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Autor: Bak, Peter Michael.
Titel: Fernsehen und Kinder: Zwischen Anregung und Gesundheitsgefahr.
Quelle: Unveröffentlichtes Manuskript. Köln, 2009.
Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Autors.
Peter Michael Bak
Die Frage nach den Folgen des Fernsehkonsums ist genau so alt wie das Medium Fernsehen selbst. Im Mittelpunkt der Diskussion steht dabei das Rezeptionsverhalten von Kindern. Wie wirkt sich der Fernsehkonsum auf deren Leistungsentwicklung und Sozialverhalten aus? Darauf werden bis heute unterschiedliche Antworten gegeben. Medienoptimisten weisen auf die förderlichen Aspekte im Umgang mit dem Fernsehen hin. Medienkritiker betonen dagegen die schädlichen Konsequenzen eines übermäßigen Fernsehkonsums. Dass die Frage nach den Auswirkungen des Fernsehkonsums bei Kinder nach wie vor offen scheint, liegt jedoch weniger an der Unzulänglichkeit der bisherigen Forschungsbemühungen, sondern vielmehr an der Komplexität des Nutzungs- und Rezeptionsverhaltens und den relevanten Randbedingungen. Die Versuche einer empirischen Entscheidung sind aufgrund der mangelnden Generalisierbarkeit der spezifischen Untersuchungsergebnisse im Vorhinein zum Scheitern verurteilt. Position beziehen kann man dennoch. Fernsehen ist ein Geschäft. Daher wirken die Versuche, dem Thema Fernsehkonsum und Kinder durch die Vermittlung von mehr Medienkompetenz gerecht zu werden, im besten Fall hilflos, eher noch scheinheilig, wenn gleichzeitig alles daran gesetzt wird, bereits die Kleinen und Kleinsten an einen Sender und das Medium zu binden. Der Begriff der Medienkompetenz ist dann eher als ironische Beschreibung eines Vorstellungs- und Entscheidungsdefizits zu verstehen.
Fernsehen ist ein wesentlicher Teil des Sozialisationsprozesses von Kindern und Jugendlichen (vgl. Gerbner, Gross, Morgan & Signorielli, 1986; Süss, 2008). Nach den Ergebnissen der KIM-Studie aus dem Jahr 20061, sitzen 78 Prozent der 6- bis 13-Jährigen jeden oder fast jeden Tag vor dem Fernsehgerät, 39 Prozent davon sehen jeden Tag oder fast jeden Tag alleine fern. Zum Vergleich: Ein Buch nehmen in der gleichen Altersklasse lediglich 14 Prozent täglich in die Hand. Über 40 Prozent der Kinder und Jugendlichen dieser Altersgruppe besitzen darüber hinaus ein eigenes Fernsehgerät. 82 Prozent der 6- bis 7-Jährigen nennen das Fernsehen auf die Frage, auf welches Medium sie am wenigsten verzichten können. Das Fernsehen ist in seiner Bedeutung kaum zu überschätzen, auch nicht bei der Erziehung: „Die Zeit, in der man es sich noch leisten konnte, notfalls gegen die Medien zu erziehen, ist vorbei. Wer stolz verkündet, er habe seinen Kindern das Fernsehen erspart, hat nichts begriffen und handelt im Übrigen erbarmungslos“ (Schneider, 1996, S. 45). Die Frage nach den Auswirkungen des Fernsehkonsums auf die kindliche Entwicklung ist weder neu, noch abschließend geklärt. Eine mittlerweile unüberschaubare Anzahl an Studien2 verdeutlicht, dass das Thema „Kinder und Fernsehen“ stets ein Aktuelles war und daher auch nur vor dem Hintergrund der parallel stattfindenden öffentlichen Diskussionen zu verstehen ist (vgl. Pecora, 2007).
Im Gesetz zum Staatsvertrag über den Schutz der Menschenwürde und den Jugendschutz in Rundfunk und Telemedien (Jugendmedienschutz-Staatsvertrag - JMStV) vom 4. Februar 2003 findet sich gleich zu Anfang folgender Satz: „Zweck des Staatsvertrages ist der einheitliche Schutz der Kinder und Jugendlichen vor Angeboten in elektronischen Informations- und Kommunikationsmedien, die deren Entwicklung oder Erziehung beeinträchtigen oder gefährden […].“
Juristisch ist damit die Frage, ob Fernsehen negative Folgen für Kinder haben kann, geklärt. Es werden, sofern der Staatsvertrag eingehalten wird, keine Angebote gemacht, die die Entwicklung und Erziehung von Kindern und Jugendlichen, also auch deren Gesundheit, gefährden.
