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Autor: Alfred Bofinger.

Titel: Psychologie des Sendespiels.

Quelle: FUNK, Heft 36, Jahr 1925. S. 446.

Die Veröffentlichung ist gemeinfrei.



Alfred Bofinger

Psychologie des Sendespiels

Die Süddeutsche Rundfunk A.-G. darf wohl für sich das Verdienst in Anspruch nehmen, die erste Sendung eines dramatischen Hörspiels durchgeführt zu haben: am 12. August 1924, kaum ein halbes Jahr nach der Er­öffnung des Stuttgarter Senders, brachten wir Ludwig Thomas „Erster Klasse" vor das Mikrophon. Der Erfolg war verblüffend, obgleich uns zur Darstellung fast nur Dilletanten zur Verfügung standen. Obgleich?... Viel­leicht gerade deshalb, denn die Wirkung dieses ersten Hörspiels ist seitdem nie wieder erreicht worden.

Dieser Thomasche Schwank schien mir der Typus eines rundfunkbrauch­baren Hörspiels: denn die Szene, das Abteil eines Eisenbahnwagens, gibt jedem Hörer eine eindeutige, klare und scharf umrissene Vorstellung; auch das akustische Szenarium schien mir durchaus geeignet: die Geräusche des anfahrenden, dampfausstoßenden, rollenden, bremsenden Zuges, das Öff­nen und Zuschlagen der Abteiltür, Glockenzeichen auf dem Bahnhof, die Abfahrtsignale des Zugführers; dazu auf den Stationen blökende Rinder, schnatternde Gänse, ländliche Blech­musik, Gesang und Gejohle, Und bei alledem das Entscheidende: das derbe Niveau des Stückes erlaubt die volle Entfaltung der akustischen Neben­mittel, ohne daß die Gefahr bestände, dadurch Feinheiten zu verletzen oder zu erdrücken. Auch die dramatischen Personen des Spiels sind scharf kon­trastiert; der Beamte, der Geschäfts­reisende, der Bauer, und diese Gegen­sätzlichkeit, die Arbeit der Hörer­-Phantasie ungemein anregend, wird noch betont durch mundartliche verschiedenheit der Sprechenden. Unterschiede und völlige Wesens- [Auslassung im Originaltext].
Schließlich ist die Gesamthaltung des Werkes denkbar primitiv; es gibt keine dramatischen oder psychologischen Labyrinthe zu durchwandern, und die humorvolle Grund­stimmung ist voraussetzungslos jedem verständlich.

Ich habe absichtlich die Gründe für meinen ersten Versuch hier genauer dargelegt, weil ich glaube, daß alle die Eigenschaften, die mir „Erster Klasse" so geeignet scheinen ließen, mehr oder jedes Bühnenwerk besitzen muß, das wir auf den Rundfunk übertragen. Und nach solchen und ähnlichen Gesichtspunkten wählte ich stets die Sendespiele aus, die wir in Stuttgart brachten.

Über hundert Wiedergaben - die Singspiele, Opern und Operetten nicht inbegriffen - haben wir seitdem in sechzehn Monaten durchgeführt, und zwar nach einem festen Programm-Grundsatz: wöchentlich ein Hörspiel in zyklischem Rahmen, etwa „das bürgerliche Schauspiel in Europa" umgrenzend, oder „das romantische Drama“; und außerhalb dieser planmäßigen Folge bemühen wir uns, möglichst jede Woche ein Werk vorwiegend unter­haltender Art in buntem Wechsel zu bieten.

Für den kommenden Winter planen wir verschiedene solcher Hörspiel-Reihen, so eine „Geschichte des deutschen Dramas" von Hrosvitha bis zur Gegenwart in dreizehn Abendveranstaltungen und eine zweite Reihe in zwölf Abenden „Die schönsten Lustspiele der Welt­literatur".

Grundsätzlich möchte ich behaupten: die Aufführung eines Hörspiels bedarf häufig einer vorangehenden Einführung und Erläuterung, und der Anschluß an die gleich­zeitige Etappe der „akustischen Kultur­geschichte" scheint mir höchst zweck­mäßig; denn er gibt Illustration, eine gegenseitige Ergänzung, fördert also in jedem Fall das Verständnis; die Umrahmung, die Füllung der Zwischen­akte und die Untermalung einzelner Szenen durch passende Musik steigert den Eindruck des „Milieus" und schafft dem Hörer gleichzeitig Erholung. Und noch eins: das Hörspiel braucht viele Proben! Ich habe oft gefunden, daß bühnenmäßig nicht einstudierte Schau­spieler und gut ausgewählte Dilet­tanten sich als geeigneter erweisen als Darsteller, die die Rolle schon auf der Bühne spielten; weil diese längst nicht so unbefangen vor das Mikro­phon treten, durch ihre Bühnen­erfahrung oft eingeengt sind und Bühnenmäßiges, Schauspielerisches auf den Rundfunk übertragen wollen.

Es scheint mir auch ein weitver­breiteter Irrtum, daß etwa das Lese­drama ein ideales Hörspiel abgebe; nein, ein schlechtes Theaterstück ist noch lange kein gutes Hörspiel! Eigens für den Rundfunk geschaffene Sendespiele halte ich als selbständige Gattung durchaus für möglich, aber - für unwahrscheinlich. Denn die Wie­derholungen im Rundfunk sind stet beschränkt, und die Verfasser solcher Hörspiele kämen kaum auf ihre Kosten; so fehlt der mächtigste Anreiz, wenigstens in unserer wirtschaftlich eingestellten Gegenwart.

Wiederholungen im Rundfunk sind stets beschränkt, und die Verfasser solcher Hörspiele kämen kaum auf ihre Kosten; so fehlt der mächtigste Anreiz, wenigstens in unserer wirtschaftlich eingestellten Gegenwart.

Aber für unbedingt notwendig halte ich die Schaffung einer dramaturgischen Zentrale des Rund­funks, die die Auswahl und Bearbeitung geeigneter Werke besorgt, das Rollenmaterial sammelt, die ent­sprechende Musik zu den -einzelnen Stücken beschafft, erläuternde Einführungen verfassen läßt, Diese ganze, recht umfangreiche und zeitraubende Arbeit wird heute von jeder Sendegesellschaft für jedes einzelne Stück be­sonders geleistet, und es scheint mir eine unfaßbare Ver­schwendung von Zeit, Kraft und Geld, alles Dinge, die heute in jeder Sendegesellschaft mit ihren 365 „Pre­mieren" im Jahr recht knapp sind.

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