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Autor: Brosius, Hans-Bernd.

Titel: Politikvermittlung durch Fernsehen. Inhalte und Rezeption von Fernsehnachrichten.

Quelle: Walter Klingler/Gunnar Roters/Oliver Zöllner (Hrsg.): Fernsehforschung in Deutschland. Themen - Akteure - Methoden. Teilband 1. Südwestfunk-Schriftenreihe: Medienforschung, Band 1. Baden-Baden 1998. S. 283-301.

Verlag: Nomos Verlagsgesellschaft.

Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlags.



Hans-Bernd Brosius

Politikvermittlung durch Fernsehen. Inhalte und Rezeption von Fernsehnachrichten.

1. Einleitung

Informationssendungen, vor allem tagesaktuelle Nachrichtensendungen im Fernsehen, spielen für die Vermittlung aktuellen Geschehens an die Bürger von demokratischen Gesellschaften eine herausragende Rolle.1 Laut Umfragen sehen über 90 Prozent der Deutschen mehrmals in der Woche Fernsehnachrichten.2 Am Genre “Nachrichten” besteht das vergleichsweise größte Interesse – noch vor Spielfilmen und Sportsendungen.3 Die kontinuierlichen Messungen der GfK weisen für die Hauptnachrichtensendungen die größten Reichweiten von allen politischen Informationssendungen aus.4 Diese liegen teilweise noch über denen der jeweils nachfolgenden Unterhaltungssendungen. Oftmals wird den Hauptnachrichtensendungen, allen voran der “Tagesschau”, der Status eines “Flaggschiffs” beziehungsweise eines Aushängeschilds für den Sender zugeschrieben. Die Hauptnachrichten prägen einen wesentlichen Teil des jeweiligen Senderimages, vor allem unter den Höhergebildeten: Von einer attraktiven Nachrichtensendung wird auf eine hohe Attraktivität des Gesamtprogramms geschlossen.5 Darüber hinaus können Nachrichtensendungen Zuschauer in bezug auf vorher oder nachher ausgestrahlte Sendungen binden. Gerade aufgrund ihrer zeitlichen Positionierung nehmen die Hauptnachrichten eine Schlüsselstellung ein. Sie leiten häufig den eigentlichen Fernsehabend ein und können aufgrund ihrer recht hohen Reichweite relativ viele Zuschauer an das folgende Abendprogramm “vererben”.

Dies sind einige der Gründe, warum sich in den letzten Jahren auch im Bereich der Abendnachrichten die Konkurrenz zwischen den Fernsehsendern verschärft hat. Die Bedeutung der Fernsehnachrichten sowohl für die Zuschauer (als Quelle politischer Informationen) als auch für die Sender (Imageverbesserung; Steigerung der Einschaltquote) muß vor dem Hintergrund der deutschen Fernsehtraditionen gesehen werden. Im internationalen Vergleich waren die deutschen Nachrichten (geprägt vor allem durch die “Tagesschau”) lange Zeit durch statische Aufmachung, seriöse Erscheinungsweise und wenig Unterhaltungs- beziehungsweise Auflockerungselemente geprägt.6 Insofern haben sich bei den Zuschauern Erwartungshaltungen bezüglich Form und Inhalt der Nachrichtensendungen entwickelt, die von den Sendungskonzepten nicht zu deutlich verletzt werden dürfen. Dies setzt der Ausgestaltung der Sendungen hinsichtlich der Inhalte und der Präsentationsweisen bestimmte Grenzen.

2. Veränderung der Nachrichteninhalte

In den letzten zwanzig Jahren sind zahlreiche Inhaltsanalysen von Nachrichtensendungen durchgeführt worden. In den Studien, die vor der Einführung des Dualen Systems entstanden, konnten zwangsläufig nur die “Tagesschau” der ARD und “heute- vom ZDF untersucht werden. Der Fokus der Studien lag weniger auf einem Vergleich der beiden Sender als auf einer ganzheitlichen Betrachtung des Genres “Nachrichten” im Fernsehen. Ausgangspunkt waren vornehmlich politiktheoretische Fragen danach, ob die vermittelte politische Information quantitativ und qualitativ angemessen ist. Kommen die Nachrichtensendungen ihrer zentralen Funktion, die Bürger umfassend und objektiv zu informieren, nach? So lautete die zentrale Frage der Forschung.7 Im Mittelpunkt der Inhaltsanalysen standen entsprechend die Aufbereitung und die Verständlichkeit der Nachrichten. Die Studien fanden einige Sachverhalte, die dieser Funktion offenbar abträglich waren. Kritisiert wurden beispielsweise eine überzogene Elite-Orientierung,8 unzureichende und stereotype Vermittlungsformen auf der visuellen Ebene9 sowie Unzulänglichkeiten auf der verbalen Ebene.10 Unter dem letzten Punkt wurden vor allem die komplexe, formelhafte Sprache, die Länge der Sätze und die Verständlichkeit der präsentierten Informationen kritisiert. Vergleiche zwischen ARD und ZDF ergaben in der Regel nur marginale Unterschiede.

Mit der Lizenzierung privater Fernsehsender änderte sich fortan das Erkenntnisinteresse der durchgeführten Inhaltsanalysen. Ausschlaggebend hierfür war unter anderem der im Vorfeld geführte politische Meinungsstreit um mögliche Defizite bei der Informationsvermittlung aufgrund der Einführung des Dualen Systems. Auf der einen Seite versprach man sich mehr Programm- und Meinungsvielfalt, auf der anderen Seite wurde aufgrund des Werbezeitenverkaufs – als einzige Finanzierungsquelle der privaten Sender – eine Zunahme an unterhaltenden Sendungen und ein Rückgang in Qualität und Quantität bei den Nachrichten erwartet.11 Die Studien stellten von nun an mehr oder weniger kritisch die Unterschiede zwischen den öffentlich-rechtlichen und den privaten Sendern heraus. Auf der Ebene des gesamten Programmangebots der Sender wurde in Programmstrukturanalysen der privaten Sender tatsächlich ein bedeutsam höherer Anteil an Unterhaltungssendungen im Vergleich zu den öffentlich-rechtlichen Sendern festgestellt.12 Auf niedrigerem Aggregationsniveau. also einzelnen Sendungsgattungen, liegen weitaus weniger Studien vor. Allerdings gibt es aufgrund ihrer besonderen Bedeutung für die demokratische Gesellschaft für den Bereich der Nachrichtensendungen mehrere Untersuchungen.

Bereits im Rahmen der vier Kabelpilotprojekte wurde zusätzlich zum Nutzungsverhalten der Teilnehmer auch die Programmstruktur der damals neuen Anbieter analysiert und mit den öffentlich-rechtlichen Sendern verglichen. Für den Bereich der Nachrichten- und Informationssendungen beschränkten sich die meisten Untersuchungen, die in den Jahren 1984 bis 1986 durchgeführt wurden, auf vier Anbieter: ARD, ZDF, RTL13 und SAT.1. Den meisten Studien ist gemein, daß die öffentlich-rechtlichen Sender und die privaten Sender kontrastiert wurden.14 Insgesamt waren die Nachrichtensendungen der privaten Sender nach den Ergebnissen der oben genannten Studien weniger “seriös“ als die der Öffentlich-Rechtlichen. Ausschlaggebend für dieses Urteil war unter anderem ein geringerer Politikanteil bei den Meldungen. Statt dessen berichteten die privaten Sender häufiger über human-interest-Themen beziehungsweise “soft news”. Hierunter sind Themen zu verstehen, die keine direkte politische Relevanz für den öffentlichen Diskurs haben, wie zum Beispiel Boulevardgeschichten, Sport, Verbrechen, Unfälle, Katastrophen et cetera. Dennoch wurde konstatiert, daß die Top-Meldungen des jeweiligen Tages auch von den Privaten abgedeckt werden.15 Die Zuschauer – so die Auffassung – konnten sich also bei ihnen auf jeden Fall einen groben Überblick über das wichtigste aktuelle Tagesgeschehen verschaffen. Die bislang kritisierte Elite-Orientierung der öffentlich-rechtlichen Sender wurde bei den Privaten nicht festgestellt. Im Gegenteil: Einfache Bürger sowie Prominente kamen relativ häufig zu Wort, zu Lasten von Politikern und Institutionen.16 Daneben wurde die Gruppe der Politiker und anderer Akteure aus dem politischen Bereich – hinsichtlich ihrer Parteizugehörigkeit beziehungsweise ihrer Meinungen – von den Privaten weniger ausgewogen berücksichtigt.

