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Autor: Bausinger, Hermann.
Titel: Lachkultur.
Quelle: Thomas Vogel (Hrsg.): Vom Lachen: einem Phänomen auf der Spur. Tübingen 1992. S. 9-23.
Verlag: Attempto Verlag.
Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Autors.
Hermann Bausinger
Lachkultur
Die Szene ist allen vertraut: Zwei Clowns geraten in Streit, einer holt aus zu einem gewaltigen Schlag, der andere duckt sich. Die sausende Handbewegung geht ins Leere, ihr Schwung versetzt den Schlagenden in Bewegung um die eigene Achse, in scheinbar hilflose, in Wirklichkeit artistisch beherrschte Pirouetten. Diese Figur, freilich meist weniger artistisch, bestimmt nicht selten Vorträge, die aufgrund des gestellten Themas zu Rundumschlägen verdammt scheinen.
Lachkultur ist ein Gegenstand, der, ernsthaft behandelt, leicht abtauchen könnte, und es ist ein Gegenstand mit unendlich vielen Facetten. Nun gibt es einen wirkungsvollen Reduktionstrick: der Gegenstand wird universalisiert, wird als weltweites Phänomen beschrieben. Damit wird er kurioserweise nicht unbedingt weiter und unfaßbarer, er kann so auch handlich gemacht werden. Lachen, so heißt es dann, ist ein anthropologischer Tatbestand, gehört zur Grundausstattung menschlicher Äußerungsformen. Der Weg zur evolutionären Herleitung ist gebahnt, mit affenartiger Geschwindigkeit landen manche Lachforscher bei den Schimpansen, die zwar weder durch Witze noch durch den Anblick der Zoobesucher, wohl aber durch Kitzeln zum Lachen zu bringen sind. Bei frühen Menschen bedurfte es dieses körperlichen Stimulus nicht mehr; sie haben, nach den Schlüssen der Verhaltensforschung, richtig gelacht. Gelacht freilich im Sinne einer Drohgebärde – das Fletschen der Zähne stand am Anfang des Lachens. Mit diesem Hinweis auf die frühe, vielleicht ursprüngliche Bedeutung der Instinktgebärde Lachen sind freilich auch die Grenzen dieses Zugangs markiert. Wer über Lachkultur spricht, tut jedenfalls gut daran, diesen biologischen oder biologisierten Bereich zu verlassen.
Aber handelt es sich nicht auch beim kulturell überformten, entwickelten Lachen um überzeugende Gemeinsamkeiten quer durch die Kulturen? Das Lachen mit seinen verschiedenen Dimensionen und Spielarten, dem direkten Auslachen, dem herzhaften Anlachen, dem fröhlichen oder spöttischen Lachen über etwas, dein freundlichen, vertrauenerweckenden, höflichen, dem spöttischen oder ironischen Lächeln – dies scheint eine sprachlose, weltweite Verständigungsmöglichkeit zu sein. Aber abgesehen davon, daß schon das physiognomische Erscheinungsbild dieser Formen streut – es kommt ja doch darauf an, in welchen sozialen Zusammenhängen gelacht wird und welche kulturelle Bedeutung dem Lachen oder Lächeln zugemessen wird, anders gesagt: worüber wann von wem und wie und mit welchen Folgen gelacht wird. Und hier entfaltet sich eben doch ein weites Panorama, eine schier unendliche Flucht von schwer abgrenzbaren Feldern, auf denen je verschiedene Formen und Bedeutungen zu finden sind. Lachkultur ist der Sache nach ein Plural, und es ist notwendig, die mit der Vokabel anvisierte Vielfalt sinnvoll zu begrenzen.
Ich wähle drei Zugänge. Ich frage nach der Verschiedenheit des Lachens im Raum, also in verschiedenen Kulturen. Zweitens nach der Verschiedenheit des Lachens in der Zeit, also nach Dominanten der Lachkultur in verschiedenen Epochen. Und ich frage schließlich, auf unsere Gegenwart bezogen, ob der Begriff Lachkultur auch normativ verstanden werden kann, ob also von einer perfekten und defekten, einer würdigen und einer unzulänglichen Lachkultur gesprochen werden kann.
Ich gehe noch einmal aus von der verbreiteten, populären Annahme, Lachen sei ebenso wie das Weinen1 (das Gegenstück) etwas ganz Elementares, das eben in bestimmten Situationen aus einem oder einer einzelnen herausbricht – universell, aber in dieser Allgemeinheit auch ganz individuell. Es gibt eine anekdotisch-witzige Erzählung, in welcher derjenige, der diesen elementar-individuellen Charakter verkennt, der Komik überantwortet wird. Ein Pfarrer kommt neu in eine Gemeinde (man kann auch erzählen: Ein Mann oder eine Frau kommt neu in eine Gemeinde – es braucht nicht unbedingt den professionellen Bezug). Als zum ersten Mal eine Beerdigung ansteht, erkundigt er sich: “Weint man hier schon am Leichenhaus (wo der Sarg abgeholt wird) oder erst am Grab?” Eine naive, die Gefühlsnormen unserer Gesellschaft verfehlende und auch verletzende, eine komische Frage – deshalb taucht sie in Witzsammlungen auf.
Aber tatsächlich hatte der Geistliche (angenommen, die Geschichte wäre wirklich passiert) einen realen Sachverhalt im Auge – daß nämlich auch Emotionen kollektiv gesteuert und begrenzt werden, daß die Enkulturation, die individuelle Einübung in die vorgegebene Kultur nicht bei den Formen Halt macht, über die wir bewußt verfügen, sondern daß sie auch in den Gefühlshaushalt regulierend eingreift. Dies ist in der Gegenwart weniger offenkundig, weil es tatsächlich deutliche Individuallisierungstendenzen gibt, aber es ist keineswegs überwunden, und dank der gewachsenen Mobilität haben wir immer wieder auch Beispiele weniger individualisierter Kulturen vor Augen; ich denke an die Formen öffentlicher und oft sehr lauter, durchdringender, präzise ritualisierter Klage, die in südeuropäischen Völkern bei Begräbnissen, aber auch bei Krankheiten und ähnlichem üblich ist: dort wird anders geweint, und es wird auch anders gelacht.
