Autoren: Cicero, Marcus Tullius.
Titel: Vom Redner. De Oratore. Übersetzt, eingeleitet und erläutert von Raphael Kühner.
Quelle: Ciceros drei Bücher Vom Redner. Übersetzt und erklärt von Dr. Raphael Kühner. Stuttgart, 2. Auflage, 1873. S. 1-136.
Verlag: Hoffmann'sche Verlagsbuchhandlung.
Die Veröffentlichung ist gemeinfrei.
Marcus Tullio Cicero
Vom Redner.
De Oratore
Übersetzt, eingeleitet und erläutert von Raphael Kühner
Inhaltsverzeichnis
Einleitung von Raphael Kühner 1
ERSTES BUCH 39
ZWEITES BUCH 115
DRITTES BUCH 229
1. Die Beredsamkeit ist diejenige Wissenschaft, welche in Rom frühzeitig mit großem Eifer betrieben wurde, in kurzer Zeit einen hohen Grad der Ausbildung erreichte und zuletzt in Cicero ihre Vollendung fand. Die Verfassung des römischen Staates war von ihrem ersten Beginn an von der Art, daß sie dem Geist der Römer notwendig eine praktische Richtung geben mußte. Schon unter den Königen war das ganze Streben des Staates lediglich darauf gerichtet, die Grenzen des Reiches durch Kriege mit den italischen Völkern zu erweitern und die Verfassung im Inneren durch gute Gesetze und Einrichtungen zu befestigen. Auch nach Gründung der republikanischen Verfassung verfolgte der Staat das nämliche Ziel; aber auch durch die freie Verfassung wurde den Römern eine neue glänzende Laufbahn eröffnet. Während sie sich unter den Königen durch kriegerische Tapferkeit und Feldherrnkunde, durch Gesetzgebung und Staatsweisheit auszeichnen konnten, war es ihnen jetzt gestattet, sich auch durch Beredsamkeit hervorzutun und sich um die Wohlfahrt sowohl des Staates als auch der einzelnen Bürger verdient zu machen, und das war gerade der Weg, auf dem man am schnellsten zu glänzenden Staatsämtern emporsteigen und hohes Ansehen, Achtung und Einfluß bei seinen Mitbürgern gewinnen konnte. Das römische Forum und die Curie bildeten gleichsam den Mittelpunkt des römischen Staatslebens und den eigentlichen Sitz der römischen Weltherrschaft. – Hier wurden die Gesetze, Einrichtungen und alle Wichtigen Angelegenheiten – des Staates und der Bürger beraten und besprochen, hier die Schicksale ganzer Völker entschieden; hier war der Kampf- und Tummelplatz, wo die Geisteskraft sich in ihr vollen Glanze zeigen, wo der Ehrgeiz reichliche Befriedigung finden konnte, wo alle Fähigkeiten des Verstandes und Gemütes angeregt, genährt und ausgebildet wurden.
2. So waren es also drei Wissenschaften, die aus dem Wesen der römischen Staatsverfassung gleichsam emporwuchsen: die Staatskunst, die Rechtskunde und die Beredsamkeit. Die Beredsamkeit kann nur in einer freien Staatsverfassung emporblühen und gedeihen, in welcher alle Staatsangelegenheiten, alle Gesetze und Beschlüsse, die Rechte und alte wichtigeren Interessen der Bürger öffentlich beraten und verhandelt werden und es dem Redner erlaubt ist, in freier und unumwundener Rede sowohl seine eigenen Ansichten auszusprechen als auch die anderer zu widerlegen; in welche vor Gericht sowohl Anklagen als auch Verteidigungen öffentlich geführt werden; in welcher endlich dem Rednertalent der Weg zu Ruhm, Ehre, Macht und Ansehen im Staat eröffnet ist. Dies sehen wir deutlich in dem römischen Staat. Denn solange in ihm eine freie Verfassung herrschte, so lange blühte in ihm die Beredsamkeit; sobald aber der Freistaat aufhörte, verschwand auch die wahre Beredsamkeit, indem sie in ein leeres und gehaltloses Wortgepränge ausartete.
3. Über die Anfänge der Beredsamkeit bei den Römern läßt sich nicht urteilen, da uns von den Rednern der älteren Zeiten durchaus keine schriftlichen Denkmäler hinterlassen sind1. Als der älteste Redner, von dem Reden hinterlassen waren, wird uns Appius Claudius Caecus genannt, der im Jahr 308 v. Chr. Konsul war. Von Marcus Porcius Cato Censorius (196 v. Chr. Konsul, 186 Censor) erwähnt Cicero im Brutus, Kap. 17, daß er hundertundfünfzig Reden hinterlassen habe. Er rühmt sie als ausgezeichnet in Worten und Gedanken und bedauert, daß sie zu seiner Zeit nicht mehr gelesen würden. Nach diesem führt Cicero an der angeführten Stelle eine lange Reihe von hervorragenden Rednern an, Publius Cornelius Scipio Africanus, Gaius Laelius, Servius Sulpicius Galba, Marcus Aemilius Lepidus, Gaius Papirius Carbo, die beiden Gracchen und viele andere, von deren Reden jedoch teils gar nichts, teils nur wenige Bruchstücke aufbewahrt sind. Die größten Redner in dem Zeitalter vor Cicero waren Marcus Antonius und Lucius Licinius Crassus, die Cicero in unseren Büchern vom Redner ihre Ansichten über die Beredsamkeit vortragen läßt und von denen wir weiter unten ausführlicher sprechen werden.
4. Aber die höchste Vollendung erreichte die Beredsamkeit bei den Römern in dem folgenden Zeitalter, das man von dem größten Redner, der in ihm auftrat, mit Recht das ciceronianische genannt hat. Die berühmtesten Redner dieser Zeit waren Gaius Caesar, Marcus Cato, Servius Sulpicius Rufus, Marcus Calidius, Marcus Caelius Rufus, Gaius Licinius Calvus, Marcus Marcellus, Gaius Curio der Jüngere, Lucius Munatius Plancus, Marcus Iunius Brutus, Marcus Valerius Messalla und vor allen Quintus Hortensius und Marcus Tullius Cicero, der die römische Beredsamkeit bis zur höchsten Vollendung ausbildete und von dem uns eine große Anzahl ausgezeichneter Reden sowie vortreffliche Werke über die Redekunst erhalten sind; während wir die übrigen angeführten Redner teils nur aus wenigen aufbewahrten Bruchstücken ihrer Reden, teils aus den Nachrichten kennen, die uns über sie andere Schriftsteller, namentlich Cicero und Quintilian, geben.
Das wissenschaftliche Studium der Beredsamkeit begann bei den Römern erst zu der Zeit, als sie mit Griechenland in nähere Berührung traten und die griechische Literatur kennenlernten. In früherer Zeit war der Bildungsgang des jungen Römers, der sich der Beredsamkeit widmen wollte, höchst einfach. Nachdem er sich durch häuslichen oder Schulunterricht die für einen freigeborenen Römer notwendigen Kenntnisse angeeignet hatte, wurde er von seinem Vater oder seinen Verwandten zu einem durch Rechtskunde oder Beredsamkeit ausgezeichneten Mann geführt, um durch den Umgang und die Unterredungen mit ihm die Gesetze, die Einrichtungen des Staates, die Sitten und Gebräuche des Volkes und die übrigen einem tüchtigen Staatsmann und Redner nötigen Kenntnisse zu erlernen2. Diesen begleitete er überall, besuchte mit ihm die Gerichte und Volksversammlungen und hörte daselbst die Reden an. Dieses durchaus praktische Verfahren war von großem Nutzen für die jungen Römer. Denn dadurch, daß sie auf dem Kampfplatz der Redner selbst und mitten im Gewühl des Volkes durch fleißiges Anhören der Redner die Beredsamkeit lernten, gewöhnten sie sich frühzeitig, die Scheu vor großen versammelten Volksmassen abzulegen und sich ein gewisses Selbstvertrauen anzueignen, erkannten am leichtesten die Vorzüge und Mängel der Redner, sammelten sich eine reiche Erfahrung, und indem sie das, was sie gehört und gesehen hatten, mit ihrem erfahrenen Führer und Lehrer besprachen, wurde ihnen alles ein wahrhaft lebendiges Eigentum.
2. Als Rom seine Waffen gegen Griechenland wandte und es seiner Herrschaft unterwarf und vornehme Römer mit griechische Gelehrten und durch diese mit der griechischen Literatur bekannt wurden, wurde bei den Römern allmählich der Sinn und Geschmack für griechische gelehrte Bildung geweckt. Auch wanderten griechische Philosophen und Rhetoren nach Rom und gründeten Schulen, die von strebsamen Jünglingen besucht wurden. Aber die alten Römer, besorgt, die Jugend möchte durch die griechische Bildung verweichlicht und dem tatkräftigen Staats- und Kriegsleben entzogen werden, bewirkten, daß unter dem Konsulat des Gaius Fannius und Marcus Valerius Messalla (161 v. Chr.) durch einen Senatsbeschluß die Rhetoren und Philosophen aus der Stadt verwiesen wurden Bald darauf (156 v. Chr.) wurden von den Athenern drei ausgezeichnete Philosophen als Gesandte nach Rom geschickt, der Neuakademiker Karneades, der Peripatetiker Kritolaos und der Stoiker Diogenes. Diese hielten über Philosophie und andere wissenschaftliche Gegenstände Vorträge, denen viele junge Männer von vornehmem Stand beiwohnten3. Aber auch diesen wurde ein längerer Aufenthalt in Rom nicht gestattet, indem der alte Marcus Porcius Cato, der strenge Hüter und Bewahrer der alten römischen Zucht und Sitte, es durchsetzte, daß die Gesandten wieder nach Hause geschickt wurden und ein Senatsbeschluß gefaßt wurde, daß griechische Philosophen sich nicht mehr in Rom aufhalten sollten. Aber die einmal in den Gemütern edler Jünglinge angefachte Liebe zu den griechischen Wissenschaften ließ sich durch Senatsbeschlüsse nicht vertilgen. Die griechische Bildung faßte allmählich immer tiefere Wurzeln; griechische Gelehrte wanderten wieder nach Rom und genossen des Schutzes hochgestellter Staatsmänner und berühmter Feldherren, und bald gehörte es zum feinen Ton der vornehmen Römer, daß junge Männer nach Athen reisten, um griechische Philosophie und Beredsamkeit zu erlernen.
3. Aber freilich dauerte es lange Zeit, ehe wissenschaftliche Studien und griechische Gelehrsamkeit allgemeiner unter den Römern wurden. Selbst ausgezeichnete Redner des vorciceronianischen Zeitalters, wie Servius Sulpicius Galba, Marcus Aemilius Lepidus Porcina, Gaius Papirius Carbo, ja sogar Marcus Antonius, der nach Crassus der größte Redner dieser Zeit war, waren in der Rechtswissenschaft unerfahren und verschmähten alle gelehrte Bildung4. Wenn wir sehen, daß so hochbegabte Männer wie Marcus Antonius mit einer gewissen Verachtung auf die griechische Wissenschaft herabsehen, so liegt der Hauptgrund davon teils in dem durchaus praktischen Sinn der römischen Staatsmänner und Redner, teils in ihrem beschäftigten Leben, das sie nicht zu einem gründlichen Studium der griechischen Literatur kommen ließ. Einen Teil der Schuld tragen aber ohne Zweifel auch die damaligen Griechen selbst, die Lehrer der Philosophie und der Redekunst, welche zwar große Gelehrsamkeit und viel Scharfsinn besaßen, aber größtenteils geschwätzige, spitzfindige, eitle und selbstgefällige Stubengelehrte waren, die dem tätigen Staatsleben fernstanden. Solche Männer waren nicht geeignet, die Römer, deren Charakter strengen Ernst und edle Würde liebte, deren Tätigkeit ganz dem Dienst des Staates und der Wohlfahrt der Mitbürger gewidmet war, deren Sinn durch den Gedanken an Roms Weltherrschaft mit Stolz erfüllt war, für sich zu gewinnen und ihnen für ihre Wissenschaften Liebe und Achtung einzuflößen. Wie sehr aber selbst noch zu Ciceros Zeit die große Menge des römischen Volkes den griechischen Wissenschaften abhold war, sehen wir daraus, daß Cicero sich in seinen gelehrten Schriften wegen seiner wissenschaftlichen Studien zu entschuldigen genötigt sah und keine Gelegenheit unbenutzt vorübergehen ließ, jene seinen Landsleuten auf das nachdrücklichste zu empfehlen.
4. In den Schulen der Rhetoren wurden die Lehren der Redekunst vorgetragen und zur Einübung derselben Vorträge (declamationes) gehalten. Zu diesen Vorträgen wählte man teils die Behandlung der sogenannten unbestimmten Fragen (quaestiones infinitae) über einen Gegenstand im allgemeinen, ohne Rücksicht auf bestimmte Personen und Zeiten, z. B. über das Gute oder Schlechte, Nützliche oder Schädliche, über die Tugenden oder Laster, über den Staat, das Kriegswesen und dergleichen, ferner über Fragen wie: “Was ist über die Zurückgabe der im Krieg gemachten Gefangenen zu bestimmen und zu urteilen?” – eine solche Frage heißt Untersuchungsfrage (consulatio) –, teils die Behandlung der sogenannten bestimmten Fragen (quaestiones finitae) über einen historischen Gegenstand mit Rücksicht auf bestimmte Personen und Zeiten, z. B.: “Soll man beschließen, daß wir von den Karthagern unsere Gefangenen gegen Rückgabe der ihrigen annehmen?” Eine solche Frage heißt streitiger Rechtsfall (causa oder controversia); sie beruht entweder auf Rechtssachen (lites) oder auf Beratschlagungen (deliberationes) oder auf Lobreden (laudationes)5.
5. Eine wichtige Rolle in der Rhetorik der. Alten spielten die sogenannten Gemeinplätze (loci communes), d. h. Erörterungen wichtiger Gegenstände6 im allgemeinen, allgemeine Untersuchungen oder Betrachtungen, welche nicht einzelne und besondere Gegenstände, sondern die Gattungen der Dinge umfassen. Sie werden vom Redner angewendet, wenn ein besonderer und bestimmter Fall auf die Gattung zurückgeführt wird, und dienen dazu, dem Vortrag Glanz und Erhabenheit zu verleihen. Daher werden sie mit größerer Würde und mit größerem Schmuck hinsichtlich der Worte und der Gedanken behandelt als die übrigen Beweisführungen. Sie sind eine wichtige Quelle, aus der Beweise geschöpft werden, und man nannte sie daher Fundstätten der Beweise (sedes, thesauri argumentorum)7.
6. Die Lehrer der Beredsamkeit zu Rom, die eine höhere und wissenschaftliche Bildung hatten, waren anfänglich nur Griechen. Doch später, zur Zeit des Lucius Licinius Crassus, traten auch lateinische Lehrmeister der Beredsamkeit auf, denen jedoch der ebengenannte Crassus als Censor (93 v. Chr.) durch eine Verordnung das Handwerk legte, weil ihr Unterricht so schlecht war, daß der Verstand der jungen Männer eher abgestumpft als geschärft wurde und ihre Schule eine Schule der Unverschämtheit war8. Doch muß diese Verordnung bald wieder aufgehoben worden oder ungültig geworden sein. Denn in den letzten Jahren des Crassus trat Lucius Plotius als lateinischer Rhetor auf; aber er sowie die anderen lateinischen Lehrmeister der Beredsamkeit, die nach ihm auftraten, Marcus Antonius Otacilius, Sextus Clodius und andere, waren lauter Freigelassene, die einer feineren und höheren Bildung entbehrten. Erst unter Augustus trat ein römischer Ritter als Lehrer der Beredsamkeit auf.
7. Aber auch nachdem rhetorische Schulen zu Rom eingerichtet waren, erhielt sich doch bei den meisten jungen Römern die frühere Art des Unterrichts, indem sie sich an einen erfahrenen Staatsmann oder Redner anschlossen und sich im Umgang mit diesem auszubilden suchten oder diesen Unterricht mit dem bei den Rhetoren verbanden, wie wir dies bei Cicero sehen, der die Theorie der Redekunst bei griechischen Rhetoren erlernte und durch den Umgang mit dem großen Rechtsgelehrten Quintus Mucius Scaevola in der Rechtswissenschaft praktisch ausgebildet wurde.
8. Cicero war der erste Römer, der die Kunst der Beredsamkeit in ihrem ganzen Umfang wissenschaftlich umfaßte und seine über das Wesen dieser Kunst teils durch das Studium der griechischen Quellen, teils durch eigene Erfahrung und eigenes Nachdenken gewonnenen Ansichten in einer Reihe durch Gediegenheit des Inhaltes ebenso wie durch Schönheit der Darstellung ausgezeichneter Werke niedergelegt hat. Seine rhetorischen Schriften haben einen um so größeren Wert und sind um so anziehender, als wir in ihnen nicht einen trockenen und spitzfindigen Stubengelehrten, einen auf die Schule beschränkten, dem öffentlichen Staatsleben fernstehenden Lehrmeister, sondern den nächst Demosthenes größten Redner des, Altertums, der das ganze Gebiet der Wissenschaften umfaßte, durch einen edlen Charakter, durch sittliche Reinheit und brennende Vaterlandsliebe ausgezeichnet war und zugleich als Staatsmann eine höchst wichtige Rolle gespielt hatte, nicht nach bloßer Abstraktion, sondern aus seiner eigenen reichen Erfahrung und vielseitigen Übung die Vorschriften über die Beredsamkeit in der geschmackvollsten und anmutigsten Sprache vortragen sehen.
1. Beredsamkeit ist in weiterem Sinn jede kunstmäßige Darstellung der Rede, in engerem die kunstmäßige Darstellung öffentlicher Vorträge. Die Rhetorik der Alten beschränkte sich auf die politische Beredsamkeit.
2. Die politische Beredsamkeit wird von den Alten in drei Gattungen geteilt: die gerichtliche, die beratschlagende und die lobende9.
3. Die gerichtliche Gattung (genus iudiciale) umfaßt die Reden vor Gericht, die entweder Privatstreitigkeiten (iudicia privata) oder öffentliche Anklagen (iudicia publica) betreffen. In beiden findet Anklage und Verteidigung statt, und in beiden handelt es sich um Recht und Billigkeit (eius generis finis est aequitas)10.
4. Die beratschlagende Gattung (genus deliberativum oder suasorium) umfaßt die Reden, die bei Beratschlagungen des Senats oder des Volkes über wichtige Angelegenheiten des Staates, wie Verfassung, Gesetze, Beschlüsse, gehalten werden. Solche Reden bestehen entweder in Anratung und Anempfehlung (suasio);oder in Abratung und Verwerfung (dissuasio). In diesen Reden handelt es sich um den Nutzen und die Ehrbarkeit (utilitas und honestas)11.
5. Die lobende Gattung (genus demonstrativum, laudationes) umfaßt Lobreden, die auf berühmte Männer ;und ausgezeichnete Frauen gehalten werden, namentlich Leichenreden. In solchen Reden handelt es sich um Ehrbarkeit (honestas)12. Bei den Lobreden war alles auf Ausschmückung und Hervorhebung sowie auf Ergötzung berechnet. Die Vorzüge und Tugenden der Menschen wurden in glänzender und prunkvoller Sprache gepriesen, wobei man es mit der Wahrheit nicht sehr genau zu nehmen pflegte. Die dritte Gattung war mehr ein Eigentum der Griechen als der Römer, deren ernster Charakter an dieser prunkenden und übertreibenden Beredsamkeit wenig Gefallen fand. Antonius13 möchte sie daher ganz von seinen Vorschriften über die Beredsamkeit ausschließen.
6. Übrigens-waren diese drei Gattungen der Rede keineswegs so von einander geschieden, daß die eine immer die beiden anderen ausgeschlossen hätte, sondern oft trat der Fall ein, daß eine Rede von der einen Gattung in die andere hinüberstreifte. So sehen wir zum Beispiel, daß die schöne Rede Ciceros für den Manilischen Gesetzesvorschlag, die der beratschlagenden Gattung angehört, teilweise auch eine Lobrede auf Pompeius ist.
7. Das wahre und eigentliche Wesen der Beredsamkeit beruht auf Wahrheit und Sittlichkeit. Der Redner soll seine Zuhörer-nicht bloß zu überreden suchen, indem er ihre Gemüter durch allerlei Kunstgriffe und Trugschlüsse, durch Prunk und Glanz der Gedanken und Worte berückt und blendet; sondern seine Aufgabe ist, durch eine gründliche Beweisführung seine Zuhörer von der Wahrheit der Sache zu überzeugen. Ein großer Redner muß daher zugleich auch ein sittlich guter Mann sein14.
8. Zu der sittlichen Grundlage, die als die erste und notwendigste Eigenschaft des Redners anzusehen ist, müssen noch folgende Eigenschaften hinzutreten:
Gute natürliche Anlagen des Geistes wie des Körpers, wie schnelle Beweglichkeit des Geistes, Scharfsinn, ein gutes Gedächtnis, eine wohlgelöste Zunge, eine klangvolle Stimme, eine starke Brust, überhaupt eine kräftige Gesundheit, eine gute Gesichts- und Körperbildung15. Von großem Nutzen für den Redner ist auch Laune und Witz16.
Eifer, Fleiß und begeisterte Liebe zum Beruf nebst der Kenntnis der Vorschriften der Rhetorik17.
Angestrengte Übung, teils mündliche im Reden sowohl aus dem Stegreif als auch nach vorausgegangener Überlegung, teils und zwar ganz besonders im Schreiben; ferner Übung der Stimme und des Gedächtnisses; endlich Führung von Rechtshändeln18.
Lesen der Dichter, Studium der Geschichte und aller edlen Wissenschaften, namentlich der Dialektik, des bürgerlichen Rechtes, der Gesetze, des Altertums, der ganzen Staatskunst, endlich eine Sammlung sinnreicher Witzworte19.
9. Bei der Abfassung einer Rede hat der Redner nach der Lehre der Alten folgende Grundsätze zu beobachten: Er soll ausfindig machen, was zu sagen ist; er soll den Stoff richtig anordnen; er soll seine Gedanken und Sachen gut darstellen; er soll seine Rede dem Gedächtnis anvertrauen; er soll endlich die Rede gut vortragen. Die Rhetorik behandelt daher fünf Punkte:
Die Erfindung (inventio), die Erfindung der in der Rede vorzutragenden Sachen, Gedanken, Beweisgründe, kurz des ganzen zu behandelnden Stoffes. Hierbei hat der Redner zu beachten, daß seine Verpflichtung eine dreifache sei: Er soll seine Zuhörer belehren, ihre Zuneigung gewinnen und ihre Gemüter rühren. Dieser Gegenstand wird von Crassus im zweiten Buch von Kap. 27 bis 53 ausführlich behandelt20; die Lehre aber vom Witz, die auch hierher gehört, wird von Caesar sehr gründlich erörtert von Kap. 54 bis 71.
Die Anordnung (ordo, collocatio), die passende Stellung der Tatsachen und Beweisgründe. Sie ist eine doppelte, nämlich die eine, welche die Beschaffenheit der zu behandelnden Sachen mit sich bringt, die andere, welche durch das Urteil und die Einsicht des Redners gewonnen wird. Die Anordnung gibt auch die richtige Folge der Teile einer Rede, an, nämlich: der Eingang der Rede (exordium); die Entwickelung und Auseinandersetzung des Gegenstandes (narratio); die Beweisführung (confirmatio) zur Begründung der Verhandlung; hiermit pflegt die Widerlegung (refutatio) der Gegengründe verbunden zu sein; der Schluß (peroratio). Über die Anordnung spricht Antonius in dem zweiten Buch von Kap. 76 bis 81 ausführlich21.
Der Ausdruck oder die Darstellung (elocutio) der Sachen und Gedanken. Es wird hier von der Reinheit, Richtigkeit und dem Schmuck der Rede, von den rhetorischen Figuren gesprochen; alsdann werden die drei Hauptarten des Stiles (genera dicendi) abgehandelt, nämlich: der erhabene Stil (genus dicendi sublime); der niedrige Stil (genus dicendi tenue oder subtile oder submissum); der mittlere Stil (genus dicendi mediocre oder temperatum). Die Lehre vom Ausdruck wird von Crassus im dritten Buch von Kap. 10 bis 55 sehr weitläufig vorgetragen22.
Das Gedächtnis (memoria); hier wird die Lehre von der Mnemonik oder Mnemoneutik (Gedächtniskunst) vorgetragen. Über das Gedächtnis spricht Antonius im zweiten Buch von Kap. 86 bis 88.
Der äußere Vortrag (actio). Hier wird von den Mienen, der Stimme, den Gebärden und dem Anstand gehandelt. Diesen Gegenstand hat Crassus im dritten Buch von Kap. 56 bis 61 behandelt.
1. Im ersten Buch wird im allgemeinen von dem wissenschaftlichen Studium des Redners gesprochen, indem zwischen Crassus und Antonius die Frage behandelt wird, ob die Beredsamkeit als eine Wissenschaft und Kunst anzusehen sei oder ob sie bloß auf einer gewissen Geistesgewandtheit und vielfacher Erfahrung und Übung beruhe. Crassus, der hochgebildete Redner, verteidigt die erstere Ansicht und zeigt, daß die Beredsamkeit eine große und schwierige Kunst sei und einen großen Umfang von Sachkenntnissen erfordere, während der mehr durch natürliche Anlagen als durch wissenschaftliche Studien große Redner Antonius die letztere Ansicht verficht und behauptet, der Redner könne der Philosophie gänzlich entbehren; auch die Kenntnis des bürgerlichen Rechtes sowie die übrigen Kenntnisse, die Crassus vom Redner verlange, seien für einen Redner nicht unumgänglich notwendig; er brauche sich nur auf die Kenntnisse zu beschränken, welche in den gewöhnliche Staatsangelegenheiten und gerichtlichen Verhandlungen erforderlich seien.
2. Im zweiten Buch trägt Antonius, nachdem er von der Beredsamkeit im allgemeinen, von dem Beruf des Redners, von den drei Arten der Rede gesprochen und einige Bemerkungen für den Unterricht in der Redekunst vorausgeschickt hat, die Lehre von der Erfindung vor; die hierher gehörige Lehre vom Witz aber überläßt er dem Caesar. Darauf erörtert Antonius die Lehre von der Anordnung und dem Gedächtnis.
3. Im dritten Buch macht Crassus vorerst einige Bemerkungen über die innige Verbindung, in der die Wissenschaften zu einander stehen; dann legt er seine Ansicht über die Beredsamkeit im allgemeinen dar; zuletzt trägt er die Lehre von der Darstellung vor, die aber durch zwei Abschweifungen unterbrochen wird, von denen die eine zeigt, daß die Kunst des Denkens und die des Redens bei den alten Griechen und Römern vereinigt gewesen seien, die andere von der Einteilung der Reden nach der Ansicht der Philosophen handelt. Nach der Lehre von der Darstellung trägt er die Lehre von dem äußeren Vortrag vor.
4. Was die griechischen Quellen anlangt, die Cicero in diesen Büchern benutzt, so scheint vor allen des Aristoteles Redekunst seine Hauptquelle gewesen zu sein.
5. Die Form, in der Cicero diese Bücher abgefaßt hat, ist die dialogische, deren er sich auch in fast allen philosophischen Schriften bedient hat. Es ist aber nicht die sokratische, wie wir sie aus Platon und Xenophon kennen, sondern die sogenannte aristotelische, die darin besteht, daß einer seine Ansicht in zusammenhängender Rede vorträgt und erörtert, dann ein anderer auftritt und gleichfalls in zusammenhängender Rede entweder die Ansicht des anderen widerlegt oder seine eigene Ansicht entwickelt. Wenn diese zusammenhängenden Vorträge zuweilen durch Fragen oder Einwürfe unterbrochen werden, so geschieht dies bloß, um dem Vortrag einige Abwechslung zu verleihen. Von der kunstvollen dramatischen Form, die wir in den platonischen Dialogen bewundern, hat Cicero in den Eingängen der Gespräche auf eine sehr anziehende Weise Gebrauch gemacht, indem er uns die Personen, die an diesen Gesprächen teilnehmen, so vorführt und auf eine ihrem Wesen und Charakter sowie ihrer Stellung im Leben und im Staat entsprechende Weise reden und handeln läßt, daß uns von jeder derselben ein klares und deutliches Bild vorschwebt. Dabei ist auch der Ort, wo die Gespräche gehalten werden, mit so lebhaften Farben geschildert, daß wir den Schauplatz der redenden Personen gleichsam vor unseren Augen liegen sehen. Den Anstand, die Würde, den feinen Ton angesehener und gebildeter Römer in ihrem geselligen Verkehr können wir aus keiner Schrift des Altertums so schön und so deutlich kennenlernen wie aus diesen Büchern. Die Rollen der Gespräche sind unter die auftretenden Personen ihren natürlichen Anlagen, ihrem Bildungsgang und ihren wissenschaftlichen Beschäftigungen gemäß verteilt.
6. Der Ort, wo Cicero diese Gespräche halten läßt, ist ein Landgut des Lucius Licinius Crassus, und die Zeit das stürmische Jahr 663 nach Roms Erbauung (91 v. Chr.) unter dem Konsulat des Lucius Marcus Philippus und Sextus Julius Caesar, einige Tage vor dem Tod des Crassus23. Cicero war damals sechzehn Jahre alt. Herausgegeben wurden diese drei Bücher vom Redner (54 v. Chr.), unter dem Konsulat des Lucius Domitius Ahenobarbus und Appius Claudius Pulcher. Sie werden wegen der Gediegenheit des Inhaltes, wegen der kunstvollen und geschmackvollen Behandlung des Gegenstandes und wegen der vollendeten Schönheit der Sprache mit Recht zu den vorzüglichsten Werken Ciceros gerechnet.
1. Die beiden Hauptrollen sind den beiden größten Rednern des vorciceronianischen Zeitalters, Antonius und Crassus, übertragen. Durch sie, und ganz besonders durch Crassus, spricht Cicero seine Ansichten und Erfahrungen über die Beredsamkeit aus. In der Person des Crassus schildert er sich gewissermaßen selbst, und die erhabenen Ansichten, die er selbst von dem Wesen der Beredsamkeit hatte, legt er dem Crassus in den Mund. Aber nicht bloß, was Crassus im ersten Buch über die Beredsamkeit-im allgemeinen und im: dritten Buch über die Darstellung und den äußeren Vortrag lehrt, sondern auch, was im zweiten Buch Antonius über die Erfindung, die, Anordnung und das Gedächtnis und Caesar über den Witz vortragen, gen, müssen wir als Ciceros Ansichten betrachten. Er hat sie aber verschiedenen Personen in den Mund gelegt und läßt außerdem auch noch andere Personen an den Unterredungen teilnehmen und ihre Ansichten aussprechen, um der Rede und Handlung mehr Abwechslung, Reiz, Anmut und dramatisches Leben zu geben.
2. Marcus Antonius, Sohn des Gaius Antonius, war unter dem Konsulat des Appius Claudius Pulcher und Quintus Metellus Macedonicus (143 -v. Chr.) geboren. Cicero pflegt ihn zum Unterschied von anderen desselben Namens Antonius den Redner zu nennen. Söhne von ihm waren der Antonius, der mit Cicero Konsul war, und der Antonius, der der Vater des nachmaligen Triumvir war, durch den Cicero getötet wurde. Von seinen früheren Jahren ist nur wenig bekannt. Quästor war er in Asien 113 v. Chr. Als Prätor wurde er 103 v. Chr. mit prokonsularischer Macht nach Cilicien gegen die Seeräuber geschickt24. Nach Besiegung derselben triumphierte er in dem darauffolgenden Jahr. In dem Konsulat, das er mit Aulus Postumius führte (99), hatte er den aufrührerischen und unruhigen Volkstribunen Sextus Titius zum Gegner, den er wegen mehrerer gefährlicher Gesetzesvorschläge, besonders wegen eines Ackergesetzes anklagte25. In der Censur, die er 97 mit Lucius Valerius Flaccus verwaltete, stieß er den Marcus Duronius, der ein Aufwandsgesetz aufheben wollte, aus dem Senat, wurde aber noch während seiner Censur von dem Duronius angeklagt, er habe sein Amt durch Bestechung erlangt. In dem zwischen Sulla und Marius ausgebrochenen Bürgerkrieg wurde er auf Befehl des Cinna getötet (87) und sein Haupt auf der Rednerbühne, auf der er so häufig für die Wohlfahrt des Staates und seiner Mitbürger geredet hatte, aufgesteckt26.
3. Von den vielen Reden, die er hielt, werden mehrere von Cicero und anderen Schriftstellern namentlich angeführt27. Schriftlich hat er weiter nichts hinterlassen als ein kleines Büchlein über die Redekunst, das, wie er selbst erklärt28, ihm in seiner Jugend wider Willen entschlüpft und ins Publikum gekommen war. Daß dasselbe noch zu seiner Zeit vorhanden gewesen sei, erzählt Quintilian29. Die Redeweise des Antonius war kräftig, feurig, leidenschaftlich im Vortrag, sich nach allen Seiten hin verwahrend, den Kern der Sache erfassend, bei jedem Gegenstand verweilend, mit Anstand sich zurückziehend, hitzig verfolgend, in Schrecken setzend, flehend, ausgezeichnet durch die größte Mannigfaltigkeit der Rede, nie langweilend. Besonders tat er sich hervor durch leichte Auffassung, Scharfsinn, durchdringenden Verstand und Klarheit des Denkens, so daß er sofort die nötigen Sachen, Gedanken und Beweisgründe auffand und alles auf das zweckmäßigste und wirksamste zu ordnen verstand. Dabei besaß er ein vortreffliches Gedächtnis; wenn er redete, hatte man nie den Gedanken, er habe seine Rede auswendig gelernt, sondern er schien immer unvorbereitet aufzutreten. Daher erteilt ihm, Cicero im zweiten Buch den Vortrag über die Erfindung, Anordnung und das Gedächtnis. Auf seinen Ausdruck legte er wenig Sorgfalt; aber in der Auswahl, Stellung und Verbindung der Worte und noch mehr in der Ausschmückung der Gedanken und der dahin gehörigen Redefiguren zeigte er sich als wahrer Künstler. Als ganz vorzüglich wird auch sein äußerer Vortrag gerühmt. Seine Gebärden drückten nicht die einzelnen Worte aus, aber sie entsprachen den Gedanken; Hände, Schultern, Brust, das Aufstampfen mit dem Fuß, die Stellung, der Gang und jede Bewegung stand mit den Sachen und Gedanken in Einklang. Seine Stimme hatte Ausdauer, war aber von Natur etwas heiser; doch kam ihm dieser Fehler bei traurigen Stellen gut zustatten, indem der klagende Ton seiner Stimme geeignet war, teils Vertrauen einzuflößen, teils Mitleid zu erregen30.
4. Die Größe seiner Beredsamkeit verdankte er vorzüglich seiner hohen geistigen Begabung, weit weniger seinen gelehrten Studien. Erst spät und nur oberflächlich befaßte er sich mit der griechischen Literatur. Doch da er sich als Prokonsul mehrere Tage in Athen aufhielt, hatte er täglich die gelehrtesten Griechen um sich, die ihm ihre Ansichten über die Pflicht und die Wissenschaft des Redners vortrugen31. Aber auf eine gelehrte Bildung legte er wenig Wert, und er stellt daher im ersten Buch die Behauptung auf, daß die natürlichen Anlagen und die Erfahrung den Redner bilden. Selbst Rechtswissenschaft, die doch in enger Beziehung zu dem Beruf des Redners steht, hatte er nicht erlernt, und er erklärte, die Kenntnis derselben sei für den Redner nicht unumgänglich notwendig32.
5. Lucius Licinius Crassus, Sohn des Publius Licinius Crassus, war unter dem Konsulat des Gaius Laelius und Quintus Servilius Caepio (140 v.Chr.) geboren. Seine Gemahlin, die Tochter des Augurs Quintus Mucius Scaevola, der der Unterredung des ersten Tages beiwohnte, und die Enkelin des weisen Laelius, gebar ihm zwei Töchter33, von denen die ältere an Publius Scipio Nasica verheiratet war. Im Jahr 108 v. Chr. war er Quästor in Asien, wo er unter der Leitung des Metrodoros aus Skepsis, eines Rhetors von der Schule der neueren Akademie, die griechischen Wissenschaften kennenlernte34. Auf seiner Rückreise verweilte er längene Zeit in Athen, wo er die ausgezeichnetsten Philosophen der neuen Akademie hörte35. Drei Jahre darauf wurde er Volkstribun. Als curulischer Ädil (103) scheute er keine Kosten, um die öffentlichen Spiele recht prachtvoll zu geben36. Die Prätur erlangte er 106 und das Konsulat 95. Da damals viele Italer sich für römische Bürger ausgaben, die das Bürgerrecht nicht hatten, erließ er in Gemeinschaft mit seinem Amtsgenossen Quintus Mucius Scaevola (der zur Unterscheidung von dem Augur Scaevola der Oberpriester genannt zu werden pflegt) das Licinische und Mucianische Gesetz, wodurch bestimmt wurde, daß niemand für einen römischen Bürger gelten solle, der es nicht sei. Unmittelbar darauf erhielt er als Prokonsul die Provinz Gallien. Als Censor (93) erließ er mit seinem Amtsgenossen Gnaeus Domitius Ahenobarbus, wie wir oben (II 6) gesehen haben, eine Verordnung, durch welche die Schulen der lateinischen Rhetoren geschlossen wurden. Die Verschiedenheit des Charakters beider Censoren war die Ursache vieler Streitigkeiten unter ihnen37. Auch war er Augur38. Er starb 91 v. Chr. in seinem fünfzigsten Lebensjahr, unter dem Konsulat des Lucius Marcius. Philippus und Sextus Iulius Caesar, zehn Tage nach diesen von Cicero aufgezeichneten Unterredungen, infolge der zu großen Anstrengung, mit der er im Senat gegen den leidenschaftlichen Konsul Philippus gesprochen hatte39. Sein Tod wird von Cicero zu Anfang des dritten Buches vom Redner auf wahrhaft ergreifende Weise und in unvergleichlich schöner Sprache erzählt.
6. Schon in früher Jugend trat er als Redner auf40. In seinem zweiundzwanzigsten Jahr klagte er den Gaius Carbo, einen sehr angesehenen und beredten Mann, wegen seines aufrührerischen Tribunats an, erregte durch die gewaltige Beredsamkeit, mit der er den Carbo niedergedonnert hatte, allgemeine Bewunderung und erntete das größte Lob ein41, und in kurzer Zeit wurde er zu den ersten Rednern gezählt. Von seinen vielen Reden führt Cicero42 mehrere namentlich an; die berühmtesten derselben sind die eben genannte, die für die Jungfrau Licinia, die für Gnaeus Plancus gegen Marcus Brutus, die für den Manius Curius gegen Scaevola, den Oberpriester, und seine letzte Rede (cygnea vox), die er im Senat gegen den Konsul Philippus hielt, von der, wie Cicero43 berichtet, alle Einsichtsvollen einstimmig geurteilt hatten, Crassus habe zu jeder Zeit alle anderen Redner, an jenem Tag aber sich selbst übertroffen. Von einigen seiner Reden sind noch einzelne Bruchstücke aufbewahrt, die, so spärlich sie auch sind, uns doch die Vortrefflichkeit seiner Beredsamkeit erkennen lassen. Von der wahrhaft erschütternden Gewalt seiner Rede gibt uns das aus seiner letzten Rede von Cicero44 aufbewahrte herrliche Bruchstück einen glänzenden Beweis.
7. Was seinen Bildungsgang betrifft, so wird uns berichtet, daß Lucius Caelius Antipater, der eine Geschichte des zweiten punischen Krieges schrieb und auch der Rechtswissenschaft kundig war, sein Lehrer war und daß er mit dem Dichter Archias in freundschaftlichem Verkehr lebte45. Daß er bei seinem Aufenthalt in Asien und Athen die Vorträge griechischer Philosophen und Rhetoren hörte, haben wir kurz zuvor (Abschnitt 5) gesehen. Das Griechische sprach er mit derselben Geläufigkeit wie seine Muttersprache46. Wie er sich in seiner Jugend durch Wiederholung gelesener Stellen aus Dichtern und Rednern und durch Übersetzen griechischer Redner ins Lateinische in der Ausbildung seiner Rede geübt habe, erzählt er uns selbst.47 Obwohl schon seit seiner frühen Jugend von vielen Berufsgeschäften in Anspruch genommen, hatte er sich doch umfassende gelehrte Kenntnisse angeeignet, obgleich er den Schein eines Gelehrten auf jede Weise zu vermeiden suchte. Die griechischen Gelehrten schätzte er wegen ihrer Gelehrsamkeit, ihres Geschmackes und ihrer Gewandtheit im Reden; aber ihre spitzfindigen und kleinlichen Streitigkeiten verwarf er. In der Rechtswissenschaft war er ganz besonders erfahren, und da diese zu seiner Zeit noch wenig geordnet war, gedachte er, von ihr ein wissenschaftliches Lehrgebäude auszuarbeiten und herauszugeben48.
8. Mit seinen ausgezeichneten Geistesgaben und seiner umfassenden Gelehrsamkeit verband er einen edlen und liebenswürdigen Charakter. Würde, Ernst und Strenge waren mit Freundlichkeit, Milde und Leutseligkeit gepaart. Auch besaß er feinen Scherz und Witz. Auf die Ausarbeitung seiner Reden verwandte er große Sorgfalt; in der Erörterung der Sachen zeigte er dialektischen Scharfsinn. Sooft es sich um die Rechtswissenschaft, um Recht und Billigkeit handelte, entwickelte er einen großen Reichtum an Beweisgründen und Beispielen. Seine Darstellung zeichnete sich durch Genauigkeit, Geschmack und Schönheit aus, ohne jedoch eine peinliche Ängstlichkeit zu verraten, und, was schwierig ist, er verstand den größten Schmuck und die größte Kürze der Rede zu verbinden. Sein äußerer Vortrag war ruhig, gemessen und würdig; nicht warf er den Körper viel hin und her, nicht wandte er in der Stimme eine künstliche Tongebung an, nicht lief er auf der Rednerbühne auf und ab, nicht stampfte er häufig mit dem Fuß; aber wo es not tat, wurde sein Vortrag feurig und zuweilen zornig und voll des gerechten Schmerzes49. Wegen seiner großen Geschicklichkeit in der Darstellung und im äußeren Vortrag läßt Cicero den Crassus im dritten Buch diese beiden Gegenstände abhandeln. Zu Antonius bildet Crassus einen Gegensatz, indem jener den praktischen Redner darstellt und die Beredsamkeit als eine durch natürliche Anlagen und Erfahrung gewonnene Redegewandtheit betrachtet, dieser dagegen den gelehrten und wissenschaftlich gebildeten Redner vertritt und die Beredsamkeit als eine hohe und schwierige Wissenschaft und Kunst ansieht.
9. Quintus Mucius Scaevola mit dem Beinamen Augur, Schwiegersohn des weisen Laelius und Schwiegervater des genannten Crassus, war zur Zeit der in unseren Büchern mitgeteilten Unterredungen ein Greis von achtzig Jahren. Im Jahr 121 v. Chr. war er Prätor in Asien und 117 Konsul mit Lucius Caecilius Metellus. Er zeichnete sich durch gründliche Kenntnis der Rechtswissenschaft aus, die gleichsam ein Erbgut der Mucischen50 Familie war. Daher läßt ihn Cicero im ersten Buch einiges für die Rechtswissenschaft sagen. Auch hatte er sich unter dem berühmten stoischen Philosophen Panaitios mit der Philosophie beschäftigt51. Bis in sein spätestes Alter, selbst bei schon geschwächter Gesundheit, bewies er als Senator und Rechtsgelehrter eine unermüdliche Tätigkeit, und sobald der Tag anbrach, gab er allen, die sich bei ihm wegen des Rechtes Rats erholen wollten, Zutritt52. Dabei besaß er in seinem Benehmen eine ausnehmende Liebenswürdigkeit53. Zu ihm wurde Cicero nach Annahme der Männertoga von seinem Vater geführt, um von ihm die Rechtswissenschaft zu erlernen54. Cicero läßt ihn nur an der ersten Unterredung im ersten Buch teilnehmen und noch an demselben Tag abends die Gesellschaft verlassen.
10. Gaius Aurelius Cotta und Publius Sulpicius Rufus, zwei junge hoffnungsvolle Männer, waren beide in demselben Jahr (124 v. Chr.) zu Rom geboren, also zur Zeit dieser Gespräche dreiunddreißig Jahre alt. Diese beiden jungen Männer, die den Crassus auf seinem Landgut besuchten, wohin auch Antonius und Scaevola kamen, sind die Veranlassung zu diesen Gesprächen, indem sie, nachdem Crassus die Rede auf die Beredsamkeit gebracht hatte, die beiden großen Redner ersuchten, ihre Ansicht über diese Kunst ausführlich darzulegen. Cotta bewarb sich gerade damals um das Volkstribunat. Da er aber nach dem Varischen Gesetz, nach welchem diejenigen, welche die Bundesgenossen zum Krieg gegen Rom gereizt hatten, zur Untersuchung gezogen werden sollten, angeklagt wurde; so begab er sich in eine freiwillige Verbannung55, aus der er 82 v. Chr. zurückkehrte. 75 erhielt er mit Livius Octavius die Konsulwürde. Nach dem Konsulat wurde ihm die Provinz Gallien zuteil, wo er starb56.
11. Er war ein Freund des Cicero und hatte diesem die in diesen Büchern enthaltenen Unterredungen mitgeteilt57. Mit der Philosophie der neuen Akademiker hatte er sich sorgfältig beschäftigt, weshalb ihn auch Cicero im dritten Buch Vom Wesen der Götter als Akademiker gegen die Ansichten Epikurs und Zenons auftreten läßt. Auch ein tüchtiger Redner58 war er, besonders stark im Erfinden. Seine Rede war rein und fließend, gefeilt und fein, ihren Gegenstand mit den geeignetsten Worten entwickelnd, immer bei der Sache bleibend und sich auf die wichtigsten Beweise mit aller Kraft legend. Da er eine schwache Brust hatte, so wußte er auf sehr geschickte Weise alle Anstrengungen zu mäßigen und seine Reden so nach der Schwäche seiner Kräfte einzurichten. Alles war in seiner Rede natürlich, schlicht und gesund, und obwohl er durch die Heftigkeit der Rede die Gemüter der Richter nicht bewegen konnte und überhaupt diese Redegattung nicht gebrauchte, so wußte er doch durch seine Behandlungsweise so auf sie einzuwirken, daß sie dasselbe taten, von ihm dazu bewogen, wie wenn sie von Sulpicius leidenschaftlich aufgeregt waren. Er ahmte den Antonius nach; aber es fehlte ihm dessen Kraft und Nachdruck.
12. Sein Altersgenosse, Publius Sulpicius Rufus, war 93 v. Chr. Quästor und 90 und 89 Legat im Bundesgenossenkrieg unter Gnaeus Pompeius Strabo. Bis zum Volkstribunat, das er 88 unter dem Konsulat des Lucius Sulla und Quintus Pompeius erlangte, war sein Benehmen ohne allen Tadel. Als Volkstribun stand er anfänglich auf der Seite der Patrioten, bald aber, durch Ehrgeiz verleitet, ging er zu der Volkspartei über und zeigte sich durch aufrührerische Gesetzesvorschläge dem Staat verderblich. So tat er, von Marius gewonnen, den Vorschlag, daß der Oberbefehl im Mithridatischen Krieg, den Sulla vom Staat erhalten hatte, dem Marius übertragen werde. Dieser Vorschlag wurde auch bestätigt und entzündete den furchtbaren Bürgerkrieg zwischen Marius und Sulla. Der letztere zog jetzt mit seinem nach Asien bestimmten Heer vor Rom, rückte in die Stadt ein und besiegte den Marius. Marius und Sulpicius ergriffen die Flucht, wurden aber in die Acht erklärt. Sulpicius hielt sich auf einem Landgut verborgen, wurde aber, auf die Anzeige eines seiner Sklaven entdeckt, getötet und sein Haupt auf der Rednerbühne aufgesteckt.
13. Des Sulpicius Beredsamkeit hatte einen großartigen, fast tragischen Charakter59. Seine Rede war feurig und rasch, ohne jedoch das rechte Maß zu überschreiten. Seine Kraft im Reden, seine Lieblichkeit, seine Kürze war so groß, daß er teils Einsichtsvolle zum Irrtum, teils Gutgesinnte zu weniger guten Gesinnungen verleiten konnte60. Sein äußerer Vortrag wird von Cicero61 als ganz unvergleichlich geschildert. Hinsichtlich der Bewegungen und der ganzen Haltung und Bildung des Körpers war er auf das vortrefflichste ausgestattet; seine Stimme war voll, lieblich, hellklingend; in allen seinen Bewegungen zeigte er den würdevollsten Anstand. Als junger Mann von dreißig Jahren erregte er durch die Rede, in der er den Norbanus anklagte, durch das Feuer und die Gewalt seiner Rede allgemeine Bewunderung. Aber es fehlte ihm die wissenschaftliche Bildung, und das Studium der Philosophie verschmähte er gänzlich; die Kenntnis der gerichtlichen und öffentlichen Verhandlung genügte ihm für die Beredsamkeit, und selbst hiervon war ihm vieles unbekannt, was er dann erst aufsuchte, wenn es die Sache, die er verhandeln sollte, verlangte62. Den Crassus, zu dessen großartiger und herrlicher Redeweise ihn seine eigene Naturanlage leitete, suchte er nachzuahmen und schaute ihn stets mit ganzem Geist und Gemüt als sein Vorbild an; aber erreichen konnte er ihn nicht; dazu fehlte ihm die wissenschaftliche Bildung und der feine Witz des Crassus63.
14. Am zweiten Tag unserer Gespräche kommen noch zwei Männer zu Crassus und nehmen an den Unterredungen teil, nämlich die beiden Brüder Quintus Lutatius Catulus und Gaius Julius Caesar Strabo. Beide hatten die Popilia zur Mutter; ihre Väter aber waren verschieden, da Popilia sich zum zweiten Mal mit Lucius Caesar verheiratet hatte. Catulus, 102 v. Chr. mit Gaius Marius Konsul, ist eine aus der Geschichte, namentlich durch den Sieg, den er in Gemeinschaft mit Marius über die Cimbern erkämpfte, hinlänglich bekannte Persönlichkeit. Später wurde Marius sein ärgster Feind und erteilte den Befehl zu seiner Ermordung; doch kam dieser demselben zuvor, indem er sich selbst das Leben nahm.
15. Aber nicht bloß ein großer Feldherr war Catulus, sondern auch ein sehr gelehrter Mann64. In der Literatur war er sehr bewandert. Von der griechischen Sprache hatte er wie von seiner Muttersprache die feinste Kenntnis. Über sein Konsulat und seine Taten schrieb er ein Buch in der sanften xenophonteischen Schreibart. Der Ton seiner Stimme war angenehm, namentlich wurde die sanfte Art, die Laute der Worte auszusprechen, gelobt. Wegen seiner Bekanntschaft mit der griechischen Literatur läßt ihn Cicero im dritten Buch vom Redner (Kap. 32) reden. Seine Rede zeichnete sich durch die größte Reinheit aus; sie war ferner gewichtvoll, doch so, daß sie mit der größten Würde alle Leutseligkeit und heitere Laune verband, kurz, so ausgearbeitet, daß durch jeden Zusatz oder Veränderung oder Weglassung sein Vortrag verschlechtert worden wäre65. Aber bei allen diesen Vorzügen gelang es ihm nicht, das Lob eines großen Sachwalters zu erreichen66.
16. Gaius Julius Caesar Strabo67, der jüngere Bruder des Catulus, wie wir eben gesehen haben, war 95 v. Chr. Quästor und 90 curulischer Adil. Im Jahr 87 wurde er von Marius ermordet. Als Redner übertraf er alle früheren und gleichzeitigen Redner an feinem Witz und Scherz und heiterer Laune. Daher läßt ihn Cicero im zweiten Buch vom Redner einen ausführlichen Vortrag über den Witz halten. Eine ganz besondere Art der Beredsamkeit führte er ein, indem er tragische Gegenstände fast komisch, traurige scherzhaft, ernste heiter, gerichtliche mit einer beinahe schauspielmäßigen Anmut behandelte, und zwar so geschickt, daß weder der Scherz durch die Größe der Gegenstände aufgehoben noch der Ernst durch den Witz vermindert wurde68. Aber das Feuer, die Kraft und der Nachdruck der Rede fehlte ihm. Auch hat er Trauerspiele geschrieben, die, wie seine Reden, sanft und ruhig waren, aber des Nachdruckes entbehrten69.
Cicero erklärt, daß er durch die Bitten seines Bruders Quintus bestimmt worden sei, seine Gedanken über die Redekunst niederzuschreiben (Kap. I-II § 4 und 5). Darauf untersucht er die Frage, warum alle anderen Fächer eine größere Anzahl ausgezeichneter Männer aufzuweisen haben als die Beredsamkeit, obwohl sie einerseits nicht aus tiefen und verborgenen Quellen geschöpft werde, andererseits das größte Vergnügen gewähre und die glänzendsten Belohnungen zu erwarten habe (II 6-IV). Den Grund dieser Erscheinung findet er in der unglaublichen Größe und Schwierigkeit der Redekunst; denn sie ist aus dem gemeinsamen Zusammenwirken mehrerer Wissenschaften hervorgegangen (V-VI 20). Obwohl es die Aufgabe des Redners ist, über jeden Gegenstand, der ihm vorgelegt wird, mit Geschmack und Fülle zu reden, will er jedoch sich nur auf die gerichtlichen Reden und Beratschlagungen beschränken und das mitteilen, was einst die beredtesten Männer seines Volkes einer Unterredung über die Beredsamkeit abgehandelt haben (VI 21-23). – Veranlassung zu den folgenden Unterredungen. Aufzählung der an diesen Unterredungen teilnehmenden Personen (VII).
1. Crassus beginnt die Unterredung mit einem Lob der Beredsamkeit, indem er sie als die erhabenste aller Wissenschaften beschreibt und sie die Gründerin, Lenkerin und Erhalterin der Staaten nennt (VIII). – Scaevola macht hiergegen folgende Einwendungen: a) die Staaten seien nicht von beredten Männern gegründet und erhalten, sondern von weisen und tapferen Männern (IX-X40). b) die Behauptung des Crassus, der Redner könne sich in jeder Art von Vorträgen und wissenschaftlichen Erörterungen mit der größten Fülle bewegen, sei übertrieben und überschreite das Gebiet des Redners (X41-44). – Crassus verteidigt dagegen seine Behauptung, indem er zeigt, mit Unrecht werde der Redner durch die Philosophen von aller Gelehrsamkeit höherer Wissenschaft ausgeschlossen und auf die Gerichte und Volksversamlungen beschränkt. Denn auch zugegeben, daß des Redners Beruf so beschränkt sei, so muß er doch eine gründliche Kenntnis aller öffentlichen Angelegenheiten, der Gesetze der Sitte, des Rechtes, des Wesens und der Sitten der Menschen sitzen (XI). Auch das schönste und zierlichste Wortgepräge sei unsinnig, wenn ihm keine Gedanken und keine Wissenschaft zugrunde liege (XII). Viele Gegenstände entlehnt der Redner allerdings von der Philosophie und von anderen Wissenschaften; aber die Fähigkeit, über diese Gegenstände mit Geschmack, Würde und Anmut zu reden, ist als das Eigentum des Redners anzusehen (XIII-XV 67). Der Teil der Philosophie aber, der die Lehre von dem Leben und;den Sitten umfaßt, muß von dem Redner ebenso gründlich erlernt werden wie von dem Philosophen (XV 68). In allen Wissenschaften muß also der Redner vollkommen bewandert sein; denn wenn er auch von ihnen selbst beim Reden keinen Gebrauch macht, so ist doch sichtbar, ob er dieselben erlernt habe oder nicht (XVI). – Scaevola billigt jetzt des Crassus Ansicht (XVII). – Antonius wendet gegen Crassus ein, a) daß die Aufgabe des Crassus für den Redner zu schwer sei, b) daß die von Crassus geforderte Beredsamkeit sich für das Volk und die Gerichte nicht eigne. Darauf führt er die Ansichten mehrerer Gelehrten über die Pflicht und die Wissenschaft des Redners an (XVIII-XX). Zuletzt fügt er eine Lobeserhebung des Crassus hinzu (XXI 94-96). – Sulpicius, Cotta und Scaevola bitten den Crassus, seine Ansicht über die Beredsamkeit darzulegen (XXI 97-XXII 101). – Sulpicius legt dem Crassus die Frage vor, ob es eine Wissenschaft der Beredsamkeit gebe (XXII 102-XXIII 106).
2. Crassus behauptet nun, wenn der Begriff der Wissenschaft so bestimmt wird, daß sie aus gründlich erforschten und deutlich erkannten Sätzen bestehe, so gebe es keine Wissenschaft der Beredsamkeit; wenn man aber die in der Erfahrung und Behandlung der Rede gemachten und von einsichtsvollen Männern in einer richtigen Ordnung aufgezeichneten Beobachtungen unter Wissenschaft verstehen wolle, so könne die Beredsamkeit als eine Wissenschaft angesehen werden (XXIII 107-109).
3. Nach einer kurzen Bemerkung des Antonius (XXIV) zeigt Crassus,
a) das erste Erfordernis zur Beredsamkeit bestehe in den natürlichen Anlagen, z. B. in schneller Beweglichkeit des Geistes, in Scharfsinn, in einem guten Gedächtnis; ferner in einer wohlgelösten Zunge, einer klangvollen Stimme, einer starken Brust, einer kräftigen Leibesbeschaffenheit und in guter Gesichts- und Körperbildung (XXV). Zugleich muß der Redner auch eine gewisse Schüchternheit besitzen (XXVI). – Antonius fügt die Ursachen hinzu, warum gerade die ausgezeichnetsten Redner sich beim Beginn beunruhigt fühlen (XXVII), und billigt alsdann des Crassus Behauptung, daß der Redner viele Naturgaben besitzen müsse, wenn ihm der Lehrmeister förderlich sein solle. Hierauf bemerkt Crassus, daß trotz der großen Schwierigkeit der Beredsamkeit doch von den meisten weit weniger Sorgfalt auf dieselbe verwendet werde als auf andere Künste (XXVIII). Wenn aber jemand von Natur weniger begabt ist, so kann er es doch durch eine besonnene Benutzung seiner Fähigkeiten dahin bringen, daß er so redet, daß er den Anstand nicht verletzt (XXIX).
b) Als das zweite Erfordernis zur Beredsamkeit führt Crassus Eifer und begeisterte Liebe an nebst der Kenntnis der zum Ziel führenden Wege (XXX). Man muß sich also mit folgenden Regeln bekannt machen: Es ist die Pflicht des Redners, überzeugend zu reden. Jede Rede behandelt entweder einen allgemeinen Gegenstand ohne Bezeichnung der Personen und Zeiten oder einen bestimmten Gegenstand mit bestimmten Personen, und Zeiten. – Die Reden der letzteren Art zerfallen in gerichtliche, beratende und in solche, welche sich mit dem Lob oder dem Tadel der Menschen beschäftigen. Für alle drei Arten gibt es gewisse Beweisquellen. – Die Redekunst wird in folgende fünf Teile zerlegt: Erfindung, Anordnung, Darstellung, Gedächtnis, äußeren Vortrag. – Die Rede zerfällt in folgende Teile: Eingang, Erzählung des Gegenstandes, Feststellung des Streitpunktes, Beweis der eigenen Behauptung, Widerlegung der Einwürfe, Schluß (XXXI-XXXII146).
c) Als das dritte Erfordernis zur Beredsamkeit führt Crassus die Übung an. Zuerst empfiehlt er Vorübungen im Reden über angenommene Fälle, die den gerichtlichen Verhandlungen ähnlich sind. Mündliche Übung im Reden aus dem Stegreif ist nützlich, aber nützlicher nach vorhergegangener Überlegung und Vorbereitung: das hauptsächlichste Bildungsmittel des Redners besteht darin, daß man soviel als möglich schreibt (XXXII 147-XXXIII). Die Übung, nach einer inhaltsschweren Dichterstelle oder einer genau gelesenen Rede über den nämlichen Gegenstand zu reden, wird verworfen, dagegen das freie Übersetzen ausgezeichneter griechischer Reden sehr empfohlen. – Bei der Übung der Stimme, des Atems und des ganzen Körpers müssen wir nicht bloß auf die Redner unseren Blick richten, sondern auch auf die Schauspieler. – Das Gedächtnis muß geübt werden durch Auswendiglernen eigener und fremder Schriftstellen, wobei auch die Gedächtniskunst zu Hilfe genommen werden kann. – Nach diesen häuslichen Übungen muß der Redner sich auf das Forum selbst begeben und sich durch Führung von Rechtshändeln üben, von allen Dingen sich Erfahrung einsammeln und seine Geisteskräfte versuchen.
d) Hierzu muß noch hinzukommen das Lesen der Dichter, die Beschäftigung mit der Geschichte und allen edlen Wissenschaften, das Studium der Dialektik, des bürgerlichen Rechtes, der Gesetze, des Altertums, der ganzen Staatskunst, endlich eine Sammlung anmutiger und sinnreicher Witzworte aus dem ganzen Umfang der feineren Bildung (XXXIV).
