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Autor: Burkart, Günter.
Titel: Das Mobiltelefon und die Veränderung der Kommunikation im sozialen Raum.
Quelle: Ulrich Beck (Hrsg.): Soziale Welt. Zeitschrift für sozialwissenschaftliche Forschung und Praxis. 51. Jg., Heft 2. Baden-Baden 2000. S. 209-227.
Verlag: Nomos Verlagsgesellschaft.
Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Autors.
Günter Burkart
Das Mobiltelefon und die Veränderung der Kommunikation im sozialen Raum
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 1
2. Technik, Kultur und Kommunikation 3
3. Mobiltelefon: Entstehung und Ausbreitung 7
4. Mobiltelefon und Lebensstil 10
5. Mobilität und Kommunikation 13
6. Kommunikation im öffentlichen Raum 18
6.1 Störungen der öffentlichen Kommunikation durch Regelverletzung 19
6.2 Struktur sozialer Situationen 23
6.3 Neuregulierung: Strategien und Kampfformen 28
7. Wie geht es weiter? 30
Das Mobiltelefon, das es erst seit wenigen Jahren in „handlicher“ Größe gibt, hat in kurzer Zeit eine große Verbreitung und enorme Aufmerksamkeit gewonnen. Nach einer auf der letzten Berliner Funkausstellung verbreiteten Prognose soll es im Jahr 2003 weltweit eine Milliarde Menschen mit Handy geben. Das mag, als Prognose der Betreiber, mehr Wunschdenken als fundierte Prognose sein (der aktuelle Stand liegt bei etwa 370 Millionen) – aber es zeigt doch, daß hier eine brisante Entwicklung im Gange ist. Auch in Deutschland schreitet die Entwicklung rasant voran. Ende des Jahres 1999 soll es über 20 Millionen Mobiltelefonierer geben. In ein bis zwei Jahren werde es mehr mobile Telefonanschlüsse geben als heimische Festnetzanschlüsse.1 Es scheint also an der Zeit, dem Mobiltelefon auch etwas soziologische Aufmerksamkeit zu widmen.
Das „Handy“2 ermöglicht eine wesentlich größere Flexibilität bei der Telekommunikation. Es erleichtert soziale Beziehungen durch die Möglichkeit schnellerer Kommunikationsaufnahme trotz räumlicher Distanz und örtlicher Ungebundenheit, eröffnet aber auch verstärkte Kontrollmöglichkeiten. Es verändert die Abgrenzung zwischen privaten und öffentlichen Kommunikationsformen, zwischen Privatsphäre und Beruf. Mit dem „Handy“ ist ein Objekt der materiellen Kultur geschaffen, das drei Grundelemente hochmoderner Gesellschaften: Kommunikation, Mobilität und Individualität – vereinigt und ihre gegenseitige Steigerung ermöglicht.
Das alles macht es kultursoziologisch interessant. Das Handy ist daher weit mehr als nur eine technische Innovation. Wie schon zu Beginn der Durchsetzung des Telefons stellt sich die Frage, welche kulturellen Bedeutungen und Verwendungsweisen an diese neue Technik angelagert werden (Rammert 1993). Darüber hinaus hat das Mobiltelefon eine große medien- und kommunikationssoziologische Bedeutung. Es ist eine der wichtigsten Neuerungen auf dem Gebiet der technisch unterstützten Kommunikation, weil es mehrere kulturelle Funktionen bündelt, die früher durch verschiedene Medien erfüllt wurden: Telefon, Radio, Faxgerät oder PC; und es ermöglicht Telekommunikation im öffentlichen Raum.
Zunächst sollte geklärt werden, in welchen Theorie-Kontexten diese Fragen sinnvoll behandelt werden können. Geht es hier um eine technische Entwicklung oder um eine Lebensstilfrage; um die Effektivierung von Kommunikation oder um die Individualisierung des Telefonierens? Deshalb sind zunächst einige grundlegende Überlegungen zum Verhältnis Technik, Kultur und Kommunikation angebracht. Favorisiert wird eine kultursoziologische Technikperspektive. Das Mobiltelefon wird als Objekt der materiellen Kultur betrachtet, dessen Gebrauchsweisen sich erst in kulturellen Auseinandersetzungen um das Verhältnis von Kommunikation und Raum, Mobilität und Individualität herausbilden (2.). Nach einer kurzen Skizze der Entwicklungsgeschichte und der aktuellen Situation (Verbreitung und Verwendungsweise) des Mobiltelefons (3.) geht es um seine kulturelle Bedeutung im Sinne eines Lebensstil-Elements. Dabei spielt die Frage nach der beruflichen oder privaten Verwendung eine wesentliche Rolle (4.). Mit dem Mobiltelefon erweitern sich die Möglichkeiten der Mobilität und der Verknüpfung von Mobilität, Kommunikation und Individualität: Man kann ständig erreichbar sein. Das hat aber auch negative Auswirkungen: ständige Kontrolle und Überwachung ist möglich. Insgesamt ändert sich das Verhältnis von Kommunikation und Raum (5.). Auswirkungen sind auch zu erwarten auf die Kommunikation im öffentlichen Raum. Mit dem Mobiltelefon ist die Möglichkeit der Interferenz zweier kommunikativer Situationen gegeben. Eine Telekommunikationssituation kann in räumlich-zeitlicher Überschneidung mit face-to-face-Kommunikationen stattfinden. Das Mobiltelefon kann diese stören, indem es bestimmte Regeln der Kommunikation im öffentlichen Raum verletzt. Darüber wird es zu Diskursen, Aushandlungsprozessen und Kämpfen kommen, in deren Verlauf die Regeln der öffentlichen Kommunikation neu festgelegt werden (6.). Abschließend wird spekuliert, ob und in welcher Kulturbedeutung sich das Handy tatsächlich durchsetzen wird (7.).
Anthropologische, philosophische und soziologische Versuche über die Technik stellen im allgemeinen die Frage in den Mittelpunkt, welche sozialen und kulturellen Bedeutungen einem technischen Objekt zukommen – ob eine neue Technik ihre sozialen Verwendungsweisen und kulturellen Bedeutungen bereits in sich trägt oder ob diese erst geschaffen werden müssen. Dazu gibt es grundsätzlich drei Antworten: Technikdeterminismus, Kulturdeterminismus, sowie Technik als Vergesellschaftungsform.
In der Technik-Soziologie herrschte lange Zeit ein Technikdeterminismus vor, demzufolge die sozialen Gebrauchsweisen einer neuen Technik sich aus ihrer technischen Logik heraus von selbst ergeben würden. Die „rationalistische Grundthese“ (die These von der Rationalisierung der Gesellschaft durch Technik) favorisiert die Vorstellung, daß die Technik alle Lebensbereiche durchdringt und sie nach der ihrer eigenen Logik rationalisiert. Auch wenn seit vielen Jahren der techniksoziologische Determinismus als überholt zurückgewiesen wird (z.B. Böhme 1987, Lutz 1987, Weingart 1989) – für viele techniksoziologische Untersuchungen (und für das Alltagsdenken) bietet er immer noch die zentrale Grundfrage: Wie verändert Technik die sozialen Verhältnisse? Das gilt gerade auch für das Feld der Informations- und Kommunikationstechniken: Wie verändert das Mobiltelefon die alltägliche Kommunikation? Welche technischen Verbesserungen verändern die Nutzungspraxis?
Aus der Kritik am Technikdeterminismus hat sich in den letzten Jahrzehnten eine kulturtheoretische Perspektive der Technik-Soziologie entwickelt. Sie dreht in gewisser Weise die Kausalrichtung um und betont, daß sich die sozialen Gebrauchsmöglichkeiten einer neuen Technik erst durch kulturelle Ideen über ihre Nutzung ergeben (Sachs 1984, Böhme 1987, Weingart 1989). Man kann deshalb auch von einem techniksoziologischen Konstruktivismus sprechen: Die Technik ist ein Produkt der Kultur (Hennen 1992, Rammert 1998). Das wurde u.a. bereits für das Telefon (Rammert 1993) untersucht.
Mit der kulturtheoretischen Perspektive konnte deutlich gemacht werden, daß die Durchsetzung des Telefons anfangs keineswegs so selbstverständlich war, wie uns das heute erscheinen mag. Es war umstritten und unklar, wozu dieser neue Apparat überhaupt dienen sollte. Es gab verschiedene, konkurrierende Vorstellungen, „Nutzungsvisionen“ (Marvin 1988, Rammert 1993, König 1994). Das Telefon schien zunächst einfach nur eine Erweiterung des „Transportkonzeptes“ zu sein, wie es bereits dem damals schon ausgebauten Telegrafiesystem zugrunde lag. Eine andere Nutzungsvision war das „Radiokonzept“, demzufolge das Telefon vor allem zur Verbreitung von Informationen von einem Sender an gleichzeitig viele Empfänger dienen sollte. So gab es zum Beispiel in Frankreich ein „Operntelefon“ oder in Budapest einen „Telefon-Hírmondó“, eine Art „Telefon-Zeitung“ (Szabó 1994). Erst nach einigen Jahren der Unsicherheit hat sich dann schließlich das „Verständigungskonzept“ durchgesetzt, also das Modell des technisch vermittelten Wechselgesprächs (Rammert 1993: 235ff.). Das Beispiel des Telefons zeigt gut, daß es darauf ankommt, wie ein technisches Gerät als „Kulturobjekt“ definiert wird, wie eine technische Innovation durch ihren gesellschaftlichen Gebrauch zu einem kulturellen Objekt wird.3
Ähnliches gilt heute für die Durchsetzung des Computers. Nicht dessen technische Möglichkeiten allein sind entscheidend, sondern die kulturellen Vorstellungen, Wünsche und Visionen, die man mit seiner Hilfe verfolgen kann – die aber auch dazu führen, die Technik in bestimmte kulturell erwünschte Richtungen weiterzuentwickeln (Allerbeck/Hoag 1989, Schmidt 1997, Rammert et al. 1998). In diesem Zusammenhang ist auch das in der angelsächsischen Forschung entwickelte Konzept von design and domestication von Interesse, angewendet auf die Aneignung neuer Techniken durch private Haushalte (Silverstone et al. 1992; Haddon/Silverstone 1995, Silverstone/Haddon 1996). Neue Techniken werden sozusagen „gezähmt“, werden auf bestehende Normen und Kommunikationspraktiken angepaßt und somit veralltäglicht.
Beide Perspektiven gehen von einer Gegenüberstellung von Gesellschaft bzw. Kultur und Technik aus und können so den wechselseitigen oder einseitigen Einfluß untersuchen.4 Grundlegend davon unterscheidet sich eine dritte Position, bei der Technik als integraler Bestandteil des sozialen Handelns gesehen wird: Technik als Vergesellschaftungsform. Sie betont den vergesellschaftenden Charakter von „technischen Artefakten“. Technik und Handeln sind hier immer schon eng aufeinander bezogen, technisches Handeln ist immer schon „soziales Handeln“.5
Diese Perspektive ist besonders für die Untersuchung des Alltagslebens von Bedeutung („Technisierung des Alltags“).6 In das alltägliche Handeln sind technische Artefakte genauso selbstverständlich eingelassen wie andere Grundelemente sozialer Situationen. Diese Perspektive ist deshalb vor allem für jene Entwicklungsstufen relevant, in denen die technischen Artefakte kaum noch als solche wahrgenommen werden, sondern – in einem Prozeß der Naturalisierung des Sozialen und des Technischen – zur selbstverständlich gewordenen Lebenswelt gehören.7 Sie sind zur „zweiten Natur“ geworden – so wie heute schon der Strom aus der Steckdose, das Türschloß oder die durch Lichtschranken geöffnete Tür.8 Vielleicht hört auch das mobile Telefon irgendwann auf, als technisches Gerät wahrgenommen zu werden, als „künstliches“ Ding, als Artefakt. Es wäre dann Bestandteil des alltäglichen Daseins in der Welt geworden, fast schon wie ein Teil des Körpers.
