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Autoren: Eisenbürger, Iris/ Vogelsang, Waldemar.

Titel: Video.

Quelle: Jürgen Hüther/ Bernd Schorb (Hrsg.): Grundbegriffe Medienpädagogik. 4., vollständig neu konzipierte Auflage. München 2005. S. 401-408.

Verlag: kopaed verlagsgmbh.

Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlags.



Iris Eisenbürger / Waldemar Vogelgesang

Video

1. Video - ein Medienträger im Wandel

Das neue Zauberwort, das Sesam, öffne dich', das uns der Medienmarkt der unbe­grenzten Möglichkeiten' bescheren soll, heißt Video" (Schlötzer 1982, S. 136). Was Anfang der 1980er Jahre als zukunftsweisendes Produkt der Unterhaltungsindustrie prognostiziert wurde, ist Realität geworden - allerdings mit einer recht kurzen Halb­wertzeit. Denn in den Videotheken und privaten Filmarchiven heißt immer häufiger die Devise: digital statt analog. Die neuen Zauberwörter der Medienbranche und des Medien­diskurses lauten: Digitalisierung der Medien (Pasch 2003), Medienkonvergenz (Theunert/ Wagner 2002) und mediale Konnektivität (Nepp 2004).

Dass sich die Medienlandschaft wie kaum eine andere gesellschaftliche Sphäre durch ein enormes Wandlungs- und Innovationspotential auszeichnet, verdeutlicht nicht zuletzt auch ein kurzer Blick in die Geschichte der Videotechnik und ihrer Veränderung (Zielin­ski 1986). Zwar wurde schon in der Stummfilmzeit mit dem Einfrieren von bewegten Bildern experimentiert, aber erst im Jahre 1956 entwickelte die US-amerikanischen Firma Ampex die ersten Gerätemodelle zur elektromagnetischen Aufzeichnung von Bil­dern und Tönen. Der entscheidende Vorteil gegenüber dem herkömmlichen Verfahren lag darin, dass die gespeicherten Bild- und Tonaufnahmen praktisch sofort reproduzier­bar waren und nicht erst, wie beim Zelluloid, entwickelt werden mussten. Der Elektro­konzern Philips war es dann, der Videorekorder und -kassetten auf den Markt brachte, die auch für den Privatgebrauch nutzbar sein sollten, allerdings mit einer anfänglich recht kurzen Spieldauer und bescheidenen Bildqualität.

Der Durchbruch von Video als einem Medium der Distribution audiovisueller Waren für den Massenmarkt erfolgte Ende der 1970er Jahre durch die weltweite Verbreitung der japanischen Systeme Betamax und VHS sowie - ab 1980 - dem deutsch-niederländi­schen System Video 2000, die aufgrund ihrer längeren Spieldauer, großen Zuverlässig­keit, guten Wiedergabequalität und des relativ günstigen Preises den eigentlichen Video­boom weltweit erst auslösten. In einem harten Verdrängungswettbewerb gelang es VHS, in wenigen Jahren eine Monopolstellung zu erobern, so dass bereits Ende der 1980er Jahre 90% aller Videohaushalte über dieses System verfügten (Hoffmann 1989). Aber im Zuge der allgemeinen Digitalisierung der Medien gerät die videospezifische Magnetbandtechnik zunehmend unter Innovationsdruck, so dass davon auszugehen ist, dass in wenigen Jahren das alte System durch neue digitale Techniken zur Filmauf­zeichnung und -wiedergabe (z.B. in CD-Form wie DVD, D-VHS, PVR etc.) ersetzt werden dürfte.

Verschärft wird die Konkurrenzsituation noch durch ein breit gefächertes Angebot an öffentlichen und vor allem privaten Fernsehkanälen und Programmen seit Anfang der 1990er Jahre (>Fernsehen), deren individualisierte Angebotsstruktur immer mehr ei­ner virtuellen Videothek gleicht (Stichwort: Video-on-Demand), in der sich für jeden Filmgeschmack etwas findet. Angesichts dieser neuen Marktverhältnisse, die sich in einem deutlichen Rückgang der Verleih- und Verkaufszahlen widerspiegeln, setzt die Videobranche verstärkt auf die Vorzüge digitalisierter Trägermedien, um verlorene Markt­anteile zurückzuerobern. Entsprechend hat sich die DVD (Digital Versatile Disc) inzwischen zum „Hoffnungsträger der Videoverleih- und Verkaufsbranche entwickelt" (Turecek u.a. 2000, S. 184), da sie sich im Vergleich zur VHS-Kassette durch neue Qualitätsmerkmale auszeichnet, wie z.B. einer größeren Speicherkapazität, mitgelieferten Zusatzinforma­tionen in Form von Hintergrundberichten zum Film oder auch Synchronisationen in verschiedenen Sprachen bzw. Untertiteln, höherer Qualität und leichterer Handhabung. Ein Blick auf die Umsatzentwicklung verdeutlicht dies: Die Verleih- und Verkaufszahlen von DVDs verzeichnen in den letzten Jahren starke Zuwächse (siehe Tabelle).

