktober 2005.

Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Autors.



Stefan Aufenanger

Macht Fernsehen wirklich „dick, dumm, krank und traurig“?



Ein auf einer dpa-Meldung beruhender Spiegel-Artikel machte letzte Woche die Runde in der Presse. Darin wurde eine Studie von Christian Pfeiffer zitiert, demnach „übermäßiger Fernsehkonsum dick, dumm, krank und traurig“ mache. Pfeiffer ist Direktor des angesehenen Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN) und ist u.a. durch seine sehr differenzierten Stellungnahmen zur Entwicklung der Kinder- und Jugendkriminalität bekannt geworden. Seine neuere Aussage passt in den Kontext einer anderen Veröffentlichung, nämlich die von Manfred Spitzer, der in seinem Buch ‚Vorsicht Bildschirm’ eine ähnlich Aussage trifft, nämlich Fernsehen macht „dick, dumm und gewalttätig“. Beide Aussage werden medienwirksam in die Öffentlichkeit getragen und verunsichern und bestätigen zum Teil zugleich, was in den Köpfen vieler Pädagogen und Lehrpersonen schon als Meinung vorhanden ist: es gibt gute Medien - das Buch - und es gibt schlechte Medien - zum Beispiel das Fernsehen - und man muss Kinder und Jugendliche vor den schlechten Medien schützen. Wenn wir uns an die Rolle von Comics in den 1950er und 1960er Jahre erinnern, wo sie verdammt wurden, und mit heute vergleichen, wo sie nicht nur in den Lehrplänen für Schulen vertreten sind, sondern sogar von angesehenen Zeitungen promoviert werden, dann wird deutlich, dass eine solche Polarisierung von Medien nicht weiter bringt.

Nun ist es ja nicht so, dass die Medienpädagogik bzw. die Medienforschung die genannten Positionen als völlig falsch dahin stellen will und Medienkonsum verharmlost. Was sie will, ist eine differenzierte Sichtweise und die ist in der Auseinandersetzung mit den Positionen von Pfeiffer bzw. Spitzer notwendig. Also, was ist davon zu halten bzw. macht Fernsehen wirklich dick, dumm, krank und traurig? Ich denke, dass in der Debatte um diese Aussage die Positionen von Pfeiffer und Spitzer scharf von einander zu unterscheiden sind. Zum einen spricht Pfeiffer von ‚übermäßigen Fernsehkonsum’ und Spitzer schränkt seine Aussage nicht ein. Zum anderen beruht die Aussage von Pfeiffer auf einer eigenen sozialwissenschaftlichen Studie, die von Spitzer auf der Auswertung internationaler empirischer Studien sowie auf den Ergebnissen der Gehirnforschung. Die Argumente sind also recht unterschiedlicher Natur.