Für die Phase der Einführung neuer Technologien scheint aber die kulturtheoretische Perspektive noch vorrangig: Welche kulturellen Bedeutungen und sozialen Verwendungsweisen der neuen Technik setzen sich durch und wirken sich wiederum auf die Weiterentwicklung der Technik aus? Wird beispielsweise das Handy zum mobilen Bildtelefon weiterentwickelt, das in die Armbanduhr integriert ist? Oder entwickelt es sich eher in Richtung eines universellen Sender-Empfängers („communicator“), eines „Datenkommunikationsterminals in kompakter Telefonform“, wie es in einem Werbetext heißt, mit dem im Alltag Verbindungen zu Datenspeichern und Rundfunksendern, Bibliotheken und Banken, aber eben auch zu Freunden und Verwandten hergestellt werden können? Diese kulturelle Bedeutungsfestlegung vollzieht sich nicht reibungslos. Für das Handy bedeutet das Kämpfe um die Klärung der Frage: Wo, wie, wozu, von wem, darf es legitimierweise genutzt werden? Wie verlaufen diese Auseinandersetzungen?
Die techniksoziologische Perspektive ist für die Analyse des Mobiltelefons allerdings zu eng, insbesondere dann, wenn sie „Kultur“ und „Technik“ gegenüberstellt; und wenn sie sich, wie es häufig der Fall ist, mit einer akteurstheoretischen Perspektive begnügt: Wie geht das Individuum mit einer Technik um, wie wirkt sich die Technik auf das individuelle Handeln aus?9 Das Telefon ist vor allem ein Kommunikationsmedium, und im Zeitalter der globalen Tele-Kommunikation, der großen infrastrukturellen Systeme zur Fern-Übermittlung von Nachrichten, insbesondere zur Übertragung menschlicher Kommunikation, ist die kulturelle Bedeutung des Telefons nur noch im Kontext anderer Medien (Rundfunk, Fernsehen, Computer, Internet usw.) zu verstehen.10 Radio und Telefon waren in der Anfangszeit ein Medium, differenzierten sich erst später aus. Heute gibt es Tendenzen, daß Telefon, Fernsehen/Rundfunk und Computer wieder zu einem Medium zusammenschmelzen. Dies gilt erst recht für das Mobiltelefon. Die kulturelle Bedeutung des Mobiltelefons ist deshalb auch zu untersuchen im Kontext der Mediensoziologie; die techniksoziologische muß mit einer kommunikationssoziologischen Perspektive verknüpft werden.11
Doch auch in der Medienkommunikationsforschung gibt es – wie in der Techniksoziologie – noch keine ausreichende Klärung darüber, wie Medien als selbstverständlicher Bestandteil in die alltägliche Kommunikation integriert sind. Klar ist, daß sich mit dem Aufkommen von technischen Übertragungsmedien das Verhältnis von Situation und Raum ändert. Soziale Situationen lassen sich nicht mehr auf körperliche Kopräsenz und lokale Bindung eingrenzen. Sie müssen abstrakter definiert werden, etwa als Muster des Zugangs zu Informationen über das Verhalten anderer (Meyrowitz 1985). Dieser Situationsbegriff erlaubt dann, Menschen als einer Situation und einem sozialen Ort zugehörig zu begreifen, die sich nicht am selben physikalischen oder geographischen Ort befinden. Das ist grundsätzlich der Fall bei der Telefonkommunikation; erweitert sich beim Mobiltelefon aber noch einmal: Der Chef sitzt mit dem Handy in seinem Garten und telefoniert mit der Sekretärin im Büro und der Angestellten im Außendienst, die sich gerade im Auto auf dem Weg zu einem Kunden befindet.
Trotz der erwähnten Vorstudien: Eine Soziologie des Telefons oder der Telefonkommunikation existiert bisher nur ansatzweise. Der größte Teil der Arbeiten, die es überhaupt zum Telefon gibt, sind technikgeschichtlich im engeren Sinn, also ohne soziologische oder kulturhistorische Perspektive.12 Von den soziologischen oder sozialpsychologischen Arbeiten befaßten sich viele deskriptiv mit der Untersuchung der Telefonnutzung: Wer telefoniert zu welchem Zweck wie lange mit wem?13 Diese Einschränkungen gelten erst recht für das Mobiltelefon, zu dem es bislang nur wenige Publikationen gibt, darunter kaum soziologische Studien. Auch hier bezieht sich der größte Teil davon auf technische, organisatorische, regulierungspolitische oder ökonomische Aspekte.14 In Deutschland haben sich seit Anfang der 90er Jahre verschiedene einzelne Forscher oder Institutionen mit dem Mobiltelefon befaßt, meist im Rahmen von wirtschaftlich orientierten Studien zur Zukunft des Telefonmarktes. Auf europäischer Ebene gibt es einige kultursoziologisch interessante Vorstudien.15
Das moderne „Handy“ ist erst seit kurzem auf dem Markt. Noch in den achtziger Jahren wurde das Mobilfunknetz als Randbereich des Telekommunikationsnetzes eingestuft (Kubicek 1994: 130ff.), und in einer 1994 veröffentlichten Studie (Meyer/Schulze 1994: 98ff.) wurde nur dem Bild-, nicht aber dem Mobiltelefon eine gewisse (wenn auch kleine) Chance eingeräumt, sich als Ergänzung zum Haustelefon durchzusetzen.16 Die Möglichkeit mobiler Telekommunikation wird jedoch schon lange diskutiert, das Leitbild „Universal Personal Telecommunications“, also die Vorstellung, daß jedes Individuum von jedem Ort der Welt jedes andere Individuum erreichen kann, ist schon über 70 Jahre alt. Ende der zwanziger Jahre war diese Vision bereits klar formuliert durch den damaligen Präsidenten der amerikanischen Telefongesellschaft AT&T: „Common use of telephone communication between land and aeroplanes, moving trains, ships at sea or between two moving objects“ (Rogers 1990: 26). Ein Comic-Strip, in dem der Detektiv „Dick Tracy“ ein kleines Armbandtelefon benutzte, inspirierte angeblich einen Ingenieur von AT&T im Jahre 1952 zu der Vorstellung, daß in Zukunft jedes Neugeborene eine feste Telefonnummer (im Sinne einer Identitätsnummer) haben und eine Art Armbanduhr-Bildtelefon tragen würde (Rogers 1990: 40f.; vgl. auch Lange 1994).
Auch technisch hat mobile Telekommunikation, verstanden als ein System der Telefonie „ohne Draht“, auf der Basis von Funksignalen, bereits eine lange Geschichte. Besonders in den skandinavischen Ländern gab es schon früh Versuche, per Funk zu telefonieren, natürlich noch nicht für den Privatgebrauch, und zunächst nur für den Schiffsverkehr. Eine bedeutsame Stufe der weiteren Ausbreitung war das Autotelefon. So wird zum Beispiel berichtet, daß in den USA die Truck-Drivers mit der Einführung der Geschwindigkeitsbegrenzung auf Autobahnen im Jahr 1973 angefangen hätten, sich gegenseitig vor der Polizei zu warnen, zunächst mit Funkgeräten; später, mit der Einführung des ersten kommerziellen Mobiltelefonsystems im Jahre 1983, mit Mobiltelefonen (Winston 1998: 304). 1989 gab es bereits etwa eine Million Benutzer in den USA.17
In Europa lag die Verbreitung noch Ende der achtziger Jahre selbst in den führenden Staaten (Skandinavien) nicht über fünf Prozent der Bevölkerung, in der Bundesrepublik sogar nur bei 0,35 Prozent. Seither hat es gewaltige Zuwächse gegeben. Die bei Lange (1990a: 17ff.) berichteten Prognosen für das Jahr 2000 sind bereits heute bei weitem übertroffen worden. Schon Mitte der neunziger Jahre lagen die Teilnehmerraten bei den führenden Ländern (Skandinavische Länder, Großbritannien und USA) bei etwa 10 Prozent der Bevölkerung (Bakalis et al. 1998). Für die aktuelle Situation finden sich sehr unterschiedliche Angaben. Zahlen der European Commission meldeten jüngst für Skandinavien über 60 Prozent, für Italien knapp die Hälfte der Bevölkerung.
Auch in Deutschland erfuhr das Mobiltelefon innerhalb weniger Jahre eine rasante Verbreitung, insbesondere seit 1992, mit der Digitalisierung und der Einführung der D-Netze, dann mit der Einführung des E-Netzes, das zur deutlichen Verbilligung und zu weiterer Miniaturisierung führte.18 1994 gab es etwa 2,3 Millionen Anschlüsse (noch fast ausschließlich C- und D-Netz). 1998 wurden etwa 14 Mio. Anmeldungen registriert. Daten der Telekom und von Getas für 1998 (DeTeMobil 1998, forsa 1998) lassen für Deutschland inzwischen auf eine Nutzungsmöglichkeit bei etwa einem Viertel der Bevölkerung schließen (nach Angaben der European Commission sind es 19 Prozent).
Die Verteilung nach Geschlecht ergab sich zunächst aus der überwiegend beruflichen Nutzung: Ende der achtziger Jahre waren in den USA mehr als 90 Prozent der Mobiltelefon-Besitzer Männer (Rakow/Navarro 1993: 149). Erste Studien über die Verwendung des Mobiltelefons in den USA kamen zu dem Ergebnis, daß Frauen (wenn überhaupt und entgegen manchen Strategien der Werbeindustrie) das Mobiltelefon vor allem für private Zwecke nutzten und damit die innerhäusliche Rollenaufteilung noch stabilisierten (Rakow/Navarro 1993). Auch die Daten der Telekom weisen auf eine stärkere Verbreitung des Mobiltelefons bei Männern hin.
Über die sozialstrukturelle Verbreitung ist noch wenig bekannt. So haben zum Beispiel Schenk et al. (1996: 342ff.) versucht, die Verbreitung des Mobiltelefons nach den Milieus von Gerhard Schulze (1992) zu rekonstruieren. Dabei zeigte sich, daß bei der privaten Mobilfunknutzung das „Unterhaltungsmilieu“ überproportional vertreten war, während bei der beruflichen Mobilfunknutzung „Selbstverwirklichungs-“ und „Niveaumilieu“ dominierten. Neue Daten der Telekom (DeTeMobil 1999) zeigen, daß sich die Verfügung über ein Mobiltelefon besonders häufig in den höheren Status- und Einkommensgruppen und den Selbständigen findet.19 Es läßt sich vermuten, daß heute Besitz beziehungsweise Verfügung über ein Mobiltelefon in den oberen Schichten häufiger ist, während das „Unterhaltungsmilieu“ möglicherweise vor allem in der öffentlichen Präsentation weiterhin im Vordergrund steht.
Kommunikations-Technologien haben immer eine doppelte Bedeutung: Neben ihrem Gebrauchswert bzw. ihrer technisch-sozialen Funktion (Telefonieren, Informationen empfangen, Musik hören usw.) haben sie eine symbolische Bedeutung: Sie können in einen Lebensstil integriert, in eine „ästhetische Umgebung“ eingepaßt werden. Sie können domestiziert und zu einem Bestandteil der „moral economy of the home“ gemacht werden (Silverstone et al. 1992). Die Frage nach der Kulturbedeutung ist daher auch die Frage nach der Symbolik des Mobiltelefons im Rahmen eines Lebensstils, die Frage nach der „Repräsentation“ im Sinne der cultural studies. Das Konzept der Domestizierung läßt sich auch auf das Mobiltelefon anwenden (Haddon 1998). Wie andere Objekte der Alltagskultur können Handies können zur Schau gestellt werden – als Elemente eines Lebensstils, als Statusobjekte, als Mittel der Alltagsästhetik. Anfangs wurde das Handy zum Beispiel noch eher als „Spielzeug“ betrachtet, das einen gewissen Lebensstil repräsentiert: Männliche Führungskräfte schenkten es gerne ihren Frauen (Wood 1993).20
Als Objekte der Alltagsästhetik werden Handies bewertet: Sie können Ausdruck von gehobenem Lebensstil oder von vulgärem, schlechtem Geschmack sein. Ressentiments gegen Handy-Benutzer verweisen darauf, daß dem Mobiltelefon eine wichtige Funktion bei der Distinktion zukommt. Handy-Nutzern werden gern Tendenzen zur Selbstdarstellung unterstellt (Schenk et al. 1996), sowohl gegenüber den anderen als auch innerhalb der Gruppe der Mobiltelefonierer. Auch in einer eigenen explorativen Vorstudie zum Mobiltelefon wurden solche Abgrenzungsstrategien sichtbar. Diejenigen, die das Mobiltelefon beruflich nutzen (müssen), grenzen sich von den privaten Nutzern ab, und diejenigen, die einen vermeintlich zurückhaltenderen Umgang mit dem Mobiltelefon pflegen, distanzieren sich von den „Handy-Prolls“ oder den „Angebern“.21
Im Alltagsbewußtsein dominiert der sachlich-technische Aspekt. Praktische Begründungen werden gerne angeführt, um Soziales zu leugnen. Elias hat das in Bezug auf die Tischsitten gezeigt, Bourdieu in Bezug auf Konsumneigungen. Und die praktischen Begründungen leugnen auch die Distinktion. In bezug auf das Mobiltelefon heißt das, daß die bevorzugt genannten Begründungen für die Anschaffung des Mobiltelefons weder Distinktions- noch Lebensstilaspekte sind, sondern berufliche Notwendigkeiten, die Notfallfunktion sowie allgemeine praktische Gründe wie Erreichbarkeit oder Zeitgewinn.22 Natürlich ist auch die Erreichbarkeit nicht nur ein praktischer Grund, sondern ebenso eine Lebensstilangelegenheit. Es gehöre einfach dazu, erreichbar zu sein, sagt ein junger Berliner Türke, der seine Lebensweise so charakterisiert: „Immer unterwegs, fast nie zu Hause, nur zum Schlafen und Essen.“ Daher sei er „immer erreichbar, vierundzwanzig Stunden am Tag“. Das Handy bleibe auch nachts angeschaltet, er benutze es auch als Wecker.
