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Autorin: Breitsameter, Sabine.

Titel: Radio-Wandel. Die Mobilisierung des Hörers.

Quelle: Sendemanuskript Südwestrundfunk, SWR2. 27. April 2007.

Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Autorin.



Sabine Breitsameter

Radio-Wandel. Die Mobilisierung des Hörers

Redaktion: Hans-Burkhard Schlichting



Die Sprecher

A

Autorin

E

Erzähler

ZM

Zitator männlich

ZF

Zitator weiblich

ZA

Zitator(in) für alle Fälle

ÜN

Übersetzer Noble

ÜO

Übersetzer Olivier



Interviewpartner:

Andreas Haderlein, Kulturwissenschaftler
Yukio King, Audiokünstler
Tim Pritlove, Medienaktivist
Frank Niehusmann Komponist und Audiokünstler
Teri Rueb, Audiokünstlerin
Michael Noble, Kulturwissenschaftler
Irvic d’Olivier, Medienaktivist
Heidi Schmidt, Leiterin ARD-online



Kursiv: O-Ton-Text

E:

7. Dezember 2006: „You“, lautet der lapidare Titel der US-amerikanischen Wochenzeitung „Time“. Darauf eine Computertastatur sowie als spiegelnde Fläche ein Monitor, in der sich jeder Käufer der aktuellen Ausgabe betrachten kann, als „Mann“ oder „Frau des Jahres“.

ZF:

„Du, Ja, Du“

E:

so die Schlagzeile des Aufmachers


ZF:

„Du steuerst das Informationszeitalter. Willkommen in Deiner Welt.“

Ansage:

Radio-Wandel. Die Mobilisierung des Hörers
Feature von Sabine Breitsameter

O:

(Edisons frühe Aufnahme „Around the World on the Phonograph“ von 1885 liegt unter dem folgenden Text)

A:

Schall auf die Reise schicken zu können: Diese Sehnsucht ist uralt. Thomas Alva Edison hat sie in seiner Aufnahme „Around the World on the Phonograph“ von 1885 dokumentiert, der wahrscheinlich ältesten noch vorhandenen Aufzeichnung seiner Stimme. Erhalten ist sie auf einem Wachszylinder des von ihm entwickelten Phonographen. Wer genau zuhört, vernimmt, wie der erfolgreiche US-amerikanische Erfinder und  Vermarkter eine offensichtlich imaginäre Reise beschreibt, die in New York beginnt, sich von Liverpool aus weiter durch Europa fortsetzt, bis nach Asien.



(Edison-Aufnahme s.o.)



E:

Rund um die Welt konnte die menschliche Stimme nun reisen, auf einem damals innovativen Tonaufzeichnungsgerät, eingeschrieben in die weiche Oberfläche des Phonographen, in Zinnfolie oder später Wachs, und jederzeit wiederbelebbar durch Edisons elektromechanisches Verfahren. Doch die Sehnsucht, Schall transportabel zu machen, reicht noch länger zurück. Bis in die mythologischen Zeiten aller Kulturen und Kontinente.



(Edison-Aufnahme s.o.)



ZA:

So soll ein sagenhafter chinesischer König ein geheimnisvolles schwarzes Kästchen besessen haben. Dort hinein habe er seine Befehle gesprochen. Das Kästchen schickte er in seinem Königreich umher, damit seine Untertanen die Befehle hören und sie ausführen konnten.“ (Murray Schafer, The Tuning of the World, Toronto 1975 p, 121)

O:

(Edison-Brief von 1888, von James Whitehead, DRA)
Mr. Edison, it affords me great pleasure

ZA:

Hier übermittelt der Lord Mayor von London im Dezember 1888 dem weltberühmten Edison seine Neujahrsglückwünsche.

E:

Er sandte sie ihm – gespeichert auf einem Phonographen – als „gesprochenen Brief“ über den großen Teich, damals buchstäblich der letzte Schrei. Edison wollte damit seinen Phonographen vermarkten. Er selbst nutzte ihn ausgiebig in der Kommunikation zwischen seinem Büro in New Jersey und seiner Londoner Agentur. Schriftliche Korrespondenz komplett durch mündliche Aufzeichnungen zu ersetzen, das war es, was ihm vorschwebte.



(Man hört das Rauschen der Wachswalze)



A:

Telefon, Radio, Schallplatte: Klang zu transportieren wurde im Verlauf des 20. Jahrhunderts immer selbstverständlicher: Ende der 50er Jahren machte das Kofferradio mobil. Tragbare Kassettenrecorder wurden ab Mitte der siebziger Jahre immer erschwinglicher. Sie erlaubten es, die kleinen praktischen Audiokassetten nicht nur zu hören, zu tauschen, zu verschicken, sondern auch zu besprechen und zu bespielen. Gesprochene Briefe auf Kassette mit eigenen Gedichten, eigenen Kompositionen, persönlichen Grußadressen waren bei den Teenagern im Zeitalter des Walkmans, zu Beginn der achtziger beliebt. Und überhaupt: der Walkman. Ein Gerät, klein genug für die Manteltasche, das den Hörer mit Stimmen, Musiken, Geräuschen nach Gusto versorgte, ihn per Kopfhörer einhüllte in den von ihm gewählten Klang und ihm das Hören in Bewegung ermöglichte.

 

(Auszug aus Audio Art Magazine)



A:

„Audio Art Magazine“ nannte der Londoner Künstler und Publizist Wiliam Furlong seine Kassetten-Edition, die er von 1978 an monatlich in die Welt hinaus sandte, an Abonnenten, interessiert an aktuellster akustischer Kunst. In jeder Kassettenausgabe stellte Furlong  Künstler vor, spielte ihre Produktionen, ließ sie sowie Kuratoren, Kritiker, Ausstellungsbesucher in Interviews zu Wort kommen und vermittelte so diese ungewöhnliche und wenig bekannte Kunst als lebendiges, dynamisches Szenario.

E:

Wie viel Zeit und Mühe er dafür aufwenden mußte, jeden Monat die Kassetten nicht nur in guter Qualität zu produzieren, sondern Hunderte davon zu kopieren, einzutüten und zur Post zu bringen, wagt man sich heute kaum vorzustellen. Und was mag das wohl gekostet haben?

O:

(Haderleins 1. Podshow)
Hallo, da draußen!“ (Haderlein Podcast bleibt liegen).

E:

Andreas Haderlein, Jahrgang 1972, ist Kulturwissenschaftler und Journalist. Er beschäftigt sich seit einigen Jahren mit den Themen Neue Hörkultur, Internet als Hörraum und Neue Medien. Im Mai 2005  begann er in unregelmäßigen Abständen kleine radio-ähnliche Sendungen zu seinen Themen zu produzieren. Er verteilt sie übers Internet als Podcast:

A:

Mit ein paar Mausklicks können ausgewählte Audiodateien mit einigen wenigen Mausklicks vom Internet auf den Rechner und vom Rechner auf  ein weißes, schwarzes oder buntes Kästchen geladen werden. Dieses speichert die Audiodateien, die man sich per Kopfhörer oder auch angeschlossen an eine Stereo-Anlage, anhören kann.

E:

„Hybridsuite“, ist der etwas kryptische Titel von Andreas Haderleins abrufbarem Programm. Darin geht es um aktuelle inhaltliche und medienpraktische Entwicklungen im Bereich Audiomedien, um neue Diskursbeiträge zum Thema Hören und um die gelegentliche Präsentation eigener Musikstücke.



(O-Ton Podshow hoch)



A:

Haderlein ist kein berühmter Medientheoretiker, kein preisgekrönter Radiomacher, und auch seine Musik, die er in den Podcasts vorstellt, hat keinen nennenswerten Bekanntheitsgrad. Mag sein, dass seine Moderationen nicht ganz so formvollendet klingen wie diejenigen seiner etablierten Kulturradiokollegen. Aber er kennt sich mit den Themen, die er in seinen Podcasts behandelt, gut aus, beschreibt lebendig die neuesten Entwicklungen und schildert sie kenntnisreich auf persönliche Weise. Für mehrere hundert Interessierte weltweit Grund genug, seinen Podcast zu abonnieren.



(O-Ton hoch und endet)



ZA:

Wer einen Podcast abonniert, tippt einfach dessen Webadresse in die „Podcatcher“- Software seines Rechners ein, beispielsweise in  iTunes. Dabei bleibt man völlig anonym.



Haderlein
Podcast ist in der Tat ein sehr junges Phänomen, technologisch gesehen, obwohl die technologische Revolution, die dahinter liegt, gar nicht so großartig ist
.



E:

Abonnierbare Webseiten sind längst von den sogenannten Blogs bekannt. Weblogs oder Blogs erlauben ihren Teilnehmer ein Thema auf einer eigens dafür eingerichteten Webseite zu kommentieren, in aller Regel schriftlich, und so der Szene, der Community, der Öffentlichkeit im Netz seine Themen, Gedanken und Meinungen darzulegen.



Haderlein
Das Podcasting wurde erfunden von Adam Curry, einem MTV-Moderator, der über so genannte RSS-Feeds, das sind abonnierbare Webseiten oder News-Feeds, das kennen Sie vielleicht von den Tageszeitungen her, da kann man auch News-Feeds abonnieren, die man dann abrufen kann.



A:

RSS-Feed, das ist der technische Schlüsselbegriff für Podcasting. Man kann sich RSS-Feeds als Kanäle vorstellen, die extra dafür eingerichtet wurden, um das Vorhandensein einer neuen Episode im Netz automatisch zu ermitteln und gegebenenfalls auf den Rechner runterzuladen.

E:

Adam Curry, Spitzname: „The Podfather“, war der Ideengeber für abonnierbare Klänge im Netz und derjenige, der das technische Verfahren mit seinen Inhalten populär gemacht hat.

A:

Der technische Erfinder des Podcasting ist Dave Winer, ein Programmierer, der bereits RSS-Feeds für schriftliche Mitteilungen, für Weblogs, entwickelt hatte. Auf Anregung Currys, aber auch eines bekannten US-amerikanischen Politik- und Wissenschaftsjournalisten namens Christopher Lydon, aktualisierte er seine Feed-Technologie auf mp3-Dateien hin, so daß sie automatisch erkannt und per RSS-Kanal heruntergeladen werden konnten.

E:

September 2003: In Zusammenarbeit mit Christopher Lydon, der in seinen Beiträgen den Wahlkampf um die US-Präsidentschaft 2004  kritisch begleitete, schuf Dave Winer für Lydon die ersten technischen Versionen für das automatische Suchen, Finden, Abonnieren und Herunterladen von Audiodateien im Netz. Es gelang. Und Christopher Lydon, ehemals Mitarbeiter der National Public Radio, hatte plötzlich sein eigenes Medium. Ein Medium, das noch namenlos war.

A:

Adam Curry knüpft an diese Entwicklung an, animiert Dave Winer und seine Freunde in der Szene, die bisherigen Funktionen zu verbessern und macht sich mit der Funktionsweisen und Herstellung von mp3-RSS-Feeds in der Praxis bekannt.



Haderlein
Der Sender, derjenige, der den Feed erstellt, produziert Audiomaterial, stellt das in diesem Feed immer bereit, und es kann ausgelesen werden von einem sogenannten Feedreader. Dann wird immer die aktuelle Sendung (.) auf meine Oberfläche geladen, wo ich eben den Podcast abonniert habe.