Medienoptimisten weisen darauf hin, dass das Medium Fernsehen wertvolle Beiträge im Bildungsbereich leisten kann, und dass Kinder keineswegs dem Medium Fernsehen ausgeliefert sind: „They are not passive recipients or victims of irresistible perceptual onslaughts, but active users of the medium. And, most important for the real world of children’s experience, children can learn and retain a range of information from television” (Huston, Bickham, Lee & Wright, 2007, S. 55). Und an anderer Stelle wird die Hoffnung, die auch schon von den Machern der Sesamstraße gehegt wurde, ausgedrückt: „Given that television is a universally available, free technology with enormous potential to reach all children, having children view a program like BTL will help a significant portion of students by reinforcing, motivating, and extending early literacy instruction, both in the classroom and within the child’s home” (Linebarger, Kosanic, Greenwood & Doku, 2004). Birgit Guth, Leiterin der Medienforschung und Jugendschutzbeauftragte von Super RTL, resümiert eine qualitative Studie im Auftrag des Senders folgendermaßen:
Nahezu jede Mutter weiß, was passiert, wenn man für ein Vorschulkind den Fernseher einschaltet. Das Kind sitzt augenblicklich völlig ruhig und in das Programm versunken vor dem Bildschirm […]. Die Mutter erhält dadurch einen Freiraum. Sie hat Zeit für Tätigkeiten, die sonst nicht ungestört möglich wären (…). Aus Sicht der Mutter bringt das Fernsehen Entspannung in den turbulenten und fordernden Alltag mit Vorschulkindern. Das Kind kommt zur Ruhe, ohne dass die Mutter ein schlechtes Gewissen haben muss. Schließlich weiß sie ihr Kind zufrieden und an einem sicheren Ort […]. (Guth, 2007, S. 26).
Und weiter:
Während Kinder scheinbar regungslos vor dem Bildschirm sitzen, erfahren sie etwas über soziale Gruppen wie Familie oder Freunde (z.B. Biene Maja, Thomas & seine Freunde), über Erlebniswelten und Berufsbilder (z.B. Benjamin Blümchen, Bob der Baumeister) und über Probleme und deren Lösungen. Oft nutzt auch die Mutter das Fernsehprogramm wie einen Ratgeber und orientiert sich zur Problemlösung an den ProtagonistInnen der Sendungen“ (Guth, 2007, S. 27).
Folgt man Guth, so besteht also kein Grund zur Sorge. Im Gegenteil. Das Fernsehen verhilft Müttern und Vätern zu mehr Autonomie und die Kinder lernen dann noch ganz nebenbei. Man kann also beruhigt sein, wenn man die Kleinen vor dem Fernseher „parkt“. Oder etwa doch nicht?
Die Medienkritiker argumentieren, dass das Medium mit verschiedensten Gefahren verbunden ist. Fernsehen wird als „Droge im Wohnzimmer“ (Winn, 1979) oder als „Nullmedium“ (Enzensberger, 1991) bezeichnet. Vielfach wird das Thema „Fernsehen“ als relevantes Thema der Gesundheitsvorsorge angesehen. Hancox und Kollegen resümieren die Ergebnisse einer Langzeitstudie, in der 1000 neuseeländische Kinder der Geburtsjahrgänge 1972/73 über 26 Jahre lang regelmäßig zur Fernsehnutzung sowie psychologischer und physiologischer Themen untersuchte wie folgt: „We believe that reducing television viewing should become a population health priority” (Hancox, Milne & Poulton, 2004, S. 261). Aus den Ergebnissen des Kinder- und Jugendgesudheitssurveys des Robert Koch Instituts wird an anderer Stelle geschlussfolgert: „Damit verdeutlichen die Ergebnisse der KiGGS-Studie, […], dass die Nutzung elektronischer Medien auch aus Public-Health-Sicht relevant ist“ (Lampert, Sygusch & Schlack, 2007, S. 645).
