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Autoren: Eibl, Thomas/ Podehl, Bernd.
Titel: Internet.
Quelle: Jürgen Hüther/ Bernd Schorb (Hrsg.): Grundbegriffe Medienpädagogik. 4., vollständig neu konzipierte Auflage. München 2005. S. .170-178.
Verlag: kopaed verlagsgmbh.
Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlags.
Thomas Eibl/ Bernd Podehl
Internet
Das Internet gilt als eine der bedeutendsten Technologien auf dem Weg von der Industrie-zur Informationsgesellschaft. War dieses internationale Computernetzwerk zunächst durch seine Neuartigkeit und Partnerschaftlichkeit, dann durch die ihm zugesprochene Bedeutung für Bildung, Demokratie, Wirtschaft und Kommerz, Gegenstand vielfältiger medialer Berichterstattung und wissenschaftlicher Forschung, so macht es seit einiger Zeit eher durch gefährdende Inhalte, Verbreitung von Raubkopien, Verseuchung mit Viren, terroristische Zweckentfremdung und wirtschaftliche Ernüchterung Schlagzeilen. Die euphorischen Erwartungen, die Mitte der 90er Jahre in das Internet gesetzt wurden, sowohl was die Veränderung der Wirtschaft durch die sog. „new economy" anbelangt, als auch die Etablierung einer „e-Democracy" durch offene, allgemein zugängliche Kommunikationsformen und ebenfalls die mitunter völlig überzogenen Annahmen zum selbstbestimmten orts-, zeit- und institutionsunabhängigen „onlineLernen" haben einem eher desillusionierten Blick Platz gemacht oder weichen gar Befürchtungen im Stile überwunden geglaubter Bewahrpädagogik.
Die Entwicklung des Internets begann früher als heute weitläufig angenommen. Unter dem Aspekt der Vernetzung wurden die grundlegenden Ideen dazu bereits in den vierziger Jahren von Vanevar Bush und Joseph Licklider am Massachussetts Institute of Technology (MIT) entwickelt (vgl. Hartmann 2002, S. 55f.). Meist wird jedoch der „Sputnik-Schock" als Auslöser für die Konzipierung eines Computer-Netzwerkes angeführt. Aufgeschreckt von der Befürchtung einer technologischen Unterlegenheit der Sowjetunion gegenüber unternahmen die USA ab 1957 Anstrengungen auf allen wissenschaftlichen und technischen Gebieten, besonders in der Militärtechnologie. Zur Organisation der Forschungstätigkeiten - auch auf dem Gebiet der Datenübertragung - wurde die Advanced Research Projects Agency (ARPA) gegründet. Die politische und wirtschaftliche Vormachtstellung sollte so gesichert werden. In diesem Zusammenhang wurden 1969 die ersten vier Computer zum experimentellen militärischen Forschungsnetz ARPANET zusammengeschlossen, das auch dann funktionsfähig bleiben sollte, wenn ein Teil des Netzes etwa durch Raketeneinschlag oder Umwelteinflüsse zerstört würde. Das Besondere an diesem Computernetzwerk war, dass es keinen Zentralrechner gab, der den Datenfluss steuerte, sondern alle Rechner gleichberechtigt agieren konnten. Nach diesem Prinzip funktioniert das Internet noch heute.
Mit dem Ausbau des Netzes durch den Anschluss weiterer lokaler Netzwerke erhielt das Internet seine heutige, weltumspannende Struktur. Es waren zunächst vor allem Hochschulangehörige, die die Möglichkeiten des erweiterten Netzes nutzten und dieses mit einem breiten Informationsangebot versorgten. Aber auch immer mehr Amateure schlossen sich dem Internet, wie das Netzwerk seit 1983 genannt wurde, an. Im Jahr 1990 wurde dann erstmals durch einen kommerziellen Anbieter die Möglichkeit zur Direkteinwahl in das Internet geschaffen, und im Jahr 1991 etablierte sich das World Wide Web (WWW), das durch seine einfache Bedienbarkeit und Multimediatauglichkeit entscheidende Voraussetzungen für die heutige Verbreitung des Internets schuf. Die weitere Entwicklung des Internets wird nach Münker, Roesler (2002, S. 15) wesentlich durch drei Faktoren bestimmt:
schnellere Übertragungswege
übersichtlichere Eingangsportale
zunehmende technische und inhaltliche Konvergenz verschiedener Medien.