A:

...automatisch auf die Schreibtischoberfläche des Rechners. Einmal einen Podcast abonniert, entfällt jegliche Sucherei. Und auch das Platzieren der Files auf dem mobilen mp3-Player, ist kein Akt. Dann hat man das Programm auf jeden Fall gespeichert und kann es sich irgendwann anhören.

E:

Im Sommer 2004 produzierte Adam Curry mit Dave Winers innovativen Verfahren, seine erste im Internet abonnierbare Audiosendung „Daily Source Code“. Sie hat insbesondere die technische Entstehung und Optimierung des neuen Systems zum Inhalt. Currys Episoden machen das Verfahren populär, zeigen, wie umgemein flexibel, einfach und praktisch es ist. Seine Abonnenten gehen in die Tausende.



(Daily Source Code- Hörbeispiel)
(geht über in Leitmotiv)



Noble
I got home from work one evening and there is this elderly man sitting on the steps



ÜN:

Eines Abends komme ich nach Hause, und vor meiner Tür sitzt ein älterer Mann. Verzweifelt ruft er einen Satz aus, immer wieder.

ZM:

Michael Noblet ein junger australischer Hörforscher und Audiokünstler aus der Nähe von Sydney.



Noble
People are passing by...



Ü:

Die Menschen laufen vorbei und ignorieren ihn. Seine Phrase, die man kaum versteht, drückt Verzweiflung aus. Er versucht, seine Botschaft zu vermitteln, aber niemand hört ihm zu. Aber niemand läßt sich auf ihn ein. Niemand tritt mit ihm in Austausch. Er gewinnt keine Beziehung zu den Menschen um ihn herum. Keine Kommunikation zwischen ihm und der Welt, die ihn umgibt. Was er sagen will, geht einfach unter.



(Man hört den Mann nochmal)



Noble
For me that’s symbolized (.) when you are trying to develop a thesis



Ü:

Für mich symbolisiert dieses Hörerlebnis wie man sich typischerweise isoliert im Kreis drehen kann, wenn man einen literarischen Text verfaßt, eine wissenschaftliche Arbeit oder eine Komposition.



Noble
What I want to avoid (?)



Ü:

Ich möchte vermeiden, daß mir in meiner Arbeit und meinem Leben etwas Derartiges passiert und frage mich, welche sozialen Strukturen, Methoden und Werkzeuge man anwenden oder entwickeln kann, um die Beziehungslosigkeit, in welcher der alte Mann vor meiner Tür gefangen war, zu vermeiden. Haben die neuen Webtechnologien und die damit verbundenen Kommentar-Systeme, Weblogs und Podcasts hier vielleicht einen positiven Effekt? Ich möchte das herausfinden.



(Leitmotiv)



Pritlove
Mein Name ist Tim Pritlove, ich bin seit Ewigkeiten mit Computern zugange, (.) mal als Programmierer, mal als Veranstalter von Konferenzen und auch als eigener Publizierer im Netz, wie das so viele machen, (..) Ich hab schon etwas länger eine Radioerfahrung, weil wir mit dem Chaos Computerclub vor 11 Jahren mit einer Sendung namens Chaosradio begonnen haben, wir haben die Möglichkeit gehabt, beim Radiosender Fritz vom ORB, heute RBB, einmal im Monat eine Drei-Stunden Talksendung zu machen zu unseren Themen, die wir auch frei gestalten können. (...)
Wir haben schon immer die Aufzeichnungen der Sendung in das Internet gestellt, die Leute konnten sich das halt herunterladen. Podcast ist i.G. nichts anderes als dass dieser Vorgang vereinfacht wird.



E:

Zur Erinnerung: Als Mitte der 90er Jahre die neue Methode des Webcasting im Internet erlaubte, ähnlich wie ein Radiosender, ein lineares Programm zu senden, einen so genannten Stream, nutzten namentlich Künstler und Medienaktivisten diese Möglichkeit, ihre Audioproduktionen zu veröffentlichen. Nun war es nicht mehr nötig, das Nadelöhr der etablierten Sender zu passieren. Auch der Traum, einen eigenen Radiosender zu haben und mit eigenen Inhalten zu füllen, konnte nun – per Internet – realisiert werden. Während ein On-air-Sender aufwändig, teuer und mit nur geringen Erfolgsaussichten bei den Behörden Sendefrequenz und –lizenz beantragen muß, steht das Webcasting im Internet jedem offen, der die nötigen technischen Kenntnisse hat.



(Trailer Radio O-Zone)



A:

Zu den künstlerischen Pionieren im Bereich des Webcasting zählte das ettische „Relab.net“, das mit den wöchentlichen Internet-Streams ihres  vielfach preisgekrönten „Radio Ozone“ auf sich und seine Audioperformances aufmerksam machte,



(Klangbeispiel)



A:

Dies nicht nur per Webcasting, sondern – wie viele andere auch - per Audio on Demand: So war das Archiv der vergangenen Sendungen online abrufbar.

E:

Audio on Demand: Klänge, die im Internet auf Abruf zur Verfügung stehen. Die man sich unabhängig von einem vorgegebenen Programmverlauf, dann, wenn man Zeit und Muße hat, auf den Rechner laden kann: Seit der sogenannten mp3-Revolution Ende der 90er Jahre, durch welche die Qualität von Klang im Netz entscheidend verbessert wurde, ist die Zahl von Datenbanken, die etwa Audiokunst, Hörspiel oder elektroakustische Musik anbieten, ins Astronomische gestiegen.



Haderlein
Eigentlich hat nur dieses Quäntchen gefehlt, diese Abonnierfunktion, dieses Abonnement, in einem RSS-Feed, was das Ganze wirklich dann auch realisierbar macht.



A:

... und aus Audiodateien zum Runterladen Podcast-Episoden macht.

E:

Die Möglichkeit, Audio im Netz zu veröffentlichen, dort quasi als Sender aufzutreten, hat die medienpolitische Diskussion seit Ende der 90er Jahre sehr belebt. Die Forderung von Künstlern nach eigenen Audiokunst-Sendern on air, in denen sie jenseits gängiger Radioprogramme avancierte Kunst produzieren und präsentieren können, wurzelt im Webcasting und der Erfahrung, dabei als Sender autonom sein zu können. Die Möglichkeit, ein Radio zu machen, das aus der Mitte einer Community heraus entsteht, egal ob aus einer orts- oder themenbezogenen oder eine künstlerischen Gemeinschaft, ist in Deutschland, insbesondere reallisiert durch Veranstaltungsradios wie das deutsch-polnische „Radio_Copernicus“ oder den Sender „Dresdener Postplatz“, zu einem medien- und kulturpolitischen Modell geworden geworden, das immer häufiger in Erscheinung tritt.



(Leitmotiv)



Niehusmann
So wie wir früher in der elektronischen Musik gezwungen waren, an der Universität in das große Studio für elektronische Musik zu gehen und dort die Produktionsmittel zu
nutzen, so sind wir ja heute in der Lage, das alles mit dem Laptop auf dem Schreibtisch zu machen, mehr oder weniger alles.



ZA:

Frank Niehusmann, Komponist, Audiokünstler und Podcaster.



Niehusmann
Der gleiche Demokratisierungsprozess findet jetzt auf der Distributionsebene statt, und ja, es ist ein Demokratisierungsprozess, Können kann jetzt jeder, und jetzt stehen die Dinge zur allgemeinen Betrachtung, Besichtigung, Beobachtung frei, nebeneinander, und da muss sich einfach zeigen, welchen Geschmack hast Du als Hörer und welche Einzigartigkeit bewerkstellige ich als Komponist, und so müssen wir uns finden.



(Leitmotiv)



Haderlein
Zum ersten Mal bin ich auf den Namen Pod gestoßen, das war ein Film von einem kanadischen Regisseur, der heißt David Cronenberg. (..) Und dort, in seinem Film „eXistenZ“ gab es diesen Pod.



A:

Walkman, Transistorradio, Wachszylinder, und schließlich das legendäre chinesische Kästchen: Sie alle werden seit Beginn des neuen Jahrhunderts komplett ausgestochen durch ein schwarzes, weißes oder buntes zierliches Plastikteil, das, modisch gestylt, seinen Benutzer aufwertet und ihn gleichzeitig mit Klängen versorgt.



Haderlein
Und dieser Pod (.) das war der Joystick, etwas Organisches, was (.) über diese berühmte Öffnung, die im Film (.) dargestellt wurde, mit dem Rückenmark des jeweils Spielenden verbunden war. Und man hat sich dort in die reale Virtualität sozusagen hinein gegriffen mittels dieses Pods, na ja...



A:

Pod: P-o-d: Steht das für Portable Audio Device?



Haderlein
...Audio, genau Portable Audio device. Ja, das ist… LACHT.



A:

Oder: Program on Demand – Programm auf Abruf?



Haderlein
LACHT. Wieso nicht, ja. Hm.



E:

Rückmeldungen auf eine E-Mail-Rundfrage unter britischen Radiowissenschaftlern:

ZM:

„Das Wort Pod wurde von jeher benutzt, um eine schützende Behausung oder Hülle zu bezeichnen, die außerhalb eines Körpers, Gebäudes oder Fahrzeugs siedelt, und zwar für jegliche Art von Ausrüstung.“

ZF:

„Es ist ein altes englisches Wort und meint ursprünglich eine Schale oder Hülse für Pflanzensamen. Erbsen beispielsweise reifen in ‚pods’ heran.“

ZA:

„In Stanley Kubricks Film ‚2001 – Odyssee im Weltraum’ weist jemand den Computer an: ‚HAL, öffne die Türen des Pod-Anlegers!’ Pods, das waren bei Kubrick diese kleinen bewaffneten Ein-Mann-Raumschiffe, die bei schwierigen Manövern eingesetzt wurden.“

ZF:

„Pod, im Sinne von iPod ist eine Wortschöpfung der Computerfirma Apple. Apple beansprucht das Wort „pod“ als Markennamen und droht jedem, der das Wort verwertet, mit einem Prozeß.“



Haderlein
...ein mobiles Gerät auf jeden Fall, etwas, was ich mitnehmen kann, was nicht feststeht, ich glaub das alles kann man unter Pod subsumieren.



E:

Das alles und noch viel mehr: Kommerziellen Erfolg, Viel Speicherplatz auf kleinem Raum. Schickes Design. Leichte Handhabung. Überall einsatzfähig: Der iPod der Firma Apple hat sich seit 2002 etwa 20 Millionen mal verkauft. Und Dutzende von anderen mp3-Playern, die sich aus markenrechtlichen Gründen nicht „Pod“ nennen dürfen, zählen ebenfalls zu den Verkaufsschlagern der Unterhaltungselektronik. .



(Leitmotiv)



ZM:

Issue

ZF:

Thema, Streitfrage.

A:

...der erste Schritt, mit der ein Kommunikationskreislauf gestartet wird.



Noble
The issue: To set a subject that’s possible



ÜN:

Zu Anfang setzt man ein Thema, egal ob als Autor, Komponist oder Wissenschaftler. Es geht darum, dass es zunächst einfach nur da ist. Indem man es öffentlich präsentiert, appelliert man an seine Zeitgenossen: Hier ist etwas. Schaut es Euch an! Man hofft, daß es jemand zur Kenntnis nimmt.

A:

Was könnte ein solches Thema sein?



Noble
For us it is interesting.



ÜN:

Was uns hier interessiert, ist: Was ist eigentlich Podcasting, woher kommt es und wie kann es sich auf das Verhältnis von Hörkultur, Audiokunst und Radio auswirken?