Die Präsentationsformen der privaten Nachrichtensendungen unterschieden sich von Anfang an deutlich von den bis dahin bekannten Formaten. Die privaten Nachrichtensendungen führten zahlreiche neue Elemente ein, die zum großen Teil von amerikanischen Vorbildern übernommen wurden. Hierzu gehörten zum Beispiel das Auftreten mehrerer Moderatoren, verschiedene Kameraeinstellungen im Studio, ein animierter Studiohintergrund, informelle Gespräche zwischen den einzelnen Sprechern und teilweise eine fortlaufende Musikuntermalung.17 All diesen Elementen ist gemein, daß sie die Sendungen leichter rezipierbar und unterhaltender machen sollten. Bezeichnenderweise umschreibt Udo Michael Krüger die Nachrichtensendung von SAT.1 als News-Show.18 Viele Aspekte, vom Sprachstil bis zur Kleidung der Sprecher, erschienen ungezwungener als bei den öffentlich-rechtlichen Konkurrenten.19 Hinsichtlich der Stilformen (Sprechermeldung, Korrespondentenbericht, Nachrichten im Film, Kommentar) waren die öffentlich-rechtlichen Nachrichten zunächst variantenreicher als die Privaten. Dies bedeutet, daß die öffentlich-rechtlichen Nachrichtensendungen eine größere Anzahl unterschiedlicher Stilformen pro Meldung eingesetzt haben, um das jeweilige Thema aufzubereiten. Offensichtlich machte sich hier das noch geringe Korrespondentennetz der Privaten bemerkbar. Vermutlich war dies auch ein Grund für die geringere Dauer der einzelnen Meldungen bei den Privaten.20

Zusammenfassend hatten die Nachrichtensendungen der privaten Sender bei der Etablierung des Dualen Systems ein weniger offiziöses Auftreten als ihre öffentlich-rechtlichen Konkurrenten. In vielerlei Hinsicht zeichneten sich die privaten Nachrichtensendungen durch Unterhaltungselemente aus, die sich deutlich vom konventionellen Bild einer Nachrichtensendung unterschieden. Auffallend war der bedeutsam höhere Anteil an human-interest-Themen. Dennoch wurden zumindest die wichtigsten Themen des Tages auch von den Privaten behandelt.

Mit dem Ende der Kabelpilotprojekte reduzierte sich auch die Anzahl der Inhaltsanalysen. Erst zu Beginn der neunziger Jahre – zeitgleich mit dem Markteintritt zahlreicher neuer Sender – wurden erneut mehrere Studien durchgeführt. Allerdings beziehen sich die meisten dieser Studien nach wie vor nur auf die Nachrichtensendungen von ARD, ZDF, RTL und SAT.1.21

Eine Zusammenfassung der Ergebnisse gestaltet sich im Unterschied zu den Studien der Kabelpilotprojekte als ungleich schwieriger, da die Ergebnisse nicht einheitlich sind. Zunächst wird von einigen Autoren erneut festgestellt, daß die öffentlich-rechtlichen Nachrichten nach wie vor mehr über politische Ereignisse berichten.22 Hierzu gibt es aber auch gegenteilige Befunde. Bruns und Marcinkowski sowie Brosius, Fahr und Zubayr ermittelten, daß dies nicht für alle privaten Programme gleichermaßen gilt.23 Zwar fanden auch diese Autoren, daß der Politikanteil bei SAT. 1 und RTL geringer war, bei Pro Sieben, RTL 2, VOX und n-tv, dem Nachrichten-Spartenkanal, entsprach er aber in etwa dem der beiden öffentlich-rechtlichen Sender.24 Die Ergebnisse der einzelnen Studien sind dabei nicht direkt vergleichbar, weil unterschiedliche Definitionen von Politik beziehungsweise “hard news” zugrunde liegen. Insgesamt liegt der Politikanteil von ARD, ZDF und Pro Sieben sowie der kleineren Sender in den genannten Studien jeweils über fünfzig Prozent. Bei den Top-Meldungen stellte Wix nach wie vor eine hohe Übereinstimmung fest.25

In bezug auf die Akteure, die sich in den Nachrichten äußern konnten, finden sich einige durchgehende Unterschiede. Während die öffentlich-rechtlichen Sender häufiger Politiker und Repräsentanten etablierter gesellschaftlicher Gruppen zu Wort kommen ließen, präsentierten die privaten Sender häufiger nicht-institutionelle Akteure (zum Beispiel Privatpersonen). Innerhalb der institutionell gebundenen Akteure zeigt sich nach Krüger kein Unterschied zwischen ARD, ZDF, SAT.1 und RTL: Politiker stellen etwa die Hälfte dieser Akteure.26

Seit der Etablierung eines Dualen Rundfunksystems in Deutschland haben sich die Marktanteile privater und öffentlich-rechtlicher Programme deutlich verschoben. Die auf Unterhaltung zielenden privaten Programme, die aufgrund ihrer Finanzierung hohe Einschaltquoten benötigen, haben stark an Boden gewonnen; die an die Grundversorgung und an innere Vielfalt gebundenen öffentlich-rechtlichen Programme (vor allem ARD und ZDF) haben deutlich verloren.27 Obwohl eine Konkurrenz von öffentlich-rechtlichen und privaten Anbietern im Dualen System nicht notwendigerweise gegeben ist, stehen öffentlich-rechtliche und private Sender aufgrund des Wettbewerbs um Werbegelder, Programmrechte. Produktionsmöglichkeiten und medienpolitische Legitimation in einer Situation, die man unter ökonomischen Gesichtspunkten als Konkurrenz beschreiben kann.28

Heribert Schatz und seine Mitarbeiter formulierten vor dem Hintergrund dieser Randbedingungen die sogenannte Konvergenzhypothese.29 Diese besagt, daß sich die zuschauerstarken Vollprogramme privater und öffentlich-rechtlicher Provenienz im Dualen Fernsehsystem aufgrund des Konkurrenzdrucks strukturell, inhaltlich und qualitativ einander angleichen werden. Die These der konvergierenden Fernsehinhalte und -formate wurde von verschiedenen Seiten heftig diskutiert, weil sie aus Sicht der öffentlich-rechtlichen Anstalten medienpolitische Brisanz besitzt und aus Sicht der privaten Sender als Legitimation eines unterhaltungsorientierten Massenprogramms dienen kann. Konvergenz bedeutet dabei eine abnehmende Legitimierung öffentlich-rechtlicher Programme im allgemeinen und deren Gebührenfinanzierung im besonderen. Klaus Merten sieht sogar ein Dilemma der öffentlich-rechtlichen Sender.30 Wenn sie dem Konvergenzdruck nachgeben und ihre Programmstruktur der des privaten Fernsehens annähern, verlieren sie ihre Legitimation. Tun sie das jedoch nicht, werden sie zwangsläufig marginalisiert, weil die Zuschauer an den meisten der für eine Grundversorgung notwendigen Programme geringes Interesse haben. Die ersten empirischen Studien zur Konvergenzhypothese von Krüger und Merten waren vergleichsweise einfache Inhaltsanalysen der Fernsehinhalte. Diese unterteilten das gesamte Programm in verschiedene Genres und ermittelten aus der prozentualen Verteilung dieser Genres (besonders aus dem Gegensatz von Unterhaltung und Information) ein Maß für die Konvergenz. Die Befunde der ersten Studien sind so kontrovers wie die Diskussion, die die Konvergenzhypothese medienpolitisch auslöste.31 Nach Krüger läßt sich keineswegs Konvergenz nachweisen, nach Merten jedoch schon.32

Schatz hat die Konvergenzhypothese dahingehend präzisiert, daß (1) Konvergenzeffekte hauptsächlich in der Prime time zu erwarten sind, daß sie (2) nicht unbedingt in einer Anpassung öffentlich-rechtlicher an private Programmstrukturen bestehen müssen, sondern auch umgekehrt erfolgen können und daß (3) Konvergenz durchaus reversibel und nicht immer in eine Richtung verläuft.33 Selbst für den laienhaften Fernsehzuschauer sind Konvergenzeffekte offensichtlich. Die nachmittäglichen Talkshows, die vorabendlichen Serien, die abendlich ausgestrahlten Spielfilme, sie alle erscheinen aus der Sicht vieler Zuschauer in öffentlich-rechtlichen und privaten Programmen ähnlich. So konstatiert auch Bernward Wember, daß private und öffentliche Programme einander tendenziell immer ähnlicher werden.34 Eine solche intuitiv-vorwissenschaftliche Betrachtungsweise verdeckt aber möglicherweise vorhandene Unterschiede und geht auf die konkreten Inhalte und Präsentationsformate der Sendungen nicht präzise ein.

Vor diesem Hintergrund untersuchten drei Studien die Veränderung der Nachrichten-themen und -akteure.35 Verglichen wurden einzelne Wochen der Jahre 1986 bis 1989 mit den entsprechenden Wochen der Jahre 1993 und 1994. Auf diese Weise war es möglich, Aussagen über die Entwicklung der einzelnen Sendungen im weiteren Verlauf des Dualen Systems zu treffen und Konvergenz im Nachrichtenbereich empirisch zu prüfen. Tatsächlich haben sich die Sendungen beider Systeme gegenseitig angenähert. Pfetsch, Bruns und Marcinkowski stellten einen deutlichen Anstieg der Meldungen mit politischen Inhalten bei den Privaten fest, wohingegen der entsprechende Anteil bei den Öffentlich-Rechtlichen etwas gesunken ist. Die Privaten berichteten im Vergleich der beiden Zeiträume relativ häufiger, die Öffentlich-Rechtlichen relativ seltener über politische Akteure. Genau umgekehrt entwickelte sich die Berichterstattung über prominente, dem Unterhaltungsbereich zugeordnete Akteure. Entsprechendes gilt unter anderem auch für die Anzahl von Berichten über Gewaltthemen:36 Während SAT.1 und RTL 1986 noch häufiger als ARD und ZDF über Gewalt berichteten, haben sich 1994 die Systeme so stark angenähert, daß die Unterschiede nur noch marginal sind. Anhand einer Vielzahl von weiteren Indikatoren wird die skizzierte Entwicklung zu konvergenten Nachrichtenformaten ebenfalls bestätigt. Allerdings erscheint die Zusammenstellung der Ergebnisse stellenweise willkürlich. So werden beispielsweise bei Bruns und Marcinkowski zu einzelnen Kategorien konvergente Entwicklungen aufgezeigt, ohne daß ersichtlich wird, ob dies auch für die anderen Kategorien gilt.

