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http://www.mediaculture-online.de
Autorin: Breitsameter, Sabine.
Titel: Radio-Wandel. Die Mobilisierung des Hörers.
Quelle: Sendemanuskript Südwestrundfunk, SWR2. 27. April 2007.
Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Autorin.
Sabine Breitsameter
Radio-Wandel. Die Mobilisierung des Hörers
Redaktion: Hans-Burkhard Schlichting
Die Sprecher
|
A |
Autorin |
|
E |
Erzähler |
|
ZM |
Zitator männlich |
|
ZF |
Zitator weiblich |
|
ZA |
Zitator(in) für alle Fälle |
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ÜN |
Übersetzer Noble |
|
ÜO |
Übersetzer Olivier |
Interviewpartner:
Andreas Haderlein,
Kulturwissenschaftler
Yukio King, Audiokünstler
Tim
Pritlove, Medienaktivist
Frank Niehusmann Komponist und
Audiokünstler
Teri Rueb, Audiokünstlerin
Michael
Noble, Kulturwissenschaftler
Irvic d’Olivier,
Medienaktivist
Heidi Schmidt, Leiterin ARD-online
Kursiv: O-Ton-Text
|
E: |
7. Dezember 2006: „You“, lautet der
lapidare Titel der US-amerikanischen Wochenzeitung „Time“.
Darauf eine Computertastatur sowie als spiegelnde Fläche ein
Monitor, in der sich jeder Käufer der aktuellen Ausgabe
betrachten kann, als „Mann“ oder „Frau des
Jahres“. |
|
ZF: |
„Du, Ja, Du“ |
|
E: |
so die Schlagzeile des Aufmachers
|
|
ZF: |
„Du steuerst das Informationszeitalter.
Willkommen in Deiner Welt.“ |
|
Ansage: |
Radio-Wandel. Die Mobilisierung des
Hörers |
|
O: |
(Edisons frühe Aufnahme
„Around the World on the Phonograph“ von 1885 liegt
unter dem folgenden Text) |
|
A: |
Schall auf die Reise schicken zu können:
Diese Sehnsucht ist uralt. Thomas Alva Edison hat sie in seiner
Aufnahme „Around the World on the Phonograph“ von 1885
dokumentiert, der wahrscheinlich ältesten noch vorhandenen
Aufzeichnung seiner Stimme. Erhalten ist sie auf einem
Wachszylinder des von ihm entwickelten Phonographen. Wer genau
zuhört, vernimmt, wie der erfolgreiche US-amerikanische
Erfinder und Vermarkter eine offensichtlich imaginäre
Reise beschreibt, die in New York beginnt, sich von Liverpool aus
weiter durch Europa fortsetzt, bis nach Asien. |
(Edison-Aufnahme s.o.)
|
E: |
Rund um die Welt konnte die menschliche Stimme
nun reisen, auf einem damals innovativen Tonaufzeichnungsgerät,
eingeschrieben in die weiche Oberfläche des Phonographen, in
Zinnfolie oder später Wachs, und jederzeit wiederbelebbar
durch Edisons elektromechanisches Verfahren. Doch die Sehnsucht,
Schall transportabel zu machen, reicht noch länger zurück.
Bis in die mythologischen Zeiten aller Kulturen und Kontinente. |
(Edison-Aufnahme s.o.)
|
ZA: |
So soll ein sagenhafter
chinesischer König ein geheimnisvolles schwarzes Kästchen
besessen haben. Dort hinein habe er seine Befehle gesprochen. Das
Kästchen schickte er in seinem Königreich umher, damit
seine Untertanen die Befehle hören und sie ausführen
konnten.“ (Murray Schafer, The Tuning of
the World, Toronto 1975 p, 121) |
|
O: |
(Edison-Brief von 1888, von James Whitehead,
DRA) |
|
ZA: |
Hier übermittelt der Lord Mayor von London
im Dezember 1888 dem weltberühmten Edison seine
Neujahrsglückwünsche. |
|
E: |
Er sandte sie ihm – gespeichert auf einem
Phonographen – als „gesprochenen Brief“ über
den großen Teich, damals buchstäblich der letzte
Schrei. Edison wollte damit seinen Phonographen vermarkten. Er
selbst nutzte ihn ausgiebig in der Kommunikation zwischen seinem
Büro in New Jersey und seiner Londoner Agentur. Schriftliche
Korrespondenz komplett durch mündliche Aufzeichnungen zu
ersetzen, das war es, was ihm vorschwebte. |
(Man hört das Rauschen der Wachswalze)
|
A: |
Telefon, Radio, Schallplatte: Klang zu
transportieren wurde im Verlauf des 20. Jahrhunderts immer
selbstverständlicher: Ende der 50er Jahren machte das
Kofferradio mobil. Tragbare Kassettenrecorder wurden ab Mitte der
siebziger Jahre immer erschwinglicher. Sie erlaubten es, die
kleinen praktischen Audiokassetten nicht nur zu hören, zu
tauschen, zu verschicken, sondern auch zu besprechen und zu
bespielen. Gesprochene Briefe auf Kassette mit eigenen Gedichten,
eigenen Kompositionen, persönlichen Grußadressen waren
bei den Teenagern im Zeitalter des Walkmans, zu Beginn der
achtziger beliebt. Und überhaupt: der Walkman. Ein Gerät,
klein genug für die Manteltasche, das den Hörer mit
Stimmen, Musiken, Geräuschen nach Gusto versorgte, ihn per
Kopfhörer einhüllte in den von ihm gewählten Klang
und ihm das Hören in Bewegung ermöglichte. |
(Auszug aus Audio Art Magazine)
|
A: |
„Audio Art Magazine“ nannte der
Londoner Künstler und Publizist Wiliam Furlong seine
Kassetten-Edition, die er von 1978 an monatlich in die Welt hinaus
sandte, an Abonnenten, interessiert an aktuellster akustischer
Kunst. In jeder Kassettenausgabe stellte Furlong Künstler
vor, spielte ihre Produktionen, ließ sie sowie Kuratoren,
Kritiker, Ausstellungsbesucher in Interviews zu Wort kommen und
vermittelte so diese ungewöhnliche und wenig bekannte Kunst
als lebendiges, dynamisches Szenario. |
|
E: |
Wie viel Zeit und Mühe er dafür
aufwenden mußte, jeden Monat die Kassetten nicht nur in
guter Qualität zu produzieren, sondern Hunderte davon zu
kopieren, einzutüten und zur Post zu bringen, wagt man sich
heute kaum vorzustellen. Und was mag das wohl gekostet haben? |
|
O: |
(Haderleins 1. Podshow) |
|
E: |
Andreas Haderlein, Jahrgang 1972, ist
Kulturwissenschaftler und Journalist. Er beschäftigt sich
seit einigen Jahren mit den Themen Neue Hörkultur, Internet
als Hörraum und Neue Medien. Im Mai 2005 begann er in
unregelmäßigen Abständen kleine radio-ähnliche
Sendungen zu seinen Themen zu produzieren. Er verteilt sie übers
Internet als Podcast: |
|
A: |
Mit ein paar Mausklicks können ausgewählte
Audiodateien mit einigen wenigen Mausklicks vom Internet auf den
Rechner und vom Rechner auf ein weißes, schwarzes oder
buntes Kästchen geladen werden. Dieses speichert die
Audiodateien, die man sich per Kopfhörer oder auch
angeschlossen an eine Stereo-Anlage, anhören kann. |
|
E: |
„Hybridsuite“, ist der etwas
kryptische Titel von Andreas Haderleins abrufbarem Programm.
Darin geht es um aktuelle inhaltliche und medienpraktische
Entwicklungen im Bereich Audiomedien, um neue Diskursbeiträge
zum Thema Hören und um die gelegentliche Präsentation
eigener Musikstücke. |
(O-Ton Podshow hoch)
|
A: |
Haderlein ist kein berühmter
Medientheoretiker, kein preisgekrönter Radiomacher, und auch
seine Musik, die er in den Podcasts vorstellt, hat keinen
nennenswerten Bekanntheitsgrad. Mag sein, dass seine Moderationen
nicht ganz so formvollendet klingen wie diejenigen seiner
etablierten Kulturradiokollegen. Aber er kennt sich mit den
Themen, die er in seinen Podcasts behandelt, gut aus, beschreibt
lebendig die neuesten Entwicklungen und schildert sie
kenntnisreich auf persönliche Weise. Für mehrere hundert
Interessierte weltweit Grund genug, seinen Podcast zu abonnieren. |
(O-Ton hoch und endet)
|
ZA: |
Wer einen Podcast abonniert, tippt einfach
dessen Webadresse in die „Podcatcher“- Software seines
Rechners ein, beispielsweise in iTunes. Dabei bleibt man
völlig anonym. |
Haderlein
Podcast
ist in der Tat ein sehr junges Phänomen, technologisch gesehen,
obwohl die technologische Revolution, die dahinter liegt, gar nicht
so großartig ist.
|
E: |
Abonnierbare Webseiten sind längst von den
sogenannten Blogs bekannt. Weblogs oder Blogs erlauben ihren
Teilnehmer ein Thema auf einer eigens dafür eingerichteten
Webseite zu kommentieren, in aller Regel schriftlich, und so der
Szene, der Community, der Öffentlichkeit im Netz seine
Themen, Gedanken und Meinungen darzulegen. |
Haderlein
Das
Podcasting wurde erfunden von Adam Curry, einem MTV-Moderator, der
über so genannte RSS-Feeds, das sind abonnierbare Webseiten oder
News-Feeds, das kennen Sie vielleicht von den Tageszeitungen her, da
kann man auch News-Feeds abonnieren, die man dann abrufen kann.
|
A: |
RSS-Feed, das ist der technische
Schlüsselbegriff für Podcasting. Man kann sich RSS-Feeds
als Kanäle vorstellen, die extra dafür eingerichtet
wurden, um das Vorhandensein einer neuen Episode im Netz
automatisch zu ermitteln und gegebenenfalls auf den Rechner
runterzuladen. |
|
E: |
Adam Curry, Spitzname: „The Podfather“,
war der Ideengeber für abonnierbare Klänge im Netz
und derjenige, der das technische Verfahren mit seinen Inhalten
populär gemacht hat. |
|
A: |
Der technische Erfinder des Podcasting ist Dave
Winer, ein Programmierer, der bereits RSS-Feeds für
schriftliche Mitteilungen, für Weblogs, entwickelt hatte. Auf
Anregung Currys, aber auch eines bekannten US-amerikanischen
Politik- und Wissenschaftsjournalisten namens Christopher Lydon,
aktualisierte er seine Feed-Technologie auf mp3-Dateien hin, so
daß sie automatisch erkannt und per RSS-Kanal
heruntergeladen werden konnten. |
|
E: |
September 2003: In Zusammenarbeit mit
Christopher Lydon, der in seinen Beiträgen den Wahlkampf um
die US-Präsidentschaft 2004 kritisch begleitete, schuf
Dave Winer für Lydon die ersten technischen Versionen für
das automatische Suchen, Finden, Abonnieren und Herunterladen von
Audiodateien im Netz. Es gelang. Und Christopher Lydon, ehemals
Mitarbeiter der National Public Radio, hatte plötzlich sein
eigenes Medium. Ein Medium, das noch namenlos war. |
|
A: |
Adam Curry knüpft an diese Entwicklung an,
animiert Dave Winer und seine Freunde in der Szene, die bisherigen
Funktionen zu verbessern und macht sich mit der Funktionsweisen
und Herstellung von mp3-RSS-Feeds in der Praxis bekannt. |
Haderlein
Der
Sender, derjenige, der den Feed erstellt, produziert Audiomaterial,
stellt das in diesem Feed immer bereit, und es kann ausgelesen werden
von einem sogenannten Feedreader. Dann wird immer die aktuelle
Sendung (.) auf meine Oberfläche geladen, wo ich eben den
Podcast abonniert habe.
|
A: |
...automatisch auf die Schreibtischoberfläche
des Rechners. Einmal einen Podcast abonniert, entfällt
jegliche Sucherei. Und auch das Platzieren der Files auf dem
mobilen mp3-Player, ist kein Akt. Dann hat man das Programm auf
jeden Fall gespeichert und kann es sich irgendwann anhören. |
|
E: |
Im Sommer 2004 produzierte Adam Curry mit Dave
Winers innovativen Verfahren, seine erste im Internet abonnierbare
Audiosendung „Daily Source Code“. Sie hat insbesondere
die technische Entstehung und Optimierung des neuen Systems zum
Inhalt. Currys Episoden machen das Verfahren populär, zeigen,
wie umgemein flexibel, einfach und praktisch es ist. Seine
Abonnenten gehen in die Tausende. |
(Daily Source Code-
Hörbeispiel)
(geht über in Leitmotiv)
Noble
I got
home from work one evening and there is this elderly man sitting on
the steps
|
ÜN: |
Eines Abends komme ich nach Hause, und vor
meiner Tür sitzt ein älterer Mann. Verzweifelt ruft er
einen Satz aus, immer wieder. |
|
ZM: |
Michael Noblet ein junger australischer
Hörforscher und Audiokünstler aus der Nähe von
Sydney. |
Noble
People
are passing by...
|
Ü: |
Die Menschen laufen vorbei und ignorieren ihn.