4. Auf die Bitten der Anwesenden um ausführliche Erörterung der in der Kürze erwähnten Gegenstände (XXXV) zeigt Crassus,
a) daß für die Redner die Kenntnis des bürgerlichen Rechtes von der höchsten Wichtigkeit ist. Beispiele von den Nachteilen, welche die Unkenntnis des bürgerlichen Rechtes einem Redner zuzieht (XXXVII). Diese Unkenntnis ist eines Redners durchaus unwürdig. Beispiele von Rechtshändeln, in denen die Kenntnis des bürgerlichen Rechtes notwendig erfordert wurde, und von solchen, in welchen das Leben und die ganze bürgerliche Wohlfahrt eines Bürgers auf dem Recht beruhte (XXXVIII-XL). Die Unkenntnis des bürgerlichen Rechtes ist um so schimpflicher, als die Erlernung desselben leicht ist, besonders wenn man es in eine kunstgerechte Form bringt (XLI und XLII). Die Erlernung des bürgerlichen Rechtes bietet eine große Annehmlichkeit; denn dasselbe steht mit vielen Wissenschaften in genauer Verbindung (XLIII). Lob der Zwölftafelgesetze und der Weisheit und Klugheit der Römer, die sich in der Feststellung des Rechtes zeigt. An der ausgezeichneten Ausbildung des bürgerlichen Rechtes werden die großen Vorzüge der alten Römer in der Staatsklugheit vor anderen Völkern erkannt (XLIV). Endlich verschafft die Kenntnis des bürgerlichen Rechtes Ehre, Gunst und Ansehen und sichert dem Greisenalter eine ehrenvolle Zuflucht (XLV).
b) Mit der Kenntnis des bürgerlichen Rechtes muß auch die Kenntnis der öffentlichen Rechte, der Geschichte und der ganzen Staatskunst verbunden werden. Schilderung eines vollkommenen Redners (XLVI).
5. Auf den Rat des Crassus ersuchen Cotta und Sulpicius den Antonius, seine Ansicht über die Beredsamkeit zu entwickeln (XLVII). Nachdem Antonius die Bemerkung vorausgeschickt hat, er werde nicht von der Kunst reden, die er nie erlernt habe, sondern nur von seiner Gewohnheit (XLVIII), setzt er den Begriff des Redners fest. Während Crassus den für einen Redner hielt, der die gesamte Kenntnis aller Wissenschaften besitzt,
a) beschränkt Antonius den Begriff des Redners so, daß er den für einen Redner hält, welcher in gerichtlichen und öffentlichen Verhandlungen angenehm und überzeugend zu reden versteht und außerdem eine gute Stimme, äußeren Vortrag und einen gewissen Witz besitzt (XLIX), gibt jedoch zu, daß es zur Ausschmückung der Rede nützlich sei, daß der Redner sich in den Wissenschaften umgesehen habe; diese Kenntnisse jedoch sind etwas von der Fertigkeit der Rede Verschiedenes und nicht als Eigentum des Redners anzusehen (L).
b) Der Philosophie kann der Redner entbehren; denn die Lehren der Philosophen sind für das Volk zu abstrakt und stehen sogar oft mit dem Zweck des Redners, mit dem gewöhnlichen Leben und den Sitten des Volkes in Widerspruch (LI). Der Redner hingegen muß die Ansichten, Gedanken, Empfindungen seiner Mitbürger erforschen, um überzeugend zu ihnen reden zu können. Auch die Ausdrucksweise und der Vortrag der Redner widerstrebt oft gänzlich den Ansichten der Philosophen (LII). Beispiele des Rutilius und Sokrates, um die angeführten Behauptungen zu beweisen (LIII und LIV).
c) Die Kenntnis des bürgerlichen Rechtes, so wichtig und nützlich sie auch für den Redner sein mag, ist ihm doch nicht unumgänglich notwendig. Denn in vielen Fällen ist die Rechtswissenschaft unsicher und schwankend, so daß sie dem Redner nichts hilft und nur die Beredsamkeit die Sache entscheiden kann (LV und LVI). – Fälle, in denen über das Recht kein Zweifel obwaltet, pflegen nicht Gegenstand gerichtlicher Untersuchungen zu sein. – In den Fällen aber, wo das Recht streitig ist, kann sich der Redner leicht bei einem tüchtigen Rechtsgelehrten Rats erholen (LVII). – Daß das bürgerliche Recht leicht zu erlernen sei, läßt sich nicht behaupten, da es noch nicht wissenschaftlich geordnet ist und man daher die Dialektik außerdem erlernen muß, um dasselbe wissenschaftlich anzuordnen. – Die Erlernung des bürgerlichen Rechtes bietet keineswegs die von Crassus gepriesene Annehmlichkeit. – Widerlegung der übrigen Vorzüge des bürgerlichen Rechtes, die Crassus angeführt hatte (LVIII-LX). – Auch die übrigen Kenntnisse, die Crassus von dem Redner verlangt, sind für den Redner nicht durchaus erforderlich, da er sie, wenn es not tut, von sachkundigen und gelehrten Männern entlehnen kann (LX). – Die Forderung des Crassus, ein Redner; müsse in seiner Kunst ein Roscius, – d. h. durchaus vollkommen sein, erklärt Antonius für übertrieben. – Wiederholung des oben (XLIX) aufgestellten Begriffes vom Redner. Der Redner beschränke sich also auf die Kenntnisse, welche in den gewöhnlichen Staatsangelegenheiten und gerichtlichen Verhandlungen erforderlich sind, und mit Hintansetzung aller anderen Wissenschaften, so vortrefflich sie auch sein mögen, liege er dieser einen Arbeit mit möglichst großer Anstrengung ob (LXI).
6. Crassus erwidert hierauf, Antonius würdige den Redner zu einem Handlanger herab, während er in seinem Vortrag ein höheres Ziel vor Augen gehabt und das Bild eines vollkommenen Redners habe entwerfen wollen.
Schluß der ersten Unterredungen. – Scaevola verläßt die Gesellschaft (LXII).
Cicero zeigt, a) Crassus und Antonius seien wissenschaftlich gebildete Redner gewesen, obwohl der erstere vorgegeben habe, daß er die Griechen geringschätze, der letztere, daß er sie gar nicht kenne (I 1-4); b) niemand könne sich ohne die wissenschaftliche Erlernung der Redekunst, ja sogar ohne die Kenntnis der gesamten Philosophie in der Beredsamkeit auszeichnen (I 2. II 6.); c) deshalb habe er sich bemüht, die Unterredung dieser beiden großen Redner über die Beredsamkeit schriftlich aufzuzeichnen (II 7.III11).
Quintus Catulus und Gaius Iulius Caesar kommen zu Crassus und nehmen an dem Gespräch teil. Antonius, aufgefordert, seine Ansicht über die Beredsamkeit vorzutragen (III 12-VII 28), zeigt
1. im allgemeinen: a) die Beredsamkeit sei keine Wissenschaft (VII 29-VIII 31); b) doch könnten gewisse Regeln über sie erteilt werden (VIII 32); c) nichts sei herrlicher als ein vollkommener Redner (VIII 33-IX 38).
2. Darauf bestimmt er den Beruf des Redners selbst (X 39-42). Dieser umfaßt: a) die gerichtlichen (genus iudiciale), b) die beratschlagenden (genus deliberativum) Reden, denen von manchen noch hinzugefügt werden c) die Lobreden (laudationes) (X 42-XI 47). Diese drei Arten der Reden hat die Redekunst zu berücksichtigen. Alle anderen Gegenstände, die der Redner zuweilen zu behandeln hat, wie Zeugnisse, Aufträge, Verweise, Aufmunterungen, Tröstungen (XI 48-XII 50), ferner die Geschichtsschreibung, von der eine ziemlich ausführliche Charakteristik gegeben wird (XII 51-XV 64), endlich die unbestimmten Fragen (quaestiones infinitae) (XV 65-XVI 68) bedürfen nicht besonderer Kunstregeln. Wer in der gerichtlichen Beredsamkeit tüchtig ist, wird sich in den eben angeführten Gegenständen auch ohne besondere Kunstregeln zurechtfinden (XVI 69- XVII).
3. Nachdem Antonius die Hauptteile der Redekunst angeführt hat (XIX 77-XX 84), schickt er folgende Bemerkung für den Unterricht in der Redekunst voraus: a) Man muß untersuchen, was jeder leisten könne (XX 85-XXI 88); b) man muß zeigen, wen man nachahmen soll, und zugleich hinzufügen, daß man die vorzüglichsten Eigenschaften des Vorbildes sich anzueignen suchen müsse (XX 88-XXIII 98); c) man muß den zu behandelnden Gegenstand gründlich überlegen und sorgfältig erforschen (XXIV 99-103);d) und alsdann muß man den eigentlichen Streitpunkt festsetzen, wobei es sich fragt, was geschehen ist oder geschieht oder geschehen wird, oder von welcher Beschaffenheit es ist, wie es benannt wird. Bei der Beschaffung und Benennung der Sache handelt es sich oft um die Auslegung von Schriftstellen und um Beseitigung von Zweideutigkeiten (XXIV 104-XXVI 113).
4. Eigentliche Lehre von der Beredsamkeit. Antonius handelt
A. zuerst von der Erfindung (inventio). Die Verpflichtung des Redners ist eine dreifache:
a) Er soll seine Zuhörer belehren, b) ihr Zuneigung gewinnen, c) ihre Gemüter rühren (XXVI 114-115).
a) Der Redner soll seine Zuhörer belehren und von der Wahrheit der Sache, die er verteidigt, überzeugen. Lehre von der Beweisführung. Den Stoff dazu bieten: aa) Sachen, welche nicht vom Redner erfunden werden, sondern, als gegebene Tatsachen, nur zweckmäßig zu behandeln sind, wie Urkunden, Zeugnisse, Verträge, Übereinkünfte, peinliche Untersuchungen, Senatsbeschlüsse, richterliche Entscheidungen, obrigkeitliche Verordnungen, Rechtsgutachten u. dgl.; hier muß man also über die Behandlung der Beweise nachdenken; bb) das, was der Redner aus den, gegebenen Tatsachen zu machen weiß mittels der Erörterung und Beweisführung; hier muß man also über die Erfindung der Beweise nachdenken. Für die einzelnen Arten der Rechtsstreitigkeiten bietet die Redekunst fertige Beweise, Fundstätten (loci) der Beweise. (Beweisquellen) (XXVII 116-XXIX). Zu einer gründlichen Beweisführung ist erforderlich: daß der Redner die erwähnten Fundstätten in Bereitschaft habe; aber mit Nutzen kann sie nur der Redner anwenden, welcher seinen Geist durch Übung, Hören, Lesen und Schreiben tüchtig ausgebildet und sich umfassende Sachkenntnis angeeignet hat (XXX 130 und 131); das Wesen der zu behandelnden Sache ist zu erforschen, indem man untersucht, ob es eine Tatsache sei oder was sie für eine Beschaffenheit habe oder welchen Namen sie führe; darauf ist der Hauptpunkt der Sache festzustellen. Alle Streitsachen müssen auf die Bedeutung und das Wesen im allgemeinen zurückgeführt werden; denn alle besonderen Streitfälle lassen sich auf gewisse allgemeine Begriffe zurückführen. Das Studium der Philosophie ist daher dem Redner sehr zu empfehlen (XXX 133-XXXVIII 161); man muß wissen, daß alle Beweisgründe entweder aus dem inneren Wesen und der natürlichen Beschaffenheit der Sache genommen oder von außen her hinzugenommen werden (XXXIX-XL); es ist nicht hinreichend, zu erfinden, was man sagen soll, sondern man muß auch das Erfundene zu behandeln verstehen; die Behandlung muß aber mannigfaltig sein, damit der Zuhörer weder die Kunst bemerke noch mit Überdruß erfüllt werde (XLI).
b) Der Redner soll die Zuneigung seiner Zuhörer gewinnen. Er soll sich daher bemühen, die Gemüter der Zuhörer soviel als möglich zum Wohlwollen sowohl für sich als auch für den, dessen Sache er führt, zu stimmen. Vorschriften über die Mittel, durch die die Gemüter zum Wohlwollen gestimmt werden (XLII und XLIII).
c). Der Redner soll die Gemüter der Zuhörer rühren. Hierzu ist es nötig, daß der Redner die Gesinnungen und Neigungen der Zuhörer erforsche (XLIV) und daß er selbst von den Empfindungen, die er bei anderen hervorrufen will, durchdrungen sei (XLV-L). Außerdem muß der Redner auf folgende Punkte seine Aufmerksamkeit richten: Er muß überlegen, ob die Sache verlange, daß die Gemüter der Zuhörer in Bewegung gesetzt werden (LI 205); er muß untersuchen, auf welche Weise die verschiedenen Leidenschaften erregt oder beschwichtigt werden können (LI 206-LII 211); oft muß er in seinem Vortrag Heftigkeit und Sanftheit miteinander mischen. Den Ton der Leidenschaft darf er nicht sogleich anstimmen und auch nicht wieder schnell verlassen. Die Gemütsbewegungen müssen zuweilen durch Erregung entgegengesetzter Gemütsbewegungen entkräftet werden (LIII 212-216); von wesentlichem Nutzen ist hierbei der Witz, über den Gaius Iulius Caesar einen ausführlichen und gründlichen Vortrag hält; und zwar zeigt er, der Witz sei eine Naturgabe, Kunstregeln ließen sich über denselben nicht aufstellen. Was er für eine Bedeutung für den Redner habe, zeigt er an dem Beispiel des Crassus (LIV 216-LVII 234); außerdem spricht er ausführlich über das Wesen des Witzes. Mit Übergehung der Fragen, was der Witz sei und wie er entstehe (LVIII), betrachtet er das Gebiet des Lächerlichen (LVIII 236); er zeigt, daß es dem Redner zukomme, Lachen zu erregen (LVIII 236), inwieweit es dem Redner gezieme, Lachen zu erregen (LVIII 237-LIX 239), und was es für Arten des Lächerlichen gebe. Es gibt zwei Arten des Witzigen, von denen die eine in der Sache, die andere im Wort liegt; in der Sache, wenn man etwas als eine Anekdote erzählt oder wenn man die Manieren eines anderen auf spöttische Weise nachahmt (LIX 240-LX 243); im Wort, wenn durch die Spitze eines Ausdrucks oder Gedankens Lachen erregt wird (LX 244-247). Jetzt folgt eine genauere Erörterung des Gegenstandes: Am meisten gefällt das Witzige, wenn durch Sache und Wort zugleich das Lachen erregt wird. Die Quellen, aus denen das Lächerliche abgeleitet wird, sind zugleich auch die, aus denen sich das Ernste ableiten läßt. Besonders sinnreich ist der aus Zweideutigkeiten entspringende Witz. Nicht alles Lächerliche ist witzig, und vieles, was ganz besonders Lachen erregt, geziemt sich nicht für den Redner. Aufzählung und Beleuchtung der einzelnen Arten des Witzigen sowohl hinsichtlich der Sache als auch hinsichtlich des Wortes (LXI-LXXI).
d) Antonius, seinen Vortrag wiederaufnehmend, zeigt, daß der Redner nach genauer Untersuchung der Rechtssache und nach sorgfältiger Erforschung der Beweisgründe der Sache und der Mittel, durch welche die Richter gewonnen und erschüttert werden, festsetzen müsse, was für gute und was für schlimme Seiten die Sache habe, die guten Seiten möglichst ausschmücken und erheben, die schlimmen verdecken. Genauere Erörterung des Verfahrens hierbei (LXXI I-LXXV).
B. Von der Anordnung des Stoffes und der Beweisgründe (ordo, collocatio). Antonius zeigt
a) im allgemeinen: Der Redner müsse auf die Auswahl der Beweisgründe große Sorgfalt verwenden; die Beweisgründe sind nicht so sehr zu zählen als vielmehr abzuwägen (LXXVI). Der Redner muß in allen Teilen seines Vortrages auf die Gemüter seiner Zuhörer einzuwirken suchen; oft lassen sich auch Abschweifungen von der Sache anbringen, um die Leidenschaften zu erregen (LXXVII 310-312). Der stärkste Beweis muß die erste Stelle einnehmen, aber auch für den Schluß ist Hervorragendes aufzusparen, das Mittelmäßige aber in die Mitte zu bringen (LXXVII 313-315).
b) handelt er von den einzelnen Teilen der Rede:
Vom Eingang (exordium); er muß mit großer Sorgfalt ausgearbeitet und dem Gegenstand der Verhandlung angepaßt werden; er muß sanft sein und aus der Sache selbst entlehnt werden; am besten wird er erst zuletzt ausgearbeitet (LXXVIII); er muß dem Verhältnis der Sachen entsprechen; er ist entweder von dem Angeklagten oder von dem Gegner oder von der Sache oder von denen, vor welchen die Sache verhandelt wird, herzuleiten (LXXIX); er muß mit der nachfolgenden Rede eng verbunden sein (LXXX 325);
von der Erzählung (narratio); sie muß kurz, aber nicht zu kurz sein, ferner deutlich (LXXX 326-329); zuletzt wird die übrige Einrichtung der Erzählung erwähnt (LXXX 329-LXXXI 330);
von der Feststellung der Hauptfrage (propositio) (LXXXI 331);
von der Beweisführung (confirmatio);
vom Schluß der Rede (peroratio) (LXXXI 332).
Bemerkungen über die Erteilung von Ratschlägen und über die Lobreden (LXXXI 333-LXXXV).
C. Vom Gedächtnis (memoria):
a) von der Kunst des Gedächtnisses (LXXXVI);
b) von dem Nutzen und der Wichtigkeit des Gedächtnisses (LXXXVII 355);
c) auch für ein gutes Gedächtnis ist die Kunst des Gedächtnisses sehr nützlich (LXXXVII 356-357);
d) wird gezeigt, worin die Kunst des Gedächtnisses bestehe (LXXXVII 357-LXXXVIII 360).
der ersten Unterredung. Entschuldigung des Antonius wegen seines Vortrages (LXXXVIII 361); Catulus spricht dem Antonius seinen Dank für seinen gehaltreichen Vortrag aus; Crassus verspricht, über die Darstellung und den äußeren Vortrag zu reden (LXXXIX und XC)
Cicero erwähnt den plötzlichen Tod des Crassus, seine letzten Tage und seine letzte unvergleichlich schöne Rede (I). – Betrachtungen über menschliche Hinfälligkeit und das Schicksal des Crassus (II). – Tod der übrigen Männer, die an der Unterredung teilgenommen haben: des Quintus Catulus, Marcus Antonius, Gaius Iulius Caesar, Quintus Mucius Scaevola, Sulpicius. Verbannung des Gaius Cotta (III). – Betrachtungen Ciceros über seine eigenen Schicksale. über sein Werk vom Redner und über die Beredsamkeit des Crassus und Antonius (IV). – Einleitung in die folgende Unterredung. Die Gesellschaft ersucht den Crassus, seinen Vortrag über den Schmuck der Rede zu halten (V).
1. Bevor Crassus zur Sache selbst schreitet, macht er
A. die Bemerkung, daß eigentlich der Stoff, den der Redner zu behandeln habe, und die Ausschmückung dieses Stoffes sich nicht von einander trennen lassen (V). – Wunderbare Übereinstimmung unter allen Wissenschaften. – Es gibt nur eine Beredsamkeit, auf welche Gebiete des Vortrages sie auch angewendet werden mag. Alle Arten von Reden haben die nämliche Quelle sowie auch das nämliche Rüstzeug und den nämlichen Schmuck. Weder der Schmuck der Rede läßt sich finden ohne gut geordnete und deutlich ausgedrückte Gedanken, noch kann irgendein Gedanke lichtvoll sein ohne das Licht der Worte (V-V1).
B. Hierauf legt Crassus seine Ansicht über die Beredsamkeit im allgemeinen dar. Indem er von der ausgesprochenen Behauptung ausgeht, daß es nur eine Beredsamkeit gebe, zeigt er, daß, wie die Dinge der Natur und die Künste, so auch die Rede und Sprache mehrere untereinander verschiedene Dinge umfasse, die jedoch eines gleichen Lobes wertgeachtet werden. Dies zeigt sich bei den vorzüglichsten Dichtern und Rednern, die ungeachtet der Verschiedenheit ihrer Schreibart jeder in seiner Art des größten Lobes würdig sind. Die aufgestellte Behauptung wird durch Beispiele bewiesen (VII-IX 33). – Ungeachtet der so großen Verschiedenheit und Mannigfaltigkeit der Redeweisen, die aus der großen Verschiedenheit der Fähigkeiten der Redner hervorgeht, lassen sich doch für die Beredsamkeit allgemein gültige Regeln aufstellen; nur muß der Lehrer der Beredsamkeit besonders darauf achten, wohin einen jeden seine natürliche Anlage vorzugsweise führt (IX 34-36).
2. Jetzt folgt die Lehre selbst von dem Schmuck oder der Schönheit der Rede. Grundregel: Wir müssen echt lateinisch, deutlich, geschmückt und dem Gegenstand der Verhandlung angemessen reden. Über die Reinheit und Deutlichkeit der Rede Regeln zu erteilen, hält er für überflüssig, da dies schon in den Schulen gelehrt wird. Er beschränkt sich daher nur auf einige Bemerkungen.
A. Die Sprachrichtigkeit (der echt lateinische Ausdruck) wird besonders durch das Lesen der Dichter und Redner gefördert (X). Man muß gute Worte gebrauchen und bei ihnen den richtigen Gebrauch ihrer grammatischen Formen beobachten. Auch die Zunge und den Ton der Stimme muß man regeln, um sich eine richtige und feine Aussprache anzueignen (XI und XII).
B. Die Deutlichkeit beruht auf Sprachrichtigkeit, auf Anwendung gebräuchlicher und die Sache deutlich bezeichnender Worte, auf Vermeidung zweideutiger Ausdrücke und Reden, ferner darauf, daß man nicht zu lange Perioden bilde, sinnbildliche Darstellungen nicht sehr ausdehne, die Gedanken nicht zerreiße, die Zeiten nicht umkehre, die Personen nicht verwechsle, die Ordnung nicht verwirre (XIII).
C. Der Schmuck oder die Schönheit der Rede. Allgemeine Betrachtung. Die Schönheit und Angemessenheit der Rede sind die Teile der Beredsamkeit, auf denen ihr ganzer Ruhm beruht. Die Schönheit umfaßt alle Vorzüge der Rede, Deutlichkeit, Fülle, lichtvolle Darstellung der Sachen und Gedanken, rhythmische Bewegung der Rede. Die Angemessenheit der Rede verlangt, daß man den Ton der Rede so zu stimmen weiß, wie es die Würde der Sachen und Personen erheischt. Wer sich diese beiden Eigenschaften aneignen will, der muß das gründlichste Studium anwenden und sich die umfassendsten und gediegensten Kenntnisse über alle Verhältnisse und Beziehungen des menschlichen Lebens zu erwerben suchen. Und diese Kenntnisse müssen zugleich auch mit Rechtschaffenheit und der höchsten Klugheit verbunden werden (XIV), d. h. die Kunst des Denkens und Redens, worin die Weisheit besteht, muß der Redner in sich vereinigen.
Diese Bemerkung veranlaßt den Crassus zu einer Abschweifung, in der er zeigt, daß bei den alten Griechen und Römern beide Künste vereinigt gewesen seien (XV), daß aber Sokrates die in der Wirklichkeit zusammenhängenden Wissenschaften, weise zu denken und schön zu reden, in seinen Untersuchungen getrennt habe und daß daraus die ungereimte, schädliche und tadelnswerte Trennung der Zunge und des Herzens hervorgegangen und eine Trennung der Lehrer der Weisheit und der Lehrer der Beredsamkeit bewirkt worden sei (XVI). Aufzählung der sokratischen Schulen, unter denen sich die epikureische wegen ihrer Grundsätze am wenigsten für den Redner eignet (XVII), auch nicht sehr die stoische wegen ihrer mit dem gewöhnlichen Leben in Widerspruch stehenden Ansichten und wegen ihrer dem Volk ganz unverständlichen Ausdrucksweise, am meisten aber die der Peripatetiker und die der alten und der neuen Akademiker (XVIII). Insbesondere muß sich der Redner die dialektische Gewandtheit des Aristoteles und des Neu-Akademikers Karneades anzueignen suchen (XIX).
Dann kehrt er zu dem schon ausgesprochenen Satz zurück, daß der erst ein wahrer und vollkommener Redner sei, welcher mit der Gewandtheit der philosophischen Dialektik die Übung der Rednerschule und die Fertigkeit im Reden verbinde (XXI). – Einige Worte über des Crassus Studiengang (XXII). – Die Wissenschaften und Künste, die der Redner zum Behufe der Beredsamkeit treibt, werden vom Redner mit weniger Tätigkeit und mit geringerem Zeitaufwand getrieben als von denen, die dieselben zu ihrem Lebenslauf gemacht haben. Daher ist auch die Erlernung derselben nicht zu schwierig (XXIII). Will aber einer nicht ein gewöhnlicher, sondern ein Redner in höherem Sinne sein, so muß er sich einen großen Vorrat von mannigfaltigen Sachkenntnissen aneignen (XXIV).
Jetzt kehrt Crassus zu dem eigentlichen Gegenstand vom Schmuck der Rede zurück. Der Schmuck bezieht sich teils auf die ganze Rede, auf die ganze Färbung der Rede, teils auf einzelne Worte und Gedanken, auf Verzierungen der Rede in einzelnen Worten und Gedanken. Diese einzelnen Glanzpunkte oder Zierate dürfen nicht gleichmäßig über die ganze Rede ausgeschüttet, sondern müssen zweckmäßig und sparsam verteilt sein, damit nicht Überdruß und Ekel erregt werde (XXV). Die Rede muß auch schattige Stellen haben, damit die Lichtseiten um so mehr hervortreten. Die Lieblichkeit des Redners soll herb und kernhaft sein, aber nicht süßlich und kraftlos. Das höchste Lob der Beredsamkeit besteht in der Vergrößerung der Gegenstände (XXVI), die bei der Beweisführung, bei der Gewinnung der Gemüter und ganz besonders bei der Aufregung der Gemüter angewendet wird. Förderlich für die Vergrößerung sind die Übungen im Loben und Tadeln, ferner die sogenannten Gemeinplätze (Beweisquellen), von denen ein Teil doppelseitige Erörterungen, in denen über einen allgemeinen Satz für und wider gesprochen wird, enthält. Diese dialektischen Übungen sind den Peripatetikern und Akademikern eigentümlich (XXVII). Von diesen muß der Redner, was er nötig hat, entlehnen.
Hier macht nun Crassus eine neue Abschweifung über die Einteilung der Reden nach der Ansicht der Philosophen. Die bürgerliche Rede zerfällt in zwei Arten, von denen die eine sich mit Streitfragen beschäftigt, die nach Zeit und Personen bestimmt sind, die andere unbestimmte Fragen über etwas Allgemeines behandelt (XXVIII). Beide Arten beziehen sich entweder auf das Erkennen oder auf das Handeln. Die Erkenntnis zerfällt in drei Arten: Mutmaßung, Erklärung und Folgerung, und jede dieser Arten zerfällt wieder in mehrere Unterarten (XXIX). Die auf das Handeln bezüglichen Streitfragen beschäftigen sich entweder mit der Erörterung einer Pflicht oder mit Aufregung und Dämpfung der Leidenschaften. Nach dieser Erörterung erklärt Crassus diejenigen Reden für die schönsten, welche, von der besonderen Streitfrage ausgehend, sich zu der Entwicklung des Wesens der ganzen Gattung erheben. Um dies aber zu erreichen, muß man sich die umfassendsten und gründlichsten Sachkenntnisse aneignen und daher die Wissenschaften und namentlich die ganze Staatswissenschaft sowie die Philosophie umfassen. Reichtum an Sachen erzeugt Reichtum an Worten, und wenn in den Sachen selbst, von denen man redet, Würde liegt, so entspringt aus der Natur der Sache selbst Glanz und Schönheit in den Worten (XXX und XXXI). – Catulus, des Crassus Vortrag bewundernd, bemerkt, daß die früheren Lehrer der Beredsamkeit, die Sophisten, wie Hippias, Prodikos, Thrasymachos, Protagoras, Gorgias, das ganze Gebiet der freien und edlen Wissenschaften und Künste, als mit ihrer Wissenschaft in Verbindung stehend, umfaßt hätten (XXXII). – Auch Crassus führt eine Anzahl von alten Römern an, die als Redner oder Staatsmänner im Besitz der zu ihrer Zeit in Rom bekannten Wissenschaften waren, und klagt die Trägheit seiner Zeit an (XXXIII). Darauf beruft er sich auf die sieben Weisen, auf Peisistratos, Perikles, Kritias, Alkibiades, Dion, Timotheos, Epameinondas, Agesilaos, Philolaos: lauter Männer, die die Tüchtigkeit im praktischen Leben mit der Wissenschaft verbanden (XXXIV). Alsdann gedenkt er des Aristoteles, der in seinem Unterricht Sachkenntnis mit Redeübung verband. Zuletzt erklärt er, daß weder die Gelehrsamkeit ohne Redefertigkeit noch die Redefertigkeit ohne Gelehrsamkeit Lob verdienen; dem kenntnisreichen Redner aber gebühre der Vorrang vor allen (XXXV).
Nach einigen Bemerkungen des Cotta, Caesar und Sulpicius (XXXVI) kehrt Crassus zu seiner Aufgabe, die Schönheit und den Schmuck der Rede abzuhandeln, zurück.
Die Schönheit und der Schmuck der Rede entspringen entweder aus einzelnen Worten oder aus der Verbindung der Worte.
a) Die einzelnen Worte sind entweder eigentliche oder übertragene oder neue; diesen fügt er bald darauf noch die ungewöhnlichen hinzu.
Von den eigentlichen Worten muß man die auserlesenen und lichtvollen anwenden, die niedrigen und verschollenen vermeiden (XXXVII).
Die ungewöhnlichen, meist altertümlichen Worte gewähren, an schickliche Stellen gebracht, der Rede ein würdevolles Ansehen.
Die neuen Worte sind teils zusammengesetzte, teils einfache (XXXVIII 152-154).
Die übertragenen (metaphorischen) Worte. Man gebrauche solche, welche die Sache veranschaulichen oder deutlicher bezeichnen oder Kürze des Ausdrucks bewirken (XXXVIII 155 – XXXIX) – Grund, warum die übertragenen Worte mehr gefallen als die eigentlichen. Man hüte sich aber vor solchen Übertragungen, in denen keine Ähnlichkeit liegt (XL) sowie auch vor solchen, in welchen die Ähnlichkeit zu weit hergeholt ist, und vor solchen, welche eine widrige Vorstellung hervorrufen können, oder vor solchen, welche die Sache zu stark oder zu schwach oder zu eng ausdrücken. Die Übertragung ist, wenn sie zu hart erscheinen möchte, durch ein vorgesetztes Wort zu mildern (XLI 163-165). – Aus der Metapher geht die Allegorie hervor, die auf der Verbindung mehrerer Worte beruht (XLI 166); bei dieser muß man sich vor Dunkelheit hüten (XLII 167). – Hieran schließen sich die Metonymie, die Vertauschung eines Wortes, die Synekdoche (XLII 168) und die Katachresis (Wortmißbrauch) (XLIII 169).
b) Die Verbindung der Worte. Hier kommt es erstens auf die Stellung der Worte, zweitens auf den Rhythmus der Worte an.
Die Stellung der Worte besteht darin, daß die Worte sich bequem und glatt zusammenfügen und nicht rauh zusammenstoßen oder auseinanderklaffen (XLIII).
Der Rhythmus der Worte besteht in der nach gewissen Tonverhältnissen abgemessenen Bewegung der Rede (XLIV). Die Beobachtung des Rhythmus ist wegen der großen Biegsamkeit und Geschmeidigkeit der Sprache minder schwierig, als es für den ersten Augenblick scheint; zudem zeigt sich, wie in allen Schöpfungen der Natur und der Kunst, so auch in der Rede in Beziehung auf ihre rhythmische Gestaltung die innigste Verbindung der Schönheit mit dem Nutzen und der Notwendigkeit (XLV-XLVI). Der Rhythmus der Rede beruht auf dem Gebrauch gewisser Versfüße, wobei man sich jedoch hüten muß, daß die Rede nicht durch zu häufige Versfüße ein Vers oder versähnlich werde. Angabe der Versfüße, welche sich für den Redner am besten eignen (XLVII), und Bemerkungen über die Anwendung der Rhythmen (XLVIII und XLIX). Die größte Sorgfalt ist auf den Schluß der Perioden zu verwenden. Selbst der ungebildete Haufe zeigt Sinn und Empfänglichkeit für die Schönheit einer rhythmisch gebildeten Rede (L), da die Rhythmen und die Töne in der innigsten Verwandtschaft mit dem Wesen des menschlichen Geistes stehen (LI).
Die Schönheit und der Schmuck der ganzen Rede, mag sie der erhabenen oder niedrigen oder mittleren Redeform angehören, hinsichtlich ihrer Gestalt und Färbung beruht darauf, daß natürliche Anmut sich über das Ganze verbreitet und die Worte zu wohlgegliederten Perioden, die Gedanken aber zu erhabener Würde der Rede gebraucht werden (LII).
Endlich dient zur Ausschmückung und Belebung der Rede der Gebrauch der Redefiguren in den Gedanken und in den Wörtern (LII 201-LIV).
3. Hierauf redet Crassus von der Angemessenheit und Schicklichkeit der Rede. Diese beruht auf sorgfältiger Beachtung der Sache der Zuhörer, der Personen und der Zeit. Man muß daher die höhere die niedere und die mittlere Redeform auf eine dem Wesen des zu behandelnden Gegenstandes angemessene Weise auswählen (LV).
4. Zuletzt trägt Crassus seine Ansicht über den äußeren Vortrag (actio) vor, der in der Beredsamkeit die größte Macht hat (LVI). Jede Gemütsbewegung hat ihre eigenen Mienen, Töne und Gebärden. Die Töne müssen dem Redner, wie die Farben dem Maler, zu Gebote stehen, um die mannigfaltigen Gemütsbewegungen auszudrücken (LVII-LVIII). – Die Gemütsbewegungen muß das Gebärdenspiel begleiten, das aber nicht ein bühnenmäßiges sein darf, sondern ein kräftiges, von den Waffen oder der Ringschule entlehntes. Hierbei kommen die Hände, das Gesicht und ganz besonders die Augen in Betracht (LIX). Das wichtigste aber im äußeren Vortrag ist die Stimme. Für ihre Erhaltung und Ausbildung muß der Redner möglichst Sorge tragen. Die Übung, die Stimme stufenweise aufsteigen und hinabsteigen und so die ganze Tonleiter durchlaufen zu lassen, trägt einerseits zur Erhaltung der Stimme bei, andererseits verleiht sie dem äußeren Vortrag Lieblichkeit (LX und LXI 227-228).
Catulus, dem Crassus für seinen Vortrag seinen Dank aussprechend, beklagt, daß sein Schwiegersohn Hortensius nicht zugegen gewesen ist, worauf Crassus sich in eine Lobeserhebung dieses jungen, so; hoffnungsvollen Redners ergießt (LXI 229-230).
I. 1. Wenn ich, mein lieber Bruder Quintus, wie ich oftmals tue, die alten Zeiten überdenke und mir vergegenwärtige, so pflegen mir die Männer sehr glücklich zu erscheinen, welchen bei der besten Verfassung des Staates im Genuß hoher Ehrenämter und eines großen Tatenruhmes einen solchen Lebenslauf zu behaupten erlaubt war, daß sie entweder ihren Ämtern ohne Gefahr obliegen oder in ihrer Zurückgezogenheit von den Staatsgeschäften mit Würde leben konnten. Auch ich hatte gehofft, es würde mir einst mit Fug und Recht und nach dem Urteil fast aller eine Zeit, in der ich wieder Ruhe finden und mich in den Schoß der herrlichen Wissenschaften, die wir beide lieben, zurückziehen könnte, gegönnt werden, wenn die unendliche Arbeit der gerichtlichen Verhandlungen und die Bewerbung um Staatsämter mit dem Ablauf der Ehrenstellen zugleich auch mit der Neige des Alters das Ziel erreicht hätte. 2. Doch diese Hoffnung meiner Gedanken und Pläne wurde teils durch die unglücklichen Zeitverhältnisse des Staates70, teils durch mannigfache eigene Unfälle71 vereitelt. Denn in der Zeit, welche mir die vollste Ruhe und Zufriedenheit zu versprechen schien72, türmte sich eine gewaltige Wucht von Widerwärtigkeiten auf, und die wildesten Stürme erhoben sich, und nicht wurde mir der so sehr gewünschte und erstrebte Genuß der Muße zuteil, um die Wissenschaften, denen wir von Kindheit an ergeben waren, zu betreiben und unter uns zu pflegen. 3. Denn mein erstes Lebensalter fiel gerade in den Umsturz der alten Verfassung73; und mein Konsulat führte mich mitten in den Kampf und die Gefahr des ganzen Staates74, und die ganze Zeit nach dem Konsulat habe ich den Fluten entgegenstellen müssen, die, durch mich von der Vernichtung des Staates abgewehrt, gegen mich selbst zurückströmen sollten75. Aber ungeachtet dieser mißlichen Verhältnisse und bedrängten Zeiten will ich mich dennoch unseren wissenschaftlichen Bestrebungen widmen und; soviel mir die Ränke der Feinde, die Verteidigungen der Freunde und die Staatsgeschäfte Muße übriglassen, vorzugsweise zum Schreiben anwenden. 4. Deinen Anforderungen aber, mein Bruder, und deinen Bitten werde ich nicht unterlassen Genüge zu leisten. Denn niemand kann durch Ansehen und Willen mehr über mich vermögen als du.
II. Ich muß nun zu einem Ereignis früherer Zeiten76 zurückkehren, das zwar meinem Gedächtnis nicht ganz vollständig gegenwärtig ist, wohl aber, wie ich glaube, geeignet ist für die Erfüllung deines Wunsches, damit du die Ansicht der beredtesten und berühmtesten Männer über die ganze Redekunst erfährst. 5. Du hast ja oft den Wunsch gegen mich ausgesprochen, weil die Schrift77, die mir in meinem Knaben- oder Jünglingsalter aus meinen Heften unvollendet und nur in rohen Umrissen entschlüpfte, kaum meines jetzigen Alters und der Erfahrung, die ich aus der Führung so vieler und so wichtiger Verhandlungen gewonnen habe, würdig ist, ich möchte über dieselben Gegenstände etwas Gefeilteres und Vollendeteres veröffentlichen. Auch pflegst du zuweilen in unseren Unterhaltungen darin von mir abzuweichen, daß, während nach meinem Urteil die Beredsamkeit auf den wissenschaftlichen Kenntnissen der einsichtsvollsten Männer beruht, du hingegen der Ansicht bist, sie müsse von der gründlichen Gelehrsamkeit getrennt und als das Erzeugnis einer gewissen natürlichen Geistesanlage und Übung angesehen werden. 6. Wenn ich nun, wie ich oftmals tat, auf die Männer von der höchsten Geistesbegabung meinen Blick richtete, so drängte sich mir die Frage auf, warum wohl alle anderen Fächer eine größere Anzahl bewunderungswürdiger Männer aufzuweisen hätten als die Beredsamkeit. Denn wohin man auch seine Aufmerksamkeit und seine Gedanken wenden mag, so wird man sehr viele ausgezeichnete Männer in jeder Art von Künsten und Wissenschaften sehen, und zwar nicht bloß in den gewöhnlichen, sondern beinahe in den wichtigsten. 7. Wer sollte, wenn er bei der Wissenschaft berühmter Männer den Nutzen oder die Größe ihrer Taten zum Maßstab nehmen will, nicht dem Feldherrn vor dem Redner den Vorzug geben; und doch, wer möchte bezweifeln, daß wir der vortrefflichsten Heerführer aus unserem Staat allein beinahe unzählige, in der Beredsamkeit aber hervorragende Männer kaum wenige anführen können? 8. Ferner, Männer, die mit Klugheit und Weisheit einen Staat zu lenken und zu leiten verstanden, haben viele zu unserer, mehr noch zu unserer Väter und auch unserer Vorfahren Zeit gelebt, während gute Redner sehr lange gar nicht, erträgliche kaum in den einzelnen Zeitaltern einzeln gefunden wurden. Und damit man nicht etwa meine, die Redekunst müsse mehr mit anderen Wissenschaften, die auf tieferen Kenntnissen und vielseitiger Gelehrsamkeit beruhen, als mit dem Ruhm eines Feldherrn oder mit der Klugheit eines guten Senators verglichen werden, so möge man seinen Geist auf eben diese Zweige der Wissenschaft richten und betrachten, welche Männer sich in denselben ausgezeichnet haben und wieviele, und man wird so am leichtesten beurteilen, wie gering die Anzahl der Redner ist und zu jeder Zeit war.
III. 9. Es ist dir ja nicht unbekannt, daß die Wissenschaft, welche die Griechen Philosophie nennen, von den gelehrtesten Männern als die Erzeugerin und Mutter aller anderen gepriesenen Wissenschaften betrachtet wird; und doch ist es schwer, alle die Männer aufzuzählen, die sich in derselben durch den größten Umfang ihres Wissens und die größte Vielseitigkeit und Fülle ihrer Bestrebungen auszeichneten, die sich nicht etwa mit einem einzelnen abgesonderten Gegenstand beschäftigen, sondern soviel als möglich alles mit ihrer wissenschaftlichen Erforschung und Erörterung umfaßten. 10. Was die Mathematiker anlangt, wer weiß da nicht, was für dunkle Gegenstände, welch eine entlegene, vielseitige und tiefe Wissenschaft sie bearbeiten? Und doch sind unter ihnen so viele vollkommene Meister aufgetreten, daß sich fast niemand dieser Wissenschaft mit großem Eifer befleißigt zu haben scheint, ohne seinen Zweck zu erreichen. Wer hat sich der Musik, wer der heutigen Literaturkunde gründlich gewidmet, ohne den ganzen beinahe unbegrenzten Umfang und Stoff jener Künste mit seiner wissenschaftlichen Forschung zu umfassen? 11. Mit Recht glaube ich behaupten zu dürfen, daß unter allen denen, die ihre Bemühungen auf diese edlen Künste und Wissenschaften gerichtet haben, die Menge ausgezeichneter Dichter sich als die geringste erweist. Und obwohl unter diesen nur sehr selten ein hervorragender Geist auftritt, so wird man doch, wenn man nach der Menge der Unsrigen und der Griechen eine sorgfältige Vergleichung anstellen will, weit weniger gute Redner als gute Dichter finden. 12. Um soviel wunderbarer muß dies erscheinen, weil die Kenntnisse in den anderen Wissenschaften meistens aus tiefen und verborgenen Quellen geschöpft werden, die Redekunst hingegen ganz vor aller Augen liegt und sich in der gewöhnlichen Erfahrung und in der Menschen Sitte und Rede bewegt. Während daher in den anderen Wissenschaften gerade das, was sich am weitesten von der Unerfahrenen Einsicht und Denkart entfernt, am meisten hervorragt, so ist es in der Beredsamkeit gerade der größte Fehler, wenn man von der gebräuchlichen Redeweise und dem gemeinen Menschenverstand abweicht.
IV. 13. Auch das läßt sich nicht mit Recht anführen, daß die Mehrzahl sich der anderen Wissenschaften befleißige oder durch größeres Vergnügen oder reichere Hoffnung oder glänzendere Belohnungen zur Erlernung derselben aufgemuntert werde. Und um Griechenland zu übergehen, das in der Beredsamkeit immer den Vorrang behaupten wollte, und jene Erfinderin aller Wissenschaften, die Stadt Athen, wo die höchste Redekunst erfunden und zur Vollkommenheit gebracht worden ist, in unserem Staat selbst wurde nie irgendeinem Gegenstand größerer Fleiß und Eifer zugewandt als der Beredsamkeit. 14. Denn nachdem unsere Herrschaft über alle Völker begründet war und die Dauer des Friedens das ruhige Leben befestigt hatte, fand sich nicht leicht ein ruhmbegieriger Jüngling, der nicht der Ansicht gewesen wäre, mit allem Eifer nach Beredsamkeit streben zu müssen. Anfänglich zwar bei dem gänzlichen Mangel an wissenschaftlicher Bildung, da man weder von einem geregelten Verfahren der Übung noch von einer Kunstregel eine Ahnung hatte, brachte man es nur so weit, als es durch Naturanlage und Nachdenken möglich war. Später aber, als man die griechischen Redner hörte, ihre Schriften kennenlernte und Lehrmeister anwandte, entbrannten unsere Landsleute von einem unglaublichen Eifer für die Beredsamkeit. 15. Aufmunterung fanden sie in der Wichtigkeit, Mannigfaltigkeit und Menge der Rechtsverhandlungen jeglicher Art, so daß zu der gelehrten Bildung, die jeder durch eigenen Fleiß gewonnen hatte, häufige Übung hinzutrat, welche die Vorschriften aller Lehrmeister übertrifft. Es waren auch diesen Bestrebungen die größten Belohnungen, wie auch jetzt noch, in Beziehung auf Einfluß, Macht und Würde ausgesetzt. Die geistigen Anlagen unserer Landsleute aber zeichnen sich, wie wir aus vielen Umständen schließen können, sehr vor denen der übrigen Menschen unter allen Völkern aus. Erwägt man diese Gründe, wen dürfte es da nicht mit Recht befremden, daß sich in der ganzen Geschichte aller Lebensalter, Zeiten und Staaten eine so geringe Anzahl von Rednern findet? Aber freilich ist es ein schwierigeres Werk, als die Menschen wähnen, und aus dem gemeinsamen Zusammenwirken mehrerer Wissenschaften und Bestrebungen hervorgegangen.
V. 16. Denn bei der großen Menge der Lernenden, bei der ungewöhnlichen Anzahl der Lehrmeister, bei den vorzüglichen Geistesanlagen unserer Landsleute, bei der unendlichen Mannigfaltigkeit der Rechtshändel, bei den ansehnlichen Belohnungen, die der Beredsamkeit ausgesetzt sind, wie könnte man da wohl einen anderen Grund für diese Erscheinung annehmen als die unglaubliche Größe und Schwierigkeit der Sache? 17. Es ist nämlich nötig, daß man sich eine umfassende Sachkenntnis aneigne, ohne welche die Geläufigkeit der Worte nichtig und lächerlich ist, daß man den Vortrag selbst nicht allein durch die Wahl, sondern auch durch die Anordnung der Worte passend gestalte, daß man alle Gemütsbewegungen, welche die Natur dem Menschengeschlecht erteilt hat, gründlich erforsche, weil die ganze Kraft und Kunst der Rede sich in der Beruhigung oder Aufregung der Gemüter unserer Zuhörer zeigen muß. Hinzutreten muß gleichfalls eine Art des Witzes und der Laune, eine des freien Mannes würdige Gelehrsamkeit, Schlagfertigkeit und Kürze im Antworten und Herausfordern, verbunden mit feiner Anmut und feinem Geschmack. 18. Außerdem muß man die ganze Geschichte kennen und mit einem Vorrat von Beispielen versehen sein; auch darf man nicht die Kenntnis der Gesetze und des bürgerlichen Rechtes vernachlässigen. Und was soll ich über den äußeren Vortrag selbst weitläufig reden, der nach der Bewegung des Körpers, nach den Gebärden, nach den Mienen, nach der Bildung und Abwechselung der Stimme abgemessen sein muß? Wie schwierig dieser für sich allein ist, zeigt die leichtfertige Kunst der Schauspieler und die Bühne. Denn so eifrig sich hier auch alle bemühen, der Gestaltung des Mundes, der Stimme und der Bewegung den angemessenen Ausdruck zu verleihen, so weiß doch jeder, wie gering die Zahl derer ist und war, deren Spiel wir geduldig zusehen können. Was soll ich von der Schatzkammer aller Dinge, dem Gedächtnis, sagen, welches zur Aufbewahrung der erfundenen und durchdachten Sachen und Worte angewendet werden muß, wenn wir nicht sehen wollen, daß alles, mag es sich auch noch so schön in dem Redner finden, verlorengehe? 19. Darum wollen wir uns nicht mehr wundern, warum die Anzahl guter Redner so gering ist, da die Beredsamkeit aus der Gesamtheit der Dinge besteht, die selbst einzeln für sich mit Glück zu bearbeiten eine sehr schwierige Aufgabe ist, und lieber wollen wir unsere Kinder und alle, deren Ruhm und Würde uns am Herzen liegt, auffordern, die Größe der Sache im Geist zu beherzigen und die Überzeugung zu hegen, daß sie andere Vorschriften, andere Lehrmeister, andere Übungen anwenden müssen, als man im allgemeinen anwendet, wenn sie das Ziel, das sie erstreben, erreichen wollen.
VI. 20. Und nach meiner Ansicht wenigstens wird niemand ein in jeder Hinsicht vollkommener Redner sein können, wenn er sich nicht Kenntnisse von allen wichtigen Gegenständen und Wissenschaften angeeignet hat. Denn aus der Erkenntnis der Sachen muß die Rede erblühen und hervorströmen. Hat der Redner die Sachen nicht gründlich erfaßt und erkannt, so ist sein Vortrag nur ein leeres und ich möchte sagen kindisches Gerede. 21. Nicht jedoch will ich den Rednern, zumal den unsrigen, deren Zeit von den Geschäften des Staatslebens so sehr in Anspruch genommen wird, eine so große Last aufbürden, daß ich ihnen nicht vergönnen sollte, einiges nicht zu wissen; wiewohl der Begriff des Redners und sein Beruf, selbst gut reden, das auf sich zu nehmen und zu verheißen scheint, daß er über jeden Gegenstand, der ihm vorgelegt wird, mit Geschmack und Fülle reden könne. 22. Aber weil ich nicht zweifle, daß dies gar vielen als eine unermeßliche und unbegrenzte Aufgabe erscheint, und weil, wie ich sehe, die Griechen, die doch nicht allein mit geistigen Anlagen und Gelehrsamkeit reichlich ausgestattet sind, sondern auch an Muße Überfluß haben und sehr großen Eifer besitzen, eine Teilung der Wissenschaften vorgenommen und einzelne von ihnen sich nicht dem ganzen Gebiet derselben zugewandt, sondern von den übrigen Arten der Vorträge den Teil der Beredsamkeit, welcher sich mit den öffentlichen Verhandlungen in den Gerichten und beratschlagenden Versammlungen beschäftigt, ausgesondert und den Redner auf diese einzige Art von Vorträgen beschränkt haben, so will ich in diesen Büchern nicht mehr umfassen, als was dieser Art nach gründlicher Untersuchung und Erörterung der Sache von den größten Männern fast einstimmig zugeteilt worden ist. 23. Und ich werde nicht, von der Wiege unserer ersten Schulbildung ausholend, eine Reihenfolge von Vorschriften geben, sondern das mitteilen, was, wie ich vernommen, einst die beredtesten und durch jede Würde hervorragenden Männern unseres Volkes in einer Unterredung abgehandelt haben; nicht als ob ich das verachte, was griechische Redekünstler und Lehrer hinterlassen haben, sondern da dies offen vorliegt und allen zugänglich ist und durch meine Auslegung nicht anschaulicher entwickelt und deutlicher ausgedrückt werden kann, so wirst du mir, lieber Bruder, wie ich glaube, gestatten, daß ich das bewährte Urteil derer, denen die Unsrigen den höchsten Ruhm in der Beredsamkeit zuerkannt haben, dem der Griechen vorziehe.
VII. 24. Zu der Zeit also, da der Konsul Philippus78 die Sache der Vornehmen mit großer Leidenschaft angriff und das für das Ansehen des Senats übernommene Tribunat des Drusus schon kraftlos und schwach zu werden schien, begab sich Lucius Crassus79 – so wurde mir, wie ich mich erinnere, erzählt – während der Tage der Römischen Spiele80 zu seiner Erholung auf sein Tusculanum; dahin kamen auch sein gewesener81 Schwiegervater Quintus Mucius82 und Marcus Antonius, ein Mann, der des Crassus Ansichten in der Verwaltung des Staates teilte und mit ihm in der vertrautesten Freundschaft lebte. 25. Mit dem Crassus selbst waren zwei junge Männer gegangen, welche vertraute Freunde des Drusus waren und an denen die Älteren damals zwei wichtige Stützen ihrer Interessen zu erhalten hofften, Gaius Cotta83, der sich damals um das Volkstribunat bewarb, und Publius Sulpicius, der sich, wie man glaubte, demnächst um dieses Amt bewerben wollte. 26. Diese unterhielten sich am ersten Tag über die damaligen Zeitumstände und über die ganze Lage des Staates, weshalb sie gekommen waren, angelegentlich miteinander bis zur Neige des Tages. In diesem Gespräch, er zählte Cotta, hätten jene drei Konsularen84 vieles ahnungsvoll beklagt und erwähnt, so daß in der Folge kein Unfall den Staat betroffen habe, den sie nicht so lange vorher hätten drohen sehen. 27. Nach Beendigung des ganzen Gespräches aber habe Crassus eine solche Freundlichkeit gezeigt, daß, als sie sich nach dem Bad zu Tisch gelagert hatten, alle Traurigkeit der vorigen Unterredung verschwand und der Mann einen solchen Frohsinn und so viel heiteren Scherz und Laune äußerte, daß der Tag unter ihnen in der Curie hingebracht zu sein schien, das Gastmahl aber einem tusculanischen Mahl glich85. 28. Am folgenden Tag, erzählte er, als die Bejahrteren genug der Ruhe gepflogen hatten, habe man einen Lustgang vorgenommen, und nachdem man zwei- oder dreimal auf und abgegangen sei, habe Scaevola gesagt: “Warum, Crassus, ahmen wir nicht Sokrates im Phaidros nach? Deine Platane hier gibt mir diesen Gedanken ein; sie breitet zur Beschattung dieses Ortes ihre Aste nicht weniger aus als jene, deren Schatten Sokrates nachging, die mir nicht so sehr durch das Bächlein selbst, das dort beschrieben wird, als. durch die Rede des Platon gewachsen86 zu sein scheint. Und was jener trotz seiner sehr abgehärteten Füße tat, daß er sich auf das Gras niederwarf und so jenes sprach, was die Philosophen wie Göttersprüche rühmen, das darf sicherlich meinen Füßen noch weit eher zugute gehalten werden.” 29. Darauf habe Crassus erwidert: “Nicht so! Wir können es ja bequemer haben!” und habe Polster herbeibringen lassen, und alle hätten sich auf die Sitze, die unter der Platane waren, niedergelassen.
VIII. Hier also leitete Crassus, wie Cotta oftmals erzählte, um den Gemütern aller eine Erholung von der gestrigen Unterredung zu gewähren, das Gespräch auf die wissenschaftliche Erlernung der Beredsamkeit. 30. Er begann mit der Erklärung, Sulpicius und Cotta bedürften nicht seiner Aufmunterung, sondern beiden müsse man vielmehr Lob erteilen, weil sie sich schon eine solche Geschicklichkeit im Reden angeeignet hätten, daß sie nicht allein ihren Altersgenossen vorgezogen, sondern sogar den Älteren gleichgestellt würden. “Und wahrlich”, so fuhr er fort, “es erscheint mir nichts so vortrefflich als die Kunst, durch die Rede die Aufmerksamkeit der Menschen in den Versammlungen zu fesseln, ihre Gemüter zu gewinnen, ihre Neigungen zu leiten, wohin man will, und wovon man will, abzulenken. Sie ist die einzige, welche bei jedem freien Volk und besonders in friedlichen und ruhigen Staaten vorzüglich immer geblüht und immer geherrscht hat. 31. Denn was ist so bewunderungswürdig, als wenn aus einer unendlich großen Menge von Menschen einer auftritt, der das, was allen die Natur verliehen hat, entweder allein oder nur mit wenigen ausüben kann? Oder was ist für Geist und Ohr so anziehend wie eine mit weisen Gedanken: und gewichtigen Worten geschmückte und fein ausgebildete Rede? Aber was macht einen so mächtigen und erhabenen Eindruck, als wenn die Bewegungen des Volkes, die Bedenklichkeiten der Richter, die Würde des Senates durch eines Mannes Rede gelenkt wird? 32. Was ist ferner so königlich, so freigebig, so großmütig, als Hilfe zu leisten den Flehenden, aufzurichten die Niedergeschlagenen, Rettung vom Untergang zu gewähren, von Gefahren zu befreien, die Menschen im Staat zurückzuhalten? Was ist aber so notwendig, als zu jeder Zeit Waffen zu besitzen, mit denen man sich entweder selbst decken kann oder die Schlechten zum Kampf herausfordern oder, angegriffen, sich rächen? Und nun weiter, um nicht immer an Forum, Gerichtsstühle, Rednerbühne und Curie zu denken, was kann in der Muße erfreulicher oder dem menschlichen Wesen entsprechender sein als eine geistreiche und in keinerlei Weise ungebildete Unterredung? Denn darin gerade besteht unser größter Vorzug vor den rohen Tieren, daß wir uns mit einander unterreden und unsere Empfindungen durch Worte ausdrücken können. 33. Wer sollte daher dieses nicht mit Recht bewundern und das nicht seiner eifrigsten Bemühungen wertachten, daß er darin die Menschen selbst überrage, worin gerade die Menschen sich am meisten vor den Tieren auszeichnen? Um nun aber auf das Wichtigste zu kommen, welche andere Macht konnte die zerstreuten Menschen an einem Ort zusammenscharen oder von der wilden und rohen Lebensweise zu der jetzigen menschlichen und bürgerlichen Bildung leiten oder nach Gründung der Staaten Gesetze, Gerichte und Rechte anordnen? 34. Und um nicht noch mehr Vorteile, deren es fast unzählige gibt, aufzusuchen, will ich es kurz zusammenfassen. Ich urteile nämlich so: Auf der weisen Mäßigung des vollkommenen Redners beruht vorzüglich nicht allein seine eigene Würde, sondern auch die Wohlfahrt der meisten einzelnen und des ganzen Staates. Darum, junge Freunde, fahrt so fort, wie ihr tut, und legt euch mit allem Eifer auf die Wissenschaft, der ihr euch widmet, damit ihr euch Ruhm, den Freunden Nutzen und dem Staat Vorteil gewähren könnt.”