Doch ein Großteil der Begründungen für die Anschaffung eines Mobiltelefons bezieht sich auf die berufliche Notwendigkeit. Viele der neuen Kommunikations-Technologien haben sich im beruflichen Sektor durchgesetzt; so auch das Mobiltelefon (Wood 1993). Sein Erwerb wird immer noch vor allem mit Arbeitszwecken begründet (Bassett et al. 1998). Ein von uns befragter Kleinunternehmer betont zum Beispiel, daß er ohne Handy sämtliche Marktvorteile eingebüßt und Pleite gemacht hätte.23 Die Durchsetzung des Mobiltelefons könnte eine Neudefinition oder Verwischung der Grenze zwischen Beruf und Privatsphäre herbeiführen. Für die weitere Entwicklung gibt es mehrere Möglichkeiten: Das Handy könnte das herkömmliche Telefon in beiden Sphären – Beruf und Privatsphäre – ersetzen; es könnte in beiden Sphären auf ganz unterschiedliche Art genutzt werden – oder es könnte sich auf eine der Sphären spezialisieren (Compartmentalisierung).
Einige Untersuchungen stützen die Vermutung, daß das Mobiltelefon nicht für die eine oder die andere Sphäre genutzt wird, sondern dafür sorgt, daß die Grenze zwischen den Sphären zunehmend aufgeweicht wird: Das Handy erlaubt, die Arbeitsphasen mehr oder weniger lange zu unterbrechen und trotzdem ständig erreichbar zu sein. Die frühere klare Trennung zwischen Arbeitsplatz und privater Sphäre wird aufgehoben – vor allem jene zwischen Arbeitszeit und außerhäuslich verbrachter Freizeit. Diese Aufweichung wird in der Literatur unterschiedlich bewertet (Veldkamp 1996, Mettler-von-Meibom 1994, Schenk et al. 1996).
Eine französische Studie (de Gourney et al. 1998) über „Berufsnomaden“, die oft längere Zeit aus geschäftlichen Gründen von zuhause weg sind, kam zu dem gegenteiligen Ergebnis, daß die Grenze zwischen privat und beruflich durch die Benutzung des Mobiltelefons keineswegs aufgelöst wurde; sie wurde, im Gegenteil, schärfer gezogen: Die „Berufsnomaden“ benutzten das Mobiltelefon fast ausschließlich tagsüber und überwiegend zu beruflichen Zwecken; wenn einmal die Familie angerufen wurde, dann nur für kurze Mitteilungen. Gespräche mit den Familienangehörigen wurden in der Regel abends von einem Telefon im Hotelzimmer aus geführt. Nur so gelang es ihnen, eine Sphäre der Intimität herstellen. Umgekehrt half das Handy, die geschäftlichen Telefonate weiter zu versachlichen, knapp und direkt zur Sache zu kommen, ohne umständliche Höflichkeits-Plaudereien (vgl. auch Haddon 1998c).
Die auf den ersten Blick markanteste Besonderheit des Mobiltelefons ist, wie der Name schon sagt24, die Verknüpfung von Kommunikation und räumlicher Mobilität. Mit dem Telefon und anderen technischen Kommunikationsmedien wurden Kommunikationssituationen unabhängig von körperlicher Kopräsenz; mit dem Mobiltelefon werden sie darüber hinaus unabhängig von raum-zeitlicher Fixierung. Das Mobiltelefon, so die allgemeine Hypothese, forciert eine Lebensweise, in der drei Zentralwerte hochmoderner Gesellschaften gebündelt und gegenseitig verstärkt werden: Individualität, Mobilität, Kommunikation. Man kann, anders gesagt, in hochindividualisierter Weise mit anderen kommunizieren, dabei gleichzeitig den Grad individueller Mobilität steigern – und zwar in sozialer und räumlicher Hinsicht (immer und überall erreichbar). Damit ändert sich auch grundlegend das Verhältnis von Kommunikation und Raum.
Mobilitätsgewinne und Folgeprobleme. Die Vorteile des Mobiltelefons liegen ja zunächst auf der Hand: Mobilitätsgewinn und räumliche Flexibilität. Mit seiner Hilfe können sich die Kommunikationsteilnehmer weitgehend aus räumlich-zeitlichen Fixierungen befreien. Sie gewinnen wachsende Unabhängigkeit in räumlicher, sozialer und zeitlicher Hinsicht bei gleichzeitig gesteigerter Erreichbarkeit – bis zur absoluten, unbegrenzten Erreichbarkeit.25
Vor der Erfindung des Telegrafen und des Telefons war die Zunahme der räumlichen Distanz gleichbedeutend mit einer Zunahme der zeitlichen Distanz. Kommunikation war nur mit erheblicher Zeitverzögerung möglich, etwa durch Pferdekurier oder Brieftaube. Und immer noch galt: Je größer die räumliche Distanz, desto länger die zeitliche Trennung bzw. Zeitdauer bis zur Erwiderung der Kommunikation. Das Telefon hob diesen Zusammenhang weitgehend auf, allerdings nur, wenn man sich an einem Ort mit Telefon befand. Das Handy aber bringt hier den größten Fortschritt. Es hebt jeglichen Zeitverlust in der Kommunikation bei räumlicher Trennung auf, an jedem Ort der Welt. Wer ein Handy hat, der kann zu jeder Zeit im Prozeß des räumlichen Sichentfernens Kontakt aufnehmen. Man entfernt sich immer häufiger, immer weiter, immer schneller, bleibt länger weg: Aber zugleich ermöglicht das Handy eine beliebig hohe Kontaktfrequenz.26
Im Unterschied zu anderen Medien der schnellen Raumüberbrückung (Telefon, Fernsehen, Radio, usw.) verknüpft das Handy diesen Vorteil noch mit dem der individuellen Unabhängigkeit, der Ungebundenheit an einen Stand-Ort. Insbesondere ermöglicht das Handy, zwei der beiden wichtigsten Mobilitätstechniken zu kombinieren: Man kann mit jemandem telefonieren, während man sich räumlich von ihm entfernt (im Auto oder im Zug oder im Flugzeug) oder sich ihm nähert. Außerdem kann man mit dem Handy in Situationen telefonieren, die bisher nicht möglich waren: Am Strand, auf dem Berg, in der Wüste. Insbesondere für manche Berufsgruppen, wie schon gesagt, ist die ständige Erreichbarkeit ein großer Gewinn.
Die globale Erreichbarkeit ist daher auch ein Kompensat für den Zwang zu wachsender räumlicher und sozialer Mobilität (Stichworte: Berufspendeln; familiale Mobilität; Globalisierung). Mit einem wachsenden Potential an persönlichen Kommunikationen kann man gegensteuern: Wer immer häufiger genötigt ist, in räumliche Distanz zu seinen persönlichen Beziehungspartnern zu gehen, der braucht als Kompensat die Möglichkeit, unmittelbaren Kontakt (ear-to-ear) aufzunehmen. Man kann es auch so ausdrücken: Die Raum-Zeit-Verbindung muß weiter aufgebrochen werden. Auch zunehmende Ortlosigkeit (Augé 1994) kann durch mobile Telekommunikation kompensiert werden.
Es entstehen aber zugleich neue Probleme: Die Kehrseite des Mobilitätsgewinns und der ständigen Erreichbarkeit sind verstärkte Kontroll- und Überwachungsmöglichkeiten in sozialen Beziehungen, fehlende Rückzugsmöglichkeiten, Legitimationsdruck bei Nichterreichbarkeit und so weiter.27 Die Ausstattung mit Handies macht voneinander sozial Abhängige zu ständig Überwachten. Deutlich wird die Ambivalenz der Erreichbarkeit für Eltern, vor allem für Mütter. Zwar können sie dank des Handy manchmal darauf verzichten, die Kinder direkt zu betreuen – „remote mothering“ ist möglich (Rakow/Navarro 1993) – auf der anderen Seite erkaufen sie sich diese „Unabhängigkeit“ aber gerade mit einer verstärkten Abhängigkeit: Sie werden durch das Handy praktisch gezwungen, die Kinder ständig zu überwachen; sie befinden sich als Mütter sozusagen ständig in Bereitschaftsalarm. Für (Ehe-) Partner gibt es Begründungsbedarf für Nichterreichbarkeit. Man kann nicht zwei Stunden zu spät nach Hause kommen und irgendeine Ausrede erfinden – man ist zumindest gezwungen, die Ausrede gleich zu erfinden und sie per Handy mitzuteilen. Wenn zwei gute Bekannte oder gute Geschäftspartner voneinander wissen, daß sie jeweils ein Handy besitzen, dann wird es fast unmöglich, sich der Kommunikation zu entziehen: Jeder ist jederzeit vom anderen erreichbar. Wer sein Handy ausschaltet macht sich verdächtig, erzeugt zumindest Erklärungsbedarf.28
Auch für bereits verfügbare Gegenmaßnahmen wie Anrufbeantworter, Mailbox, Caller ID und Geheimnummer, mit denen sich neue Selektionsmöglichkeiten für die Annahme von Anrufen ergeben (die beim Mobiltelefon noch einmal gesteigert werden), wird die Klärung der Legitimität ihres Einsatzes notwendig. Die Frage der Kontrolle der Erreichbarkeit stellt sich nicht nur für das Mobiltelefon, sondern auch für andere technische Neuerungen, die auch das herkömmliche Telefon betreffen (ISDN-Anschluß, schnurloses Telefon im häuslichen Umfeld).29
Ein weiteres Problem der raum-zeitlichen Entbindung der Kommunikation besteht darin, daß mit dem Mobiltelefon die Vorstellungen über die Verortung des Gesprächspartners verloren gehen. Das normale Telefonieren findet gewöhnlich unter der Bedingung statt, daß man weiß, wo sich der Gesprächspartner gerade befindet und daß man dessen räumliche Lokalisierung in die kommunikative Situation einbezieht. Dies fehlt beim Mobiltelefon.30 Ferner gilt beim herkömmlichen Telefon die Unterstellung, daß der Telefonpartner sich relativ weit entfernt befindet (sonst müßte er ja nicht telefonieren). Mit dem Mobiltelefon läßt sich diese Konstellation aufheben.31
Das Mobilitätsparadox und der Ausgleich von „Mobilitätskosten“. Je mehr wir mobil sind und sein müssen, desto häufiger gibt es auch Störungen der Mobilität: Staus, Schlangestehen, Wartezeiten. Die Mobilität, die die Zeit-Raum-Differenz verkürzt, kostet ihrerseits Zeit, läßt Zeitkosten wachsen: Reise- und Transportzeit ist immer auch Wartezeit, solange ihr einziger Zweck darin besteht, den Ortswechsel vorzunehmen. Die Mobilitätsgewinne werden durch Mobilitätskosten (längere Reise- und Wartezeiten) teilweise wieder aufgehoben.
