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Autor: Ayren, Armin.
Titel: Eich und die große Zeit des deutschen Hörspiels. Nostalgischer Nachruf auf eine halbwegs schon dahingeschiedene literarische Gattung.
Quelle: Stuttgarter Zeitung (Ausgabe vom 4. Dezember 1999). Stuttgart 1999. S. 49.
Verlag: Stuttgarter Zeitung Verlagsgesellschaft mbH & Co KG.
Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Autors.
Armin Ayren
Eich und die große Zeit des deutschen Hörspiels. Nostalgischer Nachruf auf eine halbwegs schon dahingeschiedene literarische Gattung
Hast du schon mal ein Hörspiel gehört? Jugendliche zucken auf diese Frage heute die Achseln; die meisten wissen gar nicht, was das ist. Abende vor dem Radio verbringen, ja förmlich hineinkriechen, weil es ungeheuer Spannendes zu hören gibt? Diese Vorstellung ist ihnen fremd. Aber auch Erwachsene tun das nicht mehr. Bestenfalls erinnern sich Ältere mit Wehmut der Zeit, da sie’s taten.
Hörspiele gibt es noch immer, und gar nicht wenige. Sie führen in den Programmen der deutschen Rundfunksender ein komfortables Nischendasein, profitieren auch davon, dass sich neuerdings Hörkassetten und -CDs gut verkaufen, geraten zwar immer kürzer und werden mit immer weniger Geld, aber trotzdem munter weiterproduziert, unter den Sendern ausgetauscht, preisgekrönt, gelegentlich sogar noch in den Zeitungen besprochen. Vielleicht weil Feuilletonredakteure ein schlechtes Gewissen haben und nicht gern zugeben, dass sie selber keine Hörspiele mehr hören, beauftragen sie freie Mitarbeiter: “Hör dir ab und zu eins an und schreib was drüber, nur bitte nicht zu oft und ganz knapp: Außer uns Rundfunkleuten liest das ja doch niemand.”
Untersuchungen belegen: die Hörspielhörer werden immer weniger und immer älter. Nachdem man sie jahrzehntelang mit lieblos zusammengeschusterten Roman-Adaptionen verprellt hat, vor allem aber mit schwierigen Experimentierstücken, bei denen Autoren, Regisseure und Kritiker unter sich blieben, sind die Hörer inzwischen des Herumsuchens müde. Nach unzähligen Enttäuschungen hört der Hörspielfreund nur noch zu, wenn gelegentlich die alten Hörspielklassiker im Programm auftauchen, “Doktor Murkes gesammeltes Schweigen”, “Abendstunde im Spätherbst”, “Die Panne”, “Biedermann und die Brandstifter”, “Herrn Walsers Raben”, oder, fast vergessen, aber hervorragend: “Verwehte Spuren” von Rothe, “Angriff auf Perduz” von Walser; dann einige wenige Stücke von Havel, Köhlmeier, Gert Hofmann. Ja, und eben fast alle von Günter Eich.
Inzwischen versucht man Hörer mit denselben Methoden bei der Stange zu halten wie Fernsehzuschauer: Man produziert Serien wie “Der Herr der Ringe” oder “Sofies Welt”. Aber das sind Rückzugsgefechte. Die Gemeinde der Hörspielhörer schmilzt. Das hat neben den erwähnten Abschreckungsmethoden drei einfache Gründe: Erstens sterben die, welche die große Zeit des Hörspiels noch erlebt haben, langsam aus. Zweitens gibt es das Fernsehen und eine Vielzahl anderer, bequemer scheinender Möglichkeiten der Freizeitbeschäftigung. Und drittens ist weit und breit kein Günter Eich mehr.