IX. 35. Hierauf sagte Scaevola mit seiner gewohnten Freundlichkeit: “Im übrigen stimme ich dem Crassus bei; ich würde ja sonst die Kunst oder den Ruhm meines Schwiegervaters Gaius Laelius87 oder meines Schwiegersohnes hier schmälern; aber in zwei Punkten, Crassus, möchte ich doch Bedenken tragen, dir beizupflichten: Einmal, daß du behauptest, die Staaten seien in ihrem Entstehen von Rednern gegründet und oft erhalten worden; dann, daß du meinst, der Redner sei, auch abgesehen von Forum, Volksversammlung, Gerichten und Senat, in jeder Art von Vorträgen und höherer Bildung ein Meister. 36. Denn wer möchte dir das einräumen, daß anfänglich das auf Bergen und Wäldern zerstreute Menschengeschlecht sich nicht durch kluger Männer Ratschläge eher als durch bezaubernde Vorträge beredter Männer habe bewegen lassen, sich in Städten und Mauern einzuschließen? Oder aber, daß die übrigen nützlichen Einrichtungen bei der Gründung und Erhaltung der Staaten nicht von weisen und tapferen, sondern von beredten und schön redenden Männern getroffen seien? 37. Meinst du wirklich, Romulus habe durch Beredsamkeit und nicht vielmehr durch seine vorzügliche Klugheit und Weisheit die Hirten und die zusammengelaufenen Fremdlinge vereinigt oder mit den Sabinern Ehen geknüpft oder der benachbarten Völker Angriffe zurückgedrängt? Wie? Ist in Numa Pompilius, ist in Servius Tullius, ist in den übrigen Königen, die so viele vortreffliche Einrichtungen für die Staatsverfassung gemacht haben, eine Spur von Beredsamkeit sichtbar? Wie? Nach der Vertreibung der Könige – wiewohl wir die Vertreibung selbst durch den Geist und nicht durch die Zunge des Lucius Brutus zustande gebracht sehen – doch hernach, sehen wir da nicht überall eine Fülle kluger Ratschläge und einen Mangel an Worten? 38. Ja, wenn ich mich auf Beispiele unserer und anderer Staaten berufen wollte, so könnte ich mehr Nachteile als Vorteile anführen, die dem Gemeinwesen durch die beredtesten Männer gebracht sind; doch um anderes zu übergehen, so waren, wie ich glaube, unter allen Rednern, die ich gehört habe, wenn ich euch beide, Crassus, ausnehme, die größten die beiden Sempronier, Tiberius und Gaius, deren Vater88, ein verständiger und achtungswürdiger Mann, aber keineswegs beredt, die Wohlfahrt des Staates sowohl zu anderen Zeiten oft als ganz besonders während seiner Censur förderte. Und dieser hat nicht durch eine sorgfältige Fülle der Rede, sondern durch einen Wink und ein Wort die Freigelassenen in die städtischen Zünfte versetzt. Hätte er dies nicht getan, so würden wir den Staat, den wir jetzt kaum noch behaupten können, schon längst gar nicht mehr haben. Aber seine beredten und mit allen Gaben der Natur und allen Hilfsmitteln der Gelehrsamkeit zum Reden ausgerüsteten Söhne haben, da sie doch den Staat durch die Klugheit ihres Vaters und durch die Waffen ihres Großvaters89 in der höchsten Blüte überkommen hatten, durch diese deine Lenkerin der Staaten, wie du die Beredsamkeit nennst, das Vermögen des Staates zerrüttet.
X. 39. Wie? Die alten Gesetze und die Sitte der Vorfahren; wie? die Vogelschau, der ich und du90, Crassus, zur großen Wohlfahrt des Staates vorstehen; wie? der Gottesdienst und die heiligen Gebräuche; wie? unsere bürgerlichen Rechte, die schon lange in unserer Familie ohne allen Ruhm der Beredsamkeit heimisch sind – ist dieses alles von den Rednern erfunden oder erkannt oder überhaupt behandelt? 40. Es ist mir noch erinnerlich, wie Servius Galba91, ein unvergleichlicher Redner, und Marcus Aemilius Porcina92 und selbst Gaius Carbo93, den du in den ersten Jahren deiner Jugend niederschmettertest, unkundig der Gesetze, unsicher in den Einrichtungen der Vorfahren und unwissend im bürgerlichen Recht waren. Und unser Zeitalter ist, wenn ich dich ausnehme, Crassus, der du mehr aus eigener Neigung, als weil es der eigentliche Beruf des Redners erforderte, das bürgerliche Recht von mir gelernt hast, des Rechtes so unkundig, daß man sich zuweilen schämen muß. 41. Was aber den Punkt am Schluß deiner Rede betrifft, wo du dir gleichsam mit deinem Recht herausgenommen hast zu behaupten, der Redner könne sich in jeder Art von Vorträgen und wissenschaftlichen Erörterungen mit der größten Fülle bewegen, so würde ich dies, wenn ich mich hier nicht auf deinem Gebiet befände, nicht ertragen und vielen geraten haben, sie möchten gegen dich gerichtlichen Einspruch94 einlegen oder dich auffordern, die Sache auf dem Weg des Rechtes auszumachen95, weil du so ohne weiteres in fremde Besitzungen eingedrungen seiest. 42. Es würden nämlich mit dir rechten zuerst alle Pythagoreer96 und Demokritier97, sowie auch die übrigen Naturphilosophen98 ihren Besitz in Anspruch nehmen, Männer, die sich durch eine schöne und nachdrucksvolle Rede auszeichnen, und du dürftest dich mit diesen nicht in einen Rechtsstreit unter Berufung auf ein gerichtliches Unterpfand einlassen99. Bedrängen würden dich außerdem die Scharen der Philosophen, gleich von Sokrates an, ihrem Urheber und Stifter, und erweisen, daß du nichts von den Gütern im Leben, nichts von den Übeln, nichts von den Gemütsbewegungen, nichts von den Sitten der Menschen, nichts von ihrer Lebensweise gelernt, nichts überhaupt untersucht habest, nichts wissest; und nach dem Gesamtangriff aller auf dich würden auch noch die einzelnen Schulen besonders einen Rechtsstreit gegen dich erheben. 43. Zusetzen würde dir die Akademie100 und dich nötigen, zu bekennen, daß du das nicht wissest, was du gesagt habest. Unsere Stoiker101 vollends würden dich in den Schlingen ihrer gelehrten Streitigkeiten und Fragen verstrickt halten. Die Peripatetiker102 aber würden dartun, die Stützen der Rede und die Mittel zu ihrer Verschönerung, die du für ein Eigentum der Redner hältst, müßten von ihnen entlehnt werden, und zeigen, daß Aristoteles und Theophrastos103 nicht nur bessere, sondern auch mehr Vorschriften über diese Gegenstände niedergeschrieben hätten als alle Lehrmeister der Beredsamkeit. 44. Ich übergehe die Mathematiker, Grammatiker und Musiker, mit deren Wissenschaften diese eure Redekunst auch nicht in der geringsten Gemeinschaft und Berührung steht. Deshalb, meine ich, Crassus, darf man nicht so Großes und so vieles verheißen. Groß genug ist das, was du leisten kannst, daß vor Gericht jedesmal die Sache, die du verteidigst, besser und beifallswerter zu sein scheint, daß in den Volksversammlungen und bei den Abstimmungen dein Vortrag auf die Überzeugung der Menschen den größten Einfluß hat, endlich daß du den Einsichtsvollen beredt, den Unverständigen auch wahr zu reden scheinst. Leistest du noch mehr, so leistet dieses, wie ich glaube, nicht der Redner, sondern Crassus durch seine eigene und nicht durch die den Rednern gemeinsame Geschicklichkeit.”
XI. 45. Hierauf erwiderte jener: “Ich weiß recht wohl, Scaevola, daß dieses unter den Griechen besprochen und verhandelt zu werden pflegt. Ich habe ja die größten Männer gehört, da ich als Quästor aus Makedonien104 nach Athen gekommen war, wo die Akademie, wie man damals sagte, dadurch in Blüte stand, daß derselben Charmadas105, Kleitomachos106 und Aischines107 vorstanden. Auch Metrodoros108 war da, der mit jenen zugleich den berühmten Karneades109 selbst sehr fleißig gehört hatte, der alle im Vortrag und Scharfsinn und Fülle der Rede überragte, und in großem Ansehen standen der Schüler deines Panaitios, Mnesarchos110, und Diodoros, der Schüler des Peripatetikers Kritolaos111. 46. Außerdem lebten noch viele andere Männer hier, die in der Philosophie berühmt und angesehen waren. Alle diese nun wollten, wie ich sah, fast einstimmig den Redner von dem Steuer der Staaten verdrängen und von aller Gelehrsamkeit .und höherer Wissenschaft ausschließen und nur in die Gerichte und in unbedeutende Volksversammlungen, wie in eine Stampfmühle, verstoßen und einsperren. 47. Aber ich konnte weder jenen beipflichten noch dem Erfinder und Urheber dieser gelehrten Streitigkeiten, Platon, der sich in seinen Vorträgen durch Gediegenheit und Beredsamkeit vor allen bei weitem auszeichnet. Ich las seinen ‘Gorgias’ damals zu Athen mit Charmadas sehr fleißig, und ich mußte in diesem Buch den Platon besonders deshalb bewundern, weil er mir, indem er die Redner112 verspottete, selbst der größte Redner zu schein schien. Wortgezänk quält schon lange die armen Griechen, die nach Streit begieriger sind als nach der Wahrheit. 48. Denn gesetzt, es wolle einer den für einen Redner halten, der nur mit Rechtsangelegenheiten und in den Gerichten entweder vor dem Volk oder im Senat mit Fülle reden könne, so muß er doch selbst diesem vieles einräumen und zugestehen. Ohne gründliche Behandlung aller öffentlichen Angelegenheiten, ohne die Kenntnis der Gesetze, der Sitte und des Rechtes, ohne die Bekanntschaft mit dem Wesen und den Sitten der Menschen kann ja niemand selbst in diesen Dingen sich mit genügender Einsicht und Geschicklichkeit bewegen. Wer sich aber diese Kenntnisse angeeignet hat, ohne die niemand auch nur das Geringfügigste in den Rechtssachen wahren kann, wie wird dem die Wissenschaft der wichtigsten Sachen fern sein können? Verlangt man aber auch vom Redner weiter nichts als einen wohlgeordneten, geschmückten und reichhaltigen Vortrag, so frage ich, wie er selbst dieses ohne die Wissenschaft erreichen kann, die ihr ihm nicht einräumt. Denn Tüchtigkeit im Reden kann nur stattfinden, wenn der Redner den Gegenstand, über den er sprechen will, erfaßt hat. 49. Hat also jener Naturphilosoph Demokritos113 einen schönen Vortrag gehabt, wie man sagt und mir scheint, so gehörte der Stoff, über den er sprach, dem Naturphilosophen an, der Schmuck der Worte aber muß als ein Eigentum des Redners angesehen werden. Und wenn Platon über Gegenstände, die von bürgerlichen Streitigkeiten weit entfernt sind, unvergleichlich schön gesprochen hat, was ich zugebe, wenn gleichfalls Aristoteles114, wenn Theophrastos, wenn Karneades die von ihnen behandelten Gegenstände in einer beredten, anmutigen und geschmückten Sprache darlegen, so mögen die Gegenstände ihrer Vorträge anderen Wissensgebieten angehören, der Vortrag selbst ist sicherlich Eigentum dieser Kunst allein, die wir in unserem Gespräch untersuchen. 50. Wir sehen ja, daß einige über dieselben Gegenstände trocken und dürftig gesprochen haben, wie zum Beispiel Chrysippos115, dessen großen Scharfsinn man rühmt und der darum, daß er diese Geschicklichkeit im Reden aus einer fremden Kunst nicht besaß, nicht minder der Philosophie Genüge geleistet hat.
XII. Was findet also für ein Unterschied statt? Oder wie wirst du die Reichhaltigkeit und Fülle der eben genannten Männer von der Dürftigkeit derer unterscheiden, welche diese Mannigfaltigkeit und Zierlichkeit der Rede nicht haben? Eines wird in der Tat sein, was diejenigen, welche gut reden, als ihr Eigentum mit sich bringen: eine wohlgeordnete, geschmückte und durch Kunst und Feile mit mannigfaltiger Abwechslung versehene Rede. Wenn aber einer solchen Rede nicht ein Stoff zugrunde liegt, der von dem Redner erfaßt und erkannt ist, so muß sie notwendigerweise entweder ganz bedeutungslos sein oder der Gegenstand allgemeinen Spottes und Gelächters werden. 51. Denn was ist so unsinnig wie ein leerer Schall von Worten, wenn sie auch noch so schön und zierlich sind, wenn kein Gedanke und keine Wissenschaft zugrunde liegt? Man nehme nun aus irgendeiner Wissenschaft einen Stoff, gleichviel von welcher Art, so wird der Redner denselben, wenn er sich zuvor von der Sache seines Schutzbefohlenen hat belehren lassen, besser und geschmückter vortragen als selbst der Erfinder und Kenner dieser Sache. 52. Denn wenn jemand behaupten sollte, es gebe gewisse den Rednern eigentümliche Gedanken und Verhandlungen und eine durch die Schranken des Gerichtes begrenzte Wissenschaft von bestimmten Gegenständen, so will ich allerdings gestehen, daß unsere Redeweise sich häufiger mit diesen beschäftige, aber doch befindet sich selbst in diesen Gegenständen sehr vieles, was die sogenannten Redekünstler weder lehren noch kennen. 53. Denn wer weiß nicht, daß die größte Stärke des Redners sich darin zeigt, daß er die Gemüter der Menschen zum Zorn oder zum Haß oder zum Schmerz anreizt und von diesen Leidenschaften wieder zur Sanftmut und zum Mitleid zurückführt? Wer die Gemütsarten der Menschen und das ganze Wesen der menschlichen Natur und die Ursachen, durch die die Gemüter entweder angereizt oder beschwichtigt werden, nicht von Grund aus erkannt hat, wird durch seine Rede das nicht erreichen können, was er will. 54. Und dieser ganze Gegenstand wird als ein Eigentum der Philosophen betrachtet, und der Redner wird, wenn er meinem Rat folgen will, dies nie bestreiten. Aber wenn er diesen die Kenntnis der Sachen einräumt, weil sie hierauf allein das Ziel ihrer Bestrebungen gerichtet haben, so wird er die Behandlung des Vortrages, der ohne jene Kenntnis ganz bedeutungslos ist, für sich in Anspruch nehmen. Denn das ist, wie ich schon oft bemerkte, das Eigentum des Redners: der würdevolle, geschmückte und den Empfindungen und Gedanken der Menschen angemessene Vortrag.
XIII. 55. Daß über diese Gegenstände Aristoteles und Theophrastos116 geschrieben haben, gestehe ich zu. Aber sieh zu, Scaevola, ob nicht dieses ganz für mich spricht! Denn ich entlehne nicht von jenen, was der Redner mit jenen gemein hat; diese aber räumen ein, daß das, was sie über diese Gegenstände abhandeln, den Rednern angehöre. Daher benennen sie ihre übrigen Bücher mit dem Namen ihrer Wissenschaft, diese hingegen überschreiben und benennen sie die rednerische. 56. Allerdings, wenn in der Rede, wie es sehr oft der Fall ist, Veranlassungen eintreten, jene Gemeinsätze über die unsterblichen Götter, über Frömmigkeit, über Eintracht, über Freundschaft, über das gemeinsame Recht der Bürger, der Menschen und Völker, über Billigkeit, über Besonnenheit, über Seelengröße, über jede Art der Tugend zu behandeln, so werden, glaube ich, alle Gymnasien und alle Schulen der Philosophen laut erklären, dieses alles sei ihr Eigentum, gar nichts hiervon gehe den Redner an. 57. Wenn ich nun diesen auch zugeben will, daß sie diese Gegenstände in ihren Winkeln, um sich die Zeit zu vertreiben, erörtern, so werde ich doch das dem Redner zuerteilen und zuerkennen, daß, während jene diese Gegenstände in einer mageren und kraftlosen Sprache abhandeln, dieser die nämlichen mit aller Anmut und Würde entwickelt. Dies verhandelte ich damals zu Athen mit den Philosophen selbst. Denn dazu nötigte mich unser Marcus Marcellus117, der jetzt kurulischer Ädil ist und unfehlbar, wenn er nicht jetzt die Spiele besorgte, unserer Unterredung hier beiwohnen würde; auch schon damals hatte er sich als angehender Jüngling diesen gelehrten Beschäftigungen mit bewunderungswürdigem Eifer ergeben. 58. Ferner in betreff der Gesetzgebung, des Krieges und Friedens, der Bundesgenossen, der Staatsgefälle, der nach Verschiedenheit der Stände und Alter angeordneten Rechte der Bürger mögen die Griechen, wenn sie wollen, behaupten, Lykurgos oder Solon – wiewohl diese wenigstens meines Erachtens unter die Zahl der Redner gerechnet werden müssen – hätten von diesen Gegenständen eine bessere Kenntnis gehabt als Hypereides oder Demosthenes118, Männer, die in der Beredsamkeit schon ganz vollkommen und fein ausgebildet sind; oder mögen die Unsrigen den Decemvirn119, den Verfassern der zwölf Gesetzestafeln, welche einsichtsvolle Männer sein mußten, in dieser Beziehung den Vorzug geben vor dem,Servius Galba120 und deinem Schwiegervater Gaius Laelius121, die sich bekanntlich durch Rednerruhm auszeichneten. 59. Denn ich will nicht leugnen, daß es gewisse Wissenschaften gibt, die das Eigentum derer sind, die der Erforschung und Behandlung derselben ihren ganzen Eifer zuwenden; aber ich behaupte: Der erst ist ein vollendeter und vollkommener Redner, der über alle Gegenstände mit Fülle und Mannigfaltigkeit zu reden versteht.
XIV. Allerdings liegt oft in den Sachen, die nach dem Geständnis aller den Rednern eigentümlich angehören, etwas, was nicht aus der gerichtlichen Erfahrung, die ihr den Rednern allein einräumt, sondern aus einer tieferen Wissenschaft geschöpft und entlehnt werden muß. 60. Denn ich frage, ob man wohl entweder gegen einen Feldherrn oder für einen Feldherrn reden könne ohne Erfahrung im Kriegswesen, oft auch ohne Kenntnis der Gegenden zu Wasser und zu Land, ob vor dem Volk über Genehmigung oder Verwerfung von Gesetzesvorschlägen, ob im Senat über alle Zweige der Staatsverwaltung ohne die tiefste Einsicht und Kenntnis der bürgerlichen Angelegenheiten, ob die Rede zur Entflammung oder auch Dämpfung der Empfindungen und Bewegungen des Gemütes – und das ist ja das eigentliche Gebiet des Redners – zur Anwendung gebracht werden könne ohne die sorgfältigste Erforschung aller Lehrsätze, welche die Philosophen über die Gemütsarten und Sitten des Menschengeschlechts entwickeln. 61. Und vielleicht dürfte ich euch hiervon nicht ganz überzeugen; doch ich will keinen Anstand nehmen, meine Ansicht mitzuteilen. Die Physik und Mathematik selbst, sowie das, was du kurz zuvor als das Eigentum anderer Wissenschaften aufstelltest, gehört der Kenntnis derer an, die sie zu ihrem Berufsgeschäft machen; will aber jemand eben diese Wissenschaften durch den Vortrag beleuchten, so muß er zu der Geschicklichkeit des Redners seine Zuflucht nehmen. 62. Denn wenn bekanntlich jener Baumeister Philon122, der den Athenern ein Zeughaus baute, dem Volk auf sehr beredte Weise von seinem Werk Rechenschaft ablegte, so darf man nicht glauben, er sei eher durch die Kunst des Baumeisters als durch die des Redners beredt gewesen. Und wenn unser Marcus Antonius für den Hermodoros123 über den Bau von Schiffswerften hätte reden müssen, so würde er, sobald er von diesem über die Sache belehrt worden wäre, einen geschmückten und reichhaltigen Vortrag über eine fremde Kunst gehalten haben. Und ferner, wenn Asklepiades124, der mein Arzt und Freund war, alle andern Ärzte an Beredsamkeit übertraf, so machte er gerade darin, daß er so geschmackvoll redete, nicht von seiner Arzneikunde Gebrauch, wohl aber von der Beredsamkeit. 63. Und das hat einen ziemlichen Schein von Wahrheit, ist jedoch nicht wahr, was Sokrates125 zu sagen pflegte, alle seien in dem, was sie wissen, hinlänglich beredt; wahrer ist das: Niemand kann in dem beredt sein, was er nicht weiß; aber wenn er es auch noch so gut weiß und nicht versteht, die Rede zu bilden und zu glätten, so kann er selbst das, wovon er Kenntnis hat, nicht beredt vortragen.
XV. 64. Will man also den Begriff des Redners im allgemeinen und besonderen bestimmen und zusammenfassen, so wird meines Erachtens der Redner eines so ehrenvollen Namens würdig sein, der über jeden vorfallenden Gegenstand, der durch die Rede entwickelt werden soll, mit Sachkenntnis, in guter Ordnung, mit Geschmack und aus dem Gedächtnis, zugleich auch mit einer gewissen Würde des äußeren Vortrages reden kann. 65. Sollte aber manchem der von mir gebrauchte Ausdruck über jeden vorfallenden Gegenstand allzu unbestimmt erscheinen, so mag er hiervon abschneiden und wegnehmen, soviel ihn gut dünkt; doch das werde ich festhalten: Mag der Redner auch den Stoff der anderen Künste und Wissenschaften nicht kennen und nur das verstehen, was zu den Rechtserörterungen und zur gerichtlichen Übung erforderlich ist, so wird er doch, wenn er über jene Gegenstände reden soll, sobald er sich bei denen Rats erholt hat, die das, was jeder Sache eigentümlich angehört, kennen, als Redner weit besser darüber reden als selbst jene, die diese Gegenstände berufsmäßig treiben. 66. Wenn zum Beispiel unser Sulpicius hier über das Kriegswesen reden soll, so wird er bei unserem Verwandten Gaius Marius126 Erkundigungen einziehen und, wenn er sie erhalten hat, einen solchen Vortrag halten, daß selbst Gaius Marius glauben dürfte, dieser habe davon fast eine bessere Kenntnis als er selbst. Soll er aber über das bürgerliche Recht reden, so würde er sich mit dir besprechen und dich, den einsichtsvollsten und erfahrensten Mann, in eben den Dingen, die er von dir erlernt hat, an Redekunst übertreffen. 67. Und kommt ein Fall vor, wo er über die Natur, über die Laster der Menschen, über die Begierden, über Mäßigung und Enthaltsamkeit, über Schmerz, und Tod sprechen soll, so dürfte er sich vielleicht, wenn es ihn gut dünkte – wiewohl dieses wenigstens der Redner kennen muß –, mit dem Sextus Pompeius127 besprechen, einem in der Philosophie unterrichteten Mann, und in der Tat, es wird ihm gelingen, über jeden Gegenstand, den er von irgend jemand erlernt hat, weit geschmückter zu reden als selbst jener, der ihn belehrt hat. 68. Aber wenn ihm ein Rat etwas gilt, so wollen wir, weil die Philosophie in drei Teile zerfällt, in die dunkle Naturwissenschaft, die scharfsinnige Dialektik und die Lehre von dem Leben und den Sitten, die beiden ersten aufgeben und unserer Trägheit zugute halten; wollen wir aber den dritten, der immer den Rednern angehört hat, nicht behaupten, so werden wir dem Redner nichts zurücklassen, worin er sich groß zeigen könnte. 69. Darum muß dieser ganze Teil, der von dem Leben und den Sitten handelt, von dem Redner gründlich erlernt werden; das übrige wird er, wenn er es auch nicht erlernt hat, doch, sobald es einmal nötig ist, durch die Rede auszuschmücken verstehen, wenn ihm nur zuvor der Stoff dazu überliefert und eingehändigt worden ist.
XVI. Denn wenn, wie es unter den Gelehrten bekannt ist, ein in der Sternkunde unerfahrener Mann, Aratos128, den Himmel und die Gestirne in den schönsten und herrlichsten Versen besungen, wenn ein Mann, der sehr fern vom Land lebte, Nikandros129 aus Kolophon, über die Landwirtschaft vermöge dichterischer Befähigung, nicht aber wegen seiner Kenntnis im Landbau, vortrefflich geschrieben hat, warum sollte dann nicht der Redner über solche Gegenstände sehr beredt reden, die er für eine gewisse Sache und Zeit erlernt hat? 70. Dem Redner ist ja der Dichter nahe verwandt, durch das Versmaß ein wenig mehr gebunden, in dem Gebrauch der Worte hingegen freier, in vielen Arten des Schmuckes aber Teilnehmer und fast gleich, darin wenigstens ohne Zweifel ihm beinahe gleich, daß er sein Gebiet durch keine Schranken so umgrenzt und einschließt, daß es ihm nicht freistehen sollte, sich mit der nämlichen Gewandtheit und Fülle des Ausdruckes zu ergehen, wo er Lust hat. 71. Ich muß nämlich hier auf deine frühere Äußerung, Scaevola, zurückkommen. Warum sagtest du, du würdest, wenn du dich nicht auf meinem Gebiet befändest, meine Behauptung nicht ertragen haben, daß der Redner in jeder Art des Vortrages, in jedem Zweig menschlicher Bildung vollkommen sein müsse? Niemals fürwahr würde ich eine solche Behauptung ausgesprochen haben, wenn ich mich selbst für das Vorbild, das ich aufstellte, hielte. 72. Aber was Gaius Lucilius130 oft zu sagen pflegte, der dir ein wenig grollte und gerade deshalb mir weniger, als er es wünschte, befreundet, aber doch ein gelehrter und sehr fein gebildeter Mann war, dasselbe ist auch mein Urteil, daß nämlich niemand unter die Zahl der Redner gerechnet werden dürfe, der nicht in allen, eines freien Mannes würdigen Wissenschaften ausgebildet sei. Denn wenn wir von ihnen selbst auch beim Reden keinen Gebrauch machen, so ist es doch sichtbar und stellt sich heraus, ob wir derselben unkundig sind oder sie gelernt haben. 73. So wie zum Beispiel die Ballspieler beim Spiel selbst die der Ringschule eigentümliche Kunst nicht anwenden, aber schon ihre Bewegung anzeigt, ob sie die Ringkunst erlernt haben oder nicht kennen, und so wie die Bildhauer, wenn sie auch für den Augenblick von der Malerei gar keinen Gebrauch machen, doch nicht undeutlich zu erkennen geben, ob sie zu malen verstehen oder nicht, so offenbart es sich bei unseren Reden vor Gericht, in den Volksversammlungen und im Senat, auch wenn in ihnen andere Wissenschaften nicht ausdrücklich zur Anwendung kommen, doch leicht, ob der Redner sich nur in den gewöhnlichen Redeübungen herumgetummelt hat oder ob er mit allen edlen Wissenschaften ausgerüstet als Redner auftritt.”
XVII. 74. Hierauf erwiderte Scaevola lachend: “Ich will nicht weiter mit dir streiten, Crassus. Deine Gegenrede selbst hast du ja mit einem gewissen Kunstgriff zustande gebracht, indem du einerseits mir in dem, was ich dem Redner abgesprochen wissen wollte, beipflichtetest, andererseits eben dieses, Gott weiß wie, wieder umdrehtest und dem Redner als Eigentum zuerteiltest. 75. Als ich als Prätor nach Rhodos kam und jenem ausgezeichneten Lehrer eurer Wissenschaft, Apollonios131, das, was ich von Panaitios132 vernommen hatte, mitteilte, verspottete er nach seiner Gewohnheit die Philosophie und setzte sie herab und sagte vieles weniger mit würdevollem Ernst als auf witzige Weise. Dein Vortrag hingegen hatte nicht die Absicht, irgendeine Kunst oder Wissenschaft herabzusetzen, sondern alle als Begleiterinnen und Gehilfinnen des Redners darzustellen. 76. Sollte nun ja ein einziger Mensch sie alle umfaßt und zugleich hiermit jene Geschicklichkeit einer wohl geschmückten Rede verbunden haben, so muß ich ihn für einen hervorragenden und bewunderungswürdigen Mann erklären; aber ein solcher würde, wenn es einen gäbe oder auch je gegeben hätte oder auch nur geben könnte, fürwahr kein anderer sein als du. Du hast ja nach meinem und aller Urteil allen anderen Rednern – unsere jungen Freunde mögen mir dieses Geständnis nicht übelnehmen – kaum irgendeinen Ruhm übriggelassen. 77. Doch wenn es dir an keiner Kenntnis der gerichtlichen und bürgerlichen Angelegenheiten gebricht und du doch die Wissenschaft133 nicht umfaßt hast, die du dem Redner beigesellst, so laß uns sehen, ob du ihm nicht mehr zuteilst, als es die Sache und Wirklichkeit zuläßt.” 78. Da sagte Crassus: “Bedenke doch, daß ich nicht über meine, sondern des Redners Geschicklichkeit gesprochen habe. Denn was habe ich gelernt oder was konnte ich wissen, der ich eher zum Handeln als zum Lernen kam, den auf dem Forum, in der Bewerbung um obrigkeitliche Ämter, in Staatsgeschäften, in Rechtshändeln meiner Freunde die Sache selbst eher aufgerieben hat, als ich eine Ahnung von der Wichtigkeit dieser Sachen haben konnte? 79. Wenn ich dir nun auch so schon Großes zu leisten scheine, dem es, wenn auch nicht gerade an Anlagen, wie du meinst, doch sicherlich an Gelehrsamkeit und an Muße und wahrlich auch an jener feurigen Lernbegierde gemangelt hat – was meinst du, wenn zu jemandes besseren Anlagen auch noch die Wissenschaften, die ich nicht berührt habe, hinzukämen, wie herrlich und wie groß würde ein solcher Redner sein?”
XVIII. 80. Hierauf sagte Antonius: “Du überzeugst mich, Crassus, von der Wahrheit deiner Behauptungen, und ich zweifle nicht, daß derjenige im Reden weit reicher ausgestattet sein wird, der die Beschaffenheit und das Wesen aller Dinge und Wissenschaften umfaßt. 81. Aber erstens ist dieses schwer auszuführen, zumal bei unserer Lebensweise und unseren Beschäftigungen; und dann muß man besorgen, daß wir dadurch von unserer Redeübung und Redeweise, wie sie sich für das Volk und die Gerichte eignet, abgezogen werden. Denn einen anderen Vortrag scheinen mir die Männer zu haben, deren du kurz zuvor gedacht hast, so geschmackvoll und so gewichtig sie auch über das Wesen der Dinge und über menschliche Angelegenheiten reden mögen. Ihre Redeweise ist glänzend und blühend, aber sie paßt mehr für die Schule und Schulübungen als für unseren gemischten Bürgerschwarm und die Gerichte 82. Ich meinerseits habe mich freilich erst spät und nur oberflächlich mit der griechischen Literatur befaßt; aber da ich als Prokonsul auf meiner Reise nach Kilikien und Athen kam und daselbst wegen widriger Winde mehrere Tage verweilte, so hatte ich doch täglich die gelehrtesten Männer um mich, meistens dieselben, die du eben nanntest. Und da es, ich weiß nicht wie, unter ihnen ruchbar geworden war, daß ich wichtigere Rechtsverhandlungen, so wie du, zu führen pflegte, so versuchte jeder von ihnen, so gut er konnte, sich über den Beruf und das Verfahren des Redners auszusprechen. 83. Einige von ihnen sowie eben jener Mnesarchos134 sagten, diejenigen, die wir Redner nennten, seien nichts anderes als Handlanger mit geläufiger und geübter Zunge; ein wahrer Redner sei niemand, wenn er nicht ein Weiser sei, und die Beredsamkeit selbst sei, weil sie in der Wissenschaft des guten Vortrages bestehe, eine Tugend, und wer eine Tugend besitzt, besitze alle, und diese seien untereinander völlig gleich; folglich, wer beredt sei, der besitze alle Tugenden und sei ein Weiser. Doch diese Erörterung war spitzfindig und saftlos und widersprach zu sehr unserer Auffassungsweise. 84. Charmadas135 aber sprach weit reichhaltiger über dieselben Gegenstände, jedoch nicht, um seine eigene Ansicht auszusprechen; das ist ja die hergebrachte Weise der Akademie, in ihren Untersuchungen allen nur immer das Widerspiel zu halten; aber doch deutete er ganz deutlich an, diejenigen, die man Redekünstler nenne und die die Regeln der Beredsamkeit lehrten, wüßten gar nichts, und niemand könne sich Geschicklichkeit im Reden aneignen, wenn er nicht die Erfindungen der Philosophen gelernt habe.
XIX. 85. Dagegen sprachen beredte und in Staatsgeschäften und Rechtshandlungen bewanderte Männer, unter denen sich auch der befand, der neulich zu Rom war, Menedemos136, mein Gastfreund. Da dieser behauptete, es gebe eine Wissenschaft, die sich mit Erforschung von Kunstregeln über die Einrichtung und Verwaltung der Staaten beschäftige, da erhob sich der immer schlagfertige Mann137, der eine reiche Gelehrsamkeit und eine unglaubliche Mannigfaltigkeit und Fülle von Kenntnissen besaß, und zeigte, daß alle Teile eben dieser Staatswissenschaft von der Philosophie entlehnt werden müßten und daß über Verordnungen des Staates in betreff der unsterblichen Götter, der Jugenderziehung, der Gerechtigkeit, der Geduld, der Besonnenheit, des Maßes in allem und über alle anderen Dinge, ohne welche die Staaten entweder gar nicht bestehen oder nicht wohl gesittet sein könnten, sich nirgends in ihren Bücher eine Vorschrift finden lasse. 86. Wenn nun diese Redekünstler eine so große Menge der wichtigsten Gegenstände in ihrer Wissenschaft umfassen, so fragte er, warum ihre Bücher von Regeln über Eingänge, über Schlußreden und dergleichen Possen (so nannte er es) vollgefüllt seien, über Einrichtung der Staaten hingegen, über Abfassung von Gesetzen, über Billigkeit, Gerechtigkeit und Treue, über Bezähmung der Begierden, über Bildung der Sitten des Menschengeschlechtes sich kein Buchstabe in ihren Büchern finde. 87. Ihre Regeln selbst pflegte er dadurch zu verspotten, daß er zeigte, daß sich nicht nur in jener Staatsklugheit, die sie sich anmaßten, unerfahren seien, sondern auch von der Beredsamkeit selbst keine schulgerechte Kenntnis hätten. Die Hauptsache für den Redner nämlich, meinte er, bestehe darin, daß er denjenigen, vor denen er auftrete, so erscheine, wie er es selbst wünsche; dies werde durch die Würde des Lebens bewirkt, von der jene Lehrer der Beredsamkeit in ihren Vorschriften nichts hinterlassen hätten; und daß seine Zuhörer in ihrem Inneren so gestimmt würden, wie sie der Redner gestimmt wissen wolle; auch dies sei auf keine Weise möglich, wenn nicht der Redner gelernt habe, auf welche und auf wie vielerlei Weise, und durch welche Art des Vortrages die Gemüter der Menschen nach allen Richtungen gelenkt würden; das seien aber Geheimnisse, die ganz in der Tiefe der Philosophie versteckt und verborgen lägen, wovon jene Redekünstler sich nicht einmal eine oberflächliche Kenntnis angeeignet hätten. 88. Diese Behauptungen suchte Menedemus mehr durch Beispiele als durch Beweise zu widerlegen. Er trug nämlich aus dem Gedächtnis viele herrliche Stellen aus den Reden des Demosthenes vor und zeigte so, daß dieser dadurch, daß er verstand, die Gemüter der Richter oder des Volkes nach allen Richtungen zu lenken, kundgegeben habe, wie gut er die Mittel gekannt habe, durch die er das erreichen könne, was nach jenes Behauptung niemand ohne Philosophie wissen könne.
XX. 89. Diesem antwortete jener, er leugne nicht, daß Demosthenes die ausgezeichnetste Staatsklugheit und Rednergeschicklichkeit besessen habe; aber sei es, daß er dies durch seine geistige Begabung vermocht habe oder daß er, wie bekannt, ein fleißiger Zuhörer des Platon gewesen sei, es frage sich nicht, was jener vermocht habe, sondern was diese lehrten. 90. Oft ließ er sich auch in seinem Vortrag zu der Behauptung hinreißen, es gebe überhaupt keine Kunst der Rede. Zuerst suchte er dies durch Beweise zu zeigen; wir seien nämlich von Natur so geschaffen, daß wir uns durch einnehmende Worte und flehentliche Bitten bei denen einschmeicheln könnten, die wir um etwas bitten müßten, unsere Gegner durch Drohungen schrecken, eine vorgefallene Begebenheit auseinandersetzen, das, was wir beabsichtigten, durch Gründe beweisen und die dagegen gemachten Einwendungen widerlegen, zuletzt etwas durch Bitten abwenden und beklagen; und in diesen Dingen bestehe die ganze Geschicklichkeit der Redner; zweitens, die Gewohnheit und Übung schärfe das Vermögen der Einsicht und rege die Geläufigkeit des Ausdrucks an. Darauf aber stützte er sich auch auf eine Menge von Beispielen. 91. Zuerst nämlich, sagte er, sei gleichsam absichtlich kein Schriftsteller der Kunst auch nur in mäßigem Grade beredt gewesen, wobei er von Korax138 und Tisias139, mir unbekannten Leuten, ausholte, die bekanntlich die Erfinder und Gründer dieser Wissenschaft gewesen seien; von den beredtesten Männern aber, die diese Dinge weder gelernt noch überhaupt zu wissen sich die Mühe genommen hätten, nannte er unzählige; unter ihnen – sei es nun, um meiner zu spotten, oder daß er so glaubte und so gehört hatte – führte er auch mich an, der ich jene Dinge nicht gelernt hätte und doch, wie er sagte, einiges im Reden leistete. In dem einen stimme ich ihm gern bei, daß ich nichts gelernt hätte; in dem andern aber, meinte ich, wolle er mich verspotten oder befinde sich selbst im Irrtum. 92. Eine Wissenschaft aber, behauptete er, sei nur das, was auf erkannten und gründlich erforschten, nach einem Endpunkt hinzielenden und niemals trügenden Lehrsätzen beruhe. Alles das aber, was von den Rednern behandelt werde, sei zweifelhaft und unsicher, weil es von denen gesagt werde, die dieses alles nicht deutlich wüßten, und von denen angehört werde, denen nicht wissenschaftlich begründete Ansichten, sondern auf kurze Zeit falsche oder wenigstens dunkle Meinungen vorgetragen werden müßten. 93. Wozu viele Worte? Er schien mich damals zu überzeugen, daß es keine Kunst der Beredsamkeit gebe und daß niemand mit Einsicht und Fülle reden könne, wenn er sich nicht mit den Vorträgen der gelehrtesten Philosophen bekannt gemacht habe. Hierbei pflegte Charmadas mit großer Bewunderung deine Anlagen, Crassus, zu loben und zu sagen, an mir habe er einen sehr gefälligen Zuhörer, an dir einen sehr kampflustigen Gegner gefunden.
XXI. 94. Und so habe ich, durch dieselbe Meinung verleitet, in einer kleinen Schrift, die mir wider Willen und Wissen entschlüpft und in die Hände der Menschen gekommen ist, die Äußerung niedergeschrieben, der beredten Männer hätte ich einige gekannt, einen Redner aber noch nicht. Unter einem beredten verstand ich nämlich denjenigen, welcher mit hinlänglichem Scharfsinn und Deutlichkeit vor gewöhnlichen Leuten dem gemeinen Menschenverstand gemäß reden könne; unter einem Redner aber denjenigen, welche, auf eine bewunderungswürdigere und prächtigere Weise alles, was er wolle, erheben und ausschmücken könne und alle Hilfsquellen für alle Gegenstände, die sich auf die Rede beziehen, mit seinem Geist und Gedächtnis umfasse. Wenn dies auch für uns schwierig ist, weil wir, bevor wir zum Lernen schreiten, von Amtsbewerbungen und Gerichtshändeln erdrückt werden, so dürfte es doch in dem Wesen der Sache begründet sein. 95. Fürwahr, wenn ich meinem Vorgefühl trauen darf und die trefflichen Anlagen betrachte, mit denen unsere Landsleute ausgerüstet sind, so gebe ich die Hoffnung nicht auf, daß einst einer sein wird, der, wenn er sich mit eifrigerem Fleiß, als wir haben und hatten, mit erhöhter Anstrengung und Tätigkeit bei größerer Muße und reiferer Fähigkeit zum Lernen auf das Hören, Lesen und Schreiben legen wird, sich zu einem solchen Redner, wie wir ihn suchen, ausbilden wird, der mit Recht nicht allein beredt, sondern auch ein Redner genannt werden kan Doch nach meinem Urteil ist ein solcher entweder schon unser Crassus hier, oder sollte ein anderer ihm an Anlagen gleichkommen und mehr als er gehört, gelesen und geschrieben haben, so wird er ihm nur ein weniges hinzufügen können.” 96. Hier ergriff Sulpicius das Wort: “Gegen meine und des Cotta Hoffnung, aber nach unser beider sehnlichstem Wunsch hat es sich gefügt, Crassus, daß ihr auf diese Unterredung verfielt. Denn als wir hierher kamen, erschien es uns schon erfreulich genug, wenn wir bei eurem Gespräch über andere Gegenstände doch etwas der Erinnerung Würdiges aus eurer Unterredung erhaschen könnten; daß ihr euch aber fast bis zum Kern der Untersuchung über diese ganze Wissenschaft – oder soll ich sagen: Kunst, oder Fertigkeit? – vertiefen würdet, das glaubten wir kaum wünschen zu dürfen. 97. Denn ich, der ich von Jugend an euch beiden von ganzem Herzen zugetan war, ja zu Crassus die innigste Liebe hegte, konnte, obwohl ich nirgends von seiner Seite wich, ihm doch nie ein Wort über den kunstmäßigen Lehrgang der Beredsamkeit entlocken, sooft ich auch teils selbst ihm meinen Wunsch mitgeteilt, teils ihn durch den Drusus140 angegangen hatte. In dieser Hinsicht hast du, Antonius, ich will die Wahrheit sagen, nie meine Erkundigungen oder Fragen unbefriedigt gelassen, und sehr oft belehrtest du mich über die Beobachtungen, die du beim Reden zu machen pflegtest. 98. Jetzt nun, da ihr beide den Zugang gerade zu den Gegenständen, die wir zu wissen wünschen, eröffnet habt und Crassus zu dieser Unterredung Veranlassung gegeben hat, erweist uns die Gefälligkeit, eure Ansichten über die gesamte Beredsamkeit gründlich auseinanderzusetzen! Sind wir so glücklich, dieses von euch zu erlangen, so werde ich, Crassus, dieser Schule und deinem Tusculanum von Herzen Dank wissen, und dein Gymnasium hier in der Nähe der Stadt jener Akademie und jenem Lyceum bei weitem vorziehen.”
XXII. 99. Hierauf erwiderte jener: “Nein, Sulpicius, wir wollen lieber den Antonius darum bitten, der deinen Wunsch erfüllen kann und auch gewohnt ist, dieses zu tun, wie ich dich sagen höre. Denn von mir muß ich gestehen, daß ich zu jeder Zeit diese ganze Art der Unterhaltung vermieden und dir deine Wünsche und Bitten sehr oft abgeschlagen habe, wie du kurz zuvor sagtest. Doch dies tat ich nicht aus Übermut oder Unfreundlichkeit, auch nicht aus Mangel an gutem Willen, deiner lobenswerten und edlen Wißbegierde zu willfahren, zumal da ich dich vor allen gerade zur Beredsamkeit geboren und geschickt erkannt hatte, sondern in der Tat nur aus Unvertrautheit mit einem solchen wissenschaftlichen Vortrag und aus Unkunde der Gegenstände, die kunstmäßig gelehrt werden.” 100. Hierauf Cotta: “Nachdem wir nun einmal das, was uns als das Schwerste erschien, erreicht haben, daß du dich nämlich, Crassus, überhaupt in ein Gespräch über diese Gegenstände einließest, so würde es, was nun das Weitere betrifft, unsere Schuld sein, wenn wir dich eher entließen, als bis du alle unsere Fragen beantwortet hättest.” 101. “Über diese Gegenstände, mein’ ich”, sagte Crassus, “kann doch nur die bei dem Antritt von Erbschaften gewöhnliche Formel gelten: Worin ich es wissen und können werde141.” Hierauf jener: “Ja freilich, denn wer von uns sollte unverschämt sein, daß er das zu wissen und zu können verlange, sollte, was du nicht kannst und weißt.” “Nun gut”, sagte Crassus; “unter der Bedingung, daß es mir freisteht zu erklären, ich kön etwas nicht, was ich nicht kann, und zu gestehen, ich wisse etw nicht, was ich nicht weiß, möget ihr mich nach eurem Gutdünk ausfragen!” 102. “Nun gut”, sagte Sulpicius, “so fragen wir denn zuerst nach deiner Ansicht in betreff des Gegenstandes, über den sich eben Antonius ausgesprochen hat, ob du nämlich der Meinung seiest, daß es eine Wissenschaft der Beredsamkeit gebe.” “Wie?” erwiderte Crassus, “ihr wollt mir jetzt, wie einem müßigen und geschwätzigen, vielleicht auch gelehrten und unterrichteten Griechen eine so nichtige Frage vorlegen, über die ich nach meinem Ermessen reden soll? Wann, glaubt ihr, habe ich mich um dergleichen Dinge bekümmert und darüber nachgedacht? Wißt ihr denn nicht, daß ich vielmehr zu jeder Zeit die Unverschämtheit der Menschen verspottet habe, welche, wenn sie sich in ihrem Hörsaal bei einer zahlreichen Versammlung von Zuhörern niedergelassen haben, die Anwesenden auffordern, ihnen irgendeine Frage zur Beantwortung vorzulegen. 103. Dies soll zuerst Gorgias aus Leontinoi142 getan haben, der etwas sehr Großes zu übernehmen und zu verheißen schien, da er sich auf alles, worüber jemand zu hören wünschte, gefaßt erklärte. In der Folge aber ward dies allgemeine Sitte und ist es noch heutzutage, so daß es keinen so großen, so unerwarteten, so neuen Gegenstand gibt, über den sie nicht alles, was darüber gesagt werden könne, zu sagen sich anheischig machen. 104. Hätte ich nun geglaubt, du, Cotta, oder du, Sulpicius, hättet über dergleichen Dinge hören wollen, so hätte ich einen Griechen hierher gebracht, der euch mit derartigen Vorträgen unterhalten konnte, und dies ist auch jetzt nicht schwer auszuführen. Es lebt nämlich bei dem jungen Marcus Piso143, der sich bereits dieser Wissenschaft widmet, einem Mann von ausgezeichneter Begabung und der mir, sehr ergeben ist, der Peripatetiker Staseas144, der mir sehr befreundet ist und sich nach dem einstimmigen Urteil der Sachkundigen in seinem Fach unter allen am meisten auszeichnet.”
XXIII. 105. “Was nennst du uns da für einen Staseas”, versetzte Mucius, “was für einen Peripatetiker? Du mußt dich, mein Crassus, diesen jungen Männern willfährig zeigen, welche sich nicht nach eines Griechen alltäglicher Geschwätzigkeit ohne Erfahrung und einem alten Schullied sehnen, sondern eines Mannes Ansicht zu erforschen suchen, der unter allen der weiseste und beredteste ist, der nicht in dürftigen Schriften, sondern in den wichtigsten Rechtsverhandlungen und in diesem Sitz der Weltherrschaft und des Ruhmes durch seine Einsicht und Beredsamkeit die erste Stelle einnimmt, in dessen Fußstapfen sie zu treten wünschen. 106. Ich habe dich zwar immer für einen unvergleichlichen Redner gehalten, aber nie habe ich deiner Beredsamkeit ein größeres Lob erteilt als deiner Menschenfreundlichkeit, und diese mußt du gerade jetzt an den Tag legen und nicht die Erörterung ablehnen, welche die beiden jungen Männer von so ausgezeichneten Geistesgaben von dir übernommen zu sehen wünschen.” 107. “Gut”, erwiderte er, “ich bin ja eifrig bemüht, ihnen Folge zu leisten, und ich werde nicht Anstand nehmen, in der Kürze nach meiner Weise über jeden einzelnen Punkt meine Ansicht vorzutragen. Was nun die erste Frage anlangt – deinen Rat nämlich, Scaevola, unbeachtet zu lassen, halte ich für unzulässig –, so ist meine Antwort diese: Ich glaube, es gibt entweder gar keine oder nur eine sehr unvollkommene Wissenschaft der Beredsamkeit und der ganze Streit hierüber unter den Gelehrten beruht auf einem Wortgezänk. 108. Denn wenn der Begriff der Wissenschaft so bestimmt wird, wie ihn kurz zuvor Antonius auseinandergesetzt hat, daß sie aus gründlich erforschten und deutlich erkannten Sätzen bestehe, welche von der Willkür der Meinungen entfernt und mit gründlichem Wissen erfaßt sind, so bin ich der Ansicht: Es gibt für den Redner schlechterdings keine Wissenschaft. Denn alle Arten unserer gerichtlichen Vorträge sind schwankend und der gewöhnlichen Fassungskraft der Menge anbequemt. 109. Wenn aber die Beobachtungen, die man in der Erfahrung und Ausübung der Rede macht, von einsichtsvollen und erfahrenen Männern bemerkt und aufgezeichnet, durch Worte bestimmt, nach den Gattungen erläutert und in gewisse Abteilungen gebracht worden sind – und dies, begreife ich, konnte geschehen –, so sehe ich nicht ein, warum man dieses nicht, wenn auch nicht nach jener strengen Begriffsbestimmung, so doch nach unserer gewöhnlichen Ansicht für Wissenschaft halten dürfe. Aber was es auch sein mag, Wissenschaft oder etwas der Wissenschaft Ähnliches, sicherlich darf man es nicht vernachlässigen; nur muß man einsehen, daß es noch andere Dinge gibt, welche zur Erreichung der Beredsamkeit von größerer Wichtigkeit sind.”
XXIV. 110. Hierauf sagte Antonius, er stimme dem Crassus vollkommen bei, daß er weder der Wissenschaft einen so hohen Wert beilege, wie die zu tun pflegten, welche die ganze Bedeutung der Beredsamkeit auf die Wissenschaft gründeten, noch auch hinwiederum sie gänzlich verwerfe, wie die meisten Philosophen täten. “Aber”, fuhr er fort, “ich glaube, Crassus, du würdest den Anwesenden einen Gefallen erweisen, wenn du auseinandersetzen wolltest, welche Hilfsmittel der Beredsamkeit du für noch nützlicher hältst als die Wissenschaft selbst.” 111. “Gut”, sagte er, “ich will es tun, weil ich nun einmal den Anfang gemacht habe; nur muß ich euch bitten, diese meine Torheiten nicht auszuplaudern. Doch werde ich mir selbst ein Maß setzen, damit ich nicht wie ein Lehrmeister und Kunstkenner aufzutreten scheine, sondern wie ein schlichter Römer, der sich durch die gerichtliche Übung einige Bildung angeeignet hat und nicht ganz unwissend ist und der nicht aus eigenem Antrieb etwas verheißen hätte, wenn er nicht zufällig in euer Gespräch geraten wäre. 112. Sooft ich mich sonst um ein Staatsamt bewarb, pflegte ich, wenn ich mich durch Händedruck bei den Leuten beliebt machen wollte, den Scaevola von mir zu entlassen, indem ich zu ihm sagte: ‘Ich will jetzt eine Torheit begehen’; darunter verstand ich die einschmeichelnde Art der Bewerbung, die ohne Torheit auf gehörige Weise nicht ausgeführt werden kann; er aber sei unter allen der einzige Mensch, in dessen Gegenwart ich mich am wenigsten töricht zu benehmen wünschte. Und diesen gerade hat jetzt das Geschick zum Zeugen und Zuschauer meiner Torheiten gemacht. Denn was ist törichter, als über das Reden zu reden, da das Reden an und für sich zu jeder Zeit töricht ist, außer wenn es notwendig ist?” “Nun, fahre nur fort, lieber Crassus”, sagte Mucius, denn die Schuld, die du befürchtest, will ich auf mich nehmen.”
XXV. 113. “Meine Ansicht ist also”, sagte Crassus, “diese: Zuerst hat die natürliche Anlage den größten Einfluß auf die Beredsamkeit, und in der Tat, jenen Schriftstellern fehlte es nicht an einer wissenschaftlichen Lehrweise, wohl aber an Naturanlagen. Denn das Gemüt und der Geist müssen eine schnelle Beweglichkeit besitzen, so daß sie in der Erfindung Scharfsinn und in der Entwicklung und Ausschmückung Reichhaltigkeit zeigen und das dem Gedächtnis Anvertraute fest und treu behalten. 114. Und sollte jemand meinen, diese Eigenschaften könnten durch Kunst erlangt werden – das ist aber falsch; denn man könnte schon ganz zufrieden sein, wenn sie durch die Kunst nur angeregt oder geweckt werden könnten; einpflanzen wenigstens und schenken kann die Kunst sie nicht; es sind ja lauter Naturgaben –, was will er dann von den Eigenschaften sagen, die gewiß mit dem Menschen selbst geboren werden? Ich meine eine bewegliche Zunge, eine klangvolle Stimme, eine starke Brust, Leibeskräfte und eine gewisse Bildung und Gestaltung des ganzen Gesichtes und Körpers. 115. Nicht jedoch sage ich dieses so, als ob die Kunst nicht manche Menschen verfeinern könne; denn ich weiß recht wohl, daß das Gute durch Bildung noch besser werden und das minder Gute doch einigermaßen sich zu schleifen und verbessern läßt; aber es gibt einige, die so sehr mit der Zunge stottern oder eine so klanglose Stimme oder so rohe und bäurische Gesichtszüge und Körperbewegungen haben, daß sie, so sehr sie sich auch durch geistige Anlagen und wissenschaftliche Bildung auszeichnen mögen, doch nicht zu den Rednern gezählt werden können. Andere hingegen sind in eben diesen Eigenschaften so gewandt, mit den Gaben der Natur so ausgerüstet, daß sie zu Rednern nicht geboren, sondern von einem Gott gebildet zu sein scheinen. 116. Einer großen Last und einer wichtigen Verpflichtung unterzieht sich derjenige, der von sich bekennt, er allein müsse, während alle anderen schweigen, in einer großen Versammlung von Menschen über die wichtigsten Angelegenheiten gehört werden. Denn unter allen Anwesenden ist nicht leicht einer, der die Fehler am Redner nicht schärfer und genauer bemerken sollte als das Richtige. Was es daher auch sein mag, woran man Anstoß nimmt, verdunkelt auch das, was lobenswürdig ist. 117. Dies jedoch sage ich nicht in der Absicht, um junge Männer, denen es vielleicht an einer Naturgabe gebricht, gänzlich von der Beschäftigung mit der Beredsamkeit abzuschrecken. Denn wer weiß nicht, daß dem Gaius Caelius145, meinem Altersgenossen, einem Emporkömmling, selbst die Mittelmäßigkeit im Reden, soweit er sie erreichen konnte, zu Erlangung hoher Ehren förderlich gewesen ist? Wer sieht nicht ein, daß euer Altersgenosse Quintus Varius146, ein ungestalter und häßlicher Mensch, selbst durch die geringe Redegewandtheit, die er besitzt, zu großem Einfluß im Staat gelangt ist?
XXVI. 118. Aber weil der Redner der Gegenstand unserer Untersuchung ist, so müssen wir in unserem Vortrag das Musterbild eines ganz fehlerfreien und in jeder Beziehung vollendeten Redners entwerfen. Denn wenn auch die Menge von Streitsachen, die Mannigfaltigkeit der Rechtsverhandlungen, der gemischte und ungebildete Volkshaufe auf unserem Forum selbst den fehlerhaftesten Rednern einen Platz einräumt, so dürfen wir darum doch nicht den eigentlichen Gegenstand unserer Untersuchung aus den Augen lassen. Und so verhält es sich auch mit den Künsten, bei denen es nicht auf einen unentbehrlichen Nutzen abgesehen ist, sondern auf eine freie Ergötzung des Gemütes. Wie sorgfältig und, ich möchte sagen, wie mäkelnd ist hier unser Urteil! Denn es sind keine Rechtsverhandlungen und Streitigkeiten, welche die Menschen zwingen könnten, wie auf dem Forum nicht gute Redner, so auch im Theater schlechte Schauspieler zu dulden. 119. Der Redner muß daher sorgfältig darauf sehen, nicht daß er diejenigen befriedige, die er befriedigen muß, sondern daß er denen bewundernswürdig erscheine, denen ein freies Urteil zusteht. Und wollt ihr es wissen, so will ich vor vertrauten Freunden mit klaren Worten meine Ansicht aussprechen, die ich bis jetzt immer verschwiegen habe und zu verschweigen für gut hielt. Mir erscheinen selbst diejenigen, welche sehr gut reden und dieses mit großer Leichtigkeit und sehr geschmackvoll leisten können, dennoch beinahe unverschämt, wenn sie nicht mit Schüchternheit auftreten und beim Beginn der Rede Verlegenheit verraten. 120. Doch kann dieser Fall eigentlich nicht eintreten; denn je tüchtiger einer im Reden ist, um so mehr befürchtet er die Schwierigkeit des Redens, den schwankenden Erfolg der Rede und die Erwartung der Menschen. Wer aber nichts zustande bringen und zu Tage fördern kann, was der Sache, was des Rednernamens, was der Aufmerksamkeit der Menschen würdig ist, den halte ich, wenn er sich auch beim Vortrag beunruhigt fühlt, dennoch für unverschämt. Denn nicht dadurch, daß man sich schämt, sondern dadurch, daß man das nicht tut, was nicht geziemend ist, müssen wir dem Vorwurf der Unverschämtheit entgehen. 121. Wer sich aber nicht schämt, wie ich es bei gar vielen sehe, den halte ich nicht allein des Tadels, sondern auch der Strafe für würdig. Ich wenigstens pflege es an euch zu bemerken und mache auch an mir selbst sehr oft die Erfahrung, daß ich am Anfang der Rede erblasse und in meinem ganzen Inneren und an allen Gliedern erzittere. Als ganz junger Mensch aber verlor ich zu Anfang einer Anklage147 so alle Fassung, daß ich dem Quintus Maximus148 von Herzen dafür dankbar war, daß er sogleich die Richterversammlung entließ, sobald er mich von Furcht entkräftet und geschwächt sah.” 122. Hier drückten alle ihren Beifall aus, indem sie sich zunickten und miteinander redeten. Denn Crassus besaß eine wunderbare Schüchternheit, die jedoch seinem Vortrag nicht nachteilig, sondern vielmehr dadurch, daß sie seine innere Gediegenheit empfahl, vorteilhaft war.
