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Autor: Ehmer, Hermann.

Titel: Eduard Mörike - Leben und Werk.

Quelle: Martin Ammon & Lutz Friedrichs (Hrsg.): Arbeitsstelle Gottesdienst. Einer der untröstlich blieb... Eduard Mörike 1804-2004. Hannover, 01/2004, 18. Jahrgang, 2004. S. 19-26.

Verlag: Arbeitsstelle Gottesdienst.

Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Autors und der Herausgeber.



Hermann Ehmer

Eduard Mörike – Leben und Werk

I.

Auf dem Holzmarkt in Ludwigsburg steht ein Obelisk, der Bildnismedaillen bedeutender Söhne der Stadt trägt. Es sind dies Justinus Kerner (1786-1862), Eduard Mörike (1804-1875), David Friedrich Strauß (1808-1874) und Friedrich Theodor Vischer (1807-1887). Sie alle wurden hier geboren, als Ludwigsburg seine Glanzzeiten als württembergische Residenz schon hinter sich hatte, der Hof wieder in Stuttgart war und Gras auf den breiten Alleen der Barockstadt wuchs.

Eduard Mörike kam hier am 8. September 1804 zur Welt, als Sohn des Oberamtsarztes Karl Friedrich Mörike und seiner Frau, der Pfarrerstochter Charlotte Dorothea geb. Beyer. Als siebtes Kind seiner Eltern scheint Mörike schon früh zum geistlichen Beruf bestimmt worden zu sein, wofür er den Bildungsgang des württembergischen Theologen durch die niederen Seminare und das Tübinger Stift beschreiten sollte. Vor dem Genuss dieses Stipendiums stand jedoch eine Aufnahmeprüfung, das sogenannte Landexamen, das Mörike dreimal ablegte, aber nicht bestand. Dennoch wurde er 1818 in das Seminar Urach aufgenommen, sein Vater war nämlich im Jahr zuvor gestorben und hatte seiner Witwe und den Kindern kein Vermögen hinterlassen. Dieser Gnadenakt war der Fürsprache des Onkels Eberhard Friedrich Georgii zu verdanken, der den vaterlosen Mörike in sein Haus aufgenommen hatte, so dass er das Stuttgarter Gymnasium besuchen konnte.
Die Schul- und Studienzeit führte Mörike mit Freunden zusammen, denen er ein Leben lang verbunden blieb. Zu nennen sind Wilhelm Waiblinger und Wilhelm Hartlaub, dann die Ludwigsburger Jugendfreunde David Friedrich Strauß und Friedrich Theodor Vischer. Diese waren allesamt Theologen, beschritten aber unterschiedliche Lebenswege. Mörike, der in einem hohen Maße zur Freundschaft begabt war, ist stets mit ihnen in Verbindung geblieben.

Als Angehöriger des Tübinger Stifts begann Mörike 1822 mit dem Theologiestudium. Die Tübinger theologische Fakultät dieser Zeit „drohte immer mehr in Verfall zu kommen“, wie es einer ihrer Geschichtsschreiber ausdrückt. Es war die Spätzeit der älteren Tübinger Schule des Supranaturalismus, die versuchte, den ererbten Biblizismus mit der Aufklärung zu vereinigen. Dies muss gerade für Mörike eine wenig anziehende Theologie gewesen sein. In die Zeit seines Studium fällt nicht nur die durch Waiblinger vermittelte Bekanntschaft Mörikes mit dem alten Hölderlin, sondern ebenso die Begegnung mit Maria Meyer, einer jungen Frau, zu der sich Mörike hingezogen fühlte, die er aber – wohl stark beeinflusst von seiner früh verstorbenen Schwester Luise - gleichzeitig floh. Die schmerzhafte Lösung von Maria Meyer findet ihren Ausdruck in dem dritten der Peregrina-Gedichte, die in Mörikes Roman „Maler Nolten“ enthalten sind (Mörike, Gedichte 126f):