Natürlich hat Eich das große deutsche Hörspiel der Nachkriegszeit nicht allein hervorgebracht. Aber es ist schon merkwürdig: sieht man von den paar Stücken wie den erwähnten ab, dann erinnert sich an die meisten Hörspiele anderer Autoren aus jenen Jahren kaum jemand, und wenn doch ab und zu eins wiederholt wird, macht man damit meist eigenartige, nicht sehr positive Erfahrungen. Kürzlich war das einst hochgerühmte Hörspiel “Das Schiff Esperanza” von Fred von Hoerschelmann nach langer Pause wieder zu hören. Verblüffend, wie wenig dieses offenbar ganz seiner Zeit verhaftete Stück diese Zeit überdauert hat. Heute wirkt es verstaubt. Der dürftige Inhalt lässt sich mit zwei, drei Sätzen resümieren, den pathetischen Ton erträgt man kaum noch, der moralische Gestus wirkt aufgesetzt. Und doch war dies eins der sechs Stücke, die Heinz Schwitzke als herausragende Beispiele ihrer Gattung in sein 1960 erschienenes Buch “Sprich, damit ich dich sehe” aufnahm. Da kann den Hörer schon Angst beschleichen: Wird es ihm mit den Hörspielen von Leopold Ahlsen, Ilse Aichinger, Ingeborg Bachmann, Peter Hirche, Heinz Huber, Gerd Oelschlegel, Benno Meyer-Wehlack, Wolfgang Weyrauch, Heinz Oskar Wuttig und den vielen anderen damals sehr bekannten Autoren ähnlich ergehen?
Wie so ganz anders Eichs Hörspiele! Sicher, auch einige von ihnen sind gealtert. “Sabeth” ist zweifellos arg betulich; das Nachkriegsstück “Die gekaufte Prüfung” hat allenfalls zeitgeschichtlichen Wert. Aber manchmal liegt es auch nur an den zeitverhafteten Inszenierungen, nicht am Text. Eine späte Neuinszenierung von “Geh nicht nach EI Kuwehd” verblüfft mit ungeahnter Modernität und beweist: Eichs Hörspiele haben so viel dichterische Substanz, dass jede Zeit sie auf ihre Weise deuten kann.
Hörspiele hört man meist für sich allein im stillen Kämmerlein. Man kann deshalb nur ganz privat davon sprechen. Bei jedem passionierten Leser bildet sich im Lauf des Lebens ein Fundus, auf den er immer wieder zurückgreift und der zum Maßstab für alles wird, was noch hinzukommt. Freilich waren jene Hörspiele, die mein literarisches Urteil prägten, primär keine Lese-Erlebnisse, auch wenn ich mir später die Texte besorgte. Gehörtes wirkt auf andere Weise. Wenn mir beispielsweise “Die Brandung vor Setubal” in den Sinn kommt, dann sind da sogleich die unverwechselbaren Stimmen von Elisabeth Flickenschildt und Gustl Halenke, und auch die von Tilla Durieux werde ich, obwohl sie nur die kleine Rolle der Mutter des Camoes spricht, für immer im Ohr haben.
Mit diesen Stimmen ist es merkwürdig. Nehmen wir Elisabeth Flickenschildt. Da ich diese Darstellerin natürlich auch aus Theaterstücken und Filmen kenne, bewegt sich auf der inneren Bühne, die sich jeder Hörer eines Hörspiels selbst erschafft, inzwischen eine ganz bestimmte Frau. Zwar bekam sie ihr Gesicht erst später, als ich sie in der Verfilmung von Thomas “Lausbubengeschichten” sah und in Dürrenmatts “Besuch der alten Dame”; aber so naiv das klingen mag, ich wollte sie in diesen Rollen nie richtig akzeptieren, vor allem nicht in jener der läppischen “Tante Frieda”, die sie vermutlich nur gespielt hat, weil sie Geld verdienen musste. Mir blieb sie für immer Dona Catarina de Ataide, die Geliebte des Camoes, die dieser in einem der schönsten Sonette der Weltliteratur unsterblich gemacht hat: “Die Zeit, die wir getrennt sind: sieben Tage...”
Oder Tilla Durieux. Ich hörte ihre Stimme zum zweiten Mal in Fritz Schröder Jahns fesselnder Inszenierung von Becketts einzigem Originalhörspiel “Alle, die da fallen”, und sie war darin die fette alte Mrs. Rooney. Becketts Hörspiel unterscheidet sich von denen Eichs so stark, dass im Kopf des Hörers keine Überschneidungen entstehen können. Ich hatte fortan die Frau, die zum Bahnhof latscht und wieder zurück, ganz genau vor Augen und war nicht nur sehr überrascht, als Tilla Durieux dann, in einem Film, ganz anders aussah: Ich wollte ihr tatsächliches Gesicht nicht sehen und es nicht, wie das Elisabeth Flickenschildts, “mit ins Hörspiel” nehmen; Mrs. Rooney blieb so, wie ich sie mir vorgestellt hatte, und ich war Tilla Durieux gewissermaßen böse, dass sie nicht die fette alte Frau war, sondern eher zierlich.