XXVII. Hierauf sagte Antonius: “Oft habe ich, wie du sagst, die Bemerkung gemacht, Crassus, daß du und andere ausgezeichnete Redner, wiewohl dir meines Erachtens nie einer gleich kam, euch beim Beginn der Rede beunruhigt fühltet. 123. Und wenn ich die Ursache hiervon aufsuchte, wie es zugehe, daß, je mehr Gediegenheit ein Redner besitze, er desto furchtsamer sei, so fand ich folgende zwei Ursachen. Einmal nämlich wissen diejenigen, welche die Erfahrung und der Lauf der Dinge belehrt haben, daß zuweilen den ausgezeichnetsten Rednern der Erfolg der Rede nicht hinlänglich nach Wunsch entspricht; deshalb fürchten sie nicht mit Unrecht, sooft sie reden, daß, was sich zuweilen ereignen kann, sich gerade jetzt ereignen möchte. 124. Die andere Ursache, über die ich oft zu klagen pflege, ist diese: Wenn in anderen Künsten bewährte und erprobte Männer zuweilen etwas minder gut gemacht haben, als sie sonst pflegen, so nimmt man an, sie hätten ihre Geschicklichkeit entweder nicht zeigen wollen oder wegen Unpäßlichkeit nicht zeigen können. ‘Roscius’149, sagt man, ‘hatte heute keine Lust zu spielen’; oder: ‘Er hat sich den Magen etwas verdorben.’ Bemerkt man aber an dem Redner einen Fehler, so hält man es gleich für einen Fehler der Dummheit. 125. Dummheit findet aber keine Entschuldigung, weil man von niemandem annehmen kann, er habe sich dumm gezeigt, entweder weil er sich den Magen verdorben oder weil er es so gewollt habe. Einem um so strengeren Gericht sind wir daher beim Reden unterworfen. Denn sooft wir reden, sooft wird über uns gerichtet; und während wir von dem, der einmal im Gebärdenspiel gefehlt hat, nicht sofort urteilen, er verstehe vom Gebärdenspiel nichts, so steht der Redner, an dem man etwas Tadelnswertes fand, entweder für immer oder doch auf lange Zeit in dem Ruf des Stumpfsinnes.
XXVIII. 126. Was aber deine Behauptung betrifft, der Redner müsse sehr viele Eigenschaften von Natur besitzen, wenn ihm der Lehrmeister förderlich sein solle, so stimme ich dir gerne bei, und in dieser Hinsicht habe ich jenem ausgezeichneten Lehrer Apollonios aus Alabanda150 meinen vollen Beifall geschenkt, der, obwohl er für Bezahlung Unterricht gab, doch nicht zuließ, daß junge Leute, die sich nach seinem Urteil nicht zu Rednern ausbilden konnten, sich vergeblich bei ihm abmühten, sondern vielmehr sie entließ und zu dem Fach, für das er gerade jeden geeignet hielt, anzutreiben und zu ermuntern pflegte. 127. Denn bei der Erlernung anderer Fächer genügt es, nur einem Menschen ähnlich zu sein und das, was gelehrt oder auch, wenn einer vielleicht langsameren Geistes ist, eingebleut wird, mit dem Geist auffassen und mit dem Gedächtnis aufbewahren zu können. Nicht verlangt man Beweglichkeit der Zunge, nicht Geläufigkeit der Worte, nicht endlich das, was wir uns nicht anbilden können, Gesichtsbildung, Mienen, Stimme. 128. Bei dem Redner hingegen muß man den Scharfsinn der Dialektiker, die Gedanken der Philosophen, die Worte fast der Dichter, das Gedächtnis der Rechtsgelehrten, die Stimme der Tragödienspieler, das Gebärdenspiel beinahe der größten Schauspieler fordern. Aus diesem Grund läßt sich unter den Menschen nichts seltener finden als ein vollendeter Redner. Denn während in anderen Künsten schon einzelne Geschicklichkeiten, die ein Künstler sich in einem einzelnen Fach nur in mäßigem Grad angeeignet hat, Beifall finden, so können sie bei dem Redner nur dann Anspruch auf Beifall machen, wenn sie sich alle in höchster Vollkommenheit in ihm vereinigt finden.” 129. Hierauf sagte Crassus: “Gleichwohl bedenke, um wieviel mehr Sorgfalt man in einer geringfügigen und leichtfertigen Kunst anwendet als in dieser, die anerkannt die wichtigste ist. Denn oft höre ich den Roscius sagen, er habe noch keinen Schüler finden können, der ihn befriedige, nicht als wenn nicht einige Beifall verdienten, sondern weil er selbst auch nicht den geringsten Fehler ertragen könne. Denn nichts fällt so in die Augen und haftet so fest im Gedächtnis wie das, was uns anstößig gewesen ist. 130. Um also nach dem Vorbild dieses Schauspielers das Verdienst des Redners zu bemessen – seht ihr, wie er sich in allem als der echte Meister kundgibt, wie er in allem die höchste Anmut zeigt, in allem den Anstand beobachtet und wie er es versteht, alle zu rühren und zu ergötzen? Und so hat er es schon lange dahin gebracht, daß jeder, der sich in einer Kunst auszeichnet, ein Roscius in seiner Art genannt wird. Wenn ich nun diese höchste Vollendung von dem Redner verlange, von der ich selbst weit entfernt bin, so handele ich unverschämt; für mich nämlich wünsche ich Nachsicht, ich selbst aber habe mit anderen keine Nachsicht; denn wer nichts vermag, wer Fehler macht, wer endlich keinen Anstand hat, den, glaub’ ich, muß man, wie Apollonius verlangte, zu dem Fach verweisen, das er zu treiben fähig ist.”
XXIX. 131. “Nun”, sagte Sulpicius, “so gibst du wohl mir oder dem Cotta hier den Rat, das bürgerliche Recht oder den Kriegsdienst zu erlernen? Denn wer möchte imstande sein, jene Höhe allseitiger Vollendung zu erreichen?” Hierauf erwiderte jener: “Ja, wahrlich gerade deshalb habe ich dieses alles auseinandergesetzt, weil ich in euch ausgezeichnete und herrliche Anlagen zur Beredsamkeit erkannte, und ich hatte in meinem Vortrag die Absicht, nicht so sehr diejenigen abzuschrecken, welche keine natürlichen Anlagen besitzen, als vielmehr euch, die ihr sie besitzt, anzuspornen, und wiewohl ich in jedem von euch die schönsten Geistesgaben und den größten Eifer finde, so sind doch die Vorzüge, welche im Äußeren liegen, worüber ich vielleicht mehr gesagt habe, als die Griechen zu sagen pflegen, in dir, Sulpicius, ganz unvergleichlich. 132. Denn ich glaube keinen Redner gehört zu haben, der hinsichtlich der Bewegung und selbst der ganzen Haltung und Bildung des Körpers besser ausgestattet gewesen wäre und der eine vollere und lieblichere Stimme gehabt hätte. Diejenigen aber, denen diese Gaben in geringerem Maß von der Natur zugeteilt sind, können es doch dahin bringen, daß sie sich derer, die sie haben, mit Besonnenheit und Einsicht bedienen und daß sie den Anstand nicht verletzen. Denn davor hat man sich ganz besonders zu hüten, und gerade über diesen einen Punkt ist es am wenigsten leicht, Vorschriften zu erteilen, nicht nur für mich, der ich wie ein schlichter Hausvater über diese Gegenstände rede, sondern auch selbst für jenen Roscius, den ich oft sagen höre, das Haupterfordernis der Kunst sei der Anstand, doch der sei gerade das, was sich durch Kunst nicht lehren lasse. 133. Aber, wenn’s beliebt, laßt uns das Gespräch auf einen andern Gegenstand lenken und uns einmal wieder nach unserer Weise unterhalten und nicht mehr die Sprache der Redekünstler führen!” “Mitnichten”, fiel Cotta ein. “Denn jetzt gerade, weil du uns nun bei dieser Wissenschaft festhalten willst und uns nicht ein anderes Fach ergreifen heißt, müssen wir dich recht dringend bitten, daß du uns belehrst. Wie viel oder wie wenig du als Redner zu leisten verstehst, soll uns nicht kümmern; denn gar zu gierig sind wir nicht, wir begnügen uns gern mit deiner mittelmäßigen Beredsamkeit und wünschen weiter nichts von dir uns anzueignen als die Kleinigkeit, die du dir im Reden angeeignet hast. Weil du nun sagst, daß uns die Gaben, die von der Natur zu erstreben sind, nicht gänzlich fehlen, so ersuchen wir dich, uns auseinanderzusetzen, was wir uns sonst noch nach deiner Meinung aneignen müssen.”
XXX. 134. “Was anderes meinst du”, erwiderte Crassus lächelnd, “als Eifer und begeisterte Liebe, ohne die überhaupt im Leben nie jemand etwas Ausgezeichnetes erreichen wird, wenigstens in dem nicht, wonach du strebst? Doch ich weiß recht gut, daß ihr hierzu der Ermunterung nicht bedürft; denn daraus, daß ihr sogar mir beschwerlich fallt, sehe ich, daß ihr nur zu sehr vor Begierde entbrannt seid. 135. Aber wahrlich, der Eifer, nach einem Ziel zu gelangen, hilft nichts, wenn man nicht auch den Weg kennt, der nach dem Ziel führt und leitet. Weil ihr mir nun insofern eine minder drückende Last auferlegt, als ihr von mir nicht über die Redekunst selbst, sondern nur über meine Geschicklichkeit, wie gering sie auch immerhin sein mag, belehrt zu werden wünscht, so will ich euch mein gewöhnliches Verfahren auseinandersetzen, das weder tiefe Geheimnisse enthält noch mit großen Schwierigkeiten verbunden ist noch sich durch Großartigkeit und Erhabenheit auszeichnet, wie ich es einst zu befolgen pflegte, als es mir in meiner Jugend noch erlaubt war, dieser Wissenschaft obzuliegen.” 136. Da rief Sulpicius aus: “O Cotta, welch ein Freudentag für uns! Denn was ich nie, weder durch Bitten noch durch Nachstellungen noch durch Ausspähungen, bewerkstelligen konnte, es möchte mir vergönnt sein, die Vorbereitungen und Überlegungen, die Crassus bei der Ausarbeitung seiner Reden anwendet, nicht etwa zu sehen, nein, nur aus Mitteilungen seines Schreibers und Vorlesers Diphilus151 zu erraten – das, hoffe ich, haben wir jetzt erreicht, und alsbald werden wir, was wir so lange gewünscht haben, aus seinem eigenen Mund erfahren.”
XXXI. 137. Hierauf sagte Crassus: “Nun, ich glaube aber, Sulpicius, du wirst, wenn du gehört hast, was ich sagen werde, es nicht so sehr bewundern als vielmehr der Ansicht sein, du habest damals, als du es zu hören wünschtest, keinen Grund gehabt, danach zu verlangen. Denn ich werde nichts Tiefes sagen, nichts eurer Erwartung Würdiges, nichts, was ihr noch nicht gehört hättet oder irgendeinem neu wäre. Fürs erste nämlich will ich nicht leugnen, daß ich, wie es einem Menschen von edler Geburt und Erziehung zukommt, jene allgemeinen und altbekannten Regeln erlernt habe: 138. Erstlich, es sei Pflicht des Redners, überzeugend zu reden; zweitens, jede Rede beschäftige sich entweder mit einer Aufgabe über einen allgemeinen Gegenstand ohne Bezeichnung der Personen und Zeiten oder mit einem Gegenstand, der auf bestimmten Personen und Zeiten beruht. 139. In beiden Fällen pflege man bei jedem vorkommenden Gegenstand des Streites zu fragen, ob er geschehen sei oder, wenn er geschehen ist, von welcher Beschaffenheit er sei, oder auch, welchen Namen er habe, oder, was einige hinzufügen, ob er mit Recht geschehen zu sein scheine. 140. Streitigkeiten entständen aber auch aus der Auslegung schriftlicher Urkunden, in denen etwas zweideutig oder widersprechend oder so niedergeschrieben sei, daß die Worte der Schriftstelle der Absicht des Verfassers widerstreiten. Für alle diese Fälle aber seien besondere Beweisgründe vorhanden. 141. Verhandlungen aber, welche sich auf keine allgemeinen Aufgaben beziehen, kämen teils in den Gerichten, teils bei Beratungen vor; auch gebe es eine dritte Art, die sich mit dem Lob oder dem Tadel der Menschen beschäftige; und es seien gewisse Beweisquellen vorhanden, von denen wir bei gerichtlichen Verhandlungen Gebrauch machen, in denen es sich um die Billigkeit handele, andere für die Beratungen, die sämtlich den Vorteil derer bezwecken, denen wir Rat erteilten, andere gleichfalls für die Lobreden, in denen alles auf die Würde der Personen bezogen werde. 142. Die ganze Stärke und Geschicklichkeit des Redners ferner lasse sich in folgende fünf Teile zerlegen: Zuerst müsse er erfinden, was er sagen wolle; zweitens, das Erfundene nicht allein nach einer äußerlichen Reihenfolge, sondern nach dem inneren Gewicht und nach richtiger Abschätzung verteilen und zusammenstellen; drittens, dieses vermittelst der Rede einkleiden und ausschmücken; hierauf es im Gedächtnis aufbewahren; zuletzt es mit Würde und Anmut vortragen. 143. Auch das hatte ich erkannt und gelernt: Bevor wir von der Sache selbst redeten, müßten wir die Gemüter der Zuhörer uns geneigt machen; sodann die Sache erzählen; hierauf die Streitfragen feststellen; dann das, was wir bezweckten, mit Gründen beweisen; hernach die Einwürfe widerlegen; am Schluß der Rede aber das, was für unsere Sache spreche, in ein helles Licht stellen und erheben, sowie das, was für die Sache unserer Gegner spreche, schwächen und entkräften.
XXXII. 144. Auch hatte ich gehört, was man über den Schmuck der Rede selbst lehrte. Zuerst wird hier vorgeschrieben, daß wir rein und echt lateinisch reden; zweitens, klar und deutlich; drittens und viertens, der Würde der Gegenstände angemessen und mit Anstand. Und mit den Regeln, die man für diese Gegenstände noch im einzelnen gab, hatte ich mich bekannt gemacht. 145. Ja, selbst für das, was ganz besonders von Naturgaben abhängig ist, sah ich Kunstregeln aufgestellt. Und so hatte ich denn auch über den äußeren Vortrag und über das Gedächtnis einige kurze Regeln, die aber mit großen Übungen verbunden waren, gekostet. Mit diesen Gegenständen etwa beschäftigt sich nun der ganze Unterricht jener Redekünstler. Wollte ich sagen, derselbe sei von gar keinem Nutzen, so würde ich lügen. Denn er enthält einige gute Hinweise für den Redner, wohin er jedes einzelne beziehen soll und worauf er sein Augenmerk zu richten hat, um nicht von dem vorgesteckten Ziel zu sehr abzuirren. 146. Doch es leuchtet mir ein, daß alle Regeln nicht einen solchen Einfluß haben, daß Redner durch ihre Befolgung den Ruhm der Beredsamkeit erlangt hätten, sondern daß dasjenige, was beredte Männer von selbst leisteten, von einigen beobachtet und in eine gewisse Ordnung gebracht worden und demzufolge nicht die Beredsamkeit aus der Kunst, sondern die Kunst aus der Beredsamkeit entstanden ist. Indes verwerfe ich, wie gesagt, die Kunst nicht. Denn wenn sie auch nicht gerade unentbehrlich für die Beredsamkeit ist, so, gereicht doch ihre Erlernung einem Menschen von guter Erziehung zur Zierde. 147. Auch müßt ihr gewisse Vorübungen anstellen, wiewohl ihr ja schon längst in vollem Lauf seid; doch die müssen es tun, die die Laufbahn erst betreten und das, was auf dem Forum wie auf einem Schlachtfeld ausgeführt werden muß, schon jetzt gleichsam durch spielende Vorübungen im voraus erlernen und einüben können.” 148. “Gerade diese Vorübungen”, fiel Sulpicius ein, “möchten wir gern kennenlernen; doch auch jene Kunstregeln, die du nur kurz durchlaufen hast, wünschen wir zu hören, obwohl sie uns nicht ganz neu sind. Doch hiervon bald nachher; für jetzt ersuchen wir dich um deine Ansicht über diese Vorübung.”
XXXIII. 149. “Fürwahr, ich billige das”, sagte Crassus, “was ihr zu tun pflegt, daß ihr über irgendeinen angenommenen Fall, der den Verhandlungen ganz ähnlich ist, die in den Gerichten vorkommen, soviel als möglich in derselben Weise, als wenn ein wirklicher Fall verhandelt würde, redet; aber gar viele üben hierbei nur ihre Stimme, und auch diese nicht verständig, und ihre Lunge und regen die Schnelligkeit der Zunge an und freuen sich an einer großen Menge von Worten. Sie lassen sich hierin durch die oft gehörte Äußerung täuschen, durch Reden lerne man reden. 150. Denn ebenso richtig verhält sich auch die Behauptung, verkehrt rede lerne man am leichtesten durch verkehrt Reden. Obschon es also bei eben diesen Übungen nützlich ist, auch aus dem Stegreif oft Vorträge zu halten, so ist es doch nützlicher, sich Zeit zum Nachdenken zu nehmen und mit gehöriger Vorbereitung und Sorgfalt zu reden. Die Hauptsache aber ist, was – ich will die Wahrheit sagen – wir am wenigsten tun – denn es erfordert große Anstrengung, die wir gewöhnlich scheuen -: soviel als möglich zu schreiben. Der Griffel ist der beste und vorzüglichste Bildner und Lehrmeister der Rede und nicht mit Unrecht. Denn wenn vor einer aus dem Stegreif gehaltenen und durch Zufall veranlaßten Rede eine mit Überlegung und Nachdenken ausgearbeitete Rede leicht den Vorzug hat, so wird in der Tat selbst vor dieser eine mit Sorgfalt schriftlich abgefaßte Rede den Vorrang haben. 151. Denn alle Beweisgründe, die nur irgend in dem von uns behandelten Gegenstand liegen, mögen sie durch Anleitung der Kunst oder durch die Geisteskraft und Einsicht des Redners gefunden werden, stellen sich uns beim Schreiben dar und fallen uns ein, wenn wir darüber nachforschen und mit aller Schärfe des Geistes nachdenken, und alle Gedanken und Worte, die den jedesmaligen Stoff am besten beleuchten, müssen notwendig in gehöriger Ordnung unter die Spitze des Griffels treten, und selbst die Stellung und Fügung der Worte vollendet sich beim Schreiben durch einen ebenmäßigen Wohllaut der Rede, nicht wie bei den Dichtern, sondern wie er sich für den Redner eignet. 152. Das ist das, was lauten Beifall und Bewunderung der Redner hervorruft, und niemand wird dies erreichen, wenn er nicht lange und viel geschrieben hat, mag er sich auch noch so eifrig in diesen Reden aus dem Stegreif geübt haben. Wer hingegen von der Übung im Schreiben zum Reden kommt, bringt die Fertigkeit mit, daß, wenn er auch aus dem Stegreif redet, doch das Gesagte dem Geschriebenen ähnlich zu sein scheint, und sollte er selbst einmal bei einem Vortrag eine schriftliche Ausarbeitung mitgebracht haben, so wird doch, wenn er diese verläßt, die folgende Rede sich in ähnlicher Form anschließen. 153. So wie ein in rasche Bewegung gesetztes Schiff auch dann noch, wenn die Ruderer es anhalten152, seine Bewegung und seinen Lauf behält, obwohl die Gewalt und der Schlag der Ruder aufgehört hat, ebenso behauptet die Rede bei einem zusammenhängenden Vortrag auch dann noch, wenn die schriftliche Ausarbeitung fehlt, einen gleichen Lauf, indem sie unter dem Einfluß des Geschriebenen in einer diesem ähnlichen Redeweise fortströmt.
XXXIV. 154. Bei den täglichen Vorübungen pflegte ich in meiner frühen Jugend besonders das Verfahren zu wählen, das, wie ich wußte, mein bekannter Widersacher Gaius Carbo153 zu beobachten pflegte. Ich legte mir nämlich recht inhaltschwere Dichterstellen vor oder las eine Rede, bis ich sie im Gedächtnis behalten konnte, und trug dann denselben Gegenstand, den ich gelesen hatte, mit anderen, möglichst gewählten Worten wieder vor. Doch später bemerkte ich, dieses Verfahren sei mit dem Übelstand verbunden, daß die für den jedesmaligen Gegenstand geeignetsten, schönsten und besten Ausdrücke entweder Ennius, wenn ich mich nach dessen Versen übte, oder Gracchus154, wenn ich mir etwa eine Rede von diesem zum Vorbild gewählt hatte, vorweggenommen hatten; auf solche Weise nütze mir eine solche Übung nichts, wenn ich mich derselben Worte bediene, ja schade mir sogar, wenn anderer, da ich mich gewöhnte, minder geeignete zu gebrauchen. 155. Hierauf hielt ich es für zweckmäßig – und dieses Verfahren wandte ich in der reiferen Jugend an –, griechische Reden der größten Redner in freier Übersetzung wiederzugeben. Beim Lesen derselben hatte ich den Gewinn, daß, wenn ich das im Griechischen Gelesene lateinisch wiedergab, ich mich nicht allein der besten und doch gebräuchlichen Worte bedienen, sondern auch gewisse Worte durch Nachbildung ausdrücken konnte, die den Unsrigen neu erscheinen mochten, wenn sie nur passend waren. 156. Ferner die Bewegungen und Übungen der Stimme, des Atems und des ganzen Körpers und der Zunge selbst bedürfen nicht so sehr der Kunstregeln als vielmehr der Anstrengung. Hierbei muß man sorgfältig darauf achten, wen wir nachahmen, wem wir ähnlich sein wollen. Nicht allein auf die Redner müssen wir unseren Blick richten, sondern auch auf die Schauspieler, damit wir nicht durch eine schlechte Angewöhnung häßliche und verunstaltende Gebärden annehmen. 157. Auch muß man das Gedächtnis üben durch wörtliches Auswendiglernen von möglichst vielen eigenen und fremden Schriftstellen. Und bei dieser Übung mißfällt es mir eben nicht, wenn man sich daran gewöhnt hat, auch das in der Gedächtniskunst gelehrte Verfahren anzuwenden, seine Gedanken an gewisse Orte und Bilder zu knüpfen. Hierauf muß die Rede aus diesen häuslichen und in der Schule vorgenommenen Übungen hinausgeführt werden mitten in den Heereszug, in den Staub, in das Kriegsgeschrei, in das Feldlager und in die Schlachtreihen des Forums; von allen Dingen muß man sich Erfahrung einsammeln und seine Geisteskräfte versuchen und die eingeschlossenen Vorübungen an das helle Licht der Wirklichkeit hervorziehen. 158. Man muß auch Dichter lesen, sich mit der Geschichte bekannt machen und Lehrer und Schriftsteller in allen edlen Wissenschaften lesen und durcharbeiten und zur Übung loben, erklären, verbessern, tadeln, widerlegen, ferner über jeden Gegenstand für und wider streiten und, was sich uns als billigungswert kundtut, auswählen. 159. Gründlich muß man das bürgerliche Recht erlernen, sich mit den Gesetzen bekannt machen, das ganze Altertum erforschen, vom Gewohnheitsrecht des Senats, von der Verfassung des Staates, von den Rechten der Bundesgenossen, von den Bündnissen und Verträgen und von allem, worauf die Wohlfahrt des Staates beruht, sich Kunde verschaffen und aus dem ganzen Umfang der feinen Bildung gefällige, anmutige und sinnreiche Witzworte sammeln, mit denen, wie mit Salz, der ganze Vortrag durchwürzt werde. So habe ich denn nun alle meine Ansichten vor euch ausgeschüttet, Ansichten, die euch vielleicht jeder schlichte Hausvater, den ihr in irgendeiner Gesellschaft aufgreifen mochtet, auf eure Fragen in gleicher Weise mitgeteilt haben würde.”
XXXV. 160. Als Crassus dieses gesagt hatte, trat Stillschweigen ein. Aber obwohl den Anwesenden die vorgelegte Frage zur Genüge beantwortet zu sein schien, so meinten sie doch, er habe seinen Vortrag weit schneller beendet, als sie es wünschten. Hierauf sagte Scaevola: “Warum, Cotta, schweigst du? Fällt euch nichts ein, worüber ihr außerdem noch den Crassus befragen möchtet?” 161. “Ja, in der Tat”, erwiderte dieser, “eben daran denke ich. Denn seine Worte strömten so rasch dahin, und sein Vortrag entflog so schnell, daß ich ihre Gewalt und ihren Schwung zwar wahrnehmen, aber ihre Spuren und ihren Weg kaum sehen konnte, und als ob ich in ein reich begütertes Haus eingetreten wäre, in dem herrliche Decken nicht ausgebreitet, das Silbergeschirr nicht aufgesetzt, Gemälde und Bildsäulen nicht frei aufgestellt, sondern alle diese vielen und prachtvollen Schätze aufgeschichtet und verpackt wären, so habe ich in dem Vortrag des Crassus die Reichtümer und Kostbarkeiten seines Geistes gleichsam durch Hüllen und Decken erblickt; aber als ich sie näher zu betrachten wünschte, war es mir kaum vergönnt, einen Blick auf sie zu werfen. Und so kann ich zwar nicht sagen, daß ich gar nicht wisse, was er besitze, aber auch nicht, daß ich sie genau erkannt und gesehen habe.” 162. “Warum tust du nun nicht dasselbe”, sagte Scaevola, “was du tun würdest, wenn du in ein mit Kostbarkeiten angefülltes Haus oder Landgut kämest? Wenn hier alles, wie du sagst, beiseite gelegt wäre und du sehr verlangtest, es zu sehen, so würdest du nicht Anstand nehmen, den Besitzer zu ersuchen, er möchte es hervortragen lassen, zumal wenn er dir befreundet ist; bitte denn nun auch auf gleiche Weise den Crassus, jene Menge seiner Kostbarkeiten, die wir an einem Ort aufgeschichtet gleichsam durch ein Gitterfenster im Vorbeigehen obenhin erblickt haben, ans Licht zu bringen und jedes einzelne an seinem gehörigen Platz aufzustellen!” 163. “Nein”, erwiderte Cotta, “dich will ich vielmehr bitten, Scaevola; denn mich und den Sulpicius hier hält die Schüchternheit ab, den ehrwürdigsten Mann, der solche Vorträge immer verachtete, um das zu befragen, was ihm vielleicht als die Anfangsgründe der Schulbildung erscheinen dürfte; du also, Scaevola, erweise uns die Liebe und setze es ins Werk, daß Crassus das, was er in seinem Vortrag zusammengedrängt und sehr eng aufeinandergehäuft hat, vor uns ausbreite und entfalte.” 164. “In der Tat”, erwiderte Mucius, “vorhin wünschte ich dies mehr euret- als meinetwegen; denn mein Verlangen nach einem solchen Vortrag von Crassus war nicht so groß wie der Genuß, den mir seine Reden bei den Rechtsverhandlungen gewähren; jetzt aber, Crassus, bitte ich dich selbst auch um meinetwillen, da wir ja so viel Muße haben, wie uns seit langer Zeit nicht zuteil geworden ist, es dich nicht verdrießen zu lassen, das begonnene Gebäude völlig auszuführen. Denn der Umriß des ganzen Baues ist, wie ich sehe, besser und größer, als ich vermutet hatte, und ich erteile ihm meinen ganzen Beifall.”
XXXVI. 165. “Ja wahrlich”, sagte Crassus, “ich kann mich nicht genug wundern, daß auch du, Scaevola, nach dem verlangst,, was weder ich so gut verstehe wie die, welche es lehren, noch auch von der Art ist, daß es, wenn ich es auch noch so gut verstände, deiner Weisheit würdig sein und von dir angehört zu werden verdienen dürfte.” “Meinst du?” erwiderte jener. “Wenn du auch glaubst, es eigne sich nicht für mein Alter, jene gewöhnlichen und allbekannten Regeln zu hören, dürfen wir denn auch jene Kenntnisse vernachlässigen, die sich der Redner, wie du sagtest, über die Gemütsarten der Menschen, über ihre Sitten, über die Mittel aneignen müsse, durch die die Gemüter der Menschen erregt und gedämpft werden können, über die Geschichte, über das Altertum, über die Verwaltung des Staates, endlich über unser bürgerliches Recht selbst? Allerdings wußte ich, daß diese ganze Wissenschaft und Fülle von Kenntnissen von deiner Einsicht umfaßt wird; aber es war mir bis jetzt. unbekannt geblieben, daß zu den Hilfsmitteln des Redners ein, so herrliches Rüstzeug von Kenntnissen gehöre.” 166. “Kannst du nun”, sagte Crassus, “um andere unzählige und unermeßliche Kenntnisse zu übergehen und auf dein bürgerliches Recht selbst zu kommen, solche für Redner halten, denen einst Scaevola155, obwohl er nach dem Marsfeld eilte, viele Stunden bald lachend, bald zürnend mit Spannung auf den Ausgang ihrer Sache zuhörte. Ich meine den Hypsaeus, der damals mit gewaltiger Stimme und vielen Worten dem Prätor Marcus Crassus anlag, es möchte dem, den er verteidigte, gestattet sein, seine Rechtssache zu verlieren, und den Gnaeus Octavius156, einen Konsular, der sich in einer nicht minder langen Rede dagegen verwahrte, daß der Gegner seine Rechtssache verliere und der, den er verteidigte, von dem schimpflichen Urteil über seine Vormundschaft und von allem Verdruß durch die Unwissenheit seines Gegners befreit werde157.” 167. “Ja wahrlich”, versetzte Scaevola, “− ich erinnere mich nämlich, daß Mucius mir den Vorfall erzählte –, solche Menschen möchte ich nicht des Rednernamens, ja nicht einmal des Forums würdig achten.” “Und doch”, erwiderte Crassus, “gebrach es diesen Anwälten nicht an Rednergabe, auch nicht an Kunst oder Fülle der Rede, sondern an der Kenntnis des bürgerlichen Rechtes. Denn der eine verlangte bei seiner gesetzlichen Klage mehr, als das Gesetz in den zwölf Tafeln gestattete, und mußte, sobald er dies erhielt, seine Sache verlieren; der andere hielt es für unbillig, daß von ihm in der Klage mehr gefordert werde als sie gestatte, und begriff nicht, daß, wenn man die Klage so anstellte, der Gegner seine Sache verlieren würde.”
XXXVII. 168. “Wie? Stellte nicht erst vor einigen Tagen, als ich unter dem Vorsitz des Stadtprätors Quintus Pompeius158, meines Freundes, auf dem Tribunal zu Gericht saß, ein Mann, der zu den Beredten gezählt wird, die Forderung159, dem Beklagten möchte die alte und gebräuchliche Einrede gestattet werden, daß nur das Geld klagbar sei, dessen Zahlungstag gekommen sei, und er sah nicht ein, daß diese Bestimmung zum Vorteil des Klägers getroffen sei, damit, wenn der ableugnende Schuldner160 dem Richter bewiesen hätte, das Geld sei eher eingeklagt worden, als es fällig geworden wäre, der Kläger, wenn er die Klage erneuere, nicht durch die Einrede abgewiesen würde, daß über die Sache bereits ein richterliches Urteil gefällt worden sei. 169. Was kann nun Schimpflicheres getan oder gesagt werden, als wenn ein Mann, der es sich zur Lebensaufgabe gemacht hat, die Streitigkeiten und Rechtshändel seiner Freunde wahrzunehmen, den Notleidenden Hilfe zu leisten, die Kranken zu heilen, die Niedergeschlagenen aufzurichten, in den kleinsten und geringfügigsten Dingen solche Fehler begeht, daß er einigen bedauernswert, anderen lächerlich erscheint? 170. Meinen Verwandten Publius Crassus161 mit dem Beinamen der Reiche, einen in vielen anderen Beziehungen geschmackvollen und reichbegabten Mann, muß ich besonders wegen einer Äußerung erheben und loben, die er oft gegen Publius Scaevola162, der sein Bruder war, machte, daß nämlich weder dieser im bürgerlichen Recht dieser Wissenschaft Genüge leisten könne, wenn er nicht die Beredsamkeit zu Hilfe nähme – ein Lob, das sich sein Sohn163, der mit mir Konsul war, erworben hat –, noch er eher die Sachen seiner Freunde zu führen und zu verhandeln angefangen habe, als er das bürgerliche Recht erlernt habe. 171. Wie aber urteilt jener Marcus Cato164? Besaß er nicht ausgezeichnete Beredsamkeit, wie es nur immer nach den damaligen Zeitverhältnissen in unserem Staat möglich war, und die genaueste Kenntnis des bürgerlichen Rechtes? Mit einiger Zurückhaltung habe ich bis jetzt über diesen Gegenstand gesprochen, weil ein in der Beredsamkeit so ausgezeichneter Mann gegenwärtig ist, den ich als. Redner vor allen anderen bewundere, und doch hat dieser das bürgerliche Recht immer verachtet. 172. Doch weil ihr nun einmal meine Ansicht und Meinung wissen wollt, so will ich nichts verhehlen und euch nach Kräften meine Gedanken über jeden einzelnen Gegenstand auseinandersetzen.
XXXVIII. Des Antonius unglaubliche und fast einzige und unvergleichliche Geisteskraft scheint, auch wenn sie von dieser Kenntnis des Rechtes entblößt ist, sich leicht durch die übrigen Waffen der Einsicht schützen und verteidigen zu können. Darum wollen wir mit ihm eine Ausnahme machen; aber alle anderen werde ich ohne Bedenken durch meine Stimme zuerst der Trägheit, dann aber auch der Unverschämtheit schuldig erklären. 173. Denn sich auf dem Forum umherzutreiben, Tag für Tag in den Gerichten und auf den Tribünen der Prätoren zu sitzen, sich gerichtlichen Untersuchungen über wichtige Privatangelegenheiten zu unterziehen, in denen oft nicht über eine Tatsache, sondern über Recht und Billigkeit gestritten wird, sich in den Rechtssachen der Centumvirn165 breitzumachen, in denen die Rechte in betreff der Verjährungen, Vormundschaften Geschlechts- und Blutsverwandtschaften, der Anspülungen und Umspülungen166, der Schuldverpflichtungen und Eigentumserwerbungen, der Wände und Fenster, des Tropfenfalles, der Testamente und unzähliger anderer Dinge verhandelt werden, wenn man überhaupt nicht weiß, was Eigentum, was fremdes Gut, was das sei, wodurch einer Bürger oder Fremder, Sklave oder Freier ist – das zeugt von einer außerordentlichen Unverschämtheit. 174. Wahrlich eine lächerliche Anmaßung ist es, wenn man in der Leitung kleiner Fahrzeuge unerfahren zu sein eingesteht, sich aber rühmt, gelernt zu haben, wie ein Fünfruderer oder ein noch größeres Schiff zu lenken sei! Wenn du dich in einer Privatzusammenkunft bei einem geringfügigen Vergleich mit deinem Gegner hintergehen läßt und Urkunden deines Klienten versiegelst, in denen etwas geschrieben steht, wodurch dieser übervorteilt wird, da sollte ich dir irgendeinen wichtigeren Rechtshandel anvertrauen? Eher fürwahr dürfte der, welcher ein Schiffchen von zwei Rudern im Hafen verunglücken läßt, in dem Schwarzen Meer das Schiff der Argonauten lenken. 175. Wie? Wenn es nicht einmal unbedeutende Gegenstände sind, sondern oft die wichtigsten, in denen über das bürgerliche Recht gestritten wird, welche Stirn muß denn der Anwalt haben, welcher solche Verhandlungen ohne alle Kenntnis des Rechtes zu übernehmen sich unterfängt? Welche Verhandlung konnte zum Beispiel wichtiger sein als die über jenen Krieger, über dessen Tod eine falsche Nachricht vom Heer nach Hause gekommen war? Sein Vater, dieser Nachricht Glauben schenkend, änderte seinen letzten Willen und setzte irgendeinen anderen Menschen nach seinem Gefallen zum Erben ein; darauf starb er selbst. Sein Sohn kam nun nach Hause zurück und machte die Sache bei den Centumvirn anhängig, indem er gesetzliche Klage wegen der väterlichen Erbschaft erhob. Bei dieser Verhandlung kam die Frage aus dem bürgerlichen Recht zur Untersuchung, ob ein Sohn, den der Vater in seinem Letzten Willen weder als Erben noch als Enterbten namentlich bezeichnet habe, von der Erbschaft ausgeschlossen werden könne.
XXXIX. 176. Wie? In der Sache, in welcher die Centumvirn zwischen den Marcellern und den patrizischen Claudiern167 zu Gericht saßen, indem die Marceller behaupteten, die Erbschaft des Sohnes eines Freigelassenen sei ihnen nach Familienverwandtschaft, die patrizischen Claudier hingegen, dieselbe Erbschaft sei ihnen nach Stammverwandtschaft zugefallen, mußten da die Redner nicht über das gesamte Recht der Familien- und der Stammverwandtschaften sprechen? 177. Wie ferner folgender Fall, der, wie ich vernehme, gleichfalls vor dem Gericht der Centumvirn behandelt wurde? Ein aus seinem Vaterland Verbannter war nach Rom gekommen, wo er das Recht, als Verbannter zu leben, erhielt, wenn er sich einen römischen Bürger zum Schutzherrn168 gewählt hatte; darauf war er ohne Testament gestorben. Wurde nicht in dieser Verhandlung das recht dunkle und unbekannte Schutzherrnrecht von dem Anwalt vor Gericht erläutert und beleuchtet? 178. Wie? Als ich neulich die Sache, des Gaius Sergius Orata169 gegen unseren Antonius hier vor einem Privatgericht verteidigte, war da nicht meine ganze Verteidigung auf das Recht gegründet? Da nämlich Marcus Marius Gratidianus170 dem Orata ein Haus verkauft hatte, ohne in dem Kaufbrief anzugeben, daß auf einem Teil dieses Hauses eine Zwangspflicht hafte, so behauptete ich in meiner Verteidigung, der Verkäufer sei verpflichtet, für alle Lasten, die zur Zeit der feierlichen Eigentumsübergabe auf dem Haus gelegen hätten, wenn er darum gewußt und sie nicht angezeigt hätte, Ersatz zu leisten. 179. In einer solchen Rechtssache beging neulich mein Freund Marcus Buculeius171, ein Mann, der nach meinem Urteil nicht ohne Einsicht ist, nach seinem eigenen aber sehr weise und der auch der Rechtswissenschaft nicht abhold ist, auf ähnliche Weise ein Versehen. Als er nämlich dem Lucius Fufius172 sein Haus verkaufte, sagte er in dem Kaufbrief für die Aussicht der Fenster, wie sie damals war, gut. Nun fing man an einem Teil der Stadt, der kaum von jenem Haus aus erblickt werden konnte, ein Gebäude aufzuführen an. Sogleich erhob Fufius eine Klage gegen Buculeius, weil er der Ansicht war, wenn nur irgendein Teilchen des Himmels verbaut würde, wäre es auch noch so weit entfernt, so würde seine Aussicht verändert. 180. Was geschah ferner in der berühmten Rechtssache des Manius Curius und des Marcus Coponius173, die unlängst vor den Centumvirn verhandelt wurde? Wie strömten die Menschen zusammen, wie erwartungsvoll hörte man die Verteidigung an! Quintus Scaevola174, mein Alters- und Amtsgenosse, ein Mann, der in der Kenntnis der Rechtswissenschaft alle übertrifft, sich durch Scharfsinn und Einsicht auszeichnet, seine Reden mit der größten Sorgfalt und Genauigkeit ausarbeitet und, wie ich zu sagen pflege, unter den Rechtsgelehrten der größte Redner und unter den Rednern der größte Rechtsgelehrte ist, dieser also verteidigte die Rechte der Testamente nach dem Buchstaben der geschriebenen Worte und behauptete, daß, wenn nicht der nach dem Tod des Vaters erwartete und geborene Sohn, bevor er zur Mündigkeit gelangt, gestorben wäre, der nicht Erbe sein könne, der erst nach der Geburt und dem Tod des erwarteten Sohnes zum Erben eingesetzt worden sei. Ich hingegen behauptete in meiner Verteidigung, der Erblasser habe damals die Absicht gehabt, daß, wenn kein Sohn da wäre, der zur Mündigkeit gelangte, Manius Curius Erbe sein solle. Beriefen wir beide uns bei dieser Verhandlung nicht unaufhörlich auf Rechtserklärungen, auf Beispiele, auf Testamentsformeln, das heißt auf Beweise aus dem Innersten des bürgerlichen Rechtes?
XL. 181. Mehr Beispiele von höchst wichtigen Rechtsverhandlungen will ich jetzt nicht anführen, denn es gibt deren unzählige; doch erwähnen muß ich noch, daß oft Fälle vorkommen, in denen unser Leben und unsere ganze bürgerliche Wohlfahrt auf dem Recht beruht. Zum Beispiel Gaius Mancinus175, ein vornehmer, sehr rechtschaffener Mann und Konsular, den der Bundespriester176 wegen des verhaßten numantinischen Bündnisses nach einem Senatsbeschluß den Numantinern ausgeliefert hatte, war hierauf, da ihn diese nicht angenommen hatten, wieder nach Hause zurückgekommen und hatte kein Bedenken getragen, sich in die Senatsversammlung zu begeben. Der Volkstribun Publius Rutilius, des Marcus Sohn, aber ließ ihn wieder hinausführen, indem er behauptete, er sei kein Bürger; denn es sei ein auf alter Überlieferung beruhendes Herkommen, daß dem, den sein Vater oder das Volk verkauft oder der Bundespriester ausgeliefert habe, der Wiedereintritt in seine frühere Gerechtsame nicht gestattet sei. 182. Können wir wohl unter allen bürgerlichen Angelegenheiten eine wichtigere Verhandlung und Rechtsstreit finden, als einen solchen, in welchem es sich um den Stand, um das Bürgerrecht, um die Freiheit, um das Leben eines Konsularen handelt? Zumal da diese Sache nicht auf einem Verbrechen, das er ableugnen konnte, sondern auf dem bürgerlichen Recht beruhte. Eine ähnliche, wenn auch einen niedrigeren Stand betreffende Frage ist die, welche bei unseren Vorfahren aufgeworfen worden ist, ob nämlich ein Mensch aus einem verbündeten Staat, der bei uns als Sklave gedient, sich aber die Freiheit erworben hat und später in seine Heimat zurückgekehrt ist, bei der Rückkunft zu den Seinigen in seinen früheren Stand wieder eintrete, dagegen aber bei uns des Bürgerrechtes verlustig gehe. 183. Wie? Wenn es die Freiheit eines Menschen gilt – und ein wichtigerer Gegenstand kann schwerlich vor die richterliche Entscheidung kommen –, muß nicht da der Streit nach dem bürgerlichen Recht geführt werden, wenn es sich fragt, ob der, welcher mit Erlaubnis seines Herrn seinen Namen bei dem Censor in die öffentliche Schätzungsliste einschreiben ließ, von Stund an seine Freiheit erlangt habe oder erst nach beendigtem Sühnopfer177? Was soll ich ferner von dem Fall sagen, der sich zur Zeit unserer Väter ereignet hat? Ein Familienvater, der aus Spanien nach Rom gekommen war, hatte seine Frau in der Provinz schwanger zurückgelassen und in Rom eine andere geheiratet, ohne der ersteren einen Scheidebrief zuzuschicken; darauf war er ohne Testament verstorben, nachdem ihm jede der beiden Frauen einen Sohn geboren hatte. War es hier ein geringfügiger Gegenstand, der zum Streit Veranlassung gab, da es sich um die bürgerliche Wohlfahrt zweier Bürger handelte, des von der letzten Frau geborenen Sohnes und dessen Mutter, die, wenn das Urteil dahin ausfiel, daß die Ehescheidung von der früheren Frau durch eine gewisse Formel178 und nicht durch eine neue Heirat erfolge, als Beischläferin betrachtet werden mußte? 184. Wenn nun einer diese und ähnliche Rechte seines Staates nicht kennt und doch sich in die Brust werfend und hochmütig mit kecker und dreister Stirn und Miene, bald da-, bald dorthin seine Blicke werfend, in Begleitung einer großen Schar auf dem ganzen Forum umherschwärmt, seinen Klienten Schutz, seinen Freunden Hilfe und fast allen Bürgern das Licht seines Geistes und seiner Klugheit anbietend und vorhaltend – muß man da ein solches Benehmen nicht für ganz abscheulich halten?
XLI. 185. Und weil ich nun von der Unverschämtheit dieser Leute gesprochen habe, so laßt mich auch ihre Lässigkeit und Trägheit züchtigen! Denn wäre auch diese Rechtsgelehrsamkeit weitläufig und schwierig, so müßte doch die Größe ihres Nutzens die Menschen antreiben, sich der Anstrengung des Erlernens zu unterziehen. – Aber, o unsterbliche Götter, ich würde mich in der Gegenwart Scaevolas nicht so äußern, wenn er nicht sich selbst zu äußern pflegte, daß ihm die Erlernung keiner andern Wissenschaft leichter erscheine. 186. Gar viele freilich haben hierüber aus gewissen Gründen eine andere Ansicht. Erstlich nämlich hielten in früheren Zeiten die Männer, die im Besitz dieser Wissenschaft waren, zur Behauptung und Vermehrung ihrer Macht es nicht für gut, daß ihre Wissenschaft veröffentlicht würde; denn nachdem Gnaeus Flavius179 zuerst die Rechtsformeln öffentlich ausgestellt hatte und dadurch das Rechtsverfahren zur allgemeinen Kenntnis gekommen war, fehlte es doch an Männern, die jenen Stoff kunstgerecht nach Klassen verteilt und angeordnet hätten. Denn von keinem Gegenstand läßt sich ein wissenschaftliches Lehrgebäude aufstellen, wenn nicht der, der die Dinge, die er wissenschaftlich anordnen will, kennt, zuvor jene Wissenschaft180 sich angeeignet hat, durch die er einen noch nicht kunstgerecht geordneten Stoff in eine kunstgerechte Form bringen kann. Ich sehe, während ich mich kurz fassen wollte, habe ich mich etwas zu dunkel ausgedrückt; doch ich will den Versuch machen und mich, wo möglich, deutlicher erklären.
XLII. 187. Fast alles, was jetzt in Kunstregeln zusammengefaßt ist, war einst zerstreut und ohne Zusammenhang, so zum Beispiel in der Tonkunst die Takte, die Töne, die Gesangweisen, in der Geometrie die Linien, die Figuren, die Zwischenräume, die Größen, in der Astronomie die Umdrehung des Himmels, der Aufgang und Untergang und die Bewegung der Gestirne, in der Sprachwissenschaft die Behandlung der Dichter, die Kenntnis der Geschichte, die Erklärung der Worte, die Betonung bei der Aussprache, endlich in unserer Redekunst selbst die Erfindung, die Ausschmückung, die Anordnung, das Gedächtnis, der Vortrag. Diese Dinge zeigten sich einst als allgemein unbekannt und weit und breit zerstreut. 188. Man nehme nun von außen her aus einem anderen wissenschaftlichen Gebiet, das sich die Philosophen ganz aneignen, eine gewisse Kunst zu Hilfe, um den zerstreuten und zerstückelten Stoff zusammenzufügen und planmäßig zu verbinden. Man setze also als Endzweck im bürgerlichen Recht die Erhaltung der Gleichmäßigkeit des Rechtes in den Angelegenheiten und Verhandlungen der Bürger, wie sie durch die Gesetze und die Gewohnheit bestimmt ist. 189. Hierauf muß man die Gattungen bezeichnen und sie auf eine gewisse kleine Anzahl zurückführen. Gattung aber ist das, was zwei oder mehr Dinge umfaßt, welche eine gemeinschaftliche Ähnlichkeit untereinander haben, aber der Art nach unterschieden sind; Arten aber sind die Dinge, die den Gattungen, von denen sie herrühren, untergeordnet sind. Auch die Bedeutung sämtlicher Namen, welche die Gattungen und Arten haben, muß man durch Begriffsbestimmungen erklären. Die Begriffsbestimmung ist nämlich eine kurze und scharf begrenzte Erklärung der Merkmale des Gegenstandes, von dem wir einen bestimmten Begriff geben wollen. 190. Meiner Erörterung würde ich Beispiele hinzufügen, wenn ich nicht wüßte, vor welchen Männern mein Vortrag gehalten werde. So aber will ich, was ich gesagt habe, kurz zusammenfassen. Sollte es mir nämlich vergönnt sein, meinen schon längst gefaßten Vorsatz auszuführen, oder irgend ein anderer, wenn ich daran gehindert würde, mir hierin zuvorkommen oder nach meinem Tod das Werk zustande bringen, daß erstlich das ganze bürgerliche Recht in seine Gattungen, deren Anzahl nur sehr klein ist, eingeteilt, dann die Gattungen in gewisse Glieder zerlegt, endlich die eigentümliche Bedeutung jedes einzelnen durch Begriffsbestimmungen erklärt wird, so werdet ihr ein vollständiges Lehrgebäude haben, das mehr umfassend und reichhaltig als schwierig und dunkel sein wird. Indes jedoch, bis dieser zerstreut liegende Stoff zu einem Ganzen verbunden ist, kann man sich mit einer hinreichenden Kenntnis des bürgerlichen Rechtes ausrüsten, wenn man sie auch nur überall stückweise aufliest und sammelt.
XLIII. 191. Seht ihr nicht, daß der römische Ritter Gaius Aculeo181, der in meinem Haus wohnt und von jeher gewohnt hat, ein Mann, der an Scharfsinn seinesgleichen sucht, aber sonst in den Wissenschaften gar nicht unterrichtet ist, das bürgerliche Recht so gründlich versteht, daß ihm, wenn ihr unseren Scaevola hier ausnehmt, keiner der größten Rechtskenner vorgezogen wird? 192. Alles liegt ja hier vor Augen und beruht auf der täglichen Erfahrung, auf dem Verkehr mit Menschen und auf den gerichtlichen Verhandlungen und ist in nicht eben vielen und bändereichen Schriftwerken enthalten. Denn dieselben Gegenstände sind erstlich von mehreren behandelt und herausgegeben und dann mit Veränderung weniger Worte auch von denselben Schriftstellern öfter wiederholt. 193. Hierzu kommt aber auch noch etwas, wodurch die Auffassung und Erlernung des bürgerlichen Rechtes erleichtert wird, worüber freilich gar viele ganz anderer Ansicht sind, nämlich die außerordentliche Annehmlichkeit und Ergötzlichkeit, die in der Erlernung dieser Wissenschaft liegt. Denn findet einer an der Beschäftigung mit der Altertumskunde Gefallen, so bieten ihm sowohl das ganze bürgerliche Recht als auch die Bücher der Oberpriester und die Gesetze der zwölf Tafeln ein reiches Abbild des Altertums, weil man die vor alters gebrauchten Ausdrücke kennenlernt und gewisse gerichtliche Verhandlungen die Gewohnheit und Lebensart unserer Altvordern klar an den Tag legen. Oder hat einer eine Vorliebe für die Staatswissenschaft, die nach Scaevolas Ansicht nicht dem Redner, sondern einer Wissenschaft anderer Art angehört, so wird er sie ganz in den zwölf Tafeln enthalten finden, in denen alle nützlichen Einrichtungen des Staates bestimmt und eingeteilt sind. Oder findet einer an jener allmächtigen und preiswürdigen Philosophie Gefallen, so hat er – ich will es dreist heraussagen – in dem, was in dem bürgerlichen Recht und in den Gesetzen enthalten ist, die Quellen aller seiner Untersuchungen. 194. Denn aus diesen erkennen wir einerseits, daß man die sittliche Würde vor allem erstreben müsse, weil ja die Tugend und die ehrenwerte Tätigkeit durch Ehren und Belohnungen geschmückt wird, andererseits, daß die Laster und Verbrechen der Menschen mit Geldbußen, Beschimpfungen, Kerker, Schlägen, Verbannung, Tod bestraft werden, und wir lernen nicht aus endlosen und mit Wortkämpfen angefüllten Streitschriften, sondern durch das Ansehen und den Wink der Gesetze unsere Sinnlichkeit bezähmen, alle Begierden zügeln, das Unsrige bewahren, von fremdem Gut Sinn, Augen und Hände fernhalten.
XLIV. 195. Mag auch die ganze Welt sich unwillig über mich äußern, ich will sagen, was ich denke: Wahrlich; die Büchersammlungen aller Philosophen scheint mir das einzige Büchlein der Zwölftafelgesetze, wenn man auf die Quellen und die Hauptplätze der Gesetze sieht, an Gewicht des Ansehens und an Reichhaltigkeit des Nutzens zu übertreffen. 196. Und wenn wir uns, wie es durchaus unsere Pflicht ist, unseres Vaterlandes freuen – und dies Gefühl ist so mächtig und so natürlich, daß der weiseste Mann jenes Ithaka, das wie ein Vogelnest an rauhen Felsen klebt, der Unsterblichkeit vorzog –, mit welcher Liebe müssen wir denn gegen ein solches Vaterland entflammt sein, welches unter allen Ländern der erste Wohnsitz der Tugend, der Herrschaft und der Würde ist? Von ihm müssen uns vor allem sein Geist, seine Sitten und seine Verfassung bekannt sein, teils weil es unser aller Mutter ist, teils weil wir anerkennen müssen, daß seine Weisheit sich in der Feststellung des Rechtes wie in der Gründung der so großen Macht unserer Herrschaft gleich groß erwiesen hat. 197. Auch insofern werdet ihr aus der Erkenntnis des Rechtes Freude und Vergnügen schöpfen, als ihr die großen Vorzüge unserer Vorfahren in der Staatsklugheit vor anderen Völkern dann am leichtesten einsehen werdet, wenn ihr unsere Gesetze mit denen eines Lykurgos und Solon182 vergleichen wollt. Denn es ist unglaublich, wie das bürgerliche Recht überall außer bei uns ungeordnet und, ich möchte fast sagen, lächerlich ist; worüber ich mich oft in meinen täglichen Unterhaltungen so auszusprechen pflege, daß ich unseren Landsleuten in der Staatsklugheit vor allen anderen und besonders vor den Griechen den Vorzug gebe. Aus diesen Gründen, Scaevola, hatte ich behauptet, daß denen, die vollkommene Redner sein wollen, die Kenntnis des bürgerlichen Rechtes notwendig sei.
XLV. 198: Ferner, wer weiß nicht, wieviel Ehre, Gunst und Ansehen diese Kenntnis an und für sich denen gewährt, die in dem Besitz derselben sind? Bei den Griechen freilich leisten Menschen aus dem geringsten Stand – sie heißen bei ihnen Pragmatiker (Geschäftsführer) – für einen geringen Lohn den Rednern in den Gerichten ihre Dienste; aber in unserem Staat findet gerade das Gegenteil statt. Denn die angesehensten und berühmtesten Männer, wie jener, der wegen seiner Kenntnis im bürgerlichen Recht so von dem größten Dichter gepriesen wird:
Trefflich verständiger und sehr kundiger Aelius Sextus183,
und außerdem viele andere brachten es, nachdem sie sich durch ihre Geistesgaben Ansehen erworben hatten, bei der Erteilung von Rechtsbescheiden dahin, daß sie durch ihre Rechtsaussprüche mehr noch als durch ihre Geistesgaben zu hoher Geltung gelangten. 199. Um dem Alter aber den Zuspruch der Menschen und ansehnliche Auszeichnung zu sichern, kann es wohl eine ehrenvollere Zuflucht geben als die Auslegung des Rechtes? Ich wenigstens habe mir schon von meinem Jünglingsalter an die Zuflucht bereitet, nicht allein zum Gebrauch bei den gerichtlichen Verhandlungen, sondern auch zur Zierde und Ehre des Alters, damit, wenn mich meine Kräfte – und diese Zeit nähert sich schon ziemlich – zu verlassen anfingen, ich mein Haus vor jener traurigen Einsamkeit bewahrte. Denn was ist schöner, als wenn ein Greis, der Ehrenstellen und Ämter des Staates verwaltet hat, mit vollem Recht von sich sagen kann, was bei Ennius184 jener pythische Apollon sagt, er sei es, bei dem sich, wenn auch nicht Völker und Könige, doch alle seine Mitbürger Rats erholen:
In ihren Sachen ratlos kommen sie zu mir,
Doch
sichern Rates voll entlaß ich sie, daß sie
Nicht
trüben unbesonnen ihres Heiles Wohl.
200. Denn das Haus eines Rechtsgelehrten ist ohne Zweifel ein Orakel der ganzen Bürgerschaft; wovon unseres Quintus Mucius Tür und Vorhalle zeugt, die ungeachtet seiner sehr schwachen Gesundheit und seines schon angegriffenen Alters täglich von einer großen Menge der Bürger und der angesehensten Männer besucht wird.
XLVI. 201. Ferner bedarf das keiner weitläufigen Auseinandersetzung, warum ich der Ansicht bin, daß auch die öffentlichen Rechte, die dem Staat und dem Reich eigentümlich sind, sowie auch die Denkmäler der Geschichte und die Beispiele des Altertums dem Redner bekannt sein müssen. Denn so wie bei den Verhandlungen von Privatangelegenheiten und vor Gericht die Rede oft aus dem bürgerlichen Recht geschöpft werden muß und deshalb, wie ich zuvor bemerkte, dem Redner die Kenntnis des bürgerlichen Rechtes notwendig ist, so müssen in den öffentlichen Verhandlungen vor Gericht, in den Volksversammlungen, im Senat die ganze neue und ältere Geschichte, die Ansprüche des Staatsrechtes, die Staatswissenschaft den Rednern, die sich mit den öffentlichen Angelegenheiten beschäftigen, gleichsam als Redestoff zu Gebote stehen. 202. Denn nicht ist es ein alltäglicher Sachwalter und Schreier oder Rechtsschwätzer, den wir in unserem Gespräch aufsuchen, sondern ein Mann, der zuerst in der Kunst ein Meister ist, deren Erfindung, wenn auch die Natur dem Menschen dazu große Fähigkeiten verlieh, doch einem Gott185 zugeschrieben wird, so daß selbst das, was Eigentum des Menschen war, nicht durch uns gewonnen, sondern durch göttliche Eingebung zu uns gebracht erschien; ein Mann, der zweitens nicht so sehr durch den Heroldstab als vielmehr durch den Namen des Redners, mit dem er geschmückt ist, selbst unter den Schwertern der Feinde sich unverletzt bewegen kann; ein Mann, der ferner Tücke und Ränke des Missetäters durch die Rede dem Haß der Bürger bloßstellen und durch Strafen zügeln sowie auch durch den Schutz seines Geistes die Unschuld von der Strafe der Gerichte befreien und auch ein erschlaffendes und strauchelndes Volk entweder zum Ehrgefühl erwecken oder vom Irrtum abführen oder gegen Übeltäter entflammen oder die gereizte Stimmung desselben gegen Gute besänftigen kann; ein Mann, der endlich jede Gemütsstimmung, wie sie Zeit und Umstände erfordern, in den Menschen durch die Rede entweder hervorrufen oder stillen kann. 203. Wer nun meint, diese Kunst sei von denen, welche über die Redekunst geschrieben haben, entwickelt worden oder könne von mir in so kurzer Zeit entwickelt werden, der irrt sich sehr und begreift nicht meine Unkenntnis, ja kaum die Größe der Sachen. Ich glaubte, weil ihr es ja so wünschtet, euch die Quellen, aus denen ihr schöpfen könnt, und die Pfade selbst bezeichnen zu müssen, aber nicht so, um selbst euer Führer auf denselben zu sein, was unendlich schwierig und nicht notwendig ist, sondern nur, um euch den Weg nach den Quellen zu weisen und, wie man zu tun pflegt, einen Fingerzeig zu geben.”