Leider macht es Pfeiffer einem nicht einfach, sich mit seiner Aussage seriös auseinander zu setzen, da die in den Medien zitiert Studie bis jetzt (September 2005) noch nicht veröffentlicht ist. Eine Analyse der Datengrundlage und der darauf beruhenden Verallgemeinerung ist also nicht möglich bzw. muss bei Vorliegen derselben nachgeholt werden. Nach dem was Pfeiffer in einer Gesprächsrunde und in Interviews dargestellt hat, denke ich, dass dies eine sehr seriöse und differenziert arbeitende empirische Studie ist. Aber wie gesagt: wir kennen die Stichprobe, die Erhebungsverfahren sowie die Ergebnisse nicht, nur die daraus folgernden Verallgemeinerungen. Nehmen wir aber einmal an, die Daten unterstützen eine Sichtweise, dass es eine Problemgruppe gibt - dies sind nach Pfeiffer die Jungens mit einem eigenem Fernsehapparat und einer eigenen Videospielkonsole in ihrem Zimmer -, die aufgrund ihrer Mediennutzung sich durch schlechte Schulleistungen auszeichnet, dann fragt sich, ob die Folgerung, den Fernsehapparat und die Playstation aus dem Kinderzimmer zu verbannen, die ausreichende Antwort ist. Zum einen wissen wir aus vielen anderen auch internationalen Studien, dass das Fernsehen wissensaneignend und lernanregend sein kann. Schon die Begleitstudien zur Sesamestreet haben gezeigt, dass Kinder durch sie nicht nur kognitiv angeregt werden und Zählen und Buchstaben lernen, sondern auch prosoziale Verhaltensweisen erwerben können. Eine Studie von Anderson hat sogar gezeigt, dass Highschool-Absolventen bessere Abschlüsse als andere haben, wenn sie in ihrer Kindheit häufiger Sesamestreet gesehen haben. Und lernen unsere Kinder nicht viel, wenn sie die Sach- und Lachgeschichten mit der Maus verfolgen, wenn sie durch Peter Lustig in Löwenzahn angeregt werden, ihre Umwelt zu erkunden, oder wenn sie sich die Kindernachrichten Logo anschauen und so Politik verstehen? Es gibt momentan eine Vielzahl von Informations- und Wissenssendungen nicht nur für Kinder, sondern auch für Erwachsene, die Kinder gerne sehen. Sie bekommen dort einen Einblick in die Welt wie sonst nie zuvor. Ich denke, dass das vorhandene soziale und ökologische Engagement unserer Kinder fast ausschließlich auf den Informationen aus dem Fernsehen beruht. Dass daneben Fernsehen nicht nur durch seine Inhalte, sondern auch durch seine Struktur kognitiv anregend sein kann, wissen wir nicht nur seit dem aktuellen Buch von Steven Johnson („Everything bad is good for you“), sondern schon seit den medienpsychologischen Studien von Gavriel Salomon. Und natürlich ist Fernsehen nicht nur ein kognitives Medium, sondern Mediennutzung hat immer einen emotionalen Aspekt. Wir können in andere Welten fliehen, vom Alltag flüchten und uns mit Charakteren in Mediengeschichten identifizieren. Medien dienen - wie es Michael Charlton und Klaus Neumann-Braun einmal ausgedrückt haben - auch der Lebensbewältigung und Identitätsfindung. Belassen wir es bei diesem kurzen Exkurs zu den positiven Aspekten vom Fernsehen. Nur noch eines zuletzt. Vielfach wird bemängelt, dass ‚Kinder nur noch vor dem Fernsehen hocken würden’. Der Anstieg der Fernsehnutzung wird auch von Spitzer hervorgehoben. Dies stimmt aber definitiv nicht! Die Daten der Medienforschung (vgl. media perspektiven) zeigen seit Anfang der 1990er Jahre konstante Zeiten für die Mediennutzung von Kindern zwischen 6 und 13 Jahren bei ca. 95 Minuten täglich. Es gibt keinen Anstieg bei Kindern im Gegensatz zu Erwachsenen und vor allem Senioren! Auch international liegen deutsche Kinder unter dem Durchschnitt. Nur als Vergleich: der europäische Durchschnitt lag 2001 für alle Kinder zwischen 6 und 13 Jahren bei 152 Minuten, für Deutschland wie schon erwähnt bei 95 Minuten. Und wenn wir unseren Blick auf Süd-Korea wenden, einem der Gewinner der PISA-Studie, dann wird auch hier deutlich, dass eine einfache Korrelation von Fernsehnutzung und Schulleistung nicht zu verallgemeinern ist. Die koreanische Kinder schauen im Durchschnitt 148 Minuten pro Tag fern, besitzen häufig einen eigenen Fernsehapparat und besitzen weltweit mit die meisten Videokonsolen.