Tabelle: Umsatzentwicklung im Videomarkt 1998-2002 (in Mio Euro)


1998

1999

2000

2001

2002

VHS-Verleih1
DVD-Verleih

326
-

340
-

341
-

316
41

218
141

VHS-Verkauf2
DVD-Verkauf

536
-

478
42

423
170

383
407

328
713

Gesamtumsatz aus VHS- und DVD-Verleih und -Verkauf

826

860

934

1146

1400


Quelle: GfK im Auftrag des Bundesverbandes Audiovisuelle Medien, Filmstatistisches Jahrbuch 2003



Ablesbar ist die technische Innovation auch an den Abspielgeräten. Während 2002 fast drei Viertel (72%) der Haushalte mit VHS-Recordern ausgestattet waren, eine Zahl, die sich seit Jahren auf diesem Niveau eingependelt hat, ist die Zahl der Haushalte mit DVD-Playern seit 1999 sprunghaft von 0,9% auf 21% (dies entspricht 7 Mio. Haushal­ten) im Jahr 2002 gestiegen (Bundesverband Audiovisuelle Medien 2003). Entgegen früherer Prognosen, die eine Abkehr vom Medium Video befürchteten, hat sich der Videomarkt durch die DVD-Technik mit über einer Milliarde Euro Umsatz in den Jahren 2001 und 2002 wieder zu einer Wachstumsbranche entwickelt.

2. Rezeption von Videofilmen - Daten und Fakten

Trotz der großen Verbreitung von Video- und DVD-Geräten stand im Jahr 2001 Laut einer repräsentativen Jugendstudie das „Ansehen von Videos" bei jugendlichen Rezi­pienten nur an achter Stelle der häufig ausgeübten medialen Freizeittätigkeiten. (>Jugend und Medien) Fernsehen, Musik, Computer und Internet, aber auch das Lesen von Zeitungen, Zeitschriften und Büchern werden von den Jugendlichen bevorzugt (Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest 2002, S. 15). Auch zwei große Regionalstudien, die 1985 und 2000 in ausgewählten rheinlandpfälzischen Städten, Gemeinden und Dörfern durchgeführt wurden (Vogelgesang 2001, S. 104f.), kommen zu vergleichbaren Ergebnissen: Fernsehen und Musikhören sind seit Mitte der 1980er Jahre die unangefochtenen Spitzenreiter im jugendlichen Medienensemble. Den größten Zuwachs in diesem Zeitraum verzeichnet der Computer; sein Nutzungsanteil hat sich fast verdoppelt (47% zu 80%). Zu den größten Verlieren, jedenfalls hinsichtlich der Intensität der Nutzung, zählt das Medium Video. Gaben in der '85-Studie noch 28% der Jugendlichen an, sich täglich bzw. mehrmals die Woche Videofilme anschauen, so wa­ren es im Jahr 2000 nur noch 10%.

Dieser Rückgang ist nur zum geringsten Teil auf ein auch derzeit noch bestehendes Stadt-Land-Gefälle im jugendlichen Videokonsum zurückzuführen - ein Aspekt, der in früheren Jugendmedienstudien (Spanhel 1990) sehr viel ausgeprägter nachgewiesen werden konnte -, sondern er scheint weitaus stärker durch einen allgemeinen Attrakti­vitätsverlust dieses Mediums und/oder ein besonders selektives Medienverhalten der Jugendlichen bedingt zu sein. „Videos sind heute nur zweite Wahl", so ein 19-jähriger Berufsschüler (Rudolf), „ein Lückenfüller, wenn nichts Besseres zur Hand ist. Oder man hat Lust auf einen Topfilm oder halt was Ausgefallenes, was im Kino und Fernsehen nicht zu sehen ist, dann ist Video angesagt." Rückläufig ist auch die in den späten 1980er Jahren häufig beobachte Bildung von so genannten Video-Cliquen (Vogelgesang 1991), in denen sich Jugendliche mehr oder weniger regelmäßig spezifische, extrem gewalthaltige Genres von Action- und Horrorfilmen ansahen und die Fangruppe die Genese von zum Teil sehr anspruchsvollen - aber auch eigenwilligen - Rezeptionsfor­men stimulierte.