Seine Phrase, die man kaum versteht, drückt Verzweiflung aus.
Er versucht, seine Botschaft zu vermitteln, aber niemand hört
ihm zu. Aber niemand läßt sich auf ihn ein. Niemand
tritt mit ihm in Austausch. Er gewinnt keine Beziehung zu den
Menschen um ihn herum. Keine Kommunikation zwischen ihm und der
Welt, die ihn umgibt. Was er sagen will, geht einfach unter. |
(Man hört den Mann nochmal)
Noble
For me
that’s symbolized (.) when you are trying to develop a thesis
|
Ü: |
Für mich symbolisiert dieses Hörerlebnis
wie man sich typischerweise isoliert im Kreis drehen kann, wenn
man einen literarischen Text verfaßt, eine wissenschaftliche
Arbeit oder eine Komposition. |
Noble
What I
want to avoid (?)
|
Ü: |
Ich möchte vermeiden, daß mir in
meiner Arbeit und meinem Leben etwas Derartiges passiert und frage
mich, welche sozialen Strukturen, Methoden und Werkzeuge man
anwenden oder entwickeln kann, um die Beziehungslosigkeit, in
welcher der alte Mann vor meiner Tür gefangen war, zu
vermeiden. Haben die neuen Webtechnologien und die damit
verbundenen Kommentar-Systeme, Weblogs und Podcasts hier
vielleicht einen positiven Effekt? Ich möchte das
herausfinden. |
(Leitmotiv)
Pritlove
Mein
Name ist Tim Pritlove, ich bin seit Ewigkeiten mit Computern zugange,
(.) mal als Programmierer, mal als Veranstalter von Konferenzen und
auch als eigener Publizierer im Netz, wie das so viele machen, (..)
Ich hab schon etwas länger eine Radioerfahrung, weil wir mit dem
Chaos Computerclub vor 11 Jahren mit einer Sendung namens Chaosradio
begonnen haben, wir haben die Möglichkeit gehabt, beim
Radiosender Fritz vom ORB, heute RBB, einmal im Monat eine
Drei-Stunden Talksendung zu machen zu unseren Themen, die wir auch
frei gestalten können. (...)
Wir haben schon immer die
Aufzeichnungen der Sendung in das Internet gestellt, die Leute
konnten sich das halt herunterladen. Podcast ist i.G. nichts anderes
als dass dieser Vorgang vereinfacht wird.
|
E: |
Zur Erinnerung: Als Mitte der 90er Jahre die
neue Methode des Webcasting im Internet erlaubte, ähnlich wie
ein Radiosender, ein lineares Programm zu senden, einen so
genannten Stream, nutzten namentlich Künstler und
Medienaktivisten diese Möglichkeit, ihre Audioproduktionen zu
veröffentlichen. Nun war es nicht mehr nötig, das
Nadelöhr der etablierten Sender zu passieren. Auch der Traum,
einen eigenen Radiosender zu haben und mit eigenen Inhalten zu
füllen, konnte nun – per Internet – realisiert
werden. Während ein On-air-Sender aufwändig, teuer und
mit nur geringen Erfolgsaussichten bei den Behörden
Sendefrequenz und –lizenz beantragen muß, steht das
Webcasting im Internet jedem offen, der die nötigen
technischen Kenntnisse hat. |
(Trailer Radio O-Zone)
|
A: |
Zu den künstlerischen Pionieren im Bereich
des Webcasting zählte das ettische „Relab.net“,
das mit den wöchentlichen Internet-Streams ihres
vielfach preisgekrönten „Radio Ozone“ auf sich
und seine Audioperformances aufmerksam machte, |
(Klangbeispiel)
|
A: |
Dies nicht nur per Webcasting, sondern –
wie viele andere auch - per Audio on Demand: So war das Archiv der
vergangenen Sendungen online abrufbar. |
|
E: |
Audio on Demand: Klänge, die im Internet
auf Abruf zur Verfügung stehen. Die man sich unabhängig
von einem vorgegebenen Programmverlauf, dann, wenn man Zeit und
Muße hat, auf den Rechner laden kann: Seit der sogenannten
mp3-Revolution Ende der 90er Jahre, durch welche die Qualität
von Klang im Netz entscheidend verbessert wurde, ist die Zahl von
Datenbanken, die etwa Audiokunst, Hörspiel oder
elektroakustische Musik anbieten, ins Astronomische gestiegen. |
Haderlein
Eigentlich
hat nur dieses Quäntchen gefehlt, diese Abonnierfunktion, dieses
Abonnement, in einem RSS-Feed, was das Ganze wirklich dann auch
realisierbar macht.
|
A: |
... und aus Audiodateien zum Runterladen
Podcast-Episoden macht. |
|
E: |
Die Möglichkeit, Audio im Netz zu
veröffentlichen, dort quasi als Sender aufzutreten, hat die
medienpolitische Diskussion seit Ende der 90er Jahre sehr belebt.
Die Forderung von Künstlern nach eigenen Audiokunst-Sendern
on air, in denen sie jenseits gängiger Radioprogramme
avancierte Kunst produzieren und präsentieren können,
wurzelt im Webcasting und der Erfahrung, dabei als Sender autonom
sein zu können. Die Möglichkeit, ein Radio zu machen,
das aus der Mitte einer Community heraus entsteht, egal ob aus
einer orts- oder themenbezogenen oder eine künstlerischen
Gemeinschaft, ist in Deutschland, insbesondere reallisiert durch
Veranstaltungsradios wie das deutsch-polnische „Radio_Copernicus“
oder den Sender „Dresdener Postplatz“, zu einem
medien- und kulturpolitischen Modell geworden geworden, das immer
häufiger in Erscheinung tritt. |
(Leitmotiv)
Niehusmann
So
wie wir früher in der elektronischen Musik gezwungen waren, an
der Universität in das große Studio für elektronische
Musik zu gehen und dort die Produktionsmittel zu nutzen,
so sind wir ja heute in der Lage, das alles mit dem Laptop auf dem
Schreibtisch zu machen, mehr oder weniger alles.
|
ZA: |
Frank Niehusmann, Komponist, Audiokünstler
und Podcaster. |
Niehusmann
Der
gleiche Demokratisierungsprozess findet jetzt auf der
Distributionsebene statt, und ja, es ist ein
Demokratisierungsprozess, Können kann jetzt jeder, und jetzt
stehen die Dinge zur allgemeinen Betrachtung, Besichtigung,
Beobachtung frei, nebeneinander, und da muss sich einfach zeigen,
welchen Geschmack hast Du als Hörer und welche Einzigartigkeit
bewerkstellige ich als Komponist, und so müssen wir uns finden.
(Leitmotiv)
Haderlein
Zum
ersten Mal bin ich auf den Namen Pod gestoßen, das war ein Film
von einem kanadischen Regisseur, der heißt David Cronenberg.
(..) Und dort, in seinem Film „eXistenZ“ gab es diesen
Pod.
|
A: |
Walkman, Transistorradio, Wachszylinder, und
schließlich das legendäre chinesische Kästchen:
Sie alle werden seit Beginn des neuen Jahrhunderts komplett
ausgestochen durch ein schwarzes, weißes oder buntes
zierliches Plastikteil, das, modisch gestylt, seinen Benutzer
aufwertet und ihn gleichzeitig mit Klängen versorgt. |
Haderlein
Und
dieser Pod (.) das war der Joystick, etwas Organisches, was (.)
über diese berühmte Öffnung, die im Film (.)
dargestellt wurde, mit dem Rückenmark des jeweils Spielenden
verbunden war. Und man hat sich dort in die reale Virtualität
sozusagen hinein gegriffen mittels dieses Pods, na ja...
|
A: |
Pod: P-o-d: Steht das für Portable
Audio Device? |
Haderlein
...Audio,
genau Portable Audio device. Ja, das ist… LACHT.
|
A: |
Oder: Program on Demand – Programm auf
Abruf? |
Haderlein
LACHT.
Wieso nicht, ja. Hm.
|
E: |
Rückmeldungen auf eine E-Mail-Rundfrage
unter britischen Radiowissenschaftlern: |
|
ZM: |
„Das Wort Pod wurde von jeher benutzt, um
eine schützende Behausung oder Hülle zu bezeichnen, die
außerhalb eines Körpers, Gebäudes oder Fahrzeugs
siedelt, und zwar für jegliche Art von Ausrüstung.“ |
|
ZF: |
„Es ist ein altes englisches Wort und
meint ursprünglich eine Schale oder Hülse für
Pflanzensamen. Erbsen beispielsweise reifen in ‚pods’
heran.“ |
|
ZA: |
„In Stanley Kubricks Film ‚2001 –
Odyssee im Weltraum’ weist jemand den Computer an: ‚HAL,
öffne die Türen des Pod-Anlegers!’ Pods, das waren
bei Kubrick diese kleinen bewaffneten Ein-Mann-Raumschiffe, die
bei schwierigen Manövern eingesetzt wurden.“ |
|
ZF: |
„Pod, im Sinne von iPod ist eine
Wortschöpfung der Computerfirma Apple. Apple beansprucht das
Wort „pod“ als Markennamen und droht jedem, der das
Wort verwertet, mit einem Prozeß.“ |
Haderlein
...ein
mobiles Gerät auf jeden Fall, etwas, was ich mitnehmen kann, was
nicht feststeht, ich glaub das alles kann man unter Pod subsumieren.
|
E: |
Das alles und noch viel mehr: Kommerziellen
Erfolg, Viel Speicherplatz auf kleinem Raum. Schickes Design.