(Leitmotiv)



ZM:

Loop

ZF:

Schleife - repetitive Struktur  - Kommunikationskreislauf.

A:

...die zweite Stufe. Ein Thema wird gemeinschaftlich entwickelt. Man sucht weitere Aspekte und Erkenntnisse darüber.



Noble
The issue is in the loop. Somebody have a look at it.



ÜN:

Wenn ein Thema, eine Streitfrage veröffentlicht ist, dann wünscht man sich, dass es jemand zur Kenntnis nimmt. Man muß es in Umlauf bringen, dafür sorgen, dass es in den Loop hinein kommt.



Noble
So you can set up and also later for example



ÜN:

Aber wie soll man das machen? Früher musste man hoffen, dass sich dort, wo man lebt und arbeitet, genügend Interessenten finden. Das funktionierte aber nicht immer. Über das Internet hat man die Chance, weltweit Interessenten zu finden. Menschen, die sich mit ähnlichen Themen beschäftigen. Wir können über das Netz miteinander kommunizieren, können unsere gemeinsame Sache voranbringen. Wir müssen uns aber zuerst finden und dann eine Plattform haben, auf der wir zusammen aktiv sein können. Dann kann eine Community entstehen.
Mich interessiert, inwieweit eine solche Community ein Mehr an Erkenntnissen oder Kreativität erzielen kann, als ich allein. Also habe ich mich für meine Doktorarbeit entschlossen, nicht 200 Seiten zu schreiben, sondern im Internet einen Blog zu entwickeln, in welchem ich Fragen zum Thema „Hören in Alltag und Medien“ im Austausch mit anderen bearbeiten möchte. Sein Name ist „looplog“. Ich habe dafür Kategorien entwickelt, die zeigen sollen, auf welcher Stufe der des gemeinschaftlichen Austauschprozesses sich ein Thema gerade befindet: Loop, Oszillator, Feedback, Filter usw. – das sind die Namen dieser Stufen.
Jeder, der sich in meinem „looplog“ anmeldet, kann Themen aufwerfen, Sound-Aufnahmen hochladen, all dies der Gemeinschaft zur Debatte stellen und so in den Loop, in die Kommunikationsschleife eintreten.



(Leitmotiv)



ZM:

„Audioblogging? Podcasting? GuerillaMedia? – Wie soll man dieses Phänomen nennen?“, fragte der Londoner Guardian am 12. Februar 2004 und schildert die ersten Unternehmungen von Christopher Lydon, per abonnierbarem Audio, ohne zwischengeschaltete Institution oder Chefredaktion, sein eigenes Medium  zur Verfügung zu haben.

E:

Senden ohne Transmitter. Empfangen ohne Receiver. Distribuieren ohne Radiowellen. Sondern per Datenkopie, die auf einem geheimnisvollen schwarzen, bunten oder weißen Kästchen namens Pod gespeichert werden kann.

A:

Podcasting, das saß. Der Begriff blieb.

E:

Gadget schlägt Aktivismus.
Markenname schlägt demokratische Medienutopie.



(Leitmotiv)



E:

2.10.04:  Als erster deutscher Podcast gelten Nicolas Oestreichs „AudioNews“, in denen er die Besucher seiner Website „Pochoirs“ über nützliche Softwares für iPod und iTunes informiert. Sein Ziel: Podcasting bekannt zu machen, und dessen Nutzung wie Produktion zu fördern.
Noch im Oktober folgt ein halbes Dutzend weiterer Podcasts, die sich ausnahmlos mit dem Podcasting selbst beschäftigen.



(Leitmotiv)



Haderlein
Ich bin kein Technikfreak. (..) Und ich habe gemerkt, mit den Feeds und mit dem Podcast, da muss man erstmal durchsteigen(..). Aber als es dann an das Podcasting ging, das war für mich: Mensch, das ist es, auf was ich gewartet habe, und was ich
eigentlich auch (.)  vorausgesehen habe (.), nämlich dass der Empfänger zum Senderempfänger wird.



A:

Jedem sein Sendekanal. Jedem seine Möglichkeit, Inhalte zu verbreiten. Was das Internet Ende der 90er Jahre durch das Streaming zwar verhieß, sich aber als technisch vergleichsweise aufwändig und vor allem störanfällig erwies: durch das Podcasting und seine komfortable Produktionsmethode wird es für jedermann ausgesprochen einfach, sich öffentlich zu verbreiten.

ZM:

„Der Rundfunk wäre der denkbar großartigste Kommunikationsapparat des öffentlichen Lebens (...), wenn er verstünde, nicht nur auszusenden, sondern auch zu empfangen, also den Zuhörer nicht nur hören, sondern auch sprechen zu machen und ihn nicht zu isolieren, sondern ihn auch in Beziehung zu setzen.“

ZA:

Bertolt Brecht in seinem 1930 gehaltenen Vortrag „Der Rundfunk als Kommunikationsapparat“.

A:

In Beziehung setzen.: Das meint, die Beziehung von Sender und Empfänger kehrt sich nicht einfach um, sondern wird dynamisch und flexibel. Aus der definierten Rolle des Empfängers, der zurückgelehnt dem Sendermonopol lauscht, kann und soll eine bewegliche Doppelrolle werden: die eines Senderempfängers.



(Es folgen collagierte Beispiele verschiedener Podcasts von Individuen bzw. Institutionen: das Campus-Radio der Hochschule Darmstadt,  „Schlaflos in München“ von Annik Gubens etc. etc. )



(Leitmotiv)



Noble
You can repeat a book, but it doesn’t let you into the loop.



ÜN:

Ein Buch, eine CD, eine Radiosendung, auch wenn man noch so oft darüber spricht oder schreibt, öffnet Dir nicht den Kommunikationskreislauf, nicht das unmittelbare Netzwerk an Rückmeldungsmöglichkeiten. Der Rezipient bleibt Rezipient. – Worum es mir geht: ich möchte Texte, Produktionen jedweder Art, dynamischer machen, offener, sie nicht als abgeschlossene und abgesichertes Elaborate begreifen. Ich und viele andere, wir wollen uns nicht als die Allwissenden präsentieren. Manchmal ist es sehr viel spannender, seiner Communityzu signalisieren: Ich bin an Deiner Meinung interessiert. Nicht: Hey, ich weiß was. Oder: Ich möchte mein Thema von verschiedenen Gesichtspunkten aus bearbeiten. Und nicht: Ich erzähl Euch mal meine Ansicht. - Dabei ändert man natürlich auch seine Rolle: Man muß Kontrolle abgeben, sonst kann man den Prozeß nicht für die anderen Interessierten öffnen.
Deshalb ist es in meinem „looplog“ möglich, Gedanken, Thesen, Meinungen direkt zu kommentieren, Gesetztes zu verändern. Und zwar so, dass der Prozeß nicht anonym, sondern nachvollziehbar abläuft.



(Leitmotiv endet)



ZF:

28. September 2004: Gibt man das Wort Podcast ein, erzielt Google 24 Treffer.

ZM:

30. September 2004: 526 Treffer.

ZF:

3. Oktober 2004: 2750 Treffer.

ZM:

27. März 2005: Die Sendung ‚SWR2 Wissen’ unter der Leitung von Detlef Clas stellt den ersten Podcast der ARD ins Internet. Thema:  „Weltweit. Der 27. März 2005“ - mit Beiträgen aus allen Kontinenten.

ZF:

18. Oktober 2005: Die Trefferquote des Worts „Podcast“ bei Google überschritt 100.000.

ZM:

24. November 2005: Die Trefferquote liegt über 1 Million.

ZF:

1. April 2006: 8 Millionen mal wird der Begriff „Podcast“ im Internet gefunden.

ZM:

2. April 2007: Der Begriff kommt laut der Suchmaschine Google im Internet rund 25 Millionen mal vor.



(Hörbeispiel)



E:

Im San Francisco Museum of Modern Art will man mittels Podcast neue Besuchergruppen gewinnen, vor allem Menschen zwischen 20 und 30 Jahren.

A:

Wer einen mp3-Player vorweisen kann, der die Podcasts des Museums speichert, erhält zwei Doller Ermäßigung.

E:

Für sogenannten „ArtCasts“, die wie Radiosendungen aufgebaut sind, werden Programme entwickelt, die das Ausstellungsprogramm ergänzen oder auf alternative Weise beleuchten: Literaturlesungen, Audioperformances oder Hörspiele. – Auf ein jüngeres Publikum zielt ebenfalls der Podcast-Museumsführer des Jüdischen Museums Berlin, den man sich bereits vorab von der Website runterladen kann. Das Sigmund-Freud-Museum in Wien stellt auf seiner Website Podcasts mit Musik und Originaltönen als ergänzende Information zur Verfügung.  Ebenso das ZKM Karlsruhe.
Im Londoner Victoria und Albert Museum fängt man zu ausgewählten Objekten Äußerungen von Besuchern ein und fertigt daraus abonnierbare Audioprogramme.

A:

Das Museum wird zum Sender. Die Stimmen ihrer Besucher agieren als Kunstexperten.

E:

Es gibt da noch eine ganze Reihe von inoffiziellen Museums-Führern, zum Beispiel von der Künstlergruppe „Art Mob“, die an Ausstellungen in New York City anknüpft, Interviewcollagen dazu bietet, Soundscapes oder humorvolle Kommentare.



(Hörbeispiel endet)



Haderlein
Ich hör mir (Podcasts) an, wenn ich die Zeit dazu habe. Und die Zeit, die wir heutzutage haben, die findet meistens, ja, in den so genannten „Third Places“ zwischen Arbeit und zuhause statt, im Auto, oder meinetwegen in den Cafes (.) wo man (.) auch Ruhe findet. (Das ist) ein dritter Ort zwischen Arbeit und Freizeit, in dem wir in einer mobiler werdenden Gesellschaft immer mehr Zeit verbringen. Die Autofahrt, die klassische, von zuhause ins Büro ist eigentlich das treffendste Bsp. Dort hab ich auch meine meisten Podcasts gehört bisher.



A

...oder beim Warten auf den Bus, in der U-Bahn, beim Zugfahren, beim Sport, ei Spaziergängen.



Haderlein
(..) Und beim Hund-Ausführen übrigens auch.



(Schritte im Watt Teri Rueb-Installation)



A:

Aber kann mobiles Hören überhaupt ein aufmerksames Hören sein? Entspricht es nicht vielmehr der „zerstreuten Rezeption“, wie sie von Walter Benjamin bereits 1935 als charakteristisch für das Medium Film beschrieben wurde?

E:

Im Konzert, vor dem Radio oder vor der Stereoanlage soll der Zuhörer – ähnlich wie in Schule oder Gottesdienst – von jeher seinen Platz einnehmen. Still und aufmerksam soll er die Ohren auf die Bühne oder zu den Lautsprechern – nach vorne also – ausrichten und sich nicht von der Stelle rühren. Denn nur das Verharren garantiere ihm, so heißt es, die Konzentration auf das, was Komponist, Autor, Regisseur sorgfältig produziert und vollendet haben.