XLVII. 204. “Ich aber sollte meinen”, versetzte Mucius, “du habest der Lernbegierde dieser jungen Männer, wenn sie anders lernbegierig sind, reichlich Genüge geleistet. Denn so wie man von Sokrates erzählt, er habe zu sagen gepflegt, seine Arbeit sei vollendet, wenn jemand durch seine Ermahnung hinlänglich zu dem Streben angefeuert sei, die Tugend kennen zu lernen und in sich aufzunehmen; denn wem die Überzeugung beiwohne, daß er nichts lieber zu sein wünsche als ein guter Mann, dem sei die übrige Lehre leicht – so weiß ich, daß auch ihr, wenn ihr die Bahn betreten wollt, die euch Crassus durch seinen Vortrag eröffnet hat, ihr sehr leicht zum Ziel eurer Wünsche gelangen werdet, da er euch ja den Zugang und die Tür dazu eröffnet hat.” 205. “Allerdings”, erwiderte Sulpicius, “sind uns seine Belehrungen höchst dankenswert und höchst erfreulich; aber einiges wenige vermissen wir noch und insbesondere das, was du, lieber Crassus, über die Kunst selbst nur kurz durchlaufen hast, da du doch zugestandest, daß du es nicht gering schätztest und es auch erlernt habest. Wolltest du dieses etwas weitläufiger erörtern, so würdest du die Erwartung unserer lang gehegten Sehnsucht ganz und gar erfüllen. Denn jetzt haben wir gelernt, worauf wir unseren Fleiß wenden müssen, und das ist allerdings auch schon etwas Großes; aber wir wünschen auch den Lehrgang und die Regeln dieser Sachen kennen zu lernen.” 206. “Nun”, sagte Crassus, “um euch leichter bei mir zu behalten, bin ich euch willfährig gewesen und habe weniger auf meine Gewohnheit und Natur Rücksicht genommen; wie wäre es nun, wenn wir den Antonius bäten, das, was er bei sich zusammenhält und noch nicht zum Vorschein gebracht hat, wovon ihm, wie er kurz zuvor klagte, eine kleine Schrift entschlüpft ist, uns zu entwickeln und jene Geheimnisse der Beredsamkeit kundzutun?” “Wie es dir beliebt”, erwiderte Sulpicius. “Denn aus dem Vortrag des Antonius werden wir auch deine Ansichten kennen lernen.” 207. “Nun, lieber Antonius”, sagte Crassus, “da nun einmal die Lernbegierde dieser jungen Männer uns Alten diese Bürde auferlegt, so bitte ich dich, deine Ansichten über die Gegenstände zu entwickeln, über die sie, wie du siehst, von dir belehrt zu werden wünschen.”
XLVIII. “Da sehe und fühle ich mich”, erwiderte Antonius; “ganz und gar betroffen, nicht allein, weil man Dinge von mir verlangt, deren ich unkundig und ungewohnt bin, sondern auch weil unsere jungen Freunde mir jetzt nicht das zu vermeiden gestatten, wovor ich mich bei den gerichtlichen Verhandlungen so sehr zu hüten pflege, nämlich dein Nachfolger, Crassus, im Reden zu sein. 208. Doch ich will um so dreister auf euer Verlangen eingehen, weil es, wie ich hoffe, bei der gegenwärtigen Unterredung ebenso der Fall sein wird, wie es bei meiner öffentlichen Rede zu sein pflegt, daß man keinen geschmückten Vortrag von mir erwartet. Ich gedenke ja nicht von der Kunst zu reden, die ich nie erlernt habe, sondern von meiner Gewohnheit, wie denn auch das, was ich in meinen Leitfaden aufgenommen habe, von derselben Art ist, nicht durch gelehrten Unterricht mir mitgeteilt, sondern auf Erfahrung und wirklichen Rechtsverhandlungen beruhend. Findet dieses nun bei euch so gelehrten Männern keine Billigung, so müßt ihr eure eigene Unbilligkeit anschuldigen, da ihr mich um Dinge befragt, die ich nicht weiß, und meine Nachgiebigkeit loben, wenn ich euch nicht aus eigenem Entschluß, sondern auf euer Verlangen ohne viele Umstände Rede stehe.” 209. Hierauf sagte Crassus: “Fahre nur fort, lieber Antonius! Denn es hat keine Gefahr damit, du möchtest etwas anders vortragen als höchst einsichtsvoll, und so wird es niemand von uns bereuen, dich zu dieser Erörterung aufgefordert zu haben.”
“Nun gut”, erwiderte er, “so will ich denn fortfahren und das tun, was meines Erachtens bei allen wissenschaftlichen Untersuchungen zu Anfang geschehen muß. Vor allem nämlich möge der Gegenstand der Untersuchung klar und deutlich dargelegt werden, damit der Vortrag nicht unsicher umherzuschweifen und auf Abwege zu geraten genötigt werde, wenn die, bei denen eine Meinungsverschiedenheit obwaltet, nicht ein und dasselbe unter dem Gegenstand, von dem gesprochen wird, verstehen. 210. Würde etwa zum Beispiel die Frage aufgeworfen: ‘Was ist die Kunst des Heerführers?’, so müßte man nach meiner Ansicht zuerst festsetzen, was ein Heerführer sei. Wäre nun festgesetzt, er sei ein Mann, der mit der Führung eines Krieges betraut sei, so würde ich hierauf eine Erklärung hinzufügen vom Heer, dem Feldlager, den Marschzügen, der Lieferung von Schlachten, der Bestürmung von Städten, der Zufuhr, der Anwendung und Vermeidung des Hinterhaltes und den übrigen Dingen, die zur Führung des Krieges gehören. Wer die Kenntnis von diesen Gegenständen in seinen Geist und seine Wissenschaft aufgenommen hat, den würde ich für einen Heerführer erklären und als Beispiele Männer, wie die beiden Afrikaner186 und Maximus187, anführen; den Epameinondas und Hannibal und andere Männer der Art würde ich namhaft machen. 211. Beträfe aber unsere Frage den Begriff von einem Mann, der auf die Verwaltung des Staates seine Erfahrung, seine Wissenschaft und seinen Fleiß verwendet, so würde ich folgende Erklärung geben: Wer die Mittel kennt, durch die das Beste des Staates gewonnen und vermehrt wird, und dieselbe anwendet, der muß als Lenker des Staates und Stimmführer im öffentlichen Rat betrachtet werden, und rühmend würde ich anführen den Publius Lentulus188, jenen Ersten im Senat, Tiberius Gracchus189 den Vater, Quintus Metellus190, Publius Africanus191, Gaius Laelius192 und unzählige andere sowohl aus unserem als auch aus anderen Staaten. 212. Wäre aber die Frage, wer in Wahrheit ein Rechtsgelehrter genannt werden könne, so würde ich denjenigen dafür erklären, welcher der Gesetze und des unter Privatpersonen im Staat üblichen Herkommens kundig ist, um Rechtsbescheide zu geben, gesetzmäßige Anklagen zu erheben und Rat gegen die Ränke der Widersacher zu erteilen, und aus dieser Klasse würde ich den Sextus Aelius193, Manius Manilius194, Publius Mucius195 nennen.
XLIX. Und um auf die Beschäftigungen mit den geringfügigeren Künsten zu kommen, wenn die Frage den Tonkünstler, den Sprachforscher, den Dichter beträfe, so könnte ich auf ähnliche Weise erklären, was den Beruf eines jeden ausmache und was die erforderlichen Eigenschaften seien, auf die man sich bei jedem beschränken müsse. Ja selbst von dem Philosophen, der sich nach der Fülle seiner Weisheit allein im Besitz fast alles Wissens zu sein rühmt, findet doch eine gewisse Begriffsbestimmung statt, indem man demjenigen, welcher aller göttlichen und menschlichen Dinge Wesen, Beschaffenheit und Ursachen zu kennen, die ganze Sittenlehre zu wissen und auszuüben sich bemüht, diesen Namen erteilt. 213. Was nun aber den Redner anlangt, der ja der Gegenstand unserer Untersuchung ist, so habe ich von ihm nicht dieselbe Vorstellung wie Crassus, der mir unter dem einen Namen und der einen Obliegenheit des Redners die gesamte Kenntnis aller Dinge und Wissenschaften zu begreifen schien; ich halte vielmehr den für einen Redner, welcher in gerichtlichen und öffentlichen Verhandlungen Worte, die angenehm zu hören sind, und Gedanken, die Überzeugung einzuflößen geeignet sind, zu gebrauchen versteht. Einen solchen nenne ich einen Redner und wünsche, daß er außerdem auch Stimme, äußeren Vortrag und einen gewissen Witz besitze. 214. Unser Crassus aber schien mir die Geschicklichkeit des Redners nicht nach den Schranken dieser Kunst, sondern nach den fast unermeßlichen Grenzen seines Geistes zu bezeichnen. Denn erstens gab er nach seinem Ausspruch das Ruder der Staatsverwaltung dem Redner in die Hände; wobei es mir recht auffallend war, daß du, Scaevola, ihm dieses einräumtest, da dir der Senat so oft, wenn du kurz und schmucklos redetest, in den wichtigsten Angelegenheiten beistimmte. Wenn aber Marcus Scaurus196, der, wie ich höre, nicht weit von hier sich zu Hause aufhält, ein Mann von der gründlichsten Kenntnis in der Staatsverwaltung, vernähme, daß du, Crassus, dieses Ansehen seiner Würde und Staatsklugheit in Anspruch nähmest, indem du es als ein Eigentum des Redners erklärst, so würde er, glaub’ ich, sofort hierher kommen und diese unsere Geschwätzigkeit schon durch seine Miene und seinen Blick in Schrecken setzen; denn wenn er auch als Redner nicht zu verachten ist, so beruht doch seine Stärke mehr auf einer umfassenden Staatsklugheit als auf Redekunst. 215. Wenn nun auch wirklich jemand in beidem stark ist, so folgt hieraus noch nicht, daß ein Stimmführer im öffentlichen Rat und der gute Senator schon darum auch ein Redner sein müsse oder daß ein durch Beredsamkeit ausgezeichneter Mann, wenn er sich zugleich in der Staatsverwaltung hervortut, diese Wissenschaft sich durch die Redefertigkeit angeeignet habe. Diese Fähigkeiten liegen weit auseinander und sind sehr voneinander verschieden und abgesondert, und nicht war es ein und dasselbe Verfahren, durch welches Marcus Cato197, Publius Africanus, Quintus Metellus, Gaius Laelius, die alle ausgezeichnete Redner waren, ihre Rede zu schmücken und die Würde des Staates zu verherrlichen wußten.
L. 216. Es ist ja weder von der Natur bestimmt noch durch irgend ein Gesetz oder durch das Herkommen verordnet, daß es einem einzelnen Menschen nicht vergönnt sein soll, mehr als eine Kunst zu verstehen. Wenn daher auch Perikles zu Athen ein großer Redner war und zugleich die oberste Leitung des Staates führte, so darf man darum nicht annehmen, daß beide Fähigkeiten einer Person und einer Kunst angehören, und wenn Publius Crassus zugleich beredt und rechtskundig war, so ist deshalb die Wissenschaft des bürgerlichen Rechtes nicht in der Redegewandtheit enthalten. 217. Denn wenn jemand, der sich in einer Kunst und Fertigkeit auszeichnet und damit auch noch eine andere Kunst verbindet, uns zu der Ansicht bestimmen könnte, seine Nebenwissenschaft sei als ein Teil derjenigen Wissenschaft, in welcher er sich auszeichnet, anzusehen, so könnten wir auf diese Weise auch behaupten, die Geschicklichkeit im Ballspiel und im Brettspiel gehöre zur Rechtsgelehrsamkeit, da ja Publius Mucius beides sehr gut verstand, und mit gleichem Recht könnten die Philosophen, welche die Griechen Naturphilosophen nennen, auch Dichter genannt werden, da ja der Naturphilosoph Empedokles198 ein herrliches Gedicht verfertigt hat. Aber nicht einmal die Philosophen, die doch das ganze Gebiet des Wissens als ihren eigenen Besitz in Anspruch nehmen, unterfangen sich, zu behaupten, die Geometrie oder die Tonkunst gehöre dem Philosophen an, weil Platon zugestandenermaßen in diesen Künsten höchst ausgezeichnet gewesen sei. 218. Will man nun auch alle Wissenschaften dem Redner unterordnen, so könnte man dies noch eher zulassen, wenn man sich vielmehr so ausdrückte: Weil die Beredsamkeit nicht nüchtern und nackt, sondern durch eine angenehme Abwechselung von vielerlei Gegenständen gewürzt und geschmückt sein soll, so kommt es dem Redner zu, vieles gehört, vieles gesehen, vieles überlegt und durchdacht, vieles auch gelesen zu haben, was er jedoch nicht als sein Eigentum in Besitz genommen, sondern nur gleichsam als fremde Speisen gekostet hat. Denn ich bekenne, der Redner muß gewandt sein, in keiner Sache Anfänger und Neuling, noch unwissend und Fremdling in dem Rechtsverfahren.
LI. 219. Aber durch die hochfahrenden Worte, die du, Crassus, ganz in der Weise der Philosophen gebraucht hast, lasse ich mich nicht in Verlegenheit bringen. Du behauptetest nämlich, die Gemüter der Zuhörer könne niemand durch die Rede entflammen oder die entflammten dämpfen, worin sich gerade des Redners Stärke und Größe zeige, der nicht das Wesen aller Dinge, die Sitten und Grundsätze der Menschen gründlich durchschaut habe, und zu diesem Zweck müsse der Redner die Philosophie notwendig erlernen, eine Wissenschaft, in der, wie wir wissen, auch die größten Geister, frei von allen Amtsgeschäften, ihre ganze Lebenszeit zugebracht haben. Den Reichtum und den Umfang ihrer Kenntnis und Wissenschaft verachte ich keineswegs, ja ich bewundere sie gar sehr; doch uns, die wir in der Mitte unseres Volkes und auf dem Forum leben, genügt es, von den Sitten der Menschen das zu wissen und zu sagen, was den Sitten der Menschen nicht zuwiderläuft. 220. Denn hat sich wohl je ein großer und gewichtiger Redner, wenn er den Richter wider seinen Gegner zum Zorn reizen wollte, deswegen verlegen gefühlt, weil er nicht gewußt habe, was Zorn sei, ob eine Aufwallung des Gemütes oder ein Verlangen, seinen Schmerz zu rächen? Wer hat, wenn er die anderen Leidenschaften in den Gemütern der Richter oder des Volkes durch die Rede aufrühren und in Bewegung setzen wollte, solche Dinge vorgetragen, wie sie von den Philosophen vorgetragen zu werden pflegen? Einige199 von ihnen behaupten ja, man dürfe überhaupt den Leidenschaften keinen Raum geben, und diejenigen, welche dieselben in den Gemütern der Richter erregten, begingen einen verruchten Frevel; andere200, die duldsamer sein und der Wirklichkeit des Lebens näher treten wollen, lehren, die Gemütsbewegungen dürften nur sehr gemäßigt und ganz gelinde sein. 221. Der Redner hingegen stellt alles das, was man im gewöhnlichen Leben für böse, beschwerlich und verwerflich hält, in seiner Schilderung weit ärger und greller dar, so wie er hinwiederum das, was der großen Menge begehrens- und wünschenswert erscheint, durch seinen Vortrag verherrlicht und ausschmückt. Auch will er sich unter Toren nicht so den Schein von Weisheit geben, daß entweder seine Zuhörer ihn für einen Gecken und pedantischen Griechen halten oder, wenn sie auch wirklich seine Geisteskräfte anerkennen sollten, des Redners Weisheit zwar bewundern, über ihre eigene Torheit aber Mißbehagen empfinden. 222. Wenn der Redner in die Seelen der Menschen eindringt, wenn er ihre Empfindungen und Gedanken bearbeitet, so vermißt er nicht die Begriffsbestimmungen der Philosophen und untersucht nicht in seinem Vortrag, ob das höchste Gut in der Seele201 oder im Körper liege, ob es nach der Tugend oder nach dem Vergnügen bestimmt werde, oder ob sich beides miteinander verbinden und vereinigen lasse202, oder aber ob man, wie einige meinen, nichts Bestimmtes hiervon wissen könne, nichts sich deutlich erkennen und begreifen lasse203. Die Wissenschaft dieser Dinge, ich bekenne es, ist groß und vielseitig, es gibt viele ausführliche und mannigfaltige Lehrmeinungen hierüber; aber unsere Absicht, lieber Crassus, ist auf etwas anderes, ganz anderes gerichtet.
LII. 223. Einen mit eindringendem Verstand ausgerüsteten und von Natur und durch Übung gewandten Mann haben wir nötig, der mit Scharfsinn erforschen kann, was seine Mitbürger und die Menschen, denen er durch seinen Vortrag eine Überzeugung einflößen will, denken, empfinden, meinen, erwarten; er muß gleichsam die Adern jedes Geschlechtes, Alters und Standes kennen und die Gedanken und Empfindungen derer, vor denen er jetzt oder später als Redner auftreten will, prüfen. 224. Die Schriften der Philosophen aber spare er sich für eine solche tusculanische Erholung und Muße, wie wir sie jetzt genießen, auf, damit er, wenn er einmal über Gerechtigkeit und Treue reden muß, seine Gedanken nicht von Platon zu entlehnen braucht, der, als er seine Lehren hierüber niederzuschreiben gedachte, einen neuen Staat in seinen Schriften204 erdichtete. Bis zu dem Grad entfernten sich die Ansichten, die er über die Gerechtigkeit vortragen zu müssen glaubte, von dem gewöhnlichen Leben und den Sitten der Staaten. 225. Würden solche Grundsätze unter den Völkern und in den Staaten gutgeheißen, wie hätte man dir, Crassus, dem berühmtesten, angesehensten und ersten Mann im Staat gestatten können, vor der zahlreichsten Versammlung deiner Mitbürger solche Äußerungen zu tun205: ‘Entreißt uns dem Elend, entreißt uns dem Rachen derer, deren Grausamkeit durch unser Blut nicht gesättigt werden kann; laßt nicht zu, daß wir irgend einem dienen, außer euch allen insgesamt, denen wir dienen können und müssen!’ Ich übergehe das Elend, in dem sich nach den Lehrsätzen der Philosophen ein tapferer Mann nicht befinden kann; ich übergehe den Rachen, dem du entrissen sein willst, damit dein Blut nicht durch unbillige Gerichte ausgesogen werde, was doch nach der Meinung jener einem weisen Mann nicht begegnen kann; wie aber konntest du dich unterfangen zu sagen, nicht nur du, sondern der gesamte Senat, dessen Sache du damals führtest, diene? 226. Kann die Tugend, Crassus, dienen, wenn du die Ansicht derer206 billigst, deren Lehrsätze du in des Redners Wissenschaft aufnimmst? Sie, die immer und allein frei ist und die, mag auch der Körper durch Waffengewalt gefangen oder durch Fesseln gebunden sein, dennoch ihr Recht und ihre Freiheit in allen Dingen ungeschmälert behaupten muß. Nun vollends der Zusatz: der Senat könne nicht nur dem Volk dienen, sondern müsse es auch! Welcher Philosoph ist so weichlich, so schlaff, so entnervt, bezieht so alles auf den sinnlichen Genuß und auf den Schmerz, daß er die Äußerung billigen könnte, der Senat diene dem Volk, der Senat, dem das Volk die Gewalt seiner Leitung und Lenkung wie Zügel in die Hände gegeben hat?
LIII. 227. Diese Stelle nun, die mir unvergleichlich schön erschien, erklärte Publius Rutilius Rufus207, ein gelehrter und der Philosophie ergebener Mann, nicht nur für sehr unangemessen, sondern auch für schimpflich und schmählich. Und ebenso pflegte er den Servius Galba208, dessen er sich wohl zu erinnern versicherte, sehr hart zu tadeln, weil er bei einer peinlichen Untersuchung, die Lucius Scribonius gegen ihn anstellte, das Mitleid des Volkes erregt habe, nachdem Marcus Cato, ein heftiger und bitterer Feind des Galba, vor dem römischen Volk eine barsche und leidenschaftliche Rede. gehalten hatte, die er selbst in seiner Urgeschichte mitgeteilt hat 228. Es tadelte also Rutilius den Galba, weil er des Gaius Sulpicius Gallus209, seines Verwandten, Sohn Quintus, seinen Mündel, selbst fast auf seine Schultern emporgehoben, um durch die Erinnerung und das Andenken an dessen berühmten Vater das Volk zu Tränen zu rühren, und seine beiden eigenen kleinen Söhne dem Schutz des Volkes empfohlen und, als ob er wie ein Krieger vor der Schlacht ohne Waage und Urkunde210 sein Testament machte, das römische Volk zum Vormund für diese Waisen eingesetzt hätte. Durch diese bühnenartigen Kunstgriffe, erzählte er, sei Galba damals trotz des Unwillens und Hasses, mit dem das Volk gegen ihn erfüllt war, freigesprochen worden, wie ich auch bei Cato geschrieben sehe. ‘Hätte er sich nicht der Knaben und Tränen bedient, so würde er Strafe gebüßt haben.’ Dieses Verfahren tadelte Rutilius sehr und erklärte, einer solchen Erniedrigung hätte die Verbannung oder der Tod vorgezogen werden müssen. 229. Und er sagte dieses nicht allein, sondern dachte und handelte auch so. Denn da dieser Mann, wie ihr wißt, ein Muster von Unbescholtenheit war, dem niemand im Staat an Rechtschaffenheit und Sittenreinheit gleichkam, so wollte er die Richter nicht demütig anflehen, ja er ließ es nicht einmal zu, daß seine Sache beredter oder freier geführt wurde, als es das einfache Verhältnis der Wahrheit gestattete. Nur einen kleinen Teil der Verteidigung überließ er unserem Cotta hier, einem so beredten jungen Mann, seiner Schwester Sohn. Zum Teil führte auch Quintus Mucius211 seine Sache nach seiner Weise, ohne alles Gepränge, schlicht und deutlich. 230. Hättest du damals, Crassus, geredet, der du kurz zuvor behauptetest, der Redner müsse für die Fülle der Rede Beistand aus den Untersuchungen der Philosophen entlehnen, und wäre es dir gestattet worden, für den Publius Rutilius nicht nach der Philosophen, sondern nach deiner Weise zu reden: die Kraft deiner Rede hätte den Richtern – so frevelhaft sie auch gewesen wären, wie sie es auch wirklich waren, diese verderblichen und strafwürdigen Bürger – dennoch alle Unverschämtheit aus ihrem innersten Herzen entrissen. Nun aber ging ein solcher Mann verloren, indem seine Sache so geführt wurde, als ob sie in dem erdichteten Staat Platons verhandelt worden wäre. Keiner der Sachwalter seufzte auf, keiner erhob laut seine Stimme, keinem ging die Sache zu Herzen, keiner klagte, keiner flehte den Schutz des Staates an, keiner bat flehentlich. Kurz, keiner stampfte in jenem Gericht mit dem Fuß, ich glaube, damit es ja nicht den Stoikern wiedererzählt werden möchte.
LIV. 231. Der Römer und Konsular ahmte jenen alten Sokrates nach, der, da er der weiseste unter allen war und den unsträflichsten Lebenswandel geführt hatte, in dem peinlichen Gericht für sich so redete, daß er nicht ein Flehender oder Beklagter, sondern ein Lehrmeister und Gebieter der Richter zu sein schien. Ja, als ihm der berühmte Redner Lysias212 eine geschriebene Rede brachte, die er, wenn es ihm gefiele, auswendig lernen möchte, um von ihr im Gericht für sich Gebrauch zu machen, las er sie nicht ungern und erklärte, sie sei recht schön abgefaßt. ‘Aber’, fuhr er fort, ‘wie ich, wenn du mir sikyonische213 Schuhe brächtest, sie nicht gebrauchen würde, so bequem sie auch sitzen und für den Fuß passen möchten, weil sie für Männer nicht anständig sind, ebenso scheint mir jene Rede beredt und rednerisch, aber nicht in gleichem Grad kräftig und männlich.’ So geschah es denn, daß auch jener verurteilt wurde, und nicht allein bei der ersten Abstimmung, bei welcher die Richter nur entschieden, ob sie ihn verurteilten oder freisprächen, sondern auch bei der zweiten, die sie nach den Gesetzen vornehmen mußten. 232. Es bestand nämlich zu Athen für den Beklagten nach seiner Verurteilung, wenn auf seinem Verbrechen nicht die Todesstrafe stand, gleichsam eine Abschätzung der Strafe214, und der Beklagte wurde, wenn die Richter zur Abstimmung aufgefordert wurden, zuvor gefragt, was es für eine Strafe sei, die er nach seiner Abschätzung verdient zu haben bekenne. Als man dem Sokrates diese Frage vorgelegt hatte, erwiderte er, er habe verdient, daß man ihn durch die höchsten Ehren und Belohnungen auszeichne und ihm den täglichen Lebensunterhalt in dem Prytaneion215 auf Staatskosten reiche: eine Ehre, die bei den Griechen für die größte gehalten wird. 233. Über diese Antwort entbrannten die Richter so von Zorn, daß sie den unschuldigsten Mann zum Tode verurteilten. Gesetzt, er wäre freigesprochen worden – was ich in der Tat, wenn uns die Sache auch weiter nichts angeht, doch wegen seiner Geistesgröße wünschte –, wie könnten wir jene Philosophen ertragen, die auch jetzt, nachdem jener wegen keiner anderen Schuld als wegen seiner Unkunde im Reden verurteilt worden ist, gleichwohl behaupten, man müsse von ihnen die Regeln der Beredsamkeit entlehnen? Ich will mit ihnen nicht streiten, welche von beiden Wissenschaften die bessere oder echtere sei; aber so viel behaupte ich, daß die Philosophie etwas anderes sei als die Beredsamkeit und daß diese auch ohne jene höchst vortrefflich sein könne.
LV. 234. Daß du dich nun ferner, Crassus, des bürgerlichen Rechtes so eifrig angenommen hast, davon sehe ich den Grund ein und sah ihn schon ein, als du noch redetest. Zuerst hast du dich dem Scaevola gefällig zeigen wollen, den wir alle wegen seiner ausnehmenden Freundlichkeit mit vollstem Recht lieben müssen, und du seine Wissenschaft unausgestattet und ungeschmückt sahst, so hast du sie durch die Ausstattung deiner Worte bereichert und geschmückt. Zweitens, weil du auf dieselbe recht viel Fleiß und Arbeit verwendet hattest, da du den Ermunterer zu dieser Beschäftigung und den Lehrmeister in deiner Familie216 hattest, so warst du besorgt, du möchtest dich vergeblich bemüht haben, wenn du nicht diese Wissenschaft durch deinen Vortrag verherrlichtest. Doch ich will auch mit dieser Wissenschaft mich in keinen Streit einlassen. 235. Mag sie immerhin eine so große Bedeutung haben, wie du meinst! Und in der Tat ist sie wichtig, findet eine vielfache Anwendung und gewährt vielen Menschen Nutzen; auch hat sie immer in hohen Ehren gestanden, und die berühmtesten Männer unseres Staates widmen sich noch heute dieser Wissenschaft. Doch sieh zu, lieber Crassus, ob du nicht die Rechtswissenschaft, indem du sie mit einem neuen und fremden Schmuck schmücken willst, auch des eigenen, der ihr zugestanden und eingeräumt wird, beraubst und entkleidest! 236. Denn wenn du dich so aussprächest, der Rechtsgelehrte sei auch Redner, und ebenso, der Redner sei auch Rechtsgelehrter, so würdest du zwei herrliche, untereinander gleiche und derselben Würde teilhaftige Wissenschaften aufstellen. Nun aber gestehst du ein, Rechtsgelehrter könne man auch ohne die Beredsamkeit, die wir zum Gegenstand unserer Betrachtung machen, sein, und dergleichen habe es schon sehr viele gegeben; Redner hingegen, behauptest du, könne niemand sein, wenn er nicht jene Wissenschaft zu Hilfe nehme. Auf diese Weise ist dir der Rechtsgelehrte an und für sich weiter nichts als ein vorsichtiger und scharfsinniger Gesetzeskrämer, ein Ausrufer der gerichtlichen Verhandlungen, ein Ableierer von Formeln, ein Silbenstecher; aber weil der Redner sich der Beihilfe des Rechtes in seinen Verhandlungen bedient, so hast du deshalb diese Rechtswissenschaft der Beredsamkeit als Magd und Zofe beigegeben.
LVI. 237. Wenn du dich aber über die Unverschämtheit derjenigen Sachwalter gewundert hast217, welche, obwohl sie das Kleine nicht wissen, sich zum Großen anheischig machen oder die schwersten Rechtsfragen vor Gericht zu verhandeln sich erdreisten, obwohl sie dieselben nicht verstehen und nie gelernt haben, so ist die Verteidigung beider Erscheinungen leicht und liegt auf der Hand. Denn man darf sich nicht darüber wundern, wenn einer, der nicht weiß, mit welcher Formel der Ehekauf218 geschlossen wird, dennoch die Sache einer Frau, welche einen solchen Ehekauf geschlossen hat, verteidigen kann, und wenn die Steuerkunst bei einem kleinen und großen Fahrzeug die nämliche ist, so dürfte darum derjenige, der nicht weiß, welcher Formeln man sich bei Erbschaftsverteilungen bedienen muß, gleichwohl einen Rechtsstreit über eine Erbschaftsverteilung führen können. 238. Denn was die wichtigsten, auf dem Recht beruhenden Verhandlungen des Centumviralgerichtes, die du anführtest219, anlangt – war wohl irgendeine derselben von der Art, daß sie nicht von einem beredten, aber des Rechtes unkundigen Mann auf das schönste hätte geführt werden können? In allen diesen Verhandlungen, so wie eben in der Sache des Manius Curius220, die du neulich verteidigt hast, und in dem Rechtsstreit des Gaius Hostilius Mancinus221 und in der Angelegenheit des Knaben, der von der zweiten Frau geboren wurde ohne vorhergegangene Scheidung von der ersten, waltete in betreff des Rechtes unter den erfahrensten Männern die größte Meinungsverschiedenheit ob. 239. Ich frage nun, was dem Redner bei diesen Verhandlungen die Rechtswissenschaft geholfen hätte, da nur derjenige Rechtsgelehrte den Sieg davongetragen haben würde, der sich nicht auf seine eigene, sondern auf eine fremde Wissenschaft gestützt hätte, d. h. nicht auf die Rechtswissenschaft, sondern auf die Beredsamkeit. So habe ich oft folgenden Vorfall erzählen hören. Als Publius Crassus222 sich um die Ädilität bewarb und ihn Servius Galba223, der älter war, und schon Konsular, begleitete, weil er die Tochter des Crassus mit seinem Sohn Gaius verlobt hatte, trat ein Bauer zu Crassus, um sich bei ihm Rats zu erholen. Er führte Crassus beiseite und trug ihm seine Angelegenheit vor. Die Antwort, die er erhielt, war zwar richtig, aber seiner Sache nicht vorteilhaft. Als Galba ihn verstimmt sah, redete er ihn beim Namen an und fragte ihn, in welcher Angelegenheit er den Crassus zu Rate gezogen habe. Als er es vernommen hatte und den Mann erschüttert sah, sagte er: ich sehe, Crassus hat dir in der Zerstreuung und mit anderen Dingen beschäftigt geantwortet. 240. Hierauf nahm er den Crassus selbst bei der Hand und sagte: Hör einmal, wie kam es dir in den Sinn, einen solchen Bescheid zu geben? Jener, als der rechtskundigste Mann, beteuerte ihm jetzt zuversichtlich, die Sache verhalte sich natürlich so, wie er geantwortet habe, und unterliege keinem Zweifel. Galba aber, der auf mancherlei Weise und in reichlicher Fülle seinen Witz gegen ihn spielen ließ, führte viele ähnliche Fälle an und sagte vieles für die Billigkeit gegen das Recht. Da nun Crassus ihm an Gewandtheit der Rede nicht gewachsen war – denn wiewohl er zu den beredten Männern gerechnet wurde, kam er doch dem Galba keineswegs gleich –, so nahm er seine Zuflucht zu Gewährsmännern und zeigte, daß seine Ansicht in seines Bruders Publius Mucius224 Büchern und in des Sextus Aelius225 Denkschrift schriftlich zu lesen sei, und doch gab er zu, daß des Galba Erörterung ihm beifallswert und beinahe wahr dünke.
LVII. 241. Aber die Fälle, die von der Art sind, daß über ihr Recht kein Zweifel obwalten kann, pflegen überhaupt nicht Gegenstand gerichtlicher Untersuchungen zu werden. Macht wohl jemand nach einem Testament, das ein Hausvater vor der Geburt eines Sohnes machte, auf eine Erbschaft Ansprüche? Niemand, weil es feststeht, daß durch die später erfolgende Geburt eines Sohnes das Testament seine Gültigkeit verliert. Also in dieser Art des Rechtes finden keine gerichtlichen Entscheidungen statt. Folglich kann der Redner bei den Rechtsstreitigkeiten mit diesem ganzen Teil des Rechtes, der ohne Zweifel der bei weitem größte ist, ohne Nachteil unbekannt sein. 242. In den Fällen aber, wo in betreff des Rechtes unter den erfahrensten Männern Zweifel obwalten, kann der Redner leicht für die Partei, die er verteidigt, einen Ratgeber finden, und wenn er von diesem schwungkräftige Speere empfangen hat, so wird er selbst sie mit des Redners Armen und Kräften zu schleudern verstehen. Es müßte denn sein, daß du die Sache des Manius Curius226 aus den Schriften und nach den Lehren deines Schwiegervaters – der wackere Mann wird mir wohl diese Äußerung gestatten – verteidigt hättest und nicht vielmehr auf Beschirmung der Billigkeit und auf Verteidigung der Testamente und des Willens der Verstorbenen gedrungen hättest. 243. Und nach meiner Ansicht wenigstens – ich wohnte der damaligen Verhandlung fleißig bei – nahmst du den bei weitem größeren Teil deiner Zuhörer durch den Witz deiner Gedanken, durch launige Einfälle und feine Scherzreden für dich ein, indem du bald des Scaevola227 unendlichen Scharfsinn verspottetest, bald seine Geisteskraft bewundertest, weil er den tiefen Gedanken ergründet habe, man müsse eher geboren werden, als man sterben könne, dann wieder vieles aus den Gesetzen, aus den Senatsbeschlüssen, aus dem Leben und der gewöhnlichen Redeweise nicht nur scharfsinnig, sondern auch witzig und scherzhaft zusammenstelltest, um darzutun, daß, wenn man bloß auf die Worte und nicht auf die Sache sehe, nichts ausgerichtet werden könne. Und so war das Gericht voll der heitersten und fröhlichsten Stimmung. Was dir hierin die Übung im bürgerlichen Recht genützt habe, sehe ich nicht ein; die ausgezeichnete Kraft der Rede, gepaart mit der heitersten Laune und der liebenswürdigsten Anmut, war dir von Nutzen. 244. Selbst jener Mucius, der Verteidiger des väterlichen Rechtes und der Verfechter seines väterlichen Erbgutes, was hat er in jener Verhandlung, als er gegen dich redete, vorgebracht, was aus dem bürgerlichen Recht entlehnt erschien? Welches Gesetz hat er angeführt? Was hat er durch seinen Vortrag enthüllt, das Unkundigen einigermaßen verborgen gewesen wäre? Sein ganzer Vortrag beschäftigte sich ja damit, daß er behauptete, das Geschriebene müsse die größte Geltung haben. Aber hierin werden alle Knaben bei ihren Lehrern geübt, wenn sie angewiesen werden, in solchen Fällen bald den geschriebenen Buchstaben, bald die Billigkeit zu verteidigen. 245. Und in jener Sache des Kriegers228, wenn du entweder den Erben oder den Krieger verteidigt hättest, würdest du, sollte man wohl gar meinen, zu den Hostilianischen229 Formeln und nicht zu deiner rednerischen Kraft und Gewandtheit deine Zuflucht genommen haben. O nein! Vielmehr würdest du, wenn du ein Testament verteidigtest, die Sache so vortragen, als ob alles Recht aller Testamente auf diesem Gericht beruhe, oder, wenn du die Sache des Kriegers geführt hättest, so würdest du deiner Gewohnheit gemäß seinen Vater durch deinen Vortrag von den Toten erweckt und den Richtern vor die Augen gestellt haben, er hätte seinen Sohn umarmt und unter Tränen den Centumvirn empfohlen; alle Steine wahrlich hätte er zu Tränen und Wehklagen gerührt, so daß die ganze Formel: ‘Wie der Mund gesprochen’230 nicht in den zwölf Tafeln, die du allen Büchetsammlungen vorziehst, sondern unter den bei einem Schullehrer nachgeschriebenen Gesetzesformeln231 zu stehen scheinen würde.
LVIII. 246. Ferner beschuldigst du unsre jungen Männer der Trägheit, weil sie diese Wissenschaft nicht erlernen wollen, die doch erstens sehr leicht sei. Was nun diese Leichtigkeit anlangt, so mögen jene darüber urteilen, welche voller Stolz auf diese Wissenschaft, als ob sie die schwierigste sei, in Selbstgenügsamkeit einherschreiten; dann aber magst du auch selbst darüber urteilen, der du diese Wissenschaft für leicht erklärst, die nach deinem eigenen Geständnis überhaupt noch gar keine Wissenschaft ist, sondern erst einmal dann eine solche werden wird, wenn jemand noch eine andere Wissenschaft dazu erlernt, durch die er diese wissenschaftlich gestalten kann. Zweitens, sagst du, sei sie voller Ergötzlichkeit. Dieses Vergnügen wollen dir alle schenken und verzichten gern auf dasselbe, und nicht leicht wird sich jemand finden, der, wenn er etwas lernen soll, nicht lieber den Teucer des Pacuvius232 auswendig lernen würde als die Manilianischen233 Formeln über Kauf und Verkauf. 247. Wenn du aber ferner meinst, wir müßten aus Vaterlandsliebe die Erfindungen unserer Vorfahren kennen, siehst du nicht, daß die alten Gesetze teils von selbst durch die Länge der Zeit veraltet, teils durch neue Gesetze aufgehoben sind? Ja, du glaubst sogar, gute Männer würden durch das bürgerliche Recht gebildet, weil durch die Gesetze Belohnungen für die Tugenden und Strafen für die Laster bestimmt seien. Aber ich war der Ansicht, die Tugend werde den Menschen, wenn anders sie wissenschaftlich gelehrt werden könne, durch Unterricht und Überzeugung, nicht aber durch Drohungen, Gewalt und Furcht gelehrt. Denn wie schön es ist, sich vor dem Übel zu hüten, das wenigstens können wir auch ohne die Kenntnis des Rechtes wissen. 248. Was mich aber selbst betrifft, dem du allein die Fähigkeit zugestehst, ohne alle Rechtskenntnis dennoch Rechtssachen befriedigend zu verhandeln, so muß ich dir hierauf erwidern, daß ich nie das bürgerliche Recht erlernt und doch bei den Rechtssachen, die ich vor Gericht verteidigen konnte, nie diese Wissenschaft vermißt habe. Denn etwas anderes ist es, ein Kunstverständiger in einem Fach oder einer Wissenschaft, etwas anderes, im gemeinen Leben und im gewöhnlichen Verkehr mit Menschen nicht dumm und unwissend zu sein. 249. Wem von uns ist es jetzt vergönnt, seine Landgüter zu durchwandern und der Landwirtschaft entweder des Nutzens oder des Vergnügens wegen seine Aufmerksamkeit zu schenken? Und doch bringt niemand sein Leben so ohne Augen, so ohne Verstand zu, daß er gar nicht wissen sollte, was Aussaat und Ernte sei, was Beschneidung der Bäume und Weinstöcke, zu welcher Jahreszeit oder auf welche Weise diese Geschäfte besorgt werden. Wenn nun einer ein Landgut zu besichtigen oder wenn er wegen des Ackerbaues dem Verwalter einen Auftrag oder dem Meier einen Befehl zu erteilen hat, muß er wohl deshalb die Bücher des Karthagers Mago234 durchlesen, oder können wir mit unserem gemeinen Menschenverstand begnügen? Warum können wir also nicht gleichfalls in dem bürgerlichen Recht, zumal wir uns in Rechtssachen, in Geschäften und vor Gericht abarbeiten müssen, hinlänglich gerüstet sein, wenigstens insoweit, daß wir unserem eigenen Vaterland nicht als Fremde und Ankömmlinge erscheinen? 250. Und sollte auch wirklich eine etwas schwierige Rechtssache uns übertragen werden, so dürfte es, glaub’ ich, eine schwierige Aufgabe sein, mit unserem Scaevola darüber Rücksprache zu nehmen, wiewohl schon die streitenden Parteien uns über alles eingeholte Rechtsbescheide und Erkundigungen zutragen. Wie aber? Wenn über den Zustand einer Sache selbst, wenn über Grenzstreitigkeiten, wo wir keine Besichtigung an Ort und Stelle vornehmen können, wenn über Rechnungsbücher und schriftliche Geldanweisungen ein Rechtshandel stattfindet, so wissen wir uns, wenn es verlangt wird, in verwickelte und oft schwierige Streitpunkte hineinzuarbeiten; und wir sollten, wenn wir Gesetze oder Rechtsgutachten erfahrener Männer kennenzulernen haben, Besorgnis hegen, wir möchten dieselben nicht begreifen können, wenn wir uns von Jugend auf weniger mit dem bürgerlichen Recht beschäftigt haben?
LIX. Nützt also die Kenntnis des bürgerlichen Rechtes dem Redner nichts? Ich kann nicht sagen, daß irgendeine wissenschaftliche Kenntnis ohne Nutzen sei, zumal für den, dessen Beredsamkeit mit reichhaltiger Sachkenntnis ausgerüstet sein muß; aber die Kenntnisse, die sich ein Redner aneignen muß, sind so vielfach, wichtig und schwierig, daß ich seine Tätigkeit nicht in noch mehr Beschäftigungen zersplittern möchte. 251. Wer kann leugnen, daß der Redner zu seiner rednerischen Bewegung und Stellung das Gebärdenspiel und den feinen Anstand eines Roscius235 nötig hat?
Und doch dürfte niemand jungen Männern, die der Beredsamkeit obliegen, den Rat geben, auf die Erlernung des Gebärdenspieles, wie Schauspieler, Fleiß und Mühe zu verwenden. Was ist dem Redner so notwendig wie die Stimme? Und doch wird niemand, der sich der Beredsamkeit befleißigt, wenn er meinen Rat hören will, der Ausbildung seiner Stimme sich so ergeben, wie es die Griechen und die tragischen Schauspieler tun, welche mehrere Jahre hindurch im Sitzen die Kunst des Vortrages üben und täglich, bevor sie ihre Vorträge beginnen, im Liegen ihre Stimme allmählich erhöhen und sie, sobald sie in Bewegung gebracht ist, im Sitzen von dem höchsten Ton bis zum tiefsten sinken lassen und dann gleichsam wieder sammeln. Wollten wir dies tun, so möchten die, deren Verteidigung wir übernommen haben, eher verurteilt werden, als wir so oft, als vorgeschrieben wird, einen Päan236 oder Hymnus abgesungen hätten. 252. Wenn wir nun auf das Gebärdenspiel, das doch dem Redner von großem Nutzen ist, und auf die Stimme, die vor allem die Beredsamkeit empfiehlt und unterstützt, nicht besonders großen Fleiß verwenden dürfen und in beidem nur so viel erreichen können, wie uns in dem Schlachtgetümmel unserer täglichen Geschäfte Zeit dazu verstattet wird, um wieviel weniger dürfen wir uns auf die Erlernung und Beschäftigung mit dem bürgerlichen Recht einlassen? Im allgemeinen läßt sich dasselbe auch ohne Unterweisung fassen und unterscheidet sich darin von jenen Gegenständen, daß die Stimme und das Gebärdenspiel nicht plötzlich angenommen und anderswoher aufgerafft werden kann, was hingegen aus der Rechtswissenschaft für jede einzelne Streitsache nützlich ist, selbst bei der größten Eile entweder von Rechtskundigen oder aus Büchern entlehnt werden kann. 253. So haben bei den Griechen die beredtesten Männer bei ihren Verhandlungen Rechtskundige in ihren Diensten, ich meine die, welche, wie von dir kurz zuvor237 bemerkt wurde, Pragmatiker heißen, da sie selbst in der Rechtswissenschaft sehr unerfahren sind. Hierin verfuhren freilich die Unsrigen weit besser, indem sie die Gesetze und Rechte durch das Ansehen der berühmtesten Männer geschützt wissen wollten. Aber doch würde dieses den Griechen nicht entgangen sein, wenn sie es für notwendig erachtet hätten, den Redner selbst im bürgerlichen Recht zu unterrichten und ihm nicht einen Pragmatiker als Gehilfen zur Seite zu setzen.
LX. 254. Was ferner deine Behauptung238 betrifft, unser Alter werde durch die Kenntnis des bürgerlichen Rechtes vor Einsamkeit bewahrt, so kann dies vielleicht auch durch großes Vermögen bewirkt werden; doch wir fragen jetzt nicht, was uns nützlich, sondern was dem Redner notwendig ist. Gleichwohl will ich hier noch einer Äußerung des Roscius gedenken, des nämlichen Künstlers, von dem wir schon so manches entlehnt haben, was mit der Kunst des Redners in naher Beziehung steht. Er pflegte nämlich zu sagen, je weiter er im Alter vorrücke, desto langsamer wolle er die Tonweisen des Flötenspielers setzen und die Musik sanfter einrichten. Wenn nun dieser, obwohl gebunden an ein bestimmtes Maß der Takte und Füße, dennoch zur Erleichterung für sein Alter auf ein Mittel bedacht ist, wieviel leichter können wir die Tonweisen nicht nur herabstimmen, sondern gänzlich umändern? 255. Es ist dir ja bekannt, Crassus, wie viele und mannigfaltige Arten des Vortrages es gibt, und ich möchte behaupten, daß du dieses zuerst gezeigt hast; denn schon lange redest du weit gelassener und sanfter, als es früher deine Gewohnheit war, und doch findet die jetzige Sanftheit deines würdevollen Vortrages nicht weniger Beifall als dein früheres Feuer und Heftigkeit. Auch hat es viele Redner gegeben, wie wir dies von Scipio239 und Laelius hören, die, ihre gewöhnliche Redeweise nur ein wenig steigernd, alles ausrichteten, nicht aber, wie Servius Galba, alle Kräfte ihrer Lunge und Stimme anstrengten. Wenn du aber dieses nicht tun kannst oder willst, hegst du, ein so wackrer Mann und Bürger, die Besorgnis, dein Haus möge, wenn es von streitsüchtigen Menschen nicht mehr besucht werde, von den anderen verlassen werden? Ich meinerseits bin so weit von dieser Ansicht entfernt, daß ich in der Menge derer, die, um sich Rat zu erholen, Besuche machen, nicht nur keine Stütze des Alters suchen zu müssen glaube, sondern vielmehr der Einsamkeit, die du befürchtest, wie einem Hafen der Ruhe entgegensehe. Denn die Ruhe von Geschäften ist meines Erachtens die schönste Erleichterung des Alters. 256. Die übrigen Kenntnisse, die allerdings der Beredsamkeit behilflich sind, ich meine die Geschichte, das Staatsrecht, die Kunde des Altertums, die Kenntnis einer Menge von Beispielen, werde ich, wenn es not tut, von meinem Freund Congus240, einem wackeren und mit diesen Kenntnissen reichlich ausgerüsteten Mann, entlehnen. Auch werde ich nichts dagegen einwenden, wenn unsere jungen Männer, wozu du zuvor241 auffordertest, alles lesen, alles hören und sich mit aller höheren Menschenbildung beschäftigen; aber wahrlich, sie scheinen mir hierzu nicht so viel Zeit zu haben, wenn sie anders das tun und ausführen wollen, was du ihnen, Crassus, vorgeschrieben hast. Denn fast allzu harte Gesetze, glaub’ ich, hast du der Jugend auferlegt, wenn sie auch zur Erreichung des erstrebten Zieles fast notwendig sind. 257. Denn die Übungen, aus dem Stegreif über vorgelegte Fälle zu reden, die mit Sorgfalt und Nachdenken ausgearbeiteten Abhandlungen und der von dir so gerühmte Gebrauch des Schreibgriffels, den du den Vollender und besten Lehrmeister der Beredsamkeit nanntest242, kosten viel Schweiß; und jene Vergleichung der eigenen Rede mit fremden Schriften und eine aus dem Stegreif vorgetragene Erörterung über ein fremdes Schriftwerk, das entweder gelobt oder getadelt, entweder begründet oder widerlegt werden soll, erfordert eine nicht geringe Anstrengung hinsichtlich des Gedächtnisses sowohl als auch der Nachbildung.
LXI. 258. Ich komme nun aber auf eine Forderung243 von dir, die entsetzlich ist und die, wie ich fürchte, wahrlich geeigneter sein dürfte, abzuschrecken als zu ermuntern. Du verlangtest nämlich, daß ein jeder von uns in seiner Art gleichsam ein Roscius sei, und sagtest, das Richtige finde weniger Beifall, als sich an das Fehlerhafte die mäkelnde Tadelsucht anhänge. Aber ich glaube, daß wir jeder mäkelnden Beurteilung weniger ausgesetzt sind als die Schauspieler. 259. So sehe ich, daß man uns oft, wenn wir an Heiserkeit leiden, mit der gespanntesten Aufmerksamkeit zuhört; denn die Sache selbst und der Gegenstand fesselt schon; aber Aesopus244 wird, wenn er ein wenig heiser wird, ausgepocht. Denn wo man nichts anderes sucht als Ergötzung der Ohren, da nimmt man Anstoß, sobald diese Ergötzung nur etwas geschmälert wird. Bei einem Redner aber ist vieles, was fesselt, und wenn auch nicht alles in ihm höchst vollkommen, aber doch recht vieles vorzüglich ist, so kann es nicht fehlen, daß auch schon dieses bewunderungswürdig erscheint. 260. Um also auf den Anfang unserer Unterredung zurückzukommen, so gelte mir derjenige für einen Redner, welcher, wie Crassus sich ausdrückte, auf eine überzeugende Weise zu reden fähig ist. Dieser beschränke sich aber auf die Kenntnisse, welche in den gewöhnlichen Staatsangelegenheiten und gerichtlichen Verhandlungen erforderlich sind, und mit Hintansetzung aller anderen Wissenschaften, so herrlich und vorzüglich sie auch sein mögen, liege er dieser einen Arbeit sozusagen Tag und Nacht mit allem Eifer ob und ahme jenen Mann nach, dem ohne Zweifel die höchste Vollkommenheit der Beredsamkeit zugestanden wird, den Athener Demosthenes. Dieser bewies, wie man erzählt, einen so großen Eifer und so große Anstrengung, daß er die Hindernisse der Natur durch Fleiß und beharrliche Tätigkeit überwand. Da er nämlich erstens so stammelte, daß er selbst von der Kunst245, der er sich widmete, den ersten Buchstaben nicht aussprechen konnte, brachte er es durch sorgsame Übung dahin, daß niemand eine deutlichere Aussprache gehabt haben soll. 261. Da er ferner an Engbrüstigkeit litt, wußte er sich durch Anhalten des Atems beim Reden eine solche Ausdauer anzueignen, daß er, wie seine Schriften zeigen, Perioden, in denen zwei Hebungen und Senkungen der Stimme vorkommen, in einem Atem zusammenfassen konnte. Ja, er gewöhnte sich, wie berichtet wird, kleine Steine in den Mund zu nehmen und so mit der lautesten Stimme viele Verse in einem Atem herzusagen, und zwar nicht an einem Ort stehend, sondern einhergehend und eine steile Anhöhe ersteigend. 262. Daß man durch solche Ermahnungen, Crassus, die jungen Männer zum Fleiß und zur Anstrengung anfeuern müsse, darin stimme ich dir von ganzem Herzen bei; die übrigen Kenntnisse aber, die du aus mannigfaltigen und verschiedenen Wissenschaften und Künsten gesammelt hast, müssen meines Erachtens, wenn du sie auch alle dir für deine Person angeeignet hast, doch von der eigentlichen Verpflichtung und dem Amt des Redners geschieden werden.”
LXII. 263. Als Antonius dieses gesagt hatte, schienen allerdings Sulpicius und Cotta zu zweifeln, welcher von beiden Vorträgen sich der Wahrheit mehr zu nähern scheine. Da rief Crassus aus: “Zu einem Handlanger machst du uns den Redner, Antonius, und ich möchte fast meinen, daß du anders denkst und nur deine bewunderungswürdige Übung und Gewandtheit im Widerlegen, worin es dir noch nie jemand zuvorgetan hat, zeigen willst. Allerdings gehört diese Übung auch zur Geschicklichkeit des Redners, aber häufiger wird sie doch von den Philosophen angewendet, besonders von denen, welche über jeden vorgelegten Gegenstand mit großer Ausführlichkeit dafür und dawider zu reden pflegen246. 264. Doch ich war der Ansicht, zumal da diese jungen Männer meine Zuhörer waren, nicht bloß das Bild eines Redners entwerfen zu müssen, der nur in den Gerichtsbänken zu Hause ist und nichts weiter vorbringen kann, als was das Bedürfnis der Rechtsverhandlungen notwendig verlangt, sondern ein höheres Ziel hatte ich vor Augen, als ich urteilte, der Redner dürfe, zumal in unserem Staat, keiner Kenntnis, die ihm zum Schmuck dienen könne, unteilhaftig sein. Da du nun aber das ganze Amt des Redners in so enge Grenzen eingeschlossen hast, so wirst du uns um so leichter auseinandersetzen, was du über die Pflichten des Redners und über die Regeln, die er zu beobachten hat, erforscht hast; doch dies, denk’ ich, lassen wir bis morgen; denn für heute haben wir genug geredet. 265. Jetzt kann Scaevola, weil er nun einmal beschlossen hat, auf sein Tusculanum zu gehen, ein wenig ausruhen, bis sich die Hitze bricht, und wir anderen wollen, weil es dazu Zeit ist, der Gesundheit pflegen.” Diesen Vorschlag billigten alle. Hierauf sagte Scaevola: “Wirklich, ich wünschte, ich hätte mich nicht mit Lucius Aelius247 verabredet, heute auf das Tusculanum zu kommen. Gern würde ich den Antonius hören.” Und als er aufstand, fuhr er zugleich lächelnd fort: “Denn es hat mich weniger verdrossen, daß er unser bürgerliches Recht so scharf durchzog, als es mir erfreulich gewesen ist, von ihm das Geständnis zu hören, er verstehe davon nichts.”
I. 1. Zur Zeit unseres Knabenalters, mein Bruder Quintus, herrschte, wenn du dich erinnerst, die Ansicht, Gaius Crassus habe sich nicht mehr gelehrte Bildung angeeignet, als er in jenem ersten Jugendunterricht erlernen konnte, Marcus Antonius aber sei überhaupt in aller Gelehrsamkeit unerfahren und unkundig gewesen; und viele,.obwohl sie diese Ansicht nicht teilten, waren doch geneigt, das Erwähnte an jenen Rednern zu rühmen, um uns, die wir von Liebe zur Beredsamkeit brannten, desto leichter von der Gelehrsamkeit abzuschrecken. Denn wenn Männer auch ohne gelehrte Bildung die höchste Staatsklugheit und eine außerordentlich große Beredsamkeit erreicht -hätten, so folge daraus, daß unsere ganze Anstrengung eitel und die Bemühung unseres braven und einsichtsvollen Vaters248 für unsere gelehrte Bildung töricht erscheinen müsse. 2. Diese Ansichten pflegten wir damals als Knaben durch Zeugnisse aus unserer eigenen Familie zu widerlegen, indem wir uns auf unseren Vater, auf Gaius Aculeo249, unseren Verwandten, und auf Lucius Cicero250, unseren Oheim, beriefen. Denn von Crassus hatten uns oft unser Vater und Aculeo, mit welchem unsere Base verheiratet war und welchen Crassus unter allen am meisten achtete, vieles erzählt, sowie unser Oheim, der mit Antonius nach Kilikien gegangen und zugleich mit ihm wieder zurückgekehrt war, von dessen wissenschaftlichem Eifer und Gelehrsamkeit. Und da wir von unseren Vettern, den Söhnen des Aculeo, die von Crassus vorgeschlagenen Lehrgegenstände lernten und von den Lehrern, die dieser selbst benutzte, unterrichtet wurden, so konnten wir auch oft, wenn wir in seinem Haus251 waren, einsehen, was wir selbst als Knaben beurteilen konnten, daß er griechisch mit solcher Gewandtheit sprach, als ob er keine andere Sprache kenne, und daß er unseren Lehrern solche Fragen vorlegte und solche Gegenstände selbst in seiner ganzen Unterredung behandelte, daß ihm nichts neu, nichts unbekannt zu sein schien. 3. Von Antonius aber hatte uns zwar oft unser so liebevoller Oheim erzählt, wie eifrig er sich zu Athen und Rhodos den Unterredungen der gelehrtesten Männer gewidmet habe; gleichwohl richtete auch ich, als junger Mensch, soweit es die Schüchternheit meines jugendlichen Alters zuließ, oft manche Fragen an ihn. Es wird dir in der Tat das, was ich schreibe, nicht neu sein; denn schon damals sagte ich dir, daß mir dieser Mann nach den vielen und mannigfaltigen Unterhaltungen mit ihm in keiner Sache, die wenigstens in dem Bereich der Wissenschaften, über welche mir ein Urteil zustehe, liege, unerfahren und unwissend erschienen sei. 4. Aber es lag in dem Wesen beider Männer etwas Eigentümliches: Crassus wollte sich das Ansehen geben, nicht nur als habe er keine gelehrten Studien gemacht, sondern daß er sie sogar verachte und die Einsicht unserer Landsleute in jeder Beziehung der der Griechen vorziehe; Antonius aber meinte, seine Rede würde sich bei einem Volk, wie das unsrige ist, eines größeren Beifalles zu erfreuen haben, wenn man von ihm die Ansicht habe, daß er überhaupt nie gelehrte Studien gemacht habe. Und so meinten beide, sie würden mehr Gewicht haben, der eine, wenn er die Griechen zu verachten, der andere, wenn er sie nicht einmal zu kennen schiene. 5. Doch was sie für eine Absicht hierbei gehabt haben mögen, das zu beurteilen eignet sich nicht eben für diese Zeit; wohl aber ist es der Aufgabe dieser unternommenen Schrift und dieser Zeit angemessen, darzulegen, daß nie jemand ohne die wissenschaftliche Erlernung der Redekunst, ja sogar ohne die Kenntnis der gesamten Philosophie in der Beredsamkeit hat glänzen und hervorragen können.