Leichte Handhabung. Überall einsatzfähig: Der iPod der
Firma Apple hat sich seit 2002 etwa 20 Millionen mal verkauft. Und
Dutzende von anderen mp3-Playern, die sich aus markenrechtlichen
Gründen nicht „Pod“ nennen dürfen, zählen
ebenfalls zu den Verkaufsschlagern der Unterhaltungselektronik. . |
(Leitmotiv)
|
ZM: |
Issue |
|
ZF: |
Thema, Streitfrage. |
|
A: |
...der erste Schritt, mit der ein
Kommunikationskreislauf gestartet wird. |
Noble
The
issue: To set a subject that’s possible
|
ÜN: |
Zu Anfang setzt man ein Thema, egal ob als
Autor, Komponist oder Wissenschaftler. Es geht darum, dass es
zunächst einfach nur da ist. Indem man es öffentlich
präsentiert, appelliert man an seine Zeitgenossen: Hier ist
etwas. Schaut es Euch an! Man hofft, daß es jemand zur
Kenntnis nimmt. |
|
A: |
Was könnte ein solches Thema sein? |
Noble
For us it
is interesting.
|
ÜN: |
Was uns hier interessiert, ist: Was ist
eigentlich Podcasting, woher kommt es und wie kann es sich auf das
Verhältnis von Hörkultur, Audiokunst und Radio
auswirken? |
(Leitmotiv)
|
ZM: |
Loop |
|
ZF: |
Schleife - repetitive Struktur -
Kommunikationskreislauf. |
|
A: |
...die zweite Stufe. Ein Thema wird
gemeinschaftlich entwickelt. Man sucht weitere Aspekte und
Erkenntnisse darüber. |
Noble
The
issue is in the loop. Somebody have a look at it.
|
ÜN: |
Wenn ein Thema, eine Streitfrage veröffentlicht
ist, dann wünscht man sich, dass es jemand zur Kenntnis
nimmt. Man muß es in Umlauf bringen, dafür sorgen, dass
es in den Loop hinein kommt. |
Noble
So you
can set up and also later for example
|
ÜN: |
Aber wie soll man das machen? Früher
musste man hoffen, dass sich dort, wo man lebt und arbeitet,
genügend Interessenten finden. Das funktionierte aber nicht
immer. Über das Internet hat man die Chance, weltweit
Interessenten zu finden. Menschen, die sich mit ähnlichen
Themen beschäftigen. Wir können über das Netz
miteinander kommunizieren, können unsere gemeinsame Sache
voranbringen. Wir müssen uns aber zuerst finden und dann eine
Plattform haben, auf der wir zusammen aktiv sein können. Dann
kann eine Community entstehen. |
(Leitmotiv)
|
ZM: |
„Audioblogging? Podcasting?
GuerillaMedia? – Wie soll man dieses Phänomen
nennen?“, fragte der Londoner Guardian am 12. Februar 2004
und schildert die ersten Unternehmungen von Christopher Lydon,
per abonnierbarem Audio, ohne zwischengeschaltete Institution
oder Chefredaktion, sein eigenes Medium zur Verfügung
zu haben. |
|
E: |
Senden ohne Transmitter. Empfangen ohne
Receiver. Distribuieren ohne Radiowellen. Sondern per Datenkopie,
die auf einem geheimnisvollen schwarzen, bunten oder weißen
Kästchen namens Pod gespeichert werden kann. |
|
A: |
Podcasting, das saß. Der Begriff blieb.
|
|
E: |
Gadget schlägt Aktivismus. |
(Leitmotiv)
|
E: |
2.10.04: Als erster deutscher Podcast
gelten Nicolas Oestreichs „AudioNews“, in denen er
die Besucher seiner Website „Pochoirs“ über
nützliche Softwares für iPod und iTunes informiert.
Sein Ziel: Podcasting bekannt zu machen, und dessen Nutzung wie
Produktion zu fördern. |
(Leitmotiv)
Haderlein
Ich
bin kein Technikfreak. (..) Und ich habe gemerkt, mit den Feeds und
mit dem Podcast, da muss man erstmal durchsteigen(..). Aber als es
dann an das Podcasting ging, das war für mich: Mensch, das ist
es, auf was ich gewartet habe, und was ich eigentlich
auch (.) vorausgesehen habe (.), nämlich dass der
Empfänger zum Senderempfänger wird.
|
A: |
Jedem sein Sendekanal. Jedem seine Möglichkeit,
Inhalte zu verbreiten. Was das Internet Ende der 90er Jahre durch
das Streaming zwar verhieß, sich aber als technisch
vergleichsweise aufwändig und vor allem störanfällig
erwies: durch das Podcasting und seine komfortable
Produktionsmethode wird es für jedermann ausgesprochen
einfach, sich öffentlich zu verbreiten. |
|
ZM: |
„Der Rundfunk wäre der denkbar
großartigste Kommunikationsapparat des öffentlichen
Lebens (...), wenn er verstünde, nicht nur auszusenden,
sondern auch zu empfangen, also den Zuhörer nicht nur hören,
sondern auch sprechen zu machen und ihn nicht zu isolieren,
sondern ihn auch in Beziehung zu setzen.“ |
|
ZA: |
Bertolt Brecht in seinem 1930 gehaltenen
Vortrag „Der Rundfunk als Kommunikationsapparat“. |
|
A: |
In Beziehung setzen.: Das meint, die Beziehung
von Sender und Empfänger kehrt sich nicht einfach um, sondern
wird dynamisch und flexibel. Aus der definierten Rolle des
Empfängers, der zurückgelehnt dem Sendermonopol lauscht,
kann und soll eine bewegliche Doppelrolle werden: die eines
Senderempfängers. |
(Es folgen collagierte Beispiele verschiedener Podcasts von Individuen bzw. Institutionen: das Campus-Radio der Hochschule Darmstadt, „Schlaflos in München“ von Annik Gubens etc. etc. )
(Leitmotiv)
Noble
You can
repeat a book, but it doesn’t let you into the loop.
|
ÜN: |
Ein Buch, eine CD, eine Radiosendung, auch wenn
man noch so oft darüber spricht oder schreibt, öffnet
Dir nicht den Kommunikationskreislauf, nicht das unmittelbare
Netzwerk an Rückmeldungsmöglichkeiten. Der Rezipient
bleibt Rezipient. – Worum es mir geht: ich möchte
Texte, Produktionen jedweder Art, dynamischer machen, offener, sie
nicht als abgeschlossene und abgesichertes Elaborate begreifen.
Ich und viele andere, wir wollen uns nicht als die Allwissenden
präsentieren. Manchmal ist es sehr viel spannender, seiner
Communityzu signalisieren: Ich bin an Deiner Meinung interessiert.
Nicht: Hey, ich weiß was. Oder: Ich möchte mein Thema
von verschiedenen Gesichtspunkten aus bearbeiten. Und nicht: Ich
erzähl Euch mal meine Ansicht. - Dabei ändert man
natürlich auch seine Rolle: Man muß Kontrolle abgeben,
sonst kann man den Prozeß nicht für die anderen
Interessierten öffnen. |
(Leitmotiv endet)
|
ZF: |
28. September 2004: Gibt man das Wort Podcast
ein, erzielt Google 24 Treffer. |
|
ZM: |
30. September 2004: 526 Treffer. |
|
ZF: |
3. Oktober 2004: 2750 Treffer. |
|
ZM: |
27. März 2005: Die Sendung ‚SWR2
Wissen’ unter der Leitung von Detlef Clas stellt den ersten
Podcast der ARD ins Internet. Thema: „Weltweit. Der
27. März 2005“ - mit Beiträgen aus allen
Kontinenten. |
|
ZF: |
18. Oktober 2005: Die Trefferquote des Worts
„Podcast“ bei Google überschritt 100.000. |
|
ZM: |
24. November 2005: Die Trefferquote liegt über
1 Million. |
|
ZF: |
1. April 2006: 8 Millionen mal wird der Begriff
„Podcast“ im Internet gefunden. |
|
ZM: |
2. April 2007: Der Begriff kommt laut der
Suchmaschine Google im Internet rund 25 Millionen mal vor. |
(Hörbeispiel)
|
E: |
Im San Francisco Museum of Modern Art will man
mittels Podcast neue Besuchergruppen gewinnen, vor allem Menschen
zwischen 20 und 30 Jahren. |
|
A: |
Wer einen mp3-Player vorweisen kann, der die
Podcasts des Museums speichert, erhält zwei Doller
Ermäßigung. |
|
E: |
Für sogenannten „ArtCasts“,
die wie Radiosendungen aufgebaut sind, werden Programme
entwickelt, die das Ausstellungsprogramm ergänzen oder auf
alternative Weise beleuchten: Literaturlesungen, Audioperformances
oder Hörspiele. – Auf ein jüngeres Publikum zielt
ebenfalls der Podcast-Museumsführer des Jüdischen
Museums Berlin, den man sich bereits vorab von der Website
runterladen kann. Das Sigmund-Freud-Museum in Wien stellt auf
seiner Website Podcasts mit Musik und Originaltönen als
ergänzende Information zur Verfügung. Ebenso das
ZKM Karlsruhe. |
|
A: |
Das Museum wird zum Sender. Die Stimmen ihrer
Besucher agieren als Kunstexperten. |
|
E: |
Es gibt da noch eine ganze Reihe von
inoffiziellen Museums-Führern, zum Beispiel von der
Künstlergruppe „Art Mob“, die an Ausstellungen in
New York City anknüpft, Interviewcollagen dazu bietet,
Soundscapes oder humorvolle Kommentare. |
(Hörbeispiel endet)
Haderlein
Ich
hör mir (Podcasts) an, wenn ich die Zeit dazu habe. Und die
Zeit, die wir heutzutage haben, die findet meistens, ja, in den so
genannten „Third Places“ zwischen Arbeit und zuhause
statt, im Auto, oder meinetwegen in den Cafes (.) wo man (.) auch
Ruhe findet. (Das ist) ein dritter Ort zwischen Arbeit und Freizeit,
in dem wir in einer mobiler werdenden Gesellschaft immer mehr Zeit
verbringen. Die Autofahrt, die klassische, von zuhause ins Büro
ist eigentlich das treffendste Bsp. Dort hab ich auch meine meisten
Podcasts gehört bisher.
|
A |
...oder beim Warten auf den Bus, in der U-Bahn,
beim Zugfahren, beim Sport, ei Spaziergängen. |
Haderlein
(..)
Und beim Hund-Ausführen übrigens auch.
(Schritte im Watt Teri Rueb-Installation)
|
A: |
Aber kann mobiles Hören überhaupt ein
aufmerksames Hören sein? Entspricht es nicht vielmehr der
„zerstreuten Rezeption“, wie sie von Walter Benjamin
bereits 1935 als charakteristisch für das Medium Film
beschrieben wurde? |
|
E: |
Im Konzert, vor dem Radio oder vor der
Stereoanlage soll der Zuhörer – ähnlich wie in
Schule oder Gottesdienst – von jeher seinen Platz einnehmen.
Still und aufmerksam soll er die Ohren auf die Bühne oder zu
den Lautsprechern – nach vorne also – ausrichten und
sich nicht von der Stelle rühren. Denn nur das Verharren
garantiere ihm, so heißt es, die Konzentration auf das, was
Komponist, Autor, Regisseur sorgfältig produziert und
vollendet haben. |
|
A: |
Ein Blick in die jüngste Kunst- und
Kulturgeschichte zeigt: Mobile akustische Aktionen, wie zum
Beispiel das von dem kanadischen Komponisten und Klangforscher
Murray Schafer ins Leben gerufenen „Soundwalking“,
haben das bewusste Hören erfolgreich zum ihrem Programm
erhoben. Statt auf den Sitzplatz im Konzertsaal führen die
Klangspaziergänge durch die Straßen der Stadt oder in
die Natur hinaus. Indem sie ihre Teilnehmer in Bewegung setzen,
sie zu akustischer Aufmerksamkeit motivieren, stellen sie ihnen
anheim, ihren eigenen Hörfokus zu setzen und sich somit aus
der Vielzahl der akustischen Eindrücke ihre subjektiven
Hörwelt selbst zu mischen. Ähnliches gilt für das
künstlerische Genre der Klanginstallation, das sich seit den
80er Jahren entfaltet. |
(Teri Rueb)
|
A: |
Längst setzen zahlreiche Audio-Künstler
ihre Hörer in Bewegung. So zum Beispiel auch die
US-amerikanische Audiokünstlerin Teri Rueb. Sie schickt die
Teilnehmer ihrer Installationen los, durch die Innenstadt Bostons
etwa, oder –wie hier zu hören – durch das Watt
vor Cuxhaven, mit Kopfhörern und einem kleinen Rucksack.