Das zeigt, wie mühelos dem Hörspielhörer Stimmen zu Personen werden, die sein Gedächtnis ihm dann so plastisch, so wirklich erscheinen lässt wie real existierende, ja sogar plastischer, da er ihr Inneres,, ihre geheimsten Regungen kennt. Und sie sind dann nicht mehr beliebig austauschbar. Hat er sie einmal im Kopf, sind sie ihm vertraut geworden, dann kann er nicht mehr mühelos “umschalten”, wenn er dasselbe Hörspiel später in einer anderen Inszenierung hört, selbst dann nicht, wenn diese besser ist. Die Neuinszenierung wirkt auf ihn wie eine Fälschung, so als ob da Schauspieler wirkliche Menschen nachäfften. Neuinszenierungen (manche Hörspiele von Eich erlebten sieben, acht) erfreuen ihn im Grunde nicht, sie stören ihn nur, erscheinen ihm als untaugliche Versuche, etwas, das für ihn “richtig” war, durch etwas anderes zu ersetzen, an dem dann vieles nicht mehr stimmt. – Nun, auch Kinobesuchern sind solche Erfahrungen vertraut.
Um ein Beispiel zu nennen: der in anderen Rollen durchaus einprägsame Heinz Rühmann kam gegen Curt Goetz in der Rolle des Familienvaters im “Haus in Montevideo” einfach nicht an – ganz zu schweigen von Ruth Leuwerik, die im Vergleich mit Valerie von Martens noch viel schlechter abschnitt.
Trotzdem ist zwischen Film und Hörspiel ein grundlegender Unterschied. Denn der Kino- oder Theaterbesucher erlebt zwar wie der Hörspielhörer einen Schauspieler in einer bestimmten Rolle und identifiziert ihn möglicherweise künftig so sehr mit der dargestellten Person, dass es ihn stört, wenn dieser Schauspieler in anderen Rollen auftritt oder wenn andere Schauspieler in dieser Rolle auftreten. Aber was der Zuschauer im Theater und Kino dabei von sich aus leistet, ist nur die Gleichsetzung – selbst die “passiert” ihm eher, als dass er sie bewusst vollzieht: ein Gesicht, bestimmte Gesten haben sich in ihm eingenistet und behaupten sich.
Der Hörspielhörer dagegen ist viel aktiver. Da er sich die innere Bühne, auf der das Hörspiel abläuft, selbst errichten muss, und da seiner Fantasie dabei meist nur die Stimmen der agierenden Personen zu Hilfe kommen, gewinnen diese Stimmen eine weitaus stärkere Bedeutung als im Film. Sie sind für den Hörspielhörer nicht nur die Stimmen von Personen, sie sind diese Personen selbst, ganz und gar: Personen von weitaus mehr Gewicht als die Schauspieler, die diesen Personen ihre Stimmen geliehen haben.
Denn, eben sie haben sie ihnen nicht nur geliehen, sie sind im Hörspiel diese Personen geworden, Gestalten, die, obwohl man sie nicht sieht, einen stärkeren Wirklichkeitsgrad erreichen als Figuren auf der Bühne und im Film. Da die Welt im Film fertig geliefert wird, ist der Zuschauer am Kinoerlebnis nicht so stark selbst beteiligt wie der Hörspielhörer am Hörerlebnis. Und soweit er sich doch in die Traumwelt hineinbegeben hat, wird ihm, wenn er das Kino verlässt und aus der Welt des Scheins hinaustritt in seine Alltagswirklichkeit, dieser Gegensatz sehr stark bewusst, er schafft Distanz.
Anders der Hörspielhörer: er verharrt in seiner vertrauten Umgebung. Kein-Raumwechsel bringt ihn von einer Welt in die andere. Aber so wie derjenige, der eine Landschaft zeichnet, sie dann viel stärker im Gedächtnis hat als jemand, der sie nur fotografiert, hat der Hörer seine Hörspielwelt nun in sich, braucht gar nicht in jedem Fall die neuerliche Reproduktion durch das Hören. Das Hörspiel bleibt in ihm lebendig. Es existiert in ihm und ist von dort nicht mehr zu vertreiben, auch nicht durch eine andere Inszenierung desselben Stücks. Ich verallgemeinere unzulässig: Im Grunde ist dieses Einnisten des Hörspiels im Hörer fast nur Eichs Stücken so vollkommen gelungen.