A:

Ein Blick in die jüngste Kunst- und Kulturgeschichte zeigt: Mobile akustische Aktionen, wie zum Beispiel das von dem kanadischen Komponisten und Klangforscher Murray Schafer ins Leben gerufenen „Soundwalking“, haben das bewusste Hören erfolgreich zum ihrem Programm erhoben. Statt auf den Sitzplatz im Konzertsaal führen die Klangspaziergänge durch die Straßen der Stadt oder in die Natur hinaus. Indem sie ihre Teilnehmer in Bewegung setzen, sie zu akustischer Aufmerksamkeit motivieren, stellen sie ihnen anheim, ihren eigenen Hörfokus zu setzen und sich somit aus der Vielzahl der akustischen Eindrücke ihre subjektiven Hörwelt selbst zu mischen. Ähnliches gilt für das künstlerische Genre der Klanginstallation, das sich seit den 80er Jahren entfaltet.



(Teri Rueb)



A:

Längst setzen zahlreiche Audio-Künstler ihre Hörer in Bewegung. So zum Beispiel auch die US-amerikanische Audiokünstlerin Teri Rueb. Sie schickt die Teilnehmer ihrer Installationen los, durch die Innenstadt Bostons etwa, oder –wie hier zu hören – durch das Watt vor Cuxhaven, mit Kopfhörern und einem kleinen Rucksack. Darin steckt ein Global Positioning System, das in Abhängigkeit der geographischen Koordinaten des Wanderers, Klänge auslöst, die Teri Rueb speziell für einen speziellen Ort geschaffen hat. Diese Klänge kann man über Kopfhörer hören. Sie sind gespeichert auf einem mobilen Player, der in dem Rucksack steckt, den man mitbekommen hat. Fast könnte man Teri Ruebs Arbeiten als Podcasts bezeichnen. Als Podcasts, deren Programmabfolge von der Bewegung im Raum des einzelnen Besuchers bestimmt wird.

E:

Fast. Denn Teri Rueb stellt ihre Klänge nicht über das Internet zur Verfügung. Wer sie hören möchte, muß in den realen Raum, in die materielle Wirklichkeit treten, die sie dafür ausgewählt hat.

A:

Das gleichförmig-rhythmische Wandern, die sichtbaren Landschaftseindrücke sowie die akustischen Materialien der Künstlerin: diese Faktoren wirken zusammen und machen das Hören hier zu einem besonders intensiven Erlebnis.



Rueb
There ist his huge longing



ÜR:

Heutzutage ist ein großer Wunsch da nach räumlicher Unabhängigkeit, was ja auch ein grundsätzlicher Wunsch von Klang-Installationen ist. Früher blieben diese oftmals auf geschlossene Räume beschränkt. Und dieser Wunsch, diese Grenzen noch mal zu überschreiten, also noch mobiler zu sein, der hängt sicherlich mit unserer Zeit zusammen.



(Rueb-Beispiel Ende)



E:

Hören und Gehen: Im Durchmessen von Orten und Räumen intensive und besondere Hörerfahrungen zu machen: darauf bauen auch die Podcasts des jungen Berliner Audiokünstlers Yukio King. Was ihm auf seinen akustischen Stadt-Spaziergängen vors Mikrophon kommt und besonders hörenswürdig erscheint, nimmt er auf und stellt es als Podcast bereit, so wie hier die Soundscape der Warschauer Brücke in Berlin-Kreuzberg,



(Klangbeispiel)



King 7
Mein Podcast heißt Berlincast. com. Ich sag immer „Punkt Com“ weil es tatsächlich eine (.) Firma gibt mit einer anderen Website, namens Berlincast, (.) weil ich will keine rechtlichen Schwierigkeiten bekommen. Aber auf jeden Fall ist es einfach ein Podcast, (.) das ist praktisch wie ein Blog, aber man kann die Episoden herunterladen.



(Türkenmarkt Kreuzberg)



E:

Der Türkenmarkt am Maybachufer, der Neuköllner Helmholtzplatz, ein Spielplatz am Prenzlauer Berg, das Geräusch der Berliner U-Bahn bei der  Einfahrt auf den Bahnhof Gleisdreieck: all diese Dinge stellt King seit Sommer 2005 regelmäßig als Podcast zur Verfügung.



(anderes Hörbeispiel)



King
Kurz danach, nachdem ich angefangen habe mit dem Podcast, hab ich mich angemeldet bei einem Webtool, (.) man kann da Webseitenbesucher auswerten, wo die alle herkommen, und dann wird es auf einer Landkarte dargestellt,. Das hat mich total fasziniert. Wie kommt jemand in Japan auf meine Seite oder (.) in Afrika? (.). Auf jeden Fall ist es faszinierend, dass plötzlich die Welt vor der Tür steht, und man kann sein Konzept vorstellen.



(Hörbeispiel)



King
Es gibt eine Möglichkeit, auf meiner Seite Kommentare abzugeben und das Lustige ist, diejenigen, die einen Kommentar abgegeben haben, waren entweder Berliner, die im Ausland wohnen, oder Leute, die hier gewohnt haben, und die fanden das einfach so schön, weil die kannten diese Orte, diese Ecken, und die wurden innerhalb von zwei Sekunden durch diesen Klang dorthin transportiert. Die hatten so eine Nostalgie, es war so stark



(Hörbeispiel)



E:

Über 2000 Hörer haben sich bisher die Berliner Soundscapes von Yukio Kings Website herunter geladen.

A:

Die Rückmeldungen scheinen den jungen Künstler anzuspornen. Durch  seine Podcasts hat er begonnen, sich einen Ruf als Soundscape-Künstler  aufzubauen. Er selbst ist, wie viele andere auch, zum Sender geworden. Ohne Redakteur, ohne Frequenz, ohne Sendeanstalt.



(Hörbeispiel endet)



E:

Web 2.0 lautet das Schlagwort, unter welchem auch das Phänomen Podcasting in der Szene der Internet- Entwickler subsumiert wird. Tim O’Reilly, einer der Vordenker des „World Wide Web“ prägte den Ausdruck 2004 auf einer Konferenz in San Francisco:

ZM:

„Die alten Medien haben versucht, das Internet nach ihrem Weltbild zu gestalten.“

A:

...indem sie vorwiegend Strukturen abgebildet haben, die sie schon kannten: vor allem die „One-to-Many“-Kommunikation des Rundfunks, der von einem Zentrum aus sendet und von seinen Hörern ohne unmittelbaren Kanal der Rückmeldung entgegengenommen wird.

Z:

„Seit Gutenbergs Erfindung der Druckerpresse im ausgehenden Mittelalter hat sich kaum etwas geändert: Es gab wenige, professionelle, Sender und zahllose Empfänger.“



Pritlove
Die junge Generation, ja, für die ist Internet so was Normales wie ne Steckdose oder ein Wasserhahn, und so muss das ja auch sein.



E:

Tim Pritlove vom Chaos-Computer-Club. Radiomacher on air, bei Radio Fritz, ORB, und online, auf seiner Website namens „Blinkenlights“.



Pritlove
Da ist auf jeden Fall ganz klar sichtbar (.) ein Bedürfnis nach Mitteilung. (.) Aber vielleicht auch ein Ausleben von Meinungsvielfalt, um sich selbst als Meinungsteilhaber in den Raum zu stellen... dass man selbst beginnt, eine Diskussion zu eröffnen im Netz, indem man einfach seine eigene Meinung in Worte kleidet und diese Worte dann auch publiziert.



E:

„User generated content“: Die Nutzer sollen es sein, die ihre Texte, Bilder, Videos und Sounds ins Netz stellen, auf Websites wie Flickr und YouTube etwa, die in den zahllosen Foren Kommentare zu ihren Themen abgeben, die ihr eigenes Wissen für andere aufbereiten, wie beispielsweise in der offenen Enzyklopädie Wikipedia, oder ihre Radiosendungen als Podcasts abrufbar machen. – Gemäß dieser Vision sollen aus bislang entgegennehmenden Konsumenten aktive Macher und Produzenten werden. Millionen Leser, Radiohörer, Zuschauer können und wollen sich ihre Inhalte für sich und ihresgleichen in immer größerem Umfang selbst schaffen und tun bis bereits.


A:

Aber was ist neu daran? Daß die Nutzer in die Lage versetzt werden sollen, die Inhalte zu liefern, ganz im Sinne Bertolt Brechts, diese Forderung wird seit Ende der 90er Jahre von den Protagonisten der unabhängigen Internetszene erhoben, insbesondere auch von Audiokünstlern. Interaktion war der Schlüsselbegriff. Damals entwickelte man interaktive Systeme, in welchen die Eingaben der aktiven Nutzer gemäß dem Masterplan des Künstlers verarbeitet, umgeformt, ihm anverwandelt wurden. Geht es beim „Web 2.0“ um möglichst einfach zu nutzende Mitmachplattformen, so ging es damals um komplexe Interaktion und künstlerische Ansprüche.

E:

Bei den Ansätzen gemeinsam ist allerdings, dass sie nicht im Produkt, sondern in der Aktivität Sinn und Ziel ihres Vorhaben sehen.



Pritlove
Und das ist, glaube ich auch eines der Versprechen des Web 2.0, was ein Begriff ist, der immer gerade so gedreht wird, wie es dem einzelnen passt. Trotzdem steckt da schon was dahinter, der Begriff bezeichnet ja das Erwachsenwerden der Technologien auf der einen Seite, und auch die Gewöhnung der Menschen an das Internet auf der anderen Seite.



E:

Ob Weblogs, Wikis, Foren oder Podcasts: Durch die mittlerweile ausgereiften Werkzeuge, die einfach zu handhabenden Softwares, die nun zur Verfügung stehen, scheinen dem „User generated content“ keine Grenzen gesetzt. Jeder, der will, kann seine Themen, Meinungen und Produktionen der Internet-Öffentlichkeit präsentieren.

A:

Angesichts der zunehmenden Fülle könnte man naiv fragen: Wer braucht da noch professionell und zudem aufwendig und teuer produzierte Inhalte?



(Leitmotiv)



ZM:

Oszillator.

ZF:

Die dritte Stufe:

ZM:

Das Thema ist gesetzt, es ist im Umlauf,



Noble
I am sure you are familiar with what an oscillator is



ÜN:

Ein Oszillator produziert Schwingungen, Sinustöne. Fügt man weitere Schwingungen hinzu, schichtet man mehrere übereinander, lassen sich charakteristische Klänge gewinnen, die sich - manchmal völlig überraschend - ganz anders anhören, als das Ausgangsmaterial.



Noble
There is a whole bunch of voices



ÜN:

Wenn es zu einem gegebenen Thema viele Stimmen gibt mit unterschiedlichen Meinungen, Perspektiven und Akzenten, gerät das Thema ins Schwingen und zeigt das Spektrum seiner Bedeutungen. Wer seine Stimme zu diesem Mix hinzufügt, moduliert diesen Prozeß mit. Genauso kann man sich einen ästhetischen oder intellektuellen Produktions-Prozess vorstellen, an dem mehrere Menschen mitwirken.



(Leitmotiv)



ZM:

4. Stufe: Feedback.



(Man hört es)



ZM:

...ein sich aufschaukelnder Störprozeß; auch: die Rückmeldung an den Ausgangspunkt einer Nachricht oder Handlung.



Noble
You could just directly add some feedback to a given voice.



ÜN:

Wenn auf eine gegebene Stimme eine Rückmeldung kommt, das kann Bestätigung, Kritik, Diskussion oder auch einfach nur eine simple Kenntnisname sein, dann verstärkt das diese Stimme. Wenn dieses Feedback groß genug ist, fungiert es wie ein Akkumulator: es formiert sich um die Stimme, die These, den Gedanken herum eine Community.



