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Autor: Bausinger, Hermann.

Titel: Die Badenfrage.

Quelle: Die bessere Hälfte. Von Badenern und Württembergern. Stuttgart/München 2002. S. 223-233

Verlag: Deutsche Verlags-Anstalt GmbH.

Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Autors.



Hermann Bausinger

Die Badenfrage

In der nationalsozialistischen Propaganda und später auch im Kalten Krieg war viel von der Gefahr aus dem Osten die Rede. Den Südbadenern sagte man nach, daß sie bei dieser Formel grundsätzlich die Leute östlich des Schwarzwalds, also die Württemberger, im Auge hatten. Eine ähnliche Verwechslung der Maßstäbe gibt es offenbar auch jetzt noch. Wenigstens erklärte der aus Jena stammende Schriftsteller Lutz Rathenow, bei Lesungen im Südwesten vermeide er das Wort »Vereinigungsprobleme«, weil die Menschen dabei an Baden und Württemberg dächten. Das dürfte übertrieben sein, aber völlig spannungsfrei verlief und verläuft die Entwicklung im Land Baden-Württemberg nicht, und immer wieder einmal gibt es Irritationen. Das Stichwort, das dann die Diskussionen bestimmt und manchmal auch die Schlagzeilen der Presse beherrscht, heißt: die Badenfrage. Es besagt, daß in irgendeinem Zusammenhang die Benachteiligung des badischen Landesteils registriert oder befürchtet wird.

Verständlicherweise spielte die Badenfrage in den Anfängen des Landes Baden-Württemberg eine größere Rolle. Aber da die in vielen Bereichen angestrebte oder doch gewünschte Vereinigung badischer und württembergischer Institutionen nicht von heute auf morgen vollzogen werden konnte und da sich auch in gemeinsamen Leitungsgremien die Frage der Ausgewogenheit stellt, ist das Thema nicht vom Tisch. Wenn es nicht allzu häufig in den Vordergrund tritt, dann wohl vor allem deshalb, weil es schon im Vorfeld der Entscheidungen die Überlegungen mitbestimmt. Wie man von der Schere im Kopf als einer Art verinnerlichter Zensur spricht, so könnte man von der Waage im Kopf sprechen, welche die Badenfrage im voraus löst oder doch entschärft. Wenn sich eine neue Landesregierung vorstellt, wird im allgemeinen nicht jedem Mitglied das Etikett badisch oder württembergisch angehängt, und die Rekrutierung geschieht meist im Einvernehmen mit den Bezirksverbänden der Parteien, die sich auf die vier Regierungsbezirke verteilen. Aber von diesen Regierungsbezirken sind zwei zwar nicht ausschließlich, aber ganz überwiegend badisch und entsprechend die beiden anderen württembergisch. Auch wenn sie nicht mehr so offen ausgespielt wird – die Kategorie der Zuordnung zum früheren Land hat bei der Besetzung von Regierungsämtern und überhaupt von politischen Positionen nach wie vor große Bedeutung.

Nun ist Ausgewogenheit in der Zusammensetzung von Leitungsteams ja keineswegs verkehrt. Aber man könnte sich auch andere Ausgewogenheiten vorstellen – etwa die zwischen freien Berufen und Beamten oder die zwischen Männern und Frauen. Ein Blick auf die Regierungsbank, ins Parlament und auf gehobene Amtspositionen macht jedenfalls deutlich, daß die nur noch selten thematisierte Badenquote – allgemeiner gesprochen: die Regionalquote – praktisch immer noch mehr Gewicht hat als die vieldiskutierte Frauenquote.

Fast immer geht es tatsächlich um die Quote, um den badischen Anteil innerhalb Baden-Württembergs. Separatistische Tendenzen schrumpften zusammen, nachdem sich die badische Bevölkerung 1970 mit mehr als 80 Prozent zum neuen Land bekannt hatte. Sie erhielten noch einmal Auftrieb, als ein Europa der Regionen propagiert wurde; aber die Argumente für eine europäische Region Baden waren nicht besonders überzeugend. Im allgemeinen wird der Begriff der Region auf kleinere Gebiete angewandt; in Baden-Württemberg gibt es beispielsweise zwölf – vor allem für Fragen der Raumplanung zuständige – Regionalverbände. Und wenn im Blick auf das große Europa mit größeren Regionen gerechnet wurde, dann sprach viel dafür, ganz Baden-Württemberg als eine solche Region zu betrachten. Die »Landesvereinigung Baden in Europa« kämpft deshalb seit einiger Zeit weniger für eine eigene badische Region innerhalb der Europäischen Gemeinschaft als gegen den der Regierung unterstellten Stuttgarter Zentralismus – gegen die »Spätzle-Connection«. Diese sahen immerhin rund 50 000 Badener am Werk, die vor der Landtagswahl des Jahres 2001 eine vorwurfsvolle Adresse ans Staatsministerium unterschrieben.