Auf der Ebene der formalen Präsentationsmerkmale wurden Entwicklungen festgestellt, die die Sendungen beider Systeme gleichermaßen betreffen: Pfetsch berichtet von einem insgesamt gestiegenen Visualisierungsgrad, das heißt, die einzelnen Meldungen werden mit mehr Bewegtbildern und Interviews ausgestaltet.37 Wix bestätigt diesen Trend, macht aber darauf aufmerksam, daß sich beispielsweise die Anzahl der O-Töne zwar erhöht, ihre Dauer aber verringert hat.38 Die Präsentationsdynamik hat also zugenommen. Zusätzlich deutlich wird dies an der Anzahl der Meldungen pro Sendung und der Frequenz der einzelnen Schnitte in Filmberichten: Obwohl die Sendungsdauer in den Untersuchungszeiträumen unverändert war, hat sich die Anzahl der Berichte erhöht; die verwendete Zeit zur Darstellung eines Ereignisses ist also kürzer geworden. Darüber hinaus wird dem Zuschauer weniger Zeit gelassen, die einzelnen Einstellungen in Filmberichten zu betrachten: Die Schnittfrequenz ist bei allen untersuchten Sendern gestiegen, wobei sie bei den Privaten jeweils höher ist als bei den Öffentlich-Rechtlichen. Als weiteres Indiz für die gestiegene Dynamik kann der bei allen Sendern verstärkte Einsatz von unterschiedlichen Hintergrundeinblendungen bei Sprechermeldungen gelten.39

Als Momentaufnahme ist die Studie von Lutz Goertz angelegt, die ihren Schwerpunkt ebenfalls auf die Präsentationsmerkmale legt.40 Vor allem bei der Dynamik der Präsentation findet der Autor bedeutsame Unterschiede: Pro Sieben und RTL haben die vergleichsweise rasantesten Nachrichten. Beide Sender präsentieren die meisten Beiträge und Beitragsformen (auch Stilformen) pro durchschnittlicher Sendungsminute. Auch die Schnittfrequenz ist bei ihnen am höchsten. Pro Sieben betont besonders den Einsatz von Grafiken zur Illustrierung komplizierter und zumeist auch abstrakter Sachverhalte. Drei bis sieben Grafiken werden pro Sendung benutzt.

Brosius, Zubayr und Fahr fanden einige Hinweise darauf, daß die deutschen Nachrichtensendungen größtenteils dem amerikanischen “Anchorman”-Prinzip folgen. Dabei wird versucht, zwischen dem Moderator und dem Publikum einen hohen Grad an Akzeptanz und Identifikation herzustellen. Die Sendung wird dabei in der Regel von immer der gleichen Hauptperson moderiert. Der Moderator stellt durch direkte Ansprache an das Publikum (“wie Sie jetzt sehen“ oder “das betrifft uns alle“) eine enge Beziehung her und bewertet eigenständig die präsentierten Inhalte. Ein solches Konzept findet sich vor allem bei RTL und Pro Sieben, das Gegenstück – neutrales Verlesen der Nachrichten durch beliebige Sprecher – herrscht vor allem bei der ARD-“Tagesschau” vor.41

Insgesamt gibt es einige Belege für Konvergenzen in den Nachrichten, die allerdings nicht einheitlich sind. Noch immer haben die privaten Nachrichten ein weniger “seriöses” Image, das aber vermutlich weniger durch den größeren Anteil an “soft news” als vielmehr durch die lockere Präsentationsform bedingt ist. Denn bei den Themen haben sich die Privaten an die Öffentlich-Rechtlichen angenähert, bei den Akteuren scheint dies eher umgekehrt zu sein. Bei der formalen Darstellung sind allerdings die Unterschiede nach wie vor vorhanden, auch wenn die öffentlich-rechtlichen Nachrichten stärker als bisher auf Visualisierung setzen. Die Präsentationsform der Privaten ist rasanter, visueller und dynamischer, also auf einen stärkeren Augenkitzel ausgerichtet, und enthält somit mehr Unterhaltungsanteile. Insgesamt haben sich seit der Entstehung des Dualen Systems die Nachrichtenformate beider Systeme aneinander angenähert. Die. Privaten kaprizieren sich dabei stärker auf Politik und haben Nachteile in puncto Korrespondentennetz und externe Informationsquellen wettgemacht. Dies kann man als Konvergenz hin zu den öffentlich-rechtlichen Programmen ansehen. In bezug auf die Darstellungsform gilt eher das Umgekehrte: Hier gehen auch die Öffentlich-Rechtlichen in eine Richtung, die man mit dem Begriff der “News Show” angemessen beschreiben kann.

3. Rezeption von Nachrichten

Wie bereits angedeutet, besteht nach demokratietheoretischen Überlegungen die Funktion der Fernsehnachrichten vor allem darin, die Bürgerinnen und Bürger gut, objektiv und umfassend zu informieren. In autoritären und totalitären Gesellschaftsformen steht dieses Privileg der herrschenden Klasse, und damit einer Minderheit zu. In demokratischen Gesellschaftsformen können und sollen dieses Privileg prinzipiell alle wahrnehmen: gut informiert zu sein, ist quasi ein konstitutives Merkmal eines Bürgers in einer Demokratie. Nur so kann der Bürger am politischen Entscheidungs- und Willensbildungsprozeß teilnehmen. Im Wettstreit der frei geäußerten Meinungen wird sich dann, so die demokratietheoretisch orientierte Logik, automatisch die jeweils richtige beziehungsweise vernünftige Meinung durchsetzen. Die Informiertheit der Bürger war den Vätern des Grundgesetzes ein so zentrales Anliegen, daß sie neben der Meinungs- auch die Informationsfreiheit verfassungsrechtlich verankert haben.

In einer demokratischen Massengesellschaft wie der unsrigen spielen Massenmedien eine zentrale Rolle für die Vermittlung von Information. Die Informationsfunktion wird von verschiedenen Autoren in den Mittelpunkt gerückt.42 Ohne die Massenmedien wäre es unmöglich, die Masse der Bürger in einem vertretbaren Zeit- und Kostenrahmen zu erreichen. Daher genießen Massenmedien und ihre Akteure, die Journalisten, den besonderen Schutz des Staates. Aufgrund der Schnelligkeit der Verbreitung und ihrer Reichweite kommt den aktuellen Informationssendungen im Rundfunk (Nachrichten und politische Magazine) innerhalb des Mediensystems eine tragende Rolle bei der Informationsvermittlung zu. Diese tragende Rolle schlägt sich in den Regelungen für den öffentlich-rechtlichen und auch den privaten Rundfunk nieder. Als Beispiel hier ein Auszug aus dem ZDF-Staatsvertrag (Paragraph 2):

In den Sendungen der Anstalt soll den Fernsehteilnehmern in ganz Deutschland ein objektiver Überblick über das Weltgeschehen, insbesondere ein umfassendes Bild der deutschen Wirklichkeit vermittelt werden. (2) Diese Sendungen sollen ... eine unabhängige Meinungsbildung ermöglichen.”43

Ziel der aktuellen Sendungen ist es also, dem Bürger ein breites und umfassendes Informationsangebot zu vermitteln, das ihn in die Lage versetzen soll, sich aufgrund der Kenntnis dieser Information eine wohlbegründete, unabhängige politische Meinung zu bilden. Die an Nachrichten orientierte Rezeptionsforschung hat erhebliche Anstrengungen unternommen, um zu prüfen, ob Fernsehen und Radio diese Funktion erfüllen.44

Die empirische Forschung zur Nachrichtenwirkung ist lange Zeit dem oben erwähnten Programmauftrag verpflichtet gewesen. Die Mehrzahl der Studien beschäftigt sich entsprechend mit der Menge beziehungsweise dem Anteil behaltener oder verstandener Informationen. Dabei werden eine Vielzahl von Bedingungen, die das Behalten und Erinnern beeinflussen, durch experimentelle Verfahren oder Umfragen in ihrer Wirkung untersucht, um dadurch Nachrichtengestaltung und Informationsvermittlung zu optimieren, so daß eine freie und wohlbegründete Meinungsbildung möglich wird. Je mehr Informationen aus den Nachrichten behalten werden, desto besser kann die politische Meinungsbildung erfolgen. Entsprechend, so kann man folgern, führt eine Verbesserung der Informationsaufnahme zu einer besseren Form der politischen Meinungsbildung, und damit letztlich zu einer besseren Demokratie.

Die unterstellte Beziehung zwischen der Quantität behaltener Information und der Qualität der Meinungsbildung prägte vor allem in den siebziger und achtziger Jahren die theoretische Ausrichtung eines wesentlichen Teils der Nachrichtenforschung. Das zugrundeliegende, meist nur implizit formulierte Rezeptionsmodell unterstellt, daß der Rezipient in der Lage ist, die zur Verfügung stehenden Informationen rational und vernünftig, das heißt durch logische Analyse und Abwägung in eine politische Meinung umzusetzen, und daß diese Meinung umso besser und wohlbegründeter ist, je mehr Informationen verfügbar sind beziehungsweise für die Urteilsbildung herangezogen werden. Diese Vorstellung ist am Ideal einer wissenschaftlichen Rationalität orientiert.45 Wissenschaft wird ja unterstellt, daß sie Daten emotionslos, unvoreingenommen und umfassend sammelt, um daraus Erkenntnisse zu gewinnen. Man kann daher eine solche Vorstellung von Nachrichtenrezeption als Modell wissenschaftlicher Rationalität bezeichnen.