(Leitmotiv)

(Hörbeispiel Obama)



King
Einer meiner Lieblingspodcasts ist von einem Senator in den Staaten, der heißt Barack Obama und der hat jede Woche eine neue Episode (.). Man kann das runterladen und plötzlich hat der dieses Medium (.) umgedreht und eine unglaubliche Nähe geschafft, (...) und man kann seine Interessen und seine Meinungen dann auch sehr gut verstehen. Das ist praktisch das, was Roosevelt früher gemacht hat mit seinen Fireside Chats, wo er jede Woche eine Sendung im Radio ausgestrahlt hat,



A:

Die Stimme des Präsidenten oder des legendären chinesischen Königs in den Wohnzimmern der Nation, zum entspannten Ausklang des Abends: Franklin D. Roosevelts Nachfolger haben versucht, diese Nähe und Vertraulichkeit über das Fernsehen herzustellen.



(Hörbeispiel Obama)



ZM:

März 2005: US-Senator John Edwards beginnt seine politischen Botschaften mit regelmäßigen Podcasts zu verbreiten.

ZA:

Juli 2005: US-Präsident George W. Bush wurde zum Podcaster.

ZM:

September 2005: Die monatliche Rede des Präsidenten des indischen Bundesstaats Andhra Pradesh ist per Internet im Originalton abonnierbar.



(Angela Merkels erster Podcast im O-Ton)



ZA:

Juni 2006:  Bundeskanzlerin Angela Merkel wendet sich von nun an per Podcast regelmäßig an die Nation. Sie vertraut dabei nicht allein ihrer Stimme und ihrer Rede, sondern bietet einen Video-Podcast an.



(Merkel Podcast bleibt noch etwas stehen, dann weg)

(geht über in Leitmotiv)



ZM:

Loopholes, eins.

ZF:

Schlupflöcher, Gucklöcher



Noble
The category is loopholes



ÜN:

Die Kategorie „loopholes“ zeigt an: es gibt da etwas, was nicht zur Deckung kommt. Zum Beispiel die Theorie mit der Praxis.

 



(Leitmotiv)



Noble
If you restrict only to expert voices



ÜN:

Wenn man, sei es in der Wissenschaft oder der Kunst, nur  den Stimmen von Experten und Spezialisten Raum gibt, dann übt man über die Kommunikationsnetze eine rigide Kontrolle aus. Dann bestimmt man, wer von wem Rückmeldung erhält, welche Bedeutungsoszillationen Themen und Begriffe bekommen können, welche Stimmen ungehört bleiben, und man schließt bestimmte Menschen oder Gruppen vom Diskurs explizit aus.

E:

Oktober 2005: Der ehemalige US-Präsidentschaftskandidat Al Gore eröffnet mit einer Zahl von 200 Freiwilligen und einem kleinen Stab von Medienprofis das Citizen-TV. Als Journalisten und Produzenten sind die Zuschauer gefragt. Das Ziel des Projekts: Gegenöffentlichkeit. Das Durchbrechen der Themen- und Meinungsmonopole der US-amerikanischen Medienkonzerne. Das Netzwerk Citizen-TV hat derzeit eine technische Reichweite von maximal 20 Millionen Nutzern. Ein großer Teil der Beiträge steht ebenfalls als Podcast zur Verfügung.



(Leitmotiv)



Pritlove
Podcasts bieten die Möglichkeit, Nischen anzusprechen, die man halt so im öffentlichen oder auch privaten Radio gar nicht bedienen kann. (..)
Ich kann ein Thema machen, was 10 Leute interessiert, und schon hat das Ding seine Legitimation.



(Hörbeispiel)



ZF:

Globalnoise-online bietet seit Oktober 2005 Podcasts mit Soundart aus China und anderen asiatischen Ländern.

ZM:

„Arte Sonoro“ stellt per abbonnierbarem Sound regelmäßig akustische Kunst aus dem spanisch-sprachigen Raum diesseits und jenseits des Atlantiks vor.

ZF:

„Polskie-Detroit“ bringt Produktionen, in denen die polnische House-Szene sich die Detroit-Techno-Szene anverwandelt – und umgekehrt.

E:

...alle aufgelistet und auffindbar unter Portalen mit Namen wie „podster“ oder „podcaster“, in denen, streng nach inhaltlichen Kategorien, existierende Podcasts mit einer Kurzbeschreibung genannt sind.



(Hörbeispiel)



Pritlove
In Zukunft werden viele erfolgreiche Podcasts wiederum ihren Weg ins öffentliche Radio finden, weil sich (.)  gezeigt hat : Im Netz, ah, da gibt`s ein Interesse dafür, (.) das ist ein interessantes Thema.



ZF:

Loopholes, zwei.

ZM:

Stellen, an denen sich der Kreis nicht schließt



Noble
Perhaps you are reading some theory...



ÜN:

Jeder kennt das. Man beschäftigt sich mit einer Theorie oder einer Hypothese. Aber man spürt, irgendwas stimmt daran nicht. Da gibt es einen unerklärlichen Sprung. Etwas, was wichtig wäre, ist nicht da. Das fällt dann in die Kategorie„Loophole“.



Olivier
Je m’appelle Irvic d’Olivier



ÜO:

Mein Name ist Irvic d’Olivier. Ich lebe in Brüssel. Ursprünglich bin ich Bildhauer, arbeite aber seit vielen Jahren als Audiokünstler. Ich koordiniere das „Silence Radio“.

E:

Eine Vielzahl bunter Kugeln erscheint auf der Webseite, Wenn ich mit der Maus darüberrolle, sind Komponistennamen und Titel zu sehen und die Kugeln gruppieren sich neu. Die Farben symbolisieren  Zuordnungen.: „Field Recording“, „Poésie Sonore“, „Radio Reportage“, „Ambiance“, „Documentaire Radio“ und noch einige mehr. Das sind die Genres, unter denen die Stücke sich subsumieren lassen.

A:

„Silence Radio“ – ein stilles Radio. Wer die Website anklickt, hört jedenfalls keinen Ton.



(Ein stilles flirrendes Stück hat eingesetzt)



A:

Silence Radio geht nicht auf Sendung. Der Hörer schaltet sich nicht in das   laufende Programm ein. Es verfügt aber über eine Vielzahl von Sendungen und ein klares Programmprofil.



Olivier
Nous sommes un canal pour l’art de radio.



ÜO:

Wir sind ein Kanal für die Radiokunst.– In Belgien steht der zeitgenössischen Kunst wenig Geld zur Verfügung. Die öffentlichen Sender bringen fast keine Radiokunst mehr. Silence Radio ist unser bescheidener Versuch, dem Hörer diese Kunst vorzustellen, ihm zu zeigen, dass sie existiert und welchen Entwicklungsstand sie aufweist. Podcasting soll der erste Schritt zu einem Sender sein, der irgendwann, bald hoffentlich, auch on air zu hören ist.



Olivier
On n’a pas d’argent



ÜO:

Wir haben kein Budget. Trotzdem beauftragen wir alle drei Monate eine neue Staffel von Künstlern, für uns Stücke produzieren. Nicht länger als 15 Minuten sollen sie dauern. Die Künstler schaffen diese Stücke exklusiv für uns. Um unser Projekt zu realisieren, mobiliseren wir unser Netzwerk. Dann wird es nicht so teuer.

E:

Jacques Foschia, Chantal Dumas, Etienne Noiseau, Eric la Casa... Es sind namhafte Komponisten, die zu Silence Radio beitragen. Keiner von Ihnen hat es wirklich nötig, ohne Geld Kompositionen im Internet zur Verfügung zu stellen. Aber es geht ihnen um die Sache.



Olivier
Notre mission: Ca existe...



ÜN:

Wir wollen zeigen: Uns gibt es. Wir sind der Beweis dafür, dass es Radiokunst in Belgien gibt. Man kann sie hören. Und man kann unsere Podcasts abonnieren.



Olivier
Podcast – ca me n’interesse pas...



ÜO:

...obwohl mich Podcasting eigentlich nicht interessiert. – Gut, es ist ein Hören à la carte. Das ist für das Publikum sicher attraktiv. Mir gefällt auch der Gedanke, dass man beim Hören von Radiokunst spazieren gehen kann. So wird sie ein Teil des eigenen Lebens.



Olivier
Dans ce sens: Ce n’est pas un choix...



ÜO:

Aber Podcast ist nicht unser Medium der Wahl. Wenn mir jemand sagen würde: Hier ist der öffentliche Rundfunk, hier ist dein Sendeplatz, hier ist dein Schreibtisch - das würde ich auf jeden Fall bevorzugen. Aber es gibt dort weder Jobs noch genügend Radiokunst-Sendeplätze. Und so nehmen wir halt die Podcast-Technik, weil sie uns die Möglichkeit gibt, unsere Produktionen zu veröffentlichen.

E:

Auch wenn - wie hier bei Silence Radio - die Qualität, die Downloadzahlen und die Community noch so groß sind: Eine Garantie, dass nach erfolgreichem Podcasting sich die Türen und Programmplätze der öffentlichen oder privaten Sender öffnen, ist das nicht.

A:

Podcasting kann dann bedeuten: existieren am Rand, abhängig von den Listen der Podcastverzeichnisse, von den Empfehlungen einer vielleicht mehr, vielleicht weniger aktiven Community. Kein Budget. Wie lange kann man auf diese Weise existieren? Wer kann sich so etwas leisten?



Niehusmann
Also das Medium Podcast zu benutzen für zeitgenössisches Komponieren kann keine exklusive Wahl sein. (.) Ich trete auf, meine CDs werden in bedeutenden Fachzeitschriften rezensiert, ich werde eingeladen, irgendwo einen Vortrag zu halten… dass wir jetzt zusätzlich zu den vielen Möglichkeiten, auch noch diese neue Struktur Podcast haben, ist nur ein Zugewinn an Publikationsmöglichkeit.



ZA:

Frank Niehusmann, Komponist und Audiokünstler, Jahrgang 1955, lebt und arbeitet in Velbert bei Münster.



(Leitmotiv)



ZM:

Kategorie 6:

ZF:

Cycles

A:

Zyklen, Gewohnheiten, Lebensroutine.



Noble
And after feedback you have cycles.



ÜN:

Zyklen: diese Kategorie kommt ins Spiel wenn aus der öffentlichen Beschäftigung mit dem gesetzten Thema ersichtlich wird, daß es in den Alltag einsickert, sich ins Leben integriert. Wenn klar wird, daß wir hier nicht nur theoretisieren, sondern daß Prozesse und Resultate gelebt werden.



Niehusmann
Also bei mir fing die Geschichte im Mai 2005 an,



E:

Frank Niehusmann omponiert mit Originaltönen. Grundlage ist sein eigenes Klang- und Geräuscharchiv, das er über die vergangenen zwei Jahrzehnte aufgebaut hat.



Niehusmann
...da kam ich aus Japan zurück und hatte sehr viele Eindrücke im Kopf (.) und hatte die Idee, ich mich mit kleinen Formen beschäftigen.



E:

Seine Kompositionen: eine Art Musique Concrète, die in Richtung Ars Acustica tendiert.



Niehusmann
Das Neue und das Kleine haben dann für mich als Komponist, der auf dem Computer arbeitet, zwar sehr schnell zu privaten Ergebnissen (.) gefunden, aber was nun damit machen? Weil a) das war für mich noch nicht wirklich gesichertes Kunstergebnis b) das war sowieso schon mal in den ersten Wochen und Monaten kein abendfüllendes Konzertprogramm. (.) In der Überlegung (.) kam mir dann (.) im Mai 2005 die Podcast-Technologie als was ganz Tolles und relativ Neues entgegen.