Ein Irrsal kam in die Mondscheingärten
Einer einst heiligen Liebe.
Schaudernd entdeckt ich verjährten Betrug.
Und mit weinendem Blick, doch grausam,
Hieß ich das schlanke,
Zauberhafte Mädchen
Ferne gehen von mir.
Ach, ihre hohe Stirn,
War gesenkt, denn sie liebte mich;
Aber sie zog mit Schweigen
Fort in die graue
Welt hinaus.
Krank seitdem,
Wund ist und wehe mein Herz.
Nimmer wird es genesen!“

Mörike schloss sein Theologiestudium im Herbst 1826 höchst mittelmäßig ab. Im Dezember 1826 begann seine Zeit im Pfarrdienst als Vikar und Pfarrverweser. In knapp acht Jahren hat er, jeweils unterschiedlich lang, zehn verschiedene Stellen versehen.
Trotz mehrfacher Anläufe hat sich Mörike, stets von gesundheitlichen Problemen heimgesucht, im geistlichen Beruf nicht zurechtgefunden. 1829 lernte er Luise Rau kennen. Die Liebesbeziehung, die, wie der ungemein dichte Briefwechsel zeigt, Mörike ganz erfüllte und die Schwierigkeiten im Pfarramt zunächst zurücktreten ließ, zerbrach nach vier Jahren, nicht zuletzt unter der Belastung durch seine ungelöste berufliche Situation.

Im Juli 1834 wurde Mörike schließlich die Pfarrei Cleversulzbach (bei Heilbronn) übertragen, wo er mit seiner Mutter und seiner unverheirateten jüngeren Schwester Klara lebte. Manches in Mörikes Dichtung und seinen Briefen, vor allem aber die vielzitierte, 1840 entstandene, aber erst 1852 veröffentlichte Idylle „Der alte Turmhahn“, gibt ihm das Ansehen eines biedermeierlichen Landpfarrers. Sieht man jedoch in Mörikes Biographie näher zu, werden die Schattenseiten jener Zeit deutlich: Die Pfarrstelle war gering besoldet, Mörike plagten ständige Geldsorgen. Zudem war sein Bruder Karl aus dem Staatsdienst entlassen und in der Folgezeit mehrfach inhaftiert worden. Er beanspruchte Mörikes Hilfe ebenso wie der Bruder Adolf, der mit Geschäftsgründungen verunglückte. 1843 wurde Mörike auf seinen Antrag hin - mit einer recht geringen Pension - zur Ruhe gesetzt.

Zusammen mit seiner Schwester Klara zog er zunächst nach Wermutshausen (bei Niederstetten), wo sie von seinem Freund Hartlaub aufgenommen wurden und den Winter 1843/44 zubrachten. Im Frühjahr nahmen die beiden Wohnung in Schwäbisch Hall, doch das dortige Klima sagte Mörike nicht zu. Im November 1844 zog man deshalb nach Mergentheim, ohne dass sich jedoch sein Gesundheitszustand besserte.
In Mergentheim hatten Mörike und seine Schwester im Hause des pensionierten bayerischen Oberstleutnants von Speeth Wohnung gefunden. Mit dessen Tochter Margarethe verband das Geschwisterpaar alsbald eine enge Freundschaft. 1851 heirateten Mörike und Margarethe, obwohl einige Freunde von diesem Schritt abrieten. Erst kurz vor der Eheschließung war ihnen klar geworden, dass die Freundschaft, die die drei verband, damit in eine stets durch Konflikte gefährdete „Ehe zu dritt“ verwandelt wurde.
Zunächst aber trat die Frage eines Zuerwerbs in den Vordergrund. Der Plan der Errichtung eines Pensionats zerschlug sich, doch beschloss man auf Rat der Freunde, nach Stuttgart zu ziehen, wo sich eine Erwerbsmöglichkeit noch am leichtesten finden würde. In der Tat erhielt Mörike noch 1851 den Auftrag, am Katharinenstift, einer Schule für „Töchter der mittleren und höheren Stände“, deutsche Literatur zu unterrichten. Daneben hielt er auch einige Jahre „Damenvorlesungen“ in einem Saal des „Oberen Museums“, einer Lesegesellschaft für die höheren Stände. Hier las Mörike nicht nur eigene und fremde Dichtungen, wie etwa Shakespeare, sondern sprach auch über Literatur. An dieser Stelle ist zu erwähnen, dass Mörike sich auch als Herausgeber betätigt hat. Intensiv hat er sich um die nachgelassenen Papiere Hölderlins bemüht, die Gedichte Wilhelm Waiblingers und die Schriften Ludwig Bauers herausgegeben.