Darin steckt ein Global Positioning System, das in Abhängigkeit
der geographischen Koordinaten des Wanderers, Klänge auslöst,
die Teri Rueb speziell für einen speziellen Ort geschaffen
hat. Diese Klänge kann man über Kopfhörer hören.
Sie sind gespeichert auf einem mobilen Player, der in dem Rucksack
steckt, den man mitbekommen hat. Fast könnte man Teri Ruebs
Arbeiten als Podcasts bezeichnen. Als Podcasts, deren
Programmabfolge von der Bewegung im Raum des einzelnen Besuchers
bestimmt wird. |
|
E: |
Fast. Denn Teri Rueb stellt ihre Klänge
nicht über das Internet zur Verfügung. Wer sie hören
möchte, muß in den realen Raum, in die materielle
Wirklichkeit treten, die sie dafür ausgewählt hat. |
|
A: |
Das gleichförmig-rhythmische Wandern, die
sichtbaren Landschaftseindrücke sowie die akustischen
Materialien der Künstlerin: diese Faktoren wirken zusammen
und machen das Hören hier zu einem besonders intensiven
Erlebnis. |
Rueb
There ist
his huge longing
|
ÜR: |
Heutzutage ist ein großer Wunsch da nach
räumlicher Unabhängigkeit, was ja auch ein
grundsätzlicher Wunsch von Klang-Installationen ist. Früher
blieben diese oftmals auf geschlossene Räume beschränkt.
Und dieser Wunsch, diese Grenzen noch mal zu überschreiten,
also noch mobiler zu sein, der hängt sicherlich mit unserer
Zeit zusammen. |
(Rueb-Beispiel Ende)
|
E: |
Hören und Gehen: Im Durchmessen von Orten
und Räumen intensive und besondere Hörerfahrungen zu
machen: darauf bauen auch die Podcasts des jungen Berliner
Audiokünstlers Yukio King. Was ihm auf seinen
akustischen Stadt-Spaziergängen vors Mikrophon kommt und
besonders hörenswürdig erscheint, nimmt er auf und
stellt es als Podcast bereit, so wie hier die Soundscape der
Warschauer Brücke in Berlin-Kreuzberg, |
(Klangbeispiel)
King 7
Mein
Podcast heißt Berlincast. com. Ich sag immer „Punkt Com“
weil es tatsächlich eine (.) Firma gibt mit einer anderen
Website, namens Berlincast, (.) weil ich will keine rechtlichen
Schwierigkeiten bekommen. Aber auf jeden Fall ist es einfach ein
Podcast, (.) das ist praktisch wie ein Blog, aber man kann die
Episoden herunterladen.
(Türkenmarkt Kreuzberg)
|
E: |
Der Türkenmarkt am Maybachufer, der
Neuköllner Helmholtzplatz, ein Spielplatz am Prenzlauer Berg,
das Geräusch der Berliner U-Bahn bei der Einfahrt auf
den Bahnhof Gleisdreieck: all diese Dinge stellt King seit Sommer
2005 regelmäßig als Podcast zur Verfügung. |
(anderes Hörbeispiel)
King
Kurz
danach, nachdem ich angefangen habe mit dem Podcast, hab ich mich
angemeldet bei einem Webtool, (.) man kann da Webseitenbesucher
auswerten, wo die alle herkommen, und dann wird es auf einer
Landkarte dargestellt,. Das hat mich total fasziniert. Wie kommt
jemand in Japan auf meine Seite oder (.) in Afrika? (.). Auf jeden
Fall ist es faszinierend, dass plötzlich die Welt vor der Tür
steht, und man kann sein Konzept vorstellen.
(Hörbeispiel)
King
Es gibt
eine Möglichkeit, auf meiner Seite Kommentare abzugeben und das
Lustige ist, diejenigen, die einen Kommentar abgegeben haben, waren
entweder Berliner, die im Ausland wohnen, oder Leute, die hier
gewohnt haben, und die fanden das einfach so schön, weil die
kannten diese Orte, diese Ecken, und die wurden innerhalb von zwei
Sekunden durch diesen Klang dorthin transportiert. Die hatten so eine
Nostalgie, es war so stark
(Hörbeispiel)
|
E: |
Über 2000 Hörer haben sich bisher die
Berliner Soundscapes von Yukio Kings Website herunter geladen. |
|
A: |
Die Rückmeldungen scheinen den jungen
Künstler anzuspornen. Durch seine Podcasts hat er
begonnen, sich einen Ruf als Soundscape-Künstler aufzubauen.
Er selbst ist, wie viele andere auch, zum Sender geworden. Ohne
Redakteur, ohne Frequenz, ohne Sendeanstalt. |
(Hörbeispiel endet)
|
E: |
Web 2.0 lautet das Schlagwort, unter welchem
auch das Phänomen Podcasting in der Szene der Internet-
Entwickler subsumiert wird. Tim O’Reilly, einer der
Vordenker des „World Wide Web“ prägte den
Ausdruck 2004 auf einer Konferenz in San Francisco: |
|
ZM: |
„Die alten Medien haben versucht, das
Internet nach ihrem Weltbild zu gestalten.“ |
|
A: |
...indem sie vorwiegend Strukturen abgebildet
haben, die sie schon kannten: vor allem die
„One-to-Many“-Kommunikation des Rundfunks, der von
einem Zentrum aus sendet und von seinen Hörern ohne
unmittelbaren Kanal der Rückmeldung entgegengenommen wird. |
|
Z: |
„Seit Gutenbergs Erfindung der
Druckerpresse im ausgehenden Mittelalter hat sich kaum etwas
geändert: Es gab wenige, professionelle, Sender und zahllose
Empfänger.“ |
Pritlove
Die
junge Generation, ja, für die ist Internet so was Normales wie
ne Steckdose oder ein Wasserhahn, und so muss das ja auch sein.
|
E: |
Tim Pritlove vom Chaos-Computer-Club.
Radiomacher on air, bei Radio Fritz, ORB, und online, auf seiner
Website namens „Blinkenlights“. |
Pritlove
Da ist
auf jeden Fall ganz klar sichtbar (.) ein Bedürfnis nach
Mitteilung. (.) Aber vielleicht auch ein Ausleben von
Meinungsvielfalt, um sich selbst als Meinungsteilhaber in den Raum zu
stellen... dass man selbst beginnt, eine Diskussion zu eröffnen
im Netz, indem man einfach seine eigene Meinung in Worte kleidet und
diese Worte dann auch publiziert.
|
E: |
„User generated content“: Die Nutzer sollen es sein, die ihre Texte, Bilder, Videos und Sounds ins Netz stellen, auf Websites wie Flickr und YouTube etwa, die in den zahllosen Foren Kommentare zu ihren Themen abgeben, die ihr eigenes Wissen für andere aufbereiten, wie beispielsweise in der offenen Enzyklopädie Wikipedia, oder ihre Radiosendungen als Podcasts abrufbar machen. – Gemäß dieser Vision sollen aus bislang entgegennehmenden Konsumenten aktive Macher und Produzenten werden. Millionen Leser, Radiohörer, Zuschauer können und wollen sich ihre Inhalte für sich und ihresgleichen in immer größerem Umfang selbst schaffen und tun bis bereits.
|
|
A: |
Aber was ist neu daran? Daß die Nutzer in
die Lage versetzt werden sollen, die Inhalte zu liefern, ganz im
Sinne Bertolt Brechts, diese Forderung wird seit Ende der 90er
Jahre von den Protagonisten der unabhängigen Internetszene
erhoben, insbesondere auch von Audiokünstlern. Interaktion
war der Schlüsselbegriff. Damals entwickelte man interaktive
Systeme, in welchen die Eingaben der aktiven Nutzer gemäß
dem Masterplan des Künstlers verarbeitet, umgeformt, ihm
anverwandelt wurden. Geht es beim „Web 2.0“ um
möglichst einfach zu nutzende Mitmachplattformen, so ging es
damals um komplexe Interaktion und künstlerische Ansprüche.
|
|
E: |
Bei den Ansätzen gemeinsam ist allerdings,
dass sie nicht im Produkt, sondern in der Aktivität Sinn und
Ziel ihres Vorhaben sehen. |
Pritlove
Und
das ist, glaube ich auch eines der Versprechen des Web 2.0, was ein
Begriff ist, der immer gerade so gedreht wird, wie es dem einzelnen
passt. Trotzdem steckt da schon was dahinter, der Begriff bezeichnet
ja das Erwachsenwerden der Technologien auf der einen Seite, und auch
die Gewöhnung der Menschen an das Internet auf der anderen
Seite.
|
E: |
Ob Weblogs, Wikis, Foren oder Podcasts: Durch
die mittlerweile ausgereiften Werkzeuge, die einfach zu
handhabenden Softwares, die nun zur Verfügung stehen,
scheinen dem „User generated content“ keine Grenzen
gesetzt. Jeder, der will, kann seine Themen, Meinungen und
Produktionen der Internet-Öffentlichkeit präsentieren. |
|
A: |
Angesichts der zunehmenden Fülle könnte
man naiv fragen: Wer braucht da noch professionell und zudem
aufwendig und teuer produzierte Inhalte? |
(Leitmotiv)
|
ZM: |
Oszillator. |
|
ZF: |
Die dritte Stufe: |
|
ZM: |
Das Thema ist gesetzt, es ist im Umlauf, |
Noble
I am sure
you are familiar with what an oscillator is
|
ÜN: |
Ein Oszillator produziert Schwingungen,
Sinustöne. Fügt man weitere Schwingungen hinzu,
schichtet man mehrere übereinander, lassen sich
charakteristische Klänge gewinnen, die sich - manchmal völlig
überraschend - ganz anders anhören, als das
Ausgangsmaterial. |
Noble
There is
a whole bunch of voices
|
ÜN: |
Wenn es zu einem gegebenen Thema viele Stimmen
gibt mit unterschiedlichen Meinungen, Perspektiven und Akzenten,
gerät das Thema ins Schwingen und zeigt das Spektrum seiner
Bedeutungen. Wer seine Stimme zu diesem Mix hinzufügt,
moduliert diesen Prozeß mit. Genauso kann man sich einen
ästhetischen oder intellektuellen Produktions-Prozess
vorstellen, an dem mehrere Menschen mitwirken. |
(Leitmotiv)
|
ZM: |
4. Stufe: Feedback. |
(Man hört es)
|
ZM: |
...ein sich aufschaukelnder Störprozeß;
auch: die Rückmeldung an den Ausgangspunkt einer Nachricht
oder Handlung. |
Noble
You could
just directly add some feedback to a given voice.
|
ÜN: |
Wenn auf eine gegebene Stimme eine Rückmeldung
kommt, das kann Bestätigung, Kritik, Diskussion oder auch
einfach nur eine simple Kenntnisname sein, dann verstärkt das
diese Stimme. Wenn dieses Feedback groß genug ist, fungiert
es wie ein Akkumulator: es formiert sich um die Stimme, die These,
den Gedanken herum eine Community. |
(Leitmotiv)
(Hörbeispiel Obama)
King
Einer
meiner Lieblingspodcasts ist von einem Senator in den Staaten, der
heißt Barack Obama und der hat jede Woche eine neue Episode
(.). Man kann das runterladen und plötzlich hat der dieses
Medium (.) umgedreht und eine unglaubliche Nähe geschafft, (...)
und man kann seine Interessen und seine Meinungen dann auch sehr gut
verstehen. Das ist praktisch das, was Roosevelt früher gemacht
hat mit seinen Fireside Chats, wo er jede Woche eine Sendung im Radio
ausgestrahlt hat,
|
A: |
Die Stimme des Präsidenten oder des
legendären chinesischen Königs in den Wohnzimmern der
Nation, zum entspannten Ausklang des Abends: Franklin D.