Das Internet umfasst mehrere Dienste, die sich im Laufe der Entwicklung herausgebill det haben und unterschiedliche Aufgaben erfüllen. So ist es möglich, Nachrichten ze verschicken, Großrechner vom eigenen PC aus zu bedienen, Programme auf die Fest, platte zu kopieren, Informationen verschiedenster Anbieter abzurufen oder sich auch mit anderen Personen rund um den Erdball zu unterhalten. Waren diese Dienste zunächsd vor allem durch die Nutzung unterschiedlicher Software für die Nutzer eindeutig ge4 trennt, so wuchsen sie mit der Verbreitung des World Wide Web und der Programme zur Darstellung der Inhalte am Bildschirm (Browser) immer mehr zusammen. Heute haben einige der ursprünglichen Dienste, wie FTP (File Transfer Protocol) oder Telnet, für den „Normalanwender" weitestgehend an Bedeutung verloren, andere sind in den Browsertechnologien verschmolzen.
E-mail oder Electronic Mail (elektronische Post) bezeichnet den Austausch digitalisierter Mitteilungen zwischen Computern, wobei es unerheblich ist, wo sich sendende und empfangende Computer weltweit befinden. Die Vorteile dieses Verfahrens gegenüber: der herkömmlichen Post liegen in der hohen Übertragungsgeschwindigkeit, der ständigen Verfügbarkeit, den niedrigen Kosten und der Möglichkeit, die Nachrichten elektronisch weiterzuverarbeiten. Email kann auch zum Übermitteln von Grafik-, Audio-, Video und Programmdateien genutzt werden.
News (auch: Netnews oder Usenet-News) können verstanden werden als „schwarze Bretter" für Informationen, Anfragen oder Hinweise aller Art. Oft haben sie den Charakter öffentlicher Diskussionsforen und sind ihren Inhalten nach in Newsgruppen organisiert. Um Übersichtlichkeit herzustellen, sind im Usenet Hauptgruppen definiert wie „comp' (Informatik und verwandte Themen), „news" (Newsnetwork und Newsprogramme), „rec" (Hobbys und Freizeitaktivitäten). Jede Newsgruppe hat eigene Regeln, weshalb es angeraten erscheint, die sogenannten FAQs (Frequently Asked Questions) der jeweiligen Gruppe zu berücksichtigen. Dies sind instruktive Textdokumente, die Antworten auf häufig gestellte Fragen enthalten und so vor Wiederholungen oder Regelverstößen bewahren.
IRC steht für Internet Relay Chat, einem Dienst, der die gleichzeitige Kommunikation per Tastatur zwischen mehreren Rechnern ermöglicht. Nach Auswahl eines Themengebietes (Channel) kann der Anwender sich „live" in ein „Gespräch" einschalten, d.h. alle abgeschickten Mitteilungen erscheinen direkt auf den Bildschirmen der beteiligten Personen, was allerdings zu unübersichtlichen Textansammlungen führen kann. IRC wird in der Regel von jungen Leuten als Freizeitmedium zum „Plaudern" über belanglose Themen und zum Flirten genutzt.
Das WWW (World Wide Web) ist der jüngste und derzeit wohl interessanteste Internetdienst. Es handelt sich auf der einen Seite (Anbieter) um den Zusammenschluss von Rechnern (Server), die multimediale Dokumente (Homepages, Web-Seiten) bereithalten und auf der anderen Seite um eine Personengruppe (Nutzer), die mittels ihrer Rechner (Client) über internationale Datenleitungen auf die bereitgestellten Dokumente zugreifen kann. Prinzipiell kann jeder Nutzer auch selbst Inhalte erstellen und im Netz veröffentlichen. Das World Wide Web beruht auf den Prinzipien des >Hypertext, d.h. einzelne Seiten sind durch Hyperlinks miteinander verknüpft. Durch Aktivierung dieser Links verzweigt der Nutzer zu anderen Seiten. So kommt es zum sog. „browsen', dem assoziativen Verfolgen interessant erscheinender Links, was oftmals mit einem Orientierungsverlust verbunden ist („Lost in Hyperspace"). Aufgrund dieses HypertextPrinzips ist das WWW nicht nur ein technisches, sondern auch ein inhaltliches Verbundsystem. Durch die multimediale Oberfläche, die einfache Bedienbarkeit, die Vereinnahmung anderer Dienste unter die einheitliche Oberfläche der Browser und die Bereitstellung massenwirksamer Inhalte hat sich das World Wide Web (neben dem E-mail-Dienst) als wichtigster Internet-Dienst etabliert.