Diese theoretische Vorstellung bestimmte auch die empirische Umsetzung in den jeweiligen Studien. Vereinfachend und typisierend kann man folgende Merkmale für die empirischen Studien zur Nachrichtenwirkung identifizieren: (1) Die Behaltensleistung drückt sich in der Anzahl richtiger Antworten auf' Fragen aus, die der Forscher ausgesucht hat. Mit anderen Worten legt der Forscher jeweils als Experte fest, was an einer Nachricht behaltenswert ist. (2) Die Behaltensleistung wird durch Aufsummierung der richtigen Antworten kumulativ ermittelt. (3) Alle Antworten haben bei der Kumulation das gleiche Gewicht. (4) Die resultierende Behaltensleistung wird als Prozentwert des maximal Erreichbaren ausgedrückt. Dadurch legen die Forscher letztlich fest, welche Informationen Rezipienten für ihre Meinungsbildung benötigen. Gleichzeitig wird dadurch unterstellt, daß Information in den Nachrichten und Kenntnisse der Rezipienten isomorph sind. Rezipienten bilden nach diesen Vorstellungen die Informationen in ihrem Gedächtnis ab, sie fügen nichts hinzu und transformieren nichts. Rezipienten sind passiv wie ein Archiv. Informationen in Nachrichten werden bewußt wahrgenommen und verarbeitet. Rezipienten widmen den Inhalten ihre volle Aufmerksamkeit und bringen eine Bereitschaft mit, sich Sachverhalte zu merken. Rezipienten sind also hoch involviert und bemüht, möglichst viele der angebotenen Informationen zu verarbeiten und zu einer politischen Meinungsbildung zu verwenden. Aus den verfügbaren Informationen erfolgt eine Urteilsbildung mehr oder weniger logisch und zwingend. Dies gilt inter- und intrasubjektiv: Rezipienten mit gleichem Informationsstand werden zu dem gleichen Urteil kommen. Ein Rezipient wird bei gleicher Informiertheit immer wieder zur gleichen Meinung gelangen.46

Mit diesen Annahmen läßt sich zunächst idealtypisch beschreiben, wie Medien durch ihre Nachrichtengebung den Rezipienten zu einem gut informierten Bürger machen sollten. Resümiert man die empirische Forschung unter dieser Perspektive, können die Medien die Funktion, die Bürger gut zu informieren, nur unzureichend erfüllen.

1. Die absolute Menge der durch Nachrichten vermittelten Informationen ist laut den einschlägigen Studien gering. Die in Feldstudien gefundenen Prozentangaben von teilweise weniger als zehn Prozent behaltener Information müssen für jemanden, der Informationsvermittlung als Voraussetzung für eine unabhängige Meinungsbildung der Bürger betrachtet, unbefriedigend sein. Vor allem die aktive Erinnerung an die Nachrichteninhalte beziehungsweise das Verstehen dieser Inhalte erweist sich als äußerst dürftig.47

2. Auch in experimentellen Studien lieferte die Variation von Präsentations-, Rezipienten- und Inhaltsmerkmalen nicht das erhoffte Rezept für eine Verbesserung der Informationsvermittlung. Zwar ließen sich einige Faktoren identifizieren, die die Behaltensleistung positiv beeinflussen (zum Beispiel eine adäquate Bebilderung oder die Berücksichtigung der Reihenfolge der Meldungen), doch in den meisten Fällen betrug die hierdurch erzielte Verbesserung nur wenige Prozentpunkte. Den stärksten Einfluß hat, abgesehen von experimentellen Variationen, das politische Vorwissen, so daß sich in der experimentellen Forschung Parallelen zur Wissenskluft-Forschung auftun.48

3. Auch Langzeitbeobachtungen deuten nicht darauf hin, daß ein vermehrtes Informationsangebot die Kenntnisse der Rezipienten nachhaltig verbessert. Eine Meta-Analyse von Delli, Carpini und Keeter zeigt, daß die Informiertheit der amerikanischen Bevölkerung (gemessen an einfachen Fragen zu politischen Sachverhalten, Name des Vizepräsidenten et cetera) zwischen 1947 und 1989 kaum zugenommen hat, obwohl sich das Medienangebot und auch das Angebot an politischer Information in diesem Zeitraum vervielfacht hat.49 Auch Winfried Schulz findet insgesamt keine Hinweise darauf, daß der Zuwachs an Informationsquantität auch einen Zuwachs an Informationsqualität, also eine politisch besser informierte Bürgerschaft, hervorgebracht hat.50

Muß man angesichts dieser enttäuschenden Befunde die für die Demokratie so wichtige Informationsvermittlung durch Massenmedien als unzureichend ansehen? Und wie wird sich erst die weitere Informationsvermehrung durch die Verbindung von Computer und Fernsehen auswirken? Ist es gerade im Hinblick auf die Ergebnisse der Wissenskluftforschung illusorisch, durch Fernsehnachrichten eine breitere Schicht gut informierter Bürger “herzustellen”? Diese Schlußfolgerungen zu bejahen, erschiene mir voreilig. Vielmehr scheint es so zu sein, daß unsere theoretischen Modelle und empirischen Studien zu Fernsehnachrichten noch an einem Mediensystem und an Rezeptionsgewohnheiten ausgerichtet sind, die heutzutage nicht mehr anzutreffen sind. Eher muß die Rolle der Nachrichten bei der Informationsvermittlung an die Bürger neu überdacht werden. Hierzu sollen zunächst drei Ausgangsüberlegungen entfaltet werden.

1. Die Menge der angebotenen Information hat seit dem regelmäßigen Erscheinen der ersten Zeitungen stetig zugenommen. So haben sich beispielsweise seit Mitte der achtziger Jahre die Anzahl der Fernsehsender vermehrt, ohne daß die Nutzung des Publikums in gleicher Weise angestiegen wäre. Diese Vermehrung wird sich aller Voraussicht nach fortsetzen. Eine Analyse von Neuman und Sola-Pool zeigt für die USA, daß die Anzahl der Worte in Nachrichtensendungen zwischen 1960 und 1980 deutlich zugenommen hat, während die Anzahl der rezipierten Worte fast konstant blieb.51 Brünne, Esch und Ruge haben in einem mathematischen Modell berechnet, wie hoch die Informationsüberlastung ist.52 In ihr Modell gehen das Informationsangebot und die Informationsnachfrage (gemessen in Informationseinheiten) sowie ein Aufmerksamkeitsfaktor ein. Die Autoren kommen mit ihrer Methode zu dem Schluß, daß durchschnittlich 91,7 Prozent der Informationen in Zeitungen nicht konsumiert werden. Bei Zeitschriften sind es 94,1 Prozent, beim Radio 99,4 und beim Fernsehen 96,8 Prozent. im Zuge der Programmvermehrung bei Radio und Fernsehen dürften die Werte mittlerweile noch höher geworden sein. Die zunehmende Kluft zwischen Informationsangebot und Informationsnutzung würde sicher weniger drastisch erscheinen, wenn man berücksichtigt, daß unterschiedliche Medien zum Teil gleiche Informationen verbreiten. Dennoch kann die Gesamtheit der publizierten Informationen niemand mehr überblicken, geschweige denn aufnehmen.

2. Im direkten Zusammenhang mit dein ersten Punkt steht die Stärke der Informationsreduktion. Während die ersten Zeitungen überhaupt keinem Selektionsdruck unterworfen waren,53 hat die Vervielfachung von Information einen zunehmenden Selektionsdruck auf die Medien ausgeübt. Heute wird nur noch ein Bruchteil (etwa zehn Prozent) der all die Medien gelieferten Informationen tatsächlich veröffentlicht. Hinter der schon nicht mehr überschaubaren Menge der publizierten Information steht also ein noch viel größerer Berg von Information, die durch die Nicht-Beachtung der Medien zur Nicht-Information wird. Durch die starke Selektionsquote erhält die publizierte Information eine Wertigkeit, die ihrer tatsächlichen Relevanz möglicherweise nicht mehr angemessen ist.54

3. Die Qualität der Information für den Rezipienten hat sich verändert. Die schier unendliche Fülle von Information hat schon nach Lazarsfeld und Merton eine “narkotisierende Dysfunktion.”55 Während die Zeit zur Verarbeitung der Medieninformationen steigt, nimmt proportional die Zeit zum aktiven Handeln ab und damit letztlich auch die Relevanz der Information. Die Autoren unterstellen hier (in den vierziger Jahren) noch, daß eine Vermehrung des Angebots eine Erhöhung der Nachfrage nach Information bedingt. Dies ist aber, wie oben gezeigt, mittlerweile nicht mehr der Fall. Nach Autoren wie Klapp oder Postman hat die Informationsexplosion zu einer Dissoziierung von Information und Handeln geführt: Die Informationen haben für den normalen Menschen keine Handlungs- und Problemlösungsrelevanz mehr. Der ursprüngliche Sinn von Informiertheit, sich Handlungsalternativen und letztlich Vorteile zu verschaffen, geht im Zeitalter der Informationsüberflutung verloren. Bürger können nicht mehr zwischen wichtigen und unwichtigen Informationen unterscheiden.56 Man muß sich zwar nicht den kulturkritischen Schlußfolgerungen der genannten Autoren anschließen; der Beobachtung, daß die Informationsmenge und die Informationsnützlichkeit zunehmend auseinanderdriften, kann man jedoch zweifelsohne zustimmen.57

Paßt unter diesen Bedingungen das Ideal des gut informierten Bürgers beziehungsweise die Realisierung dieses Ideals durch die Massenmedien noch auf die heutige Informationsgesellschaft? Ist jemand, der sich umfassend informiert, tatsächlich auch gut informiert? Ist es noch im wissenschaftlichen Sinne rational, sich umfassend zu informieren und aus den vorhandenen Informationen eine begründete politische Meinung zu bilden? Brauchen wir nicht ein neues Rezeptionsmodell, das die Veränderungen in der Medienlandschaft und die Verhaltensweisen der Rezipienten adäquater berücksichtigt?