Die Auseinandersetzung mit dem Thema „Kinder und Fernsehen“ wird auch ganz aktuell intensiv fortgeführt. Beispielsweise wird Christian Pfeiffer, Leiter des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen es nicht müde, auf die Gefahren eines erhöhten Medienkonsums, auch des Fernsehens, hinzuweisen (z.B. Pfeiffer, Mößle, Kleimann & Rehbein, 2007). Auf der anderen Seite argumentiert etwa der Medienpädagoge Stefan Aufenanger von der Uni Mainz: „Zum einen wissen wir aus vielen anderen auch internationalen Studien, dass das Fernsehen wissensaneignend und lernanregend sein kann“ (Aufenanger, 2005, S. 2) und verweist dabei auf die Begleitstudien zur Sesamtraße, die zeigten, dass Kinder durch das Programm nicht nur angeregt wurden, Zahlen und Buchstaben zu lernen, sondern sogar prosoziale Verhaltensweisen erwarben (siehe z.B. Anderson, Huston, Schmitt., Linebarger & Wright, 2001; Berghaus, Kob, Marencic & Vowinckel, 1978; Thakkar, Garrison & Christakis, 2006). Gleiches gilt jedoch auch für aggressives Verhalten (zum Überblick siehe Murray, 2003). So lässt sich durch frühkindliche gewalttätige Medienerfahrungen aggressives Verhalten bei jungen Erwachsenen vorhersagen (Huesmann, Moise-Titus, Podolski & Eron, 2003). In einer anderen Studie mit 700 Jugendlichen, die 17 Jahre lang bis ins Erwachsenenalter untersucht wurden, zeigte sich, unabhängig von soziodemografischen und anderen Faktoren, ein Zusammenhang zwischen der vor dem Fernseher verbrachten Zeit und aggressiven Ausschreitungen (Johnson, Cohen, Smailes, Kasen & Brook, 2002).
In seinem Artikel „Kinder mögen Medien - Medien mögen Kinder“ argumentiert Aufenanger im Sinne der Medienkompetenz, dass es letztlich darauf ankommt, den richtigen Umgang mit dem Medium Fernsehen zu erlernen (Aufenanger, 2004), wie alles, was mit dem Begriff Medienkompetenz beschrieben wird, lernbar ist (Schneider, 1996). Diese These kann als die gegenwärtig wohl am breitesten akzeptierte Meinung zum Thema Mediennutzung und Fernsehen betrachtet werden (vgl. Schneider, 1996; Süss, 2008). Dazu gehört auch die Feststellung, dass es beim richtigen und förderlichen Fernsehen für Kinder darauf ankommt, dass die Eltern das Kind dabei begleiten. Aufgrund der wachsenden Verspartung des angebotenen Programms und der Tatsache, dass viele Kinder ihr eigenes TV-Gerät besitzen, ist dies allerdings empirisch gesehen zunehmend weniger der Fall (z.B. Grewenig & Simon, 2009).
Die meisten Studien zum Thema Fernsehen und Kinder untersuchten die Fragen, ob Fernsehen zur Wissensvermittlung beitragen kann, ob die Lese- und Schreibkompetenz oder mathematisches Verständnis beeinträchtigt werden, und ob es einen Zusammenhang zwischen Fernsehkonsum und Gewalt gibt. Darüber hinaus gibt es zahlreiche Untersuchungen zum Zusammenhang zwischen Übergewicht bzw. Adipositas und Fernsehkonsum oder zur Frage inwieweit Fernsehen das Schlafverhalten beeinflusst. Über alle Studien hinweg lässt sich festhalten, dass die Wirkungsintensität am ehesten einem Linearzusammenhang, also einem „je mehr, desto“-Zusammenhang entspricht. Oft wird auch zwischen Vielsehern und Wenigsehern unterschieden, wobei die Grenzziehung weder einheitlich vollzogen wird, noch theoretisch begründet ist. Eher sind es die Parameter der Kennwerteverteilung innerhalb der Stichprobe, die die künstliche Dichotomisierung begründen (vgl. Six, 2007). Buß & Simon (1998) bezeichnen 3 bis 13-jährige Kinder als Vielseher, wenn sie täglich mehr als zweieinhalb Stunden fernsehen, Kinder im Kindergartenalter werden bei einem täglichen Fernsehkonsum von mehr als zwei Stunden als Vielseher bezeichnet (z.B. Grüninger & Lindemann, 2000).