Roosevelts Nachfolger haben versucht, diese Nähe und
Vertraulichkeit über das Fernsehen herzustellen. |
(Hörbeispiel Obama)
|
ZM: |
März 2005: US-Senator John Edwards beginnt
seine politischen Botschaften mit regelmäßigen Podcasts
zu verbreiten. |
|
ZA: |
Juli 2005: US-Präsident George W. Bush
wurde zum Podcaster. |
|
ZM: |
September 2005: Die monatliche Rede des
Präsidenten des indischen Bundesstaats Andhra Pradesh ist per
Internet im Originalton abonnierbar. |
(Angela Merkels erster Podcast im O-Ton)
|
ZA: |
Juni 2006: Bundeskanzlerin Angela Merkel
wendet sich von nun an per Podcast regelmäßig an die
Nation. Sie vertraut dabei nicht allein ihrer Stimme und ihrer
Rede, sondern bietet einen Video-Podcast an. |
(Merkel Podcast bleibt noch etwas stehen, dann weg)
(geht über in Leitmotiv)
|
ZM: |
Loopholes, eins. |
|
ZF: |
Schlupflöcher, Gucklöcher |
Noble
The
category is loopholes
|
ÜN: |
Die Kategorie „loopholes“ zeigt an: es gibt da etwas, was nicht zur Deckung kommt. Zum Beispiel die Theorie mit der Praxis.
|
(Leitmotiv)
Noble
If you
restrict only to expert voices
|
ÜN: |
Wenn man, sei es in der Wissenschaft oder der
Kunst, nur den Stimmen von Experten und Spezialisten Raum
gibt, dann übt man über die Kommunikationsnetze eine
rigide Kontrolle aus. Dann bestimmt man, wer von wem Rückmeldung
erhält, welche Bedeutungsoszillationen Themen und Begriffe
bekommen können, welche Stimmen ungehört bleiben, und
man schließt bestimmte Menschen oder Gruppen vom Diskurs
explizit aus. |
|
E: |
Oktober 2005: Der ehemalige
US-Präsidentschaftskandidat Al Gore eröffnet mit einer
Zahl von 200 Freiwilligen und einem kleinen Stab von Medienprofis
das Citizen-TV. Als Journalisten und Produzenten sind die
Zuschauer gefragt. Das Ziel des Projekts: Gegenöffentlichkeit.
Das Durchbrechen der Themen- und Meinungsmonopole der
US-amerikanischen Medienkonzerne. Das Netzwerk Citizen-TV hat
derzeit eine technische Reichweite von maximal 20 Millionen
Nutzern. Ein großer Teil der Beiträge steht ebenfalls
als Podcast zur Verfügung. |
(Leitmotiv)
Pritlove
Podcasts
bieten die Möglichkeit, Nischen anzusprechen, die man halt so im
öffentlichen oder auch privaten Radio gar nicht bedienen kann.
(..)
Ich kann ein Thema machen, was 10 Leute interessiert, und
schon hat das Ding seine Legitimation.
(Hörbeispiel)
|
ZF: |
Globalnoise-online bietet seit Oktober 2005
Podcasts mit Soundart aus China und anderen asiatischen Ländern.
|
|
ZM: |
„Arte Sonoro“ stellt per
abbonnierbarem Sound regelmäßig akustische Kunst aus
dem spanisch-sprachigen Raum diesseits und jenseits des Atlantiks
vor. |
|
ZF: |
„Polskie-Detroit“ bringt
Produktionen, in denen die polnische House-Szene sich die
Detroit-Techno-Szene anverwandelt – und umgekehrt. |
|
E: |
...alle aufgelistet und auffindbar unter
Portalen mit Namen wie „podster“ oder „podcaster“,
in denen, streng nach inhaltlichen Kategorien, existierende
Podcasts mit einer Kurzbeschreibung genannt sind. |
(Hörbeispiel)
Pritlove
In
Zukunft werden viele erfolgreiche Podcasts wiederum ihren Weg ins
öffentliche Radio finden, weil sich (.) gezeigt hat : Im
Netz, ah, da gibt`s ein Interesse dafür, (.) das ist ein
interessantes Thema.
|
ZF: |
Loopholes, zwei. |
|
ZM: |
Stellen, an denen sich der Kreis nicht
schließt |
Noble
Perhaps
you are reading some theory...
|
ÜN: |
Jeder kennt das. Man beschäftigt sich mit einer Theorie oder einer Hypothese. Aber man spürt, irgendwas stimmt daran nicht. Da gibt es einen unerklärlichen Sprung. Etwas, was wichtig wäre, ist nicht da. Das fällt dann in die Kategorie„Loophole“. |
Olivier
Je
m’appelle Irvic d’Olivier
|
ÜO: |
Mein Name ist Irvic d’Olivier. Ich lebe
in Brüssel. Ursprünglich bin ich Bildhauer, arbeite aber
seit vielen Jahren als Audiokünstler. Ich koordiniere das
„Silence Radio“. |
|
E: |
Eine Vielzahl bunter Kugeln erscheint auf der
Webseite, Wenn ich mit der Maus darüberrolle, sind
Komponistennamen und Titel zu sehen und die Kugeln gruppieren sich
neu. Die Farben symbolisieren Zuordnungen.: „Field
Recording“, „Poésie Sonore“, „Radio
Reportage“, „Ambiance“, „Documentaire
Radio“ und noch einige mehr. Das sind die Genres, unter
denen die Stücke sich subsumieren lassen. |
|
A: |
„Silence Radio“ – ein stilles
Radio. Wer die Website anklickt, hört jedenfalls keinen Ton. |
(Ein stilles flirrendes Stück hat eingesetzt)
|
A: |
Silence Radio geht nicht auf Sendung. Der Hörer
schaltet sich nicht in das laufende Programm ein. Es
verfügt aber über eine Vielzahl von Sendungen und ein
klares Programmprofil. |
Olivier
Nous
sommes un canal pour l’art de radio.
|
ÜO: |
Wir sind ein Kanal für die Radiokunst.–
In Belgien steht der zeitgenössischen Kunst wenig Geld zur
Verfügung. Die öffentlichen Sender bringen fast keine
Radiokunst mehr. Silence Radio ist unser bescheidener Versuch, dem
Hörer diese Kunst vorzustellen, ihm zu zeigen, dass sie
existiert und welchen Entwicklungsstand sie aufweist. Podcasting
soll der erste Schritt zu einem Sender sein, der irgendwann, bald
hoffentlich, auch on air zu hören ist. |
Olivier
On n’a
pas d’argent
|
ÜO: |
Wir haben kein Budget. Trotzdem beauftragen wir
alle drei Monate eine neue Staffel von Künstlern, für
uns Stücke produzieren. Nicht länger als 15 Minuten
sollen sie dauern. Die Künstler schaffen diese Stücke
exklusiv für uns. Um unser Projekt zu realisieren,
mobiliseren wir unser Netzwerk. Dann wird es nicht so teuer. |
|
E: |
Jacques
Foschia, Chantal Dumas, Etienne Noiseau, Eric la Casa... Es
sind namhafte Komponisten, die zu Silence Radio beitragen. Keiner
von Ihnen hat es wirklich nötig, ohne Geld Kompositionen im
Internet zur Verfügung zu stellen. Aber es geht ihnen um die
Sache. |
Olivier
Notre
mission: Ca existe...
|
ÜN: |
Wir wollen zeigen: Uns gibt es. Wir sind der
Beweis dafür, dass es Radiokunst in Belgien gibt. Man kann
sie hören. Und man kann unsere Podcasts abonnieren. |
Olivier
Podcast
– ca me n’interesse pas...
|
ÜO: |
...obwohl mich Podcasting eigentlich nicht
interessiert. – Gut, es ist ein Hören à la
carte. Das ist für das Publikum sicher attraktiv. Mir gefällt
auch der Gedanke, dass man beim Hören von Radiokunst
spazieren gehen kann. So wird sie ein Teil des eigenen Lebens. |
Olivier
Dans ce
sens: Ce n’est pas un choix...
|
ÜO: |
Aber Podcast ist nicht unser Medium der Wahl.
Wenn mir jemand sagen würde: Hier ist der öffentliche
Rundfunk, hier ist dein Sendeplatz, hier ist dein Schreibtisch -
das würde ich auf jeden Fall bevorzugen. Aber es gibt dort
weder Jobs noch genügend Radiokunst-Sendeplätze. Und so
nehmen wir halt die Podcast-Technik, weil sie uns die Möglichkeit
gibt, unsere Produktionen zu veröffentlichen. |
|
E: |
Auch wenn - wie hier bei Silence Radio - die
Qualität, die Downloadzahlen und die Community noch so groß
sind: Eine Garantie, dass nach erfolgreichem Podcasting sich die
Türen und Programmplätze der öffentlichen oder
privaten Sender öffnen, ist das nicht. |
|
A: |
Podcasting kann dann bedeuten: existieren am
Rand, abhängig von den Listen der Podcastverzeichnisse, von
den Empfehlungen einer vielleicht mehr, vielleicht weniger aktiven
Community. Kein Budget. Wie lange kann man auf diese Weise
existieren? Wer kann sich so etwas leisten? |
Niehusmann
Also
das Medium Podcast zu benutzen für zeitgenössisches
Komponieren kann keine exklusive Wahl sein. (.) Ich trete auf, meine
CDs werden in bedeutenden Fachzeitschriften rezensiert, ich werde
eingeladen, irgendwo einen Vortrag zu halten… dass wir jetzt
zusätzlich zu den vielen Möglichkeiten, auch noch diese
neue Struktur Podcast haben, ist nur ein Zugewinn an
Publikationsmöglichkeit.
|
ZA: |
Frank Niehusmann, Komponist und Audiokünstler,
Jahrgang 1955, lebt und arbeitet in Velbert bei Münster. |
(Leitmotiv)
|
ZM: |
Kategorie 6: |
|
ZF: |
Cycles |
|
A: |
Zyklen, Gewohnheiten, Lebensroutine. |
Noble
And after
feedback you have cycles.
|
ÜN: |
Zyklen: diese Kategorie kommt ins Spiel wenn
aus der öffentlichen Beschäftigung mit dem gesetzten
Thema ersichtlich wird, daß es in den Alltag einsickert,
sich ins Leben integriert. Wenn klar wird, daß wir hier
nicht nur theoretisieren, sondern daß Prozesse und Resultate
gelebt werden. |
Niehusmann
Also
bei mir fing die Geschichte im Mai 2005 an,
|
E: |
Frank Niehusmann omponiert mit Originaltönen.