Ich bleibe im Umkreis des Begräbnisses: Es gibt Völker auf der Erde, bei denen mit der Leiche Scherze getrieben werden2, die bei uns nur noch im schwarzen Humor auftauchen (“Mami, darf ich mit Großmutter spielen?” “Nein, der Sarg bleibt zu!”) – bei uns handelt es sich also lediglich um eine Denkmöglichkeit, nicht um eine reale Handlungsmöglichkeit. Aber beim sogenannten Leichenschmaus (der weniger unappetitlich ist, als es das Wort nahelegen könnte) setzt sich auch bei uns im allgemeinen das Lachen durch – als individuelle Entlastung von der übermächtigen Trauer, gewiß, aber auch als rituallisierte Aufhebung des kollektiv gefühlten Drucks.
Auch das Lachen unterliegt (wie das Weinen) – in der Art und Weise, in der Valenz der Anlässe, im Stärkegrad und in der Nuancierung – der sozialen, kollektiven Prägung in kulturellen Horizonten. Wenn wir den Maßstab verkleinern, wenn wir also mit größeren Distanzen operieren, wird das sofort deutlich. jedermann kennt die irritierende Höflichkeit fernöstlicher Besucherinnen und Besucher, die nicht zuletzt im Lächeln ihren Ausdruck findet. Dies ist aber nicht nur eine physiognomische Stilisierung und Disziplinierung; es verweist allgemeiner auf Unterschiede in der Einteilung und Abgrenzung kultureller Situationen, in denen und über die gelacht wird.
Es gibt eine berühmt gewordene Szene3, in der eine Japanerin vom Krematorium zurückkommt, der Engländerin, bei der sie im Dienst steht, die Urne zeigt und lachend sagt: “Dies ist mein Mann”. Die englische Dame sah darin äußersten Zynismus. Nun ist sicher nicht auszuschließen, daß sich eine unwürdige Greisin (ich spiele an auf die großartige Erzählung Bert Brechts4), daß sich eine Witwe in diesem Moment mit bitterem Lachen für die durch ihren Mann erlittenen Versagungen rächt. Außerdem erinnert die Szene ein wenig an einen bösen Tübinger Gôgenwitz, in dem die Träger mit der leeren Urne am Trauerhaus ankommen, weil sie unterwegs etwas gegen das Glatteis unternehmen mußten (genauer: sie versuchen im letzten Moment wieder zu Asche zu kommen, bedienen sich aus dem Kuttereimer, so daß die trauernde Witwe zu ihrer Verwunderung Eierschalen in der Urne entdeckt)5. Die Geste der Japanerin könnte zynisch sein – aber der Sinn, geprägt und tradiert im kulturellen Horizont Japans, war ein völlig anderer: Die fremde Dame, überhaupt die anderen, sollten nicht mit dem Schmerz und der Trauer belastet werden; das Lachen war geboten durch die Etikette.
Der US-amerikanische Folklorist Barre Toelken bestritt vor einigen Jahren fast einen ganzen Vortrag mit der Analyse interkultureller Mißverständnisse, an denen er selbst beteiligt war und die bei anderen Lachen erzeugten6. Er war, ein guter Kenner indianischer Bräuche, an einer Elchjagd von Indianern und an den anschließenden Festritualen beteiligt. Dabei wurde er einerseits das Opfer ironischer Frotzelei bei der ihn die Indianer im unklaren darüber ließen, ob die Nase des Schaufelelchs eine Delikatesse oder überhaupt nicht eßbar ist (die entsprechenden Bewertungen liegen ja auch bei uns oft sehr dicht nebeneinander). Erst später erfuhr er, daß die Einstellung bei verschiedenen Stämmen differiert, daß also die Meinung über die Schaufelelchnase unterschiedlich ist. Andererseits (und dies war irritierender für ihr) mußte er erfahren, daß eine Gruppe indianischer Männer über ihn zwar nicht lachte, aber penetrant zu lächeln begann, als er, ein vorzüglicher Sänger, sprachkundig und mit den indianischen musikalischen Traditionen vertraut, in ihre Lieder einstimmte, sie bei diesen Liedern begleitete. Der Grund für die Heiterkeit blieb ihm sehr lange unklar, erst Monate später wurde er aufgeklärt: Die Indianer singen in der Regel sehr hoch, der weiße Forscher setzte deshalb eine Oktave tiefer ein. Dadurch aber wurden die Männer an den Gesang ihrer Frauen erinnert, die noch eine Oktav höher singen als sie – sie, die Männer, kamen sich, gemessen am sonoren Baß des Wissenschaftlers, plötzlich wie Frauen vor, und dies fanden sie komisch.
Wenn vom Lachen zwischen Völkern und Kulturen die Rede ist, dann wird meist nur von den Geschichten und Witzen gesprochen, in denen die Vertreter einer ethnischen Gruppe die einer anderen Gruppe lächerlich machen. Die Vereinigten Staaten von Amerika, angeblicher Schmeltztiegel für alle Besonderungen, in Wirklichkeit der Nährboden eigensinniger ethnischer Kulturen, sind das ideale Beobachtungsfeld für solche Scherze – Scherze, in denen Deklassierungen vorgenommen, Rangplätze zugewiesen, reale Hierarchien komisch transformiert und pauschale Vorurteile gehätschelt werden, in böser Aggressivität oft, so daß der deutsche Amerikanist Gert Raeithel seiner Sammlung entsprechender ethnic jokes den Titel gab: “Lach, wenn du kannst! ”7 Trinkfreudige und grobe Iren, bigotte und amouröse Italiener, betrügerisch-clevere Chinesen, geizige und geschäftstüchtige Juden, unvergleichlich bekloppte Polen, Neger und Negerinnen (ich wähle den Ausdruck mit Bedacht und operiere hier auch bewußt mit der weiblichen Endung), Neger und Negerinnen, die diebisch, dumm, faul, gewalttätig und unwahrscheinlich geil sind – auf sie alle, und dazu auf die amerikanischen Zuwanderer aus dem Süden, sind die Witze gemünzt.