Solche Warte- und Mobilitätszeiten müssen den Menschen der Moderne zunehmend „sinnlos“ erscheinen. Je mehr Warte-Zeit es gibt und je intensiver die Wartezeit als Zeitverlust empfunden wird (Zeitverdichtung), desto mehr müssen für die Wartezeit neue Funktionen gefunden werden. Man begnügt sich nicht mehr damit, einfach zu warten oder einfach im Zug zu sitzen. Es taucht also die Frage auf, wie Warte- und Transportzeiten genutzt werden können. Eher traditionellere Nutzungsformen wären die Unterhaltung, die in gewisser Weise ebenso „sinnlos“ ist wie das Warten. Wartezeiten können aber auch „effizienter“ (moderner) genutzt werden: Man kann sich bilden, man kann Geschäfte erledigen. Telefonieren schließt sowohl die Überbrückung der Wartezeit durch „Unterhaltung“ als auch durch „Information“ und „Geschäfte erledigen“ ein. Mit dem Mobiltelefon kann daher die durch wachsende Mobilität ansteigende Warte- und Transportzeit „sinnvoller“ genutzt werden. Das Handy kann helfen, Wartezeiten besser zu überbrücken, Verbindungen zu den Situationen vor und nach der Transport- und Wartezeit herzustellen. Staus und andere Störungen der Mobilität können durch das Mobiltelefon gemildert werden. Das gilt insbesondere für Statushöhere: Sie können die Wartezeit, die durch den Transport von einem an den anderen Ort entsteht, besser überbrücken, wenn sie per Handy zum Beispiel wichtige Geschäfte erledigen, Termine verschieben usw. können. Andere, die kein Mobiltelefon haben oder die es nicht beruflich nutzen können, müssen in der Wartesituation verharren, werden verstärkt auf ihre bloße Warteposition zurückgeworfen.
Veränderungen der räumlichen Dimension. Das Mobiltelefon wirft weitere grundlegende Fragen der Kontextuierung von Kommunikation in Raum und Zeit auf. Die Raum-Zeit-Konvergenz (Giddens 1988), das Schrumpfen der Entfernung zwischen zwei Orten, vor allem durch die Trennung der Kommunikations- von den Transportmitteln, ist eines der Charakteristika der Moderne. Das begann mit dem Telegrafen, setzte sich mit dem Telefon fort, steigert sich mit dem Mobiltelefon weiter. Die Raum-Zeit-Konvergenz wird also weiter fortschreiten. Auf der anderen Seite forciert das Mobiltelefon die Raum-Zeit-Abstandserweiterung (space-time distanciation), aber auch die Trennung von Raum und Lokalität (dislocation of space from place); die Entbettung von Kommunikation. Kommunikationssituationen verlieren ihre raum-zeitliche Einheit. Raum und Zeit werden auseinandergerissen und auf abstrakter Ebene neu kombiniert.32 Das Mobiltelefon trägt somit auch zur Globalisierung bei: Die Entkopplung von Kommunikation und Lokalität läßt zu, daß man sich kommunizierend in einem zunehmend offenen – lokal ungebundenen – Raum bewegt.
Auch Veränderungen des Verhältnisses Kultur – Natur (oder: Kulturraum – geographischer Raum) ergeben sich mit dem Mobiltelefon. Situationen der Telekommunikation können in die Natur verlagert werden, die Natur wird dadurch zum technisch vermittelten Kulturraum. Eine norwegische Studie (Ling et al. 1998) zeigt, daß gerade in einem weiten, dünn besiedelten Land das Mobiltelefon eine Notfallfunktion übernehmen kann.33 Es geht um die Frage, ob man dort ein Handy auf seine Ferienhütte mitnehmen soll oder nicht. Dagegen spricht, daß der Aufenthalt in der Hütte als Rückzug aus der Zivilisation, als Naturerlebnis begriffen wird. Wer es aber mitnimmt, sichert sich zivilisatorisch ab. Damit wird die Grenzziehung zwischen Natur und Kultur/Technik neu definiert, die soziale Bedeutung der Natur neu bestimmt.34
Das Handy kann ein Gefühl für Sicherheit verschaffen, gerade für (Berufs-) Nomaden, die sich häufig zwischen Orten zivilisatorischer Sicherheit bewegen; und natürlich auch für jene kontrollierten Ausbrüche aus der zivilisatorischen Sicherheit, wie sie heute zunehmend üblich werden, gerade für Workaholics. Das Handy ist dann weniger ein Telefon als vielmehr ein Äquivalent für die Notrufsäule, für das Funkgerät. Für den Bergsteiger, den Sahara-Touristen, den Abenteuer-Urlauber. Das Handy als Rettungsgerät – wenn man in der Lawine verschüttet ist, wenn man auf dem Mount Everest in Gefahr gerät (wobei im Falle des durch die Medien gegangenen Dramas das Funktelefon lediglich noch das letzte Gespräch des Sterbenden mit seiner schwangeren Frau in Australien ermöglichte, ihn aber nicht mehr retten konnte). Weniger dramatisch: Das Handy beim Skifahren, am Strand, im Urlaub, ... Hier gibt es Berührungspunkte zur kulturellen Bedeutung des Walkman, mit dem ebenfalls die Naturerfahrung eine ganz andere wird.35
Grundsätzlich ist Telefonieren eine dialogische Situation. Daran ändert auch das Mobiltelefon nichts. War jedoch früher – als das Telefon zum Beispiel fest an einer Stelle in der Diele angebracht war – das Telefonieren häufig eine familienöffentliche Angelegenheit, so befördern die neuen technischen Möglichkeiten eine Individualisierung des Telefonierens. Dazu gehören, neben dem Handy, auch separate Anschlüsse innerhalb der Wohnung. Das Mobiltelefon ist ein persönliches Telefon, im Unterschied zum Familientelefon. Es wird, im Prinzip, immer am Körper getragen. Es ist ein ideales Gerät für individualisierte Nomaden (Maffesoli 1998). Es ermöglicht die Konstruktion offener kommunikativer Netzwerke, in deren Mitte jeweils ein Individuum steht (Kaufmann 1998).
Unter bestimmten Gruppen (von Gebildeten) haben sich längst Diskurse voller Ressentiments gegen Handy-Benutzer entwickelt, durch die man sich in vielen Situationen (zum Beispiel im Zug) gestört fühlt. Das Mobiltelefon, wenn es klingelt, verursacht „inappropriate sound“ (Ling 1998). Aber auch dort, wo Handies nicht wirklich stören (im Sinne von Lärmbelästigung oder Ablenkung von eigener Tätigkeit), zum Beispiel auf öffentlichen Plätzen, scheint unsereins sich gestört zu fühlen. Wer telefoniert, während er flaniert oder auf dem Bahnsteig steht, löst offenbar bei vielen Beobachtern Befremden und Abneigung aus (Haddon 1998). Warum ist das so?
Durch das Mobiltelefon können zwei bisher räumlich und zeitlich getrennte Kommunikationsformen parallel stattfinden und sich durchmischen. Es kommt zu Interferenzen zwischen lokal gebundenen kommunikativen Situationen der körperlichen Kopräsenz und Situationen der Telekommunikation. Individuelle Telefonkommunikation kann in Kommunikationssituationen unter Anwesenden eindringen, private Kommunikation in öffentliche Räume. Die Kommunikation im öffentlichen Raum wird gestört, weil kommunikative Regeln verletzt werden. Welcher Art sind die Regelverletzungen? (6.1) Inwiefern hängt der Grad der Störung von situativen Regeln ab? (6.2) Kommt es zu Aushandlungsprozessen und zur Neuregulierung der Kommunikation im öffentlichen Raum, der heute zunehmend Mobilitätsraum ist? (6.3)
Die bisherigen Regeln der Kommunikation im öffentlichen Raum werden, so die Grundannahme, durch das Mobiltelefon in verschiedener Hinsicht verletzt und in Frage gestellt. Drei Gruppen von Regeln und deren Verletzung lassen sich unterscheiden: Erstens Verletzung von Regeln im Verhältnis privat/öffentlich; zweitens Verletzung von Regeln der Kommunikation in Situationen körperlicher Kopräsenz; drittens Verletzung von Regeln der Status- und Geschlechterordnung.
(1) Verletzung der bisherigen Grenzziehung zwischen privat und öffentlich, zwischen innen und außen. Eine der auffälligsten Besonderheiten des Mobiltelefons ist, daß es die bisherige Beschränkung aufhebt, nur in einem geschlossenen Raum (Wohnung, Büro, Telefonzelle) telefonieren zu können. Das Private dringt in die Öffentlichkeit. Die Verwischung von privater und öffentlicher Sphäre, die bereits beim Übergang von der Schriftkommunikation zur medienvermittelten Kommunikation einsetzt, kann hier noch einmal gesteigert werden.
Mobiles Telefonieren im öffentlichen Raum kann deshalb in vielfältiger Weise zur Verletzung von Intimitätsregeln führen. Wer ohne akustische Abschirmung über intime Dinge spricht, verletzt Regeln des guten Geschmacks, überschreitet Schamschwellen. Telefonieren galt bisher als intime Praxis. Man telefonierte bevorzugt ungestört, alleine, zuhause. Gewiß, es gibt das Familientelefon im Flur; aber in vielen Familien oder Wohngemeinschaften zieht sich die telefonierende Person doch zurück. Sie schließt die Tür hinter sich. In der Öffentlichkeit war das bisher nicht anders: Die Telefonzelle heißt nicht umsonst so. Auch die halboffenen Telefonzellen sind immerhin so abgeschirmt, daß man die Intimität des Gesprächs wahren kann.
Weiterhin, wie bereits ausgeführt, kann mobiles Telefonieren bisherige Grenzziehungen zwischen beruflicher und privater Sphäre verletzen; oder genauer: die bisher auch im Beruf wirksame Grenze zwischen Hinter- und Vorderbühne, zwischen der intimen und der öffentlichen Seite der beruflichen Arbeit, wird aufgeweicht. Nun können auch berufliche Telefonate im öffentlichen Raum geführt werden, die normalerweise ins Büro gehören. Das Büro wird öffentlich.
Einer unserer Befragten sagt, daß er private Gespräche möglichst nicht vor Anwesenden in der Öffentlichkeit führen möchte. Aber berufliche Gespräche sind oft nicht anders zu machen. „Dann schalte ich um mich rum ab, weil, es geht um den Inhalt des Gespräches.“ Er versucht, die Öffentlichkeit, in deren Mitte er sich befindet, zu ignorieren. Er versucht so zu tun, als sei er in der nichtöffentlichen Sphäre, im Büro.
(2) Mobiles Telefonieren kann als Verletzung von Regeln der Kommunikation unter Bedingungen von körperlicher Kopräsenz aufgefaßt werden. Der Analyse solcher Regeln hat sich bekanntlich Erving Goffman mehrfach zugewandt.36 Zunächst läßt sich allgemein sagen: Das Mobiltelefon stört die Routinisierung von Begegnungen, die in der praktischen Körperkontrolle begründet ist und die für die Stabilität sozialer Situationen eine wichtige Rolle spielt (Giddens 1988: 125). Es lassen sich aber auch spezifische Regeln und deren Verletzung identifizieren.
Verletzung von Höflichkeitsregeln, insbesondere der Regel „Aufmerksamkeit und Priorität für Anwesende“. Wer sich im öffentlichen Raum bewegt, darf die Anwesenheit anderer Personen nicht ignorieren. Dazu gehört sowohl, sie nicht zu stören oder zu belästigen, als auch, sie nicht völlig zu ignorieren. Aber der Handy-Benutzer mißachtet dies. Er tut so, als sei man nicht anwesend; oder als sei er selber nicht anwesend. So, wie jene adligen Damen, die sich ungeniert in Gegenwart ihres Dieners entkleiden, weil sie ihn gar nicht als anwesenden Menschen klassifizieren. Das Mobiltelefon stört, weil es Anwesende von der situativen Kommunikation ausschließt, weil es unter Bedingungen körperlicher Kopräsenz „Fassaden“-Regeln verletzt – Mobiltelefonierende drehen einem den Rücken zu, nehmen einen trotz körperlicher Nähe nicht wahr. Es ist die Gleichzeitigkeit von Zwang zum Mithören und Ausschluß vom Gespräch, die so störend erscheint.