Grundlage ist sein eigenes Klang- und Geräuscharchiv, das er
über die vergangenen zwei Jahrzehnte aufgebaut hat. |
Niehusmann
...da
kam ich aus Japan zurück und hatte sehr viele Eindrücke im
Kopf (.) und hatte die Idee, ich mich mit kleinen Formen
beschäftigen.
|
E: |
Seine Kompositionen: eine Art Musique Concrète,
die in Richtung Ars Acustica tendiert. |
Niehusmann
Das
Neue und das Kleine haben dann für mich als Komponist, der auf
dem Computer arbeitet, zwar sehr schnell zu privaten Ergebnissen (.)
gefunden, aber was nun damit machen? Weil a) das war für mich
noch nicht wirklich gesichertes Kunstergebnis b) das war sowieso
schon mal in den ersten Wochen und Monaten kein abendfüllendes
Konzertprogramm. (.) In der Überlegung (.) kam mir dann (.)
im Mai 2005 die Podcast-Technologie als was ganz Tolles und
relativ Neues entgegen.
(Hörbeispiel Niehusmann)
|
E: |
24. Mai 2005: Frank Niehusmann stellt seine
erste Komposition als Podcast zur Verfügung. |
Niehusmann
Also,
dass meine Audiofiles mobil werden, das finde ich super, weil ich
selber benutze sie auch gerne mobil. Ich höre meine eigenen
Sachen auch auf nem MP3-Player oder im Auto oder im ICE oder sonst
wie und das finde ich völlig normal, völlig angemessen.
Zufällig passt meine Art, diese Musik zu machen, wie ich finde
auch genau dazu D.h., dass Musik hören ein mobiler Zustand ist,
finde ich sowieso zeitgemäß.
Niehusmann
Ich
hab dann zunächst mal mit ein paar Kollegen und meinem Webmaster
gesprochen, der junge Mann, der meine Webseite versorgt, und alle
wussten gar nichts und hatten nur etwas raunen gehört, und ich
dachte mir: K ann nicht sein, bist Du plötzlich so weit vorne?
(Hörbeispiel)
|
ZM: |
Frank Niehusmann am 25. Mai 2005. |
Niehusmann
...aber
[offenbar war es so], wenn man im Mai 2005 seinen Podcast eröffnete,
dann war das ungefähr so: (.) Man schrieb sich gegenseitig
Mails: Hallo, ich habe da einen Podcast gesehen und dann kamen auch
gleich so Anfragen, können wir von Deiner zweiten Komposition
die ersten dreißig Sekunden als Info für unseren Podcast
benutzen und so Sachen.
(Hörbeispiele)
|
A: |
www.niehuesmann.org: Eine Versuchsanordnung.
Ausgangspunkt ist ein damals noch relativ neues
Distributionsverfahren für Audio namens Podcasting. Die
Fragestellung: Was passiert mit der Komposition, mit dem Künstler,
mit dem Publikum unter folgenden Bedingungen: |
Niehusmann
Ich
hab, das war Teil meines künstlerisch erfundenen Rituals, jeden
Tag eine drei Minuten-Komposition angefertigt, und ich habe mir
gesagt, a) das ist ungesichert, b) ich weiß, man muss Abstand
dazu kriegen. Man muss das einfach mal, so wie der Metzger sagt,
hängen lassen, das muss erstmal ein bisschen lufttrocknen. Und
wohin damit, einfach auf der Festplatte vergraben (.) gefiel mir
nicht, ich wollte es ausstellen. Nach dem Motto, „Kann so
schlimm nicht sein, mal sehen, was Leute dazu sagen, die es hören“
hab ich das anfangs wirklich jeden Tag hochgeladen und da gab`s jeden
Tag drei neue Minuten von mir im Netz.
(Hörbeispiel)
|
ZM: |
Podcast am 7. Juli 2005. |
Niehusmann
Und
dann ist das auch sehr schön, dass der einsame Fleiß des
Komponisten mitten zwischen seinen ungesicherten Erfindungen
plötzlich im Monat 150 bis 200 Mal runtergeladen wird und die
Leute manchmal sogar was dazu schreiben. Und plötzlich so
irgendwie nach drei, vier Wochen findet man, dass es Links dazu
gibt.
Die plötzliche, neue Möglichkeit (..) mit der
neuen Technik mit einem Publikum zu kommunizieren und das auch noch
auf der spielerischen Ebene...
(Hörbeispiel)
Niehusmann
Wenn
ich (.) mein System erkläre, dann ist eigentlich sofort klar, es
handelt sich hier nicht im schlechten Sinne um eine Fließbandarbeit.
Weil, ich habe zwei Qualitäten, auf denen ich jeden Tag
versuche, neu ein Tor zu schießen. Die eine Qualität ist,
dass ich als Sammler von Klängen und Geräuschen über
die Jahre mit dem Archiv eine Basisqualität geschaffen habe, aus
der ich nun schöpfen kann, weil es mein Archiv ist. (..)
|
E: |
Als Thomaskontor musste Johann Sebastian Bach
über mehrere Jahre hinweg jeden Sonntag eine Kantate
schaffen. Joseph Haydn war als omponist beim Fürsten
Esterhazy für die manchmal fast täglichen Anlässe
des höfischen Lebens in der Pflicht. Beide begegneten dem
Schaffensdruck mit einem klaren formalen System, auf das sie
aufbauten. |
Niehusmann
Und
der zweite Punkt ist, ich habe mir selber eine Software-Struktur
geschaffen, programmiert, die wesentliche Grundregel und Basis dieser
Podcast Komposition gewesen ist. Das ist keine triviale
Angelegenheit. (..) Das ist definitiv das Gegenteil von
Fließbandarbeit, aber es ist jeden Tag die Chance, etwas total
in den Sand zu setzen. Die Kompositionsidee muss es tragen und ich
muss es können.
(Hörbeispiele)
|
ZM: |
Frank Niehusmanns Podcast am 23, November
2005. |
|
A: |
www.niehusmann.org: Jeden Tag ein Stück
Audiokunst frei Haus. Über ein Jahr lang. Was hat der
Komponist heute zu bieten? Worum geht es in seinem neuesten Stück?
Wie löst er dieses Mal seine Aufgabe? |
Niehusmann
Wie
lange hältst Du das durch und wie lange hält die
Kompositionsidee das durch? Weil das sind ja zwei verschiedene Paar
Schuhe.
(Hörbeispiele)
Niehusmann
Dann
kam der Punkt, da habe ich dann gesagt: So, jetzt kommt die erste CD,
jetzt erkläre ich etwas für gesichert. Und dann stelle ich
fest, Du hast hier (.) Kompositionen der Öffentlichkeit
vorgestellt, da sind ja manche unglaublich schwachen Sachen dabei.
Die Filtration, welche 20 dann auf die CD kommen, war dann schon ein
Blick in den Abgrund.
(Hörbeispiel klingt aus)
|
A: |
138 Stücke Audiokunst über
einen Zeitraum von anderthalb Jahren. Die Qualitätskriterien
hierfür sind anders gelagert als wenn es um die Bewertung
einer singulären Komposition geht, eines Unikats. – Auf
einer CD, die öffentlich vertrieben und verkauft wird, sollte
sich ein Stück auch nach mehrmaligem Hören noch bewähren
und als einzelnes, herauslösbares auch noch Jahre später
ästhetisch und inhaltlich bedeutungsvoll sein. |
Niehusmann
Wie
weit bist Du erschöpfbar oder wann ist die Idee erschöpft?
An so nem Grenzpunkt bin ich inzwischen angekommen.
|
E: |
Podcasting tritt als ein Audiomedium hervor,
das nicht auf Abgeschlossenes, quasi „Geronnenes“
baut, sondern auf das dynamische, kommunikative Verfertigen von
Inhalten und Formen. Der Produktionsprozeß aus dem
Probenraum, die Debatte aus dem wissenschaftlichen Kolloquium, der
kommunikative Reifungsprozeß eines künstlerischen
Vorhabens können so greifbar werden. Anders etwa als im
Radioprogramm, wo es das Abgeschlossene und Gesicherte ist, das
man der Öffentlichkeit bieten möchte. |
|
A: |
Einen Prozeß zu verfolgen, kann
allerdings etwas sehr Spannendes sein. Nicht zuletzt deshalb, weil
hier transparent wird, auf welche Weise ein Thema, eine Meinung,
ein Konzept, ein Diskurs Gestalt gewinnt. |
|
E: |
Was allerdings belang- und inhaltslos vor sich
hindümpelt, vermag weder in seinem Resultat noch als Prozeß
das Publikum bei der Stange zu halten. |
(Leitmotiv)
|
ZM: |
Kategorie 7. |
Noble
That
amplification process
|
ZF: |
Verstärkung. |
|
A: |
Die Amplitude wird größer, der Klang
wird weithin hörbar. Aber auch: Eine Meinung, eine Haltung,
ein Thema geht auf immer mehr Menschen über und gewinnt
gesellschaftlich an Gewicht und Durchsetzungskraft. |
(Leitmotiv)
Niehusmann
Das
ist eine dieser wunderbaren Ideen von vor-vor-vorgestern, dass man
sein Werk gegen irgendeine Benutzung, irgendeinen Remix oder
irgendwas schützen kann.
Noble
It’s
not about singularity of authorship, it is about multiplicity of
authorship
|
ÜN: |
Verstärkung findet dort statt, wo viele
Autoren etwas zu einem Diskurs beitragen. Sie eignen sich einen
Gedanken an, formen ihn um, tragen ihn weiter. Das Netz
unterstützt mit seinen technischen Funktionen die
Möglichkeit, dass mehrere Autoren gleichzeitig an der selben
Sache arbeiten. Wenn ein einzelner sagt: Ich habe dieses und jenes
herausgefunden, ist das nicht dasselbe, als wenn man sagen kann:
Jemand hat etwas öffentlich geäußert – viele
machen es sich zu eigen. Oder: Viele haben dieses oder jenes
geäußert und noch sehr viel mehr stimmen zu. – In
meinem „looplog“ sollen diese Vorgänge sichtbar
werden. Es soll darin klar werden, wann und auf welche Weise
Meinungen, Erkenntnisse, Derivate vielstimmig erarbeitet und
verfasst wurden, und wie es kommt, dass sie dann plötzlich
den Diskurs bestimmen. |
(Leitmotiv)
Schmidt
Natürlich
hat sich vieles verändert, eine Kopie ist heute nicht mehr das,
was früher eine Kopie war, und genau darum geht es.
|
ZF: |
Heidi Schmidt Leiterin der Hauptabteilung Neue
Medien beim Südwestrundfunk und ARD-Online-Koordinatorin. |
|
A: |
Was sich Abertausende Menschen als Podcast
herunterladen können, was per „drag and drop“ auf
mobilen schwarzen, roten, bunten Kästchen wandert, landauf,
landab, was geschnitten, gemischt, gefiltert, getauscht werden,
was bearbeitet und neu gemischt wieder auf einer
Internet-Plattform landen kann, erneut unendlich oft kopierbar -
das ist nicht mehr das selbe wie zu analogen Zeiten der
zeitaufwändige Umschnitt eines Tonbands auf Hörkassette,
deren Eintüten, Frankieren und zur Post bringen. |
|
E: |
Der digitalen Kopie beim Podcasting, entspricht ein völlig entgrenzter Raum der Nutzung. Auch beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk sind die rechtlichen Bedingungen dafür ausgesprochen strikt und nicht einfach zu handhaben.
|
Schmidt
Es ist
vor allem auch eine Aufgabe der Redakteure, quasi ab Planung mit zu
bedenken, ob sie in dieses Medium hereinwollen oder nicht. Denn wenn
sie gleich schon als Ansatz haben, (..) ich will meine Sendung als
Podcast anbieten, dann heißt das dass die entsprechenden Rechte
zu erwerben sind bzw. dass man auf best. Inhalte, für die man
diese Rechte nicht erwerben kann, verzichten muss.
Das hat also
Auswirkungen auf das redaktionelle Produkt an sich. Man muss anders
produzieren für Podcast. (..) Arbeite ich in der Aktualität,
so verfügen wir fast immer über die notwendigen Rechte.