Was für die Videosehgewohnheiten der Jugendlichen gilt, lässt sich durchaus verallge­meinern: Die Zahl der Nutzer und die Intensität der Nutzung haben abgenommen. Denn trotz einer Zunahme der Ausstattung mit Video- und DVD-Geräten in den Haushalten geht die Sehdauer und die Zahl der Videorezipienten auch bei den älteren Jahrgängen zurück (Turecek u.a. 2003, S. 80f.). Kaum verändert hat sich hingegen die Altersstruk­tur der Nutzer. Denn zu den eifrigsten Videothekenkunden zählen nach wie vor die Postadoleszenten, d.h. Jugendliche und junge - meist männliche - Erwachsene zwi­schen 20 und 30 Jahren, die sowohl im VHS- als auch im DVD-Bereich rund die Hälfte der gesamten Kundschaft ausmachen. Bei ihren Filmpräferenzen ist dabei ein starker Trend zum Mainstream erkennbar. Denn sowohl die Verleih-Top-Tens (bei VHS und DVD) als auch die DVD-Verkaufs-Ranglisten der Jahre 2001 und 2002 können als zeitlich nachgelagertes Abbild der Kinocharts aufgefasst werden, d.h. sie werden stark von US­amerikanischen Blockbusterfilmen dominiert - und vermehrt im DVD-Format rezipiert. Die Ausnahme bilden hier der Bereich der Kinderunterhaltung (>Kinder und Medien), wo Sparzwänge ganz offensichtlich noch den Griff zur VHS-Kassette bestimmen, und ältere oder selten nachgefragte Spielfilme, die noch nicht auf DVD verfügbar sind. Da aber insgesamt die Digitalisierung der (Video-)Medien nicht mehr aufzuhalten sein dürfte, ist es nur eine Frage der Zeit, bis die DVD ihren Siegeszug auch in den Sparten­genres antreten wird.

3. Video-Piraterie am Rande der Legalität

Dass sich die wachsende Nachfrage nach digitalisierten Filmen aber keineswegs nur in legalen Bahnen vollzieht, gehört zu den problematischen Erscheinungen des (neuen) Videomarktes. Denn neben dem Kaufen und Leihen gewinnt als dritter Beschaffungs­weg das meist illegale Kopieren zunehmend an Bedeutung. Dabei handelt es sich aber zunächst einmal keineswegs um eine neue Entwicklung. Untersuchungen des jugendli­chen Medienhandelns zeigen nämlich, dass illegale Bezugsquellen fester Bestandteil des Medienfantums sind und als kleines anarchistisches Spiel zum Gruppen- bzw. Szene­habitus gehören. Besonders markant sind in diesem Zusammenhang die Erfahrungen im Zuge der Novellierung des Jugendschutzgesetzes im Jahre 1985, die deutlich gemacht haben, dass die Verschärfung der Verleihbestimmungen für bestimmte inkriminierte Videofilmgenres ein markt- und erwachsenenunabhängiges Verteilersystem entstehen ließen, eine Art Subwelt, die nur den Insidern zugänglich war. Während die jugendli­chen Horror- und Splatterfans gleichsam in oppositioneller Manier und bewusster Ab­grenzung von den Regeln der Erwachsenenwelt ihre illegale Filmbeschaffung richtigge­hend inszenierten, ist für die heutige Generation von DVD-Kopisten die illegale Filmbe­schaffung zu einer spannungsarmen Routinetätigkeit geworden, wobei ihnen ihre wach­sende Kompetenz gerade im Umgang mit Computer und Internet durchaus entgegen kommt. (>Medienkompetenz) Ähnlich wie bei den jugendlichen Musikpiraten (Haug/ Weber 2002) sind auch die illegalen Film-Downloads schon beinah zu einer Art Hobby für die erste Multimedia-Generation geworden, wobei an manchen Schulen bereits ein regelrechter Handel mit selbst gebrannten Spiele-, Musik- und Filmkopien entstanden ist. Was uns ein 17-jähriger Schüler zur heutigen Beschaffungsrealität von digitalisier­ten Musikstücken jenseits der geltenden Urheberrechtsbestimmungen sagte, dürfte in absehbarer Zeit auch für die illegale Vervielfältigung von filmischen Medienträgern gelten: „CD-Rohlinge sind billig und einen Brenner haben viele heute auch schon. Also warum dann die teueren Musik-CDs kaufen. Man tauscht, was man hat. Und wer nichts hat, muss halt bezahlen" (Fabian). Ob die Jugendlichen wissen, dass sie hierbei mit dem Feuer spielen? Die Hersteller können nämlich den Schaden notfalls bei den Eltern einklagen.