Schon für das stationäre Telefon im Büro oder in der Wohnung gilt, daß sein Klingeln einen Konflikt erzeugt, wenn Personen anwesend sind: Darf man das laufende Gespräch mit den Anwesenden unterbrechen um ans Telefon zu gehen? Das ist nicht zuletzt eine Statusfrage. Wenn der Ranghöhere in seinem Büro Besucher empfängt, darf er in der Regel ans Telefon gehen, wenn es klingelt. Umgekehrt ist es problematisch. Der Konflikt läßt sich leicht entschärfen, indem man bestimmte Arten von Gesprächen in neutrale Räume (ohne Telefon) verlegt. Mit dem Handy gibt es keine solchen neutralen Räume mehr. Das Handy verschärft den Konflikt, indem es ihn potentiell für alle Lebenssituationen möglich macht: Jedes meiner Gespräche droht nun vom Klingeln des Handy unterbrochen zu werden. Ich kann natürlich auch hier die Empfangsbereitschaft ausschalten; doch je häufiger ich das mache, desto sinnloser wird der Handy-Besitz.
Verletzung von territorialen Regeln. Goffman hat in einem Abschnitt über Die Territorien des Selbst (1974: 54ff.) die vielfältigen Weisen dargelegt, mit denen Individuen Ansprüche auf Territorien, auf persönliche Reservate anmelden. Das prototypische Reservat ist räumlich ausgedehnt und ortsgebunden. Der persönlicher Raum ist „der Raum, der ein Individuum überall umgibt und dessen Betreten seitens eines anderen vom Individuum als Übergriff empfunden wird“ (56). Wer mit dem aktivierten Mobiltelefon in Menschengruppen steht, verletzt häufig die Regel eines angemessenen akustischen Abstandes zu anderen Anwesenden, die sein Verhalten daher als territorialen Übergriff empfinden.37 Auch der Tisch im Restaurant steckt ein Territorium ab. Er verschafft eine gewisse Privatheit im öffentlichen Raum, eine Art fiktiver Vorhang wird zu den Nachbartischen aufgezogen. Das Klingeln und das unangemessene Reden beim Telefonieren ist ein Eingriff in das temporäre Territorium der anderen Gäste, den diese als äußerst störend empfinden (Ling 1998: 83).
Handy-Telefonierer scheinen häufig Regeln der öffentlichen Selbstdarstellung zu verletzen. Das Telefonieren mit „Handy“, wenn es ohne räumliche Abschirmung geschieht, ist der Situation strukturell ähnlich, in der jemand öffentlich Selbstgespräche führt. Das wirkt umso befremdlicher und umso „verrückter“, je lauter er oder sie dabei spricht. Das Individuum präsentiert sich nicht adäquat, nicht als Einheit. Es stört, es wirkt asozial in seiner Darstellung: scheinbar zu reden, ohne einen Gesprächspartner zu haben. Goffmans Überlegungen zur Verletzung von Verkehrsregeln für Fußgänger (Goffman 1974: 30ff.) lassen den Mobiltelefonierenden als jemand erscheinen, dem es an der notwendigen körperlichen „Kundgabe und Abtastung“ fehlt – er wirkt ebenso befremdlich wie jemand, der gehend ein Buch liest.38
(3) Störung der Status- und Geschlechterordnung. Viele Alltagsbeobachtungen konzentrieren sich auf das Handy als „Statussymbol“. Im populären Diskurs erscheinen Handy-Benutzer als „Angeber“, die sich einen Statusvorteil verschaffen wollen. Das Mobiltelefon ist ein Kristallisationsobjekt für Distinktionskämpfe. Wer mobil telefoniert, kann sich auf einfache Weise Statusvorteile verschaffen und so die Statusordnung stören. Wer ohnehin Statusmacht hat, kann mit Hilfe des Mobiltelefons noch stärker die Kommunikation steuern, kann sich zum Beispiel aus der face-to-face-Kommunikation leichter ausschalten, ohne Sanktionen befürchten zu müssen. Je höher der Status, desto größer auch die Störung des persönlichen Territoriums, wenn jemand telefonierend dort eindringt.39
Der Gebrauch des Mobiltelefons kann sich schließlich auch als eine Störung der Geschlechterordnung erweisen. Vorläufige Beobachtungen legen den Eindruck nahe, daß die Legitimität der Verwendung des Mobiltelefons in der Öffentlichkeit sich für die beiden Geschlechter unterscheidet. Es scheint, daß nur beruflich erfolgreichen Frauen zugestanden wird, sich öffentlich mit Handy zu präsentieren. Damit wird das Mobiltelefon für Frauen noch stärker zum Statussymbol: Es signalisiert den beruflichen Erfolg der Frau.
Der Grad der Störung durch den Gebrauch des Mobiltelefons hängt – neben diesen allgemeinen Regeln – erheblich vom Situationstyp ab. „Soziale Situation“ meint hier ein raum-zeitlich gebundenes (lokalisiertes und temporäres) Zusammentreffen von Menschen mit spezifischen Kommunikationsmöglichkeiten, die sich in erster Linie aus ihrer sozialen Funktion (Bedeutung, Rahmung) ergeben (a). Unabhängig davon gibt es zeitlich-räumliche Merkmale (b) sowie allgemeine kommunikative Regeln (c), die sich auf den Grad der Störung auswirken.
a) Soziale Funktion der Situation. Zunächst lassen sich zwei grundlegende Situationstypen unterscheiden: Zum einen gibt es Situationen, die eine spezifische Funktion und eine starke soziale Regelstruktur haben, durch welche die kommunikativen Regeln so klar festgelegt sind, daß der Gebrauch eines Mobiltelefons kaum möglich ist (z.B. Konzertsaal). Das Mobiltelefon stört um so mehr, je stärker eine Situation formalisiert und ritualisiert ist. Es stört stärker dort, wo die Kommunikation ohnehin eingeschränkt ist und schon normale Gespräche unter Anwesenden störend wären. Beispiele: Schulstunden, Gottesdienste, Konzerte.
Auf der anderen Seite gibt es Situationen, deren soziale Funktion diffus oder polyvalent ist, die sozial unstrukturiert oder unspezifisch strukturiert sind. Hier wird das Mobiltelefon wenig oder gar nicht stören, da hier die Kommunikation insgesamt weniger Beschränkungen unterliegt, die Kommunikation nur schwach geregelt ist. Dies gilt verstärkt für räumlich und sozial offene Situationen, in denen eine starke soziale Durchmischung (nach Milieu, Subkultur, Geschlecht, Alter) möglich ist – zum Beispiel zentrale städtische Plätze wie Markt- oder Rathausplatz, die Bahnhofshalle großer Bahnhöfe. Je größer die Personendichte, je höher die Mobilität, je mehr soziale und räumliche Offenheit, desto weniger stört das Mobiltelefon. Es ist sogar möglich, daß mobiles Telefonieren durch diese Situationsmerkmale erschwert oder gar verunmöglicht wird. Solche Situationen sind auch deshalb interessant, weil es dort eher möglich ist, die Kommunikationsregeln neu zu definieren, wenn das Mobiltelefon auf den Plan tritt. Möglicherweise sind dies Situationen, in denen die öffentliche Zurschaustellung als Mobiltelefonierer noch besonders verbreitet ist („Unterhaltungsmilieu“, junge Männer ohne höheren Status).
Besonders interessant ist ein dritter Typus von Situationen, deren gemeinsames Merkmal ist, daß sie als „Mobilitätsschleuse“ dienen. Ihre Hauptfunktion ist, Menschen von einem zum anderen Ort zu transportieren oder Menschen in der Situation des Wartens zu halten, wenn hohe Mobilität einen „Stau“ verursacht. Es handelt sich um Übergangs- und Wartesituationen im Prozeß der räumlich-zeitlichen Mobilität. In solchen Situationen scheint der Gebrauch eines Mobiltelefons nicht nur sinnvoll, sondern auch legitim, weil damit „sinnlose“ Wartezeit effizienter genutzt werden kann. Dennoch kann das Mobiltelefon mehr oder weniger stark stören, je nach räumlich-zeitlichen Merkmalen der Situation und spezifischen kommunikativen Regeln.
Unter den Typus „Mobilitätsschleuse“ fallen nun allerdings sehr unterschiedliche Situationen, mit unterschiedlichen Graden kommunikativer Geregeltheit. Dementsprechend unterschiedlich sind auch die Störungen, die das Mobiltelefon hervorrufen kann und die Aushandlungsprozesse über neue Regeln. In der folgenden Übersicht sind einige dieser Zusammenhänge angedeutet.
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Situationstypus |
Kommunikation |
Beispiele |
Mobiltelefon als Störung? |
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I |
Spezifische Funktion |
Stark geregelt |
Konzertsaal Seminar Feines Restaurant Beerdigung |
Mobiltelefon stört grundsätzlich, weil es die Funktionserfüllung stört – die Funktion schreibt z.B. Stille vor oder erlaubt nur leises Reden oder verlangt eine spezifische face-to-face-Kommuniaktion |
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II |
„Mobilitäts-schleuse“ (Warte-, Transport-, Übergangs-situation) |
Stärker geregelt Schwächer geregelt |
Wartezimmer Zugabteil Kinokassen-schlange Arbeitsamt Flughafenhalle |
Grundsätzlich ist Mobiltelefonieren für diesen Situationstypus funktional, kann aber, je nach bestimmten sozialen oder räumlichen Merkmalen, mehr oder weniger stark stören; daher müssen neue Regeln ausgehandelt werden. |
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III |
Unspezifische Funktion oder Multi-Funktionalität |
Schwach geregelt |
Öffentlicher Platz Universitäts-campus Café, Kneipe Bahnhofshalle |
Mobiltelefon stört wenig bis gar nicht, weil es keine bestimmte Funktion stört und weil Kommunikation grundsätzlich in vielen Formen möglich ist. |
b) Räumlich-zeitliche Merkmale der Situation. Ob und wie das Mobiltelefon die lokale Kommunikation stört, ergibt sich also schon zu einem Großteil aus der sozialen Funktion einer Situation. Darüber hinaus können jedoch auch die räumlich-zeitlichen Merkmale den Mobiltelefongebrauch mehr oder weniger erleichtern oder erschweren bzw. dafür sorgen, daß dieser Gebrauch als Störung erscheint. Das Mobiltelefon stört eher in geschlossenen Räumen und um so mehr, je kleiner der Raum ist bzw. je größer die Personendichte im Raum. Das Mobiltelefon stört dort, wo Körperabstände gering sind, das persönliche Territorium klein ist und man deshalb gezwungen ist, mitzuhören (Warteschlange, Fahrstuhl) ohne einbezogen zu werden. Das gilt umso mehr für private oder gar intime Gespräche.40 Dazu kommen zeitliche Merkmale der Situation: In zeitlich stabilen Situationen stört das Mobiltelefon eher; und dies natürlich umso mehr, je länger man es benutzt. Wo die Zeit als Wartezeit erfahren wird, könnte das Handy eher legitim sein. Ferner ist von Bedeutung, ob Menschen sich in Ruhe befinden – die klassische Warteraum-Situation – oder in Bewegung. Hauptfunktion mancher Situationen ist schnelle räumliche Mobilität, Menschen so rasch wie möglich durch die Mobilitätsschleuse zu transportieren (Straßen, Fußgängerübergänge, Eingangstüren, Aufzüge). Dort stört Kommunikation grundsätzlich: Man kann nicht auf dem Fußgängerübergang oder in der Eingangstür eines stark frequentierten Gebäudes stehen bleiben und ein Gespräch anfangen, wenn man dort einen Bekannten trifft. Aber man kann dort unter Umständen mobil telefonieren, solange man den Menschenstrom nicht behindert und sich mit diesem fortbewegt.
c) Kommunikative und soziale Regeln. Je nach Funktion der Situation herrschen unterschiedliche Kommunikationsregeln: ob „normale“ Kommunikation (Gespräche) überhaupt vorgesehen ist (sei es, daß eine Norm der Stille herrscht; sei es, daß Gespräche kaum möglich sind, etwa in einer Discothek), ob man nur leise reden darf, ob gelacht werden darf, ob Durcheinanderreden möglich ist, ob und wann es für Neuankömmlinge möglich ist, sich in ein laufendes Gespräch einzuschalten. Die Einmischung in ein „normales“ Gespräch ist unter bestimmten Bedingungen möglich und legitim, etwa dort, wo man Gespräche anderer unfreiwillig mitanhören kann und die Gesprächspartner sich nicht eigens abschirmen. Wer sich einmischt, muß bestimmte Höflichkeitsregeln einhalten (einschließlich nonverbaler Gesten). Wann darf man sich in Gespräche anwesender Telefonierender einmischen? Darf man sich zum Beispiel einmischen, wenn eine anwesende telefonierende Person sich über einen Sachverhalt irrt, den sie ihrem Gesprächspartner mitteilt? Die Einhaltung der Höflichkeitsregeln ist bei der Einmischung in ein Telefongespräch erschwert, daher stellt diese eine größere Störung dar als es die Einmischung in ein face-to-face-Gespräch ist. Im Umkehrschluß gilt: ein Gespräch unter Anwesenden wird durch ein Telefongespräch stärker gestört als durch ein zweites Gespräch unter Anwesenden.