Das Internet ist ein sich selbst verwaltendes System, bei dem der Datenverkehr durch die beteiligten Rechner bzw. deren Software organisiert wird. Die Datensätze gelangen aufgeteilt in Pakete auf unterschiedlichen Wegen vom Sender zum Empfänger, wobei das System durch Router den jeweils günstigsten Weg durch das Netzwerk ermittelt. Je nach verfügbaren Rechnern und Auslastung der Verbindungen kommt es zu immer neuen Transportwegen zwischen den beteiligten Rechnern, deren Informationsaustausch durch Protokolle geregelt wird. Aus technischer Sicht umfasst das Internet die Netze, die auf Grundlage der TCP/IP-Technologie untereinander kommunizieren. Das „Transmission Control Protocol" (TCP) ist dabei für das Zerlegen der Daten in Pakete und das Wiederzusammenfügen dieser Pakete verantwortlich; das „Internet Protocol" (IP) ermöglicht die Adressierung der einzelnen Pakete und sorgt für den Transport zum Zielrechner. Weitere Protokolle für die Nutzung der einzelnen Internet-Dienste, wie z.B. das File Transfer Protocol für den FTP-Dienst oder das HyperText Transfer Protocol (HTTP) für die Nutzung des World Wide Web, setzen auf der TCP/IP-Basis auf und erweitern diese.
Die für die Verbreitung des Internets wohl bedeutendste technische Neuerung war die Entwicklung des World Wide Web mit seiner Auszeichnungssprache HTML (Hyper Text Markup Language). Diese ermöglicht es nach kurzer Einarbeitungszeit, Texte und Grafiken zur Informationsweitergabe zu gestalten und auf einem Bildschirm zur Darstellung zu bringen. Die ursprüngliche HTML ist mittlerweile durch Elemente von Programmiersprachen umfassend erweitert worden, so dass die Umsetzung aufwendiger multimedialer Anwendungen ermöglicht wurde (Dynamic HTML oder DHTML). Mit Hilfe der Sprachen Java und JavaScript können so Programme auf dem Rechner der Nutzer (clientseitig) ausgeführt werden, mit Hilfe von Technologien wie Active Server Pages (ASP) oder PHP werden z.B. Datenbankabfragen auf Seiten des Anbieters (server-seitig) werkstelligt. Die Möglichkeiten, multimediale Inhalte mit hohem interaktivem Charakter im Internet anzubieten, wurden durch die Shockwave Technologie der Firma Macromedia, welche immer größere Verbreitung im World Wide Web findet, noch erweitert.
„Das Internet wirkt nicht nur auf den ersten Blick chaotisch. Was erwartet man auch von einem System, das von niemandem verwaltet oder organisiert wird und das trotzdem funktioniert." (Cole 1995) Diese Aussage hat ihre Gültigkeit nicht verloren, au. nicht angesichts weitreichender Reglementierungsversuche durch nationale Gesetzg bungen und der Bemühungen von Industriekonzernen, proprietäre Standards zu etablieren. Dennoch ist das Internet weder ein regelloser noch ein rechtsfreier Raum (vgl. Döring 2003, S. 25). Regeln werden allerdings von den Nutzern selbst für klar umgrenzte Bereiche des Internets geschaffen, z.B. für einzelne Diskussionsforen oder sog. Chatrooms. Die Nutzer einigen sich auf Regeln, deren Missachtung zu Sanktionen durch die Gruppe der etablierten Nutzer führt. Diese Regeln selbst werden als Netiquette oder in Form von FAO (Frequently Asked Questions) innerhalb des zu reglementieren Bereiches veröffentlicht, sind aber nicht unumstößlich, sondern unterliegen der Diskussion durch die Gruppe der Nutzer. Die Einflussnahme nationaler Gesetzgebungen wurde mit der zunehmenden Verbreitung und Kommerzialisierung immer dringlicher, zum einen um wirtschaftlichen Interessen eine Rechtsgrundlage zu bieten, zum anderen um der wachsenden Bedrohung durch kriminelle Inhalt zu begegnen. Nationale Gesetzgebungen zu Internetnutzung bilden in einigen totalitären Staaten auch die Grundlage zur Reglementierung des Zuganges der Bürger (z.B. in China oder Saudi-Arabien).