Der Fernsehkonsum von Kindern und Jugendlichen ist in den letzten Jahren trotz der Zunahme an Programmangeboten erstaunlich stabil geblieben, einigen Studien zufolge sogar leicht rückläufig (vgl. Feierabend & Klingler, 2008). Bei Erwachsenen dagegen insgesamt steigend (vgl. Zubayr & Gerhard, 2007). Im Jahr 2007 verbrachten die ganz Kleinen, also im Alter von drei bis fünf Jahren, durchschnittlich 73 Minuten täglich am Fernsehgerät. Die 10 bis 13-Jährigen schon 101 Minuten und die Erwachsenen 220 Minuten (Feierabend & Klingler, 2008). Noch detaillierter Auskunft gibt das Kinder- und Jugendgesundheitssurvey des Robert Koch Instituts über die Nutzung von Fernsehen und Video. Demnach schauen in der Altersgruppe der 11 bis 13-Jährigen 17,8 Prozent der Jungen und 18,4 Prozent der Mädchen täglich bereits mehr als 3 Stunden in die Röhre. Bei der Altersklasse der 14 bis 17-Jährigen sind es schon 24,9 Prozent bei den Jungen und 26,9 Prozent bei den Mädchen (Lampert et al., 2007). Auffällig auch die drastischen Unterschiede, die sich bei Einbezug des sozialen Status zeigen. So können 31,5 Prozent Jungen und 34 Prozent Mädchen mit sozial niedrigem Status, aber nur 12,4 Prozent der Jungen und 13,3 Prozent der Mädchen mit sozial hohem Status als Intensivnutzer (mehr als 3 Stunden täglich) charakterisiert werden (Lampert et al., 2007). In den USA verbringen bereits 90 Prozent der Zweijährigen Zeit mit dem Fernseher und das mehr als 1,5 Stunden pro Tag (Zimmerman & Christakis, 2005). Ein beträchtlicher Anteil des täglichen Zeitbudgets wird demnach durch das Medium Fernsehen beansprucht. In den USA sind es bereits 25 Prozent der wachen Stunden, die vor dem Bildschirm verbracht werden. Auch hier finden sich vor allem bei Kindern mit niedrigem sozioökonomischem Status die meisten Intensivnutzer (Robinson, 2001).
Die interessante Frage ist, welche Auswirkungen man davon erwarten kann. Dabei bleibt unberücksichtigt, dass auch andere Medien, etwa Spielkonsolen und Computer ebenfalls beträchtlichen Anteil am medialen Zeitbudget aufweisen (vgl. KIM Studie 2006).
Zunächst zeigt sich, dass Kinder von speziellen Kinderprogrammen, wie etwa der Sesamstraße (z.B. Anderson et al., 2001; Berghaus et al., 1978; Fish, 2004) tatsächlich profitieren oder ihr Wissen erweitern, ihre Einbildungskraft durch das Betrachten von speziellen Erziehungsprogrammen steigern können (Thakkar et al., 2006) oder unter bestimmten Umständen ihre Lesekompetenz verbessern (z.B. Linebarger et al., 2004), vor allem wenn es sich um Bildungsprogramme handelt, nicht jedoch bei Unterhaltungsprogrammen oder Cartoon-Sendungen (z.B. Thakkar et al., 2006). Bereits Kleinkinder von 12 Monaten können vom Fernsehen lernen (zum Überblick siehe Huston et al., 2007; Metzloff, 1988).
Neben diesen eher als medieneuphorisch zu bezeichnenden Studien gibt es andererseits zahlreiche Untersuchungen, die man als kulturpessimistisch bzw. kritisch-optimistisch (vgl. Süss, 2008) bezeichnen könnte. So werden die Lerneffekte durch das beiläufige Fernsehen, also im Gegensatz zu dem konzentrierten Ansehen spezieller Lernprogrammen als eher gering angesehen. Wie Salomon (Salomon, 1983; Salomon, 1984) zeigen konnte, werden durch das einfache Hinsehen die für Lernen wichtigen Prozesse nicht angestoßen. Da Fernsehen zudem als „leichtes“ Medium eingeschätzt wird, werden erst gar keine Anstrengungen unternommen, zu verstehen, was man sieht und hört. Erst wenn man dazu animiert wird, das Gesehene auch elaboriert zu verarbeiten, ergeben sich tatsächlich Lerneffekte (zum Überblick siehe Neuman, 1991). Die Erkenntnisse etwa zur Rezeption von Nachrichteninhalten bei Erwachsenen weisen in die gleiche Richtung (vgl. Brosius, 1995). Längsschnittdaten verweisen darauf, dass sich ein früher Fernsehkonsum erst viele Jahre später negativ auswirken kann. Ein zu hoher Konsum im Alter zwischen fünf und 15 Jahren lässt die Chancen auf einen erfolgreichen Schul- oder Universitätsabschluss sinken, unabhängig von der Intelligenz der Person im Kindesalter oder der Intelligenz seiner Eltern (Hancox, Milne & Poulton, 2005). An anderer Stelle wurde der Fernsehkonsum mit drei Jahren mit einer Reihe verschiedener kognitiver Funktionen (Konzentration, Lesefähigkeit, Sprachverständnis, mathematische Fähigkeiten) in Verbindung gebracht. Kinder mit hohem Fernsehkonsum (mehr als drei Stunden pro Tag) schnitten hier deutlich schlechter ab als Kinder mit geringerem Fernsehkonsum (Zimmerman & Christakis, 2005). Weitere Untersuchungen legen einen Zusammenhang zwischen sehr frühen Fernseherfahrungen im Alter von zwei bis vier Jahren und dem späteren Auftreten von Aufmerksamkeitsstörungen im Schulalter nahe (Christakis, Zimmerman, DiGiuseppe & McCarty, 2004; gegenteilige Ergebnisse berichten Obel et al., 2004).