Die Annahmen, mit denen oben das Modell des wissenschaftlich rationalen Rezipienten skizziert wurde, sind aus sozialpsychologischer Perspektive nicht nur für die Rezipienten in der Informationsgesellschaft, sondern auch für menschliche Wahrnehmung im Allgemeinen unrealistisch. Unter dem Stichwort “social cognition” haben Psychologen in ganzen Batterien von Experimenten gezeigt, daß Informationsverarbeitung nicht rational, vollständig und “objektiv” verläuft, sondern eher von Heuristiken, Schemata, Routinen und so weiter geprägt ist.58 Urteile über Objekte, Ereignisse, Sachverhalte oder Personen müssen, auch wenn die Informationsmenge groß ist, oft schnell und ad hoc vorgenommen werden. Die Menschen haben keine Zeit, alle notwendigen Informationen für ein solches Urteil in ihrem Gedächtnis herauszusuchen und so miteinander zu kombinieren, daß ein wohlbegründetes Urteil gebildet werden kann, Auf der einen Seite bleibt der Mensch nur durch eine solche Ökonomisierung des Urteilsprozesses handlungsfähig. Bis er ein Urteil aufgrund aller zur Verfügung stehenden Informationen gefällt und eine entsprechende Entscheidung getroffen hätte, wäre viel zu viel Zeit vergangen. Auf der anderen Seite ist ein solch unvollständiger Urteilsprozeß anfällig für Fehlverarbeitungen und anschließende Fehlurteile. In diesem Spannungsfeld muß eine alternatives Modell des Rezipienten skizziert werden. Gerade die Informationsüberflutung führt also dazu, daß Informationen nicht mehr vollständig und analytisch ausreichend verarbeitet werden. Anders gewendet kann es für den Einzelfall durchaus vernünftig sein, sich (im wissenschaftlichen Sinne) irrational zu verhalten und nicht alle Informationen für ein Urteil zu benutzen. Die (subjektive) Fehlerwahrscheinlichkeit ist aller Voraussicht nach bei einer routinisierten und heuristischen Urteilsbildung so gering, daß es durchaus rational sein kann, Informationen verkürzt und unvollständig zu verarbeiten. Übertragen auf die Nachrichtenrezeption bedeutet dies, daß die oberflächliche und verkürzte Verarbeitung von Information durchaus rational und für die Bildung einer Politischen Meinung förderlich sein kann.

Für ein solches Modell des Rezipienten hat Brosius den Begriff der Alltagsrationalität geprägt, das sich, gestützt auf die Befunde der Sozialpsychologie, mit folgenden Annahmen kennzeichnen läßt:59

  1. Rezipienten verarbeiten nicht alle ihnen zur Verfügung stehenden Informationen in Nachrichten.

  2. Rezipienten ziehen zur Urteilsbildung bevorzugt solche Informationen heran, die ihnen zum Zeitpunkt des Urteils besonders leicht zugänglich sind.

  3. Rezipienten überführen Einzelheiten der präsentierten Meldungen schon während der Informationsaufnahme in allgemeine semantische Kategorien.

  4. Rezipienten bilden ihre Urteile schon während der Rezeption und nicht erst im Anschluß daran.

  5. Rezipienten verkürzen und vereinfachen Probleme und Sachverhalte. Sie verwenden Faustregeln, Verallgemeinerungen, Schlußfolgerungen und Stereotype, die sich bewährt haben.

  6. Rezipienten orientieren sich bei ihrer Beurteilung von Sachverhalten hauptsächlich an Informationen, die ihnen aus dem Alltag vertraut sind.

  7. Rezipienten wenden sich Nachrichteninhalten in der Regel mit geringer Involviertheit zu, können sich jedoch unter bestimmten Bedingungen intensiv damit auseinandersetzen. Vor allem fehlt es ihnen an der Fähigkeit, die Relevanz der präsentierten Information zu beurteilen. Unter diesen Bedingungen weichen sie häufig dahin aus, nur die Glaubwürdigkeit der Quellen, nicht jedoch den Wahrheitsgehalt der präsentierten Information zu beurteilen.60

Die routinisierte Form der Nachrichtenrezeption kann man quasi als Standardmodus bezeichnen, mit dem die meisten Menschen die meisten Meldungen verarbeiten. Doris Graber bezeichnet dies mit dem Begriff der “Assurance-Funktion”.61 Das subjektive Gefühl, informiert zu sein, vermittelt die Sicherheit, daß man die wesentlichen Ereignisse und Geschehnisse verfolgt hat und nichts Wesentliches versäumt hat – ob man die präsentierte Information nun behalten hat oder nicht. Das Modell der Alltagsrationalität schließt aber auch ein, daß Rezipienten entscheiden können, wieviel Aufwand sie für die Verarbeitung einer Meldung betreiben. Bei interessierenden Themen und persönlicher Relevanz kann ein Rezipient eine Meldung auch vollständig, rational und mit dem Ziel, sich eine Politische Meinung zu bilden, verfolgen. Mit anderen Worten können die Zuschauer die Ebene wählen, auf der sie rational vorgehen möchten. Beispielsweise wird ein Aktienbesitzer die Nachrichten in der Regel beiläufig verfolgen. Wenn aber eine Meldung über den Aktienmarkt gesendet wird, wird er aufmerksam alle Einzelheiten der Meldung verfolgen und sich in bezug auf seine eigene Situation eine begründbare Meinung bilden. Diese Information hat für ihn die Relevanz, die einen Wechsel des Rezeptionsmodus bedingt.

Ein solcher Wechsel zwischen einer wissenschaftlich rationalen und einer routinisierten und verkürzten Rezeption von Nachrichten ist auch in modernen Theorien der Persuasionsforschung und der Werbewirkung angelegt. Als zentrale Variable wurde die Involviertheit von Rezipienten identifiziert. Sind Rezipienten hoch involviert, behalten sie viele und vor allem die relevante Information, beurteilen die Qualität der Argumentation und bilden sich daraus nach rationalen Kriterien eine begründete Meinung. Petty und Cacioppo bezeichnen dies als den zentralen Weg der Meinungsänderung. Sind Rezipienten dagegen gering involviert (so wie wir das für einen Großteil der Nachrichteninhalte annehmen können), behalten sie wenig und orientieren sich an besonders augenfälligen Merkmalen der Botschaft. Petty und Cacioppo nennen dies den “peripheren” Weg. Zwar kann es dann auch zu einer Meinungsbildung kommen, allerdings ist dann nicht die Qualität der Argumente entscheidend. Meinungsbildung beruht dann auf Merkmalen wie der Sympathie und der Glaubwürdigkeit des Sprechers oder der Emotionalität der Bilder.62

Wenn Information im Überfluß vorhanden ist, diese Information aber keinen Bezug zur Alltagswelt der Rezipienten hat und für die politische Willensbildung nicht relevant ist, ist es rational, sich nicht umfassend zu informieren und statt dessen die Verarbeitungskapazität für die relevant erscheinenden Dinge zu reservieren.63 Es geht nicht so sehr darum, in vielen Bereichen gut informiert zu sein, sondern die Kompetenz zu besitzen, aus der Vielzahl der Informationen die persönlich relevanten herauszufiltern. Insofern bieten die Massenmedien heute mehr denn je die Möglichkeit für jeden, sich über die Themen seiner Wahl gut zu informieren. Spezialsendungen, Zeitschriften, Nachrichtenkanäle oder Datenbanken bieten ideale Bedingungen, sich entsprechend der eigenen Bedürfnisse umfassend zu orientieren. Wenn die Rezipienten je nach Thema in der Lage sind, kompetent zwischen den beiden Modi der Nachrichtenverarbeitung zu entscheiden, läßt sich das Ideal des gut informierten Bürgers von Seiten der Medien her verwirklichen. Dies gilt für normale Situationen, in denen allerdings die Rundfunknachrichten nicht die einzigen und vermutlich nicht einmal die geeigneten Quellen für einen Bürger, sich umfassend zu informieren, sein dürften. In Ausnahmesituationen dagegen (zum Beispiel bei Ausbruch des Golfkriegs) wird die Informationsvermittlung der Rundfunk-nachrichten einen bedeutenden Stellenwert behalten.64

Allerdings wird der Aufwand, in einer Informationsflut die erwünschten Informationen herauszufiltern, größer. Dies gilt vor allem für den politischen Bereich. Gerade hier vermitteln Nachrichten, die mehr und mehr als Marketing-Instrument eines Senders eingesetzt werden, häufig das scheinbare Gefühl, gut informiert zu sein. Nachrichten werden heute zunehmend durch den Konkurrenzkampf zwischen den einzelnen Rundfunkanstalten geprägt. Journalisten produzieren Nachrichten verstärkt unter dem Gesichtspunkt, hohe Einschaltquoten zu erzielen und dem Sender ein positives Image zu verleihen. Dies hat einen Einfluß auf die Nachrichtenauswahl und die -gestaltung und damit letztlich auf die Chancen einer adäquaten Informationsvermittlung. Bedenklich stimmt, daß sich im Zuge der Orientierung an Einschaltquoten teilweise ein Nachrichtenjournalismus entwickelt, für den Aktualität wichtiger ist als sorgfältige Recherche, für den drastische Bilder wichtiger sind als sorgfältige Analysen, für den Sensation wichtiger ist als politische Relevanz. Durch den Druck der Aktualität und den Hang zur Sensation werden oft vorschnell Schreckensszenarien aufgebaut, die sich bei näherer Betrachtung als haltlos erweisen. Solche Nachrichten tragen wenig dazu bei, daß sich die Bürger, selbst wenn sie wollen, gut informieren können. Denn eigentliche Relevanz besitzen sie für die meisten Bürger nicht.