Parallelen zu diesen ethnischen Witzen und Spötteleien gab und gibt es auch bei uns. Sie zielten, ehe in den letzten Jahrzehnten der große Zustrom von Arbeitsmigranten und -migrantinnen einsetzte, nur selten auf Ausländer; die Polenwitze im Ruhrgebiet oder in Oberschlesien waren eher die Ausnahme. Der Spott ging vielmehr hin und her zwischen benachbarten oder aus politischen Gründen aufeinander bezogenen Regionen; Boshaftigkeiten und wechselseitige Mißverständnisse zwischen Bayern und Preußen füllten beispielsweise nach der Reichsgründung die Witzblätter8.
Dieser Stammesspott ist keineswegs ganz verschwunden, und immer wieder einmal taucht eine Witzserie auf, die sich auf die Bevölkerung eines einzelnen Landes oder Landstrichs bezieht, neuerdings etwa auf die Ostfriesen9 die aufs Meer hinausschauen, ob nicht die Sexwelle kommt, und die im Dezember das Haus nur durchs Fenster verlassen, weil Weihnachten vor der Tür steht. Der erstaunliche Erfolg der Ostfriesenwitze erklärt sich nicht nur daraus, daß bei ihrer Entstehung Radio Hamburg Pate stand und die Massenmedien zur Verbreitung beitrugen. Der Erfolg entstand möglicherweise gerade dadurch, daß die Konturen der deutschen Stämme in der Nachkriegszeit immer undeutlicher wurden, daß also reale Anhalts- und Angriffspunkte für Witze zwischen den Stämmen fehlten – die Ostfriesen, eine verschwindend kleine und periphere Gruppe, hätten dann gewissermaßen als Ersatzform gedient, in die all die alten Histörchen gegossen wurden.
Es ist sicher kein Zufall, daß sich der Witz wieder größeren Gruppen und realen Grenzen zuzuwenden begann, als es wieder zu wirklichen Konfrontationen kam: ich denke an die vielen Witze, in denen sich Wessis (Besserwessis) teils lustig, teils böse und teils beides – über die Ossis und deren brüchige Lebenswelt (verkörpert beispielsweise im Trabi10) amüsierten.
Neben dieser inhaltlichen Auseinandersetzung zwischen Kulturen, Völkern, Stämmen, Gruppen ist aber immer auch an die spezifische Einfärbung des Humors zu erinnern. Herbert Schöffler ist in seiner “Kleinen Geographie des deutschen Witzes”11 der Frage nachgegangen, ob und wie sich eine Landkarte des deutschen Humors skizzieren läßt, mit welchen Mitteln und mit welchen Zielen Witze in verschiedenen Landschaften gemacht werden. Andere sind ihm mit Spezialstudien gefolgt, Heinrich Lützeler etwa mit seiner “Philosophie des Kölner Humors”, oder Thaddäus Troll, der den schwäbischen Humor, erbarmungslos aber auch schwäbische Humorlosigkeiten aufs Korn nahm. Das sind lesenswerte Miniaturen – obwohl fast alles darin fragwürdig ist. Wenn Lützeler die Meisterschaft der Kölner Markt- und Putzfrauen im direkten, für Fremde schockierenden Sprechen hervorhebt,12 so drängt sich schnell die Frage auf, ob dies nicht mehr mit der beruflichen als mit der landschaftlichen Prägung zu tun hat – bei näherem Zusehen mutiert Geographie in Soziologie. Schöffler reklamiert den Witz von den beiden Schwangeren in der Straßenbahn (einer wird vom Schaffner ein Sitzplatz besorgt, die andere attackiert ihn: “Na und ich? Meinen S‘, mich hat a Weps gstochen?”) für München; das Berlinische “Meinen Sie, ick ha'n Mückenstich?” ist für ihn nicht so nah am anatomischen Befund und klingt überhaupt “falsch”. Richtiger wäre doch wohl zu sagen: es sei anders, es klinge anders, und was die Genese anlangt, so führen weitaus die meisten Witze, die bei uns erzählt wurden und erzählt werden, ohnehin in jüdisches Milieu, wahrscheinlich auch dieser.
Man hat die Juden als “das witzige Volk par excellence”13 bezeichnet. Sie sind es, nicht seit Urzeiten wohl und gewiß nicht primär aufgrund angeborener und vererbter Qualitäten. Der jüdische Witz ist ein Nebenprodukt, ein Gegenprodukt auch des jüdischen Leidens. Die jüdischen Wanderungen und Verfolgungen brachten die Menschen in Berührung mit zahlreichen anderen Kulturen, gegenüber denen sie sich geistig, mit Ironie und auch mit Selbstironie, behaupten mußten. Die jüdische Bevölkerung war aber auch Trägerin und Promoterin der Modernisierung, in welcher die Komik im zugespitzten, geschliffenen Witz ihren wichtigsten Ausdruck fand.