Was hat mich seitdem je wieder so gefangen genommen? Ich kann mir diese Hörspiele aus meiner Jugend und auch aus meinem späteren Leben nicht mehr wegdenken. Sie haben mich immer wieder regelrecht verzaubert, und ich weiß noch, wie ich einmal eigens die weite Strecke zu den Lagunen von Comacchio fuhr, um dort den Ort zu sehen, an dem die Fischersfrau Camilla, in welche die reiche Amerikanerin Ellen Harland verwandelt wird, ihr ärmliches Dasein fristete. Ich fragte ein paar Leute nach dem Hörspiel; ich glaubte, sie müssten es kennen, und war allen Ernstes enttäuscht, weil sie mich verständnislos anschauten. Aber dass man so auf sich selber und die eigene Verzauberung hereinfällt – ist das nicht ein schöner Lobgesang auf die Dichtung?
Auch andere haben solche Erfahrungen gemacht. Noch immer ruft die bloße Nennung der wichtigsten Titel in vielen Älteren diese ganze unerhörte Welt Eichs wieder wach. Mit den späten Hörspielen “Man bittet zu läuten” (1964) und “Zeit und Kartoffeln” (1972) betrat Eich, der 1967 die ersten Maulwürfe veröffentlicht hatte, ganz neue Wege. Diese Hörspiele erschienen damals schwer verständlich. Ich weiß noch, welche bittere Enttäuschung “Man bittet zu läuten” für mich Dreißigjährigen war. Heute freilich erscheint mir Wiederum dies schwer verständlich. Aber man vergisst leicht, dass Neues oft zu Beginn verstört, abgelehnt wird. Auch Becketts große Theaterstücke stießen ja am Anfang auf heftigen Widerspruch. Die heftigste Reaktion haben freilich nicht diese späten Hörspiele Eichs hervorgerufen, sondern bekanntlich die “Träume”.
Noch einmal mache ich mir klar, wie einzigartig und heute kaum noch vorstellbar dies war: Während meiner Gymnasial- und Studienzeit bedeutete ein eichsches Hörspiel ein Ereignis, für das man sich den Abend unter allen Umständen freihielt. In diesen Hörspielen erfuhren wir die Welt, eine andere allerdings als die uns bekannte, und eben darum so verführerisch und faszinierend: Das waren Märchen, aber sie gingen uns an, ganz unmittelbar. Wir, die Nachkriegsgeneration, vom Verlust fast aller bis dahin gültigen Werte gezeichnet, erfuhren in Eichs Traumstücken die Brüchigkeit und Doppelbödigkeit unserer Welt auf eine ganz neue, existenziellere, nicht nur durch den verlorenen Krieg bedingte Weise, auch wenn Eich das später nicht mehr so explizit sagen wollte wie in den “Träumen”. Die sind ohne die zu Recht berühmt gewordenen Verse vor, zwischen und nach den einzelnen Szenen kaum denkbar. Zeilen aus diesen Versen, (“Alles, was geschieht, geht dich an” oder “Seid unbequem, seid Sand, nicht das Öl im Getriebe der Welt!”) haben ihn mehr als alles andere bekannt gemacht und sind vielen geläufig, die sonst nichts von ihm wissen.
Karl Karst hat einmal in einer Eich-Gedenksendung mit Tondokumenten illustriert, welche Wirkung “Die Träume” bei ihrer Erstsendung 1951 hervorriefen – als Vergleich fällt einem dazu nur Wells “Krieg der Welten” ein, der bekanntlich eine Massenhysterie bei Hörern hervorrief, die das Hörspiel für bare Münze nahmen. Die Empörung vieler Hörer über “Die Träume” hatte wesentlich damit zu tun, dass vom Rundfunk eine angenehme Geräuschkulisse erwartet wurde das spiegelt sich in den auf Tonband erhaltenen Anrufen deutlich wider.
Aufrütteln, gar verstören sollte die abendliche Unterhaltung nicht, und insofern hat Eich sein Ziel (“Wach auf...”) zumindest vordergründig sehr direkt erreicht. Empörung auf der einen, Betroffenheit und positive Wirkung auf der anderen Seite: Eich spaltete mit den “Träumen” die Hörerwelt wie nie mehr später ein anderer Autor. Die einen schalteten künftig schon gar nicht mehr ein, wenn sein Name im Programm auftauchte, die andern freuten sich wochenlang im Voraus auf jedes neue Hörspiel Eichs und zehrten dann noch lange davon.