Bewege ich mich sehr stark in den künstlerischen Bereich, wird
es fast unmöglich.
|
E: |
Mit rechtefreien Bühnenklassikern hat das
SWR-Hörspiel im März 2007 den Anfang zu einem eigenen
Podcast-Angebot gemacht. Musiken, Literaturzitate,
Schauspielerstimmen: Dort, wo Rechte berührt werden, die
Verlage oder Verwertungsgesellschaften wie der GEMA wahrnehmen,
wird es schwierig, auch für die etablierten Radioanstalten,
diese Materialien zum Bestandteil der geplanten Podcasts zu
machen. Oft muß man deshalb darauf verzichten. |
Haderlein
Jeder,
der eine Webseite hat und dort vielleicht schon mal von der GEMA
abgemahnt wurde, der weiß auch, dass es sehr teuer ist, selbst
seine eigene Musik, die er bei GEMA gemeldet hat, ins Netz zu
stellen.
Pritlove
Die
Leute zitieren irgendwas (.) und werden halt gleich in Grund und
Boden geklagt für nichts und wieder nichts. Das ist
sinnfrei, das nutzt wenigen und ist einfach der gesamten Kultur nicht
zuträglich.
(Einspielung: GEMA nach Hause, liegt auch unter dem folgenden)
Niehusmann
Natürlich
habe ich vernünftigerweise als ernsthaft schaffender Komponist
den Standardvertrag mit der GEMA. D.h. die GEMA ist dafür
zuständig, meine Rechte wahrzunehmen. Das ist eine wunderbare
Erfindung, da ist Deutschland noch die Insel der Glückseligen .
Schmidt
Auch im
normalen Sendebetrieb musste ich immer erst gucken, kann ich diese
Rechte erwerben für eine Sendung und ist das von der GEMA
abgedeckt. (.) Es kommt halt jetzt i.G. eine neue Stufe hinzu
und Die muss abgeprüft werden.
Niehusmann
Was
meinen Podcast betrifft, ist es nicht so, weil ich mich quasi
an einer Avantgardegrenze bewege, wo Technologie auf altes Recht
stößt, hab ich mir schon mal Gedanken darüber gemacht
(..), dass halt das, was ich tue, (.) in den vorhandenen
Rechtsbegriffen darstellbar ist. Und ich glaube, wir könnten
darüber reden in dem Sinne: Mein künstlerisches Projekt war
ja ungesichertes Geräuschmaterial, Audiofiles, hochzuladen. Und
das sind keine Werke, würde ich erklären.
|
E: |
Denn nur für Werke müssen
GEMA-Gebühren bezahlt werden, nicht für
Geräusch-Materialien. |
Schmidt
Podcast
ist ja eigentlich ein proprietäres Verfahren. Um etwas zum
Download anzubieten muss ich die entsprechenden Rechte erwerben und
dazu brauche ich mehr als das Senderecht. Das habe ich üblicherweise
nicht, und wir können es nicht immer erwerben.
|
E: |
Urheber, Bearbeiter, Mitwirkende, Regisseure,
Verlage – sie alle wollen ihren Anteil von einem Kuchen, der
angesichts der zunehmenden Distributionsmedien und –strukturen
immer größer zu werden verspricht. |
Schmidt
Es geht
um Rollen, und es geht um Existenzen, und deshalb muss man damit sehr
vorsichtig sein. Und die Digitalisierung darf ja auch nicht dazu
führen dass man i.G. denen dann den Hahn abdreht, die das
kreative Potential sind. Die müssen ja angemessen davon leben
können.
|
E: |
Es geht um Autorenrechte, Senderechte,
Verwertungsrechte. Wie geht man damit um, wenn durch Podcasting
die Anzahl und Verbreitung von Kopien unkontrolierbar wird? |
Schmidt
Also
muss man sich darauf verständigen, wie man jetzt in der neuen
digitalen Welt gerechter neu ordnet und neu verteilt, so dass i.G.
das eigentliche Ziel erreicht wird, dass man die Inhalte dort hat, wo
die Nutzer sie haben wollen, und nicht, dass man plötzlich
Marktsperren hat. D.h., das Recht ist noch analog, aber die
Verfahrensweise ist digital.
Niehusmann
Die
GEMA versteht unter Podcast etwas ganz anderes als ich. Eine
Radiosendung. Also: „Wir machen eine Radiosendung: Erstens, wir
müssen dabei reden. Zweitens, wir spielen dabei gelegentlich
immer mal wieder irgendwelche Musik.“
|
A: |
...und die bitte nicht länger als 30
Sekunden insgesamt, und eingebettet in Text. Dann kommt man mit
einer halbjährlichen Pauschale von 70 Euro davon. Hält
man die Konditionen nicht ein, wird es teuer. |
Niehumann
Ja,
aber dann stellt die GEMA sich aber vor, wir spielen die Rolling
Stones, und ein bisschen Madonna (.), wo es ganz viele komplexe
Produktions-, Distributions- und Kompositionsrechte dran gibt. Ist
bei mir ja ganz anders. Ich stelle ein eigenes Werk, an dem es keine
weiteren Rechte gibt, nur meine eigenen Rechte, stelle ich selber,
und zwar ausschließlich, ohne dazwischen zu reden, in voller
Länge regelmäßig ins Netz. Das kennt die GEMA noch
gar nicht, das kann die sich gar nicht vorstellen.
(GEMA nach Hause)
Schmidt
Wir
haben ja iG. immer die Ausnahmesituation wir sind vorfinanziert und
sind Treuhänder der Gebühren der Rundfunkteilnehmer, ja.
(.) Wir sind (.) dann gefragt, wenn es darum geht, z.B. im Bereich
der Verwertung, wie teilt man sich die Rechte angemessen. Weil
die Verlage nat auch davon leben, dass sie selber auch diese Rechte
in neuen Medien ausüben. Die frühere Teilung war:
Senderrecht hier, Verwertung dort, und wie kommt man jetzt zu neuen
Vereinbarungen, wie man sich Rechte angemessen teilt.
(GEMA nach Hause)
Haderlein
Also
das, was ich jetzt sage, ist keine Gewähr für irgendwelche
Freischüsse. Aber Podsafe-Music ist Musik, die nicht bei der
GEMA gemeldet ist. Sie ist frei zugängliche Musik. Und unter dem
Creative Commons-Label (.) kann man im Internet einsehen, dass Du
meine Musik spielen kannst, wenn Du mich erwähnst, wenn Du
vielleicht noch einen Link auf meine Seite stellst.
|
E: |
„Some rights reserved“ –
einige, nicht alle, Rechte vorbehalten lautet der Slogan der
Creative Commons. Seit Anfang des Jahrzehnts versucht die Creative
Commons-Bewegung für Klarheit zu sorgen, wie Text-, Sound-
und Bildinhalten, die im Internet veröffentlich sind,
insbesondere von Einzelpersonen oder Non-Profit-Organisationen,
weiterverwendet werden dürfen. Das System, das von Lawrence
Lessig, einem Professor der Stanford Law School, entwickelt und
propagiert wurde und sich derzeit, als Bewegung innerhalb der
kreativen Non-Profit-Szene, weltweit etabliert, ist modular
aufgebaut und für den juristischen Laien einfach anzuwenden. |
Pritlove
So
Lizenzsysteme wie die Creative Commons bieten zumindest so 'n
Werkzeugkasten mit dem man explizit sagt, das, was ich produziere,
das ist zu einem bestimmten Maße frei. Und d.h., ihr braucht
euch nicht direkt an mich zu wenden, ihr könnt meine Inhalte
erst mal nehmen und verwerten.
|
E: |
Creative Commons, lässt sich in etwa als
„schöpferisches Allgemeingut“ übersetzen.
Durch diese juristische Systematik soll eine Kultur des Austauschs
und der Weiterverarbeitung von Inhalten im Internet international
einheitlich ermöglicht und gefördert werden,
gleichzeitig aber den individuellen Wünschen der Urheber
Rechnung tragen. Ohne großen Aufwand. |
Pritlove
Das,
was sich bisher abzeichnet, bewerte ich sehr positiv (.). Aber wenn
wir uns einfach nur auf das Geld stützen und wenn es einfach nur
so gilt, dass derjenige der am meisten (.) juristische Kraft hat
sich durchsetzt, dann wird es einfach eine kulturarme Landschaft
werden, und das kann nicht gut werden.
|
E: |
Ein Podcast, versehen mit dem Hinweis auf eine
Creative Commons-Lizenz, macht dem User sofort klar, in welcher
Weise, in welchem Kontext und in welchem Umfang der jeweilige
Urheber eine Kopie oder Weiterverarbeitung seiner Produktion
erlaubt: Er kann kommerzielle Nutzung einbeziehen oder
ausschließen, kann verlangen, dass das Werk nur im Ganzen
abgespielt werden darf, und darf ausdrücklich erlauben oder
ausschließen, ob daraus andere Werke, zum Beispiel Remixes
abgeleitet werden dürfen. Ob er möchte, ob er erlaubt,
dass aus dem Werk andere Werke abgeleitet werden können wie
z.B. Remixes und in welcher Weise der Nutzer seinerseits mit den
verwendeten Werken umgehen kann. |
|
A: |
Doch wo die Rechte Dritter mit im Spiel sind,
etwa von Interpreten, Verwertungsgesellschaften oder Verlagen,
wird die Anwendung der Creative Commons problematisch. „Wie
teilt man sich die Rechte angemessen?“ – diese Frage
ist auch für die Rundfunkanstalten nach wie vor offen.
Podcasting ist in seiner inhaltlichen Entfaltung daher sehr
eingeschränkt. |
Olivier
Les
Creative Commons ont proposé des licences...
|
ÜO: |
Die Creative Commons sind sicherlich sehr
hilfreich. Deshalb verwenden wir sie auch für die Podcasts
von „Silence-Radio“. Es handelt sich aber nicht um
Regelungen, die einen ökonomischen Wert haben. Wir Künstler
können damit unseren Lebensunterhalt nicht sichern. Aber
zumindest sorgen diese Lizenzen dafür, dass unsere Werke
nicht von anderen ausgebeutet werden. |
(GEMA nach Hause)
Haderlein
Die
Podsafe-Music Community ist mittlerweile sehr groß, es gibt
ganze Plattformen. Adam Curry hat eine dieser Podsafe-Music
-Plattformen begründet, es gibt die Pod-Parade, also einen
Podcast, der nur Podsafe-Music spielt, und das wie eine Hitparade
aufspielt, und jeden Monat von Zuhörern gerankte neue
Musikstücke reinbringt, ja, und man kann diese Podsafe-Music
natürlich für seinen Podcast verwenden. Wichtig ist nur,
man sagt, dass man das verwendet, und man nutzt es natürlich
nicht kommerziell.
|
ZA: |
“Eine wirkiliche Revolution der
Massenmedien muß nicht die Manipulateure zum Verschwinden
bringen, sondern jeden zum Manipulateur machen.” |
|
ZF: |
Hans Magnus Enzensberger, 1970. |
|
ZM: |
Kategorie 9 |
Noble
...filter
the noise much more effectively
|
ZM: |
Filter: |
|
A: |
Durchlaß; Reinigung; Läuterung. |
Noble
If a
person on the street
|
ÜN: |
Wenn ein ganz normaler Mensch ein Interesse
daran hat, an einem gesetzten Thema mitzudiskutieren: nun, ich
meine, wir sollten es ihm im Netz nicht verwehren. Auch wenn er
vielleicht kein profundes Wissen, keine besonderen
wissenschaftlichen Kenntnisse hat. |
Noble
And I
think you know, it`s an experiment, but I mean.
|
ÜN: |
Ich glaube aber, dass wir uns im Netzzeitalter
auf solche Experimente einlassen können, gerade da, wo es um
Kunst und Kultur geht. Wir treffen hier keine Entscheidungen auf
Regierungsebene. Wir müssen ausprobieren, wie weit wir gehen
können, damit unsere Ergebnisse möglichst wenig
ausgrenzend sind und wie weit wir das Rauschen, das durch eine
große Zahl an Stimmen, Signalen und Wellen entsteht, noch
filtern können. |
Noble
Aggregation
and moderation to me are the two primary roles that I think academics
|
ÜN: |
Im Web 2.0, wird das Zusammenführen und
Moderieren von Wissen und Kreativität eine zentrale Rolle
spielen müssen. Hierzu braucht man Spezialisten, hier können
sie ihr Wissen sinnvoll anwenden.Was sie verhindern müssen,
ist Manipulation, durch Gruppen oder durch einzelne. |
(Leitmotiv)
Niehusmann
Es
gab dann ganz schnell im Laufe des Jahres 2006 das Phänomen,
dass die ganzen Podcast-Situationen, die ja Kommentierungen jedes
Eintrages zulassen, die comments, dass die plötzlich von irgend
welchen unsäglichen Spammern überflutet wurden mit
hunderten von Einträgen, dass man in irgend einem Onlinekasino
mitspielen soll oder irgendwelche anderen Dinge tun soll...