Der Vorwurf des Zentralismus kommt immer wieder einmal hoch. Im Stadtrat von Karlsruhe wurde Anfang 1998 die Forderung vorgetragen, in Stuttgart ein »Karlsruher Haus« einzurichten, damit man auf Kabinettsentscheidungen schneller reagieren könne – nicht gerade eine Badische Botschaft, aber eine Institution, die ähnliche Funktionen haben sollte wie die Landesvertretungen in Bonn und später Berlin. Zu dieser Einrichtung kam es nicht; aber auch ohne sie wird von badischer Seite aufmerksam kontrolliert, ob nicht der mittlere Neckarraum durch politische Entscheidungen zu sehr begünstigt wird. Die Industrie- und Handelskammer Karlsruhe wandte sich mehrfach dagegen, daß der Ballungsraum Stuttgart einseitig gefördert wird; dies sei, heißt es in einer Studie, eine »Wachstumsbremse« fürs ganze übrige Land – ein Argument, das in der Ausbauphase während der Regierung Späth auch von der Opposition vorgetragen wurde. Was damals mitunter als Badenfrage etikettiert wurde, war allerdings das allgemeinere Zentrum-Peripherie-Problem, das für die strukturschwachen Gebiete im ehemaligen Württemberg die gleiche Bedeutung hatte, das aber von badischen Kritikern auch als Gefährdung des landsmannschaftlichen Gleichgewichts interpretiert wurde.

Eindeutiger stellt sich die Badenfrage, wo es um die Besetzung von Führungspositionen geht, deren Übergewicht nicht ohne weiteres durch die Besetzung anderer Stellen kompensiert werden kann, wie es bis zu einem gewissen Grad bei der Kabinettsbildung der Fall ist. Die Zusammenführung der großen Bankinstitute in Baden-Württemberg zu einer einzigen Landesbank stand lange auf dem Programm der Regierung und auch der Wirtschaftsverbände; spruchreif wurde sie erst vor wenigen Jahren, nachdem an der Spitze der drei für die Fusion vorgesehenen Institute »Männer mit Weitblick« standen. Diese Einschätzung des Ministerpräsidenten war sicher nicht falsch, aber der Weitblick schließt Parteilichkeit nicht aus, so daß zunächst eine Rotationslösung geplant war, die allerdings später zurückgenommen wurde. Dachverbände in sportlichen und kulturellen Sparten, die immer noch getrennt sind, berufen sich meist – und nicht ohne Grund – auf die unterschiedlichen Traditionen, die eine Vereinigung erschweren; aber auch hier besteht das Hauptproblem darin, daß es eben nur einen Vorsitzenden oder Präsidenten geben kann, so daß hinsichtlich der Spitzenposition eine Entscheidung zwischen Baden und Württemberg anstünde.

Gelungene Fusionen werden, weil man diese Schwierigkeiten kennt, besonders herausgestellt. Die Landesbildstelle Baden und die Landesbildstelle Württemberg wurden zum Landesmedienzentrum vereinigt, das aber ein heißes Eisen blieb. Im Herbst 2001 konstituierte sich schließlich der Verwaltungsrat und wählte die Direktorin, die aus dem Stuttgarter Kultusministerium kommt. Vorsitzender des Verwaltungsrats, der über die finanziellen Mittel verfügt, wurde der amtierende Oberbürgermeister von Freudenstadt, und dies wurde als ausgesprochener Glücksfall gewürdigt, weil er gewissermaßen die Ausgewogenheit in Person verkörpert. Er gehört der SPD an, hat also eine gewisse Distanz zu der dem Kultusministerium unterstehenden Leitung. Vor allem aber: Er ist in der Nähe von Karlsruhe geboren und aufgewachsen, ist aber fast ein Jahrzehnt Stadtoberhaupt von Freudenstadt, das zwar zum Regierungsbezirk Karlsruhe gehört, von dem er aber mit Recht sagt, es sei eigentlich württembergisch. So konnte er in der Presse als »homo baden-württembergensis« gefeiert werden – eine Spezies, von der nicht immer ein geeignetes Exemplar zur Verfügung steht.