Gewiss, Radio hören hatte einen ungleich höheren Stellenwert als heute, und doch: die Faszination, die Eichs Stücke auf sehr viele Hörer ausübte, lässt sich nicht einfach damit erklären, dass der Rundfunk sonst wenig Aufregendes bot.
Wie dann? Hatte da große Dichtung eine Form gefunden, die mehr als nur einer kleinen Zahl von Kennern den Zugang ermöglichte? Lag es daran, dass die Botschaften genau den wunden Punkt trafen: die kleinkarierte Selbstzufriedenheit des Bürgers in der Restauration der Adenauer-Ära, seine Abneigung, sich mit der unseligen Vergangenheit ernsthaft auseinander zu setzen?
Nachdem Eich dann auch die Gemeinde seiner treuen Anhänger mit dem Stück “Man bittet zu läuten” verstört hatte, kam der Nachzügler “Zeit und Kartoffeln” umso überraschender, ein Stück, das alles, was Eich im Hörspiel je versucht hat, in konzentrierter Form vereint. Man könnte es geradezu eine Art Quintessenz des eichschen Hörspiels nennen. Der Regisseur Peter Ladiges verwendete in seiner Inszenierung, für die ihm Eich freie Hand ließ, Geräusche und sogar Musik auf fast opulente Weise, ohne den Text dadurch “zuzudecken”. Also nochmals eine Kehrtwendung: weg von der strengen Abstraktion in “Man bittet zu läuten”, zurück zum “Ohrenfutter”. Auf sein Weltverständnis verzichtete der späte Eich, der nun keine Botschaften mehr verkündete, freilich nicht: Die Welt ist absurd, ein Taubstummenheim, Irrenhaus.
Da das Hörspiel “Zeit und Kartoffeln” zu einer Zeit gesendet wurde, als die große Epoche des Hörspiels schon zu Ende ging, wurde es nicht mehr so intensiv wahrgenommen, wie es dieses wunderbare Stück verdient hätte, das nicht einmal eine halbe Stunde dauert, sich aber im Gedächtnis des Hörers erstaunlich weitet. An nacherzählbarer Handlung geschieht fast nichts. Aber auf der inneren Bühne des Hörers geschieht sehr viel. Der Text bleibt erstaunlich mehrdeutig; anders als bei den früheren Stücken von Günter Eich eröffnen sich dem Hörer bei jedem Anhören neue Möglichkeiten. Dieses Hörspiel ist auf seine ganz eigene Art poetisch. Der spielerische Umgang seines Autors mit dem Nonsens schafft eine Leichtigkeit, in der es sinnlos wird, auf Logik bestehen zu wollen, und die doch nie unverbindlich wird.
Ich wüsste wenige Hörspiele anderer Autoren zu nennen, die ebendies so vollkommen leisten, was Eich schon zuvor mit einigen seiner besten Hörspiele erreicht hat: neben Epik, Lyrik und Dramatik mit dem Hörspiel eine selbständige vierte Dichtungsgattung zu schaffen und nicht nur einen fürs Radio adaptierten Ableger des Theaterstücks.
Neben Beckett ist das außer Eich ganz wenigen Autoren gelungen, und man braucht sich nur die deutsche Hörspielproduktion seit Eichs Tod anzusehen: viele ehrenwerte Versuche, ein “Neues Hörspiel” zu Stande zu bringen, aber fast nichts, was uns hätte hoffen lassen, dass da etwas von ähnlicher Stringenz nachgewachsen wäre. Hörspiele sind heute als dichterischer Ausdruck unserer Zeit nahezu bedeutungslos geworden: Sie dienen fast nur noch der Unterhaltung von Senioren am Sonntagnachmittag und dem Lebensunterhalt von Autoren, die auf einem immer schwieriger werdenden Buchmarkt keine Manuskripte mehr loswerden.
Wenn man einmal die Geschichte des deutschen Hörspiels schreiben wird, dann dürfte Eichs Name, wenn es um Wertungen geht, ganz oben stehen, unerreicht: Ein Hörspielwerk vom Rang des eichschen wird es vermutlich nicht mehr geben, denn, wie Heinz Schwitzke bei Eichs Tod in der “ZEIT” (29. Dezember 1972) schrieb: “Vielleicht war Günter Eich ... der letzte, der ohne Verlust an Redlichkeit den Versuch wagen durfte, der Wirklichkeit poetisch beizukommen, und dem dieser Versuch noch einmal gelang.”
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