Neben den eher negativen Auswirkungen in kognitiven Leistungsbereichen findet sich in zahlreichen Untersuchungen ein Zusammenhang zwischen erhöhtem Fernsehkonsum und Gewichtszunahme. So wird von einem linearen Zusammenhang zwischen der Fernsehnutzung und dem Body Mass Index (BMI) berichtet (siehe auch Hancox & Poulton, 2006; z. B. Kaur, Choi, Mayo & Harris, 2003; Lowry, Wechsler, Galuska, Fulton & Kann, 2003). Dem Kinder- und Jugendgesundheitssurvey des Robert Koch Instituts zufolge leiden 5,3 Prozent der Jungen und 5,9 Prozent der Mädchen zwischen 11 und 17 Jahren mit einer täglichen Mediennutzung von weniger als einer Stunde an Adipositas. Bei einer Mediennutzung von drei Stunden und mehr am Tag sind es schon 11,5 Prozent der Jungen und 12,1 Prozent der Mädchen. In der Altersgruppe der 11-13-Jährigen ist der Zusammenhang zwischen Fernseh- bzw. Videokonsum und Adipositas noch stärker ausgeprägt (Lampert et al., 2007). Ebenfalls bemerkenswert ist, dass ein intensiver Fernsehkonsum (mehr als drei Stunden täglich) bei 14,7 Prozent der Jungen zwischen 11- und 17 Jahren zu körperlich-sportlicher Inaktivität führt, bei Mädchen fällt der Prozentsatz dramatisch höher aus. In der gleichen Altersgruppe werden 31,7 Prozent der Mädchen als körperlich-sportlich inaktiv bezeichnet (Lampert et al., 2007; vgl. auch Lowry et al., 2003). Gleiches gilt auch für die Nutzung von Computer/Internet sowie Spielkonsolen (Lampert et al., 2007). Neben der allgemein geringeren physischen Aktivität und dem insgesamt generell reduzierten Kalorienbedarf beim Fernsehen etwa verglichen mit einer anderen entspannenden Tätigkeit (Klesges , Shelton & Klesges, 1993) wird das Übergewicht auch durch die Zufuhr von Extrakalorien mitverursacht. So nehmen einer amerikanischen Studie zufolge Kinder, die 5 Stunden fernsehen im Vergleich zu Kindern, die nur eine Stunde fernsehen täglich 732 KJ oder 175 kcal mehr zu sich (Crespo et al., 2001). Insgesamt ernähren sich Kinder mit erhöhtem Fernsehkonsum ungesünder (z.B. Lowry et al., 2003; Mohiyeddini & Bauer, 2004). Auch die Werbung für entsprechende Nahrungsmittel spielt dabei eine Rolle (Anschutz, Engels & Van Strien, 2009; Caroli, Argentieri, Cardone & Masi, 2004; Uttera, Scragga & Schaaf, 2006). Aus der bereits erwähnten neuseeländischen Längsschnittuntersuchung finden sich Hinweise, wonach der Fernsehkonsum im Alter von fünf bis 15 Jahren auch mit geringerer körperlicher Fitness und einem erhöhtem Zigarettenkonsum assoziiert ist. Und zwar selbst dann, wenn die Daten um sozioökonomische Unterschiede, dem BMI im Alter von fünf, dem BMI der Eltern und der physischen Aktivität mit 15 bereinigt wurden. Bei den 26-Jährigen können demnach 17 Prozent des Übergewichts, 15 Prozent des erhöhten Cholesterinspiegels, 17 Prozent des Rauchens und 15 Prozent einer schlechteren körperlichen Fitness mit einem Fernsehkonsum von mehr als zwei Stunden pro Tag während der Kindheit und dem Jugendalter erklärt werden (Hancox et al., 2004). Auch scheint die Schlafeffizienz durch den Fernsehkonsum beeinflusst zu werden. Einige Studien berichten, dass es bei 4 bis 11-Jährigen Kindern (Owens et al., 1999; siehe auch Paavonen, Pennonen, Roine, Valkonen & Lahikainen, 2006) und auch bei Kleinkindern zwischen vier und 35 Monaten (Thompson & Christakis, 2005) einen Zusammenhang zwischen Fernsehkonsum und Schlafstörungen gibt. Auch berichten Kinder von Alpträumen, die durch Fernsehinhalte ausgelöst worden sind (Muris, Merckelbach, Gadet & Moulaert, 2000; siehe aber auch Schredl, Anders, Hellriegel & Rehm, 2008; siehe auch Van den Bulck, 2004). Intensive und komplexe emotionale Fernseherlebnisse mögen hier mitverantwortlich sein (z.B. Unz, Schwab & Winterhoff-Spurk, 2008).