Die Entscheidung über das Landesmedienzentrum war allerdings nicht nur mit Personalfragen verbunden – es geht in solchen Fällen immer auch um den Standort. Die Lösung in diesem Fall ist nicht untypisch: Der Sitz der Direktorin und damit die zentrale Leitung ist in Karlsruhe, aber Teilfunktionen bleiben in Stuttgart am Sitz der vorher selbständigen Landesbildstelle Württemberg. Im württembergischen Landesteil diskutiert man mitunter mißtrauisch, ob die Badenfrage nicht allzu oft nach diesem Muster gelöst wird, ob also nicht unter der Hand zuviel Macht und Kompetenz nach Baden abwandert.

Besonders deutlich wurde diese Besorgnis, als Mitte der neunziger Jahre die Neuordnung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks im Südwesten anstand. Die Dreiteilung nach dem Zweiten Weltkrieg wirkte in der Rundfunkgeographie rund fünfzig Jahre nach: Zwei Rundfunkanstalten waren für den Sendebereich im Südwesten zuständig, und die Trennlinie verlief entlang der Zonengrenze. Dem Süddeutschen Rundfunk (SDR) war das Gebiet des kurzlebigen Landes Württemberg-Baden zugeordnet, also der nördliche Teil von Württemberg wie von Baden; der Südwestfunk (SWF) deckte den Bereich von Südwürttemberg-Hohenzollern und von Südbaden ab, und dazu kam ganz Rheinland-Pfalz. Der Sendebereich des Südwestfunks war so im Grunde zweigeteilt; wie zwei Flügel hingen die beiden Teile aneinander. Der Sitz der Funkanstalt, Baden-Baden, war zwar ungefähr in der Mitte, aber diese Mitte war ein schmales Gebilde und der Übergang zum nördlichen Sendebezirk praktisch nur ein Punkt.

Der Bereich des Süddeutschen Rundfunks war demgegenüber geschlossen und ausgeglichen; aber er war verhältnismäßig klein, auf die Nordhälfte von Baden-Württemberg beschränkt. Strikt abgegrenzt waren die Sendebereiche nur als Gebühreneinzugsgebiete, da sich die Funkwellen nicht an Grenzmarkierungen halten; aber die Kleinteiligkeit war doch problematisch, auch deshalb, weil sich immer mehr private Sender in den Kampf um die Frequenzen und um das Publikum einschalteten.

Über zwei Fusionsmodelle wurde gestritten. Das eine, vom Stuttgarter SDR-Intendanten favorisiert, strebte einen Landessender an, also eine Vereinigung der beiden Sendeanstalten unter Verzicht auf das Gebiet von Rheinland-Pfalz; das andere, vom Baden-Badener SWF-Intendanten vertreten, sah die umfassende Vereinigung der beiden Sendegebiete vor. Den Bericht über eine Diskussion der beiden Modelle überschrieb die Stuttgarter Zeitung: »Badenfrage in neuer Spielart«. Sie bezog sich dabei auf den Widerstand der Kurpfalz gegen einen Landessender; man fürchtete dort, von der benachbarten Region um Ludwigshafen abgeschnitten, in den »Medienschatten« zu geraten, und dem Stuttgarter Intendanten, selbst ein Kurpfälzer, gelang es nur zum Teil, die Bedenken auszuräumen. Daß sich ausgerechnet der wirtschaftlich begünstigte Mannheimer Raum gegen Stuttgart wandte, war in der Tat eine neue Spielart der Badenfrage; aber auch im übrigen Baden gab es Reserven gegen eine Landeslösung, die mehr oder weniger automatisch Stuttgart zur zentralen Sendeanstalt gemacht hätte. Doch ebensogroß waren die Befürchtungen in Stuttgart und auch im übrigen württembergischen Landesteil, einschließlich des zum Südwestfunk gehörenden, man verliere wichtige Positionen und Gestaltungsmöglichkeiten an Baden-Baden, wenn womöglich dort die neue Sendeanstalt etabliert werde.