Nach und nach wurde Mörike eine wichtige Persönlichkeit des literarischen Lebens in der württembergischen Hauptstadt. Auf seinen Antrag verlieh ihm die Philosophische Fakultät der Universität Tübingen 1852 den Doktor ehrenhalber, der König zeichnete ihn 1856 mit dem Titel eines Professors aus. Auch andere Ehrungen wurden ihm zuteil. Literarische Größen der Zeit suchten Verbindung mit ihm, so Theodor Storm, Paul Heyse und Emanuel Geibel, ebenso Friedrich Hebbel und Iwan Turgenjew. Seinem Lehrauftrag am Katharinenstift kam Mörike, nicht selten durch Krankheit gehindert, bis zu seiner erneuten Pensionierung 1866 nach. Ein besonderer Gnadenakt des Königs Karl ermöglichte es, dass er seinen Gehalt unvermindert weiterbeziehen konnte.

Mörike zog häufig um. Immer wieder machten sich nachteilige Einflüsse geltend wie Bauarbeiten, geräuschvolle Nachbarn oder weite Wege. Insgesamt zehn Wohnungen hat Mörike nacheinander zusammen mit seiner Familie bewohnt. Aus der Ehe gingen zwei Töchter hervor, Fanny (geb. 1855) und Marie (geb. 1857). Im Sommer 1867 verließ Mörike zusammen mit seiner Frau Stuttgart und zog nach Lorch im Remstal. Die Töchter blieben mit ihrer Tante Klara in Stuttgart zurück, abwechslungsweise kümmerte sich Margarethe um sie. Vier Jahre verbrachte Mörike in Lorch und Nürtingen, auf Reisen und mit Besuchen. Zwischendurch hielt er sich aber auch in Stuttgart auf.

Den politischen Angelegenheiten jener Zeit stand Mörike mit einer Art klarsichtiger Distanz gegenüber. Während sich die Ludwigsburger Freunde Strauß und Vischer an der bürgerlichen Aufbruchsbewegung von 1848/49 beteiligten, scheinen Mörike wohl auch die Schwierigkeiten der eigenen Existenz davon abgehalten zu haben, hier Anteil zu nehmen. Die nationale Begeisterung, die sich nach den ersten Siegen des Jahres 1870 zeigte, blieb Mörike fremd. Vielleicht ist es auf die entsprechenden Gedichte des Stuttgarter Oberhofpredigers Karl Gerok gemünzt, der sonst als geistlicher Dichter seinerzeit viel gelesen wurde, wenn Mörike 1871 sagt: „Bei euren Thaten, euren Siegen//Wortlos, beschämt, hat mein Gesang geschwiegen,//Und Manche, die mich darum schalten, //Hätten auch besser den Mund gehalten.“ (Mörike Gedichte 422)