Es stellt sich nun die Frage, wie mit diesen auf den ersten Blick widersprüchlichen Ergebnissen umzugehen ist. Zum einen wird die Diskussion nach der Wirkung des Fernsehens – wie bereits zu Anfang erwähnt – nur vor dem Hintergrund der aktuell laufenden gesellschaftlichen und medienpolitischen Meinung geführt, so dass die wissenschaftliche Aussagekraft mancher Arbeit bezweifelt werden darf (Pecora, 2007). Zum anderen fehlt es bei allen Anstrengungen, dem Thema „Fernsehen und Kinder“ gerecht zu werden, an allgemein anerkannten Theorien und Konzepten, die tatsächlich die Gesamtheit der mit der Fernsehnutzung einhergehenden physiologischen und psychologischen Prozesse berücksichtigen und dadurch befriedigend erklären könnten, warum wir diese oder jene Wirkung zu erwarten haben. Das wird bereits bei solch plakativen Formulierungen wie „Fernsehen macht Dick“, „Lernen durch Fernsehen“, „Fernsehen macht aggressiv“ etc. deutlich. Aber wie sollte auch ein theoretisches Konzept einem solch komplexen Rezeptionsmuster gerecht werden können? Weder rezipieren wir alle Sendungen im Fernsehen zu jedem Zeitpunkt gleich, sondern kontext- und bedürfnisbezogen, noch ist es der Apparat als solcher, der Schaden oder Nutzen zufügen würde. Daher ist zu bezweifeln, dass es gelingen wird, die Frage nach der Schädlichkeit oder Förderlichkeit des Fernsehens im Allgemeinen endgültig durch eine Untersuchung oder Untersuchungsreihe bzw. eine umfassende Theorie abschließend zu klären. Viel zu komplex sind die zugrundeliegenden Prozesse, zu vielfältig sind die moderierenden Variablen. Einfache, linearkausale Erklärungsmodelle greifen hier viel zu kurz. Dies eröffnet freilich jeder „Seite“ die Möglichkeit, bestätigende Evidenzen für ihre Thesen zu liefern. Vielleicht wird jedoch bei dem Eifer, Position für oder gegen das Medium Fernsehen zu liefern, einfach die falsche Frage gestellt. Ein Gedankenexperiment könnte hier weiterhelfen. Dazu muss man sich nur vorstellen, es handele sich bei dem betreffenden Thema nicht um Fernsehen, sondern um ein uns noch unbekanntes Medium. Wer wäre wohl bereit, seine Kinder täglich mit einem Medium zu konfrontieren, bei dem die Diskussionen zwischen den Polen „lernanregend“ bis zu „gesundheitsgefährdend“ ständig pendeln? Man kann sich einigermaßen sicher sein, dass es unabhängig von der genauen Bemessung der Schädlichkeitsgrenze wohl nur die Wenigsten tun würden. Und wenn, dann nur in wohldosierter Form, die das Risiko minimiert und sich wohl deutlich von der aktuellen Nutzungsdauer unterscheiden würde. Wie bereits erwähnt, können heute schon rund 12 Prozent der Jungen und Mädchen mit einem täglichen Konsum von mehr als drei Stunden (siehe Lampert et al., 2007) als „Vielseher“ bezeichnet werden (Buß & Simon, 1998). Aber das Fernsehen ist, wie auch andere Medien, längst fester Bestandteil unserer Lebenswirklichkeit geworden. In der Diskussion über die Risiken oder Chancen des Fernsehens wird eine Frage jedoch gar nicht gestellt, nämlich die nach dem spezifischen Nutzen oder Mehrwert des Mediums. Der Umgang mit dem Medium wird, wie bei anderen Medien auch, nicht mehr prinzipiell hinterfragt, das mögliche Problem damit zur lernbaren Aufgabe gemacht. Dass man vom Fernsehen auch lernen kann ist banal. Lernfähige Organismen, zu denen wir Menschen uns zählen dürfen, können in jedem Kontext lernen. Die Betonung liegt meines Erachtens bei dem Wörtchen „auch“. Es verweist schlichtweg nur darauf, dass selbst in Worst Case-Szenarien Ausnahmen existieren können: Auch das Rauchen oder das Konsumieren von Alkohol kann positive Wirkungen entfalten. Es müsste daher treffender heißen: Sogar beim Fernsehen kann man lernen (wenn man sich Mühe gibt). Die Frage ist also nicht, ob Kinder auch vom Fernsehen lernen können, sondern eher warum sie vom Fernseher was genau lernen sollten und ob es dafür möglicherweise auch noch effizientere oder förderlichere Wege gibt. Gegen ein Medium, das uns die Möglichkeit gibt, auf andere Gedanken zu kommen, abzuschalten oder uns zu unterhalten ist nichts einzuwenden. Dieses Bedürfnis haben auch Kinder und das sollten wir ihnen auch