Hier mündet also – nachdem Fragen der zeitlichen Schichtung und historischen Entwicklung gelegentlich anklangen – die räumliche Betrachtung in eine zeitlich-historische, der ich mich – in einem freilich verknappten, holzschnittartigen Versuch – zuwenden will:
Der Begriff der Lachkultur ist eng verbunden mit den Arbeiten Michael Bachtins, eines sowjetischen Literaturhistorikers, der diesen Begriff in Büchern über Rabelais und Dostojewskij in den Mittelpunkt rückte. In Deutschland zog er zusätzliche Aufmerksamkeit dadurch auf sich, daß Auszüge aus diesen Büchern 1969 publiziert wurden unter dem Titel: “Literatur und Karneval. Zur Romantheorie und Lachkultur”.14 Bachtin macht Lachkultur am grandios-monströsen Werk von Francois Rabelais fest: eine Weltsicht, die alles, das Heiligste wie das Trivialste, ins Licht der Komik rückte, eine Art parodistischer Enzyklopädie, die alle Grenzen sprengt und nichts auf den festen Füßen des Gewohnten beläßt. Bachtin vertritt die These, daß diese Lachkultur von RabeIais nicht erfunden wurde, daß dieser Dichter der Frührenaissance ihr aber einen letzten gültigen Ausdruck gab, indem er ins Ästhetisch-Literarische rettete, was einmal eine umfassende Lebensform gewesen war.
Im “karnevalistischen Weltempfinden”,15 das über alles und jedes zu lachen bereit ist, das jeglichen Sinn in Frage stellt, das alles Spirituelle in die handfeste Materialität des Körperlichen herunterholt, in diesem “karnevalistischen Weltempfinden” sah Bachtin einen mittelalterlichen Gegenentwurf zur strengen und durchgeistigten religiösen Konzeption der Zeit, eine vom breiten Volk getragene Opposition gegen die reglementierende, auf den Ernst und damit die Unveränderbarkeit pochende Herrschaft geistlicher und weltlicher Mächte, einen permanenten Aufstand gegen die einschüchternden Rituale der Kirche, eine Überwindung der kosmischen Angst.16
Nach einer begeisterten Aufnahme des Werks von Bachtin (es paßte in die neuen Konzepte der Geschichte von unten, der Sozialgeschichte der Volkskultur) wird es neuerdings verschiedentlich heftig kritisiert, zuletzt von Dietz-Rüdiger Moser: Mit ‘karnevalistisch’, so stellt er mit Recht fest, übertrage Bachtin eine zeitlich und auch sachlich eng begrenzte Brauchkategorie auf eine viel allgemeinere Form entgrenzten und entgrenzenden Bewußtseins.17 Für karnevalistische Veranstaltungen seien schon im Mittelalter Reglementierungen und Organisationsbestrebungen von oben charakteristisch gewesen; überhaupt lasse sich die Trennung: hier der Ernst, mit dem die Herrschenden ihre Macht sichern wollten, und da das aufbegehrende, dem Lachen verschriebene Volk, nicht aufrechterhalten. In der Tat gibt es viele Lobreden des Lachens und viele Präsentationen von Komik in der Herrschaftssprache Latein, und es ist naheliegend, daß die oberen Schichten mehr Freiheit hatten, Komik zu goutieren, als das vielfach zum stumpfen Ernst verurteilte Volk. Die Befreiung des Volks durch das Lachen, das war wohl auch ein Wunschtraum des in der stalinistischen Ära zum Schweigen gebrachten russischen Literaten.18
Trotz dieser Kritik aber ist die Durchschlagskraft des Begriffs Lachkultur nicht nur ein Irrtum. Michael Bachtin hat damit jene Weltsicht umschrieben, die alles, aber auch alles Geordnete, Geglättete, ja Geheiligte in Frage stellte, indem sie an die chaotische, die materiell-leibliche Seite des Lebens erinnerte, in grotesken Körperbildern mit überzeichneten Signalen der Fruchtbarkeit, in den durch alle Zivilisierung höchstens zeitweilig zu verdrängenden vitalen Substanzen des Sexuellen, im Grobianismus der Worte und Taten, im gärenden Schmutz. “Alles”, so schreibt Bachtin, “was in der gewöhnlichen Welt Furcht einflößte, verwandelte sich ( ... ) in einen fröhlichen Popanz”.19 Nicht auf die Vollkommenheit der Welt zielte diese Sicht, sondern auf ihre Unvollkommenheit. Vielleicht könnte man zugespitzt sagen: sie zielte auf die prästabilierte Dis- harmonie der Welt, gegenüber der sich das Lachen als einzig mögliche Theologie erweist.
Charakterisiert man den Entwurf so, dann hat Bachtin die Wertigkeit des Lachens für die mittelalterliche, allgemeiner gesagt: die vormoderne Welt eben doch in diskutabler Weise bestimmt. Es ist sicher richtig, daß sich das Werk Rabelais’ nicht voll auf Lachkultur aufrechnen läßt; richtig auch, daß jene Lachkultur nicht immer in der gleichen Verdichtung in Erscheinung tritt wie bei ihm. Aber was überkommen ist an Zeugnissen und Gegenständen mittelalterlichen Gelächters, paßt in die freilich nicht scharf konturierte Kategorie. Das Neidhartspiel etwa, ein spätmittelalterlicher Bestseller, in dem ein Bauer dem Ritter Neidhart einen Streich spielt: Der findet das erste Veilchen des Frühlings, schützt es mit seinem Hut und eilt zu seiner Herrin, um es ihr zu melden. Aber der Bauer scheißt darauf (und das nicht nur im übertragenen Sinn), und Neidhart ist blamiert, als die Herrin kommt.
Oder die Taten und Untaten Eulenspiegels, die zwar oft ausgelöst werden durch Sprachverwechslungen, durch das boshafte Wörtlichnehmen des Gesagten, die aber oft und oft in die Sphäre grober Banalitäten führen. Grobianische Gedichte auch, in denen sich austobt, was die Etikette verbietet; Schwänke schließlich, die uns übersteigerte Sexualität (freilich, was ist in dieser Welt übersteigert?), die uns exzessives Essen und Trinken vorführen.