Sind Nachrichten deshalb Infotainment, ein bunter Bilderreigen ohne nennenswerte Wirkung auf die Zuschauer? Nach den vorliegenden Forschungsergebnissen keineswegs. Fernsehen ist ein Medium, das vor allem durch seine Bilder bei jenen Rezipienten, die nur beiläufig zuschauen, “ganz nebenbei” Bewertungen und Urteile vermittelt. Gerade weil Rezipienten häufig nicht konzentriert fernsehen, werden sie durch drastische Bilder und übertriebene Sprache (vom “Super-Gau” bis zur “noch nie dagewesenen Katastrophe”) beeinflußt, und nicht durch die faktische Information. Nachrichten konzentrieren sich auf die Berichterstattung negativer Sachverhalte und Ereignisse. Die Kombination von sensations-orientierter und negativer Berichterstattung führt dazu, daß Rezipienten die berichteten Sachverhalte für bedeutsamer und schwerwiegender halten, als sie vermutlich sind.65

Diese Art der Berichterstattung könnte die These der Wissenskluft für das Informationszeitalter neu beleben. Die gut Gebildeten entwickeln die Fähigkeit, aus der Vielzahl der Informationsangebote (Internet, Datenbanken et cetera) die für sie wichtigen Informationen zu extrahieren. Sie besitzen gleichzeitig die Kompetenz, die Glaubwürdigkeit von Quellen zu beurteilen. Die weniger Gebildeten verlassen sich (mit dem Gefühl, gut informiert zu werden) auf die massenattraktiven Rundfunknachrichten. Durch deren Berichterstattung wird als Meta-Information ein pessimistisches und negatives Weltbild verbreitet. Die Welt erscheint für diese Menschen voller Katastrophen und Leid, Politik und Politiker korrupt und bestechlich, die Umwelt verseucht. Zum einen bedingt dies eine gewisse Abstumpfung. Denn es werden immer größere Katastrophen und Skandale gebraucht und produziert, um die Beachtung durch den Zuschauer sicherzustellen. Zum anderen ist ein solches negatives Weltbild eine mögliche Quelle von Politikverdrossenheit und des Rückzugs des Individuums in die Privatsphäre.

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1Vgl. Brosius, Hans-Bernd: Der gut informierte Bürger? Rezeption von Rundfunknachrichten in der Informationsgesellschaft. In: Charlton, Michael/Sylvia Schneider (Hg.) Rezeptionsforschung. Theorien und Untersuchungen zum Umgang mit Massenmedien. Opladen 1997, S. 92-104.

2Vgl. Pfetsch, Barbara/Rüdiger Schmitt-Beck/Jürgen Hofrichter: Abkehr vom Fernsehen als Quelle aktueller politischer Information? Eine Längsschnittanalyse der Nachrichtennutzung. In: Jarren, Otfried (Hg.): Medienwandel – Gesellschaftswandel? Zehn Jahre Dualer Rundfunk in Deutschland. Eine Bilanz. Berlin 1994, S. 289-304.

3Vgl. Neumann-Braun, Klaus: Report: “Der große Bellheim“ und der Anspruch des Publikums auf Qualität des Fernsehfilm-Angebots. In: Medienpsychologie, 5 (1993), S. 304-328.

4Vgl. Darschin, Wolfgang/Bernward Frank: Tendenzen im Zuschauerverhalten. Fernsehgewohnheiten und Programmbewertungen 1996. In: Media Perspektiven (1997), H. 4, S. 174-185.

5Vgl. Deimling, Susanne/Jürgen Bortz/Gerhard Gmel: Zur Glaubwürdigkeit von Fernsehanstalten. Entwicklung und Erprobung eines Erhebungsinstrumentes. In: Medienpsychologie, 5 (1993), S. 203-220.

6Vgl. Ludes, Peter: Von der Nachricht zur News Show. München 1993.

7Diese Frage wird im dritten Abschnitt noch einmal aufgegriffen.

8Vgl. Schatz, Heribert/Klaus Adimczewski/Klaus Lange/Ferdinand Nüssen: Fernsehen und Demokratie. Eine Inhaltsanalyse der Fernsehnachrichtensendungen von ARD und ZDF vom Frühjahr 1977. Opladen 1981.

9Vgl. Wember, Bernward: Wie informiert das Fernsehen? München 1976. Ballstaedt, Steffen-Peter: Eine Inhaltsanalyse zum Filmjournalismus bei “heute” und “Tagesschau”. In: Publizistik, 22 (1977), S. 443-449.

10Vgl. Schmitz, Ulrich: Kein Licht ins Dunkel – der Text zum Bild der Tagesschau. In: Bentele, Günter/ Ernest W. B. Hess-Lüttich (Hg.): Zeichengebrauch in Massenmedien. Zum Verhältnis von sprachlicher und nicht-sprachlicher Information in Hörfunk, Film und Fernsehen. Tübingen 1985, S. 137-154. Straßner, Erich: Fernsehnachrichten. Eine Produktions-, Produkt- und Rezeptionsanalyse. Tübingen 1982.

11Vgl. Jarren, Otfried (Hg.): Politische Kommunikation in Hörfunk und Fernsehen. Opladen 1994.

12Vgl. unter anderen Krüger, Udo Michael: Qualitätsschere im Fernsehangebot – Ergebnisse eines Programmvergleichs zwischen ARD, ZDF, SAT. 1, RTL plus, 3SAT und Eins Plus. In: Media Perspektiven (1987), H. 9, S. 549-562. Merten, Klaus: Konvergenz der deutschen Fernsehprogramme. Eine Langzeituntersuchung 1980-1993. Münster 1994.

13Unabhängig vom früheren Sendernamen “RTL plus” wird der Einfachheit halber nur der Name „RTL“ verwendet.

14Vgl. Dehm, Ursula/Walter Klingler: Die neue Konkurrenz: Überregionale Hauptnachrichtensendungen des Fernsehens im Vergleich. Bericht über eine Fallstudie zum Kabelpilotprojekt Ludwigshafen/Vorderpfalz. In: Rundfunk und Fernsehen, 33 (1985), S. 245-255; Krüger, Udo Michael: Aspekte der Nachrichtenpräsentation in SAT. 1, ARD und ZDF, In: Media Perspektiven, (1985) H. 3, S. 232-239. Krüger, Udo Michael: “Soft new“ – kommerzielle Alternative zum Nachrichtenangebot Öffentlich-rechtlicher Rundfunkanstalten. SAT.1, RTL plus, ARD und ZDF im Vergleich. In: Media Perspektiven (1985) H. 6, S. 479-490; Schatz, Heribert: Ist das Fernsehen noch zu retten? Zum Funktionswandel des Fernsehens als „Medium und Faktor der Öffentlichen Meinungsbildung“. In: Breitling, Rupert/Winand Gellner (Hg.): Politische Studien zu Öffentlichkeit, Medien und Politik. Gerlingen 1988, S. 70-90; Faul, Erwin: Die Fernsehprogramme im Dualen Rundfunksystem. Berlin und Offenbach 1988; Behrens, Peter: Der “Aufmacher”. Zur Analyse von Nachrichtensendungen. In: Breitling, Rupert/Winand Gellner (Hg.): Politische Studien zu Öffentlichkeit, Medien und Politik (Hg.): Politische Studien zu Öffentlichkeit, Medien und Politik. Gerlingen 1988, S. 58-69.

15Vgl. Dehm, Ursula/Waller Klingler: Die neue Konkurrenz: Überregionale Hauptnachrichtensendungen des Fernsehens im Vergleich. Bericht übe- eine Fallstudie zum Kabelpilotprojekt Ludwigshafen/Vorderpfalz. In: Rundfunk und Fernsehen, 33 (1985), S. 45-255. Behrens, Peter: Der „Aufmacher“. Zur Analyse von Fernsehnachrichten. In: Breitling, Rupert/Winand Gellner (Hg.): Politische Studien zu Öffentlichkeit, Medien und Polilik. Gerlingen 1988, S. 58-69.

16Faul, Erwin: Die Fernsehprogramme im Dualen Rundfunksystem. Berlin und Offenbach 1988.

17Vgl. Krüger, Udo Michael: “Soft news“ – kommerzielle Alternative zum Nachrichtenangebot öffentlich-rechtlicher Rundfunkanstalten. SAT.1, RTL plus, ARD und ZDF im Vergleich. In: Media Perspektiven (1985) H. 6, S. 479-490.