(Niehusmann/14) Podcast hat so was ähnliches zu unserer Zeit
beigetragen wie vielleicht Ende der 60er Jahre so Begriffe wie
„Summer of Love“ oder so. Das ist ne historische Phase,
die kann man sich gar nicht kurz genug vorstellen. Es war mal kurz
etwas möglich und es war leicht möglich und es war
unschädlich möglich, und das geht ganz schnell vorbei...
|
E: |
3.Oktober 2006, Folge 138: Frank
Niehusmann stellt seinen letzten Podcast ins Netz. |
(es folgt eine Collage letzter Podcasts verschiedener privater Autoren)
|
E: |
Und das Podcasting boomt wie nie.
Schätzungsweise warten im Juli 2006, also zwei Jahre nach der
Premiere von Adam Currys „Daily Source Code“ allein in
Deutschland fast 200.000 Podcasts auf Zuhörer: Autohersteller
wie BMW oder Daimler-Chrysler, Unternehmensberater, politische
Parteien, Kulturinstitutionen, Versandhäuser, Zeitungen,
private und öffentlich-rechtliche Rundfunk-Anstalten der ARD.
Sie alle, neben zahllosen Laien, die das Medium neu für sich
entdeckt haben, machen Podcasts. Sie alle wollen Aufmerksamkeit,
sollen gehört werden. |
Haderlein
Also,
da haben wir es auch mit einer Vertrashung des Hörraums Internet
zu tun.
|
ZF: |
„Du. Ja, Du. Du steuerst das
Informationszeitalter. Willkommen in Deiner Welt.“ |
|
A: |
Podcast, nur ein weiterer Distribtutions- und
Marketingkanal für diejenigen, die ohnehin zur politischen
und gesellschaftlichen Elite zählen? Nur ein weiterer Kanal
der Selbstdarstellung und der Besserwisserei für viele
Laien? |
|
E: |
In der internationalen Podcast-Szene rumort es.
Viele der frühen Mitentwickler sehen Podcasting vereinnahmt
von Politik, Industrie und etablierten Medien, vermissen den
Geist des demokratisierenden Potentials. |
(Leitmotiv)
|
A: |
Mag sein, dass durch das Podcasting zwar die
Mobilisierung des Hörens, nicht aber die Mobilisierung des
Hörers gelungen ist. Viele möchten zwar Sender sein,
buhlen um Aufmerksamkeit, aber das In-Beziehung-Treten, zwischen
Sender und Empfänger, das von Brecht so eindringlich
gefordert wurde, der Kommunikationskreislauf, der sich auf die
technischen Möglichkeiten wie auf den Kommunikationswillen
des einzelnen stützt, ist als notwendige Voraussetzung einer
gelingenden Web 2.0-Kultur nur wenig ausgeprägt. |
Haderlein
Man
kann es nicht mehr abgrenzen: Ist es jetzt ein Podcast, ist es ein
neuer Kanal auch für einen öffentlich-rechtlichen Sender?
Das will ich gar nicht verurteilen, seh es aber kritisch, weil „Basic
Podcast“ meint: Du wirst zum Sender und nicht die, die ohnehin
schon senden.
|
E: |
Tatsache ist, wer sich im neuen Web nicht
positioniert, ist eines Tages für die vielen User nicht
auffindbar und somit nicht mehr vorhanden. Das gilt für
Versicherungen ebenso wie für Hörbuchverlage und den
öffentlich-rechtlichen Rundfunk. |
Schmidt
Es
geht ja auch um unsere Relevanz. D.h., die Entwicklungsgarantie des
öffentlich-rechtlichen Rundfunks sollte ja beinhalten, dass wir
auch die Verbreitungswege nutzen dürfen, die die Menschen eben
annehmen. Und dass man uns nicht vorher davon ausschließt. Weil
ansonsten würde das ja bedeuten, dass man uns so etwas
verordnet wie einen medienpolitischen
Morgenthau-Plan, ja. Wir würden in der Vergangenheit
festgehalten und dürfen uns nicht mehr in die Zukunft
entwickeln.
|
A: |
Alles steht im Netz nebeneinander: Die Podcasts
von SWR2-Wissen neben den Soundscapes von Yukio King, die
Kochrezepte von RTL neben den medienkritiischen Betrachtungen des
Chaos Computer Clubs, der Pornopodcast aus den USA neben den
3-Minuten-Kompositionen von Frank Niehusmann, dem Audiotagebuch
von „Superdommi“, die Geburtstagssendung für den
Großvater und der Tagesschau. |
Noble
Managing
the feedback, managing the new networks, managing the new voices
|
ÜN: |
Die Kommunikation organisieren, die Netzwerke
und Communities, die neuen Stimmen, die mitreden wollen, sie zu
führen, behutsam, ohne die Vielfalt einzuebnen, Verantwortung
für einen gelingenden Erkenntnis- und Schaffensprozeß
zu übernehmen, wird eine neue Aufgabe sein, die
Wissenschaftlern und Künstlern künftig zuwächst. |
Schmidt
Wir
reden ja viel über dieses „Wisdom of the many“. Also
was (.) Gruppen dann auch hervor bringen oder auch nach oben
schaufeln, was wir sonst nicht sehen würden, ja. Das ist ja eine
Gegenreaktion i.G. auf diese Segmentierung der Inhalte, (...) damit
ich nicht in diesem Pool der segmentierten Inhalte irgendwann
ersaufe. (..) Ich glaube, dass es
möglich ist, sehr davon zu profitieren, von diesen Hinweisen.
Ich glaube aber auch, erkennen zu können, dass es im Web die
andere Entwicklung gibt. Nämlich dass nur noch bestimmte Inhalte
nach oben kommen und andere verschwinden. Und in dieser Situation ist
es unsere Aufgabe, ne Orientierungsfunktion zu geben. D.h. eben nicht
nur, diesen Strom mitzuschwimmen sondern im Gegenteil, zu sagen, wir
möchten euch auf diese Inhalte hinweisen auf jene Inhalte
hinweisen, und die stellen wir nach oben, weil wir wollen, das ihr
die anschaut. (.) D.h., dieser spezifisch öffentlich-rechtliche
Auftrag, das ist das, was uns unterscheidet. Wir bieten nicht nur
Listen an, sondern wir empfehlen eben auch redaktionell. (...) Und
daraus erwächst uns auch noch mal ne Orientierungsfunktion,: (.)
woher kommt jetzt diese Quelle, ist das jetzt eine professionelle
journalistische Quelle, eine Bürgerjournalismusquelle, ist das
eine interessengeleitete Information?
Alles hat seine
Berechtigung, mir geht`s nur um das Unterscheidungsmerkmal. Und wer
zu uns kommt weiß halt, es gibt es ein bestimmtes Siegel, das
da drauf ist, das heißt öffentlich-rechtlicher Auftrag.
Der prüft den Unterschied von Kommentar und Bericht und alles,
was dazu gehört.
(Around the World – Edison O-Ton)
|
E: |
1888 träumte Edison davon, dass Klänge,
gespeichert auf den Wachswalzen seines Phonographen, den Erdball
umrunden. Als „gesprochene Briefe“ suchten sie den
Austausch. 120 Jahre später finden akustische Botschaften
aller Art weltweit, in tausendfacher Kopie und in Sekundenschnelle
zu ihren anonymen Adressaten. |
|
A: |
Wie groß fällt der künstlerische
Ertrag des Podcasting aus? Hat es den akustischen Kunstformen
weiterführende Impulse gegeben, so wie seinerzeit das
Bewusstsein über Vernetzung und Interaktion, das sich Ende
der 90er Jahre aus dem Internet heraus entwickelt hatte? –
Wohl kaum. Eins zeichnet sich jedoch am Podcasting ab: Es hat
die Kraft, die Beziehung zwischen Sender und Empfänger, die
durch die klassischen Medien, vor allem den Rundfunk, acht
Jahrzehnte lang praktiziert und verinnerlicht wurde, neu zu
ordnen. |
|
E: |
Statt der sternförmigen
Kommunikationsarchitektur des Broadcast die dem Sender die aktive
und dem Hörer die still-entgegennehmende Rolle zuweist,
suggeriert das Podcasting mit all seinen schriftlichen und
akustischen Rückmeldemöglichkeiten ein Modell vor, das
die Beziehung zwischen Sender und Empfänger flexibel macht.
So kann es einen Kommunikationskreislauf in Gang bringen, in dem
der Empfänger immer wieder auch zum Sender wird und
umgekehrt. |
|
ZM: |
Ein Blick in das Verzeichnis „podster.de“
zeigt am 1. April 2007 (bitte anhand der
Sendung nachprüfen) Podcasts, allein für den
deutschsprachigen Raum. |
|
ZF: |
Wer hat Zeit, das alles hören? Wer hat
Energie auf das alles zurückzusenden? |
(„Gesprochener Brief“: Lord Mayor of London)
|
A: |
Soll die Mobilisierung des Hörers
gelingen, muß das neue Beziehungsmodell, das vom Podcasting
suggeriert wird, entwickelt und kultiviert werden: Wer
Teilnahmemöglichkeit, Interaktion, wer den Senderempfänger
einfordert, wer die Monopole der Etablierten stürzen möchte,
darf sich selbst nicht mit der Rolle eines monopolheischenden
Ich-Senders zufriedengeben. Das flexible Spiel zwischen Sender und
Empfänger setzt vor allem den guten Zuhörer voraus. |
|
E: |
Nicht, damit dieser wie in früheren
Zeiten, passiver Rezipient ist, sondern er Raum und Anlaß
gewinnt, sich das Gesendete, Ausgewählte, Gehört
anzueignen. |
|
A: |
Nur wer zuhört, kann treffliches Feedback
geben, ein Thema zum bunten Oszillieren bringen. Nur wer zuhört,
kann zusammenführen, Kritik üben, filtern und aus dem
Destillat Neues entwickeln. |
|
E: |
So wird man ein guter Sender: indem man
konsequent auf Empfang ist. Das gilt für die etablierten
Kanäle ebenso wie für die unabhängigen Profis, für
die Politik- und Wirtschaftselite ebenso wie für die
Hobby-Podcaster. |
|
A: |
Ohne Zuhören kein Loop, kein
Kommunikationskreislauf, kein In-Beziehungtreten: keine Annäherung
an die Brecht’sche Utopie. |
(Absage)
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