Man kann durchaus fragen, ob diese Auseinandersetzung in die Schablone Baden contra Württemberg paßt, da ja zum Bereich des Baden-Badener SWF auch Teile Württembergs und zum Gebiet des Stuttgarter SDR Teile Badens gehörten. Aber als größere Projektionsflächen boten sich eben doch die beiden früheren Länder an – bei den Auseinandersetzungen im Vorfeld, aber auch nach der Fusion. Sie führte an allen Standorten, also auch in den regionalen Studios, zu strukturellen und personellen Veränderungen, und während offiziell die Synergieeffekte gerühmt wurden, registrierte man vor Ort, wie stets in solchen Fällen, vor allem die entstandenen Nachteile. Daß gewisse Kompetenzen von Stuttgart nach Baden-Baden abwanderten, provozierte bei manchen Schwaben den Argwohn, den badischen Nachbarn werde allmählich so viel zugeschoben, daß von einem Gleichgewicht schon nicht mehr die Rede sein könne. Auch dies ist eine mögliche Spielart der Badenfrage – allerdings hat es bisher noch niemand gewagt, sie zur Württembergfrage umzufirmieren.

Die Badenfrage spielt im übrigen nicht nur bei Entscheidungen über aktuelle Stellenbesetzungen und Standorte eine Rolle, sondern auch bei allen Bemühungen, einen Überblick über das Land oder einen Rückblick auf seine Geschichte zu geben. Bildbände über Baden-Württemberg suchen, wenn sie die Ausgewogenheit nicht von vornherein durch eine regionale Gliederung sicherstellen, den Proporz in Gegenüberstellungen: Feldberg und Plettenberg, Ulmer Münster und Freiburger Münster, Schloßpark in Schwetzingen und Märchengarten in Ludwigsburg. Bei großen Ausstellungsprojekten müssen nicht nur die Schauplätze im Land gewechselt, es müssen auch die Anteile beider Seiten gerecht gewürdigt werden. Das Gedenken an die 48er-Revolution wurde dezentralisiert, auf viele Ortschaften verteilt, die so die lokalen und regionalen Erinnerungen ins rechte Licht rücken konnten; die größeren Veranstaltungen fanden aber sinnvollerweise in den badischen Städten statt, wo sich auch die wichtigsten revolutionären Ereignisse konzentriert hatten.

Es gibt freilich auch Bereiche, in denen es schwierig ist, Ausgewogenheit zu erreichen. Um die Zeit der Wende zum 20. Jahrhundert schrieb der Stuttgarter Kunsthistoriker Eduard Paulus die Verse:

Der Schelling und der Hegel,
der Schiller und der Hauff;
das ist bei uns die Regel,
das fällt nicht weiter auf.

Diese Verszeilen waren lange ein beliebtes Zitat in schwäbischen Fest- und Jubelreden. Inzwischen hat sich herumgesprochen, daß sie eher ironisch gemeint waren – bei Paulus werden sie vom Gelbfüßler vorgetragen, einem der Sieben Schwaben, deren Hochmut ja vor dem Fall kam. Aus dem Verkehr gezogen wurde der Spruch trotzdem nicht; er wird jetzt mit dem Tenor deklamiert: Wir wissen natürlich, daß das übertrieben ist, aber im Grunde stimmt es ja doch. Und in der Tat: Es ist erheblich leichter, einen schwäbischen Parnaß auszumalen, als eine Anthologie großer badischer Dichtung zusammenzustellen.

Mitte des 19. Jahrhunderts veröffentlichte Josef Bader, großherzoglicher Archivar und badischer Patriot, seine »Fahrten und Wanderungen im Heimatlande«. Darin werden, anknüpfend an Orte und Landschaften, auch Dichter erwähnt. Am ausführlichsten würdigt Bader den Durlacher Dichter Drollinger – als einen anmutigen, ernsten und gewichtigen Dichter, dem er einen hohen Rang in der deutschen Literaturgeschichte des 18. Jahrhunderts zuweist. Der Name des Dichters dürfte unter Schwaben, selbst bei literarhistorischen Experten, nur die unangemessene Assoziation an den Trollinger auslösen, und der Poet ist sicher auch bei Badenern kaum mehr bekannt.

Nun kann man mit Recht darauf hinweisen, daß die Geschichte des Geschmacks oft merkwürdige Kapriolen schlägt; viele einst hoch gelobte Dichtungen sind später – glücklicherweise – vergessen worden, und andere rückten erst nach langer Zeit, erstmals oder erneut, ins Blickfeld der Literaturhistoriker. Grimmelshausen beispielsweise wurde erst zu der Zeit richtig wiederentdeckt, als Bader seine Bücher schrieb; sonst hätte er gewiß den Renchener Schultheiß als herausragende Gestalt der barocken Dichtung erwähnt. Und auch für die Zeit davor sieht die literarische Bilanz im späteren Land Baden günstig aus; die oberrheinischen Humanisten gehörten zu den bedeutendsten Literaten ihrer Epoche.