18Vgl. Krüger, Udo Michael: “Soft news“ – kommerzielle Alternative zum Nachrichtenangebot öffentlich-rechtlicher Rundfunkanstalten. SAT.1, RTL plus, ARD und ZDF im Vergleich. In: Media Perspektiven (1985) H. 6, S. 479-490.

19Schatz. Heribert: Ist das Fernsehen noch zu retten? Zum Funktionswandel des Fernsehens als “Medien und Faktor der öffentlichen Meinungsbildung”. In: Breitling, Rupert/Winand Gellner (Hg.): Politische Studien zu Öffentlichkeit, Medien und Politik. Gerlingen 1988, S. 70-90.

20Vgl. Krüger, Udo Michael: Aspekte der Nachrichtenpräsentation in SAT. 1, ARD und ZDF, In: Media Perspektiven (1985) H. 3, S. 232-239. Dehm, Ursula/Walter Klingler: Die neue Konkurrenz: Überregionale Hauptnachrichtensendungen des Fernsehens im Vergleich. Bericht über eine Fallstudie zum Kabelpilotprojekt Ludwigshafen/Vorderpfalz. In: Rundfunk und Fernsehen, 33 (1985), S. 245-255.

21Zu den wenigen Ausnahmen gehören die Studien von Goertz (1996) und Bruns & Marcinkowski (1997).

22Vgl. Goertz, Lutz: Zwischen Nachrichtenverkündung und Infotainment? Die Gestaltung von Hauptnachrichtensendungen im privaten und öffentlich-rechtlichen Fernsehen. In: Hömberg, Walter/Heinz Pürer (Hg.): Medientransformation. Zehn Jahre Dualer Rundfunk in Deutschland. Konstanz 1996, S. 200-209. Krüger, Udo Michael: Politikberichterstattung in den Fernsehnachrichten. In: Media Perspektiven (1997), H. 5, S. 256-268.

23Vgl. Bruns, Thomas/Frank Marcinkowski: Politische Information im Fernsehen. Eine Längsschnittstudie. Opladen 1997. Brosius, Hans-Bernd/Andreas Fahr/Camille Zubayr: Inhalte, Strukturen und Argumentationsformen von Nachrichten im deutschen Fernsehen. Ludwigshafen 1998.

24In diesem Zusammenhang ist das methodische Vorgehen von Krüger (1997) zu kritisieren. Im Auftrag der öffentlich-rechtlichen Sender hatte dieser die Nachrichten von ARD, ZDF, SAT. 1, RTL und Pro Sieben untersucht. Bei der Ergebnisdarstellung verzichtet der Verfasser auf die Offenlegung der Ergebnisse für die Nachrichten von Pro Sieben, mit einer Begründung, die nicht nachzuvollziehen ist (der Sender würde weniger als zehn Prozent des Nachrichtenangebots stellen; vgl. S. 261). Da Pro Sieben, wie die Ergebnisse von Bruns & Marcinkowski (1997) und Brosius, Fahr & Zubayr (1998) zeigen, einen ähnlich hohen Politikanteil wie ARD und ZDF hat, hinterläßt die Ausklammerung, berücksichtigt man die Auftraggeber der Studie, einen merkwürdigen Eindruck.

25Vgl. Wix, Volker: Abgrenzung oder Abgleichung von TV-Präsentationsformen? Haupt-Nachrichtensendungen von ARD, ZDF, RTL und SAT. 1. Bochum 1996.

26Vgl. Krüger, Udo Michael: Politikberichterstattung in den Fernsehnachrichten. In: Media Perspektiven (1997), H. 5. S. 256-268. Bruns, Thomas/Frank Marcinkowski: Politische Information im Fernsehen. Eine Längsschnittstudie. Opladen 1997; Brosius, Hans-Bernd/Andreas Fahr/Camille Zubayr: Inhalte, Strukturen und Argumentationsformen von Nachrichten im deutschen Fernsehen. Ludwigshafen 1998.

27Vgl. die jährlichen Berichte von Darschin & Frank in den Media Perspektiven, zuletzt Darschin, Wolfgan/Bernward Frank: Tendenzen im Zuschauerverhalten. Fernsehgewohnheiten und Programmbewertungen 1996. In: Media Perspektiven (1997) H. 4, S. 174-185.

28Vgl. Kiefer, Marie-Luise: Wettbewerbsverständnis im Stoiber/Biedenkopf-Papier – hilfreich für die Rundfunkvielfalt? In: Media Perspektiven (1995) H 3, S. 109-114.

29Schatz, Heribert/Nikolaus Immer/Frank Marcinkowski: Der Vielfalt eine Chance? Empirische Befunde zu einem zentralen Argument für die “Dualisierung” des Rundfunks in der Bundesrepublik Deutschland. In: Rundfunk und Fernsehen 37 (1989) S. 5-24.

30Vgl. Merten, Klaus: Konvergenz der deutschen Fersehprogramme. Eine Langzeituntersuchung 1980-1993. Münster 1994.

31Vgl. Faul, Erwin: Die Fernsehprogramme im Dualen Rundfunksystem In: Rundfunk und Fernsehen, 37 (1989), S. 25-46. Schatz, Heribert: Rundfunkentwicklung im Dualen System: die „Konvergenzhypothese“, In: Jarren, Otfried (Hg.): Politische Kommunikation in Hörfunk und Fernsehen. Opladen 1994, S. 67-79.

32Vgl. Krüger, Udo Michael: Konvergenz im Dualen Fernsehsystem. Programmanalyse 1989. In: Media Perspektiven (1989), H. 12, S. 777-806. Krüger, Udo Michael: Zur Konvergenz öffentlich-rechtlicher und privater Fernsehprogramme. Entstehung und empirischer Gehalt einer Hypothese. In: Rundfunk und Fernsehen, 39 (1991), S. 83-96. Merten, Klaus: Konvergenz der deutschen Fernsehprogramme. Eine Langzeituntersuchung 1980-1993. Münster 1994.

33Vgl. Schatz, Heribert: Rundfunkentwicklung im Dualen System: die “Konvergenzhypothese”. In: Jarren, Otfried (Hg.): Politische Kommunikation in Hörfunk und Fernsehen. Opladen 1994, S. 67-79.

34Wember, Bernward: “Die Kopf-Bauch-Schere” oder: Was machen Menschen mit Informationen? In: Medium Spezial. Nachrichten- und Informationsprogramme im Fernsehen (1993), S. 31-36.

35Pfetsch, Barbara: Konvergente Fernsehformate in der Politikberichterstattung? Eine vergleichende Analyse öffentlich-rechtlicher und privater Programme 1985/86 und 1993. In: Rundfunk und Fernsehen, 44 (1996), S. 479-498. Bruns, Thomas/Frank Marcinkowski: Konvergenz revisited. Neue Befunde zu einer älteren Diskussion. In: Rundfunk und Fernsehen, 44 (1996), S. 461-478. Bruns, Thomas/Frank Marcinkowski: Politische Information im Fernsehen. Eine Längsschnittstudie. Opladen 1997 und Wix, Volker: Abgrenzung oder Abgleichung von TV-Präsentationsformen? Haupt-Nachrichtensendungen von ARD, ZDF, RTL und SAT. 1. Bochum 1996.

36Alle Berichte mit visueller oder auditiver Vermittlung von aggressiven Handlungen werden von Bruns, Thomas/Frank Marcinkowski: Konvergenz revisited. Neue Befunde zu einer älteren Diskussion. In: Rundfunk und Fernsehen, 44 (1996), S. 461-478. als Gewaltthemen bezeichnet.

37Vgl. Pfetsch, Barbara: Konvergente Fernsehformate in der Politikberichterstattung? Eine vergleichende Analyse öffentlich-rechtlicher und privater Programme 1985/86 und 1993. In: Rundfunk und Fernsehen, 44 (1996), S. 479-498.

38Vgl. Wix, Volker: Abgrenzung oder Abgleichung von TV-Präsentationsformen? Haupt-Nachrichtensendungen von ARD, ZDF, RTL und SAT. 1. Bochum 1996.

39Vgl. Brosius, Hans-Bernd/Andreas Fahr/Camille Zubayr: Inhalte, Strukturen und Argumentationsformen von Nachrichten im deutschen Fernsehen. Ludwigshafen 1998.

40Vgl. Goertz, Lutz: Zwischen Nachrichtenverkündung und Infotainment? Die Gestaltung von Hauptnachrichtensendungen im privaten und öffentlich-rechtlichen Fernsehen. In: Hömberg Walter/Heinz Pürer (Hg.): Medientransformation. Zehn Jahre Dualer Rundfunk in Deutschland. Konstanz 1996, S. 200-209.

41Vgl. Brosius, Hans-Bernd/Andreas Fahr/Camille Zubayr: Inhalte, Strukturen und Argumentationsformen von Nachrichten im deutschen Fernsehen. Ludwigshafen 1998.

42Vgl. beispielsweise Graber, Doris A: Mass media and American Politics. Washington 1989, 3. Auflage oder McLeod, Jack M./Gerald M. Kosicki/McLeod, D. M.: The expanding boundaries of political communication effects. In: Bryant, Jennigs/Dolf Zillmann (Hg.): Media effects. Advances in theory and research. Hillsdale 1994, S. 123-162.