Mörikes Ehe hielt den Belastungsproben, denen sie von Anfang an ausgesetzt war, auf die Dauer nicht stand. Nach einem heftigen Zerwürfnis im Herbst 1873 entschloss sich Mörike zu einer Trennung von seiner Frau auf „unbestimmte Zeit.“ Mit Schwester Klara und Tochter Marie zog er nach Fellbach unweit von Stuttgart. Die Bindung an die Schwester hatte somit in der „Ehe zu dritt“ letztlich das Übergewicht behalten. Margarethe blieb mit Fanny zunächst in Stuttgart und zog später nach Mergentheim. Mörike kehrte nach einigen Wochen wieder nach Stuttgart zurück, wo er am 4. Juni 1875 starb. Wenige Tage zuvor war Margarethe nach Stuttgart gekommen und Mörike hatte sich mit ihr versöhnt. Die Beerdigung auf dem Stuttgarter Pragfriedhof am 6. Juni hielt Prälat Sixt Karl Kapff, das Haupt der württembergischen Pietisten, der den Sterbenden auf dessen Wunsch noch besucht hatte. Zwei Ansprachen wurden an Mörikes Grab nach der Leichenpredigt gehalten, eine von Friedrich Theodor Vischer, seit den vierziger Jahren einer der schärfsten Gegner des Pietismus. Mörikes Beerdigung hatte die beiden so entgegengesetzten Geister wenigstens für kurze Zeit vereint.

II.

Eduard Mörike hat ein verhältnismäßig schmales Werk hinterlassen, vieles ist bruchstückhaft geblieben. Schon der Uracher Seminarist hat gedichtet, wobei die Sicherheit im Versmaß, die Leichtigkeit des Reims und die Sicherheit des Tons und der Wortwahl auffällt. Diese Sicherheit und Fertigkeit findet sich besonders im einzigen Gedicht aus den Tübinger Jahren, der Ballade vom Feuerreiter (1824), die ganz vom Ton des Feuerglöckleins durchklungen wird. Dieselbe Meisterschaft findet sich schon in Mörikes frühen Naturgedichten, deren wohl bekanntestes, das Frühlingslied „Er ist’s“ sein dürfte. Es gipfelt in den Worten „Horch! Von fern ein leiser Harfenton.“ Damit wird das innere Ohr der Lesenden angesprochen, denen das Nahen des Frühlings vernehmbar wird. Hier verwendet der Dichter Bilder, die aus einer intensiven, alle Sinnen ansprechenden Naturerfahrung herkommen. Ganz verdichtet erscheint diese Naturerfahrung in dem Gedicht „Besuch in Urach“ (1827), das zugleich Biographisches enthält, nämlich die Erinnerung an Mörikes Seminarzeit in Urach 1818-1822: „Aus tausend grünen Spiegeln scheint zu gehen//Vergangne Zeit, die lächelnd mich verwirrt.“ (Mörike, Gedichte 37) Das Ineinander von Naturbetrachtung und Erinnerung bewirkt hier eine tiefe Erschütterung, die sich wiederum in der Beschreibung eines Gewitters löst, in das der Dichter seinen Abschiedsgruß hineinruft.

Zahlreiche Gedichte Mörikes wurden von Komponisten wie Robert Schumann, Johannes Brahms, Hugo Wolf, Hugo Distler und Max Reger vertont. Neben der Natur- und Gedankenlyrik umfasst Mörikes poetisches Werk in einem besonderen Maße auch Liebeslyrik, wozu die Begegnung mit Maria Meyer und die Liebe zu Luise Rau anregten - so das 1828 entstandene Gedicht „Nimmersatte Liebe“, das mit den Versen beginnt (Mörike, Gedichte 54):

So ist die Lieb! So ist die Lieb!
Mit Küssen nicht zu stillen:
Wer ist der Tor und will ein Sieb
Mit eitel Wasser füllen?“
 

Bemerkenswert ist, dass der Dichter in seinen Liebesgedichten oftmals die Rolle der Frau einnimmt, wie etwa in „Erstes Liebeslied eines Mädchens“ oder „Ein Stündlein wohl vor Tag“.