(Hörbeispiel Niehusmann)



E:

24. Mai 2005: Frank Niehusmann stellt seine erste Komposition als Podcast zur Verfügung.



Niehusmann
Also, dass meine Audiofiles mobil werden, das finde ich super, weil ich selber benutze sie auch gerne mobil. Ich höre meine eigenen Sachen auch auf nem MP3-Player oder im Auto oder im ICE oder sonst wie und das finde ich völlig normal, völlig angemessen. Zufällig passt meine Art, diese Musik zu machen, wie ich finde auch genau dazu D.h., dass Musik hören ein mobiler Zustand ist, finde ich sowieso zeitgemäß.



Niehusmann
Ich hab dann zunächst mal mit ein paar Kollegen und meinem Webmaster gesprochen, der junge Mann, der meine Webseite versorgt, und alle wussten gar nichts und hatten nur etwas raunen gehört, und ich dachte mir: K ann nicht sein, bist Du plötzlich so weit vorne?



(Hörbeispiel)



ZM:

Frank Niehusmann am 25. Mai 2005.



Niehusmann
...aber [offenbar war es so], wenn man im Mai 2005 seinen Podcast eröffnete, dann war das ungefähr so: (.) Man schrieb sich gegenseitig Mails: Hallo, ich habe da einen Podcast gesehen und dann kamen auch gleich so Anfragen, können wir von Deiner zweiten Komposition die ersten dreißig Sekunden als Info für unseren Podcast benutzen und so Sachen.



(Hörbeispiele)



A:

www.niehuesmann.org: Eine Versuchsanordnung. Ausgangspunkt ist ein damals noch relativ neues Distributionsverfahren für Audio namens Podcasting. Die Fragestellung: Was passiert mit der Komposition, mit dem Künstler, mit dem Publikum unter folgenden Bedingungen:



Niehusmann
Ich hab, das war Teil meines künstlerisch erfundenen Rituals, jeden Tag eine drei Minuten-Komposition angefertigt, und ich habe mir gesagt, a) das ist ungesichert, b) ich weiß, man muss Abstand dazu kriegen. Man muss das einfach mal, so wie der Metzger sagt, hängen lassen, das muss erstmal ein bisschen lufttrocknen. Und wohin damit, einfach auf der Festplatte vergraben (.) gefiel mir nicht, ich wollte es ausstellen. Nach dem Motto, „Kann so schlimm nicht sein, mal sehen, was Leute dazu sagen, die es hören“ hab ich das anfangs wirklich jeden Tag hochgeladen und da gab`s jeden Tag drei neue Minuten von mir im Netz.



(Hörbeispiel)



ZM:

Podcast am 7. Juli 2005.



Niehusmann
Und dann ist das auch sehr schön, dass der einsame Fleiß des Komponisten mitten zwischen seinen ungesicherten Erfindungen plötzlich im Monat 150 bis 200 Mal runtergeladen wird und die Leute manchmal sogar was dazu schreiben. Und plötzlich so irgendwie nach drei, vier Wochen findet man, dass es Links dazu gibt.
Die plötzliche, neue Möglichkeit (..) mit der neuen Technik mit einem Publikum zu kommunizieren und das auch noch auf der spielerischen Ebene...



(Hörbeispiel)



Niehusmann
Wenn ich (.) mein System erkläre, dann ist eigentlich sofort klar, es handelt sich hier nicht im schlechten Sinne um eine Fließbandarbeit. Weil, ich habe zwei Qualitäten, auf denen ich jeden Tag versuche, neu ein Tor zu schießen. Die eine Qualität ist, dass ich als Sammler von Klängen und Geräuschen über die Jahre mit dem Archiv eine Basisqualität geschaffen habe, aus der ich nun schöpfen kann, weil es mein Archiv ist. (..)



E:

Als Thomaskontor musste Johann Sebastian Bach über mehrere Jahre hinweg jeden Sonntag eine Kantate schaffen. Joseph Haydn war als omponist beim Fürsten Esterhazy für die manchmal fast täglichen Anlässe des höfischen Lebens in der Pflicht. Beide begegneten dem Schaffensdruck mit einem klaren formalen System, auf das sie aufbauten.



Niehusmann
Und der zweite Punkt ist, ich habe mir selber eine Software-Struktur geschaffen, programmiert, die wesentliche Grundregel und Basis dieser Podcast Komposition gewesen ist. Das ist keine triviale Angelegenheit. (..) Das ist definitiv das Gegenteil von Fließbandarbeit, aber es ist jeden Tag die Chance, etwas total in den Sand zu setzen. Die Kompositionsidee muss es tragen und ich muss es können.



(Hörbeispiele)



ZM:

Frank Niehusmanns Podcast am 23, November 2005.

A:

www.niehusmann.org: Jeden Tag ein Stück Audiokunst frei Haus. Über ein Jahr lang. Was hat der Komponist heute zu bieten? Worum geht es in seinem neuesten Stück? Wie löst er dieses Mal seine Aufgabe?



Niehusmann
Wie lange hältst Du das durch und wie lange hält die Kompositionsidee das durch? Weil das sind ja zwei verschiedene Paar Schuhe.



(Hörbeispiele)



Niehusmann
Dann kam der Punkt, da habe ich dann gesagt: So, jetzt kommt die erste CD, jetzt erkläre ich etwas für gesichert. Und dann stelle ich fest, Du hast hier (.) Kompositionen der Öffentlichkeit vorgestellt, da sind ja manche unglaublich schwachen Sachen dabei. Die Filtration, welche 20 dann auf die CD kommen, war dann schon ein Blick in den Abgrund.



(Hörbeispiel klingt aus)



A:

138 Stücke Audiokunst über einen Zeitraum von anderthalb Jahren. Die Qualitätskriterien hierfür sind anders gelagert als wenn es um die Bewertung einer singulären Komposition geht, eines Unikats. – Auf einer CD, die öffentlich vertrieben und verkauft wird, sollte sich ein Stück auch nach mehrmaligem Hören noch bewähren und als einzelnes, herauslösbares auch noch Jahre später ästhetisch und inhaltlich bedeutungsvoll sein.
Dem seriellen Prinzip, dem der regelmäßigen Podcast unterliegt, sind andere Schwerpunkte in der Bewertung angemessen: Dessen Qualität speist sich zu einem wichtigen Teil daraus, dass sich die einzelnen Episoden in der Reihenfolge gegenseitig beleuchten. Sie bilden als Reihe einen Kontext für die einzelne Folge. Es kommen dabei Kriterien ins Spiel, die bei einem einzelnen, für sich stehenden Werk meist weniger stark ins Gewicht fallen: Variationsspielräume etwa, Überraschungsmomente, Selbstreflexion, mitunter sogar Selbstironie. So kann der einzelne Podcast, der Bestandteil einer Reihe ist, als Teil eines Prozesses wahrgenommen werden, der so lange im Fluß ist, bis die letzte Episode online steht.



Niehusmann
Wie weit bist Du erschöpfbar oder wann ist die Idee erschöpft? An so nem Grenzpunkt bin ich inzwischen angekommen.



E:

Podcasting tritt als ein Audiomedium hervor, das nicht auf Abgeschlossenes, quasi „Geronnenes“ baut, sondern auf das dynamische, kommunikative Verfertigen von Inhalten und Formen. Der Produktionsprozeß aus dem Probenraum, die Debatte aus dem wissenschaftlichen Kolloquium, der kommunikative Reifungsprozeß eines künstlerischen Vorhabens können so greifbar werden. Anders  etwa als im Radioprogramm, wo es das Abgeschlossene und Gesicherte ist, das man der Öffentlichkeit bieten möchte.

A:

Einen Prozeß zu verfolgen, kann allerdings etwas sehr Spannendes sein. Nicht zuletzt deshalb, weil hier transparent wird, auf welche Weise ein Thema, eine Meinung, ein Konzept, ein Diskurs Gestalt gewinnt.

E:

Was allerdings belang- und inhaltslos vor sich hindümpelt, vermag weder in seinem Resultat noch als Prozeß das Publikum bei der Stange zu halten.



(Leitmotiv)



ZM:

Kategorie 7.



Noble
That amplification process



ZF:

Verstärkung.

A:

Die Amplitude wird größer, der Klang wird weithin hörbar. Aber auch: Eine Meinung, eine Haltung, ein Thema geht auf immer mehr Menschen über und gewinnt gesellschaftlich an Gewicht und Durchsetzungskraft.



(Leitmotiv)



Niehusmann
Das ist eine dieser wunderbaren Ideen von vor-vor-vorgestern, dass man sein Werk gegen irgendeine Benutzung, irgendeinen Remix oder irgendwas schützen kann.



Noble
It’s not about singularity of authorship, it is about multiplicity of authorship



ÜN:

Verstärkung findet dort statt, wo viele Autoren etwas zu einem Diskurs beitragen. Sie eignen sich einen Gedanken an, formen ihn um, tragen ihn weiter. Das Netz unterstützt mit seinen technischen Funktionen die Möglichkeit, dass mehrere Autoren gleichzeitig an der selben Sache arbeiten. Wenn ein einzelner sagt: Ich habe dieses und jenes herausgefunden, ist das nicht dasselbe, als wenn man sagen kann: Jemand hat etwas öffentlich geäußert – viele machen es sich zu eigen. Oder: Viele haben dieses oder jenes geäußert und noch sehr viel mehr stimmen zu. – In meinem „looplog“ sollen diese Vorgänge sichtbar werden. Es soll darin klar werden, wann und auf welche Weise Meinungen, Erkenntnisse, Derivate vielstimmig erarbeitet und verfasst wurden, und wie es kommt, dass sie dann plötzlich den Diskurs bestimmen.



(Leitmotiv)



Schmidt
Natürlich hat sich vieles verändert, eine Kopie ist heute nicht mehr das, was früher eine Kopie war, und genau darum geht es.



ZF:

Heidi Schmidt Leiterin der Hauptabteilung Neue Medien beim Südwestrundfunk und ARD-Online-Koordinatorin.

A:

Was sich Abertausende Menschen als Podcast herunterladen können, was per „drag and drop“ auf mobilen schwarzen, roten, bunten Kästchen wandert, landauf, landab, was geschnitten, gemischt, gefiltert, getauscht werden, was bearbeitet und neu gemischt wieder auf einer Internet-Plattform landen kann, erneut unendlich oft kopierbar - das ist nicht mehr das selbe wie zu analogen Zeiten der zeitaufwändige Umschnitt eines Tonbands auf Hörkassette, deren Eintüten, Frankieren und zur Post bringen.

E:

Der digitalen Kopie  beim Podcasting, entspricht ein völlig entgrenzter Raum der Nutzung. Auch beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk sind die rechtlichen  Bedingungen dafür ausgesprochen strikt und nicht einfach zu handhaben.




Schmidt
Es ist vor allem auch eine Aufgabe der Redakteure, quasi ab Planung mit zu bedenken, ob sie in dieses Medium hereinwollen oder nicht. Denn wenn sie gleich schon als Ansatz haben, (..) ich will meine Sendung als Podcast anbieten, dann heißt das dass die entsprechenden Rechte zu erwerben sind bzw. dass man auf best. Inhalte, für die man diese Rechte nicht erwerben kann, verzichten muss.
Das hat also Auswirkungen auf das redaktionelle Produkt an sich. Man muss anders produzieren für Podcast. (..) Arbeite ich in der Aktualität, so verfügen wir fast immer über die notwendigen Rechte. Bewege ich mich sehr stark in den künstlerischen Bereich, wird es fast unmöglich.