II. Was die anderen Wissenschaften betrifft, so besteht fast jede für sich; die Wohlredenheit aber, d. h. die Kunst, mit Sachkenntnis Geschicklichkeit und Schmuck zu reden, hat nicht ein abgeschlossenes Gebiet, durch dessen Grenzen sie umschlossen gehalten wird. Über alles, was auch immer bei den Menschen Gegenstand der Erörterung werden kann, muß derjenige gut reden, welcher sich für einen geschickten Redner ausgibt, oder er muß auf den Namen eines Redners verzichten. 6. Daher will ich freilich nicht in Abrede stellen, daß es sowohl in unserem Staat als auch in Griechenland selbst, das diese Wissenschaften von jeher vorzüglich in Ehren gehalten hat, viele geistreiche und im Reden ausgezeichnete Männer auch ohne die höchste Bildung in allen Zweigen der Wissenschaft gegeben hat; das aber muß ich behaupten: Eine solche Beredsamkeit, wie sie Crassus und Antonius besaßen, konnte sich ohne die Kenntnis aller der Dinge, welche zu einer so tiefen Einsicht und einer so großen Redefülle, wie sie jene Männer besaßen, erforderlich sind, nicht entwickeln. 7. Um so geneigter fühle ich mich daher, die Unterredung, die sie einst unter sich über diese Gegenstände geführt haben, schriftlich aufzuzeichnen, teils um jenes Vorurteil zu entfernen, das von jeher geherrscht hat, als wäre der eine nicht sehr gelehrt, der andere ganz ungelehrt gewesen, teils um die nach meiner Ansicht höchst ausgezeichneten Vorträge der größten Redner über die Beredsamkeit durch die Schrift aufzubewahren, wenn ich sie irgendwie zu begreifen und zusammenzufassen imstande wäre, teils fürwahr auch um den schon fast alternden Ruf dieser Männer, soviel in meinen Kräften steht, der Vergessenheit der Menschen und dem Stillschweigen zu entreißen. 8. Denn könnte man sie aus ihren eigenen Schriften kennenlernen, so würde ich vielleicht meine Bemühung für minder nötig erachtet haben; aber da der eine252 nicht viel, was wenigstens noch vorhanden ist, und auch dies aus seinem Jünglingsalter, der andere fast nichts Schriftliches hinterlassen hat, so glaubte ich es dem großen Geist dieser Männer schuldig zu sein, das Andenken an sie, das wir jetzt noch lebendig in uns tragen, unsterblich zu machen, wenn ich es vermöchte. 9. Und mit um so größerer Hoffnung, meine Behauptungen zu beweisen, schreite ich an das unternommene Werk, weil ich nicht von der Beredsamkeit eines Servius Galba oder eines Gaius Carbo253 etwas niederschreibe, wobei es mir gestattet wäre, nach Belieben Erdichtetes vorzutragen, da mich nicht mehr die Erinnerung eines Menschen widerlegen könnte; sondern ich veröffentliche diese Schrift, damit sie von denen geprüft werde, welche die Männer selbst, von denen ich rede, oft gehört haben. Und so empfehle ich die beiden großen Männer denen, welche keinen von beiden gesehen haben, indem ich mich auf das Gedächtnis der noch lebenden und gegenwärtigen Männer, die jene beiden Redner persönlich kannten, wie auf ein bestätigendes Zeugnis berufe.
III. 10. Doch will ich dich jetzt nicht, teuerster und bester Bruder, zu deiner Belehrung mit gewissen rhetorischen Schriften, die du für abgeschmackt hältst, belästigen; denn wie kann ein rednerischer Vortrag an Feinheit oder Schmuck den deinigen übertreffen; aber entweder aus Grundsatz, wie du zu sagen pflegst, oder, wie jener Vater der Beredsamkeit, Isokrates, von sich selbst geschrieben hat254, aus einer gewissen edlen Schüchternheit und Ängstlichkeit hast du dich gescheut, öffentlich als Redner aufzutreten, oder auch, wie du selbst im Scherz zu sagen pflegst, weil du meintest, ein Redekünstler sei genug nicht nur in einer Familie, sondern fast in einem ganzen Staat. Nicht jedoch, glaube ich, wirst du diese Bücher zu denjenigen Schriften über die Redekunst zählen, welche man wegen der Dürftigkeit ihrer Verfasser in den edlen Wissenschaften mit Recht verspotten darf. 11. Denn in der Unterredung des Crassus und Antonius ist nach meiner Ansicht wenigstens nichts übergangen, wovon man annehmen könnte, daß es bei den vortrefflichen Geisteskräften, bei feuriger Lernbegierde, bei dem besten Unterricht und der größten Übung habe erkannt und erlernt werden können, und dies wirst du am leichtesten beurteilen können, der du die wissenschaftliche Kenntnis der Beredsamkeit durch dich selbst, ihre Anwendung aber durch mich erlernen wolltest. Doch damit ich die nicht unwichtige Aufgabe, die ich mir gestellt habe, um so schneller zustande bringe, laß mich mit Übergehung meiner Aufmunterung zu der Unterredung und Untersuchung der beiden Redner, die ich aufgestellt habe, kommen. 12. Am folgenden Tag also nach der ersten Unterredung etwa um sieben Uhr morgens, als Crassus noch im Bett lag und Sulpicius bei ihm saß, Antonius aber mit Cotta in der Säulenhalle auf und ab ging, kam plötzlich der alte Quintus Catulus mit seinem Bruder Gaius Iulius255. Sobald Crassus dies hörte, stand er bewegt auf, und alle verwunderten sich und vermuteten, irgendein wichtiger Grund habe ihre Ankunft veranlaßt. 13. Als sie sich, wie es ihre Bekanntschaft mit sich brachte, auf das freundschaftlichste begrüßt hatten, sagte Crassus: “Wie in aller Welt kommt ihr hierher? Bringt ihr etwas Neues?” “Nichts eben”, erwiderte Catulus, “du weißt ja, es ist die Zeit der Spiele256; aber – magst du es nun für eine Unschicklichkeit unsererseits oder für Zudringlichkeit halten – als gestern abend Caesar von seinem Tusculanum zu mir auf mein Tusculanum kam, sagte er mir, er habe auf dem Weg von hier den Scaevola getroffen und von ihm wunderbare Dinge gehört; du nämlich, den ich trotz aller möglichen Versuche nie zu einem wissenschaftlichen Gespräch hätte bringen können, habest dich mit Antonius in eine ausführliche Erörterung über die Beredsamkeit eingelassen und wie in einer Schule beinahe nach Art der Griechen einen gelehrten Vortrag gehalten. 14. So ließ ich mich von meinem Bruder erbitten, mit ihm hierher zu kommen; denn ich selbst empfand eine nicht geringe Lust, euch zu hören, und war in der Tat nur besorgt, wir möchten euch durch unsere Dazwischenkunft lästig fallen.” Scaevola nämlich, versicherte er, habe gesagt, ein guter Teil des Gespräches sei auf den heutigen Tag verschoben. “Glaubst du nun, wir hätten hierin zu leidenschaftlich gehandelt, so miß dem Caesar die Schuld bei; findest du aber darin eine zu große Vertraulichkeit, so halte uns beide für schuldig. Uns wenigstens, wenn wir nicht etwa euch durch unsere Dazwischenkunft lästig fallen, macht es Freude, gekommen zu sein.”
IV. 15. Hierauf erwiderte Crassus: “Was nun auch für ein Grund euch hierher geführt haben mag, ich würde mich in der Tat freuen, so teure und befreundete Männer bei mir zu sehen; aber doch – ich will die Wahrheit gestehen – hätte ich jede andere Veranlassung lieber gewünscht als die von dir angeführte. Denn um zu reden, wie ich denke: Nie habe ich mir weniger gefallen als am gestrigen Tag; weit mehr aber habe ich dies durch Nachgiebigkeit als durch irgend etwas anderes verschuldet. Denn während ich mich den jungen Männern willfährig zeigte, vergaß ich mein Alter und tat etwas, was ich nicht einmal in meiner Jugend getan hatte, indem ich über Gegenstände einen Vortrag hielt, die auf einer gewissen Gelehrsamkeit beruhen. Aber das trifft sich doch sehr günstig für mich, daß ihr, nachdem ich meine Rolle schon ausgespielt habe, gekommen seid, um den Antonius zu hören.” 16. Hierauf entgegnete Caesar: “Sosehr ich auch wünschte, dich, lieber Crassus, in einem längeren und zusammenhängenden Vortrag zu hören, so will ich mich doch, wenn mir dieses Glück nicht zuteil werden soll, auch mit deiner gewöhnlichen Unterhaltung begnügen. Und so will ich wenigstens mein Glück versuchen, ob ich es nicht bei dir erreichen kann, daß mein Freund Sulpicius oder Cotta nicht mehr als ich bei dir zu gelten scheinen, und dich in der Tat dringend bitten, auch mir und dem Catulus einigen Anteil an deiner Anmut zu gönnen. Sollte dir aber dies nicht genehm sein, so will ich nicht in dich dringen und nicht verschulden, daß du, während du befürchtest, du möchtest etwas Unschickliches tun257, von mir solches denken müßtest.” 17. Hierauf erwiderte jener: “Ich bin immer der Ansicht gewesen, daß unter allen lateinischen Worten dieses die umfassendste Bedeutung hat. Denn wenn wir von einem sagen, er handle unschicklich, so scheint dieser Ausdruck seinen Ursprung daher zu leiten, daß er sich nicht zu schicken wisse258, und dies hat in unserem Sprachgebrauch einen weiten Umfang. Denn wer, was die Zeit fordert, nicht sieht oder wer zuviel redet oder von sich viel Aufhebens macht oder auf die Würde und den Vorteil derer, mit denen er verkehrt, keine Rücksicht nimmt oder endlich in irgendeiner Beziehung den Anstand verletzt259 oder aufdringlich ist, von dem sagt man, er handele unschicklich. 18. Das ist ein Fehler, mit dem die sonst so gebildete Nation der Griechen in vollem Maß behaftet ist. Daher haben die Griechen, weil sie das Wesen dieses Übels nicht kennen, auch diesem Fehler keinen Namen gegeben. Denn mag man auch alles durchsuchen, so wird man kein Wort finden, mit dem die Griechen den unschicklich Handelnden bezeichneten260. Unter allen Unschicklichkeiten aber, deren es unzählige gibt, dürfte vielleicht keine größer sein, als wenn man, wie jene zu tun pflegen, an jedem Ort und unter allen Menschen, wo es auch immer belieben mag, über Gegenstände, die entweder sehr schwierig oder nicht nötig sind, einen spitzfindigen Vortrag hält. Und dies zu tun, sowenig es auch meiner Neigung zusagte und sosehr ich mich auch weigerte, haben mich gestern diese jungen Männer genötigt.”
V. 19. Hierauf sagte Catulus: “Auch die Griechen, mein Crassus, die in ihren Staaten berühmt und groß waren, so wie du es bist und wir alle in unserem Staat zu sein wünschen, waren den jetzigen Griechen, die sich unseren Ohren aufdringen, nicht ähnlich, und doch verschmähten sie in Mußestunden solche Gespräche und gelehrte Vorträge nicht. 20. Und wenn dir diejenigen, welche auf Zeit, auf Ort und Personen keine Rücksicht nehmen, unschicklich zu handeln scheinen, wie sie es auch müssen – meinst du denn, dieser Ort sei nicht passend, wo schon diese Säulenhalle, in der wir umherwandeln, und die Ringschule und die Sitzplätze an so vielen Orten gewissermaßen die Erinnerung an die Gymnasien und die gelehrten Vorträge der Griechen hervorrufen? Oder die Zeit sei nicht gelegen bei so vieler Muße, die sich uns selten darbietet und jetzt sich so ganz nach Wunsch dargeboten hat? Oder die Menschen seien einem derartigen Vortrag abhold, da wir doch alle die Überzeugung hegen, daß ein Leben ohne diese wissenschaftlichen Beschäftigungen gar keinen Wert habe?” 21. “Dieses alles”, erwiderte Crassus, “deute ich auf eine andere Weise. Zuerst nämlich, glaube ich, die Ringschule und die Sitze und die Säulenhallen haben auch die Griechen selbst, mein Catulus, zur Übung und Ergötzlichkeit, nicht zur Untersuchung erfunden. Denn viele Jahrhunderte früher wurden die Gymnasien gegründet, ehe die Philosophen in ihnen zu schwatzen anfingen, und selbst in der Gegenwart, wo die Philosophen alle Gymnasien besetzt halten, wollen doch ihre Zuhörer lieber die Wurfscheibe hören als den Philosophen; denn sobald dieser sich hören läßt, verlassen sie alle, um sich zu salben, den Philosophen wenn er mitten in seinem Vortrag über die erhabensten und wichtigsten Gegenstände begriffen ist. So ziehen sie das geringfügigste Vergnügen einer Unterhaltung vor, deren hohen Nutzen sie selbst rühmen. Wenn du aber sagst, wir hätten Muße, so stimme ich dir bei; aber der Genuß der Muße besteht nicht in einer Anstrengung der Seele, sondern in ihrer Abspannung.
VI. 22. Oft habe ich meinen Schwiegervater261 erzählen hören, sein Schwiegervater Laelius habe sich fast immer in Gesellschaft des Scipio262 auf dem Land aufgehalten, und sie seien dann ganz und gar wieder Kinder geworden, wenn sie der Stadt, wie einem Kerker, entflogen seien. Kaum wage ich es von solchen Männern zu behaupten, aber doch pflegte es Scaevola zu erzählen: Muscheln und Meerschnecken hätten sie bei Caieta263 und bei Laurentum aufgelesen und sich auf allerlei Gemütserholungen und Spiele eingelassen 23. Es geht uns ja wie den Vögeln: Wie wir diese für ihre Brut und für ihr eigenes Bedürfnis Nester bauen und einrichten, sobald sie aber etwas zustande gebracht haben, zur Erleichterung ihrer Arbeit ihrer Beschäftigung entbunden, nach allen Seiten hin frei umherfliegen sehen, so frohlocken auch unsere Gemüter, wenn sie sich von den gerichtlichen Geschäften und städtischen Arbeiten ermüdet fühlen und wünschen, frei von Sorge und Mühe umherzufliegen. 24. Und so habe ich das, was ich bei dem Rechtsstreit des Curius264 dem Scaevola sagte, nicht anders gesagt, als ich dachte. ‘Denn’, sagte ich, ‘Scaevola, wenn kein Testament richtig gemacht ist, als das du abgefaßt hast, so werden wir Bürger alle zu dir mit unseren Tafeln kommen, und aller Testamente wirst du allein abfassen. Wie nun?’ fuhr ich fort. ‘Wann willst du ein Geschäft für den Staat, wann für deine Freunde, wann für dich besorgen? Wann endlich willst du nichts tun? Denn’, fügte ich hinzu, ‘mir scheint der nicht frei zu sein, der nicht zuweilen nichts tut.’ Und bei dieser Ansicht, mein Catulus, verbleibe ich, und nachdem ich hierhergekommen bin, erfreut mich gerade dieses Nichtstun und das völlige Müßigsein. 25. Was du aber drittens hinzugefügt hast, ihr hättet die Überzeugung, ein Leben ohne diese gelehrten Beschäftigungen sei unerquicklich, das muntert mich zu einem Vortrag nicht auf, nein, es schreckt mich davon ab. Denn so wie Gaius Lucilius265, ein gelehrter und sehr fein gebildeter Mann, zu sagen pflegte, er wünsche sich für seine Schriften weder ganz ungelehrte noch sehr gelehrte Leser, weil die ersteren nichts verständen, die letzteren vielleicht mehr als er selbst – und in diesem Sinn sagte er: ‘Daß mich Persius lese, daran liegt mir nichts’, dieser war nämlich, wie wir erfuhren, fast unter allen unseren Landsleuten der gelehrteste; ‘daß aber Decimus Laelius266, das wünsche ich’, ihn kennen wir als einen braven und wissenschaftlich nicht ungebildeten Mann, der aber mit dem Persius nicht zu vergleichen war –, ebenso wünschte auch ich, wenn ich nun einen Vortrag über unsere Studien halten sollte, allerdings nicht vor Ungebildeten, aber noch weit weniger vor euch zu reden. Denn es ist mir lieber, wenn meine Rede nicht verstanden, als wenn sie getadelt wird.”
VII. 26. Hierauf sagte Caesar: “Ich meinerseits, Catulus, glaube schon, meine Mühe gut angewandt zu haben, daß ich hierhergekommen bin; denn selbst diese Ablehnung des Vortrages war mir wenigstens ein sehr angenehmer Vortrag. Aber warum halten wir den Antonius ab, welchem, wie ich höre, es obliegt, sich über die ganze Beredsamkeit auszusprechen und auf welchen Cotta und Sulpicius schon lange warten?” 27. “O nein”, sagte Crassus, “ich werde den Antonius kein Wort reden lassen und werde selbst verstummen, wofern ihr mir nicht zuvor eine Bitte gewährt.” “Und diese wäre?” fragte Catulus. “Daß ihr heute hier bleibt.” Hierauf, als er noch unschlüssig war, weil er sich schon bei seinem Bruder versagt hatte, sagte lulius: “Ich antworte für uns beide: Das wollen wir tun, und zwar unter dieser Bedingung würdest du mich halten, gesetzt auch, du wolltest kein Wort mehr reden.” 28. Da lächelte Catulus und sagte zugleich: “Die Bedenklichkeit ist mir wenigstens abgeschnitten; denn einerseits habe ich zu Hause keine Befehle erteilt, andererseits hat der, bei dem ich bleiben wollte, ohne meine Ansicht anzuhören, so leicht zugesagt.” Da waren aller Augen auf Antonius gerichtet, und er ließ sich also vernehmen: “Hört denn, hört! Einen Mann sollt ihr hören aus der Schule, der von einem Lehrmeister gebildet und in der griechischen Literatur unterrichtet ist. Und zwar werde ich mit um so größerem Selbstvertrauen reden, weil Catulus als Zuhörer hinzugekommen ist, dem nicht allein wir in der lateinischen Sprache, sondern auch die Griechen selbst in der ihrigen Feinheit und Zierlichkeit des Ausdrucks zuzugestehen pflegen. 29. Aber dennoch, weil nun einmal diese ganze Sache, was sie auch sein mag, gleichviel, ob eine Wissenschaft oder kunstmäßige Fertigkeit der Rede, gar nicht bestehen kann, wenn nicht eine dreiste Stirn hinzutritt, so will ich euch, meine Schüler, lehren, was ich selbst nicht gelernt habe, und euch meine Ansicht über die Beredsamkeit im allgemeinen vorlegen.” 30. Man lächelte bei diesen Worten, er aber fuhr also fort: “Ich sehe sie als eine Sache an, die, als Geschicklichkeit betrachtet, ausgezeichnet, als Kunst, unbedeutend ist. Denn die Wissenschaft gehört nur den Dingen an, welche gewußt werden; des Redners ganze Tätigkeit aber beruht auf Meinungen und nicht auf Wissen. Denn wir reden vor Leuten, die unwissend sind, und reden über Gegenstände, von denen wir selbst nichts wissen. So wie nun jene über dieselben Gegenstände bald so, bald anders denken und urteilen, so verteidigen wir oft entgegengesetzte Rechtshändel. So kommt es, daß nicht nur Crassus zuweilen gegen mich redet oder ich gegen Crassus, obwohl einer von beiden notwendig die Unwahrheit sagen muß, sondern auch wir beide über denselben Gegenstand zu verschiedenen Zeiten verschiedene Ansichten verfechten, obwohl es nur eine Wahrheit geben kann. Wie von einem Gegenstand also, der sich auf Unwahrheit gründet, der sich nicht oft bis zum Wissen erhebt, der nach den Meinungen der Menschen und oft nach ihren Irrtümern hascht, so werde ich von der Beredsamkeit reden, wenn ihr Grund zu haben glaubt, mich anzuhören.”
VIII. 31. “Ei freilich”, sagte Catulus, “und zwar recht sehr glauben wir, Grund zu haben, und um so mehr, weil du, wie ich glaube, alle Prahlsucht vermeiden wirst. Denn du hast ohne Ruhmredigkeit mehr mit dem begonnen, was nach deiner Ansicht der eigentliche Sachbestand ist, als mit einer Gott weiß wie erhabenen Würde.” 32. “So wie ich nun von der Beredsamkeit im allgemeinen zugestanden habe”, fuhr Antonius fort, “daß sie keine sehr bedeutende Wissenschaft sei, so behaupte ich, daß sich sehr scharfsinnige Vorschriften darüber geben lassen, wie man die Gemüter der Menschen behandeln und ihre Zuneigung erhaschen müsse. Will man die Kenntnis hiervon für eine große Wissenschaft erklären, so habe ich nichts dagegen. Denn da gar viele ohne Plan und Überlegung in Rechtsklagen auf dem Forum als Redner auftreten, einige dagegen wegen der Übung oder einer gewissen Gewohnheit dies mit größerer Geschicklichkeit tun, so unterliegt es keinem Zweifel, daß, wenn man auf die Ursachen achtet, warum die einen besser als die anderen reden, man sich dies aufzeichnen könne. Wer nun dieses in allen Teilen der Rede tut, der wird, wenn auch nicht eine vollständige Wissenschaft doch etwas der Wissenschaft Ähnliches finden. 33. Und möchte ich doch, wie ich auf dem Forum und in den Rechtssachen solche Beobachtungen zu machen glaube, so auch jetzt imstande sein, euch auseinanderzusetzen, wie sie gefunden werden! Doch ich will versuchen, was ich vermag; jetzt trage ich euch vor, was meine Überzeugung ist: Mag auch immerhin die Beredsamkeit keine Wissenschaft sein, so gibt es doch nichts Herrlicheres als einen vollkommenen Redner. Denn um von dem Nutzen der Rede zu schweigen, der sich in jedem friedlichen und freien Staat so mächtig zeigt, so liegt in der Redefertigkeit selbst ein so großes Vergnügen, daß die Menschen weder für das Gehör noch für den Geist etwas Angenehmeres empfinden können. 34. Denn welchen Gesang kann man lieblicher finden als den Vortrag einer wohlgemessenen Rede? Welches Gedicht schöner gefügt als einen kunstreich gegliederten Satzbau? Welcher Schauspieler kann uns durch die Nachahmung der Wahrheit mehr anziehen als der Redner durch die Verteidigung derselben? Was erregt mehr unsere Bewunderung, als wenn ein Gegenstand durch den Glanz der Worte beleuchtet wird? Was ist reichhaltiger als eine mit jeder Art von Sachen reichlich ausgestattete Rede? Denn es gibt keinen Gegenstand, der nicht dem Redner angehörte, wenn er mit Schmuck und Nachdruck vorgetragen werden soll.
IX. 35. Dem Redner kommt es zu, wenn Rat erteilt werden soll, über die wichtigsten Angelegenheiten seine Ansicht mit Würde zu entwickeln; ihm gleichfalls, ein Volk, wenn es sich schlaff zeigt, anzufeuern, wenn es zügellos ist, in Schranken zu halten; durch dieselbe Geschicklichkeit wird dem Verbrechen der Menschen Verderben und der Unschuld Sicherheit bereitet. Wer kann feuriger zur Tugend auffordern, wer von den Lastern nachdrücklicher zurückrufen? Wer die Schlechten strenger tadeln? Wer die Guten schöner loben? Wer die Leidenschaft gewaltiger durch Anklage bändigen? Wer die Trauer sanfter durch Trost mildern? 36. Die Geschichte aber, die Zeugin der Zeiten, das Licht der Wahrheit, das Leben der Erinnerung267, die Lehrmeisterin des Lebens, die Verkünderin alter Zeiten, durch welche andere Stimme als durch die des Redners wird sie der Unsterblichkeit geweiht? Denn gäbe es noch irgendeine andere Wissenschaft, welche die Kenntnis, Worte zu schaffen oder auszuwählen, in Anspruch nähme, oder könnte man von irgendeinem andern außer dem Redner behaupten, er verstehe, die Rede zu bilden, ihr eine abwechselnde Färbung des Ausdruckes zu verleihen und sie auszuschmücken mit hervorstechenden Worten und Gedanken; oder würde irgendwo anders als in dieser einzigen Wissenschaft das Verfahren gelehrt, Beweise oder Gedanken zu finden oder überhaupt Einteilung und Anordnung zu gewinnen – so müßten wir bekennen, daß entweder das, was unsere Wissenschaft lehrt, ihr nie angehöre oder daß sie es mit irgendeiner anderen Wissenschaft gemein habe. 37. Und wenn unsere Wissenschaft allein im Besitz dieser kunstmäßigen Lehrart ist, so bleibt, wenn sich auch manche in anderen Wissenschaften gut auszudrücken verstehen, dieser Vorzug darum nicht weniger unserer Wissenschaft allein als Eigentum, und so wie der Redner über Gegenstände, welche anderen Wissenschaften angehören, sobald er sich nur mit ihnen bekannt gemacht hat wie gestern Crassus268 sagte, am besten reden kann, so tragen auch Gelehrte anderer Wissenschaften ihre Kenntnisse geschmackvoller vor, wenn sie etwas von unserer Wissenschaft gelernt haben. 38. Denn wenn sich über landwirtschaftliche Gegenstände ein Landmann oder auch was vielfach geschehen ist, ein Arzt über Krankheiten oder ein Maler über Malerei mündlich oder schriftlich gut ausdrückt, so darf man deshalb die Beredsamkeit noch nicht als ein Eigentum dieser Wissenschaften ansehen; denn in derselben bringen es viele in allen Fächern und Wissenschaften auch ohne gelehrte Bildung zu einer gewissen Fertigkeit, weil die natürlichen Anlagen der Menschen eine große Kraft besitzen. Aber obwohl sich das Eigentümliche jeder Wissenschaft dadurch beurteilen läßt, daß man untersucht, was jede lehrt, so kann doch nichts ausgemachter sein, als daß, weil alle anderen Wissenschaften auch ohne Beredsamkeit ihre Aufgabe lösen können, der Redner aber ohne dieselbe seinen Namen nicht behaupten kann, die anderen, wenn sie beredt sind, etwas von diesem besitzen, er aber, wenn er sich nicht mit eigenen Mitteln gerüstet hat, anderswoher Fülle der Rede nicht entlehnen kann.”
X. 39. Hierauf sagte Catulus: “Obwohl es sich keineswegs geziemt, den Lauf deiner Rede, mein Antonius, durch eine Unterbrechung zu hemmen, so wirst du es doch geschehen lassen und mir verzeihen. ‘Denn ich kann nicht umhin, mich laut auszusprechen’, wie jener im Trinummus269 sagt; so scharfsinnig schienst du mir die Bedeutung des Redners darzulegen, mit solcher Fülle zu loben. Freilich einem großen Redner muß es am besten gelingen, die Beredsamkeit zu loben; denn um sie zu loben, muß er gerade die Kunst anwenden, die er lobt. Doch fahre nur weiter fort: denn ich stimme dir darin bei, daß diese ganze Kunst, beredt zu reden, euer Eigentum ist und daß, wenn jemand in einer anderen Wissenschaft dieses leistet, er sich eines anderswoher geborgten Gutes, nicht aber seines eigenen bedient.” 40. Und Crassus fügte hinzu: “Die Nacht hat dich uns, mein Antonius, abgeschliffen und dich wieder als Menschen zurückgegeben. Denn in deiner gestrigen Unterredung hattest du uns den Redner als einen Ruderknecht oder Reffträger, der immer dieselbe Taglöhnerarbeit270 treibt, wie Caecilius271 sagt, beschrieben, als einen Menschen, der aller höheren und feineren Menschenbildung entbehrt.” Hierauf erwiderte Antonius: “Ja, gestern hatte ich mir vorgenommen, dich zu widerlegen und dadurch dir diese Schüler abwendig zu machen; jetzt aber, da Catulus und Caesar Zuhörer sind, glaube ich, nicht so sehr mit dir streiten als vielmehr meine eigene Ansicht darlegen zu müssen. 41. Zunächst also, weil wir den, von dem wir reden, auf das Forum und vor die Augen der Bürger hinstellen sollen, müssen wir untersuchen, welches Geschäft wir ihm übertragen und welchem Amt wir ihn vorgesetzt sehen wollen. Denn Crassus hat gestern272, als ihr, Catulus und Caesar, noch nicht zugegen wart, in betreff der Einteilung der Wissenschaft einen kurzen Abriß gegeben, in derselben Weise, wie es die meisten Griechen getan haben, und, ich möchte wohl sagen, nicht seine eigene Ansicht ausgesprochen, sondern die Lehrsätze jener vorgelegt: Es gebe nämlich zwei Hauptklassen von Streitfragen, mit denen sich die Beredsamkeit beschäftige, die eine der unbestimmten, die andere der bestimmten. 42. Unbestimmte schien er mir diejenigen zu nennen, bei welchen man im allgemeinen fragt, z. B. auf die Weise: Ist die Beredsamkeit wünschenswert? Sind Ehrenämter wünschenswert?, bestimmte aber diejenigen, bei welchen sich die Frage auf Personen und auf einen festgesetzten und bestimmten Gegenstand bezieht, von welcher Art die Fragen sind, welche auf dem Forum und in den Rechtshändeln und Streitigkeiten der Bürger vorkommen. 43. Dieselben finden nach meiner Meinung statt, entweder wenn man einen Vortrag über eine Streitsache hält oder wenn man Rat erteilt. Denn jene dritte Klasse, die von Crassus berührt worden ist und die, wie ich höre, selbst Aristoteles, von dem diese Gegenstände am meisten aufgestellt worden sind, hinzugefügt hat, ist, wenn auch ganz nützlich, doch minder notwendig.” “Welche denn?” fragte Catulus, “etwa die der Lobreden? Denn diese, weiß ich, nimmt man als die dritte Klasse an.”
XI. 44. “So ist es”, sagte Antonius, “und was diese Gattung betrifft, so weiß ich, daß ich und alle Anwesenden ein ungemein großes Wohlgefallen an der Lobrede fanden, die du zu Ehren eurer Mutter Popilia hieltest, welche, glaub’ ich, die erste Frau in unserem Staat gewesen ist, der diese Ehre erwiesen wurde. Aber nicht alles, was wir reden, darf man nach meiner Meinung auf Kunstregeln zurückführen. 45. Denn aus den Quellen, aus denen man allen Schmuck der Rede entlehnt, wird man auch für eine Lobrede den geeigneten Schmuck entnehmen können und nicht jene Regelnder Schule vermissen; denn wer sollte, auch wenn dieselben niemand lehrt, nicht wissen, was an einem Menschen zu loben sei? Nimmt man nämlich das als richtig an, was Crassus im Anfang jener Rede, die er als Censor273 gegen seinen Amtsgenossen hielt, äußerte: In den Dingen, welche den Menschen Natur oder Glück verliehen, könne er es mit Gleichmut ertragen, sich übertroffen zu sehen; in denjenigen aber, welche der Mensch sich selbst zu erwerben imstande sei, könne er es nicht ertragen, sich übertroffen zu sehen, so wird man einsehen, daß, wenn man jemanden loben will, es nötig ist, dessen Glücksgüter auseinanderzusetzen. 46. Dergleichen sind Abkunft, Geld, Verwandte, Freunde, Einfluß, Gesundheit, Schönheit, Körperstärke, geistige Anlagen und die übrigen Vorzüge, die entweder mit dem Körper verbunden sind oder von außen hinzutreten. Besaß jemand dieselben, so zeige man, daß er einen guten Gebrauch von ihnen machte; besaß er sie nicht, daß er sie mit Weisheit entbehrte; verlor er sie, daß er ihren Verlust mit Mäßigung ertrug; ferner, worin der, den er lobt, Weisheit, Edelsinn, Tapferkeit, Gerechtigkeit, Hochherzigkeit, Pflichttreue, Dankbarkeit, Menschenfreundlichkeit, kurz, worin er irgendeine Tugend bewiesen habe, sei es im Handeln, sei es im Dulden. Dieses, und was dahin gehört, wird man leicht einsehen, wenn man jemanden loben, wie das Gegenteil davon, wenn man jemanden tadeln will.” 47. “Warum trägst du also Bedenken”, fragte Catulus, “hieraus eine dritte Klasse zu bilden, da sie doch in dem Verhältnis der Dinge begründet ist? Denn wenn sie auch leichter ist, so darf man sie darum nicht aus der Reihe herausnehmen.” “Weil ich”, erwiderte er, “keine Lust habe, alles, was einmal dem Redner vorkommen kann, mag es auch noch so geringfügig sein, so zu behandeln, als ob man über keinen Gegenstand ohne besondere Vorschriften darüber reden könne. 48. So muß man ja oft auch ein Zeugnis ablegen, und zuweilen mit großer Sorgfalt, wie ich es gegen Sextus Titius274, einen aufrührerischen und unruhigen Bürger tun mußte; ich entwickelte nämlich, als ich ein Zeugnis gegen ihn ablegte, alle Maßregeln, die ich in meinem Konsulat getroffen hatte, um diesem Volkstribun zum Besten des Staates Widerstand zu leisten, und erörterte, was er nach meiner Meinung gegen den Staat unternommen hatte. Lange wurde ich hierbei aufgehalten, vieles mußte ich hören, vieles antworten. Meinst du nun, man müsse, wenn man Vorschriften über die Beredsamkeit gibt, auch über die Ablegung von Zeugnissen Unterricht in schulgerechter Weise erteilen?” “O nein”, antwortete Catulus, “das dürfte nicht eben nötig sein.”
XII. 49. “Wie?” fuhr Antonius fort, “wenn, wie es oft bei hochgestellten Männern der Fall ist, Aufträge ausgerichtet werden sollen entweder im Senat von einem Feldherrn oder vom Senat an einen Feldherrn oder an einen König oder an ein Volk, glaubst du, weil in solchen Fällen eine große Sorgfalt im Ausdruck nötig ist, man müsse deshalb dieses als eine besondere Abteilung von Verhandlungen aufzählen und mit besonderen Vorschriften versehen?” “Keineswegs”, sagte Catulus, “denn einen beredten Mann wird bei solchen Gelegenheiten die Fertigkeit nicht im Stich lassen, die er durch andere Fälle und Verhandlungen gewonnen hat.” 50. “Aus demselben Grund”, fuhr er fort, “finden auch andere Gegenstände, die oft einen beredten Vortrag erfordern und die ich kurz zuvor, als ich die Beredsamkeit lobte, dem Bereich des Redners zugewiesen habe, keine eigene Stelle bei der Zerlegung der Teile und keine besondere Gattung von Vorschriften, obwohl sie nicht minder beredt vorgetragen werden müssen als die Gegenstände, welche bei einer Rechtssache abgehandelt werden, ich meine Verweise, Aufmunterungen, Tröstungen: lauter Gegenstände, welche den ausgezeichnetsten Schmuck der Rede verlangen; aber Regeln der Kunst bedürfen sie nicht.” “Ich stimme dir vollkommen bei”, sagte Catulus. 51. “Wohlan denn”, fuhr Antonius fort, “welche Beredsamkeit und welche Gewandtheit in der Darstellung, meinst du, muß der Mann besitzen, der eine Geschichte schreiben will?” “Wenn er sie wie die Griechen schreiben will”, sagte Catulus, “eine ausnehmend große; wenn wie die unsrigen, so bedarf es nicht des Redners; es genügt, nicht unwahr zu sein.” “Doch damit du nicht die Unsrigen verachtest”, sagte Antonius, “so wisse, auch die Griechen selbst haben anfänglich so geschrieben wie unser Cato, Pictor, Piso275. 52. Die Geschichte war nämlich nichts anderes als eine Abfassung von Jahrbüchern. Zu diesem Zweck und um das Andenken an die öffentlichen Begebenheiten zu erhalten, war es vom Beginn des römischen Staates bis auf den Oberpriester Publius Scaevola276 gebräuchlich, daß der Oberpriester alle Begebenheiten jedes Jahres schriftlich verzeichnete und auf eine Tafel eintrug, die er alsdann in seiner Wohnung aufstellte, damit jeder Bürger Gelegenheit habe, sie einzusehen. Das sind die Jahrbücher, die noch heute die großen Jahrbücher heißen. 53. Eine dieser ähnliche Schreibart befolgten viele andere, welche ohne allen Schmuck der Darstellung nur Urkunden von Jahreszahlen, Namen, Gegenden und Begebenheiten hinterließen. Wie also bei den Griechen Pherekydes, Hellanikos, Akusilaos277 und sehr viele andere waren, so sind bei uns Cato, Pictor und Piso. Unkundig alles Redeschmuckes – denn erst kürzlich hat dieser bei uns Eingang gefunden – und zufrieden, wenn nur das, was sie sagen, verstanden wird, halten sie die Kürze für den einzigen Vorzug der Rede. 54. Ein wenig mehr erhob sich und verlieh der Geschichte einen höheren Ton der vortreffliche Antipater278, des Crassus vertrauter Freund. Die übrigen trugen die Geschichte ohne Schmuck der Darstellung vor und waren nichts anderes als einfache Erzähler.”
XIII. “Es ist so, wie du sagst”, versetzte Catulus. “Aber selbst dieser Caelius verstand es nicht, in die Geschichte durch die Mannigfaltigkeit hervorstechender Punkte Abwechslung zu bringen noch durch die Stellung der Worte und durch sanften und gleichmäßigen Fluß der Rede seinem Werk Feinheit und Glätte zu verleihen, sondern, da er weder ein Gelehrter war noch für Reden sehr befähigt, so hat er die Geschichte, so gut er konnte, aus dem Groben herausgearbeitet; doch hat er, wie du bemerkst, seine Vorgänger übertroffen.” 55. “Man darf sich gar nicht verwundern”, sagte Antonius, “wenn die Geschichte in unserer Sprache noch nicht erhellt ist. Den keiner von unseren Landsleuten liegt der Beredsamkeit in anderer Absicht ob, als um in den gerichtlichen Verhandlungen und auf dem Forum zu glänzen; bei den Griechen hingegen waren es die beredtesten Männer, welche, entfernt von Rechtshändeln, sich sowohl anderen erhabenen Beschäftigungen als auch ganz besonders der Geschichtsschreibung zuwandten. So wissen wir von dem berühmten Herodotos279, der zuerst die Geschichte mit Geschmack behandelt hat, daß er sich mit gerichtlichen Verhandlungen gar nicht befaßt hat; und doch besitzt er eine so außerordentlich große Beredsamkeit, daß er mich wenigstens, soweit ich griechische Schriften zu verstehen vermag, ungemein anzieht. 56. Und nach ihm hat Thukydides280 nach meinem Urteil alle an Kunst des Vortrages unbedenklich übertroffen; denn er ist so reich an einer Fülle von Sachen und Gedanken, daß der Zahl seiner Worte beinahe die Zahl seiner Gedanken gleichkommt; so treffend ferner in Ausdruck und genau, daß man nicht weiß, ob die Sache mehr durch den Vortrag oder die Worte mehr durch die Gedanken, erhellt werden. Aber auch dieser, obwohl er an der Staatsverwaltung teilnahm, gehörte, wie uns überliefert ist, nicht zu denjenigen, welche Rechtshändel führten, und seine Geschichtsbücher soll er damals geschrieben haben, als er von Staatsgeschäften entfernt und – ein Schicksal, das den Edelsten zu Athen zu widerfahren pflegte – aus seinem Vaterland verwiesen war. 57. Auf ihn folgte der Syrakusier Philistos281, der dem Herrscher Dionysios sehr befreundet war. Er widmete seine Muße der Geschichtsschreibung und nahm sich in derselben, wie es mir scheint, den Thukydides zum Muster. Später aber gingen aus eines Redekünstlers berühmter Werkstätte282, wenn ich mich so ausdrücken darf, zwei hochbegabte Männer hervor, Theopompos und Ephoros283, die sich auf Antrieb ihres Lehrers Isokrates der Geschichtsschreibung zuwandten, mit Rechtshändeln sich aber niemals auch nur im entferntesten befaßten.
XIV. 58. Endlich sind auch aus der Schule der Philosophen Geschichtsschreiber hervorgegangen, zuerst Xenophon284, der berühmte Sokratiker, später der Schüler des Aristoteles Kallisthenes285, ein Begleiter Alexanders. Der letztere bedient sich einer fast rednerischen Darstellungsweise, der erstere aber eines sanfteren Tones, der nicht den Aufschwung des Redners besitzt; vielleicht ist er minder feurig, aber doch, wie es mir wenigstens scheint, ungleich lieblicher. Der jüngste unter allen diesen, Timaios286, aber, soweit mir darüber ein Urteil zusteht, der bei weitem gelehrteste und an Fülle der Sachen und an Mannigfaltigkeit der Gedanken der reichhaltigste, der selbst in der Führung und Anordnung der Worte einer gewissen Glätte nicht entbehrt, brachte große Beredsamkeit zur Geschichtsschreibung mit, aber keine Erfahrung in gerichtlichen Verhandlungen.” 59. Als Antonius sich so ausgesprochen hatte, sagte Caesar: “Wie steht es, mein Catulus? Wo sind die, welche behaupten, Antonius verstehe kein Griechisch? Wie viele Geschichtsschreiber hat er genannt! Wie sachkundig hat er über sie gesprochen und wie treffend eines jeden Eigentümlichkeit auseinandergesetzt!” “Ja wahrlich”, erwiderte Catulus, “indem ich dieses bewundere, höre ich jetzt auf, mich über das zu verwundern, was zuvor meine Verwunderung in noch weit höherem Grad erregte, daß er nämlich auch ohne die Kenntnisse ein so ausgezeichneter Redner sei.” “Ja, lieber Catulus”, sagte Antonius, “allerdings pflege ich die Werke dieser Schriftsteller und einige andere zu lesen, wenn ich Muße habe; aber ich richte hierbei mein Augenmerk nicht auf einen Vorteil für die Beredsamkeit, sondern ich tue es zu meiner Unterhaltung. 60. Was gewinne ich also hieraus? Jedenfalls, ich will es nur bekennen, ist es etwas. So wie, wenn ich in der Sonne mich ergehe, wiewohl ich es in einer anderen Absicht tue, ich doch natürlich braun gefärbt werde, so merke ich auch, daß, wenn ich diese Schriften bei Misenum287 – denn zu Rom ist es mir kaum vergönnt – recht eifrig lese, meine Rede durch ihre Berührung eine gewisse Färbung annimmt. Doch; damit ihr euch von dem Umfang meiner griechischen Gelehrsamkeit nicht eine zu hohe Vorstellung macht, so wißt: Nur das verstehe ich in den Schriften der Griechen, was ihre Verfasser auch von den Ungelehrten verstanden wissen wollten. 61. Verirre ich mich aber einmal zu euren Philosophen, getäuscht durch die Aufschriften ihrer Werke, die sich gemeiniglich auf bekannte und ausgezeichnete Gegenstände beziehen, auf Tugend, Gerechtigkeit, Ehrbarkeit, Vergnügen; so verstehe ich durchaus kein Wort; in so gedrängte und kurzgefaßte Untersuchungen haben sie sich verstrickt! Die Dichter vollends, die gleichsam eine andere Sprache reden, wage ich gar nicht anzurühren. Mit denen also verkehre ich, wie gesagt, zu meiner Unterhaltung, welche Geschichte oder ihre eigenen Reden geschrieben haben, oder so reden, daß man sieht, sie wollten auch Lesern meiner Art zugänglich sein, die keine großen Gelehrten sind.
XV. 62. Doch ich kehre zur Sache zurück. Seht ihr nicht, wie schwierig die Aufgabe für den Redner ist, Geschichte zu schreiben? Vielleicht in betreff des Flusses der Rede und der Mannigfaltigkeit des Vortrages die schwierigste. Und dennoch finde ich nirgends die Geschichtsschreibung mit besonderen Vorschriften von den Lehrern der Beredsamkeit versehen; sie liegen ja vor Augen. Denn wer weiß nicht, daß es das erste Gesetz der Geschichte ist, sich zu scheuen, etwas Unwahres zu sagen; das zweite, sich nicht zu scheuen, etwas Wahres zu sagen, damit jeder Verdacht der Gunst oder Feindschaft vermieden werde? 63. Diese Grundlagen sind natürlich allen bekannt. Die Aufführung des Gebäudes selbst aber beruht auf Sachen und Worten. Das Verhältnis der Sachen verlangt Anordnung der Zeiten und Beschreibung der Gegenden, und weil bei wichtigen und denkwürdigen Ereignissen die Erwartung zuerst auf die Absichten, dann auf die Taten, endlich auf die Folgen gerichtet ist, so ist es auch erforderlich, daß einerseits in betreff der Absichten angedeutet werde, was der Schriftsteller billige, andererseits in betreff der Handlungen nicht bloß erklärt werde, was geschehen oder gesagt sei, sondern auch wie; endlich, wenn von den Folgen die Rede ist, müssen alle Ursachen entwickelt werden, mögen sie nun in Zufälligkeiten oder in Klugheit oder in Unbesonnenheit bestehen, und in Beziehung auf die Menschen genügt es nicht, ihre Taten zu erzählen, sondern wenn sie hervorragende Persönlichkeiten sind, muß man auch ihr Leben und ihren Charakter schildern. 64. Was aber den Ausdruck und die Art des Vortrages betrifft, so muß man sich eine Schreibart anzueignen suchen, welche in ungezwungener Haltung und gemächlicher Breite sich bewegt und in einem sanften und gleichmäßigen Fluß dahingleitet, ohne die Rauheit gerichtlicher Verhandlungen und ohne die Stacheln richterlicher Urteile. Für diese so vielen und wichtigen Gegenstände, seht ihr, lassen sich in den Lehrbüchern der Redekünstler keine Vorschriften finden. Ein gleiches Stillschweigen herrscht über viele andere Obliegenheiten der Redner, die Ermahnungen, Tröstungen, Belehrungen, Warnungen: lauter Gegenstände, welche sehr beredt vorgetragen sein wollen, aber in unseren Lehrbüchern keine besondere Stelle finden. 65. Und zu dieser Gattung gehört auch der unendlich reiche Stoff der unbestimmten Fragen. Denn die meisten haben dem Redner, wie auch Crassus gezeigt hat288, zwei Gattungen für den rednerischen Vortrag angewiesen, die eine über gewisse und bestimmte Sachen, wie diejenigen sind, welche bei Rechtshändeln und bei Beratungen vorkommen, wozu man auch, wenn man will, die Lobreden hinzufügen mag; die andere, welche fast alle Lehrer der Beredsamkeit anführen, aber keiner erklärt, nämlich die über die allgemeinen und unbestimmten Fragen ohne Beziehung auf gewisse Zeiten und Personen. Was das Wesen und der Umfang dieser Gattung sei, scheine sie mir, wenn sie davon reden, nicht einzusehen. 66. Denn soll zur Pflicht des Redners gehören, über jede ihm vorgelegte unbestimmte Frage reden zu können, so wird er auch über die Größe der Sonne, über die Gestalt der Erde reden müssen; über Gegenstände der Mathematik und Musik zu reden wird er sich nicht weigern können, sobald er diese Bürde auf sich genommen hat. Kurz, wer es für seine Aufgabe erklärt, nicht allein über solche streitige Gegenstände, die nach Zeiten und Personen bezeichnet sind, d. h. über alle gerichtlichen Verhandlungen, sondern auch über die allgemeinen und unbestimmten Fragen zu reden, für den kann keine Art des Vortrags eine Ausnahme machen.
XVI. 67. Aber wenn wir auch jenen ganz unbestimmten, willkürlichen und vielumfassenden Teil der allgemeinen Fragen über das Gute und Böse, über das Wünschenswerte und Verabscheuungswürdige, über das Anständige und Schimpfliche, über das Nützliche und Schädliche, über Tugend, Gerechtigkeit, Enthaltsamkeit, Klugheit, Seelengröße, Edelmut, Pflichtgefühl, Freundschaft, Treue, Pflicht und die übrigen Tugenden und die ihnen entgegenstehenden Laster, desgleichen über Staat, Herrschaft, Kriegswesen, Staatsverfassung und über die Sitten der Menschen dem Redner zuweisen wollen und meinen, er müsse über alle diese Gegenstände reden, so mögen wir immerhin auch diesen Teil hinzunehmen, jedoch nur unter der Bedingung, daß er auf mäßige Grenzen eingeschränkt werde. 68. Allerdings muß nach meiner Ansicht der Redner alles, was sich auf den Nutzen der Bürger und auf die Sitten der Menschen bezieht, was die Gewohnheit des Lebens, die Verfassung des Staates, unsere bürgerliche Gesellschaft, das allgemeine Menschengefühl, das Wesen und den Charakter der Menschen betrifft, in seinem Geist umfassen, wenn auch nicht auf die Weise, daß er über diese Gegenstände im einzelnen und besonderen Rechenschaft abzulegen imstande sei, aber doch wenigstens so, daß er sie den Verhandlungen auf verständige Weise einflechten könne. Über diese Gegenstände selbst rede er so,wie diejenigen es taten, welche Rechte, Gesetze, Staaten gegründet haben, einfach und deutlich, ohne zusammenhängende Reihenfolge wissenschaftlicher Erörterungen und ohne unfruchtbares Wortgezänk. 69. Damit ihr euch aber nicht verwundert, wenn über so viele und wichtige Gegenstände keine Vorschriften von mir erteilt werden, so will ich mich jetzt hierüber aussprechen. Ich urteile nämlich so: So wie man es in anderen Wissenschaften nicht für nötig hält, wenn das Schwierigste gelehrt ist, auch das übrige zu lehren, weil es entweder leichter oder dem anderen ähnlich ist, wie z. B. in der Malerei der, welcher die menschliche Gestalt zu malen gründlich erlernt hat, auch Menschen von jeder Gestalt und von jedem Alter, ohne dies besonders gelernt zu haben, malen kann und, wer einen Löwen oder Stier vortrefflich zu malen versteht, von dem nicht zu besorgen ist, er werde bei vielen anderen Vierfüßlern nicht ein Gleiches leisten – es gibt ja überhaupt keine Kunst, in der alles, was durch sie ins Werk gesetzt werden kann, von dem Lehrer vorgetragen wird, sondern wer von gewissen vorzüglichen Dingen das Allgemeine gelernt hat, der weiß auch das übrige ohne Schwierigkeit auszuführen –, 70. ebenso wird nach meiner Ansicht auch in unserer Redekunst – oder soll ich richtiger sagen Redeübung? – derjenige, welcher in seinem Vortrag eine solche Gewalt besitzt, daß er auf die Gemüter derer, die ihn über den Staat oder über seine eigenen Angelegenheiten oder über diejenigen, für oder gegen welche er auftritt, reden hören und zugleich die Macht der Entscheidung haben, nach seinem Ermessen einwirken kann, in betreff aller übrigen Vorträge über das, was er zu sagen habe, ebensowenig in Verlegenheit sein, wie es jener Polykleitos289 bei der Verfertigung der Bildsäule des Herakles war, wie er die Löwenhaut oder Hydra bilden sollte, wiewohl er diese Dinge nie besonders zu verfertigen gelernt hatte.”
XVII. 71. Hierauf sagte Catulus: “Vortrefflich scheinst du mir, lieber Antonius, vor die Augen geführt zu haben, was der, welcher sich zum Redner ausbilden will, lernen muß und was er, ohne es gelernt zu haben, aus dem Erlernten zu Hilfe nehmen könne. Du hast nämlich die ganze Aufgabe des Redners lediglich auf zwei Gattungen der Verhandlungen beschränkt, die übrigen unzähligen der Übung und der Anwendung auf ähnliche Fälle überlassen. Doch sieh zu, ob sich nicht in diesen beiden Gattungen die Hydra und die Löwenhaut290 befinden, Herakles hingegen und andere wichtige Werke in den Dingen, die du übergehst, zurückbleiben. Denn mir scheint es keine geringere Arbeit zu sein, über allgemeine Gegenstände als über die Angelegenheiten einzelner, und ungleich schwieriger, über die Natur der Götter als über Streitigkeiten der Menschen zu reden.” 72. “Das ist nicht der Fall”, erwiderte Antonius. “Dies werde ich dir, lieber Catulus, zeigen, nicht so sehr als Gelehrter als vielmehr – und das ist wichtiger – aus eigener Erfahrung. Über alle anderen Gegenstände ist der Vortrag, glaube es mir, ein Spiel für einen Mann, der nicht stumpfsinnig und nicht ungeübt ist und der gewöhnlichen wissenschaftlichen Kenntnisse und feineren Bildung nicht entbehrt; in den Streitigkeiten über Rechtssachen aber liegt eine schwierige Arbeit und vielleicht unter allen menschlichen Arbeiten die schwierigste, und in denselben wird die Geschicklichkeit des Redners von den Unverständigen gemeinhin nach dem Ausgang und Sieg beurteilt. Wenn ein gerüsteter Gegner da ist, der geschlagen und zurückgetrieben werden muß; wenn oft der, in dessen Hand die Entscheidung der Sache liegt, abgeneigt und erzürnt oder auch ein Freund des Gegners und dein Feind ist; wenn man diesen unterweisen oder eines Besseren belehren oder in Schranken weisen oder anfeuern, wenn man auf jede Weise nach Zeit und Umständen durch den Vortrag auf seine Stimmung einwirken muß, indem oft sein Wohlwollen in Haß, sein Haß in Wohlwollen verwandelt und sein Gemüt wie durch ein Triebwerk bald zur Strenge, bald zur Nachsicht, bald zur Trauer, bald zur Freude umgelenkt werden muß – da ist der ganze Nachdruck der Gedanken, das ganze Gewicht der Worte erforderlich. 73. Auch muß hinzutreten ein äußerer Vortrag, der sich durch Mannigfaltigkeit und Lebhaftigkeit auszeichnet, der voll Seele, voll Geist, voll tiefer Empfindung, voll Wahrheit ist. Wer in diesen Werken eine solche Meisterschaft errungen hat, daß er wie ein Pheidias291 die Statue der Athena schaffen kann, der wird wahrlich wegen der Ausführung jener kleineren Werke ebenso wenig besorgt sein wie dieser Künstler wegen der Ausschmückung des Schildes.”
XVIII. 74. Hierauf sagte Catulus: “Je wichtiger und bewundernswürdiger du diese Dinge geschildert hast, um so begieriger erwarte ich von dir die Mittel und Vorschriften zu vernehmen, durch die man sich eine so große Geschicklichkeit aneignen kann. Um meines Vorteiles willen bin ich jetzt freilich dabei wenig beteiligt; denn einerseits vermisse ich in meinem Alter dies nicht, andererseits habe ich mich einer anderen Art der Beredsamkeit befleißigt, da ich nie Urteilssprüche den Händen der Richter durch die Gewalt der Rede entwunden, sondern vielmehr durch Besänftigung ihrer Gemüter nur so viel, wie sie selbst willig zugaben, erhalten habe; aber dennoch wünsche ich ohne alle Rücksicht auf meinen eigenen Nutzen, aus bloßer Wißbegierde, deine Ansichten kennenzulernen. 75. Auch brauche ich keinen griechischen Lehrmeister, der mir allbekannte Regeln ableiert, ohne selbst je das Forum, ohne je einen Gerichtshof gesehen zu haben, wie man von dem Peripatetiker Phormion erzählt. Als nämlich Hannibal, aus Karthago vertrieben, nach Ephesos zu Antiochos als Verbannter kam, wurde er seiner allverbreiteten Berühmtheit wegen von seinen Gastfreunden eingeladen, wenn es ihm Vergnügen mache, einem Vortrag des eben genannten Philosophen beizuwohnen. Als er seine Geneigtheit dazu erklärt hatte, sprach der redselige Mann einige Stunden über die Pflichten eines Feldherrn und über das gesamte Kriegswesen. Hierauf, da alle übrigen, die ihn gehört hatten, von dem Vortrag ganz entzückt waren, fragte man Hannibal um sein Urteil über diesen Philosophen. Da erwiderte der Punier, zwar nicht im besten Griechisch, aber doch mit Freimütigkeit, er habe schon oft viele aberwitzige Alte gesehen, aber so aberwitzig wie den Phormion habe er noch keinen gesehen. Und wahrlich nicht mit Unrecht. 76. Denn kann man sich wohl eine größere Anmaßung und Geschwätzigkeit denken, als wenn einem Hannibal, der so viele Jahre um die Weltherrschaft mit dem römischen Volk, dem Sieger über alle Volksstämme, gekämpft hatte, ein Grieche, der nie einen Feind, nie ein Lager gesehen, nie endlich sich bei der Verwaltung eines öffentlichen Amtes irgendwie beteiligt hatte, Vorschriften über das Kriegswesen erteilen will? Ein Gleiches scheinen mir alle diejenigen zu tun, welche über die Redekunst Unterricht geben; denn was sie selbst nicht aus Erfahrung kennen, das wollen sie andere lehren.'' Doch irren sie vielleicht hierin weniger, weil sie nicht dich, wie einen Hannibal, sondern nur Knaben oder Jünglinge zu belehren suchen.”
XIX. 77. “Du irrst, Catulus”, sagte Antonius, “ich wenigstens bin schon auf viele Phormione gestoßen. Denn wer von diesen Griechen dürfte wohl irgendeinem der Unsrigen irgendeine Einsicht zutrauen? Und was mich betrifft, so sind sie mir eben nicht lästig, ich dulde und ertrage sie ganz gern; denn entweder bringen sie etwas vor, was mir nicht mißfällt, oder sie bewirken, daß ich es mir weniger leid sein lasse, keine gelehrten Studien gemacht zu haben; auch fertige ich sie nicht so schmachvoll ab wie Hannibal jenen Philosophen, habe aber auch dafür vielleicht um so mehr mit ihnen zu schaffen. Aber gleichwohl ist ihre Gelehrsamkeit, soweit mir ein Urteil darüber zusteht, sehr lächerlich. 78. Sie teilen nämlich das Ganze in zwei Teile, in Streitigkeiten292 von Rechtsfällen und in Streitigkeiten allgemeiner Fragen. Rechtsfall nennen sie einen Gegenstand, der auf den Verhandlungen und dem Streit der rechtenden Parteien vor Gericht beruht; allgemeine Frage aber einen Gegenstand, der auf der Überlegung über einen unbestimmten Gegenstand beruht. Über den Rechtsfall erteilen sie Vorschriften; über den andern Teil der Beredsamkeit herrscht ein seltsames Schweigen. 79. Zweitens nehmen sie gleichfalls fünf Glieder der Beredsamkeit an, nämlich die Erfindung des Stoffes, die Anordnung des Gefundenen, die Ausschmückung durch den Ausdruck, das Auswendiglernen der Rede, zuletzt den Vortrag und die mündliche Darstellung: eine Vorschrift von einer nicht eben tiefen Weisheit.
Denn wer dürfte nicht von selbst einsehen, daß niemand reden könne, ohne zu wissen, was er sagen und mit welchen Worten und in welcher Ordnung er es sagen soll, und ohne es auswendig gelernt zu haben? Nun will ich dieses nicht tadeln, aber ich sage, es liegt vor Augen, so wie dies auch der Fall ist bei den vier, fünf, sechs oder auch sieben Teilen293 – die einen nehmen nämlich diese, andere eine andere Einteilung an –, in welche sie die ganze Rede zerfallen lassen. 80. Sie geben nämlich folgende Vorschriften: Zuerst soll man den Eingang der Rede so einrichten, daß man das Wohlwollen der Zuhörer gewinnt, sie unserer Belehrung zugänglich macht und ihre Aufmerksamkeit fesselt; zweitens die Sache in einer Weise erzählen, daß die Erzählung wahrscheinlich, deutlich und kurz sei; drittens den Gegenstand der Verhandlung einteilen und vorlegen, die eigenen Behauptungen durch Beweise und Gründe bekräftigen und dann die des Gegners widerlegen. Hierauf aber setzen einige die Schlußrede und gleichsam das Nachwort; andere schreiben vor, man solle vor dem Schluß zur Ausschmückung und Hebung des Gegenstandes eine Abschweifung einschalten und dann erst die Schlußrede und das Nachwort hinzufügen. 81. Auch dieses will ich nicht tadeln. Die Einteilung ist ja kunstgerecht, aber doch, wie es bei Menschen, die es nicht mit der Wirklichkeit zu tun haben, ganz natürlich ist, nicht zweckmäßig. Denn die Vorschriften, die sie für den Eingang und die Erzählung erteilt haben, muß man in allen Teilen der Rede beobachten. 82. Ich kann nämlich das Wohlwollen des Richters leichter im Lauf der Rede gewinnen als da, wo er noch nichts vernommen hat; für meine Belehrung ferner werde ich ihn nicht da zugänglich machen, wo ich die Beweisführung verheiße, sondern da, wo ich sie darlege und entwickele; die Aufmerksamkeit der Richter aber können wir dadurch wecken, daß wir während des ganzen Vortrages immer aufs neue ihre Gemüter aufregen, nicht aber durch eine vorläufige Ankündigung. 83. Ferner, wenn sie lehren, die Erzählung müsse wahrscheinlich, deutlich und kurz sein, so ist dies eine richtige Bemerkung. Wenn sie aber meinen, diese Eigenschaften gehörten mehr der Erzählung als der ganzen Rede, so scheinen sie mir sehr zu irren. Und überhaupt liegt der ganze Irrtum darin, daß sie der Ansicht sind, die Beredsamkeit beruhe, wie andere Wissenschaften, auf :einem kunstmäßigen Lehrgebäude, wie Crassus am gestrigen Tag294 behauptete, daß von dem bürgerlichen Recht selbst ein solches aufgestellt werden könne, indem man nämlich zuerst die Gattungen der Dinge aufstelle, wobei es ein Fehler ist, wenn man irgendeine Gattung übergeht, dann die Arten der einzelnen Gattungen, wobei es fehlerhaft ist, wenn sich eine Art zu wenig oder zu viel findet, endlich die Begriffsbestimmungen aller Kunstausdrücke, wobei weder etwas mangeln noch überflüssig sein darf.