zugestehen. Es würde uns jedoch nicht schlecht stehen, wenn darauf verzichtet würde, dem Medium zum Beispiel in Lernkontexten Potenziale zu unterstellen, die es über andere Lernformen hebt. Fernsehen ist Unterhaltung, bei der man in manchen Fällen und unter bestimmten Umständen auch etwas lernt. Letztlich ist es wie bei einer guten Tafel Schokolade. Ab und zu ein Stück mit Genuss gegessen, kann unglaublich wohltuend sein. Zu viel davon macht dick und Pickel. Es geht auch nicht darum, Kindern ausschließlich mit pädagogisch wertvollen Programmen zu konfrontieren. Welcher Erwachsene macht das schon? Jedoch so zu tun, als wäre Fernsehen für die kindliche Entwicklung besonders förderlich, ist töricht und irreführend. Am Rande sei noch angemerkt, dass das Risiko etwa der Fettleibigkeit durch zu geringe Bewegung und die Zunahme von Extrakalorien auch für Erwachsene bestehen bleibt und darüber hinaus eine intensive Fernsehnutzung zu unerwünschten Nebenwirkungen führen kann. So zeigt sich, dass für jede Stunde, die wir im mittleren Alter vor dem Fernsehgerät verbringen, das Risiko, an Alzheimer zu erkranken, bereinigt um Geburtsjahreseffekte, Geschlecht, Einkommen und Erziehung, um den Faktor 1.3 steigt (Lindstroma et al., 2005).
Im der Präambel des Rundfunkstaatsvertrags vom 31. August 1991 heißt es: „Öffentlich-rechtlicher Rundfunk und privater Rundfunk sind der freien individuellen und öffentlichen Meinungsbildung sowie der Meinungsvielfalt verpflichtet. Beide Rundfunksysteme müssen in der Lage sein, den Anforderungen des nationalen und des internationalen Wettbewerbs zu entsprechen.“
Fernsehen ist ein Geschäft. Die TV-Anstalten machen daraus auch keinen Hehl. Sie kreieren Produkte, die sich verkaufen müssen. Das ist legitim. Und darüber hinaus nehmen sie sich dem Problem möglicher negativer Folgen eines überhöhten Fernsehkonsums sogar explizit an. Nachzulesen etwa in diversen Tipps und Ratgebern, die zum Beispiel auf ihren Internetseiten zum Download bereitstehen. Durch den Hinweis auf die Bedeutung der Medienkompetenz ist jedoch nichts erreicht. Eher scheint es, dass hier quasi ein umfassender Versicherungsschutz installiert wird, für den Fall, dass es hier und da doch zu negativen Konsequenzen kommen könnte, getreu dem Motto „Wir haben ja darauf hingewiesen, dass...“. Aber wer mag schon daran glauben, dass der Fernsehkonsum (ebenso wie der Konsum anderer Medien) sich tatsächlich an den Kriterien einer wie auch immer definierten Medienkompetenz orientiert, wenn es gleichzeitig darum geht, möglichst viele Menschen an das Programm zu binden. Die Einführung und Betonung des Konzepts der Medienkompetenz im vorliegenden Zusammenhang kann daher eher als Kapitulationserklärung denn als Möglichkeit zur Eröffnung von Handlungsalternativen verstanden werden. Der Begriff der „Medienkompetenz“ mutiert dann zu einer ironischen Umschreibung eines Defizits: sich eine Welt ohne mediale Dauerberieselung vorzustellen und dort sogar wohlzufühlen. Die Bemühungen zur Aufklärung von Eltern und Kindern wirken daher im besten Fall hilflos, eher jedoch scheinheilig. Ein Programm speziell für Kinder, soll die Sender verjüngen und „führt junge Zuschauer an den Sender heran […]. Kinderprogramm schafft Zuschauernachwuchs und Bindung an die öffentlich-rechtlichen Hauptsender“ (Grewenig & Simon, 2009). Auf die Idee, dass man den Fernseher auch ausschalten, auslassen kann oder zumindest nach mindestens gleichwertigen, wenn nicht sogar besseren Alternativen suchen kann, bringt dies niemanden. Insofern sind Aussagen wie die von Theo Wolsing zwar alles andere als falsch, von der Realität der Mediengesellschaft werden sie jedoch links liegen gelassen bzw. zwar wohlwollend aufgenommen, jedoch ohne Folgen auf die Nutzenpraxis:
Gerade Kinder müssen lernen, ihre Freizeit nicht nur medienorientiert zu verbringen, sondern auch Aktivitäten nachzugehen, die es ihnen ermöglichen, die Welt auch durch Tasten, Schmecken, Riechen oder Fühlen zu ‚erobern’. Medienbezogenes und nicht medienorientiertes Freizeitverhalten sollten in einem ausgewogenen Verhältnis zueinander stehen. (Wolsing, 1996, S. 92).