Eine wichtige Rolle spielt in Mörikes Dichtung das Phantastische. Zusammen mit dem Freund Ludwig Bauer hatte er den Mythos von der Insel Orplid und ihrer Göttin Weyla erfunden, den beide literarisch verarbeiteten. Damit ist bei Mörike ein weites Feld aufgetan, das sich vom Spaßhaften und Phantastischen bis zum Übersinnlichen und Spukhaften dehnt. Dies sind Bereiche, die Mörike mit Justinus Kerner im nahen Weinsberg, aber auch mit dem Studienfreund Christoph Blumhardt in Möttlingen bei Calw verband. Hierher ist das 1837 begonnene „Märchen vom sichern Mann“ zu rechnen, ebenso die „Wispeliaden“ und andere witzige, komödiantenhafte und groteske Gelegenheitsgedichte und Texte, wie seine „Musterkärtchen“ oder der „Salzbrief“ aus Schwäbisch Hall an die Tochter des Freundes Hartlaub, ebenso aber auch die Spukgeschichten aus dem Cleversulzbacher Pfarrhaus.

Das Gedicht scheint Mörikes eigentliche literarische Heimat gewesen zu sein, 1838 erschienen seine gesammelten Gedichte in erster Auflage. Mörike hat sich aber auch mit den Prosaformen versucht. 1832 erschien der „Maler Nolten“, bei dem Mörike selbst zwischen den Bezeichnungen Roman und Novelle schwankte. Überhaupt ist dies ein Werk von nicht ganz einfacher Struktur und den unterschiedlichsten Personen und Perspektiven. Als Vorbild der Elisabeth im „Maler Nolten“ und der „Peregrina“ in dem Zyklus der dort enthaltenen Gedichte gilt die schöne Maria Meyer, der Mörike in Tübingen begegnet war. Eine Neufassung des „Maler Nolten“, an der Mörike in seinen letzten Jahren arbeitete, blieb unvollendet und ist erst nach seinem Tod gedruckt worden.

1834 erschien die Erzählung „Miß Jenny Harrower“ (in späteren Fassungen „Lucie Gelmeroth“), 1836 die Novelle „Der Schatz“, 1839 unter dem Titel „Iris“ eine Sammlung erzählender und dramatischer Stücke. Diese Sammlung enthält auch Mörikes dramatischen Versuch „Die Regenbrüder“, das Libretto einer Oper, die auch aufgeführt worden ist. 1853 veröffentlichte Mörike das Märchen „Das Stuttgarter Hutzelmännlein“.

Bei dieser bis zum heutigen Tag immer wieder aufgelegten und illustrierten Geschichte handelt es sich um eine Rahmenerzählung, in der die Geschichte vom Schustergesellen Seppe die zauberhafte „Historie von der schönen Lau“ umgibt, die Geschichte einer Wasserfrau, die im Exil im Blautopf in Blaubeuren lebt und erst wieder zu ihrem Gemahl in das Schwarze Meer zurückkehren darf, wenn sie fünfmal von Herzen gelacht hat. Schon dieser verwickelte Aufbau – neben der schönen Lau wird auch noch das Bleilot, das „Klötzle Blei“ eingeführt - desgleichen die konkret benannten Örtlichkeiten, machen es unmöglich, dieses Werk den Grimmschen oder anderen Märchen zur Seite zu stellen. Viel eher nähert sich dieses „Märchen“ der Novelle an. Somit zeigt die Geschichte wieder Mörikes Art, das Wunderbare und das Alltägliche ohne weiteres nebeneinander zu stellen.

Die Sprache, in der das „Hutzelmännlein“ erzählt wird, mag schwäbisch erscheinen, ist es aber – mit wenigen Ausnahmen, die als solche gekennzeichnet sind – jedoch nicht. Sie ist Teil der dichterischen Erfindung im Anklang an die gesprochene Mundart und will den Leser in das Mittelalter zurückversetzen.