Zunächst entwickelte sich das Internet, angetrieben von engagierten Programmierern und Technikern und enthusiastischen Nutzern, erfolgreich weiter. Solange diese Nutzergruppe weitgehend frei von wirtschaftlichen Interessen blieb und die Begeisterung für die Möglichkeiten dieses neuen Mediums Antrieb für die Weiterentwicklung war, funktionierte die Selbstverwaltung durch die Nutzer reibungslos. Mit dem Ziel, das Internet wirtschaftlich zu verwerten und der damit verbundenen exponentiellen Vergrößerung der Nutzerzahl, wurde die Selbstverwaltung zunehmend schwerer und gleichzeitig auch die Möglichkeiten, Auswüchse zu verhindern. Der zwanglose Charakter des Internets zeigt sich aber noch in der Arbeit der Organisationen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, die Entwicklung des Internets zu begleiten und voranzutreiben. Sowohl die Internet Society (ISOC), die sich mit zentralen Fragen zur Funktionsweise und zum Aufbau des Internets befasst, als auch das World Wide Web Consortium (W3C) veröffentlichen die Ergebnisse ihrer Arbeit nicht als verbindliche Standards, sondern als Empfehlungen.
Der Begriff Internet ist ein Konstrukt für etwas, das an sich nicht greifbar ist: „Genau genommen gibt es das Internet nicht." (Cole 1995) Es enthält Informationstechniken und Kommunikationswerkzeuge, verschiedene Dienste und Nutzungsformen, Insider und gelegentliche Anwender, Möglichkeiten und Visionen; alles ist in stetiger Entwicklung begriffen. Es umfasst eine technische Seite (Werkzeuge, Daten und Quellen) und eine soziale Seite (Handeln der Nutzer in kommunikativen Bezügen), wobei beide Seiten einer permanenten Wechselwirkung unterliegen. Versucht man das Internet in den Kontext von >Medientheorie und >Massenkommunikation einzuordnen wird deutlich, dass mit dort vorfindbaren Begriffsbestimmungen und einer Fixierung auf Einzelmedien das sich technisch, strukturell und inhaltlich stetig verändernde Kommunikationsphänomen Internet nur bedingt erfasst werden kann. „Das Internet nötigt zu einer medienübergreifenden Sichtweise." (Neuberger 2002, S. 55) Es weist durch seine Aufhebung der dichotomen Rollenfixierung auf Sender und Empfänger sowie durch seine generelle Offenheit für Nutzer und Inhalte weit über die Charakterisierung der Massenmedien als Instrumente der Einwegkommunikation hinaus. „Mit den neuen medialen Technologien wie dem Internet wird die gewohnte Trennung zwischen den Produzenten und den Rezipienten im Prozess der öffentlichen Kommunikation aufgehoben." (von Liechtenstein 2002, S. 14).
Unter Berücksichtigung seines kommunikationsverändernden Potentials ist das Internet mit seinen verschiedenen - als Einzelmedien auszuweisenden Diensten - ein umfassendes Multimediasystem, das eine eigene Kultur mit eigener Sprache, eigenen Kunstformen und eigenem Regelwerk entwickelt hat. (vgl. Herz 1996) Damit scheint sich das traditionelle Medienverständnis aufzulösen, in jedem Fall ist es auszuweiten. Technische, soziale und kulturelle Veränderungen im Medienbereich sind „nicht Ursache, sondern selbst schon Ausdruck einer geänderten gesellschaftlichen Bedarfslage" (Hartmann 2002, S. 60). In diesem Zusammenhang verstärken sich interdisziplinäre Ansätze, die das Internet und die Gemeinschaft der Nutzer (Cyberkultur, Online-Communities) in einer ethnografischen Vorgehensweise zu erfassen versuchen, um spezifische Kulturformen virtueller Gemeinschaften zu erfassen. (vgl. Köhler 2003, S. 173).