Zu den sozialen Regeln, die sich nicht unmittelbar aus der Funktion der Situation ergeben, gehören – wie oben schon gesagt – allgemeine Territorialregeln, Höflichkeitsregeln usw. Andere soziale Regeln sind Implikationen der sozialen Funktion, etwa: Soziale Geschlossenheit oder Offenheit von Situationen (Zugangsbeschränkungen für bestimmte soziale Kategorien, wie Status, Geschlecht oder Alter). Insbesondere Statusregeln können maßgeblich darüber entscheiden, wann die Benutzung eines Mobiltelefons als Störung definiert wird, wann diese Störung sanktioniert werden kann oder wann sie ertragen werden muß.
Verschiedene konkrete Situationen lassen sich mit Hilfe dieses Analyse-Arsenals untersuchen. Ein Beispiel sei kurz angedeutet. Das klassische, geschlossene Eisenbahnabteil mit sechs Sitzplätzen vereint zahlreiche der oben genannten kritischen Merkmale, die einen guten Hintergrund für Störungen durch Mobiltelefonie ergeben. Die räumliche Situation ist durch feste Sitzplätze auf engem Raum bestimmt, Blickkontakt ist fast unvermeidlich, da sich die Personen gegenübersitzen. Begrüßung ist üblich, da es eine Art Eingangstüre gibt. Es entsteht eine gewisse Intimität, eine häusliche Atmosphäre: Das Abteil verwandelt sich manchmal in ein Eßzimmer, manchmal in ein Schlafzimmer, manchmal in einen Wohngemeinschafts-Gemeinschaftsraum. Die Funktion der Situation – Transport von Menschen – schafft eine Situation des Wartens, die auf verschiedene Weise genutzt werden kann: Lesen, essen, sich unterhalten, schlafen – oder eben telefonieren. Die soziale Funktion der Situation schließt also Telefonieren keineswegs grundsätzlich aus. Wenn ich mich in ein solches Abteil setze, muß ich damit rechnen, daß sich andere miteinander unterhalten. Das kann ich ebensowenig verbieten wie das Telefonieren. Aber in ein Zweiergespräch kann ich mich leichter einschalten als in ein Handy-Gespräch. Die Vorstellung, daß in einem solchen Abteil fünf Personen sitzen, von denen drei gleichzeitig telefonieren, während die anderen beiden lesen – und zuhören – erscheint immer noch reichlich absurd.
Wenn das Aufkommen des Handy in der Öffentlichkeit in solchem Maße bisherige Regeln verletzt, dann sollte dies zu Sanktionsversuchen führen, zu Aushandlungsprozessen und Kämpfen um eine Neuregulierung der Kommunikation im öffentlichen Raum.
a) Ein Teil dieser Auseinandersetzungen findet auf der diskursiven Ebene statt. Es haben sich bereits vielfältige Diskurse um das Handy entwickelt. Es gibt Distinktionsdiskurse, mit denen versucht wird, Regeln zu schaffen, wer wann in welcher Situation öffentlich telefonieren darf. Wenn sich eine Definition des Telefonierens mit dem Handy (in bestimmten Situationen) als „vulgär“ oder als „angeberisch“ durchsetzt, entfaltet sich die distinktive Macht dieses Diskurses.41
Dann gibt es Legitimationsdiskurse. Solange bestimmte Nutzungsformen des Mobiltelefons umstritten sind, müssen sie besonders gut legitimiert werden. Je größer die Störung, desto höher der Legitimationsbedarf. Der „Notfall“ ist ein gutes Beispiel. Mit der „Notfall“-Funktion des Mobiltelefons läßt sich jede Störung bisheriger Ordnungen rechtfertigen. Notfalls darf das Handy sogar im Konzertsaal klingeln. Wenn Familienangehörige krank sind, läßt sich die Anschaffung eines Mobiltelefons leichter begründen. Wenn die Zivilisation immer unsicherer und gefährlicher wird, dann braucht man zusätzliche Sicherheitsvorkehrungen: Dazu kann auch das Mobiltelefon gehören.42
Es gibt Risiko- und Gefahrendiskurse: Je mehr das Handy als Gefahr interpretiert werden kann, desto mehr kann man es diskursiv bekämpfen. Risikodiskurse sind negative Legitimationsdiskurse. Jede neue Technik ist von Warnungen begleitet. Beim Mobiltelefon reicht die Palette der möglichen Gefahren von der Unfallgefährdung durch telefonierende Autofahrer sowie Flugzeugabsturz durch Störungen der Flugzeugelektronik über mögliche Gesundheitsgefahren, zum Beispiel Krebsrisiko durch gefährliche Strahlungen („Elektrosmog“), bis hin zu Verletzungen der Persönlichkeitsrechte und des Datenschutzes durch Abhör- und Ortungsmöglichkeiten.43
Gefahrendiskurse waren auch in unserer Vorstudie erkennbar. Dabei fällt auch auf, daß im Handy weniger eine Bedrohung der Kommunikation, sondern mehr eine physikalisch-biologische Gefahr gesehen wird: Es könnte sein, das Handy sendet Strahlen aus; es könnte die Gesundheit gefährden. Die möglichen sozialen Gefahren des Mobiltelefons (Störung privater Kommunikation, Belästigung in der Öffentlichkeit, Überwachungsmöglichkeiten) werden in technische Gefahren umdefiniert.
Der verbreitete Glaube an die Gefahr mag darin begründet sein, daß es sich hier noch um eine Art Zauberkasten handelt, dessen Funktionsweise schwer durchschaubar ist. In einer der Geschichten, die uns erzählt wurden, wird die Magie des Handy mit der technischen Gewalt der Eisenbahn in Verbindung gebracht. Die magischen Kräfte der Bahn (gemeint sind zwar irgendwelche physikalisch-elektromagnetischen Kräfte, aber wer versteht das schon richtig) sind so stark und mächtig, daß von einem vorbeifahrenden Zug die ferngesteuerten Autos der Kinder in den Häusern an der Bahnstrecke in Fahrt gesetzt werden. Nun sinniert die Befragte darüber, ob wohl auch das Handy eine solche Wirkung auslösen könnte.
b) Diskurse werden häufig überschätzt. Der vielleicht wichtigere Teil der Auseinandersetzungen zwischen „Störern“ und „Gestörten“ findet auf der praktischen Ebene statt, durch situative Sanktionsversuche, durch „Territorialkämpfe“. In unterschiedlichen Situationen ist das Aufkommen von Mobiltelefonierern eine Verletzung bestimmter Regeln, so daß die Gestörten zu Sanktionsmaßnahmen greifen können. Sie können sich beschweren, könnten gar verlangen, daß in bestimmten Situationen laute Gespräche oder Gespräche mit intimen Inhalten nicht geführt werden dürfen. Sie können zu Maßnahmen greifen, die das Telefonieren an bestimmten Orten erschweren würden. Eine Konsequenz ist bereits sichtbar: Es gibt inzwischen Handy-Verbots-Schilder, „Handy-freie Zonen“ in Zügen, Restaurants oder Wartezimmern. Sie könnten sich gegenüber Mobiltelefonierern lustig machen, unhöflich benehmen usw. – Die Sanktionierung durch Blicke, in manchen Situationen vielleicht das wirkungsvollste Mittel, funktioniert nicht, wenn die Mobiltelefonierer sich weitgehend abschirmen.44
Der Ausgang solcher Auseinandersetzungen ist natürlich auch eine Machtfrage, er ist nicht unabhängig von den Statuspositionen der Beteiligten. Vielleicht gelingt es einer ökonomischen Elite, ihre Regeln durchzusetzen, die eine Privilegierung von Mobiltelefonie vorsehen. Inhaber höherer Statuspositionen können es sich eher erlauben, mit Hilfe des Mobiltelefons Kommunikationssituationen anderer zu stören. Je mehr sich aber das Mobiltelefon ausbreitet, desto eher ist zu erwarten, daß die Benutzer die Definitionsmacht gewinnen und somit zur Durchsetzung bisher illegitimer Kommunikationsregeln beitragen. Am Ende solcher Kämpfe können neue stabile Regeln stehen über die Legitimität bestimmter Verhaltensweisen in bestimmten Situationen, insbesondere hinsichtlich einer neuen Grenzziehung zwischen privater und beruflicher Sphäre bzw. einer weiteren Grenzverwischung.
Die kulturelle Bedeutung des Mobiltelefons ist noch nicht dauerhaft festgelegt. Noch experimentieren die Benutzer mit verschiedenen Möglichkeiten, vieles ist noch nicht selbstverständlich. Auch die technischen Verbesserungen werden noch Einfluß auf die Nutzungsformen haben – und beides ändert sich zur Zeit noch sehr schnell.
Ist das Mobiltelefon nur ein besseres, weil mobiles, Telefon oder ist es etwas grundsätzlich Neues? Es ist durchaus nicht ausgemacht, daß das Handy einfach allmählich das alte Telefon ersetzt – ebensowenig wie klar ist, ob das Bild-Telefon jemals das alte Telefon ersetzen wird, denn einer der vielleicht unverzichtbaren Vorteile des alten Telefons ist ja gerade, nicht gesehen zu werden.45 Das Handy könnte sich zum Beispiel eher als funktionales Äquivalent für e-mail oder Fax als fürs Telefon etablieren. Schon gibt es Handies mit Bildübertragungsmodus und mit Kamera-Funktion.46 Wird das Handy also primär ein mobiles Telefon sein oder eher ein „persönlicher Kommunikator“, ein individualisiertes Informations- und Kommunikationsgerät, ein mobiles Büro? Schon werden „communicators“ angeboten, die ihre Funktion als Telefon fast verleugnen.47
Was passiert, wenn das Handy immer kleiner wird, immer mehr wie ein Körperteil; oder zumindest: wie ein ständig am Körper befindliches Teil, wie eine Prothese? Wie bereits erwähnt, waren schon die ersten kulturellen Visionen zur Mobiltelefonie von der Vorstellung geprägt, man würde eines Tages ein armbanduhrähnliches Miniaturtelefon mit sich tragen.48 Irgendwann in gar nicht so ferner Zukunft, so kann man sich vorstellen, wird man nur noch einen kleinen Knopf im Ohr haben, und das Mikrofon (beim früheren Telefon hieß es „Sprechmuschel“) wird klein und unsichtbar sein, irgendwo im Mundraum implantiert. Es wäre dann möglich, daß jedermann mit anderen „telefoniert“ ohne daß Beobachter noch irgendein Gerät wahrnehmen können. Das „technische Wissen“ und das „technische Handeln“ beim Telefonieren ist dann inkorporiertes, praktisches Wissen. Das Handy macht mobile Kommunikation zu einer Alltagstrivialität. Damit wäre gleichzeitig die vollständige Individualisierung des Telefons erreicht (das stationäre Telefon würde im Prinzip überflüssig). Für viele Beobachter ist jedenfalls längst klar, daß wir in gar nicht so ferner Zeit nicht mehr vom „mobilen Telefon“ sprechen werden, sondern von einem Universalgerät am Körper, mit dem wir, neben der Telefon- oder Datenübertragungsfunktion, viele andere Funktionen wahrnehmen können: Bezahlen, Essen bestellen, das Licht ausschalten, medizinische Selbstdiagnosen vornehmen.49
Tiefgreifende Veränderungen auch in anderer Hinsicht sind denkbar, wie im 5. Abschnitt bereits angedeutet (Veränderungen der Raum-Zeit-Verknüpfung, Globalisierung, Ortlosigkeit). Die Kategorie des öffentlichen Raumes („bürgerliche Öffentlichkeit“) könnte durch das Mobiltelefon eine völlig neue Bedeutung erlangen. Wozu noch noch große Massenkundgebungen, wenn jeder über das Handy erreichbar ist? Das Handy verwandelt den öffentlichen „Platz“ in einen individualisierten Mobilitätsraum.