Im selben Jahr wie das „Hutzelmännlein“ erschien, zuerst als Zeitschriftenbeitrag, das Märchen „Die Hand der Jezerte“, die der damaligen Vorliebe für orientalische Stoffe und Schauplätze entgegenkam. Mörike hatte also mit dem Märchen eine ihm gemäße Form des Erzählens gefunden. Es verwundert deshalb, dass er sich kurz darauf mit der 1855 erschienenen Erzählung „Mozart auf der Reise nach Prag“ auf das Gebiet der historischen Novelle begab, ein Gebiet, das zu seiner Zeit bereits vielen von anderen besetzt war. Doch hat Mörike schon von Jugendtagen an mit Mozarts Musik gelebt, Mozart war ihm daher so vertraut, dass er mit dieser Novelle gewissermaßen auf einem ihm ureigenen Feld blieb.

Die klassische Dichtung hat nicht nur durch Goethe, sondern vor allem unmittelbar durch die antike Lyrik auf Mörike gewirkt. Epigramme, Elegien und Idyllen sind Zeugnisse dieser Aneignung klassischer Formen durch Mörike. Zu den Idyllen gehört jene umfangreiche vom Bodensee, die unmittelbar aus dem Erleben dieser Landschaft gespeist ist, und natürlich „Der alte Turmhahn“, Mörikes erfolgreichstes Gedicht. Unter seinen Epigrammen ist „Auf das Grab von Schillers Mutter“ zu nennen, das tatsächlich als Aufschrift auf das von ihm auf dem Friedhof von Cleversulzbach wieder entdeckte Grab der Mutter des Dichterfürsten zu denken ist. Dieses Epigramm entstand 1835; wenige Jahre später ließ Mörike seine Mutter neben der Schillers bestattet. Das Epigramm endet folgendermaßen (Mörike, Gedichte 97):

Eines Unsterblichen Mutter liegt hier bestattet; es richten
Deutschlands Männer und Fraun eben den Marmor ihm auf.“

Die klassische Antike war Mörike nicht nur wegen ihrer dichterischen Formen wichtig. Er veröffentlichte auch deutsche Übersetzungen griechischer und lateinischer Lyrik. 1840 erschienen solche aus Catull und Tibull, 1855 aus Theokrit, Bion und Moschos, 1864 aus Anakreon. Es sind dies ebenbürtige Nachschöpfungen antiker Lyrik, wobei es nicht ausbleiben konnte, dass sich Mörike einmal – in den „Wispeliaden“ - auch einen Scherz erlaubte und Horazens Ode I, 9 „Vides, ut alta stet nive candidum Soracte“ etwas freier übersetzte. Die zweite Strophe heißt da:

Wärme dich, Guter! stapple den Holzstoß auf,
Reichlich, nicht etwa über dem Sparherd bloß!
Und vielleicht ist Sabinchen so gütig,
Uns, Daliarch, ein Quart Rein-Wein zu wismen.“

Mörikes Werk entzieht sich in einem hohen Maß der literaturgeschichtlichen Einordnung zwischen den Epochen der Romantik und des Realismus und einer Standortbestimmung zwischen Heinrich Heine und Georg Büchner. Bei ihm ist weder eine biedermeierliche Idylle zu finden, noch ist er gar ein schwäbischer Dichter. Sein Leben und Schaffen als Dichter trägt vielmehr eine eigene innere Notwendigkeit in sich. Er hat dies schon früh ausgedrückt in dem Gedicht „Verborgenheit“ von 1832 (Mörike, Gedichte 121):

Laß, o Welt, o laß mich sein!
Locket nicht mit Liebesgaben,
Laßt dies Herz alleine haben
Seine Wonne, seine Pein!

Literatur:

Holthusen, Hans Egon: Eduard Mörike mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten (rowohlts monographien 175), Reinbek bei Hamburg 1971.

Kluckert, Ehrenfried: Eduard Mörike. Sein Leben und Werk, Köln 2004.

Mörike, Eduard: Gedichte in einem Band, hg. Von Bernhard Zeller, Frankfurt/Main und Leipzig 2001.

Simon, Hans-Ulrich: Mörike-Chronik, Stuttgart 1981.

Storz, Gerhard: Eduard Mörike, Stuttgart 1967.

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