Nach dem Motto „schneller informieren, besser lehren, effizienter lernen" wird im Zuge des Multimedia- und Internetbooms der 90er Jahre den neuen technischen OnlineKommunikationsmitteln eine leistungsfördernde Omnipräsenz zugeschrieben, die auch zur Neubelebung einer vermeintlich überholten Mediengläubigkeit führt. (>Multimedia) Mit technologisch ausgerichteten Lernkonzepten wie E-Learning, Telelearning, Learning on demand oder Edutainment verbinden sich mitunter vollmundige Ankündigungen einer „Revolution des Lernens" (Papert 1994) und Forderungen nach radikaler Änderung des Schulsystems, das als ineffizient, reformunfähig und ungeeignet für das Informationszeitalter deklariert wird. Hoffnungsträger für ein besseres Bildungssystem sind Konzepte und Initiativen technologiebasierten Lernens wie virtuelle Universität, selbstgesteuertes oder selbstinitiiertes Lernen, Qualifizieren auf eigene Faust, die ausgehend von bildungstechnologischen Didaktikansätzen, lernsteuernden Instruktionstheorien und technisch-organisatorischen Veränderungen der Arbeitswelt („lernende Organisation", systematische Rationalisierung", „Ende der Arbeitsteilung") die Eigenverantwortlichkeit des Individuums zum lebenslangen Lernen wieder entdecken. (Vgl. Straka 1996, S. 60).
Die hohen bildungstechnologischen Erwartungen haben sich bislang nicht erfüllt. Gerade die Erfahrungen mit finanziell stark geförderten Projekten zur Computerisierung und Vernetzung von Bildungseinrichtungen z.B. Schulen ans Netz und Virtuelle Universität verdeutlichen, dass es bei weitem nicht ausreicht, technische Ausstattungen vorzunehmen, wenn entsprechende Bildungskonzepte und Schulungen des Lehrpersonals fehlen oder Fehleinschätzungen unterliegen. „Deutsche Hochschulen haben Online-Angebote am Nutzer vorbei entwickelt", so lautet z.B. die herbe Kritik von OECD-Fachleuten (Schmidt 2004, S. 11). Technik alleine bleibt zumindest im Bildungsbereich wirkungslos. Mit ihr verbindet sich allerdings ein weiterer, kritisch zu betrachtender Trend, die Kommerzialisierung von Bildung. Die Möglichkeit der weltweiten Distribution von Lernund Ausbildungsmaterialien durch das Internet steigert ihren ökonomischen Wert, zeigt ihren Warencharakter. Bildung wird immer mehr zu einem Produkt, das sich vermarkten lässt. „Das Vordringen der neuen Medien in Schulen und Hochschulen, an sich durchaus begrüßenswert, droht zum Vehikel einer bloßen Technikoffensive zu verkommen, die nicht Allgemeinwissen aufbereiten, sondern rentable Häppchen meistbietend verteilen soll." (Leggewie 2002, S. 25 - 36).
Trotz aller berechtigten Kritik spielt das Internet in Didaktik und Bildungsplanung eine zentrale Rolle, kann es doch das Attribut eines nahezu unbegrenzten Informationsund Kommunikationspotentials für sich in Anspruch nehmen. Aktuelle internetbasierte Lernkonzepte haben sich von behavioristischen Begrenzungen gelöst, unterlegen verstärkt konstruktivistische Kognitions- und Erkenntnistheorien, die Lernen als „selbstreferentielle Konstruktion von Wirklichkeiten" (Siebert 1998, S. 37) verstehen und darauf basierend erfolgreiches Handeln ermöglichen. Dabei muss der Lerner nicht auf Betreuung oder soziale Interaktionen verzichten. „Es ist abzusehen, dass im Hochschul- und Weiterbildungssektor, wie im Ausland vielfach schon seit 20 Jahren praktiziert, die Zukunft gemischten didaktischen Designs gehören wird, in denen personale Lehr-Lern-Situationen mit „virtuellen" Lehrarrangements als blended learning die zeitgemäßen Bildungsangebote werden." (Beyer/Dichanz 2004, S. 47).