Ja, die Lachkultur reicht auch in die religiöse Dimension hinein. Die strenge christliche Lehre verbannte das Lachen aus dem menschlichen Jammertal. “Doch in der Praxis hat sich das Christentum dieser Theorie nicht gefügt.”20 Dabei war wohl nicht nur die überquellende Freude des Osterfestes eine Einbruchstelle des Komischen, das hier auch liturgisch verankert wurde.21 Im geistlichen Spiel wurden selbst im Umkreis von Kreuzigung und Auferstehung komische Elemente angesiedelt – nicht versehentlich, wie später im Volksschauspiel, als der Gekreuzigte statt “Es ist vollbracht” “Es ist prachtvoll” rief, sondern gezielt, gewollt, schonungslos. Die Szene um den Salbenkauf der Marie wird mit lustigen Streitereien der Krämer angereichert, die Jünger rennen wie gedopt zum Grab des Herrn, und der Auferstandene treibt seinen Spott mit den Menschen, denen er begegnet.
Der Anspruch kontinuierlicher Zerknirschung war so hoch, daß er nicht erfüllt werden konnte – und daß gerade aus der Diskrepanz zwischen Anspruch und Realität komische Wirkungen entstehen mußten. Außerdem reichen manche religiösen Vorstellungen, etwa über die Wundertaten der Heiligen, so weit ins Absurde, daß sie, gemessen an der erfahrenen Alltagsrealität, einen komischen Anstrich erhalten konnten. Wenn Laurentius, auf dem glühenden Rost liegend, seinen Widersachern vorschlägt, ihn jetzt zu wenden, weil er auf einer Seite durch sei,22 dann ist dies möglicherweise gleichzeitig ein Versuch, Märtyrertugend und damit die Helligkeit aufs äußerste zu steigern, und eine ironische Wendung, die Lachen auslöste. Jenseitsglaube und Komik haben ja doch gemeinsam, daß sie das diesseitig Bestehende in Frage stellen.
Die Einblicke in die Komik im Umkreis des Religiösen relativieren Bachtins antagonistisches Modell: Lachen als Widerstand gegen herrschaftskonforme Unterdrückung des Vitalen. Aber während Kulturhistoriker in jenen überquellenden Formen lange Zeit nur Entartungen sahen – “Die Krämerszene war der Nährboden, auf dem der stinkende Pilz des Spielmann-Humors prächtig gedieh”23 –, verweist Bachtin auf das eigene Recht und die eigene Dignität des ‘unwürdigen’ Lachens in all seiner Grobheit.
Die vitale Sinnenlust scheint ein durchgängiges, zumindest beherrschendes Merkmal mittelalterlicher Komik zu sein. Durchgängig, in allen Schichten verbreitet – dies spricht gegen Bachtins Konstrukt von der Lachkultur des Volkes. Aber die Zuweisung mittelalterlich wendet sich zugleich gegen den Rekurs auf “anthropologische Konstanten”. Ob man mit der Annahme solcher Konstanten operiert, ist meines Erachtens eine Frage des Erkenntnisinteresses. jedenfalls sollte aber dabei bedacht werden, was man das Generalisierungs- oder Universialisierungsparadox nennen könnte: je weiter ich mit der Generalisierung gehe, um so weniger sagen meine verallgemeinernden Kategorien aus. Konkret: “Lachen aus Lust und Liebe” oder“ Lachen aus jener Entspannung, die einem unerwarteten Verhalten folgt”24 Sind sicherlich relativ konstante Phänomene; aber solche Formeln schließen die je spezifischen Eigenheiten der Lachkultur gerade nicht auf.
Zu den Eigenheiten mittelalterlicher Lachkultur gehört weithin der grob-sinnliche Zuschnitt. Gewiß, in der gelehrten Dichtung (in den ironisch zugespitzten Sprüchen und Scherzen der Humanisten etwa) und selbst in den volkstümlichen Genres gibt es bereits Ansätze einer stärkeren Vergeistigung der Komik. Das noch immer gelegentlich gespielte kleine Drama des Hans Sachs vom fahrenden Schüler im Paradies nimmt seinen Ausgang von einem Wortwitz, einer Verwechslung: der vagierende Studiosus sagt zu einer verwitweten Bäuerin, er sei auf dem Weg nach Paris – sie versteht Paradies und stattet ihn mit Kleidern und Nahrungsmitteln für ihren verstorbenen Mann aus, schließlich noch mit einem Pferd, damit er die Sachen schneller überbringen kann.
Die Wortverwechslung ist hier der Ausgangspunkt für eine behaglich ausgemalte Handlung.25 Die Struktur ist umgekehrt wie im modernen Witz, in dem eine sehr viel knappere, oft nur angedeutete Handlung in eine Pointe mündet.
Ansätze für diese Form finden sich in Facetien und Epigrammen schon früh als allgemeine, populäre Gattung setzt sich der Witz aber erst durch mit den relativ jungen Prozessen der Modernisierung.26 Der Witz findet den besten Boden dort, wo keiner ist: in den Städten; er ist das Ergebnis größerer geistiger Wachheit, schnelleren Reagierens; er entspricht der rascheren, dichteren Komunikation; er trägt die Signatur des Flüchtigen. Er ist vor allem ein Zeichen der Pluralisierung, die ja nicht erst in der Postmoderne einsetzt, der Überkreuzung verschiedener Lebenswelten, des Ineinanders und Nebeneinanders verschiedener Normbereiche, an deren Berührungs- und Schnittpunkten Spannungen entstehen, die sich in Komik entladen und auflösen.
Also keine Spur mehr von der alten Lachkultur? Ich glaube doch. Die alte Lachkultur ist abgesunken. Abgesunken in den materiell orientierten Humor der Kinder, in dem das Skatologische (also die eben erst bewältigte Vergangenheit unkontrollierter körperlicher Ausscheidungen) ebenso wie das – oft unverstandene – Sexuelle eine zentrale Rolle Spielt.27 Abgesunken aber auch in die banalen Komikbereiche der Massenkultur, in den schlechten Unterhaltungshumor, wo Komik die Indienstnahme körperlicher Gebrechen und banaler Verwechslungen nicht scheut und wo groteske Szenen und Formen (auch Körperformen: die monströs Dicken, die entsetzlich Hageren, die Entstellten mit Buckel und Silberblick) schenkelklopfendes Lachen provozieren.