Vielleicht wird sich das Problem, wenn es denn tatsächlich eins sein sollte, auch von alleine lösen. Manfred Spitzer (Spitzer, 2005a) erklärt etwa den Umstand, dass wir so wenig durch das Fernsehen lernen, durch medieninhärente Faktoren. Lernen vollzieht sich nach dem Hebb’schen Lernregel auf neuronaler Ebene durch wiederholte Aktivierung von Neuronen und deren Synapsen. Neuronen, die gleichzeitig aktiv sind, reagieren bevorzugt aufeinander. Je häufiger bestimmte neuronale Verbindungen aktiviert werden, umso intensiver sind die Lernerfahrungen. Je mehr Sinneskanäle angesprochen werden, desto klarer wird die Welt wahrgenommen. Verbindungen, die nicht aktiviert werden, gehen verloren. Um ganzheitliche Repräsentationen der natürlichen Umwelt zu bilden, ist also ein ganzheitliches Erfahren notwendig: Fühlen, Sehen, Hören, Riechen, Schmecken. Das Problem beim Fernsehen ist, dass die eingehenden Informationen einen „miserablen Input“ (Spitzer, 2005a, S. 80) darstellen, u.a. auch deswegen, weil Bild und Ton nicht zusammen passen und auf unnatürliche Art und Weise verarbeitet werden. Andere Sinnesmodalitäten werden erst gar nicht angesprochen. Gerade für Prozesse der selektiven Aufmerksamkeit und Prozesse des Lernens ist es jedoch bedeutsam, dass Informationen in mehreren Modalitäten repräsentiert werden (Lickliter & Bahrick, 2004): „Die Welt des Fernsehens ist also arm verglichen mit der wirklichen Welt und taugt zum kindlichen Erschließen der Welt also nicht.“ (Spitzer, 2005b, S. 532). Für Erwachsene ist dies weniger ein Problem, für Kinder aber schon. Denn die Gehirnstruktur entwickelt sich erst nach und nach auf Basis der gewonnenen Sinneseindrücke. Nach Singer (z.B. Singer, 2003) gibt es bestimmte Entwicklungsfenster, in denen es für das Kind wesentlich ist, ganz bestimmte Erfahrungen zu machen. Die Ausbildung bestimmter Hirnregionen ist damit verbunden. „Das ist genau das Problem des Fernsehens. Der Kameramann entscheidet, was die Kinder sehen. Sie können aus dem Reichtum der Welt nicht mehr auswählen, was sie interessiert. Damit beraubt man sie einer ganz wichtigen kognitiven Funktion: der Steuerung der selektiven Aufmerksamkeit. Wo Fernsehen die Wirklichkeit ersetzt, hat das fatale Folgen“ (Singer, 2004, S. 54). Das Problem verschärft sich noch durch den Umstand, dass diese Grunderfahrungen, die im Kleinkindesalter entstehen, später kaum noch veränderbar sind (vgl. Singer, 2003; Spitzer, 2005a).
Wenn Spitzer und Singer mit Ihren Thesen recht behalten sollten, droht den Fernsehnationen, also allen, ein globaler und nachhaltiger Bildungsknick sowie ein ernsthaftes Gesundheitsproblem. Ob nachfolgende Generationen dann überhaupt noch in der Lage sein werden, über das Thema angemessen zu reflektieren, kann dann bezweifelt werden. Vielleicht ist es auch schon längst soweit. Vielleicht aber behalten auch die Optimisten recht. Da ohnehin keine gravierenden Veränderungen im Nutzungsverhalten des Massenmediums Fernsehen zu erwarten sind, bleibt das als letzte Hoffnung.
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1Die Studienreihe KIM, herausgegeben vom Medienpädagogischen Forschungsverbund Südwest, untersucht seit 1999 den Medienumgang von Kindern in Deutschland. Für die Untersuchung im Jahr 2006 wurden 1203 Kinder im Alter von 6 bis 13 Jahren und deren Haupterzieher befragt.
2Für ihren Buchbeitrag „The changing nature of children’s television: Fifty years of research“ (Pecora, 2007) analysierte die Forscherin allein 2.000 in den USA publizierte Fachbeiträge zu dem Thema.