Nicht nur als Medium zum Transport von Informationen und Lehrinhalten gewinnt das Internet an Bedeutung, sondern auch als Lerngegenstand selbst. Der sichere Umgang mit den Informationsangeboten und der Software zu deren Abruf, Anzeige und Weiterverarbeitung gilt mittlerweile in vielen Berufsfeldern als Schlüsselqualifikation und selbst im Freizeitbereich als wesentliche Fertigkeit (>Medienkompetenz). Die vielfach befürchtete Aufteilung der Gesellschaft in User und Looser, in „Info-Haves und Havenots" (Falter 2002, S. 20) zeigt die Bedeutung der Computer- und Internet-Literacy. Während die jungen Generationen mit den Neuen Medien aufwachsen und unbefangen und neugierig an sie herantreten, bedeuten sie für ältere Generationen anspruchsvolle Herausforderungen und oftmals das Gefühl, dem aktuellen Mediengeschehen nicht mehr gewachsen zu sein. Die darin liegende Brisanz verdeutlichen Begriffe und Methaphern wie Mediengeneration, Generation @, oder Computer-Kids. Sie fokussieren einen gesellschaftlichen Wandel, der den bekannten pädagogischen und politischen Generationenkonfliktfeldern eine medienbezogene Variante in der Frage „nach einer natürlichen Nähe oder einem privilegierten Zugriff bestimmter gesellschaftlicher Gruppen auf die Computertechnologie" (Hebecker 2001, S. 11ff.) hinzufügt. Unter dem Aspekt der Medienkonvergenz, als „Integration von Online- und Offline-Medien" (Bahlmann 2002, S. 18), als „Mehrfachvermarktung von Inhalten und Verknüpfung von Trägerinhalten" (Theuenert/Wagner 2003, S. 11) sind Jugendliche besonders aufgeschlossen für das aufeinander abgestimmte Medienangebot (>Konvergenz), wobei sich neben der Begeisterung für problematische Medieninhalte auch „mögliche Problempotentiale für eine wünschenswerte Sozialisation" (Theunert/Wager 2002, S. 251) ergeben. Neuartig für soziale Lernprozesse sind auch Auswirkungen auf unsere bipolare Geschlechterrolle, denn das Internet bietet die Möglichkeit, „anonym und körperlos miteinander zu kommunizieren" und „Ungewohntes und Unerlaubtes", z.B. einen virtuellen Geschlechtertausch, gefahrlos zu erproben. (Funken 2002, S. 158 ff.).
Das Internet bietet im Rahmen einer Weltkommunikation riesige Mengen ungefilterter Daten und Informationen, nicht zuletzt auch Informationsmüll; es fungiert als technologische Struktur, die neuartige Kulturtechniken entwickelt und verwendet (Münker/ Roesler 2002); es bietet technische Lernplattformen zur Effektivierung des Bildungssystems (Kerres 2003; Nikolaus 2002; Strittmatter/Niegemann 2000; Baumgartner/Payr 2001); es ermöglicht elektronische Auktionen, digitale Märkte und peer-to-peer Netzwerke und erweist sich damit als wesentlicher Wirtschaftfaktor (Goldhammer 2002); es ermöglicht den Nutzern, „nicht nur Informationen zu rezipieren, sondern selbst als Produzent von Informationen, und auch als Konstrukteur von virtuellen Kommunikationssystemen aufzutreten" (Thiedecke 2003, S. 8). Doch wenn Menschen in vielerlei Situationen auf neue Art und Weise mit medialer Komplexität konfrontiert werden, müssen Wirkung und Ablauf der neuen Kommunikationsformen hinterfragt werden, müssen Wege zur Beherrschung der Medientechnologie für Individuum und Gesellschaft eröffnet werden, muss die Bildung einer Zwei-Klassen-Informationsgesellschaft und bezogen auf die sog. Dritte Welt der „Nord-Süd-Konflikt der Informationsreichen und
Informationsarmen" (vgl. German 1996, Kolb 2001, S. 12) verhindert bzw. verringert werden, soll sich der Nutzer nicht von seinem eigenen Werkzeug zum Werkzeug machen Lassen (vgl. Postman 1992). Diese Anforderung spiegelt sich auch in der aktuellen medienpädagogischen Wert- und Zieldebatte - repräsentiert in den Begriffen Medienkompetenz und Medienbildung. Zu fragen bleibt, wie das Internet im Hinblick auf soziale, partizipatorische und demokratische Zukunftsansprüche positiv entwickelt werden kann und welche Beiträge dazu Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und - durch Medienpädagogik initiiert - nicht zuletzt der Nutzer selbst leisten können.
Döring, N.: Sozialpsychologie des Internet. Die Bedeutung des Internets für Kommunikationsprozesse, Identitäten, soziale Beziehungen und Gruppen. Göttingen u.a. 2003.
Fasching, Th.: Internet und Pädagogik. Kommunikation, Bildung und Lernen im Netz. München 1997.
Höflich, J.R.: Mensch, Computer und Kommunikation. Theoretische Verortungen und empirische Befunde. Frankfurt/M. 2003.
Münker, S./Roesler, A.(Hg.): Praxis Internet. Kulturtechniken der vernetzten Welt. Frankfurt/ M. 2002.
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