E:

Mit rechtefreien Bühnenklassikern hat das SWR-Hörspiel im März 2007 den Anfang zu einem eigenen Podcast-Angebot gemacht. Musiken, Literaturzitate, Schauspielerstimmen: Dort, wo Rechte berührt werden, die Verlage oder Verwertungsgesellschaften wie der GEMA wahrnehmen, wird es schwierig, auch für die etablierten Radioanstalten, diese Materialien zum Bestandteil der geplanten Podcasts zu machen. Oft muß man deshalb darauf verzichten.



Haderlein
Jeder, der eine Webseite hat und dort vielleicht schon mal von der GEMA abgemahnt wurde, der weiß auch, dass es sehr teuer ist, selbst seine eigene Musik, die er bei GEMA gemeldet hat, ins Netz zu stellen.



Pritlove
Die Leute zitieren irgendwas (.) und werden halt gleich in Grund und Boden geklagt für  nichts und wieder nichts. Das ist sinnfrei, das nutzt wenigen und ist einfach der gesamten Kultur nicht zuträglich.



(Einspielung: GEMA nach Hause, liegt auch unter dem folgenden)



Niehusmann
Natürlich habe ich vernünftigerweise als ernsthaft schaffender Komponist den Standardvertrag mit der GEMA. D.h. die GEMA ist dafür zuständig, meine Rechte wahrzunehmen. Das ist eine wunderbare Erfindung, da ist Deutschland noch die Insel der Glückseligen .



Schmidt
Auch im normalen Sendebetrieb musste ich immer erst gucken, kann ich diese Rechte erwerben für eine Sendung und ist das von der GEMA abgedeckt. (.) Es kommt halt jetzt i.G. eine neue Stufe hinzu und Die muss abgeprüft werden.



Niehusmann
Was meinen Podcast betrifft,  ist es nicht so, weil ich mich quasi an einer Avantgardegrenze bewege, wo Technologie auf altes Recht stößt, hab ich mir schon mal Gedanken darüber gemacht (..), dass halt das, was ich tue, (.) in den vorhandenen Rechtsbegriffen darstellbar ist. Und ich glaube, wir könnten darüber reden in dem Sinne: Mein künstlerisches Projekt war ja ungesichertes Geräuschmaterial, Audiofiles, hochzuladen. Und das sind keine Werke, würde ich erklären.



E:

Denn nur für Werke müssen GEMA-Gebühren bezahlt werden, nicht für        Geräusch-Materialien.



Schmidt
Podcast ist ja eigentlich ein proprietäres Verfahren. Um etwas zum Download anzubieten muss ich die entsprechenden Rechte erwerben und dazu brauche ich mehr als das Senderecht. Das habe ich üblicherweise nicht, und wir können es nicht immer erwerben.



E:

Urheber, Bearbeiter, Mitwirkende, Regisseure, Verlage – sie alle wollen ihren Anteil von einem Kuchen, der angesichts der zunehmenden Distributionsmedien und –strukturen immer größer zu werden verspricht.



Schmidt
Es geht um Rollen, und es geht um Existenzen, und deshalb muss man damit sehr vorsichtig sein. Und die Digitalisierung darf ja auch nicht dazu führen dass man i.G. denen dann den Hahn abdreht, die das kreative Potential sind. Die müssen ja angemessen davon leben können.



E:

Es geht um Autorenrechte, Senderechte, Verwertungsrechte. Wie geht man damit um, wenn durch Podcasting die Anzahl und Verbreitung von Kopien unkontrolierbar wird?



Schmidt
Also muss man sich darauf verständigen, wie man jetzt in der neuen digitalen Welt gerechter neu ordnet und neu verteilt, so dass i.G. das eigentliche Ziel erreicht wird, dass man die Inhalte dort hat, wo die Nutzer sie haben wollen, und nicht, dass man plötzlich Marktsperren hat. D.h., das Recht ist noch analog, aber die Verfahrensweise ist digital.



Niehusmann
Die GEMA versteht unter Podcast etwas ganz anderes als ich. Eine Radiosendung. Also: „Wir machen eine Radiosendung: Erstens, wir müssen dabei reden. Zweitens, wir spielen dabei gelegentlich immer mal wieder irgendwelche Musik.“



A:

...und die bitte nicht länger als 30 Sekunden insgesamt, und eingebettet in Text. Dann kommt man mit einer halbjährlichen Pauschale von 70 Euro davon. Hält man die Konditionen nicht ein, wird es teuer.



Niehumann
Ja, aber dann stellt die GEMA sich aber vor, wir spielen die Rolling Stones, und ein bisschen Madonna (.), wo es ganz viele komplexe Produktions-, Distributions- und Kompositionsrechte dran gibt. Ist bei mir ja ganz anders. Ich stelle ein eigenes Werk, an dem es keine weiteren Rechte gibt, nur meine eigenen Rechte, stelle ich selber, und zwar ausschließlich, ohne dazwischen zu reden, in voller Länge regelmäßig ins Netz. Das kennt die GEMA noch gar nicht, das kann die sich gar nicht vorstellen.



(GEMA nach Hause)



Schmidt
Wir haben ja iG. immer die Ausnahmesituation wir sind vorfinanziert und sind Treuhänder der Gebühren der Rundfunkteilnehmer, ja. (.) Wir sind (.) dann gefragt, wenn es darum geht, z.B. im Bereich der Verwertung, wie teilt man sich die Rechte angemessen.  Weil die Verlage nat auch davon leben, dass sie selber auch diese Rechte in neuen Medien ausüben.  Die frühere Teilung war: Senderrecht hier, Verwertung dort, und wie kommt man jetzt zu neuen Vereinbarungen, wie man sich Rechte angemessen teilt.



(GEMA nach Hause)



Haderlein
Also das, was ich jetzt sage, ist keine Gewähr für irgendwelche Freischüsse. Aber Podsafe-Music ist Musik, die nicht bei der GEMA gemeldet ist. Sie ist frei zugängliche Musik. Und unter dem Creative Commons-Label (.) kann man im Internet einsehen, dass Du meine Musik spielen kannst, wenn Du mich erwähnst, wenn Du vielleicht noch einen Link auf meine Seite stellst.



E:

„Some rights reserved“ – einige, nicht alle, Rechte vorbehalten lautet der Slogan der Creative Commons. Seit Anfang des Jahrzehnts versucht die Creative Commons-Bewegung für Klarheit zu sorgen, wie Text-, Sound- und Bildinhalten, die im Internet veröffentlich sind, insbesondere von Einzelpersonen oder Non-Profit-Organisationen, weiterverwendet werden dürfen. Das System, das von Lawrence Lessig, einem Professor der Stanford Law School, entwickelt und propagiert wurde und sich derzeit, als Bewegung innerhalb der kreativen Non-Profit-Szene, weltweit etabliert, ist modular aufgebaut und für den juristischen Laien einfach anzuwenden.



Pritlove
So Lizenzsysteme wie die Creative Commons bieten zumindest so 'n Werkzeugkasten mit dem man explizit sagt, das, was ich produziere, das ist zu einem bestimmten Maße frei. Und d.h., ihr braucht euch nicht direkt an mich zu wenden, ihr könnt meine Inhalte erst mal nehmen und verwerten.



E:

Creative Commons, lässt sich in etwa als „schöpferisches Allgemeingut“ übersetzen. Durch diese juristische Systematik soll eine Kultur des Austauschs und der Weiterverarbeitung von Inhalten im Internet international einheitlich ermöglicht und gefördert werden, gleichzeitig aber den individuellen Wünschen der Urheber Rechnung tragen. Ohne großen Aufwand.



Pritlove
Das, was sich bisher abzeichnet, bewerte ich sehr positiv (.). Aber wenn wir uns einfach nur auf das Geld stützen und wenn es einfach nur so gilt, dass derjenige der am meisten (.) juristische Kraft hat sich durchsetzt, dann wird es einfach eine kulturarme Landschaft werden, und das kann nicht gut werden.



E:

Ein Podcast, versehen mit dem Hinweis auf eine Creative Commons-Lizenz, macht dem User sofort klar, in welcher Weise, in welchem Kontext und in welchem Umfang der jeweilige Urheber eine Kopie oder Weiterverarbeitung seiner Produktion erlaubt:  Er kann kommerzielle Nutzung einbeziehen oder ausschließen, kann verlangen, dass das Werk nur im Ganzen abgespielt werden darf, und darf ausdrücklich erlauben oder ausschließen, ob daraus andere Werke, zum Beispiel Remixes abgeleitet werden dürfen. Ob er möchte, ob er erlaubt, dass aus dem Werk andere Werke abgeleitet werden können wie z.B. Remixes und in welcher Weise der Nutzer seinerseits mit den verwendeten Werken umgehen kann.

A:

Doch wo die Rechte Dritter mit im Spiel sind, etwa von Interpreten, Verwertungsgesellschaften oder Verlagen, wird die Anwendung der Creative Commons problematisch. „Wie teilt man sich die Rechte angemessen?“ – diese Frage ist auch für die Rundfunkanstalten nach wie vor offen. Podcasting ist in seiner inhaltlichen Entfaltung daher sehr eingeschränkt.



Olivier
Les Creative Commons ont proposé des licences...



ÜO:

Die Creative Commons sind sicherlich sehr hilfreich. Deshalb verwenden wir sie auch für die Podcasts von „Silence-Radio“. Es handelt sich aber nicht um Regelungen, die einen ökonomischen Wert haben. Wir Künstler können damit unseren Lebensunterhalt nicht sichern. Aber zumindest sorgen diese Lizenzen dafür, dass unsere Werke nicht von anderen ausgebeutet werden.



(GEMA nach Hause)



Haderlein
Die Podsafe-Music Community ist mittlerweile sehr groß, es gibt ganze Plattformen. Adam Curry hat eine dieser Podsafe-Music -Plattformen begründet, es gibt die Pod-Parade, also einen Podcast, der nur Podsafe-Music spielt, und das wie eine Hitparade aufspielt, und jeden Monat von Zuhörern gerankte neue Musikstücke reinbringt, ja, und man kann diese Podsafe-Music natürlich für seinen Podcast verwenden. Wichtig ist nur, man sagt, dass man das verwendet, und man nutzt es natürlich nicht kommerziell.



ZA:

“Eine wirkiliche Revolution der Massenmedien muß nicht die Manipulateure zum Verschwinden bringen, sondern jeden zum Manipulateur machen.”

ZF:

Hans Magnus Enzensberger, 1970.

ZM:

Kategorie 9



Noble
...filter the noise much more effectively



ZM:

Filter:

A:

Durchlaß; Reinigung; Läuterung.



Noble
If a person on the street



ÜN:

Wenn ein ganz normaler Mensch ein Interesse daran hat, an einem gesetzten Thema mitzudiskutieren: nun, ich meine, wir sollten es ihm im Netz nicht verwehren. Auch wenn er vielleicht kein profundes Wissen, keine besonderen wissenschaftlichen Kenntnisse hat.



Noble
And I think you know, it`s an experiment, but I mean.