Doch bevor es so weit kommt: Wird sich das Mobiltelefon überhaupt durchsetzen? Ist es doch nur eine vorübergehende Mode (außer für bestimmte Funktionsgruppen)? Vielleicht erweisen sich gerade die augenscheinlichen Vorzüge des Handy – Erreichbarkeit, Mobilität, Flexibilität – als Hemmnisse seiner Durchsetzung, weil von dieser Beschleunigung und Effizienz der Telekommunikation eine massive Bedrohung der Kommunikationsbedürfnisse ausgeht: Kaum jemand will immer und überall erreichbar sein, nicht immer wollen wir eine Kommunikation aufnehmen, bei der es keine zeitliche Verzögerung mehr gibt, keine Bedenkzeit, keinen Aufschub, keine Rückzugsmöglichkeiten. Niemand will eine Kommunikation, die so sehr in Konflikt gerät zu den grundlegenden kommunikativen Regeln, den Regeln darüber, worüber man sprechen kann, in welchem Medium und wie die Botschaft lauten sollte. Ein Bericht von der Einführung des e-mail in Indien zeigt, wie dabei Techniken entwickelt wurden, die Kommunikation gegenüber den bisherigen Kommunikationstechniken gerade nicht zu beschleunigen. Die Inder verlangsamten den Umlauf der e-mails mit der Begründung, dadurch dem geschriebenen Wort und den Menschen, die es schreiben und lesen, den notwendigen Respekt entgegenzubringen; während die Westler, die sofort das tun, was die neue Technik ermöglicht, weder die Menschen noch den Inhalt der Botschaft respektierten, sondern nur die Maschine, die Technik (Barley 1998).
Es gibt gute Gründe anzunehmen, daß auch die westlichen „Ethnographien der Kommunikation“ nicht einfach eine beliebige Beschleunigung und weitere Dekontextuierung des Nachrichtenaustauschs hinnehmen werden. Dafür spricht vieles, vom Anrufbeantworter, der Caller ID, der Geheimnummer bis hin zum meist ausgeschaltet irgendwo herumliegenden Handy.50 Die ständige Erreichbarkeit und die „Informationsflut“51 könnten eine Gegenreaktion auslösen. Möglicherweise wächst auch das Mißtrauen gegen die Zuverlässigkeit von elektronisch vermittelten „Informationen“.52
Man muß es ja nicht gleich den Amischen Mennoniten gleichtun, die völlig auf Telefon (und viele andere Techniken) verzichten (Umble 1994). Aber ihr Beispiel demonstriert doch, daß es bedenkenswert sein kann, sich nicht dem Zwang der weltweiten kommunikativen Infrastruktur zu unterwerfen, sondern kulturelle Autonomie zu bewahren.
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1Vgl. Zeitungsmeldungen zur Berliner Funkausstellung. Hier: Der Tagesspiegel vom 28.8.99.
2Der Ausdruck "Handy" ist im angloamerikanischen Sprachraum nicht geläufig. Er scheint in Deutschland erfunden, "von Werbeagenturen aus Düsseldorf", wie Gerhard Stickel, der Direktor des Instituts für deutsche Sprache in Mannheim, meint (dpa-Meldung, 28.12.1998).
3Für das Automobil vgl. Burkart (1994).
4Technikdeterminismus und Kulturdeterminismus sind als idealtypische Positionen in der empirischen Forschung natürlich selten in reiner Form anzutreffen.
5Diese Perspektive geht (in Deutschland) vor allem auf Hans Linde (1972) zurück. Linde kritisierte, daß die Soziologie zu strikt zwischen sozialen Objekten (Interaktionen) und non-social-objects (Sachen) getrennt habe, daher den sozialen Charakter der Sachen und Sachverhältnisse aus dem Blick verloren habe. Vgl. dazu auch Hennen (1992: 50ff.), S. Beck (1996: 177f., 198ff.), Rammert (1998). Einen radikalen und scharfsinnigen Vorschlag zur Aufhebung der Dichotomie von Technik und Kultur, mehr noch: von Maschinen und Menschen, oder einfach: von Nichtmenschen und Menschen hat Latour (1998) vorgelegt.
6Joerges (1989), Weingart (1989), Eisendle et al. (1993).
7Vgl. dazu Hennen (1992) im Anschluß an Alfred Schütz.
8Diese Überlegungen werden weiterverfolgt in der philosophischen und psychologischen Literatur über Artefakte, Dinge, Objekte der materiellen Kultur, Übergangsobjekte, usw. (Norman 1988, Habermas 1996).
9Vielfach untersucht ist die Frage der Folgen des Eindringens von neuen Informations- und Kommunikationstechnologien in den Alltag (z.B. Garbe 1990, Meyer/Schulze 1994). Von einer "Technikspirale" ist die Rede: die mit der Anschaffung neuer Alltagstechniken verbundenen Erwartungen werden häufig enttäuscht. Das gilt zum Beispiel auch für den erwarteten Zeitgewinn (Fock 1995). Mit den Auswirkungen auf Familien, insbesondere auf die kommunikative Kompetenz von Kindern, beschäftigt sich die Studie von Mettler-von-Meibom (1994).
10McLuhan (1956), Meyrowitz (1985), Winston (1988). McLuhan unterschied bekanntlich drei Epochen: Mündliche Kommunikation; schriftliche Kommunikation; elektronisch vermittelte Kommunikation. Mit dem Telegrafen begann die dritte Epoche. Er sah in der Epoche der schriftlichen Kommunikation (vor allem seit dem Buchdruck) einen Aufschwung von abstrakt-rationalem Denken und entsprechenden Kommunikationsformen, während er mit dem Aufkommen der elektronischen Medien eine – wenn auch globalisierte – Renaissance der oralen Kommunikation ("global village", "tribal" communication) voraussagte. Die neuen Formen der Verbindungen von Telefon und Internet scheinen dies zu bestätigen.
11Zur Vernachlässigung des kommunikativen und Medien-Charakters von Technik vgl. auch Rammert (1998a).
12Siehe etwa die Bibliographie in Forschungsgruppe Telefonkommunikation (1990a).
13Zum Beispiel Keller (1981), K. Beck (1989a, b), Adler (1992). Einige Studien befassen sich mit dem Zusammenhang Telefon und Geschlecht (Rakow 1988, Moyal 1992, Noble 1990).
14Bolle (1989), Ohnsorge (1990), Tuttlebee (1990), Steinfield et al. (1994), Günther (1994). In zahlreichen neueren Studien zur Telekommunikation kommt das Mobiltelefon nicht oder nur als Fußnote vor, z.B. Winston (1998: 304), Becker (1994). Einige Studien haben sich mit dem Einsatz des Mobiltelefons in der Arbeitswelt befaßt: Zoche (1991), Lange (1993), Schenk et al. (1996: 237ff.).
15Eine Forschungsgruppe, die von europäischen Telefongesellschaften unterstützt wird, hat kürzlich einen aufschlußreichen Sammelband vorgelegt, in dem über Studien in einzelnen Ländern berichtet wird, die wichtige kultursoziologische Fragestellungen aufgriffen (Haddon 1998). In Frankreich hat ein Telefonhersteller Soziologen und Philosophen (u.a. Attali, Kaufmann, Maffesoli, Singly) zu einer Diskussionsveranstaltung eingeladen (Motorola 1998).
16Auch in den Neuen Bundesländern stand anfangs das mobile Bildtelefon im Mittelpunkt von Zukunftsvisionen der Befragten (Braun/Lange 1993: 32). Zur Entwicklung der Mobiltelefonie: Müller/Toker (1994), Lange (1994), Winston (1998: 304).
17Müller/Toker (1994: 182f.) unterscheiden vier Entwicklungsstufen der Mobiltelefonie: Zunächst den pager, den "Pipser", mit dem zum Beispiel Ärzte einen unspezifischen Hinweis bekamen, daß sie jemanden anrufen sollten. Zweitens private mobile radio (PMR), zum Beispiel Taxi-Funk (oder allgemein Funk-Amateure). Drittens cellular telephones. Als vierte Stufe war damals ein telepoint service im Gespräch, eine Art öffentlicher Telefonzelle für das Mobiltelefonnetz. Das moderne "Handy" war noch nicht marktreif, als der Aufsatz geschrieben wurde, aber es schien realisierbar: "The most recent development of personal communication networks (PCN) is an attempt to integrate these various capabilities into a hand-held wireless device that will be cheaper than the cellular telephones currently in use" (Müller/Toker 1994: 183).
18Der Durchbruch kam mit der GSM-Technik, einer digitalen Übertragungstechnik, seit 1992 in Deutschland (Telekom und Mannesmann, D1, D2, e-plus), die eine wesentliche Verkleinerung des Gerätes (eben: "Handy") und weitgehend rauschfreien Empfang ermöglichte. GSM: ursprünglich: "Groupe Spécial Mobile" (europäischer Mobilfunkstandard), zunehmend aber auch als "Global System for Mobile Communication" ausbuchstabiert (GSM ist jedoch nicht Standard in USA und Japan). Zur Entwicklung und Durchsetzung des GSM-Standards siehe Bender (1999).
19Dabei stieg zum Beispiel bei den Freiberuflern zwischen 1996 und 1998 die Verfügungsrate von 15 auf fast 60 Prozent. Von den Befragten, die monatlich mehr als DM 4 000 verdienten, nutzten 1998 über 40 Prozent ein Funktelefon; von den Befragten mit weniger als DM 2 000 dagegen nur 18 Prozent.
20Das Handy eignet sich gut als "Übergangsobjekt", als affektiv besetztes Objekt der materiellen Kultur (Habermas 1996). – Zum Fernsehgerät als "Übergangsobjekt" siehe Silverstone (1994).
21Außerdem wurden bestimmte Gruppen genannt, bei denen ein Handy als unpassend angesehen würde, beispielsweise ein Schäfer, eine Marktfrau oder ein Punk. An der Vorstudie waren beteiligt: Eva Mnich, Maja Apelt, Maja S. Maier, Cornelia Koppetsch sowie Frank Basel, Philip Büttner und Karin Krumme.
22Auch in unserer explorativen Vorstudie standen diese Begründungen an der Spitze.
23Ein anderer meint: Wer heute in seinem Beruf erfolgreich sein und seine Kunden zufriedenstellen will, der muß ständig erreichbar sein, der muß auch bereit sein, im öffentlichen Raum mit seinen Geschäftspartnern und Mitarbeitern zu telefonieren – ohne Rücksicht auf eventuelle Ruhe-Bedürfnisse anderer Leute. Und auch das eigene Privatleben muß zurückgestellt werden, muß den beruflichen Erfordernissen untergeordnet werden: "Und das geht eben so weit, daß das ganz tief bis in die eigenen Privatsphären hineingreift." Für einen technischen Angestellten liegt in der totalen Erreichbarkeit im Beruf, "24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche", der Sinn des Handy-Besitzes.
24"Mobile Phone" hat sich inzwischen im Englischen durchgesetzt. Die frühere Bezeichung "cellular phone" (oder Funktelefon und Mobilfunk im Deutschen) bezogen sich eher auf technische Funktionen. Im Französischen sind mehrere Bezeichnungen üblich: le mobile, le portable, le téléphone portatif (Umgangssprache) Im Italienischen: offiziell cellulare, Umgangssprache: telefonino.