Lachkultur? ja, aber partialisiert, ohne die Wendung gegen das Ganze, ohne das Gebot der totalen Entheiligung und der radikalen Relativierung, wie es in der von Bachtin beschriebenen Welt des Lachens enthalten war. Vielleicht ist dieses Erbe ja an einer ganz anderen, unerwarteten Stelle aufgehoben: in den modernsten Formen etwa des absurden Witzes, des schwarzen oder kranken Humors, in der blödelnden Auflösung aller Festigkeiten des Sprachsinns. Gewiß, das ist eine andere Form, die sich nicht mehr auf die Widerspenstigkeit des Körperlichen verläßt, die vielmehr gerade in fast schon abstrakten Pointierungen zu sich kommt.28 Aber auch sie macht, spielend mit allen Sinnbezügen, vor nichts und niemand Halt, überantwortet alles, was den Menschen (solange sie nicht auf den Parcours des Lachens gelockt sind) hoch und heilig ist, der Komik.
Aber ist es berechtigt, solche Hemmungslosigkeit des Lachens, diese Radikalität der Komik mit positiven Vorzeichen zu versehen?
Ich komme zu meinem dritten Anlauf (mit vier kurzen Sprüngen): zur Frage, ob es Maßstäbe für die Bewertung von Lachkultur gibt, ob Lachkultur selber etwa als normativer Begriff, als eine das Richtige und das ethisch Vertretbare enthaltende Form definiert werden kann. Zur Erläuterung dieser Wendung ziehe ich eine Analogie heran, nämlich den Begriff der politischen Kultur. Ursprünglich war politische Kultur ein Begriff der beschreibenden wissenschaftlichen Analyse: an einer Reihe von Parametern wurde das politische Verhalten der Bevölkerung verschiedener Nationen gemessen und verglichen. Aber politische Kultur ist dann auch zum normativen Begriff geworden: wenn Parlamentarier von ihren Gegnern politische Kultur einklagen oder wenn der Verfall der politischen Kultur beklagt wird, dann liegt dem eine Vorstellung von richtiger, von funktionierender und wertvoller politischer Kultur zugrunde.
Gibt es also eine richtige, angemessene, wertvolle Lachkultur? Anders gesagt: Lassen sich Aussagen darüber machen, welche Formen des Lachens, welche Funktionen und welche Auslöser des Lachens akzeptabel, ja zu begüßen, und welche demgegenüber negativ zu bewerten sind?
Ich bleibe zunächst im Bereich meiner Analogie und frage: Wie steht es mit der politischen Lachkultur? Das ist ein weites Feld, in dem die unsäglichen Witze über Kohl so gut angesiedelt sind wie die verbalen Fehlleistungen von Regierungsmitgliedern, die subversiven Pointen politischen Widerstandes so gut wie die aktuellen Attacken von Kabarettisten und Karikaturisten. Wo über diesen Teil der Lachkultur geurteilt wird, besteht meist Einigkeit: es ist schlecht bestellt um den Polithumor.29 Fast wehmütig wird an die parlamentarischen Zwischenrufe Herbert Wehners erinnert, die, aus der Nähe betrachtet, ja doch oft mehr rüde als witzig waren,30 und elegisch geht der Blick zurück auf die Zeiten, in denen der politische Witz noch mehr Biß hatte. Dies ist eitle fragwürdige Nostalgie, denn die Lachkultur ist nun einmal um so aggressiver, je größer der Druck und je beengter die Spielräume sind. Demokratische Zustände und liberale Verhältnisse erfordern keine oder wenig Ventile; die Klagen der Kabarettisten, daß sie gegen Gummiwände rennen, könnten ins Positive gewendet werden, wenn in dem Bild nicht noch etwas anderes steckte: die strukturell abgesicherte Geschmeidigkeit, mit der das politische Personal den Attacken auszuweichen vermag – ausgestattet mit dem Walkman der Fraktionsmeinung und versteckt in anonymisierenden Bezügen. Die Aufgabe der Kabarettisten, die politische Lachkultur ist schwieriger geworden, entbehrlich ist sie nicht.
Ein zweiter Fragenkomplex: Im Lachen steckt in vielen Fällen ein Moment des Verlachens, damit der Ausgrenzung und Deklassierung; dies macht das Lachen verdächtig. Ich denke, es sollte freigesprochen werden, wo sich der Angriff gegen Mächtige richtet; das Auslachen von unten nach oben gehört zu den positiven Möglichkeiten der Lachkultur. Sie wird brüchig, wo die Komik lediglich dem Gefälle herrschender Machtverhältnisse folgt und an ohnehin marginalisierten Personen und Gruppen ausgelassen wird. Manche Karnevalslustigkeiten (auch unter den übertragenen aus Mainz) bieten Belegmaterial für diese Ausdünstungen der Volksgesundheit. Freilich: wo Witze und ironische Äußerungen nicht massive Kruditäten enthalten, sollte man die Integrität der Erzähler nicht gleich in Zweifel ziehen, sollte vielmehr (Walter Haug hat das von den Erforschern der Komik allgemein gefordert31) auch hier mit dem nötigen Unernst vorgehen. Rigorose Einschätzungen müssen oft schon deshalb relativiert werden, weil es im Witz an erster Stelle nicht um einen realen Gegner und seine Entlarvung geht, sondern um die Komik, ein Beziehungsverhältnis; Witze, auch ganz realistische Witze, sind eine fiktionale literarische Gattung. Richten sich Graf-Bobby-Witze etwa gegen den Adel? Doch wohl nicht (mehr) – aber sie sind immer noch witzig, weil sie ein halb historisches, halb fiktives Klischeebild des Adligen transportieren und sogar konservieren. Daß Witze nicht töten können, beweist übrigens Helmut Kohl mit einer nahezu mythischen, an das althochdeutsche Georgslied erinnernden Überlebensfähigkeit.