Um es noch einmal deutlich zu machen: mir geht es nicht darum die Daten von Pfeiffer abzustreiten, mir geht es um die damit verbundenen Verallgemeinerungen. Ich denke, wenn der Forschungsbericht geliefert wird, können wir die eigentliche Problemgruppe heraus arbeiten und gemeinsam darüber diskutieren, wie Medienprobleme in Familien angegangen werden sollten. Die Forderung, keinen Fernsehapparat und keine Videokonsole bzw. Computerspiele für Kinder unter zehn Jahren im eigenen Kinderzimmer, erscheint mir jedenfalls nicht nur unrealistisch, sondern auch gefährlich. Gefährlich deshalb, weil sie möglicher Weise das Gewissen der Eltern beruhigen könnte, mit der Auslagerung der ‚gefahrvollen’ Medien aus dem Kinderzimmer genug getan zu haben. Dass dies nicht immer der richtige Weg sein muss, weiß die Medienpädagogik schon seit langem. Denn alle Studien und alle Erfahrungen in medienpädagogischer Elternarbeit zeigen, dass die Rolle der Eltern für die Mediennutzung von Kindern einen ganz entscheidenden Faktor darstellt. Fernsehen muss nicht dumm, dick, gewalttätig und traurig machen, wenn Eltern den Fernsehkonsum ihrer Kinder sinnvoll begleiten. Wenn dies geschieht, dann können sie aus dem Fernsehen auch etwas lernen. Sogar dann, wenn der Fernsehapparat in ihrem Zimmer steht. Aber - und dies muss natürlich zugestanden werden - sind nicht alle Eltern dazu fähig. Denn würde es etwas nutzen, bei diesen Kindern den Fernseher aus dem Kinderzimmer zu verbannen und dann zu hoffen, dass alles gut wird? Sicher nicht, denn diese Eltern dürften kaum die kommunikativen und edukativen Fähigkeiten haben, mit ihren Kindern ohne Fernsehen ein anregungsreiches Lernmilieu zu schaffen. Diesen Eltern muss durch sozialpädagogische Betreuung geholfen werden und nicht nur den Hinweis, ihren Kindern den Fernsehapparat zu entziehen.

Was bleibt also? Die vorliegende Argumentation bezieht sich momentan nur auf das Fernsehen, sie muss um die Rolle der Videokonsolen und Computerspiele ergänzt werden (folgt noch). Außerdem ist eine Auseinandersetzung mit dem Buch von Spitzer nötig, die hier wegen der notwendigen Ausführlichkeit nicht erfolgen konnte (folgt aber auch noch). Es muss andererseits aber auch deutlich gemacht werden, dass die Medienpädagogik sich zu den aufgeworfenen Fragen bisher sehr passiv verhalten hat. Sie hat bisher keine vergleichbare Studie wie Pfeiffer sie durchgeführt hat vorgelegt. Sie hat in ihrem akademischen Diskurs zu lange immer nur die positiven Aspekte der Mediennutzung verfolgt, ohne die vorliegenden negativen Aspekte gebührend in den Blick zu nehmen. Dass dies notwendig ist, macht zum Beispiel die aktuelle Übersicht von Michael Kunczik zur Wirkung von Mediengewalt im Auftrag des Familienministeriums deutlich. Diese Sichtweise der Medienpädagogik hängt sicher zum einen mit der häufig vorfindbaren Ablehnung des Wirkungsbegriffs zusammen, zum anderen aber auch mit der mangelnden empirischen Fundierung dieser Disziplin. Vielfach wurden die Problemgruppen, wie Pfeiffer sie in seiner Studie anscheinend isoliert hat, außer Acht gelassen bzw. eine Schönwettermedienpädagogik betrieben. Auch die Forderung, sich mit solchen Positionen wie sie von Pfeiffer und Spitzer vertreten werden, nicht auseinander zu setzen, halte ich für falsch. Nicht nur, dass dies akademisch unseriös wäre, sondern auch wegen ihrer Breitenwirkung. Nur eine aktive Auseinandersetzung in der Öffentlichkeit mit der Betonung einer dem familialen Leben gerecht werdenden differenzierten Sichtweise erscheint mir angemessen zu sein. Dies soll hier den Anfang dazu darstellen.



Hinweise:

Kriminologisches Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN) www.kfn.de

Spiegel-Online Artikel: http://www.spiegel.de/unispiegel/schule/0,1518,376546,00.html

Spitzer, Manfred: Vorsicht Bildschirm! Stuttgart 2005

Johnson, Steven: Everything bad is good for you. London 2005

Übersichtsstudie “Medien und Gewalt”: http://www.bmfsfj.de/Kategorien/Forschungsnetz/forschungsberichte,did=28078.html

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