XX. 84. Aber wenn auch gelehrte Männer dieses im bürgerlichen Recht oder auch bei anderen unbedeutenden oder nicht umfangreichen Wissenschaften erreichen können, so halte ich es doch in der Beredsamkeit wegen ihrer großen Wichtigkeit und ihres unermeßlichen Umfanges nicht für möglich. Wer es dafür hält, den muß man an die Lehrmeister dieser Gegenstände verweisen; bei ihnen wird er alles schon entwickelt und auf das feinste ausgebildet finden; denn es gibt über diese Gegenstände unzählige Schriften, deren Inhalt nicht tief verborgen und deren Verständnis nicht dunkel ist. Aber man bedenke, was man für einen Zweck verfolge, ob man zu einem Spielgefecht oder zu einem wirklichen Kampf die Waffen ergreifen will. Etwas anderes verlangt Kampf und Schlacht, etwas anderes Waffenspiel und unser Marsfeld. Gleichwohl gewährt selbst die Kunst des Waffenspiels dem Fechter und dem Krieger einigen Nutzen; aber feuriger Mut und Geistesgegenwart und Scharfblick und Gewandtheit des Geistes bilden unüberwindliche Männer. 85. Daher will ich dir jetzt den Redner aufstellen, wie ich es vermag, und zwar so, daß ich zuvor genau zusehe, was er leisten könne. Er soll mir einen Anstrich von wissenschaftlicher Bildung besitzen, einiges gehört und gelesen und selbst diese Regeln der Kunst in sich aufgenommen haben; ich will prüfen, was er für einen Anstand hat, was er hinsichtlich der Stimme, der Körperkraft, des Atems, der Zunge zu leisten vermag. Sehe ich ein, daß er die ausgezeichnetsten Redner erreichen kann, so werde ich ihn nicht bloß aufmuntern, sich eifrig zu bemühen, ja, wenn er mir zugleich ein guter Mann zu sein scheint, ihn inständigst bitten. Eine so große Zierde für den Staat beruht meines Erachtens auf einem ausgezeichneten Redner, der zugleich ein guter Mann ist. Hat es aber den Anschein, als werde er es bei aller Anstrengung doch nur mittelmäßigen Rednern gleichtun können, so werde ich ihm selbst überlassen, zu tun, was er will, und ihm nicht eben sehr beschwerlich fallen. Sollte er aber gar keine Neigung dazu haben und ohne alles Geschick sein, so werde ich ihn ermahnen, sich dieses Faches zu enthalten und sich einem anderen zuzuwenden. 86. Denn wir dürfen ebensowenig denjenigen, der Vorzügliches leisten kann, auf jede Weise zu ermuntern unterlassen wie denjenigen, der etwas zu leisten vermag, abschrecken. Denn das eine scheint mir etwas Göttliches zu sein, das andere, etwas zu unterlassen, worin man nicht Vorzügliches leisten kann, oder das zu tun, was man nicht ganz schlecht tun mag, halte ich für menschlich. Das dritte aber, wie ein Marktschreier aufzutreten und wider Anstand und Befähigung zu reden, kann nur ein Mensch tun, der, wie du, Catulus, von einem solchen Schreier sagtest, durch sein eigenes Ausrufergeschrei möglichst viele Zeugen seiner Torheit um sich versammelt. 87. Von dem nun, der der Ermunterung und Unterstützung würdig ist, wollen wir reden; doch werden wir ihm nur das vortragen, was uns die Erfahrung gelehrt hat, damit er unter unserer Anleitung dahin gelange, wohin wir selbst ohne Anleitung gelangt sind; denn Besseres zu lehren sind wir nicht fähig.
XXI. 88. Und um nun mit unserem Freund den Anfang zu machen, so wisse, Catulus, unseren Sulpicius hier hörte ich zuerst in einer unbedeutenden Sache als noch sehr jungen Mann reden. Stimme, Gestalt, Bewegung des Körpers und die übrigen Eigenschaften waren für den Beruf, von dem wir reden, geeignet; seine Rede ferner war schnell und feurig, eine Folge seiner Gemütsart; der Ausdruck aufbrausend und etwas zu überschwenglich, eine Folge seiner Jugend. Ich konnte ihn nicht mißbilligen; denn ich wünsche, daß sich bei einem jungen Mann eine üppige Fruchtbarkeit zeige. So wie es nämlich an den Weinstöcken leichter ist, die zu üppig wuchernden Ranken zu beschneiden als, wenn das Holz nichts taugt, neue Reiser durch Pflege hervorzutreiben, so sehe ich es gern, wenn der junge Mann eine Fülle besitzt, von der ich etwas abschneiden kann. Denn von nicht langer Ausdauer kann der Saft in einer Frucht sein, die gar zu schnell zur Reife gediehen ist. 89. Ich erkannte sofort seine geistige Begabung, und ohne Zeit zu verlieren, forderte ich ihn auf, das Forum als die Schule zu betrachten, wo er lernen müsse, zum Lehrer aber sich einen nach Belieben auszuwählen – wenn er auf mich hören wolle, den Lucius Crassus. Begierig erfaßte er diesen Rat und versprach, dies zu tun, und fügte auch noch hinzu, natürlich bloß um sich dankbar zu beweisen, auch ich solle ihm Lehrer sein. Kaum war ein Jahr seit dieser Unterredung mit ihm und meiner Aufforderung verlaufen, als er den Gaius Norbanus anklagte, den ich verteidigte. Es ist unglaublich, welchen Unterschied ich zwischen ihm, wie er damals war, und wie er ein Jahr zuvor gewesen war, bemerkte. Allerdings leitete ihn zu jener großartigen und herrlichen Redeweise des Crassus seine eigene Naturanlage; aber mit dieser allein hätte er nicht genug ausrichten können, wenn er nicht zugleich Fleiß und Nachahmung auf dasselbe Ziel hin gerichtet und sich so zu reden gewöhnt hätte, daß er stets mit ganzem Geist und ganzem Gemüt den Crassus als sein Vorbild anschaute.
XXII. 90. Die erste Stelle in meinen Vorschriften möge also die einnehmen, daß wir zeigen, wen man nachahmen soll, und zugleich die Bemerkung hinzufügen, daß man die vorzüglichste Eigenschaften des Vorbildes auf das sorgfältigste ins Auge zu fassen suchen müsse. Hierauf mag die Übung hinzutreten, durch die man das gewählte Vorbild nachahmend abbilde und ausdrücke, aber nicht in der Weise vieler mir bekannten Nachahmer, die sich nur das Leichte oder auch gewisse hervorstechende und fast fehlerhafte Eigenheiten durch Nachahmung anzueignen eifrig bemüht sind. 91. Nichts ist leichter als jemandes Tracht oder Stellung oder Bewegung nachzuahmen. Findet sich aber etwas Fehlerhaftes, so ist es kein großes Verdienst, dieses aufzunehmen und dadurch selbst wieder in einen Fehler zu verfallen, wie es jener Fufius macht, der selbst jetzt nach dem Verlust seiner Stimme wie ein Rasender im Staat wütet, den kraftvollen Vortrag des Gaius Fimbria295 aber den doch dieser jedenfalls besaß, nicht erreicht, wohl aber desse Mundverzerrung und breite Aussprache nachmacht. Aber einerseits verstand er nicht, die rechte Wahl eines Vorbildes, dem er vorzugsweise nachstrebe, zu treffen, andererseits suchte er an dem gewählten selbst sogar die Fehler nachzuahmen. 92. Wer aber verfährt, wie es sich gebührt, der muß vor allem bei der Auswahl Vorsicht anwenden und dann die hervorragendsten Eigenschaften dessen, den er gebilligt hat, auf das sorgfältigste ins Auge fassen. Denn wie, meint ihr, läßt es sich erklären, daß jedes Zeitalter beinahe eine besondere Art der Beredsamkeit hervorgebracht hat? Dies können wir zwar nicht so leicht bei unseren Rednern beurteilen, weil sie Schriften, aus denen sich das Urteil bilden konnte, nicht eben in großer Anzahl hinterlassen haben, wohl aber bei den griechischen, aus deren Schriften man sehen kann, welche Grundsätze und Bestrebungen in der Beredsamkeit einem jeden Zeitalter eigentümlich gewesen sind. 93. Die ältesten, von denen wenigstens Schriften vorhanden sind, sind wohl Perikles296 und. Alkibiades297 und aus demselben Zeitalter Thukydides298, feine, scharfsinnige, kurze Redner, reicher an Gedanken als an Worten. Es wäre nicht möglich gewesen, daß alle eine Art des Vortrages hätten, wenn sie nicht ein Vorbild zur Nachahmung genommen hätten. Auf diese folgten Kritias, Theramenes und Lysias299. Von Lysias sind viele Schriften vorhanden, von Kritias einige; von des Theramenes Reden wird uns nur berichtet. Sie alle behaupteten noch immer die kraftvolle Sprache des Perikles, aber der Faden ihres Vortrags war etwas voller ausgesponnen. 94. Siehe, da trat Isokrates300 auf, der Lehrer aller Redner seines Zeitalters, aus dessen Schule, wie aus dem trojanischen Pferd, lauter Helden hervorgingen; aber von diesen wollten einige in Prunkaufzügen, andere in der Schlachtordnung301 glänzen.
XXIII. Nun sind zwar Theopompos, Ephoros, Philistos, Naukrates302 und viele andere an Naturanlagen verschieden, aber in ihrer Absicht sowohl unter sich als auch ihrem Lehrer ähnlich. Ferner diejenigen, die sich den Rechtsverhandlungen zuwandten, wie Demosthenes, Hypereides, Lykurgos, Aischines, Deinarchos303 und mehrere andere, stimmten, obwohl sie einander nicht gleich waren, doch darin überein, daß sie alle auf gleiche Weise in ihren Reden die Wirklichkeit darzustellen suchten. Und solange man sich diese zum Vorbild bei der Nachahmung nahm, so lange lebte auch diese Art der Beredsamkeit und eine gleiche Bestrebung. 95. Als aber nach ihrem Tod das Andenken an sie allmählich ganz verdunkelt wurde und verschwand, blühten andere Arten der Beredsamkeit, die einen weichlicheren und minder kräftigen Charakter hatten. Hieraus gingen Demochares304, der ein Schwestersohn des Demosthenes gewesen sein soll, dann der berühmte Phalereer Demetrios305 der meines Erachtens unter. allen diesen Rednern der feingebildetste ist, und andere diesen ähnliche hervor. Wollen wir diese Erscheinungen bis auf unsere Zeit verfolgen, so werden wir sehen, daß, so wie noch heutzutage jener Menekles aus Alabanda und, sein Bruder Hierokles306, die ich gehört habe, von ganz Asien zu Vorbildern gewählt werden, so immer ein Redner gelebt hat, dem die meisten ähnlich zu werden wünschten. 96. Wer nun sein Vorbild durch Nachahmung erreichen will, der muß es sowohl durch häufige und angestrengte Übung als auch ganz besonders durch Schreiben zu erfassen suchen. Täte dies unser Sulpicius hier, so würde sein Vortrag weit bestimmter sein, während sich jetzt bisweilen, wie die Landleute von der Saat zu sagen pflegen, in der größten Fruchtbarkeit eine wuchernde Üppigkeit zeigt, die durch den Griffel beschnitten werden muß.” 97. Da sagte Sulpicius: “Du hast ganz recht, daß du mir diesen Wink gibst, und ich nehme ihn dankbar an; aber auch du, lieber Antonius, glaube ich, hast nicht viel geschrieben.” “Ei”, entgegnete dieser, “du sprichst ja gerade so, als ob ich anderen nicht in dem Unterricht erteilen sollte, was mir selbst abgeht; ja meint man doch, ich führe nicht einmal Rechnungsbücher. Doch wie ich in dieser Sache verfahre, läßt sich aus meinem Haushalt beurteilen, wie aber in jener, aus meinen Reden, wie unbedeutend sie auch sein mögen. 98. Doch sehen wir auch viele, die niemand nachahmen und durch eigene Naturanlage ohne irgendein Vorbild ihr Ziel glücklich erreichen. Dies läßt sich mit Recht an euch, Caesar und Cotta, bemerken; denn du hast dir eine unseren Rednern ungewöhnliche Feinheit des Witzes, und du die scharfsinnigste und gründlichste Redeweise angeeignet. Auch euer Altersgenosse Curio307 scheint mir, obwohl sein Vater meines Erachtens vielleicht der größte Redner seiner Zeit war, niemanden vorzugsweise nachzuahmen, und doch hat er durch Würde, Zierlichkeit und Fülle des Ausdrucks seiner Rede eine eigene Form und ein besonderes Gepräge aufzudrücken verstanden; was ich am besten in der Rechtssache beurteilen konnte, die er gegen mich vor den Centumvirn für die Brüder Cossus führte308, in welcher ihm keine Eigenschaft fehlte, die nicht bloß ein beredter, sondern auch ein einsichtsvoller Redner besitzen soll.
XXIV. 99. Doch um nun unseren Lehrling endlich einmal in die Rechtsverhandlungen einzuführen, und zwar in die, bei denen es etwas mehr Arbeit gibt, in die gerichtlichen und rechtsstreitigen, so wollen wir ihm – vielleicht dürfte mancher über diese Lehre lächeln, denn sie ist weniger scharfsinnig als notwendig und kommt mehr einem nicht einfältigen Ratgeber zu als einem kenntnisreichen Lehrmeister –, also wir wollen ihm zuerst die Vorschrift erteilen, sich mit allen Verhandlungen, die er führen wird, sorgfältig und gründlich bekannt zu machen. 100. Dies wird in der Schule nicht gelehrt; denn nur leichte Aufgaben werden den Knaben vorgelegt. ‘Das Gesetz verbietet dem Fremden, die Mauer zu besteigen; er hat sie bestiegen, hat die Feinde zurückgetrieben; er wird angeklagt.’ Eine solche Aufgabe zu untersuchen hat gar keine Schwierigkeit. Mit Recht gibt man daher keine Vorschriften über die Untersuchung. des Standes der Sache. Aber auf dem Forum muß man Urkunden, Zeugnisse, Vergleiche, Übereinkünfte, mündliche Verpflichtungen, Blutsverwandtschaften, Verschwägerungen, Erkenntnisse, Rechtsgutachten, endlich alle Lebensverhältnisse derer, die einen Rechtsstreit haben, untersuchen; denn durch Vernachlässigung solcher Dinge sehen wir die meisten Rechtssachen, besonders in Privatangelegenheiten – diese sind ja oft weit dunkler –, verlorengehen. 101. So führen gar manche, welche, um von der Menge ihrer Geschäfte eine hohe Meinung zu erregen, sich auf dem ganzen Forum herum tummeln und von einem Gericht zum andern eilen, ihre Rechtshändel, ohne sich zuvor mit dem Stand derselben vertraut gemacht zu haben. Hierbei gibt man ein großes Ärgernis entweder durch seine Sorglosigkeit, wenn man eine Sache übernahm, oder durch seine Treulosigkeit, wenn man sich für eine übertragene Sache verbürgte; ja, größer, als man denkt, ist insofern dieses Ärgernis, als niemand über einen Gegenstand, den er nicht kennt, anders als höchst kläglich reden kann. So geschieht es, daß, während sie den Vorwurf der Ungeschicklichkeit, der doch schlimmer ist, gering achten, sie sich auch den der Trägheit, den sie selbst mehr scheuen, zuziehen309. 102. Ich meinerseits pflege dafür Sorge zu tragen, daß jeder selbst mich über seine Angelegenheiten belehre und kein Fremder zugegen sei, damit er sich um so freimütiger ausspreche, und die Sache des Gegners zu führen, damit er die seinige verteidige und alle seine Gedanken über seine Angelegenheit mitteile. Hat er mich nun wieder verlassen, so übernehme ich allein mit der größten Unparteilichkeit drei Rollen, meine eigene, die des Gegners und die des Richters. Findet sich ein Umstand, der für die Sache mehr Vorteil als Nachteil bietet, so bin ich der Ansicht, denselben in der Rede geltend machen zu müssen; worin ich aber mehr ungünstige als günstige Seiten finde, das gebe ich auf und verwerfe es ganz. 103. Auf diese Weise gewinne ich den Vorteil, daß ich zu einer anderen Zeit über das, was ich vortragen will, nachdenke und zu einer anderen das Überdachte vortrage: zwei Dinge, welche die meisten im Vertrauen auf ihre Geisteskraft zu gleicher Zeit tun. Aber sicherlich würden eben diese Leute ungleich besser reden, wenn sie sich eine andere Zeit zum Nachdenken und eine andere zum Reden wählen zu müssen glaubten. 104. Sobald ich den Gegenstand der Rechtssache gründlich erforscht habe, so tritt mir sogleich der eigentliche Streitpunkt vor die Seele. Denn worüber nun auch entgegengesetzte Ansichten unter den Menschen obwalten mögen, sei es, daß die Sache auf einer Beschuldigung beruhe, wie bei einer Missetat, oder auf einem Rechtsstreit, wie bei einer Erbschaft, oder auf einer Beratschlagung, wie über Krieg, oder auf einer Person, wie bei einer Belobung, oder auf einer wissenschaftlichen Untersuchung, wie über die Einrichtung unseres Lebens – überall fragt es sich, was geschehen ist oder geschieht oder geschehen wird, oder von welcher Beschaffenheit es ist und wie es benannt wird.
XXV. 105. In den bei uns gewöhnlichen Fällen nun wendet man, insofern sie sich auf peinliche Rechtssachen beziehen, zur Verteidigung gemeinhin die Ableugnung des Verbrechens an. So zum Beispiel bei den Klagen wegen des Ersatzes für Erpressungen, welche zu den wichtigsten Verhandlungen gehören, muß man gemeinhin alles ableugnen; auch bei den Klagen wegen Amtserschleichung wird es uns nur selten gestattet, Freigebigkeit und Mildtätigkeit von unrechtmäßiger Bewerbung und Bestechung zu unterscheiden; bei Meuchelmord, Giftmischerei, Veruntreuung öffentlicher Gelder ist Ableugnung unumgänglich notwendig. Dies ist also die erste Klasse der gerichtlichen Verhandlungen, die in einer streitigen Tatsache bestehen. Bei Beratschlagungen betrifft die Frage gemeinhin etwas Zukünftiges, selten etwas Gegenwärtiges oder Geschehenes. 106. Oft fragt es sich nicht, ob eine Tatsache stattfinde oder nicht, sondern von welcher Beschaffenheit sie sei. So z. B., als der Konsul Gaius Carbo310, dessen Rede ich mit anhörte, die Angelegenheit des Lucius Opimius vor dem Volk verteidigte, leugnete er in betreff der Ermordung des Gaius Gracchus nichts, behauptete aber, die Tat sei rechtmäßig für das Wohl des Vaterlandes geschehen; ferner, als derselbe Carbo Volkstribun311 war und in der Staatsverwaltung noch anderen Grundsätzen huldigte, erhielt er von Publius Africanus312, den er über den Tod des Tiberius Gracchus313 befragt hatte, die Antwort, er scheine ihm rechtmäßig getötet zu sein. Als rechtmäßig aber werden alle Handlungen verteidigt, die pflichtmäßig oder erlaubt oder notwendig waren oder aus Unvorsichtigkeit oder durch Zufall geschehen zu sein scheinen. 107. Ferner fragt es sich, wie etwas benannt werde, wenn man streitet, mit welchem Ausdruck etwas benannt werden müsse. So hatte ich selbst mit unserem Sulpicius in der Angelegenheit des Norbanus einen sehr heftigen Streit. Denn während ich die meisten Vorwürfe, die jener diesem machte, eingestand, leugnete ich doch, daß die Staatshoheit von ihm verletzt worden sei; von diesem Ausdruck nämlich hing nach dem Apuleiischen314 Gesetz jene ganze Rechtssache ab. 108. Und für diese Klasse von Verhandlungen erteilen einige die Vorschrift, daß beide Parteien den Begriff des Wortes, das den Streitpunkt ausmacht, deutlich und kurz bestimmen sollen. Doch dies scheint mir wenigstens in den meisten Fällen gar sehr knabenhaft. Denn anders verhält es sich mit der Begriffsbestimmung von Worten, wenn sich Gelehrte über wissenschaftliche-Gegenstände untereinander besprechen, wie wenn gefragt wird: ‘Was ist Gesetz? Was ist Staat?’ Hier schreibt die wissenschaftliche Lehre vor, daß man die Bedeutung des Dinges, dessen Begriff man bestimmen will, so ausdrücke, daß kein Merkmal fehlt oder zuviel ist. 109. Doch dies hat weder Sulpicius in jener Verhandlung getan, noch hab’ ich es zu tun versucht. Soviel nämlich jeder von uns vermochte, entwickelten wir mit der ganzen Fülle der Beredsamkeit auf das umständlichste, was es heiße, die Volkshoheit zu verletzen. Denn die Begriffsbestimmung läßt sich erstlich oft durch Aufgreifung eines einzigen Wortes, das entweder zuviel oder zuwenig da ist, aus den Händen entwinden, und dann schmeckt sie schon an und für sich nach Gelehrsamkeit und fast knabenhafter Schulübung; endlich vermag sie auch nicht in das Gefühl und Gemüt des Richters einzudringen; denn sie schlüpft vorbei, ehe sie aufgefaßt ist.
XXVI. 110. Aber in der Klasse von Rechtsstreitigkeiten, in denen die Beschaffenheit einer Sache bestritten wird, entsteht auch oft ein Streit aus der Auslegung einer Schriftstelle, wobei der Streit sich nur auf eine Zweideutigkeit beziehen kann. Denn der Fall selbst, wo das Geschriebene mit der Absicht des Schreibenden in Widerspruch steht, enthält eine Art von Zweideutigkeit, die sich dann aufklären läßt, wenn man die fehlenden Worte einschiebt und zeigt, daß nach Hinzufügung derselben der Sinn des Geschriebenen deutlich sei. Und wenn aus solchen widersprechenden Schriftstellen auf seiten beider Parteien ein Zweifel hervorgeht, so entsteht keine neue Art, sondern der Fall der vorigen Art verdoppelt sich. Und eine solche Sache wird entweder nie entschieden werden können oder nur dadurch entschieden werden, daß man durch Hinzufügung der übergangenen Worte die von uns,verteidigte Schriftstelle ergänzt. So bleibt also nur eine Gattung für die Fälle zurück, die wegen einer Schriftstelle bestritten werden, wenn die Schriftstelle eine Zweideutigkeit enthält. 111. Es gibt aber mehrere Arten von Zweideutigkeiten, von denen, wie ich glaube, die sogenannten Dialektiker eine bessere Kenntnis haben, unsere Redekünstler dagegen, die sie nicht weniger kennen sollten, nichts wissen; die häufigste aber in dem ganzen Gebrauch der Rede oder Schrift ist die, wenn durch Weglassung eines oder mehrerer Worte eine Zweideutigkeit hervorgerufen wird: 112. Einen zweiten Fehler aber begehen sie, daß sie die Art von Rechtsfällen, die sich auf die Auslegung einer Schriftstelle bezieht, als verschieden von den Rechtsfällen, in denen über die Beschaffenheit einer Sache gestritten wird, betrachten. Denn nirgends wird die Frage über die Beschaffenheit einer Sache mehr erörtert als bei der Auslegung einer Schriftstelle, die gar nichts gemein hat mit dem Streit über eine Tatsache. 113. So gibt es also überhaupt drei Arten von Fragen, die Erörterung und. Streit veranlassen können: ‘Was geschieht, ist oder wird geschehen?’ oder: ‘Wie ist die Sache beschaffen?’ oder: ‘Wie ist sie zu benennen?’ Denn die Frage, die einige Griechen hinzufügen, ob etwas mit Recht geschehen sei, liegt schon in der Frage über die Beschaffenheit der Sache. Doch ich will jetzt zu meinem Vorhaben zurückkehren.
XXVII. 114. Wenn ich nun die Art des Rechtsfalles vernommen und erforscht habe und zur Behandlung der Sache selbst schreite, so setze ich vor allem den Hauptgegenstand fest, auf den ich meine ganze Rede, die der gerichtlichen Untersuchung angemessen sein muß, zu richten habe. Dann ziehe ich zweierlei auf das sorgfältigste in Erwägung: erstens, was mir und dem, den ich verteidige, zur Empfehlung gereichen könne; zweitens, was geeignet sei, die Gemüter derer, vor denen ich rede, für meine Wünsche zu stimmen. 115. So stützt sich die ganze Kunst der Rede auf drei zur Überredung taugliche Mittel, indem wir zuerst die Wahrheit dessen, was wir verteidigen, erweisen, dann die Zuneigung der Zuhörer gewinnen, endlich ihre Gemüter in die Stimmung, die jedesmal der Gegenstand der Rede verlangt, versetzen sollen. 116. Zur Beweisführung aber steht dem Redner ein zwiefacher Stoff von Sachen zu Gebote: erstlich von solchen, die nicht von dem Redner ausgedacht, sondern, auf Tatsachen beruhend, zweckmäßig behandelt werden, wie Urkunden, Zeugnisse, Verträge, Übereinkünfte, peinliche Untersuchungen, Senatsbeschlüsse, richterliche Entscheidungen, obrigkeitliche Verordnungen, Rechtsgutachten und was sonst noch von dem Redner nicht erzeugt, sondern dem Redner durch die Sache selbst und von dem Beteiligten dargeboten wird. Die zweite Art des Stoffes ist die, die ganz auf der Erörterung und Beweisführung des Redners beruht. 117. So muß man also in der ersteren Art über die Behandlung der Beweise, in der letzteren aber auch über deren Erfindung nachdenken. Und die eigentlichen Redekünstler bringen nach Scheidung von Rechtsstreitigkeiten in mehrere Klassen für jede davon eine Menge von Beweisgründen bei. Mag dieses Verfahren zur Belehrung junger Leute ganz geeignet sein, damit sie, sobald ihnen eine Aufgabe vorgelegt ist, wissen, wohin sie sich zu wenden haben, um von da sofort fertige Beweise entlehnen zu können, so verrät es doch einerseits eine geistige Trägheit, wenn man abgeleiteten Bächen nachgeht, die Quellen der Sachen aber nicht sieht; andererseits verlangt es schon unser Alter und unsere Erfahrung, aus der Urquelle das Nötige zu schöpfen und zu sehen, woraus alles fließe. 118. Und was die erste Klasse von Sachen betrifft, die dem Redner dargeboten werden, so müssen diese von uns für alle Zeiten zum Gebrauch für alle ähnlichen Fälle durchdacht sein. Denn für Urkunden oder gegen Urkunden, für Zeugen oder gegen Zeugen, für peinliche Untersuchungen oder gegen peinliche Untersuchungen und ebenso über andere Gegenstände derselben Art pflegen wir entweder ohne alle Beziehungen im allgemeinen oder mit bestimmter Rücksicht auf gewisse Zeiten, Personen und Sachen zu reden. Diese Beweisquellen – zu euch, mein Cotta und Sulpicius, rede ich – müßt ihr durch anhaltendes Nachdenken und fortgesetzte Übung bereit und fertig zur Hand haben. 119. Es würde für jetzt zu weitläufig sein, wenn ich entwickeln wollte, auf welche Weise man Zeugen, Urkunden, peinliche Untersuchungen entweder bestätigen oder entkräften müsse. Dies sind lauter Dinge, wozu nur mäßige Geistesanlagen, aber eine sehr große Übung erforderlich ist; Kunstregeln bedürfen sie nur insofern, als sie durch gewisse Lichtpunkte des Ausdruckes ausgeschmückt werden sollen. 120. Ebenso lassen sich die Beweisgründe der zweiten Art, die der Redner aus sich erzeugt, ohne Schwierigkeit ausdenken; wohl aber verlangen sie in höherem Grad eine lichtvolle und fein ausgebildete Entwickelung. Da wir nun zweierlei bei den Verhandlungen untersuchen müssen: einmal, was, und dann, wie wir es sagen sollen, so scheint das erstere allerdings einen Anstrich von Kunst zu haben und bedarf auch wirklich der Kunst; gleichwohl gehört nur eine mäßige Klugheit dazu, um einzusehen, was zu sagen sei. Das andere aber, worin sich jene göttliche Kraft und Tüchtigkeit des Redners zeigt, besteht darin, daß man das, was gesagt werden soll, mit Schmuck, Fülle und Mannigfaltigkeit vortrage.
XXVIII. 121. Demnach will ich mich, weil es euch nun einmal so beliebt hat, nicht weigern, jenen ersteren Teil sorgfältig zu bearbeiten und auszubilden; inwieweit mir dies gelingen wird, möget ihr beurteilen. Ich werde daher zu entwickeln suchen, aus welchen Quellen die Rede hergeleitet werden müsse, um die drei Eigenschaften zu gewinnen, die allein ihr Glauben zu verschaffen fähig sind, nämlich daß die Gemüter gewonnen, daß sie belehrt, daß sie gerührt werden. Wie aber dieses lichtvoll dargestellt werde, das uns alle zu lehren steht hier der Mann, der diese Kunst zuerst unter uns einheimisch gemacht, der sie am meisten verherrlicht, der sie allein vollendet hat. 122. Denn, lieber Catulus – ich darf es ja sagen, ohne den Verdacht der Schmeichelei zu fürchten –, ich glaube, es gibt keinen einigermaßen berühmten Redner, weder einen griechischen noch einen lateinischen, den unser Zeitalter hervorgebracht hat, den ich nicht oft und mit Aufmerksamkeit gehört hätte. Wenn ich nun einige Geschicklichkeit im Reden besitze – und schon dürfte ich mir damit schmeicheln, da ihr ja, so geistvolle Männer, meinen Worten so eifrig Gehör schenkt –, so rührt es daher, daß nie ein Redner, den ich hörte, einen Vortrag gehalten hat, der sich nicht tief meinem Gedächtnis eingeprägt hätte. 123. So wie ich nun bin und sowenig ich auch mein Urteil für maßgebend halte, so trage ich doch keine Bedenken, meine Ansicht und mein Urteil dahin auszusprechen, daß unter allen Rednern, die ich gehört habe, keiner so viele und so ausgezeichnete Vorzüge der Beredsamkeit besaß wie Crassus. Seid auch ihr derselben Ansicht, so wird es, wie ich glaube, keine unbillige Teilung der Arbeit sein, wenn ich den Redner, den ich jetzt bilde, nach dem begonnenen Plan erschaffe, ernähre und kräftige und ihn alsdann dem Crassus übergebe, daß er ihn bekleide und ausschmücke.” 124. Hierauf sagte Crassus: “Fahre du nur fort, Antonius, wie du begonnen hast! Denn nicht ziemt es einem guten und edelgesinnten Vater, das Kind, das er erzeugt und aufgezogen hat, nicht auch zu bekleiden und auszuschmücken, zumal da du nicht leugnen kannst, daß du dazu wohl bemittelt bist. Denn welcher Schmuck, welche Kraft, welche Würde fehlte jenem Redner, der am Schluß seines Vortrages kein Bedenken trug, den beklagten Konsular315 aufzurufen, ihm den Leibrock aufzureißen und den Richtern, die vernarbten Brustwunden des greisen Feldherrn zu zeigen? Der gleichfalls bei der Verteidigung eines aufrührerischen und rasenden Menschen316 gegen die Anklage unseres Sulpicius kein Bedenken trug, die Empörungen selbst durch den Vortrag auszuschmücken und in den kräftigsten Ausdrücken zu zeigen, daß oftmals ungestüme Erhebungen des Volkes nicht ungerecht seien, für deren Folgen jedoch niemand einstehen könne; daß viele Empörungen oft zum Wohl des Staates stattgefunden hätten, wie z. B. als man die Könige vertrieben, als man die tribunizische Gewalt eingesetzt317 habe, daß jener Aufstand des Norbanus, hervorgerufen durch die Trauer der Bürger und durch den Haß gegen Caepio318, der sein Heer verloren hatte, sich nicht habe dämpfen lassen und mir Recht angestiftet worden sei? 125. Hätte wohl ein so zweideutiger, so unerhörter, so schlüpfriger, so neuer Gegenstand ohne die vorzüglichste Kraft und Gewandtheit der Rede behandelt werden können? Was soll ich von der Mitleid erregenden Rede für den Gnaeus Mallius319, für den Quintus Rest320 sagen? Was von unzähligen anderen Reden, in denen nicht die Eigenschaft, die dir alle einräumen, dein ausgezeichneter Scharfsinn, am meisten hervorglänzte, sondern gerade das, was du jetzt mir zuweisen willst, sich immer in hoher Vortrefflichkeit und Vollendung kundgab?”
XXIX. 126. Hierauf sagte Catulus: “Ja, wahrlich, das pflege ich an euch beiden am meisten zu bewundern, daß ihr trotz eurer so großen Verschiedenheit im Reden doch so redet, daß keinem irgend etwas von der Natur versagt oder von der Wissenschaft nicht verliehen zu sein scheint. Darum wirst du einerseits, Crassus, uns nicht deiner Liebenswürdigkeit berauben, so daß du uns nicht, was etwa Antonius überging oder noch übrigließ, entwickeln solltest; andererseits haben wir von dir, Antonius, die Überzeugung, daß, wenn du etwas nicht gesagt hast, du dies nicht aus Unkunde tatest, sondern vielmehr, weil du wünschtest, daß es von Crassus gesagt werde.” 127. Da erwiderte Crassus: “Ei, so übergehe das, Antonius, was du angekündigt hast und was keiner der Anwesenden vermißt, aus welchen Quellen nämlich sich der Gedankenstoff in den gerichtlichen Reden auffinden lasse; denn obwohl du die Vorschriften über diesen Gegenstand auf eine neue Weise und vortrefflich vorträgst, so sind sie doch teils an sich ziemlich leicht, teils durch die Lehrbücher allbekannt; jene Quellen eröffne uns vielmehr, aus denen du das schöpfest, was du so oft und immer so meisterhaft behandelst.” 128. “So will ich sie denn eröffnen”, sagte Antonius, “und damit ich desto leichter von dir erhalte, was ich begehre, so will ich dir nichts verweigern, was du von mir verlangst. Meine ganze Redekunst und gerade die Fähigkeit im Reden, die Crassus eben bis in den Himmel erhob, beruhen, wie ich zuvor bemerkte, auf drei Dingen: erstens, die Menschen zu gewinnen, zweitens, sie zu belehren, drittens, sie zu rühren. 129. Der erste dieser drei Teile erfordert einen sanften, der zweite einen scharfsinnigen, der dritte einen kräftigen Vortrag. Denn notwendig muß der, der zu unseren Gunsten die Sache entscheiden soll, entweder durch die Neigung seines Willens uns gewogen sein oder durch die Beweisgründe unserer Verteidigung überzeugt oder durch Bewegung des Gemütes gezwungen werden. Aber weil jener Teil, der sich mit der Entwickelung und Verteidigung der Sachen selbst beschäftigt, gewissermaßen die ganze Grundlehre für die Redekunst zu enthalten scheint, so will ich zuvörderst von diesem reden und weniges sagen. Nur weniges ist das, was ich mir durch lange Erfahrung angeeignet und gleichsam im Geist verzeichnet zu haben glaube.
XXX. 130. Und gern pflichte ich deiner verständigen Erinnerung, Crassus, bei, die Verteidigungen der einzelnen Rechtssachen, worüber die Lehrmeister den Knaben Unterricht zu erteilen pflegen, zu übergehen, dagegen die Hauptquellen zu eröffnen, aus denen für jede Sache und Rede die ganze Erörterung abgeleitet wird. Denn sowenig wir, wenn wir ein Wort zu schreiben haben, immer erst die Buchstaben dieses Wortes in Gedanken zusammensuchen sollen, ebensowenig geziemt es sich, sooft wir eine Rechtsstreitigkeit führen sollen, immer erst wieder zu den in den Lehrbüchern besonders angeführten Beweisgründen seine Zuflucht zu nehmen, sondern wir müssen gewisse Fundstätten in Bereitschaft haben, die sich uns, so wie die Buchstaben zum Schreiben eines Wortes, ebenso für die Entwickelung der Sache sogleich darbieten. 131. Aber diese Fundstätten können nur dem Redner von Nutzen sein, der in den Sachen bewandert ist, entweder durch eigene Erfahrung, die das Alter erst verschafft, oder durch Hören und Nachdenken, wodurch man bei Eifer und Fleiß dem Alter voraneilt. Denn magst du mir auch einen Mann vorführen, der noch so gelehrt ist, noch so viel Scharfsinn und durchdringenden Verstand im Denken zeigt, noch so viel Gewandtheit in der Kunst des Vortrages besitzt – es werden ihm, wenn er dabei in dem Herkommen des Staates, in den Beispielen, in den Einrichtungen, in den Sitten und Neigungen seiner Mitbürger ein Fremdling ist, jene Fundstätten, aus denen die Beweisgründe entnommen werden, nicht viel nützen. Eines gründlich durchgebildeten Geistes bedarf ich, wie der Acker nicht einmal, sondern zwei- und dreimal gepflügt werden muß, damit er desto bessere und größere Früchte hervorbringen könne. Eine gründliche Durchbildung des Geistes aber besteht in Übung, in Hören, Lesen und Schreiben. 132. Zuvörderst nun muß man das Wesen der Sache, das niemals versteckt liegt, betrachten; man untersuche, ob es eine Tatsache sei oder was sie für eine Beschaffenheit habe oder welchen Namen sie führe. Sobald man dies erkannt hat, so läßt uns sogleich der bloße gesunde Menschenverstand ohne die künstlichen Mittel, die die Redekünstler lehren, deutlich vor die Seele treten, was den eigentlichen Hauptpunkt der Sache ausmache, d. h. den Umstand, nach dessen Wegnahme der streitige Fall als solcher sich nicht behaupten kann; sodann, was der Gegenstand der richterlichen Entscheidung sei. Hierbei schreiben die Redekünstler zum Beispiel folgende Fragen vor: Opimius321 hat den Gracchus getötet. Was macht den Hauptpunkt der Sache aus? Daß er es zum Besten des Staates tat, da er kraft eines Senatsbeschlusses zu den Waffen gerufen hatte.
Nimm diesen Umstand weg, und die Sache wird nicht mehr dieselbe sein. Aber gerade dieses, behauptet Decius322, sei den Gesetzen zuwider nicht erlaubt gewesen. Gegenstand der gerichtlichen Entscheidung wird also sein: War die Tat kraft des Senatsbeschlusses zur Erhaltung-des Staates erlaubt? Solche Dinge sind freilich einleuchtend und lassen sich mit ganz gewöhnlichem Verstand begreifen; wohl aber muß man die Beweisgründe aufsuchen, die in Beziehung auf den Gegenstand der richterlichen Entscheidung von dem Ankläger und Verteidiger vorgebracht werden müssen.
XXXI. 133. Hier müssen wir nun einen Punkt berücksichtigen, worin jene Lehrmeister, zu denen wir unsere Kinder schicken, einen sehr großen Irrtum begehen, nicht als ob dies auf die Beredsamkeit einen großen Einfluß hätte, sondern nur, damit ihr seht, wie stumpfsinnig und ungebildet die Klasse von Menschen ist, die sich für Gelehrte halten. Bei der Einteilung der Reden nämlich setzen sie nach ihrer Beschaffenheit zwei Arten von Streitsachen fest. Unter der einen verstehen sie die, wobei ohne Beziehung auf Personen und Zeiten nach dem Allgemeinen gefragt wird; unter der anderen die, die nach gewissen Personen und Zeiten bestimmt wird. Sie sehen aber nicht ein, daß alle Streitsachen auf die Bedeutung und das Wesen des Allgemeinen zurückgeführt werden. 134. Denn z. B. in der Sache, die ich zuvor erwähnte, hat die Person des Opimius und Decius auf die Beweisgründe des Redners gar keinen Einfluß; es handelt sich ja nur um die allgemeine Frage, ob der für straffällig gehalten werde, der einen Bürger kraft eines Senatsbeschlusses zur Erhaltung des Vaterlandes getötet hat, da dieses nach den Gesetzen nicht erlaubt war. Überhaupt gibt es keine Sache, bei der die richterliche Entscheidung nach den Personen der Beteiligten und nicht vielmehr nach der gesamten Erwägung des Allgemeinen bestimmt würde. Ja, sogar in den Fällen, wo über eine Tatsache gestritten wird, z. B. ob Publius Decius den Gesetzen zuwider Geld genommen habe, müssen die Beweisgründe sowohl der Beschuldigung als auch der Verteidigung auf den Gattungsbegriff und das allgemeine Wesen der Sache zurückgeführt werden. 135. Denn betrifft die Sache einen Verschwender, so muß man von der Schwelgerei reden; einen nach fremdem Gut Strebenden, von der Habsucht; einen Aufrührerischen, von unruhigen und schlechten Bürgern; einen von vielen Beschuldigten, von der allgemeinen Beschaffenheit der Zeugen; und im entgegengesetzten Fall muß man alles, was man für den Beklagten sagt, notwendig von der Zeit und dem Menschen trennen und auf allgemeine Hauptpunkte und Grundsätze zurückführen. 136. Und vielleicht dürfte ein Mensch, der, was zum Wesen der Sachen gehört, nicht mit schnellem Blick auffaßt, der Ansicht sein, die Anzahl der bei Untersuchung einer Tatsache vor Gericht vorkommenden Fragen sei sehr groß; aber nur die Menge der Beschuldigungen und Verteidigungen ist unendlich, nicht die der Fundstätten.
XXXII. 137. Was nun aber die Frage über die Beschaffenheit von Rechtsfällen anlangt, wobei über die Tatsache kein Zweifel obwaltet, so sind sie, wenn man sie nach der Zahl der Beteiligten berechnet, unzählig und nicht zu überblicken, wenn man aber auf deren Inhalt sieht, von mäßiger Anzahl und in die Augen fallend. Wenn wir z. B. die Rechtssache des Mancinus323 auf den Mancinus allein beschränken, so wird, sooft ein vom Bundespriester Ausgelieferter von den Feinden nicht angenommen wird, sogleich eine neue Verhandlung entstehen. Wenn aber die Sache auf der Streitfrage beruht, ob der, den der Bundespriester ausgeliefert hat, wenn er von den Feinden nicht angenommen worden ist, das Recht, in seinen früheren Rechtszustand wieder einzutreten, zu haben scheine, so hat der Name Mancinus auf die Kunst der Rede und auf die Beweise der Verteidigung gar keinen Einfluß. 138. Und wenn auch außerdem die Würdigkeit oder Unwürdigkeit eines Menschen von einiger Bedeutung ist, so liegt dies außerhalb der Frage, und die Rede selbst muß doch auf die Erörterung der allgemeinen Grundsätze zurückgeführt werden. Diese Bemerkungen mache ich jedoch nicht in der Absicht, um gelehrte Redekünstler zu widerlegen, obwohl sie Tadel verdienen, wenn sie bei der Bestimmung der Gattung lehren, daß solche Verhandlungen mit Beziehung auf bestimmte Personen und Zeiten eine besondere Klasse bilden. 139. Denn wenn auch Zeiten und Personen vorkommen, so muß man doch einsehen, daß nicht von diesen, sondern von der allgemeinen Frage die Sachen abhängen. Doch dies kümmert mich nicht; es soll ja kein Streit zwischen ihnen und uns stattfinden. Es genügt uns, wenn man nur die Einsicht gewinnt, daß sie nicht einmal das erreicht haben, was sie doch bei ihrer so reichlichen Muße auch ohne unsere gerichtliche Übung hätten bewerkstelligen können, die Gattungen der Dinge zu unterscheiden und sie mit einiger Gründlichkeit zu erläutern. 140. Doch dies, wie gesagt, kümmert mich nicht; wohl aber muß mir und ungleich mehr euch, mein Cotta und Sulpicius, folgendes beachtenswert sein. Wie sich jetzt die Lehrgebäude dieser Redekünstler verhalten, so muß man sich vor der Menge von Rechtssachen entsetzen; denn sie ist unermeßlich, wenn sie nach den Personen bestimmt wird: so viel Menschen, so viel Sachen. Wenn sie aber auf die allgemeinen Fragen zurückgeführt werden, so ist ihre Anzahl so mäßig und gering, daß achtsame, mit einem guten Gedächtnis begabte und besonnene Redner sie sämtlich durchdacht haben und sozusagen an den Fingern herzählen können; es müßte denn sein, daß ihr glaubtet, Lucius Crassus sei erst von Manius Curius unterrichtet worden und habe deshalb so viele Beweisgründe vorgebracht, warum Curius, wenn auch dem Coponius kein Sohn nachgeboren wäre, dennoch der Erbe desselben sein müsse324. – 141. Hierbei hatte der Name des Coponius oder Curius auf die Menge der Beweisgründe ebenso wenig Einfluß wie auf die Bedeutung und das Wesen der Sache. Auf der allgemeinen Untersuchung , über die Sache und den Rechtsfall und nicht auf Zeit und Namen beruhte die ganze Streitfrage, ob nämlich, wenn es im Letzten Willen so lautet: ‘Wenn mir ein Sohn geboren wird und dieser früher stirbt usw., dann soll der oder jener mein Erbe sein’, in dem Fall, daß kein Sohn geboren ist, der, der nach dem Tod des Sohnes zum Erben eingesetzt ist, als Erbe angesehen werde.
XXXIII. 142. Die Untersuchung über das unveränderliche Recht und das allgemein Gültige fragt nicht nach dem Namen der Menschen, sondern hat es nur mit der Lehrweise und den Beweisquellen zu tun. Hierbei legen uns auch die Rechtsgelehrten Schwierigkeiten in den Weg und schrecken uns vom Lernen ab. Denn ich sehe, daß in den Schriften des Cato und Brutus325 gemeinhin bei den Rechtsbescheiden die Namen des Mannes oder Weibes, dem sie erteilt sind, angeführt sind, vermutlich, um uns glauben zu machen, der Grund der Beratschlagung oder des Zweifels habe auf den Menschen und nicht auf der Sache beruht. So folgt denn, daß wir, weil es unzählig viel Menschen gibt, durch die große Menge des Stoffes entmutigt und von der Erlernung des Rechts abgeschreckt werden und den Wunsch, es zu lernen, zugleich mit der Hoffnung, es gründlich zu erlernen, aufgeben. Doch dieses wird uns Crassus einmal entwickeln und nach Klassen angeordnet auseinandersetzen. Er hat uns nämlich – das mußt du wissen, Catulus – gestern versprochen, er wolle das bürgerliche Recht, das jetzt zerstreut und ungeordnet daliegt, nach gewissen Klassen vereinigen und in ein übersichtliches Lehrgebäude bringen.” 143. “Und dieses”, erwiderte Catulus, “ist für Crassus durchaus keine schwierige Aufgabe; denn er hat nicht bloß alles erlernt, was sich vom Recht erlernen ließ, sondern er wird auch, was seinen Lehrern fehlte, hinzufügen; so wird er alles, was zum Recht gehört, scharfsinnig ordnen und in einem geschmackvollen Vortrag aufklären können.” “Nun, so werden wir denn”, fuhr Antonius fort, “hierüber von Crassus später belehrt werden, wenn er sich aus dem Gewühl der Gerichte in die Muße, wie er die Absicht hat, und auf seinen Sessel326 wird zurückgezogen haben.” 144. “Ja oft schon”, sagte Catulus, “habe ich ihn dies äußern hören, es sei sein fester Entschluß, die Gerichte und Rechtshändel aufzugeben; doch, wie ich ihm zu bemerken pflege, es wird ihm nicht vergönnt sein. Denn teils wird er es selbst nicht geschehen lassen, daß wackere Männer seine Hilfe oft vergebens anflehen, teils wird es auch der Staat nicht mit Gleichmut ertragen, der, wenn er der Stimme des Lucius Crassus entbehren sollte, sich einer seiner Zierden beraubt glauben wird.” “Ja, wahrlich”, sagte Antonius, “wenn diese Äußerung des Catulus richtig ist, so mußt du, Crassus, mit mir in derselben Stampfmühle fortleben327, und jene gähnende und schläfrige Weisheit müssen wir der Muße der Scaevola328 und anderer glückseliger Leute überlassen.” 145. Da lächelte Crassus sanft und sagte: “Webe nur das einmal angefangene Werk fertig, lieber Antonius; mir jedoch soll jene gähnende Weisheit, sobald ich meine Zuflucht zu ihr genommen habe, noch zur Freiheit verhelfen.”
XXXIV. “Das Ergebnis der von mir eben begonnenen Entwickelung”, sagte Antonius, “ist nun folgendes: Weil es einleuchtet, daß das Zweifelhafte in den gerichtlichen Verhandlungen nicht auf der Persönlichkeit der Menschen, die sich nicht zählen lassen, noch auf der unermeßlichen Mannigfaltigkeit der Zeitverhältnisse, sondern auf den allgemeinen, nach den Gattungen bestimmten Rechtsfragen und auf ihren wesentlichen Beschaffenheiten beruht, die Gattungen aber auf eine gewisse und zwar kleine Anzahl beschränkt sind, so müssen die Redebeflissenen den zu jeder Gattung gehörigen Redestoff, nach allen Beweisquellen – ich meine Sachen und Gedanken – geordnet, ausgerüstet und wohl versehen, mit ihrem Geist auffassen. 146. Ein solcher Stoff wird von selbst die Worte erzeugen, die mir wenigstens immer schön genug zu dünken pflegen, wenn sie von der Art sind, daß sie die Sache selbst erzeugt zu haben scheint. Und wollt ihr die Wahrheit wissen, wie sie mir wenigstens scheint – nichts anderes kann ich freilich mit Bestimmtheit aussprechen als meine Überzeugung und Ansicht –: Dieses Rüstzeug von allgemeinen, nach den Gattungen bestimmten Rechtsfragen müssen wir auf das Forum mitbringen und nicht erst dann, wenn uns eine Sache übertragen wird, die Fundstätten durchstöbern, aus denen wir die Beweise heraussuchen. Den wiewohl diese von allen, die nur einiges Nachdenken anwenden, bei Fleiß und Übung gründlich erlernt werden können, so muß man doch auf jene Hauptquellen und schon so oft von mir genannten Fundstätten, aus denen für jede Rede alle Erfindungen abgeleitet werden, zurückgehen. 147. Überhaupt sind Kunst, Beobachtung und Erfahrung erforderlich, um die Gegenden zu kennen, in deren Bereich man jagen und das, was man sucht, aufspüren will. Sobald du diesen ganzen Jagdbezirk mit deinen Gedanken eingezäunt hast, so wird dir, wenn dich nur Erfahrung in den Geschäften tüchtig gewitzigt hat, nichts entfliehen, und alles, was zur Sache gehört, wird dir begegnen und in die Hände geraten.
XXXV. 148. Und so, da zur Erfindung des Redestoffes drei Dinge erforderlich sind: erstens Scharfsinn, zweitens wissenschaftliche Kenntnis, die wir, wenn wir wollen, auch Kunst nennen können, und drittens Fleiß, muß ich allerdings der natürlichen Anlage die erste Stelle einräumen; aber doch vermag der Fleiß die natürliche Anlage auch aus ihrer Schläfrigkeit aufzurütteln, der Fleiß, sage ich, der, wie in allen Dingen, so ganz besonders in der Verteidigung der Rechtsverhandlungen die größte Geltung hat. Für ihn müssen wir vorzüglich Sorge tragen, ihn stets anwenden, er ist es, der alles zu erreichen vermag. Daß uns die Sache, wie ich anfänglich bemerkte, gründlich bekannt sei, bewirkt der Fleiß; daß wir den Gegner mit Aufmerksamkeit anhören und seine Gedanken nicht allein, sondern auch alle seine Worte auffassen, endlich alle seine Mienen durchschauen, die gewöhnlich das Innere der Seele verraten, bewirkt der Fleiß; 149. dies jedoch verstohlen zu tun, damit der Gegner sich nicht einbilde, er richte etwas aus, das rät die Klugheit; ferner daß der Geist sich mit den Beweisquellen, die ich bald nachher329 vorlegen werde, auf das gründlichste beschäftige, daß er tief in die Sache eindringe, daß er gespannte Aufmerksamkeit und Nachdenken anwende, bewirkt der Fleiß; daß er, um den Stoff der Rede in das rechte Licht zu stellen, Gedächtnis, Stimme und Kräfte anstrenge, bewirkt der Fleiß. 150. Zwischen der Naturanlage und dem Fleiß ist nur ein kleiner Spielraum für die Kunst übrig. Die Kunst zeigt nur, wo man suchen müsse und wo anzutreffen sei, was man aufzufinden sucht; das übrige beruht auf Sorgfalt, Aufmerksamkeit, Nachdenken, Wachsamkeit, Beharrlichkeit, Arbeitsamkeit; ich will alles in dem einen Wort, das ich schon so oft gebraucht habe, zusammenfassen: auf Fleiß, und in dieser einen Tugend sind alle übrigen Tugenden enthalten. 151. An Wortfülle freilich, sehen wir, haben die Philosophen einen Überfluß, die, wie ich glaube – doch du, Catulus330, weißt dies besser –, keine Vorschriften über die Beredsamkeit erteilen, aber darum nicht weniger sich unterfangen, über jeden ihnen vorgelegten Gegenstand mit dem größten Wortreichtum zu reden.”
XXXVI. 152. Hierauf erwiderte Catulus: “Es ist, wie du sagst, Antonius: Die meisten Philosophen erteilen keine Vorschriften über die Beredsamkeit, und doch haben sie in Bereitschaft, was sie über jeden Gegenstand sagen wollen. Aber Aristoteles331 – er, den ich am meisten bewundere – hat gewisse Fundstätten aufgestellt, aus denen sich das Verfahren der ganzen Beweisführung nicht nur für philosophische Erörterungen, sondern auch für solche Vorträge, wie wir sie bei den Rechtsverhandlungen gebrauchen, herausfinden läßt. Von den Ansichten dieses Mannes weicht dein eben gehaltener Vortrag, Antonius, nicht ab, sei es nun, daß du durch die Ähnlichkeit mit diesem unvergleichlich großen Geist in dieselben Spuren geleitet wirst, sei es, daß du diese Sachen in seinen Schriften gelesen und gelernt hast, und dieses letztere dünkt mir wahrscheinlicher; denn ich sehe, du hast mehr Fleiß auf die griechischen Schriften verwandt, als wir glaubten.” 153. Hierauf entgegnete jener: “Du sollst die Wahrheit von mir hören, mein Catulus. Ich bin immer der Ansicht gewesen, ein Redner würde unserem Volk angenehmer und beifallswerter sein, wenn er sich erstens von Kunst sowenig als möglich und dann von griechischer Weisheit gar nichts merken lasse. Zugleich aber war ich hinwiederum der Ansicht, da die Griechen so wichtige Dinge unternehmen, verheißen und ausführen, da sie versprechen, die Kunst, das Verborgenste zu durchschauen, das Leben wohl zu ordnen und sich beredt auszudrücken, den Menschen mitzuteilen, so müsse man einem Tier ähnlicher als einem Menschen sein, wenn man ihnen nicht das Ohr leihen und, wagte man es auch nicht, sie öffentlich zu hören, um nicht bei seinen Mitbürgern sein Ansehen zu schmälern, doch wenigstens lauschend ihre Worte aufnehmen und aus der Ferne ihren Vorträgen Aufmerksamkeit schenken wollte. Und so habe ich es gemacht, Catulus, und die Untersuchungen aller ihrer Schriftsteller im wesentlichen und allgemeinen gekostet.”
XXXVII. 154. “Ja wahrlich, gar zu furchtsam”, entgegnete Catulus, “hast du deinen Geist der Philosophie, wie einer Klippe verlockender Lust, zugewandt: einer Wissenschaft, die unser Staat nie verschmäht hat. Denn Italien war einst mit Pythagoreern angefüllt, zu jener Zeit, als es in unserem Land noch ein Großgriechenland gab, weshalb auch einige unseren König Numa Pompilius für einen Pythagoreer ausgeben, obwohl er sehr viele Jahre vor dem Pythagoras332 selbst gelebt hat. Um so höher aber muß der Mann geachtet werden, da er jene Weisheit der Staatskunst beinahe zwei Jahrhunderte früher gekannt hat, ehe die Griechen von ihrem Dasein etwas wußten. Und dann hat gewiß unser Staat keine Männer hervorgebracht, die einen glänzenderen Ruhm, ein gewichtigeres Ansehen und feinere Bildung besaßen, als Publius Africanus, Gaius Laelius, Lucius Furius333, und diese hatten immer die gelehrtesten Männer aus Griechenland vor aller Augen um sich. 155. Und oft habe ich aus ihrem Mund die Äußerung gehört, die Athener hätten ihnen und vielen angesehenen Männern des Staates einen großen Gefallen erwiesen, daß sie wegen wichtiger Angelegenheiten die drei berühmtesten Philosophen jener Zeit, Karneades, Kritolaos und Diogenes, als Abgeordnete an den Senat abgeschickt hätten334; denn während ihrer Anwesenheit in Rom hätten sie und andere ihre Vorträge häufig gehört. Da du dich auf das Beispiel solcher Männer berufen konntest, so wundere ich mich, Antonius, warum du der Philosophie, wie jener Zethos335 bei Pacuvius, beinahe den Krieg angekündigt hast.” 156. “Keineswegs”, erwiderte Antonius, “sondern vielmehr habe ich beschlossen, so zu philosophieren, wie Neoptolemos bei Ennius, ‘ein wenig; denn durchweg mag ich nicht’336. Aber gleichwohl ist das meine Ansicht, wie ich sie auseinandergesetzt zu haben glaube: Ich mißbillige diese gelehrten Beschäftigungen nicht, nur muß man das rechte Maß darin halten; die Meinung aber, man liege ihnen ob, und die Vermutung, man befleißige sich der Kunstregeln, ist, glaub’ ich, dem Redner bei denen, die das richterliche Amt verwalten nachteilig; denn es verringert das -Ansehen des Redners und die Glaubwürdigkeit-der Rede.