25Mit der Einführung einer persönlichen Telefonnummer, die einen überall begleitet, wird es überflüssig zu wissen, wo sich der potentielle Gesprächspartner gerade befindet und über welches Medium unter welcher Nummer er gerade erreichbar ist. So symptomatische Szenen wie in jenem Woody-Allen-Film, wo eine der Personen ständig Freunde besucht und dort als erstes zum Telefonhörer greift um mitzuteilen, daß er in den nächsten zwei Stunden unter der Nummer xy zu erreichen sei, gehören dann leider der Vergangenheit an.
26Auch die Studie von Gournay et al. verweist auf "a mastery of the different types of time" bei der Gruppe der "nomadic mobile phone users" (1998: 71). "These people overcome the effects of distance by a constant actualisation of real time. They have the capacity to condense their workload (as well as their social life) into perfectly bounded and synchronised sequences."
27Schon die ersten Untersuchungen sprachen vom "Erreichbarkeitsdilemma" (Lange 1991). Wie kann man verhindern, daß der Vorteil der ständigen Erreichbarkeit umschlägt in den Nachteil der ständigen Kontrollierbarkeit? Zum Wert, aber auch zu den Problemen der Erreichbarkeit vgl. auch Mettler-von-Meibom (1994), Fock (1994), Schenk et al. (1996).
28Ein Fernfahrer, der von seiner Frau betrogen wurde, erzählte in einer Talkshow, daß er Verdacht geschöpft habe, weil "das Handy immer out war" (TV-Sendung "Pilawa", am 28.12.1998).
29Zum schnurlosen Telefon: Tuttlebee (1990), zum Anrufbeantworter: Rosen (1994), zur Caller ID: Hessler (1994). Der ISDN-Anschluß erlaubt nicht mehr, den Hörer "danebenzulegen" und Anrufern vorzutäuschen, man sei "besetzt". Das schnurlose Telefon erlaubt nicht mehr die Ausrede, man sei wohl gerade im Garten gewesen.
30Daß dies ein Problem sein kann, läßt sich bei Handy-Gesprächen beobachten, die häufig mit der Ortsangabe beginnen. Aber es sind natürlich Fälle vorstellbar, wo es gerade als Vorteil empfunden wird, den Stand-Ort nicht zu wissen, wo die Geheimhaltung des Standortes geradezu die Bedingung dafür ist, daß überhaupt Kontakt aufgenommen wird: Wenn Kinder aus dem Urlaub anrufen ("Mutti, mir geht es gut, hier ist es ganz toll, wenn du wüßtest, wo ich bin..."); wenn Entführer die Polizei wegen der Übergabe des Lösegeldes anrufen, usw.
31Die Werbung hat das Überraschungsmoment, das darin noch liegt, bereits aufgegriffen: In einem Werbefilm für Handies wird gezeigt, daß man den geliebten Partner überraschen kann, indem man anruft und seine Sehnsucht zum Ausdruck bringt ihn zu sehen, und dann, noch während des Anrufs, an der Tür klingelt. In einem anderen Werbespot deutet sich bereits an, daß es einmal selbstverständlich sein könnte, trotz der Möglichkeit des face-to-face-Kontakts das Handy zu benutzen. Der Spot zeigt Derrick (kurz nachdem die TV-Krimiserie zu Ende gegangen war) und Harry. Sie stehen Rücken an Rücken neben einem Auto und sprechen über Handies miteinander, scheinbar ohne ihre räumliche Nähe zu bemerken. Derrick macht den bekannten Witz ("Harry, kannst du schon mal den Wagen..."), Harry geht zum Wagen, Derrick dreht sich um, ist allerdings nicht überrascht.
32Giddens (1991) spricht von recreation of locality und reembedding.
33Übrigens hat auch diese Funktion dem Auto am Anfang mit zur Durchsetzung verholfen: sein Einsatz beim Erdbeben von San Francisco, 1906.
34Gleichwohl fällt es noch schwer, Natur und Handy zusammenzudenken: Zwei unserer Befragten in den Probeinterviews gaben an, sie würden sich wundern, wenn sie zum Beispiel einen Schäfer oder eine Marktfrau mit Handy sehen würden.
35Vgl. Schönhammer (1988). Vergleichbar sind auch die Irritationen, die der Walkman und das Handy bei Anwesenden auslösen.
36Insbesondere in Behavior in Public Places (dt.: Verhalten in sozialen Situationen) sowie Das Individuum im öffentlichen Austausch. Situative Kopräsenz ist dann erreicht, wenn Personen sich nahe genug sind, "um sich gegenseitig wahrzunehmen bei allem, was sie tun, einschließlich ihrer Erfahrungen der anderen, und nahe genug auch, um wahrgenommen zu werden als solche, die fühlen, daß sie wahrgenommen werden" (Goffman 1971a: 28, 1971b: 7).
37Zu Mikroterritorien bei Goffmann vgl. auch Konau (1977: 160ff.).
38Fußgänger, die an der roten Ampel warten, entwickeln ein Gefühl einer gewissen Kollektiv-Bewußtheit (Wir, die Menschengruppe an der Ampel): Man nimmt sich gegenseitig wahr, auch wenn man nicht redet, auch wenn man keine Blicke tauscht. Aber man weiß gegenseitig um die Anwesenheit der anderen, und man weiß gegenseitig, was man gleich zusammen tun wird. Beim Handy-Benutzer jedoch scheint es so, als bemerke er die anderen nicht, als gehöre er nicht dazu. Und trotzdem geht er mit den anderen, "mit uns", über die Straße, wenn die Ampel auf grün schaltet.
39"Im allgemeinen gilt: je höher der soziale Status eines Individuums ist, desto größer ist der Umfang der Territorien des Selbst und die Kontrolle über deren Grenzen hinaus" (Goffman 1974: 70).
40Zur Situation im Fahrstuhl vgl. Goffman (1974b: 58ff.), Hirschauer (1998). Man merkt übrigens, daß man beim Wort "Telefonieren" noch immer an einen abgeschlossenen Raum denkt (Telefonzelle, Wohnung). Im Fahrstuhl zu telefonieren bei gleichzeitiger Anwesenheit anderer wäre äquivalent mit der Situation, daß eine fremde Person mit in der Telefonzelle wäre.
41Die Reaktionen auf störendes Handy-Klingeln (in nichtadäquaten Situationen) zeigen, daß bereits Aushandlungsprozesse über die Regeln des adäquaten Verhaltens im Zusammenhang mit dem Mobiltelefon in Gang sind (Ling 1998: 79). Der Gebrauch des Mobiltelefons in Restaurants sei geradezu zu einer Metapher für Vulgarität geworden (Ling 1998: 74). In unserer Vorstudie war häufig von "Handy-Prolls", "Angebern", "schicki-micki" und Ähnlichem die Rede. Um ein von ihm besonders geschätztes Restaurant zu charakterisieren, meint Siebeck: "Selbstdarsteller mit Handys kämen sich hier verloren vor" (ZEIT-Magazin, Nr. 2. 7.1.1999, S. 30).
42Je deutlicher "Naturkatastrophen" als zivilisatorisch verursacht gelten (Lawinen, Überschwemmungen), desto legitimer ist es, mit zivilsatorischen Mitteln dagegen anzukämpfen.
43Kuratorium für Verkehrssicherheit, Wien (1994), TÜV Rheinland (1992), Rose (1994), Schenk et al. (1996), Veldkamp (1996), Pützenbacher (1998).
44Wenn er in der U-Bahn sitzt und sein Handy klingelt, dann denkt er sich, daß die anderen ihn jetzt vielleicht für einen Angeber halten würden und denken würden, "typisch Türke". Deshalb schaltet er, wenn er länger in der U-Bahn fährt, das Handy aus, es sei peinlich für ihn. Wenn er im Café sitzt und das Handy klingelt, dann geht er raus auf die Straße zum Telefonieren.
45Ling (1996, 1998) vergleicht Handy und stationäres Bildtelefon (video telephone). Er sieht darin zwei gegensätzliche Medien, jedenfalls hinsichtlich der sozialen Grenzziehungen (Sichtbarkeit, Kontrolle, Aufmerksamkeit usw.).
46Haddon (1998b) fragt nach den zukünftigen Nutzungsmöglichkeiten des Mobiltelefons und vergleicht es in seinen entsprechenden Funktionen mit Armbanduhr, Laptop, Kamera und Buschtrommel.
47Von einem Konzept des "persönlichen Kommunikationsmediums" ist schon seit längerem die Rede, also einem mobilen Gerät mit verschiedenen Funktionen der Datenfernübertragung (Tuttlebee 1990). Dieses kleine Gerät soll sein Benutzer kaum noch als solches wahrnehmen (es sei denn, er hat es zuhause vergessen), das ihm als Uhr und als Faxgerät, als Radio und als Computer, als Datenübertragungsgerät – und schließlich auch noch als Telefon dient – kurz: ein Gerät, mit dem jeder mobil immer und überall Daten in Form von Zahlen, Texten, Bildern und Tönen Informationen senden und empfangen kann (Goodman 1994).
48Unter der Science-Fiction-Rubrik "Was wir einmal vermissen werden" (Zeit-Magazin, Nr. 17, 22.4.1999) ist die Entwicklung bereits einen Schritt weitergedacht: Die Nachfrage nach "WhristPhones", so wird dort berichtet, sei zusammengebrochen, "als es 2004 schick wurde, sich Computer und Bildschirm in den Daumennagel einoperieren zu lassen".
49Mit der gegenseitigen Steigerung von Individualität und Mobilität entwickeln sich "objets nomades" (Attali 1998), die immer mehr mit dem mobilen Körper fusionieren, angefangen vom Automobil, über Armbanduhr, Transistorradio und Walkman bis zum Körper-Handy. Wie andere kulturelle Objekte ist das Handy eine komplexe Form der Körpererweiterung (im Sinne Merleau-Pontys). – "Bindungsverlust" im Sinne der Individualisierungstheorie könnte kompensiert werden durch Bindungen an Artefakte (Knorr Cetina 1998).
50Barley (1998) meint, er besitze kein Handy, weil dieses für ihn "nicht ein Werkzeug der Freiheit" sei, "sondern ein Ding zum Anheften wie die elektronischen Armbänder, mit denen Kriminelle immer zu orten sind. Für Anthropologen sind Handys interessant – als einziger Bereich im Leben, wo ein besonders kleiner Apparat des Mannes als Beweis besonderer Männlichkeit gilt."
51Erstaunlich, wie hartnäckig sich das Zauberwort "Information" mit all seinen falschen Implikationen in der Medienöffentlichkeit hält. So meint zum Beispiel der sogenannte "Trendforscher" Matthias Horx, heute seien allein in einer Wochenendausgabe der New York Times viel mehr an Informationen als ein Mensch in seinem ganzen Leben im 17. Jahrhundert aufgenommen hätte (SPIEGEL 51/98). Die Absurdität, etwa Tausende von Börsendaten mit dem lebenspraktischen Wissen eines frühneuzeitlichen Bauern überhaupt nur zu vergleichen, reizt zu dem Wortspiel: "Je größer die Informationsflut, desto dümmer werden die Menschen, die sie aufnehmen." Ähnliches gilt bekanntlich für "Informationen" im Internet, mit seinen angeblich unbegrenzten Kommunikationsmöglichkeiten, der Möglichkeit, mit jedem beliebigen Individuum auf dieser Erde kommunizieren; der Freiheit, jede beliebige Identität annehmen zu können usw. Barley (1998) bringt es auf eine einfache Formel: "So haben wir vielleicht mit den Bulletin boards des Internet lediglich eine virtuelle Klowand vom Ausmaß der chinesischen Mauer geschaffen." Denn das Klo sei genau so ein Ort, wie in die Enthusiasten des Internet beschreiben: in höchstem Maße privat und öffentlich zugleich, wo jedermann frei sei, jede gewünschte Identität anzunehmen.
52Dazu eine Anekdote: Als ich in Österreich bei Freunden zu Besuch war, spielte gerade die österreichische Fußballnationalmannschaft gegen Spanien. Die Freunde hatten Wetten zum Spielausgang abgeschlossen. Das Ergebnis wurde über das Handy abgerufen. Als auf dem Display "0:9" aufleuchtete, wollte das niemand glauben. Erst die Meldung in den Zeitungen des nächsten Morgens bestätigten das Unglaubliche...