Dass der sich abzeichnende archaische Tauschmarkt auch an den sinkenden Umsatz­und Verkaufszahlen der Medienkonzerne ablesbar ist, verdeutlicht ein Blick auf die Bilanzen. Besonders dramatisch sind die Einbrüche in der Musikbranche, die allein im Jahr 2001 einen Umsatzrückgang von über 10% zu verzeichnen hatte (Gebhardt 2002). Aber auch im Videosektor hinterlässt die grassierende private Kopiertätigkeit bereits erste Spuren. Denn während 2001 die Spielfilmpiraterie im Gegensatz zu den illegalen Musikdownloads so gut wie bedeutungslos war, wurden nach Zahlen der GfK im Jahr 2002 allein in Deutschland 15,5 Millionen Spielfilme aus dem Internet heruntergeladen und 59 Millionen Rohlinge mit Filmen bespielt (Filmförderungsansta(t 2003). Auffällig ist dabei, dass es ganz offensichtlich auch eine besondere Form individualisierter Film­beschaffung und -zusammenstellung ist, die im Internet verfügbare originalgetreue Filmkopien für viele so interessant machen. Die Idee des Heimkinos, mit der die Video­branche lange Zeit sehr erfolgreich für privatisierte und intimisierte filmische Rezepti­onsformen geworben hat, wird in der Netzwerkgesellschaft (Castells 2001) gleichsam radikalisiert. Denn das Internet bietet dem Einzelnen eine transkulturelle Plattform und ein cineastisches Potpourri für jeden noch so individuellen Filmgeschmack.

Dass der mittlerweile völlig unübersichtlich gewordene Videomarkt mit seinem ständig steigenden Filmangebot und den gleichzeitig ebenfalls zunehmenden illegalen Ver­triebskanälen vor allem für minderjährige Jugendliche zahlreiche indizierte und sogar konfiszierte Filme sehr (bzw. zu) leicht zugänglich macht, wird in der Gewaltdebatte im Medienbereich und im Jugendmedienschutz durchaus kritisch gesehen und zeigt, dass auch die medienethische und -pädagogische Beschäftigung mit Video nichts von ihrer Aktualität verloren hat (>Gewalt). Video als sozio-mediales Phänomen bleibt auf der Tagesordnung. Dabei sollte aber nicht übersehen werden, dass gerade die Raubkopie schon immer die Geschichte aller Medien begleitet hat wie ein Schatten. Angefangen bei Abschriften von Büchern über die Aufnahme von Musik auf Kassette oder das Kopie­ren von Videofilmen bis zum unzulässigen Übertragen von Datenfiles und Computerpro­grammen, im Gleichschritt mit den zahlreichen Medieninnovationen machten sich fin­dige Köpfe in einer fortwährenden Spirale der gegeneinander ausgespielten Möglich­keiten jedes neue technische Hilfsmittel zunutze, um Originale zu kopieren und zwar entweder für den Eigengebrauch oder die - oft auch entgeltliche - Weitergabe an Dritte. Ob Fälschung, Raubdruck oder das Cracken einer DVD-Kopiersperre, was dabei immer auch sichtbar wird, ist die Tatsache, dass der Kopierschutz meist sehr viel schneller umgangen wurde, als das jeweilige Rechtssystem an die neuen Gegebenheiten ange­passt werden konnte. Die illegalen DVDs machen da keine Ausnahme. Und wie schon oft zuvor, ist auch bei den schädlichen Filmklonen zu befürchten, dass rechtliche Restrik­tionen das Kopierverhalten weder der Jugendlichen noch der Erwachsenen entschei­dend kontrollieren - und damit reduzieren - werden.