XXXVIII. 157. Doch, um von dieser Abschweifung auf die Hauptsache wieder zurückzukommen, weißt du nicht, daß von jenen drei berühmten Philosophen, die, wie du sagtest, nach Rom kamen, Diogenes es war, der behauptete, er lehre die Kunst, einen Gegenstand gründlich zu erörtern und das Wahre vom Falschen zu unterscheiden, die er mit dem griechischen Worte Dialektik benannte? In dieser Kunst, wenn sie anders diesen Namen verdient, findet sich keine Vorschrift, wie man die Wahrheit finden, sondern nur, wie man sie beurteilen könne. 158. Denn über alles, wovon wir behaupten, es sei oder es sei nicht, unterfangen sich die Dialektiker, wenn die Behauptung unbedingt ausgesprochen ist, zu urteilen, ob es wahr oder falsch sei, und wenn sie bedingt aufgestellt ist und andere Bestimmungen hinzugefügt sind, urteilen sie darüber, ob diese Bestimmungen mit Recht hinzugefügt seien und ob die Folgerung jedes Schlußsatzes richtig sei; und zuletzt schneiden sie sich selbst mit ihren Spitzfindigkeiten ins Fleisch, und durch viele Untersuchungen machen sie Dinge ausfindig, die sie selbst nicht mehr zu lösen vermögen und durch die sie sich sogar genötigt sehen, ihr vorher angezetteltes oder vielmehr fast zu Ende geführtes Gewebe wieder aufzutrennen. 159. Hier hilft uns also dieser Stoiker nichts, weil er nicht lehrt, wie ich das, was ich sagen soll, auffinden kann; ja, er ist sogar hinderlich, weil er vieles ausfindig macht, wovon er behauptet, es lasse sich auf keine Weise lösen, und dabei sich einer Sprache bedient, die nicht durchsichtig, nicht ungezwungen und fließend, sondern mager, trocken, abgebrochen und zerstückelt ist, einer Sprache, die man nur mit der Einschränkung billigen kann, daß man gesteht, sie eigne sich nicht für den Redner. Denn unser Vortrag muß sich den Ohren der großen Menge anbequemen, damit er die Gemüter ergötze, damit er sie antreibe, Behauptungen zu billigen, die nicht auf der Goldwaage, sondern auf der gewöhnlichen Waage abgewogen werden. 160. Darum wollen wir auf diese ganze Kunst verzichten, die für die Erfindung der Beweisgründe allzu stumm, für ihre Beurteilung allzu geschwätzig ist. Jener Kritolaos, der, wie du erwähnst, zugleich mit Diogenes kam, hätte nach meiner Ansicht unserem Beruf einen größeren Dienst leisten können. Denn er war aus der Schule des Aristoteles, von dessen Erfindungen ich, wie du meinst, nicht sehr abweiche. Zwischen diesem Aristoteles nun – ich habe nicht nur sein Buch, in dem er die von allen seinen Vorgängern aufgestellten Lehrgebäude über die Redekunst auseinandergesetzt337, sondern auch die, in denen er selbst einen Teil seiner eigenen Ansichten über sie vorgetragen hat338 – und diesen eigentlichen Lehrmeistern unserer Kunst findet meines Erachtens folgender Unterschied statt: Jener hat mit demselben Scharfblick des Geistes, mit dem er das Wesen und die natürliche Beschaffenheit aller Dinge durchschaut hatte, auch das in Augenschein genommen, was sich auf die Redekunst, die er selbst geringachtete, bezog; diese hingegen, die dieses Feld ausschließlich anbauen zu müssen glaubten, haben in dieser einen Wissenschaft ihren Wohnsitz aufgeschlagen, aber in ihrer Behandlung zeigen sie nicht eine gleich tiefe Einsicht wie jener, wenn sie ihn auch an Erfahrung und Fleiß in diesem einen Fach übertreffen. 161. Des Karneades unglaubliche Kraft und Mannigfaltigkeit der Rede aber dürfte uns sehr erwünscht sein; denn nie hat er in seinen Untersuchungen einen Gegenstand verteidigt, ohne ihn zu erweisen, nie eine Ansicht bekämpft, ohne sie umzustoßen; doch dazu gehört etwas mehr, als man von unseren Redekünstlern fordern darf.
XXXIX. 162. Wenn ich einen völlig unwissenden Lehrling für die Beredsamkeit gebildet zu sehen wünschte, so würde ich ihn lieber den Lehrmeistern übergeben, die unablässig mit derselben Mühe auf denselben Amboß Tag und Nacht schlagen, die alles in die feinsten Stückchen geteilt und möglichst klein gekaut, wie die Ammen kleinen Kindern, ihm in den Mund stecken. Scheint er mir aber durch den Unterricht auf eine freisinnige Weise gebildet, durch einige Erfahrung schon geübt und mit ziemlich lebhaftem Geist begabt zu sein, so werde ich ihn rasch dahin führen, wo nicht ein wenig Wasser in einem abgeschlossenen Raum aufbewahrt wird, sondern woher der ganze Strom hervorbricht, zu einem Mann, der ihm die Fundstätten und gleichsam die Wohnungen aller Beweise zu zeigen und diese kurz zu erläutern und mit Worten zu bestimmen vermag. 163. Denn wo könnte sich jemand verlegen fühlen, wenn er erkannt hat, daß alle Gründe, die man in der Rede entweder zum Beweisen oder zum Widerlegen anwendet, entweder aus dem inneren Wesen und der natürlichen Beschaffenheit der Sache genommen oder von außen her hinzugenommen werden? Aus dem inneren Wesen, wenn es sich fragt, was die ganze Sache oder ein Teil derselben sei oder was für ein Name ihr zukomme oder was in irgendeiner Beziehung zu ihr stehe, von außen her aber, wenn äußere Umstände, die dem Wesen der Sache nicht innewohnen, zusammengestellt werden. 164. Bezieht sich die Frage auf die ganze. Sache, so muß man ihr ganzes Wesen durch eine Erklärung entwickeln, wie z. B.: ‘Wenn Hoheit des Staates soviel bedeutet wie Erhabenheit und Würde des Staates, so verletzt sie der, der ein Kriegsheer den Feinden des römischen Volkes übergibt, nicht der, der den, der solches tat, der Gewalt des römischen Volkes übergibt339.’ 165. Bezieht sie sich auf einen Teil der Sache, durch Einteilung, auf folgende Weise: ‘Entweder mußte er, da es die Wohlfahrt des Staates galt, dem Senat Folge leisten oder eine andere Ratsversammlung einsetzen oder nach eigener Willkür handeln. Eine andere Ratsversammlung einsetzen wäre gewalttätig, nach eigener Willkür handeln anmaßend gewesen. Also mußte er sich der Ratsversammlung des Senats fügen340.’ Bezieht sie sich aber auf einen Ausdruck, so mache man es wie Carbo341: ‘Wenn Konsul einen Mann bedeutet, der für das Vaterland sorgt, was anderes hat Opimius getan?’ 166. Fragt es sich aber um etwas, was in einer gewissen Beziehung zu der Sache selbst steht, so gibt es mehrere Fundstätten und Quellen der Beweisgründe. Denn wir werden das Verwandte aufsuchen und die Gattungen und die den Gattungen untergeordneten Arten, das Ähnliche und Unähnliche, das Entgegengesetzte, die Folgen, das übereinstimmende, das Vorangehende, das Widersprechende, die Ursachen der Dinge erforschen und die aus ihnen entstandenen Wirkungen und das Größere, Gleiche und Kleinere untersuchen.
XL. 167. Aus verwandten Begriffen werden Beweisgründe so abgeleitet: ‘Wenn kindlicher Liebe das höchste Lob erteilt werden muß, so müßt ihr gerührt werden, da ihr den Quintus Metellus342 mit so viel kindlicher Zärtlichkeit trauern seht.’ Aus der Gattung: ‘Wenn die obrigkeitlichen Personen der Gewalt des römischen Volkes unterwürfig sein müssen, warum klagst du den Norbanus an, der als Tribun dem Willen des Volkes gehorchte343?’ 168. Aus der der Gattung untergeordneten Art: ‘Wenn alle, die für die Wohlfahrt des Staates sorgen, uns teuer sein müssen, so müssen es gewiß vorzüglich die Heerführer sein, durch deren Ratschläge, Tapferkeit und Gefahren wir sowohl unsere eigene Wohlfahrt als auch des Reiches Würde behaupten.’ Aus der Ähnlichkeit ferner: ‘Wenn wilde Tiere ihre Jungen lieben, welch zärtliche Liebe müssen wir gegen unsere Kinder hegen?’ 169. Dagegen aus der Unähnlichkeit: ‘Wenn es der Barbaren Sitte ist, nur für den Tag zu leben, müssen nicht unsere Gedanken auf die Ewigkeit gerichtet sein?’ Und zu beiden Arten der Beweisführung aus ähnlichen und unähnlichen Fällen müssen die Beispiele von den Taten, Reden und Ereignissen anderer, oft auch erdichtete Erzählungen gerechnet werden. 170. Ferner aus dem Gegenteil: Wenn Gracchus frevelhaft handelte, so handelte Opimius edel344.’ Aus den Folgen: ‘Wenn jener mit dem Schwert getötet und du, sein Feind, mit einem blutigen Schwert gerade an dem Ort ergriffen und niemand außer dir da gesehen wurde, wenn kein anderer zu dieser Tat Veranlassung hatte, du aber immer verwegen warst, wie sollten wir wegen der Freveltat in Zweifel sein können?’ Aus übereinstimmenden, vorangehenden und widerstreitenden Umständen, wie einst unser Crassus345 hier in seiner Jugend: ‘Wenn du den Opimius verteidigt hast, Carbo, so werden diese dich darum noch nicht für einen patriotisch gesinnten Bürger halten. Daß du dich verstellt und etwas anderes beabsichtigt hast, ist daraus ersichtlich, daß du des Tiberius Gracchus Tod oft in den Volksversammlungen beklagt, daß du an des Publius Africanus Ermordung346 teilgenommen, daß du in deinem Tribunat ein solches Gesetz347 in Vorschlag gebracht, daß du immer mit den Freunden des Vaterlandes in Uneinigkeit gelebt hast.’ 171. Aus den Ursachen der Dinge aber so: ‘Wollt ihr die Habsucht vertilgen, so müßt ihr ihre Mutter, die Schwelgerei, vertilgen.’ Aus den Wirkungen: ‘Wenn wir das Vermögen der Schatzkammer im Krieg zur Hilfe, im Frieden zum Glanz brauchen, so müssen wir uns der Staatseinkünfte annehmen.’ 172. Größeres aber, Kleineres und Gleiches können wir so zusammenstellen: Nach dem Größeren: ‘Wenn der gute Ruf besser ist als der Reichtum und doch das Geld so sehr erstrebt wird,, um wieviel mehr muß der Ruhm erstrebt werden!’ Nach dem Kleineren so:
‘Nach kurzem Umgang nimmt er schon
An ihrem
Tod gleich einem Freunde teil. Wie, wenn
Er sie geliebt? Was wird
er einst dem Vater tun348?’
Nach dem Gleichen so: ‘Wer sich nicht scheut, öffentliche Gelder zu unterschlagen, der scheut sich auch nicht, Gelder zu staatsverderblichen Bestechungen zu verwenden.’ 173. Von außen her aber werden solche Beweisgründe zu Hilfe genommen, die sich nicht auf ihre eigene Kraft, sondern auf äußere Verhältnisse stützen wie z. B. folgende: ‘Das ist wahr; denn Quintus Lutatius349 hat es gesagt.’ ‘Das ist falsch; denn es ist ein peinliches Verhör angestellt.’ ‘Das ist die notwendige Folge; denn ich lese die Urkunde vor.’ Doch über diese ganze Gattung von Beweisen habe ich kurz zuvor gesprochen.
XLI. 174. Über diese Gegenstände habe ich mich möglichst kurz ausgesprochen. So wie es nämlich, wenn ich jemand Gold, das an verschiedenen Stellen vergraben ist, zeigen wollte, hinreichend sein müßte, wenn ich die Kennzeichen und Merkmale dieser Stellen angäbe und er alsdann, sobald er sie kennengelernt hat, selbst für sich graben und das, was er wünschte, mit geringer Mühe, ohne zu irren, finden würde, so habe auch ich nur die Merkmale der Beweisgründe aufgezeichnet, die mir zeigen, wo ich sie zu suchen habe. Das übrige läßt sich durch Sorgfalt und Nachdenken ausfindig machen. 175. Welche Art von Beweisgründen aber sich für jede Art von Rechtssachen eigne, das vorzuschreiben vermag die vortrefflichste Kunst nicht; um es aber zu beurteilen, dazu gehört nur eine mäßige Geisteskraft. Es ist ja auch jetzt nicht meine Absicht, ein Lehrgebäude der Redekunst aufzustellen, sondern ich will nur gebildeten Männern aus meiner Erfahrung einige Winke mitteilen. Hat also der Redner diese Beweisquellen seinem Geist und seiner Denkkraft tief eingeprägt und sich so angeeignet, daß er sie sich für jeden zum Reden vorgelegten Fall zu vergegenwärtigen vermag, so wird ihm nichts entgehen können, nicht nur bei gerichtlichen Verhandlungen, sondern überhaupt bei jeder Art des Vortrags. 176. Wenn er nun vollends das erreicht, daß er so erscheint, wie er es wünscht, und die Gemüter seiner Zuhörer in eine solche Stimmung versetzt, daß er sie, wohin er will, mit sich fortzieht und fortreißt, so wird er wahrlich weiter nichts für die Rede vermissen. 177. Ferner sehen wir, daß es keineswegs hinreichend ist, zu erfinden, was man sagen soll, wofern man nicht auch das Erfundene zu behandeln versteht. Die Behandlung muß aber mannigfaltig sein, damit der Zuhörer weder die Kunst bemerke noch durch die Einförmigkeit des Vortrages ermüdet und mit Überdruß erfüllt werde. Man muß angeben, was man sagen will, und zeigen, warum es sich so verhalte; man muß aus den oben angeführten Beweisquellen bisweilen Schlußfolgerungen bilden, bisweilen aber es unterlassen und auf etwas anderes übergehen; oft muß man den Hauptsatz nicht hinstellen, sondern durch Anführung des Sachverhältnisses selbst deutlich machen, was als Hauptsatz hätte hingestellt werden müssen. Bezieht sich das, was man sagt, auf etwas Ähnliches, so muß man zuvor die Ähnlichkeit des Falles begründen und dann den Fall, auf den es ankommt, hinzufügen; die einzelnen Absätze der Beweise muß man gewöhnlich verbergen, damit sie niemand nachzählen könne, so daß sie der Sache nach geschieden werden, den Worten nach ineinander verschmolzen zu sein scheinen.
XLII. 178. Diese Gegenstände aber durchlaufe ich eilig, da ich, als Halbgelehrter, vor so gelehrten Männern rede, um endlich einmal auf Wichtigeres zu kommen. Nichts nämlich, mein Catulus, ist in der Beredsamkeit wichtiger, als daß der Zuhörer dem Redner geneigt sei und selbst so erschüttert werde, daß er sich mehr durch einen Drang des Gemütes und durch Leidenschaft als durch Urteil und Überlegung leiten lasse. Denn weit häufiger urteilen die Menschen nach Haß oder Liebe, nach Begierde, nach Zorn, nach Schmerz oder Freude, nach Hoffnung oder Furcht, nach irrigen Ansichten oder nach einer Aufwallung des Gemütes, als nach Wahrheit oder Vorschrift oder nach einer Regel des Rechtes oder nach einer gerichtlichen Formel oder nach Gesetzen. 179. Darum laßt uns, wenn euch nicht etwas anderes beliebt, zu diesen Gegenständen fortgehen.”
“Eine Kleinigkeit”, entgegnete Catulus, “scheint mir auch jetzt noch an deinem Vortrag, Antonius, zu fehlen; die mußt du zuvor entwickeln, ehe du dahin gehst, wohin du, wie du sagst, deinen Weg zu nehmen gedenkst.” “Und die wäre?” fragte er. “Welche Ordnung und Stellung der Beweise”, sagte Catulus, “nach deiner Ansicht anzuwenden sei; denn hierin pflegst du mir immer als der erste Meister zu erscheinen.” 180. “Ei sieh doch, Catulus”, entgegnete er, “was ich hierin für ein Meister bin! Wahrlich, hättest du mich nicht daran erinnert, es wäre mir nicht eingefallen. Hieraus kannst du beurteilen, daß ich auf diese Dinge, in denen ich zuweilen etwas zu leisten scheine, durch die Übung im Reden oder vielmehr durch den Zufall, geleitet zu werden pflege. Allerdings ist der Gegenstand, bei dem ich, weil ich ihn nicht kannte, wie bei einem unbekannten Menschen vorüberging, von so großer Wichtigkeit in der Beredsamkeit, daß kein anderer dem Redner mehr zum Sieg verhelfen kann; aber gleichwohl hast du, wie ich glaube, vor der Zeit von mir die Lehre von der Anordnung und Stellung der Beweisgründe verlangt. 181. Hätte ich nämlich die ganze Bedeutung des Redners in die Beweisgründe und in die Bestätigung der Sache an und für sich gesetzt, so wäre es jetzt Zeit, über die Anordnung und Stellung der Beweisgründe etwas zu sagen; aber da ich drei Forderungen350 an den Redner gestellt und von diesen nur eine besprochen habe, so muß ich erst über die beiden anderen reden, und erst dann wird es zweckmäßig sein, die Untersuchung über die Anordnung der ganzen Rede vorzunehmen.
XLIII. 182. Viel also trägt zur siegreichen Führung der Sache bei, daß der Charakter, die Grundsätze, die Handlungen und der Lebenswandel derer, die als Sachwalter auftreten, und derer, für die sie auftreten, Beifall, sowie dagegen dieselben Eigenschaften der Gegner Mißbilligung finden und daß die Gemüter der Zuhörer soviel als möglich zum Wohlwollen für den Redner und für den, dessen Sache der Redner führt, gestimmt werden. Zum Wohlwollen aber werden die Gemüter gestimmt durch die Würde des Menschen, durch seine Taten und durch den guten Ruf seines Lebenswandels: Eigenschaften, die sich leichter durch die Rede ausschmücken lassen, wenn sie nur vorhanden sind, als erdichten, wenn sie nicht vorhanden sind. Doch förderlich ist dem Redner auch eine sanfte Stimme, die Miene, der Ausdruck der Bescheidenheit, freundliche Worte und, sooft er etwas mit einiger Heftigkeit vorträgt, der Anschein, als tue er es ungern und gezwungen. Von Leutseligkeit, edler Gesinnung, Sanftmut, Pflichtgefühl, Dankbarkeit, einer von Habsucht und Geldgier freien Denkungsart Merkmale an den Tag legen ist sehr nützlich, und alle Eigenschaften eines rechtschaffenen, anspruchslosen, von Heftigkeit, Hartnäckigkeit, Streitsucht, Bitterkeit freien Charakters sind in hohem Grad dazu geeignet, Wohlwollen zu gewinnen und es denen zu entziehen, die diese Eigenschaften nicht besitzen. Die entgegengesetzten Eigenschaften muß man daher den Gegnern zur Last legen. 183. Aber diese ganze Art der Rede wird sich in solchen Verhandlungen trefflich bewähren, in denen das Gemüt des Redners weniger durch eine feurige und leidenschaftliche Aufregung entflammt werden kann. Denn nicht immer ist eine kraftvolle Rede erforderlich, sondern oft eine ruhige, sanft und gelinde, die vorzüglich den Beteiligten351 zur Empfehlung dient. Beteiligte aber nenne ich nicht nur die, die verklagt werden, sondern alle, deren Streitsache verhandelt wird. Denn so drückte man sich ehemals aus. 184. Den Charakter dieser nun in der Rede zu schildern, indem man sie als gerechte, unbescholtene, gewissenhafte, schüchterne, bei Kränkungen duldsame Menschen beschreibt, tut eine wunderbare Wirkung, und dieses Verfahren, mag es im Anfang oder bei der Erzählung oder am Schluß der Rede angewendet werden, hat, wenn es mit Anmut und Gefühl ausgeführt wird, einen so großen Einfluß, daß es oft mehr wirkt als die Sache selbst. Ein gefühlvoller Vortrag hat die Wirkung, daß die Rede gleichsam als der Abdruck des Charakters des Redners angesehen wird. Denn durch eine gewisse Art von Gedanken und Worten in Verbindung mit einem sanften und Leutseligkeit verratenden Vortrag verschaffen sich die Redner das Ansehen von rechtschaffenen, wohlgesitteten und tugendhaften Männern.
XLIV. 185. An diese Art der Rede aber schließt sich eine andere, von ihr verschiedene, die auf andere Weise die Gemüter der Richter bewegt und sie zu Haß, Liebe, Neid, Verlangen zu retten, Furcht, Hoffnung, Wohlwollen, Abscheu, Freude, Trauer, Mitleid, Rachsucht antreibt oder Empfindungen in ihnen hervorruft, die diesen und solchen Gemütsbewegungen ähnlich und verwandt sind. 186. Und der Redner muß wünschen, daß die Richter schon von selbst eine dem Vorteil des Redners günstige Gemütsbewegung zu der Verhandlung mitbringen; denn es ist leichter, wie man sagt, den Laufenden anzufeuern, als den Schläfrigen in Bewegung zu setzen. Ist dies aber nicht der Fall oder tritt es nicht deutlich hervor, so mache ich es wie ein gewissenhafter Arzt. So wie nämlich dieser, bevor er bei dem Kranken ein Heilmittel anzuwenden versucht, nicht allein die Krankheit dessen, den er heilen will, sondern auch seine gewohnte Lebensweise in gesundem Zustand und seine Körperbeschaffenheit erforschen muß, ebenso suche ich, wenn ich eine mißliche Sache übernehme, wobei es schwerhält, die Gemüter der Richter zu bearbeiten, mit der ganzen Geisteskraft meine Gedanken und meine Sorge darauf zu richten, daß ich mit möglichst großer Scharfsichtigkeit aufspüre, was sie denken, urteilen, erwarten und wünschen und wohin sie wohl durch meine Rede am leichtesten gelenkt werden können. 187. Wenn sie sich mir hingeben und, wie ich zuvor sagte, von selbst sich dahin wenden und neigen, wohin ich sie bringen will, so benutze ich, was mir geboten wird, und richte meine Segel dahin, woher der Wind kommt. Ist aber der Richter unentschieden und in ruhiger Stimmung, so gibt es mehr Arbeit. Denn alsdann muß durch die Rede alles in Bewegung gesetzt werden, da die Natur nicht zu Hilfe kommt. Aber die Rede, die von einem guten Dichter352 die Lenkerin der Herzen und die Beherrscherin aller Dinge genannt wird, besitzt eine so gewaltige Kraft, daß sie nicht nur den Sinkenden auffangen und den Stehenden zum Sinken bringen, sondern auch den Widerstrebenden und Widerstand Leistenden, wie ein guter und tapferer Feldherr, gefangennehmen kann.
XLV. 188. Das sind nun meine Ansichten über jene Dinge, deren Entwicklung Crassus soeben scherzend von mir verlangte, als er sagte353, sie pflegten von mir meisterhaft behandelt zu werden, und zugleich lobend erwähnte, ich hätte dies in der vortrefflichen Führung der Sache des Manius Aquilius, des Gaius Norbanus354 und einiger anderen Rechtsklagen bewiesen. Aber wahrlich, wenn diese Gegenstände von dir, Crassus, in Rechtssachen behandelt werden, so pflegt mich ein Schauer zu befallen. Eine so gewaltige Kraft des Geistes, ein solches Feuer, ein so tiefes Gefühl pflegt aus deinen Augen, Mienen, Gebärden, ja sogar aus diesem deinem Finger355 zu sprechen; so gewaltig ist der Strom der gewichtigsten und vortrefflichsten Worte, so gediegen; so wahr, so neu, so frei von kindischem Anstrich und Schmuck sind deine Gedanken, daß du mir nicht allein den Richter zu entflammen, sondern selbst Feuer und Flamme zu sein scheinst. 189. Auch ist es nicht möglich, daß der Zuhörer Schmerz, Haß, Unwillen und Furcht empfinde, daß er zu Tränen und Mitleid gerührt werde, wenn sich, nicht von allen den Gemütsbewegungen, die der Redner in dem Richter hervorrufen will, in dem Redner selbst die Merkmale eingedrückt und eingeprägt zeigen. Müßte man einen erheuchelten Schmerz annehmen und wäre in einer solchen Rede nichts als Erdichtetes und durch Nachahmung Erkünsteltes, so dürfte vielleicht eine größere Kunst erforderlich sein. Nun aber weiß ich freilich nicht, wie es dir, mein Crassus, und anderen ergeht; was mich aber betrifft, so habe ich keinen Grund, vor so einsichtsvollen und befreundeten Männern etwas Unwahres zu sagen; wahrlich, ich habe nie bei den Richtern Schmerz oder Mitleid oder Unwillen oder Haß durch meinen Vortrag erregen wollen, ohne mich selbst, sooft ich die Richter zu rühren suchte, von denselben Empfindungen, in die ich sie versetzen wollte, ergriffen zu fühlen. 190. Denn es ist nicht leicht zu bewirken, daß der Richter dem zürne, gegen den du seinen Zorn lenken willst, wenn du selbst die Sache gleichgültig aufzunehmen scheinst, oder daß er den hasse, den du gehaßt sehen willst, wenn er dich selbst nicht zuvor von Haß entbrannt sieht; auch wird er sich nicht zum Mitleid stimmen lassen, wenn du ihm nicht Zeichen deines Schmerzes in Worten, Gedanken, Stimme, Mienen, ja in Tränen gegeben hast. Denn so wie es kein Holz gibt, das so leicht entzündbar ist, daß es ohne Heranbringung von Feuer entzündet werden könnte, ebenso ist auch kein Gemüt so empfänglich, die Gewalt der Rede aufzufassen, daß es entflammt werden könnte, wenn man sich nicht selbst feurig und glühend ihm naht.
XLVI. 191. Und um es nicht etwa schwierig und wunderbar zu finden, daß ein Mensch so oft zürne, so oft Schmerz empfinde, so oft von allen Arten der Gemütsbewegungen ergriffen werde, zumal in fremden Angelegenheiten, so muß man wissen: Groß ist die Gewalt der Gedanken und der Gegenstände, die man in der Rede vorträgt und behandelt, so daß es keiner Verstellung und keines Truges bedarf. Denn an sich schon setzt eine Rede, die man hält, um die Gemüter anderer in Bewegung zu setzen, den Redner selbst mehr noch als irgendeinen der Zuhörer in Bewegung. 192. Und wir wollen uns nicht wundern, daß dies bei Verhandlungen, vor Gericht, bei Gefahren von Freunden, bei einem Zusammenlauf von Menschen, vor unseren Mitbürgern, auf dem Forum geschieht, nicht allein der Ruf unserer Redegabe auf dem Spiel steht – doch das wäre noch das geringste; wiewohl, wenn man sich öffentlich das Ansehen gegeben hat, etwas leisten zu können, was nur wenige vermögen, auch dies nicht unbeachtet bleiben darf –, nein, auch andere ungleich wichtigere Dinge kommen in Betracht: die Ehrlichkeit, die Pflicht, die Gewissenhaftigkeit, die uns bestimmen, auch wenn wir ganz fremde Menschen verteidigen, diese dennoch, falls wir selbst für redliche Männer gelten wollen, nicht als fremde anzuseilen. 193. Doch, wie gesagt, um dies an uns nicht wunderbar zu finden, so frage ich: Wo kann mehr Erdichtung herrschen als in Versen, auf der Bühne, in den Schauspielen? Und doch habe ich hier oft gesehen, wie mir die Augen des Schauspielers aus seiner Maske hervorzuglühen schienen, wenn er von seinem Lager herab356 die Worte sagte:
Ihn verlassend, wagst du nach Salamis zu kommen ohne
ihn?
Scheust nicht des Vaters Anblick?
Niemals sagte er das Wort Anblick, ohne daß mir der erzürnte Telamon aus Trauer über den Tod des Sohnes zu rasen schien. Aber wenn derselbe in einer zum Klageton umgewandelten Stimme die folgenden Worte sagte:
Den hochbejahrten, kinderlosen357
Greis
Hast du zerfleischt, beraubt, gemordet! Dich hat nicht des
Bruders Tod,
Nicht der kleine Knabe358,
dir zur Obhut anvertraut, gerührt!
schien er sie weinend und in tiefer Trauer zu sagen. Wenn nun ein Schauspieler solche Stellen, obwohl er sie täglich vortrug, doch nicht richtig ohne Rührung vortragen konnte, wie, meint ihr, Pacuvius habe sie in ruhiger und gelassener Stimmung niedergeschrieben? Das war unmöglich. 194. Denn oft habe ich gehört, und man sagt, es stehe auch in den Schriften des Demokritos und Platon, niemand könne ohne innere Feuerglut und ohne den Anhauch der Begeisterung ein guter Dichter werden.
XLVII. Glaubt daher nicht, daß ich selbst, der ich nicht die alten Mißgeschicke und die erdichtete Trauer von Heroen durch die Rede nachahmen und darstellen will und nicht eine fremde, sondern meine eigene Rolle spielte, als ich den Manius Aquilius359 für den Staat erhalten mußte, das, was ich am Schluß der Verhandlung tat, ohne inniges Mitgefühl getan habe. 195. Denn da ich den Mann, von dem ich wußte, daß er Konsul gewesen war, daß er als Heerführer vom Senat ausgezeichnet worden war, daß er in feierlichem Siegeszug das Kapitol bestiegen hatte, niedergeschlagen, gedemütigt, von tiefer Trauer erfüllt, in der größten Gefahr schwebend sah, so versuchte ich nicht eher bei anderen Mitleid zu erregen, als ich selbst von Mitleid ergriffen war. Wohl bemerkte ich, daß die Richter lebhaft erschüttert wurden, als ich den tiefbetrübten und in Trauerkleider gehüllten Greis sich erheben ließ und das tat, was du, Crassus, lobst, nicht nach den Regeln der Kunst, über die ich zu reden nicht verstehe, sondern von heftiger Gemütsbewegung und tiefer Rührung ergriffen, indem ich ihm den Leibroß aufriß und die vernarbten Wunden zeigte. 196. Als Gaius Marius360, der sich zu der Verhandlung eingestellt hatte und vor mir saß, meine Trauerrede durch seine Tränen sehr unterstützte, als ich ihn häufig anredete, ihm seinen Amtsgenossen empfahl und ihn selbst aufrief, als Sachverständiger das gemeinsame Geschick der Heerführer zu verteidigen, konnte ich nicht, ohne selbst Tränen zu vergießen; ohne selbst inniges Mitgefühl zu empfinden, Mitleid erregen und den Schutz aller Götter und Menschen und Bürger und Bundesgenossen anflehen. Und hätte allen den Worten, die ich damals gebrauchte, das eigene Mitgefühl gefehlt, so würde mein Vortrag nicht Mitleid, sondern vielmehr Gelächter erregt haben. Daher erteile ich euch, Sulpicius, ich, der treffliche und hochweise Lehrmeister, die Lehre: Ihr müßt beim Reden zürnen, Schmerz empfinden, Tränen vergießen können. 197. Doch wozu soll ich dir die Lehre geben, der du bei der Anklage meines Freundes und Quästors361 nicht allein durch deine Rede, sondern weit mehr noch durch die Gewalt der Empfindung, durch das lebhafte Mitgefühl und die Glut der Seele einen solchen Brand angefacht hattest, daß ich kaum wagte, zu dessen Löschung heranzutreten? Alle Vorteile des Redners standen dir in der damaligen Verhandlung zu Gebote: Die Gewalttätigkeit, die Flucht, die Steinigung, die Grausamkeit des Tribunen bei dem harten und bedauernswürdigen Mißgeschick des Caepio riefst du vor das Gericht; dann war es bekannt, daß der erste Mann des Senates und Staates, Marcus Aemilius, von einem Stein getroffen war; daß aber Lucius Cotta und Titus Didius, als sie gegen den Antrag Einrede tun wollten, von der Rednerbühne vertrieben worden waren, konnte niemand ableugnen.
XLVIII. 198. Hierzu kam noch, daß dir als einem jungen Mann diese Anklage, als zum Besten des Staates angestellt, zur höchsten Ehre angerechnet wurde, während für mich, einen gewesenen Censor, die Verteidigung eines aufrührerischen Bürgers, der sich bei dem Mißgeschick eines Konsulars so grausam bewiesen hatte, kaum recht ehrenhaft erscheinen konnte. Die wackersten Bürger waren Richter, das Forum war angefüllt mit gutgesinnten Bürgern, so daß mir kaum noch darin eine schwache Verzeihung und Entschuldigung blieb, daß ich doch einen Mann verteidigte, der mein Quästor gewesen war. Was für eine Kunst, soll ich sagen, habe ich hierbei angewendet? Ich will erzählen, was ich getan habe. Wenn es euch beliebt, so mögt ihr meine Verteidigung als ein Ergebnis der Kunst ansehen. 199. Von allen Aufständen stellte ich die Arten, Gebrechen und Gefahren zusammen und ging bei dieser Erörterung auf alle Wechsel der Zeitumstände in unserem Staat zurück und zog hieraus die Folgerung, daß, wenn auch alle Aufstände zu jeder Zeit peinlich, doch einige gerecht und beinahe notwendig gewesen seien. Hierauf trug ich das vor, was Crassus eben362 erwähnte, daß weder die Könige aus unserem Staat vertrieben, noch die Volkstribunen gewählt, noch durch Volksbeschlüsse so oft die konsularische Macht beschränkt, noch das Berufungsrecht zum Schutz des Bürgertums und zum Schirm der Freiheit dem römischen Volk hätte verliehen werden können, wenn nicht die Bürgerlichen mit den Adeligen in Zwietracht getrennt gewesen wären. Seien aber jene Aufstände unserem Staate heilsam gewesen, so dürfe man nicht sofort, wenn eine Volksbewegung stattgefunden habe, dieses dem Gaius Norbanus als frevelhaftes Vergehen und der Todesstrafe würdiges Verbrechen anrechnen. Wenn nun jemals eine Aufregung des Volkes als rechtmäßig anerkannt worden sei, so habe keine einen gerechteren Grund gehabt als jene. Alsdann leitete und wandte ich meine ganze Rede darauf hin, daß ich die Flucht des Caepio heftig tadelte und den Untergang des Kriegsheeres bejammmerte. Auf diese Weise gelang es mir, durch meinen Vortrag den Schmerz derer, die die Ihrigen betrauerten, wiederaufzufrischen und die Gemüter der römischen Ritter, vor denen, als den damaligen Richtern, die Sache verhandelt wurde, zum Haß gegen Quintus Caepio, dem sie ohnehin wegen der Gerichte363 abgeneigt waren, aufs neue zu entflammen.
XLIX. 200. Sobald ich nun merkte, daß ich mich zum Herr des Gerichtes gemacht hatte und daß meine Verteidigung auf fester Grundlage ruhe, weil ich einerseits das Wohlwollen des Volkes gewonnen hatte, dessen Recht ich sogar in Verbindung mit Aufruhr verteidigt hatte, andererseits die Gemüter der Richter teils durch die Erinnerung an das Mißgeschick des Staates und an die Trauer um die Verwandten und die Sehnsucht nach ihnen, teils durch den persönlichen Haß gegen Caepio gänzlich meiner Sache zugewandt hatte, da fing ich an, dieser leidenschaftlichen und aufgeregten Art des Vortrages jene andere, von der ich zuvor gesprochen habe, die der Milde und Freundlichkeit, beizumischen, indem ich erklärte, ich kämpfte für meinen Amtsgefährten, der mir nach der Sitte der Altvorderen einem Kind gleich gelten müsse und für meinen ganze Ruf beinahe und meine Lebensverhältnisse; nichts könne meiner Ehre schimpflicher sein, nichts mich mit einem empfindlicheren Schmerz erfüllen, als wenn ich, der ich nach dem Urteil der Leute oft ganz fremden Menschen, bloß weil sie meine Mitbürger waren, Rettung verschafft hätte, nicht imstande wäre, meinem Amtsgefährten Hilfe zu leisten. 201. Ich bat die Richter, sie möchten in Rücksicht auf mein Alter, auf meine verwalteten Ehrenstellen, auf meine Taten gegen mich Nachsicht üben, wenn sie mich von einem gerechten, von einem pflichtmäßigen Schmerz ergriffen sähen, zumal wenn sie bei anderen Verhandlungen die Einsicht gewonnen hätten, daß ich zu jeder Zeit nur für meine von Gefahren bedrohten Freunde, nie für mich selbst Fürbitten eingelegt hätte. So habe ich in jener ganzen Verteidigung und Verhandlung das, was die Kunstregeln zu erheischen schienen, daß ich nämlich von dem Apuleiischen Gesetz364 redete, daß ich den Begriff der Hoheitsverletzung entwickelte, nur sehr kurz und oberflächlich berührt. Aber die beiden Arten der Beredsamkeit, von denen die eine sich mit der Erregung der Leidenschaft, die andere mit der Erwirkung der Zuneigung beschäftigt, die beide am wenigsten durch Kunstregeln ausgebildet sind, wurden von mir, in der Behandlung meiner ganzen Sache benutzt, so daß ich einerseits, als ich den Haß gegen Caepio erneuerte, sehr heftig, andererseits, als ich meine Gesinnung gegen meinen Schutzbefohlenen an den Tag legte, sehr sanftmütig erschien. So gelang es mir, mehr durch Rührung der Gemüter als durch Belehrung der Richter über deine Anklage, Sulpicius, den Sieg zu erringen.”
L. 202. Da erwiderte Sulpicius: “Wahrlich, du erwähnst dies mit Recht, Antonius. Denn noch nie sah ich mir etwas so aus den Händen entschlüpfen, wie mir damals jene Sache entschlüpfte. Denn als ich dir, wie du bemerktest365, nicht ein Gericht, sondern einen Feuerbrand übergeben hatte, wie, unsterbliche Götter, war da der Anfang deiner Rede! Welche Besorgnis, welche Bedenklichkeit! Wie stotternd und langgedehnt deine Worte! Aber kaum hattest du zu Anfang das, was dir allein die Nachsicht der Menschen gewann, erreicht, daß du nämlich für einen dir nahestehenden Mann, deinen Quästor, als Verteidiger auftretest, wie wußtest du da vorerst dir die Bahn zu brechen, um dir Gehör zu verschaffen! 203. Aber siehe! Da ich meinte, du hättest nichts weiter ausgerichtet, als daß die Menschen dir die Verteidigung eines schlechten Bürgers wegen der Amtsgenossenschaft verzeihen zu müssen meinten, begannst du unmerklich weiter um dich zu greifen, indes die anderen nichts ahnten, ich aber äußerst besorgt wurde, du möchtest die Sache nicht als einen Aufruhr des Norbanus, sondern als die Wirkung des Zornes des römischen Volkes, und zwar eines nicht ungerechten, sondern verdienten und schuldigen, verteidigen. Ferner, welcher Umstand wurde von dir bei dem Angriff auf Caepio unbeachtet gelassen? Wie verstandest du, in allem Haß, Unwillen, Mitleid durcheinanderzumischen! Und das nicht allein bei der Verteidigung, sondern auch gegen Scaurus und meine übrigen Zeugen, deren Zeugnisse du nicht durch Widerlegung, sondern dadurch, daß du deine Zuflucht demselben Ungestüm des Volkes nahmst, entkräftetest. 204. Als du dieses soeben erzähltest, vermißte ich darin keine Regeln der Kunst, doch glaube ich, daß es an sich schon eine nicht unerhebliche Unterweisung in sich schließt.” “Nun denn, wenn es euch so gefällt”, sagte Antonius, “so will ich euch vortragen, was ich in meinen Reden zu befolgen und worauf ich mein Augenmerk zu richten pflege; denn ein langes Leben und die Erfahrung in den wichtigsten Angelegenheiten hat mich die Mittel erlernen lassen, wodurch die Gemüter der Menschen in Bewegung gesetzt werden.
LI. 205. Ich pflege daher zuerst zu überlegen, ob die Sache so etwas erfordere. Denn weder bei geringfügigen Gegenständen darf man diese Feuerbrände der Rede anwenden noch auch bei einer solchen Stimmung der Menschen, bei der wir durch unsern Vortrag auf die Rührung der Gemüter durchaus nicht einwirken können, ja uns der Gefahr aussetzen, verspottet zu werden und uns verhaßt zu machen, wenn wir bei Possen Trauerspiele aufführen wollen oder das Unbewegliche in Bewegung zu setzen versuchen. 206. Wenn es nämlich in der Regel besonders folgende Empfindungen sind, die in den Gemütern der Richter oder sonstiger Zuhörer, vor denen wir reden, in Bewegung gesetzt werden müssen: Liebe, Haß, Zorn, Neid, Mitleid, Hoffnung, Freude, Furcht, Verdruß, so sehen wir ein, daß wir Liebe gewinnen, wenn man das, was gerade denen nützlich ist, vor denen man redet, zu verteidigen oder wenn man sich für rechtschaffene Männer oder wenigstens für solche, die in ihren Augen rechtschaffen und tüchtig sind, zu bemühen scheint. Denn das letztere gewinnt mehr Liebe, das erstere hingegen, die Verteidigung der Tugend, mehr Hochachtung, und mehr richtet man aus, wenn man die Hoffnung auf künftigen Vorteil ankündigt, als wenn man eine vergangene Wohltat erwähnt. 207. Man muß sich Mühe geben zu zeigen, daß die Sache, die man verteidigt, entweder mit Ehre oder mit Nutzen verbunden ist, und anzudeuten, daß der, dem man diese Liebe gewinnen will, nichts auf seinen Vorteil bezogen und überhaupt nichts in eigennütziger Absicht getan habe. Denn die Vorteile der Menschen selbst beneidet man; ihren Bemühungen aber, anderen Vorteile zu gewähren, ist man günstig. 208. Auch muß man sich hierbei vorsehen, daß wir nicht von den Männern, die wir wegen ihrer guten Handlungen geachtet wissen wollen, Lob und Ruhm, die man am meisten zu beneiden pflegt, allzusehr zu erheben scheinen. Aus denselben Quellen schöpfen wir auch die Kunst, Haß sowohl gegen andere aufzuregen als auch von uns und den Unsrigen zu entfernen, und ein gleiches Verfahren müssen wir bei Erregung und Besänftigung des Zornes anwenden. Denn wenn man das, was den Zuhörern selbst verderblich oder schädlich ist, mit erhöhter Farbe darstellt, so erzeugt man Haß; wenn man aber in gleicher Weise bei der Erwähnung schlechter Handlungen, die man gegen brave Männer oder gegen solche, die es am wenigsten verdient hatten, oder gegen den Staat ausgeübt hat, verfährt, so erregt man, wenn auch nicht einen gleich bitteren Haß, doch eine dem Unwillen oder dem Haß nicht unähnliche Abneigung. 209. Auf gleiche Weise jagt man Furcht durch die Beschreibung eigener oder gemeinsamer Gefahren ein. Tiefer ins Herz dringt die Furcht vor eigener Gefahr; aber auch die gemeinsamen müssen so geschildert werden, daß sie jener gleichzukommen scheinen.
LII. Ein ganz gleiches Verhältnis findet bei der Hoffnung, der Freude und dem Verdruß statt; doch unter allen Gemütsbewegungen dürfte der Neid wohl die heftigste sein, und es ist nicht weniger Anstrengung erforderlich, um ihn zu unterdrücken, als um ihn zu erregen. Es beneiden aber die Menschen vorzüglich die ihnen Gleichgestellten oder auch Niedrigere, wenn sie meinen, daß sie zurückgeblieben sind, und die schmerzliche Bemerkung machen, daß diese sie überflügelt haben. Aber auch gegen Höhere empfindet man oft heftigen Neid, und um so mehr, je unerträglicher sie sich brüsten und wegen ihres Vorranges an Würde und Glück die Grenze des allen gleichmäßig zukommenden Rechts überschreiten. Sollen diese Vorzüge zur Entflammung des Neides benutzt werden, so muß man vor allem behaupten, daß sie nicht durch Tugend, und dann, daß sie sogar durch Laster und Vergehungen erworben seien; ferner, wenn sie zu ehrenvoll und bedeutend sein sollten, so erkläre man, daß doch kein Verdienst einen so hohen Wert habe, daß es der Anmaßung und dem schnöden Stolz des Menschen gleichkomme. 210. Zur Beschwichtigung des Neides hingegen muß man zeigen, daß jene Vorzüge durch große Anstrengung unter großen Gefahren erworben seien, daß ihr Besitzer sie nicht zu eigenem, sondern zu anderer Nutzen verwendet habe, daß er an dem Ruhm, den er sich etwa erworben zu haben scheine, obwohl er kein unbilliger Lohn der Gefahr sei, doch kein Vergnügen finde, ihn vielmehr ganz fallenlasse und aufgebe. Und weil die meisten Menschen neidisch sind und dieses Laster so allgemein und überall verbreitet ist, ein hervorragendes und blühendes Glück aber der Gegenstand des Neides zu sein pflegt, so muß man überhaupt sich eifrig bemühen, diese Meinung hiervon den Leuten auszureden und zu zeigen, daß jenes dem Schein nach so glänzende Glück durch Mühseligkeiten und Kümmernisse verbittert werde. 211. Das Mitleid ferner wird erregt, wenn der Zuhörer in die Gemütsstimmung versetzt werden kann, daß er das Traurige, was an einem andern beklagt wird, nach den eigenen bitteren Schicksalen, die er entweder erduldet hat oder befürchtet, bemißt oder bei der Betrachtung eines andern häufig auf sich selbst zurückblickt. So wie nun alle Zufälle des menschlichen Elendes schmerzlich empfunden werden, wenn man sie mit teilnehmender Rührung schildert, so ist es besonders die mißhandelte und mit Füßen getretene Tugend, die tiefe Betrübnis hervorruft; und so wie die eine Art der Beredsamkeit, die den Charakter eines Menschen durch die Empfehlung seiner Rechtschaffenheit in einem vorteilhaften Licht zeigen soll, einen sanften und gelassenen Vortrag, wie ich schon oft bemerkte, erfordert, so muß die andere, deren sich der Redner bedient, um die Gemüter umzustimmen und auf jede Weise zu lenken, mit gespannter Kraft und mit Feuer vorgetragen werden.
LIII. 212. Aber zwischen diesen beiden Arten, von denen wir die eine sanft, die andere feurig wissen wollen, findet eine gewisse, schwer zu unterscheidende Ähnlichkeit statt. Denn so wie von jener Sanftheit, durch die wir uns bei den Zuhörern beliebt machen, etwas in diesen leidenschaftlichen Nachdruck, durch den wir sie erregen, einfließen muß, so müssen wir hingegen von diesem Nachdruck zuweilen etwas Belebendes in jene Sanftheit hineinbringen, und keine Rede hat eine bessere Mischung als die, in der die Rauheit des leidenschaftlichen Vortrags durch die Freundlichkeit des Redners selbst gemildert und die Schlaffheit der Sanftmut durch Ernst und Nachdruck gekräftigt wird. 213. Bei beiden Arten des Vortrags aber, sowohl bei jener, in der Kraft und Nachdruck erforderlich ist, als auch bei dieser, deren man sich bei der Schilderung des Lebens und Charakters bedient366, müssen die Eingänge langsam sein, aber auch die Ausgänge sich Zeit nehmen367 und gedehnt sein. Man darf nämlich weder sogleich zu jener Art des Vortrags überspringen – denn sie geht ganz von dem Streitpunkt ab, und die Menschen wünschen zuerst den eigentlichen Gegenstand der gerichtlichen Untersuchung zu erfahren – noch auch, wenn man diesen Ton einmal angestimmt hat, ihn schnell verlassen. 214. Denn ein Beweisgrund wird allerdings, sobald er vorgelegt ist, gefaßt, und ein zweiter und dritter wird verlangt; aber nicht auf gleiche Weise kann man Mitleid oder Neid oder Zorn so schnell, wie man davon zu reden begonnen hat, erregen. Der Beweisgrund erhält seine Kraft durch den vernünftigen Gedanken selbst, der, sobald er ausgesprochen ist, sofort im Geist haftet; jene Art des Vortrages aber legt es nicht auf Belehrung des Richters an, sondern mehr auf seine Erschütterung, und diese kann niemand auf eine andere Weise hervorbringen als durch einen umfangreichen, mannigfaltigen und reichhaltigen Vortrag, der von einer entsprechenden Lebhaftigkeit des Mienen- und Gebärdenspieles begleitet ist. 215. Wer daher kurz oder in sanftem Ton redet, der kann den Richter belehren, aber ihn zu erschüttern vermag er nicht; worauf doch alles beruht. Ferner ist auch das einleuchtend, daß die Fähigkeit, über alle Gegenstände dafür oder dagegen zu reden, aus denselben Quellen geschöpft wird. Aber den Beweisgrund des Gegners muß man entkräften teils dadurch, daß man das verwirft, was zu seiner Bestätigung angeführt wird, teils dadurch, daß man zeigt, daß das, was die Gegner daraus schließen wollen, nicht aus ihren Vordersätzen erwiesen werde und nicht folgerichtig sei; oder wenn auf diese Weise die Widerlegung nicht möglich ist, so muß man für das Gegenteil Beweisgründe beibringen, die entweder stärker oder gleich stark sind. 216. Was aber der Gegner entweder, um die Gemüter zu gewinnen, sanft oder, um sie zu erschüttern, leidenschaftlich vorträgt, das muß man durch Erregung entgegengesetzter Gemütsbewegungen zu entkräften suchen, indem man Haß durch Wohlwollen, Mitleid durch Neid aufhebt.
LIV. Angenehm aber und oft ausnehmend nützlich sind der Scherz und die witzigen Einfälle; aber wenn sich alles andere durch Kunstregeln vortragen läßt, so sind diese doch Naturgaben und bedürfen keiner Kunst. Hierin zeichnest du dich, Caesar, nach meinem Urteil vor anderen ganz besonders aus. Um so mehr kannst du mir auch bezeugen, daß es keine Kunstregeln über den Witz gibt, oder gibt es solche, so wirst du uns hierin den besten Unterricht geben.” 217. “Ja wahrlich”, erwiderte er, “über jeden Gegenstand, glaube ich, kann ein Mann von einiger Bildung leichter reden als über den Witz. Als ich einst einige griechische Bücher sah, die die Aufschrift ‘Vom Lächerlichen’ führten, so machte ich mir einige Hoffnung, hieraus etwas lernen zu können. Ich fand allerdings viele lächerliche und witzige Äußerungen der Griechen; denn die Sizilier, die Rhodier, die Byzantiner und vor allen die Attiker zeichnen sich hierin aus; aber die, die versucht haben, Kunstregeln und ein Lehrgebäude hiervon aufzustellen, zeigen sich so alles Witzes bar, daß man über nichts anderes bei ihnen lachen kann als eben über ihre Witzlosigkeit. 218. Daher läßt sich meines Erachtens ein kunstmäßiger Unterricht über diesen Gegenstand auf keine Weise erteilen. Allerdings gibt es zwei Arten des Witzes, von denen die eine gleichmäßig über die ganze Rede verbreitet ist, die andere in kurzen, scharf treffenden Einfällen besteht; die erstere nennen die Alten Laune368, die letztere Spottwitz369. Einen unbedeutenden Namen hat beides natürlich; unbedeutend ist ja die ganze Sache, die Erregung des Lachens. 219. Jedoch habe ich sehr oft die Erfahrung gemacht, daß man, wie du bemerkst, Antonius, in den Rechtsverhandlungen durch Laune und Witz viel ausrichtet. Aber da man für die erstere Art, für die gemütliche Laune, die sich durch den ganzen Vortrag hindurchzieht, keine Kunstregeln vermißt, denn die Natur bildet und schafft die witzigen Nachahmer und Erzähler, indem die Mienen, die Stimme und die ganze Ausdrucksweise das Ihrige dazu beitragen, wie könnte denn wohl bei der letzteren Art, bei dem beißenden Witz, von Kunst die Rede sein, da das entsandte Witzwort eher haften muß, als man den Gedanken daran für möglich hielt? 220. Was konnte z. B. meinem Bruder370 die Kunst helfen, als er dem Philippus371 auf die Frage: ‘Warum bellst du so?’ zur Antwort gab: ‘Ich sehe einen Dieb’? Was dem Crassus in der ganzen Rede vor den Centumvirn gegen Scaevola372 oder gegen den Ankläger Brutus in seiner Verteidigung des Gnaeus Plancus?373 Denn das Lob, das du mir erteilst, Antonius, muß man nach aller Urteil dem Crassus viel mehr zugestehen. Denn nicht leicht wird man außer ihm jemand finden, der in beiden Arten des Witzes ausgezeichnet ist, sowohl in der, die sich durch die ganze Rede hindurchzieht, als auch in der, die sich in schnellen, scharf treffenden Einfällen äußert. 221. Denn diese ganze Verteidigung des Curius374 gegen den Scaevola floß durchweg von Heiterkeit und Scherz über; aber jene kurzen Witzworte enthielt sie nicht. Denn er schonte die Würde des Gegners, und dadurch bewahrte er seine eigene; dies ist aber für witzige und spottsüchtige Menschen höchst schwierig, auf Menschen und Zeiten Rücksicht zu nehmen und die guten Einfälle da zurückzuhalten, wo sie sich am witzigsten anbringen lassen. 222. So wissen denn einige Witzlinge eben dieses auf eine nicht abgeschmackte Weise zu erklären, indem sie des Ennius Ausspruch anführen, der Weise könne leichter eine Flamme im brennenden Mund erdrücken, als gute Worte375 zurückhalten. Gute Worte bedeuten nämlich witzige Worte. Denn mit dieser besonderen Benennung bezeichnet man jetzt Witzworte.
LV. Aber so wie sich Crassus gegen den Scaevola dieser enthielt und sich jener anderen Art, in der sich keine beschimpfenden Stachelreden befinden, bediente, indem er jene Verhandlung und Erörterung mit launigem Scherz führte, so kämpfte er gegen den Brutus376, den er haßte und den er der Beschimpfung wert achtete, mit beiden Arten. 223. Wie vieles sagte er von den Bädern, die dieser verkauft hatte, wie vieles von dem durchgebrachten väterlichen Erbgut! Und ferner jene kurzen Stachelreden! Als jener sagte, er schwitze ohne Ursache, versetzte er: “Kein Wunder; du bist ja eben aus deinem Badehaus herausgegangen377.” Unzähliges derart kam vor; aber nicht minder anziehend war die heitere Laune, die den ganzen Vortrag durchdrang. Als zum Beispiel Brutus zwei Vorleser auftreten ließ, von denen er dem einen die Rede des Crassus von der Niederlassung zu Narbo, dem anderen die über das Servilische Gesetz zum Vorlesen gab, und die in beiden Reden in betreff der Staatsverwaltung sich widersprechenden Stellen378 gegeneinander hielt, hatte unser Freund den höchst witzigen Einfall, drei anderen Vorlesern drei Schriften von dem Vater des Brutus über das bürgerliche Recht zum Vorlesen zu geben. 224. Aus der ersten Schrift ließ er folgende Stelle verlesen: ‘Zufällig traf es sich, daß wir uns auf unserem Landgut bei Privernum befanden.’ – ‘Brutus, dein Vater bezeugt, daß er dir ein Grundstück bei Privernum hinterlassen habe.’ Hierauf aus der zweiten Schrift: ‘Auf dem Landgut bei Alba befanden wir uns, ich und mein Sohn Marcus.’ – ‘Er, einer der klügsten Männer unseres Staates, kannte nämlich diesen Schlemmer; er war besorgt, wenn dieser nichts mehr habe, so möchte man glauben, es sei ihm nichts hinterlassen worden.’ Dann aus der dritten Schrift, mit der er seine Schriftstellerei beschloß – denn nur so viel Bücher des Brutus sind, wie ich aus des Scaevola Mund weiß, echt -: ‘Auf unserem Landgut bei Tibur379 saßen wir zufällig beieinander, ich und mein Sohn Marcus.’ – ‘Wo sind diese Grundstücke, Brutus, die von deinem Vater in öffentlichen Denkschriften aufgezeichnet und dir hinterlassen sind? Wärest du nicht schon erwachsen gewesen380’, fährt er fort, ‘er würde eine vierte Schrift abgefaßt und schriftlich hinterlassen haben, er habe sich mit seinem Sohn auch in seinen Bädern unterhalten.’ 225. Wer sollte also nicht gestehen, daß durch diese Laune und durch diese witzigen Einfälle Brutus nicht minder widerlegt wurde als durch die feierliche Sprache, die jener erhob, als zufällig während derselben Verhandlung die alte Iunia381 zu Grabe getragen wurde? O ihr unsterblichen Götter, welche wie große, wie unerwartete, wie plötzliche Wirkung brachte es hervor, als er, die Blicke auf ihn heftend, mit allen drohenden Gebärden in dem ernstesten Ton und mit hinreißender Schnelligkeit der Worte ihn so anredete: ‘Brutus, was sitzest du hier? Was soll diese alte Frau deinem Vater verkünden? Was allen denen, deren Bildnisse382 du vorüberziehen siehst? Was deinen Ahnen? Was dem Lucius Brutus, der unser Volk von der Zwingherrschaft der Könige befreite? Soll sie ihm erzählen, was du tust, welches Geschäftes, welches Ruhmes, welcher Tugend du dich befleißigst? Etwa der Vermehrung des väterlichen Gutes? Doch das ziemt deinem Adel nicht. 226. Aber angenommen, es zieme sich, es ist ja nichts mehr übrig: deine Lüste haben alles vergeudet. Oder des bürgerlichen Rechtes? Das wäre deines Vaters383 würdig. Aber sie wird ihm sagen, du habest bei dem Verkauf deines Hauses unter den beweglichen Gütern nicht einmal den väterlichen Lehnsessel384 dir vorbehalten. Oder des Kriegswesens? Aber du hast nie ein Feldlager gesehen. Oder der Beredsamkeit? Aber von dieser weißt du gar nichts, und was du noch durch Stimme und Zunge vermagst, hast du zu dem niederträchtigsten Gewerbe der Verleumdung verwendet. Und du wagst es noch, das Tageslicht anzuschauen? Diese Männer anzublicken? Auf dem Forum, in der Stadt, vor den Augen deiner Mitbürger zu verweilen? Du entsetzest dich nicht vor jener Leiche, nicht vor jenen Ahnenbildern selbst, für deren Aufstellung, um von ihrer Nachahmung ganz und gar zu schweigen, du dir kein Plätzchen übriggelassen hast?!’
LVI. 227. Doch dies ist die feierliche und erhabene Sprache des Trauerspiels; aber geistreiche und witzige Äußerungen sind euch noch unzählige aus einer einzigen Rede erinnerlich. Denn nie fand ein größerer Wettstreit statt, nie wurde vor dem Volk eine eindringlichere Rede gehalten als die, die unser Crassus neulich gegen seinen Amtsgenossen385 in der Censur hielt; nie war eine Rede von Laune und heiterem Scherz gewürzter. Daher stimme ich dir, Antonius, in beiden Hinsichten bei, daß der Witz beim Reden von großer Wirkung sei und daß er auf keine Weise kunstmäßig gelehrt werden könne; aber das befremdet mich, daß du mir in diesem Stück einen so großen Vorzug beilegst und nicht vielmehr auch hierin, wie in allem übrigen, dem Crassus den Siegespreis zu erkennst.” 228. “Ja”, erwiderte Antonius, “das würde ich auch wirklich getan haben, wenn ich nicht zuweilen den Crassus ein wenig darum beneidete. Allerdings ist selbst die ausgezeichnetste Anlage zur Laune und zum Witz an und für sich nicht eben sehr beneidenswert; aber daß er alle an Anmut und Feinheit des Witzes übertrifft und zugleich ein Mann von der höchsten Würde und dem tiefsten Ernst ist und dafür gilt – ein Vorzug, der diesem allein zuteil geworden ist –, das schien mir kaum erträglich.” 229. Bei diesen Worten konnte sich Crassus selbst des Lachens nicht enthalten und Antonius fuhr fort: “Du hast zwar behauptet, Iulius, es gebe keine Kunst des Witzes; aber gleichwohl hast du etwas dargelegt, was man, wie es scheint, als eine Regel ansehen muß. Du bemerktest nämlich, man müsse Rücksicht nehmen auf Personen, Sachen und Zeiten, damit der Scherz der Würde keinen Abbruch tue; was ganz besonders Crassus zu beachten pflegt. Aber diese Vorschrift sagt nur, man solle den Witz nicht anwenden, wo er durchaus nicht nötig ist. Wir aber wollen wissen, wie wir ihn gebrauchen sollen, wo er nötig ist, wie zum Beispiel wider einen Gegner, und zw