ÜN:

Ich glaube aber, dass wir uns im Netzzeitalter auf solche Experimente einlassen können, gerade da, wo es um Kunst und Kultur geht. Wir treffen hier keine Entscheidungen auf Regierungsebene. Wir müssen ausprobieren, wie weit wir gehen können, damit unsere Ergebnisse möglichst wenig ausgrenzend sind und wie weit wir das Rauschen, das durch eine große Zahl an Stimmen, Signalen und Wellen entsteht, noch filtern können.



Noble
Aggregation and moderation to me are the two primary roles that I think academics



ÜN:

Im Web 2.0, wird das Zusammenführen und Moderieren von Wissen und Kreativität eine zentrale Rolle spielen müssen. Hierzu braucht man Spezialisten, hier können sie ihr Wissen sinnvoll anwenden.Was sie verhindern müssen, ist Manipulation, durch Gruppen oder durch einzelne.



(Leitmotiv)



Niehusmann
Es gab dann ganz schnell im Laufe des Jahres 2006 das Phänomen, dass die ganzen Podcast-Situationen, die ja Kommentierungen jedes Eintrages zulassen, die comments, dass die plötzlich von irgend welchen unsäglichen Spammern überflutet wurden mit hunderten von Einträgen, dass man in irgend einem Onlinekasino mitspielen soll oder irgendwelche anderen Dinge tun soll... (Niehusmann/14) Podcast hat so was ähnliches zu unserer Zeit beigetragen wie vielleicht Ende der 60er Jahre so Begriffe wie „Summer of Love“ oder so. Das ist ne historische Phase, die kann man sich gar nicht kurz genug vorstellen. Es war mal kurz etwas möglich und es war leicht möglich und es war unschädlich möglich, und das geht ganz schnell vorbei...



E:

3.Oktober  2006, Folge 138: Frank Niehusmann stellt seinen letzten Podcast ins Netz.



(es folgt eine Collage letzter Podcasts verschiedener privater Autoren)



E:

Und das Podcasting boomt wie nie. Schätzungsweise warten im Juli 2006, also zwei Jahre nach der Premiere von Adam Currys „Daily Source Code“ allein in Deutschland fast 200.000 Podcasts auf Zuhörer: Autohersteller wie BMW oder Daimler-Chrysler, Unternehmensberater, politische Parteien, Kulturinstitutionen, Versandhäuser, Zeitungen, private und öffentlich-rechtliche Rundfunk-Anstalten der ARD. Sie alle, neben zahllosen Laien, die das Medium neu für sich entdeckt haben, machen Podcasts. Sie alle wollen Aufmerksamkeit, sollen gehört werden.



Haderlein
Also, da haben wir es auch mit einer Vertrashung des Hörraums Internet zu tun.



ZF:

„Du. Ja, Du. Du steuerst das Informationszeitalter. Willkommen in Deiner Welt.“

A:

Podcast, nur ein weiterer Distribtutions- und Marketingkanal für diejenigen, die ohnehin zur politischen und gesellschaftlichen Elite zählen? Nur ein weiterer Kanal der Selbstdarstellung und der Besserwisserei für viele Laien?

E:

In der internationalen Podcast-Szene rumort es. Viele der frühen Mitentwickler sehen Podcasting vereinnahmt von Politik, Industrie und etablierten Medien, vermissen den Geist des demokratisierenden Potentials.
Gestritten wird auch über Adam Curry, den „Podfather“. Curry habe nachweislich den Artikel über die Anfänge des Podcasting auf Wikipedia, der freien, von Internet-Usern    produzierten Enzyklopädie, manipuliert, Namen entfernt und seine Protagonistenrolle überdimensional herausgekehrt, so der Vorwurf. In der Szene kommt es zu einem Aufschrei. Man ruft zum Boykott von Currys „Daily Source Code“ auf. Doch der Aufstand verebbt rasch.



(Leitmotiv)



A:

Mag sein, dass durch das Podcasting zwar die Mobilisierung des Hörens, nicht aber die Mobilisierung des Hörers gelungen ist. Viele möchten zwar Sender sein, buhlen um Aufmerksamkeit, aber das In-Beziehung-Treten, zwischen Sender und Empfänger, das von Brecht so eindringlich gefordert wurde, der Kommunikationskreislauf, der sich auf die technischen Möglichkeiten wie auf den Kommunikationswillen des einzelnen stützt, ist als notwendige Voraussetzung einer gelingenden Web 2.0-Kultur nur wenig ausgeprägt.



Haderlein
Man kann es nicht mehr abgrenzen: Ist es jetzt ein Podcast, ist es ein neuer Kanal auch für einen öffentlich-rechtlichen Sender? Das will ich gar nicht verurteilen, seh es aber kritisch, weil „Basic Podcast“ meint: Du wirst zum Sender und nicht die, die ohnehin schon senden.



E:

Tatsache ist, wer sich im neuen Web nicht positioniert, ist eines Tages für die vielen User nicht auffindbar und somit nicht mehr vorhanden. Das gilt für Versicherungen ebenso wie für Hörbuchverlage und den öffentlich-rechtlichen Rundfunk.



Schmidt
Es geht ja auch um unsere Relevanz. D.h., die Entwicklungsgarantie des öffentlich-rechtlichen Rundfunks sollte ja beinhalten, dass wir auch die Verbreitungswege nutzen dürfen, die die Menschen eben annehmen. Und dass man uns nicht vorher davon ausschließt. Weil ansonsten würde das ja bedeuten, dass man uns so etwas
verordnet wie einen medienpolitischen Morgenthau-Plan, ja. Wir würden in der Vergangenheit festgehalten und dürfen uns nicht mehr in die Zukunft entwickeln.



A:

Alles steht im Netz nebeneinander: Die Podcasts von SWR2-Wissen neben den Soundscapes von Yukio King, die Kochrezepte von RTL neben den medienkritiischen Betrachtungen des Chaos Computer Clubs, der Pornopodcast aus den USA neben den 3-Minuten-Kompositionen von Frank Niehusmann, dem Audiotagebuch von „Superdommi“, die Geburtstagssendung für den Großvater und der Tagesschau.



Noble
Managing the feedback, managing the new networks, managing the new voices



ÜN:

Die Kommunikation organisieren, die Netzwerke und Communities, die neuen Stimmen, die mitreden wollen, sie zu führen, behutsam, ohne die Vielfalt einzuebnen, Verantwortung für einen gelingenden Erkenntnis- und Schaffensprozeß  zu übernehmen, wird eine neue Aufgabe sein, die Wissenschaftlern und Künstlern künftig zuwächst.



Schmidt
Wir reden ja viel über dieses „Wisdom of the many“. Also was (.) Gruppen dann auch hervor bringen oder auch nach oben schaufeln, was wir sonst nicht sehen würden, ja. Das ist ja eine Gegenreaktion i.G. auf diese Segmentierung der Inhalte, (...) damit ich nicht in diesem Pool der segmentierten Inhalte irgendwann ersaufe. (..) Ich
glaube, dass es möglich ist, sehr davon zu profitieren, von diesen Hinweisen. Ich glaube aber auch, erkennen zu können, dass es im Web die andere Entwicklung gibt. Nämlich dass nur noch bestimmte Inhalte nach oben kommen und andere verschwinden. Und in dieser Situation ist es unsere Aufgabe, ne Orientierungsfunktion zu geben. D.h. eben nicht nur, diesen Strom mitzuschwimmen sondern im Gegenteil, zu sagen, wir möchten euch auf diese Inhalte hinweisen auf jene Inhalte hinweisen, und die stellen wir nach oben, weil wir wollen, das ihr die anschaut. (.) D.h., dieser spezifisch öffentlich-rechtliche Auftrag, das ist das, was uns unterscheidet. Wir bieten nicht nur Listen an, sondern wir empfehlen eben auch redaktionell. (...) Und daraus erwächst uns auch noch mal ne Orientierungsfunktion,: (.) woher kommt jetzt diese Quelle, ist das jetzt eine professionelle journalistische Quelle, eine Bürgerjournalismusquelle, ist das eine interessengeleitete Information?
Alles hat seine Berechtigung, mir geht`s nur um das Unterscheidungsmerkmal. Und wer zu uns kommt weiß halt, es gibt es ein bestimmtes Siegel, das da drauf ist, das heißt öffentlich-rechtlicher Auftrag. Der prüft den Unterschied von Kommentar und Bericht und alles, was dazu gehört.



(Around the World – Edison O-Ton)



E:

1888 träumte Edison davon, dass Klänge, gespeichert auf den Wachswalzen seines Phonographen, den Erdball umrunden. Als „gesprochene Briefe“ suchten sie den Austausch. 120 Jahre später finden akustische Botschaften aller Art weltweit, in tausendfacher Kopie und in Sekundenschnelle zu ihren anonymen Adressaten.

A:

Wie groß fällt der künstlerische Ertrag des Podcasting aus? Hat es den akustischen Kunstformen weiterführende Impulse gegeben, so wie seinerzeit das Bewusstsein über Vernetzung und Interaktion, das sich Ende der 90er Jahre aus dem Internet heraus entwickelt hatte? – Wohl kaum. Eins zeichnet sich jedoch am Podcasting ab: Es hat die Kraft, die Beziehung zwischen Sender und Empfänger, die durch die klassischen Medien, vor allem den Rundfunk, acht Jahrzehnte lang praktiziert und verinnerlicht wurde, neu zu ordnen.
 

E:

Statt der sternförmigen Kommunikationsarchitektur des Broadcast die dem Sender die aktive und dem Hörer die still-entgegennehmende Rolle zuweist, suggeriert das Podcasting mit all seinen schriftlichen und akustischen Rückmeldemöglichkeiten ein Modell vor, das die Beziehung zwischen Sender und Empfänger flexibel macht. So kann es einen Kommunikationskreislauf in Gang bringen, in dem der Empfänger immer wieder auch zum Sender wird und umgekehrt.

ZM:

Ein Blick in das Verzeichnis „podster.de“ zeigt am 1. April 2007 (bitte anhand der Sendung nachprüfen) Podcasts, allein für den deutschsprachigen Raum.
 

ZF:

Wer hat Zeit, das alles hören? Wer hat Energie auf das alles zurückzusenden?



(„Gesprochener Brief“: Lord Mayor of London)



A:

Soll die Mobilisierung des Hörers gelingen, muß das neue Beziehungsmodell, das vom Podcasting suggeriert wird, entwickelt und kultiviert werden: Wer Teilnahmemöglichkeit, Interaktion, wer den Senderempfänger einfordert, wer die Monopole der Etablierten stürzen möchte, darf sich selbst nicht mit der Rolle eines monopolheischenden Ich-Senders zufriedengeben. Das flexible Spiel zwischen Sender und Empfänger setzt vor allem den guten Zuhörer voraus.

E:

Nicht, damit dieser wie in früheren Zeiten, passiver Rezipient ist, sondern er Raum und Anlaß gewinnt, sich das Gesendete, Ausgewählte, Gehört anzueignen.

A:

Nur wer zuhört, kann treffliches Feedback geben, ein Thema zum bunten Oszillieren bringen. Nur wer zuhört, kann zusammenführen, Kritik üben, filtern und aus dem Destillat Neues entwickeln.

E:

So wird man ein guter Sender: indem man konsequent auf Empfang ist. Das gilt für die etablierten Kanäle ebenso wie für die unabhängigen Profis, für die Politik- und Wirtschaftselite ebenso wie für die Hobby-Podcaster.

A:

Ohne Zuhören kein Loop, kein Kommunikationskreislauf, kein In-Beziehungtreten: keine Annäherung an die Brecht’sche Utopie.



(Absage)

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