43Zitiert nach Fuhr, Ernst. W.: ZDF-Staatsvertrag. Staatsvertrag über die Einrichtung der gemeinnützigen Anstalt des öffentlichen Rechts “Zweites Deutsches Fernsehen” (ZDF-Staatsvertrag). Mainz 1985, 2. Auflage (1985), S. 9.

44Vgl. die Überblicke in Robinson, John P./Levy Mark R.: The main source: Learning from television news. Beverly Hills 1986. Graber, Doris A.: Processing the news. How people tame the information tide. New York 1984; Kunczik, Michael/Uwe Weber: Fernsehen. Aspekte eines Mediums. Köln 1990. Brosius, Hans-Bernd: Alltagsrationalität in der Nachrichtenrezeption. Ein Modell der Wahrnehmung und Verarbeitung von Nachrichteninhalten. Opladen 1995.

45Vgl. zu diesen und den folgenden Ausführungen Brosius, Hans-Bernd: Alltagsrationalität in der Nachrichtenrezeption. Ein Modell der Wahrnehmung und Verarbeitung von Nachrichteninhalten. Opladen 1995. Der Autor räumt der Diskussion der skizzierten Rezeptionsmodelle weiten Raum ein.

46Ähnliche Grundannahmen zum Verhältnis von Wissen und Urteilen finden sich auch in anderen Wissenschaftszweigen. Der “Rational Choice”-Ansatz in der Wahlforschung (vgl. Downs, Anthony: An economic theory of democracy. New York 1957.), klassische Werbewirkungsmodelle (vgl. den Überblick in Schenk. Michael/Joachim Donnerstag/Joachim Höflich: Wirkungen der Werbekommunikation. Köln 1990.), manifeste Theorien Öffentlicher Meinung, (vgl. Noelle-Neumann, Elisabeth: Manifeste und latente Funktionen öffentlicher Meinung. In: Publizistik, 37 (1992), S. 283-297.) oder die Agenda-Setting Forschung (vgl. Brosius, Hans-Bernd/Hans Mathias Kepplinger: Linear and nonlinear models of agenda-setting in television. In: Joumal of Broadcasting and Electronic Media, 36 (1992). S. 5-24. oder Rössler, Patrick: Agenda-Setting. Opladen 1997.) enthalten teilweise die gleichen Annahmen, die auf einer vollständigen und bewußten Verarbeitung der zur Verfügung stehenden Informationen und einem logisch-rationalen Urteilsschluß beruhen. Aus Platzgründen muß jedoch eine ausführlichere Darstellung der Parallelen hier unterbleiben (vgl. hierzu Brosius, Hans-Bernd: Alltagsrationalität in der Nachrichtenrezeption. Ein Modell der Wahrnehmung und Verarbeitung von Nachrichteninhalten. Opladen 1995.).

47Vgl. Berry, Colin: Rundfunknachrichtenforschung. Ein Beitrag zur Klärung der Wirkung von Präsentation und Motivation. In: Media Perspektiven (1988) H. 3, S. 166-175. Brosius, Hans-Bemd: Verstehbarkeit von Fernsehnachrichten. In Jürgen Wilke (Hg.), Fortschritte in der Publizistikwissenschaft. Freiburg 1990, S. 147-160.

48Vgl. Brosius, Hans-Bernd/Colin Berry: Ein Drei-Faktoren-Modell der Wirkung von Fernsehnachrichten. In: Media Perspektiven, (1990) H. 9, S. 573-583.

49Vgl. Delli Carpini, Michael X./Keeter, Scott: Stability and change in the U.S. public's knowledge of politics. In: Public Opinion Quarterly, 55 (1991), S. 583-612.

50Vgl. Schulz, Winfried: Information und politische Kompetenz. Zweifel am Aufklärungsanspruch der Massenmedien. In: Saxer, Ulrich (Hg.): Gleichheit oder Ungleichheit durch Massenmedien? Homogenisierung – Differenzierung der Gesellschaft durch Massenkommunikation. München 1985, S. 105-118.

51Vgl. Neuman, W. Russell/Ithiel de Sola Pool: The flow of communications into the home. In: Sandra J. Ball-Rokeach/Muriel G. Cantor (Hg.): Media, audience, and social structure. Newbury Park 1986, S. 71-86.

52Vgl. Brünne, Michael/Franz-Rudolf Esch/Hans-Dieter Ruge: Berechnung der Informationsüberlastung in der Bundesrepublik Deutschland. Saarbrücken 1987.

53Was an Information zur Verfügung stand, wurde seinerzeit gedruckt; vgl. Wilke, Jürgen: Nachrichtenauswahl und Medienrealität in vier Jahrhunderten. Berlin 1984.

54Auf die sich hier direkt anschließenden Fragen nach den Kriterien der Nachrichtenauswahl und dem Vergleich von Realität und Medienrealität kann aus Zeitgründen nicht weiter eingegangen werden. Vgl. hierzu Kepplinger, Hans Mathias: Ereignismanagement. Wirklichkeit und Massenmedien. Zürich 1992. Shoemaker, Pamela J./Stephen D. Reese: Mediating the message. Theories of influences on mass media content. New York 1991.

55Vgl. Lazarsfeld, Paul F./Robert K. Merton: Mass communication, popular taste and organized social action. In: Lyman Bryson (Hg.), Problems in the communication of ideas. New York 1948, S. 95-118.

56Vgl. Klapp, Orrin E.: Meaning lag in the information society. In: Journal of Communication, 32:1 (1982), S. 56-66; Postman, Neil: Wir amüsieren uns zu Tode. Frankfurt 1985.

57Vgl. auch Jäckel, Michael: Auf dem Weg zur Informationsgesellschaft? Informationsverhalten und die Folgen der Informationskonkurrenz. In: Jäckel, Michael/Peter Winterhoff-Spurk (Hg.): Politik und Medien. Analysen zur Entwicklung der politischen Kommunikation. Berlin 1994, S. 11-34. Neben diesen Erwägungen, die sich aus der Überflutung mit Information ergeben, spielt aber auch die wachsende Konkurrenz zwischen Sendern eine Rolle, die letztlich auch zu einer Veränderung der Informationsqualität führt. Um den vermeintlichen oder tatsächlichen Erwartungen des Publikums entgegenzukommen, haben die Sender den Anteil nicht-politischer Meldungen, die Aufmachung der Meldungen und das Themenspektrum verändert (vgl. Merten, Klaus: Konvergenz der deutschen Fernsehprogramme. Eine Langzeituntersuchung 1980-1993. Münster 1994.). Die damit verbundene Orientierung an Negativem, Außergewöhnlichem, Komischem und Alltäglichem erschwert die Unterscheidung zwischen politisch oder persönlich relevanter und nicht-relevanter Information für den Rezipienten.

58Vgl. die Überblicke bei Higgins, E. Tory/Bargh, John A.: Social cognition and social perception. In: Annual Review of Psychology. 38 (1987), S.369-425. Sherman, Steven. J./Charles M. Judd/Bernadette Park: Social cognition. In: Annual Review of Psychology, 40 (1989) S. 28 1 -236.

59Vgl. ausführlich Brosius, Hans-Bernd: Alltagsrationalität in der Nachrichtenrezeption. Ein Modell der Wahrnehmung und Verarbeitung von Nachrichteninhalten. Opladen 1995.

60Vgl. Wagner, Hans: Das Grubenhund-Gesetz. Die Rationalität der sozialen Orientierung. In: Walter Hömberg (Hg.): Der Grubenhund. Experimente mit der Wahrheit (Arthur Schütz). München 1996, S.119-192. Nawratil, Ute: Glaubwürdigkeit in der sozialen Kommunikation. Opladen 1997. Eine solche an der Unvollständigkeit und Routinehaftigkeit der Rezeption orientierte sozial-kognitive Sichtweise menschlichen Verhaltens spielt in neuerer Zeit auch in benachbarten Disziplinen eine zunehmende Rolle. So werden die traditionell rationalen und logischen Entscheidungsmodelle in der Ökonomie durch psychologische Mechanismen angereichert; vgl. Simon (1978). Auch in der Politikwissenschaft werden Wahlentscheidungen nicht mehr als reine rational-choice-Situationen angesehen; vgl. Kinder, Donald R.: Presidential character revisited. In: Richard R. Lau/David. O. Sears (Hg.): Political Cognition. The 19th annual Carnegie symposium on cognition. Hillsdale 1986, S. 233-255. Peffley, Mark: Presidential image and economic performance: A dynamic analysis. In: Political Behavior, 11 (1989), S. 309-333.

61Vgl. Graber, Doris A: Mass media and American Politics. Washington 1989,3. Auflage.

62Vgl. Petty, Richard E./John T. Cacioppo: Communication and persuasion. New York 1986. Zur Emotionalität von Bildern siehe Brosius, Hans-Bernd: The effects of emotional pictures in television news. In: Communication Research, 20 (1993), S. 105-124.

63Diese müssen nicht notwendigerweise in den Fernsehnachrichten vorhanden sein.

64Vgl. Ehlers, Renate: Fernseh- und Radionutzung während des Golfkriegs. In: Media Perspektiven, (1991), H. 5, S. 333-337.

65Zu den empirischen Befunden, die mit einem so skizzierten Rezeptionsmodell verbunden sind, vgl. Brosius, Hans-Bernd: Alltagsrationalität in der Nachrichtenrezeption. Ein Modell der Wahrnehmung und Verarbeitung von Nachrichteninhalten. Opladen 1995.

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