Dritte Frage: Gibt es für den Witz, dessen Lustpotenz (Freud hat das unübertroffen gezeigt) in der Durchbrechung von Tabus liegt, feste Grenzen? Was darf der Witz – “was darf die Satire?” Tucholsky hat die Frage so gestellt und knapp geantwortet: “Alles”. Aber für ihn war Satire eine Gattung, die in einen Rahmen fester ethischer Verantwortung eingespannt war; auch er wußte, daß Satire in nur noch bösartige Invektive überwechseln kann. Trotzdem: grundsätzlich tabuierte Tabus kann es in der Lachkultur nicht geben. Sind also all die Scherze legitimiert, in denen beispielsweise die Beschädigung oder Verstümmelung Unschuldiger in eine grausig-komische Perspektive gerückt wird – die Geschichten um die schmerzhaften Mißgriffe der blinden Helen Keller,32 der Hinweis auf die Mantafahrer, die sich siedendes Öl ins Gesicht schütten, um wenigstens so auszusehen wie Niki Lauda, die ätzenden Kommentare auf die Opfer des Challenger-Unglücks (Seven-Up... )?33 Es ist sicherlich eine Geschmacksfrage, ob man solche makabren Scherze erzählt oder anhört; aber es ist falsch, sie wie ernste Äußerungen zu behandeln, und zumindest im zuletzt erwähnten Fall handelt es sich wohl auch um einen Versuch, Unaussprechliches, Unfaßbares überhaupt aus der lähmenden Sprachlosigkeit zu nehmen mit einer Art kollektiven Galgenhumors.
Der Begriff des Humors wird bei uns freilich im allgemeinen für versöhnlichere Formen der Komik reserviert – geradezu als Gegensatz zum Witz. Diese Opposition hat eine unrühmliche Geschichte; der Mangel an Esprit (den man als flachen Witz denunzierte und den man den oberflächlichen Franzosen zuwies) wird oft kompensiert durch das Pochen auf angebliche seelische Tiefe. Zu fragen ist freilich – das ist meine vierte und letzte Frage – ob das Spiel mit witzigen Bezügen nicht immer bodenloser, chaotischer, verrückter wird. Das Blödeln stellt zwar überraschende Sinnbezüge her, aber nur um sie sofort wieder zu zerstören, eine permanente Demonstration beziehungsvoller Beziehungslosigkeit, eine identitätslose Art des Witzes, der nicht zu sich selbst kommen darf, eine raffinierte Mesalliance von Schlauheit und Dummheit.34 Robert Musil hat die poetischen Dimensionen der Dummheit aufgedeckt – der Mann, der auf die Frage: “Wer war Petrus?” antwortet: “Er hat dreimal gekräht”, steht nach Musil der Poesie ziemlich nahe.35 Diese Art ungehemmten sprachlich-poetischen Spiels mit Sinnbezügen aber ist vielleicht die reinste Form postmoderner Komik,. und sie ist eine Spiegelung unserer fragmentierten Wirklichkeit.
Eine Studentin tippt ihre Arbeit in den Computer, gewissenhaft überprüft sie den Text mit einem Rechtschreibprogramm. Sie hat über Dürkheim geschrieben – der Computer fragt zurück, ob nicht eher Turkey (ein Truthahn) oder Türkei gemeint sei. Und er zweifelt nicht nur bei Eigennamen. Forscherinnen heißt es im Text, der Computer, offensichtlich sexistisch programmiert, fragt zurück: fortrennen? Das ist eine alltägliche Demonstration dafür, daß es heute auf engstem Raum verschiedene Welten gibt und daß witzige Effekte entstehen können, ja müssen, wenn sie sich überschneiden. Die Mannschaftsaufstellung des 1. FC Nürnberg präsentiert sich – bei Handke – als witziges Gedicht, und die Lösungsworte eines Kreuzworträtsels können gelesen werden als witzige Collage einer unübersichtlich gewordenen und doch Rationalität fordernden Welt.
Der Witz renkt die aus den Fugen geratene Welt nicht ein; er überläßt sich immer häufiger der Absurdität. Ist dies vielleicht die Endphase des Komischen? Die Erfahrungen, die uns tagtäglich aus weniger begünstigten Weltteilen übermittelt werden, scheinen das nahezulegen: Heiterkeit wird gefrieren, das Lachen wird uns vergehen. Ich glaube nicht, daß es nur Leichtsinn ist, wenn ich dem widerspreche. Das Komische ist eine Auffangperspektive für anders nicht bewältigbare Gegebenheiten; Michael Bachtin träumte und formulierte seinen Traum von der Lachkultur beinamputiert, mit einer unheilbaren Knochenkrankheit behaftet, politisch verfolgt und gefährdet. Komik grenzt immer ans Desperate, es ist oft die einzige Möglichkeit, das Negative ins Positive hinüberzuschmuggeln; der Lachende spielt eine Null und gewinnt. Notfalls erinnern wir uns an die Verhaltensforscher: Lachen als Zähnefletschen. Und dafür wird es auch in Zukunft genügend Anlässe geben.
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1Vgl. HELMUT PLESSNER, Lachen und Weinen. Bern 1961.
2Vgl. ROMAN JAKOBSON, Medieval Mock Mystery. In: Studia Philologica et Litteraria in Honorem L. Spitzer, hrsg. von A. G. HATCHER und .K. L. SELIG. Bern 1958, S. 245-265; hier S. 262.