Trotzdem: der Reihe literarischer Größen aus Württemberg hat Baden wenig entgegenzusetzen; am ehesten kann die unbescheidene Aufzählung pariert werden mit dem Hinweis, daß es kaum einer dieser gefeierten Literaten in Württemberg lange ausgehalten hat. Aber die Schwaben tun gut daran, auch in dieser Konstellation die Waage im Kopf in Aktion zu bringen, denn wenigstens zwei Dichter gelten mehr oder weniger als badische Nationalheilige. Der eine, Josef Viktor von Scheffel, verdankt seine Popularität dem Umstand, daß er romantisierend altdeutsche Szenen mit der badischen Szenerie verband und daß er mit seinen fröhlichen Liedern Studenten, aber auch Gesangvereine bediente; aus der Distanz von anderthalb Jahrhunderten wird man ihn als Autor sehen, der den Wünschen und Bedürfnissen seiner bürgerlichen Epoche genau entsprach, nicht unbedingt als großen Dichter. Der andere aber, Johann Peter Hebel, überragt nicht nur die meisten seiner Zeitgenossen; auch in der Folge gab es niemand, der ihm in der mundartlichen Lyrik und in der Kunst des schlichten Erzählens das Wasser reichen könnte – in Baden nicht und in Württemberg auch nicht.

Unter den in dem Schwaben-Vers genannten Autoren sind zwei Philosophen, Schelling und Hegel. Schillers philosophische Entwürfe sind weniger berühmt als seine Dramen, aber möglicherweise beständiger. Und auch Wilhelm Hauff; der wahrscheinlich vor allem des Reimes wegen die Reihe vervollständigen durfte, hat in seinem kurzen Leben neben Romanen und Märchen kritisch-philosophische Betrachtungen verfaßt. Im Schwäbischen hat die Philosophie neben und in der Dichtung immer eine wichtige Rolle gespielt und wiederum: zu den klassischen Philosophen aus Württemberg gibt es kein badisches Gegenstück. Aber zeitversetzt läßt sich auch hier ein Ausgleich anführen: Martin Heidegger, aufgewachsen in Meßkirch und als Professor tätig in Freiburg. Schwer zu sagen, ob er in seiner Philosophie das technische Zeitalter nicht erreicht oder schon übersprungen hat. Jedenfalls wurde er auch von seinen zahlreichen Kritikern als der vielleicht bedeutendste Philosoph des 20. Jahrhunderts anerkannt.

Man muß sich freilich fragen, ob der Wettstreit der Landeszugehörigkeiten in diesen Höhenlagen nicht ein ziemlich kleinkariertes Spiel ist. Heine schreibt in seinem Traktat gegen die »Schwäbische Schule«, zunächst habe er Schiller, Schelling, Hegel und David Friedrich Strauß dazu gerechnet, aber dann begriffen, daß diese Schwaben »viel mehr europäisch als schwäbisch« und »gleichsam ausgewandert« sind. Dies gilt noch immer. Wahrscheinlich sollte man die Badenfrage nur dort aufwerfen, wo banale Entscheidungen nach der Geburtsurkunde und nach der historischen Landkarte getroffen werden. Und vielleicht ist die Badenfrage im Verlauf eines halben Jahrhunderts fast schon zum Phantom geworden. Es gibt hoffnungsvolle Zeichen dafür: In Berlin, wo es schon seit dem Anfang des letzten Jahrhunderts einen Verein der Badener und einen Verein der Württemberger gibt, ist im Frühjahr 2001 ein Verein der Baden-Württemberger entstanden. Andererseits: Zur gleichen Zeit brachte ein bayerischerVerlag eine »Badisch-Schwäbische Landkarte« heraus, in der die alte Grenze zwischen Baden und Württemberg eingezeichnet ist. Da hier keine Grenzbefestigungen zu besichtigen sind wie beim das Land durchquerenden römischen Limes, kann die aktuelle Funktion dieser historischen Reminiszenz eigentlich nur darin bestehen, daß sie Orientierungshilfen gibt bei einer etwa auftauchenden Badenfrage ...

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