3Vgl. ANTON C. ZIIDERVELD, Humor und Gesellschaft. Eine Soziologie des Humors und des Lachens. Graz etc. 1976, S. 144.
4Gesammelte Werke, Band 11, Frankfurt 1967, S. 315-320.
5Vgl. BERND JÜRGEN WARNEKEN, Die Gôgenwitze oder Tübinger Volkskultur der Mode. In: UTZ JEGGLE u. a. (Hrsg.): Tübinger Beiträge zur Volkskultur. Tübingen 1986, S. 111-126.
6Vgl. BARRE TOELKEN, Zum Begriff der Performanz im dynamischen Kontext der Volksüberlieferung. In: Zeitschrift für Volkskunde 77 (1981), S. 37-50, vor allem S. 47f.
7Lach, wenn du kannst. Der aggressive Witz von und über Amerikas Minderheit
8Vgl. ANTON SCHWIND, Bayern und Rheinländer im Spiegel des Pressehumors von München und Köln. München, Basel 1958.
9Vgl. ONNO FREESEN, Ostfriesen-Witze. Wiesbaden 1971; LUTZ RÖHRICH, Der Witz. Seine Formen und Funktionen. München 1977, S. 273.
10Vgl. ROLF WILHELM BREDNICH, Trabi-Witze. Ein populäres deutsches Erzählgenre der Gegenwart. In : Volkskunde in Niedersachsen 7 (1990), H. 1, S. 18-35.
11Göttingen 1955; vgl. zum Folgenden, S. 60 f.
12Philosophie des Kölner Humors. 10. Auflage Honnef 1955, S. 32.
13Alexander Moszkowski, zitiert nach SALCIA LANDMANN, Der jüdische Witz. Olten und Freiburg i. Br. 1960, S. 33.
14Aus dem Russischen übersetzt und mit einem Nachwort von Alexander Kaempfe. München 1969.
15Literatur und Karneval (wie Anm. 14), S, 25 passim.
16Vgl. RENATE LACHMANN, Vorwort. In: MICHAEL BACHTIN, Rabelais und seine Welt. Volkskultur als Gegenkultur. Frankfurt/M. 1987, S, 7-46; hier S. 23.
17Lachkultur des Mittelalters? Michael Bachtin und die Folgen seiner Theorie. In: Euphorion. Zeitschrift für Literaturgeschichte 84 (1990), S. 89-111. Karneval ist Bachtins Leitbegriff. Er taucht, nach der freundlichen Mitteilung von Rolf-Dieter Kluge, im Original auch an vielen Stellen auf, wo in der deutschen Übertragung Lachkultur steht.
18Vgl. hierzu Renate Lachmann (wie Anm. 16), S. 7 f.
19Literatur und Karneval (wie Anm. 14), S. 26.
20WALTER HAUG, Das Komische und das Heilige. In: Ders., Strukturen als Schlüssel zur Welt. Tübingen 1987, S. 257-274; hier S. 264.
21Siehe die zahlreichen Nachweise zum Stichwort Ostermärlein bei ELFRIEDE MOSER-RATH, Predigtmärlein der Barockzeit. Exempel, Sage, Schwank und Fabel in geistlichen Quellen des oberdeutschen Raumes. Berlin 1964.
22Vgl. WALTER HAUG (wie Anm. 20), S. 266. Haug schreibt: “So paradox es klingen mag: weil das Mittelalter das Wunder ganz ernst nahm, konnte es komisch erscheinen. Das Heilige und das Komische stehen nicht nur nebeneinander, sondern die beiden Phänomene können in ein sehr viel tiefgründigeres Verhältnis zueinander treten.” (S. 267).
23K. DÜRRE, Die Mercatorszene im lateinisch-liturgischen, altdeutschen und altfranzösischen religiösen Drama. Göttingen 1915, S. 41; zitiert nach Roman Jakobson (wie Anm. 2), S. 257.
24DIETZ-RÜDIGER MOSER, Auf dem Weg zu neuen Mythen oder Von der Schwierigkeit, falschen Theorien abzuschwören. In: Euphorion. Zeitschrift für Literaturgeschichte 85 (1991), S. 430-437; hier S. 431 f.
25Vgl. HERMANN BAUSINGER, Schwank und Witz. In: Studium Generale 11 (1958),S. 699-710; hier S. 703.
26Vgl. Ders., Formen der “Volkspoesie”. 2. Aufl. Berlin 1980, S. 144-147; BERND JÜRGEN WARNEKEN, Der sozialkritische Witz als Forschungsproblem. In: Zeitschrift für Volkskunde 74 (1978), S. 20-39.
27Vgl. RAINER WEHSE, Warum sind die Ostfriesen gelb im Gesicht? Die Witze der 11 – bis 14jährigen. Frankfurt/M. 1983.
28Vgl. FRIEDMAR APEL, Die Phantasie im Leerlauf. Zur Theorie des Blödelns. in: Sprache im technischen Zeitalter 64 (1977), S. 359-374.
29Vgl. beispielsweise KLAUS HANSEN, Das kleine Nein im großen Ja. Witz und Politik in der Bundesrepublik. Opladen 1990.
30Ebd., S. 109f.
31Das Komische und das Heilige (wie Anm. 20), S. 258.
32MAC E. BARRICK, The Helen Keller Joke Cycle. In: Journal of American Folklore 93 (1980). S. 441-449.
33ELLIOT ORING, Jokes and the Discourse of Disaster. In: Journal of American Folklore 100 (1987), S. 276-286.
34Vgl. DIETER WELLERSHOFF, Infantilismus als Revolte oder das ausgeschlagene Erbe – Zur Theorie des Blödelns. In: WOLFGANG PREISENDANZ/RAINER WARNING (Hrsg.), Das Komische. München 1976. S. 335-357.
35Über die Dummheit. In: Tagebücher, Aphorismen, Essays und Reden. Hamburg 1955, S. 918-938; hier S. 934.