4. Medienpädagogik und Video

Wenn auch in der bisherigen Betrachtung Video in seiner spezifischen Funktion als Trägermedium für Spielfilme im Mittelpunkt stand, so erschöpft sich darin keineswegs seine Verwendung. Denn nach wie vor spielt das Medium eine wichtige Rolle bei der Aufzeichnung von Fernsehsendungen und geradezu explosionsartig haben sich seit Be­ginn der 1980er Jahre zwei Derivate - Musikvideos und Videospielkonsolen/Computer­spiele - auf dem Medienmarkt etabliert und im Medienensemble der Heranwachsenden einen festen Platz erobert (>Computerspiele). Großen Zuspruch finden seit Ende der 1980er Jahre auch die integrierten Kamera-Recorder (Camcorder), deren multifunktio­nale Verwendung - und zunehmende Miniaturisierung und Digitalisierung - einen neu­en Markt für passionierte Hobbyfilmer, aber auch professionell arbeitende Videokünst­ler (von Jean Luc Godard bis Nam June Paik) und sich selbst inszenierende (und ver­marktende) Privatpersonen im Internet entstehen ließen. Auch als Lehrmedium sind Videofilme und -aufzeichnungen nicht mehr aus dem klassischen Kanon didaktischer Instrumentarien hinwegzudenken, wobei sein Einsatz von Veranschaulichungshilfen über die kritische Auseinandersetzung mit Bildmanipulationen bis zur Selbstbeobach­tung in Lehrverhaltenstrainings und Managerschulungen reicht.

Aber nicht nur in rezeptiver Weise findet Video in Lehr- und Lernprozessen Anwendung, sondern auch als Medium aktiver Gestaltung und interaktiver Nutzung. So werden z.B. schon seit längerer Zeit in der Aus- und Weiterbildung interaktive Video-Dialog-Syste­me eingesetzt. Aber eine weitaus höhere Bedeutung kommt der aktiven Videoarbeit im Bildungsbereich zu. Ob in Schulen, Medienzentren oder in Jugendeinrichtungen, die Eigenproduktion von (dokumentarischen und/oder fiktionalen) Videofilmen eröffnet neue Chancen des Selbstausdrucks, der Gruppen- und Projektarbeit, der medialen Wis­senserweiterung, der Kommunikations- und Kritikfähigkeit, letztlich der sozialen und medienbezogenen Handlungskompetenz. Die Wurzeln dieser Form von kritischer und ei­genproduktiver Medienverwendung lassen sich bis in die 1920er und 1930er Jahre zu­rückverfolgen und haben in dieser Zeit vor allem in der von Bertolt Brecht entwickelten Radiotheorie ihren konzeptionell überzeugendsten und gesellschaftspolitisch weitreichend­sten Ausdruck gefunden. (>Aktive Medienarbeit, >Videoarbeit, .>Medienkompetenz)



Viele Ideen des Brechtschen Emanzipationsradios sind in den 1970er Jahren über die kritische Medienpädagogik in die Konzeptentwicklung und Gestaltung aktiver Videoar­beit eingegangen. Video wurde euphorisch als Medium der politischen Emanzipation und Veränderung begrüßt. Insbesondere von der Jugendarbeit versprach man sich damals wichtige Anregungen und Impulse: Aktuelle Ereignisse sollten aktuell in Szene gesetzt werden, um zu propagieren und zu aktivieren. Video wurde als Instrument zur Aufklä­rung definiert, ja oft mit dieser gleichgesetzt. Das Schlagwort hieß Bildung einer Ge­genöffentlichkeit, die relevante, aber aus dem Diskussionsspektrum der öffentlichen Medienanstalten ausgeblendete oder verzerrt dargestellte Probleme aufarbeiten sollte. Letztlich verfolgte eine kritische Medienarbeit (Köhler 1980) die Intention einer Demo­kratisierung der Medienproduktionsverhältnisse, d.h. einer Aufhebung der Trennung zwischen Produzent und Konsument. Gleichzeitig sollten dadurch Jugendliche - und im Übrigen auch Erwachsene - von den etablierten Programmanbietern unabhängiger wer­den. (>Bürgerrundfunk)

Auch wenn viele dieser Zielvorstellungen sich rückblickend als illusionistisch erwiesen haben, Tatsache ist, dass sich heute aktive Medien- und Videoarbeit im schulischen und außerschulischen Bereich fest etabliert haben. Zudem ist gerade vor dem Hinter­grund der allgemeinen Mediatisierung von Kommunikation und Gesellschaft die aktive Auseinandersetzung und (Selbst-)Gestaltung von Medien notwendiger denn je. Dass dadurch auch Kulturdifferenzen transparent und kulturelle Toleranz gefördert werden können, setzt sich dabei nicht nur in der pädagogischen Fachdiskussion (Auernheimer 2002), sondern auch in der pädagogischen Praxis zunehmend durch. Das interkulturelle Projekt VideoCulture (Niesyto 2003) kann als prototypisch dafür angesehen werden, wie durch aktive Medienarbeit Kulturbegegnung und Kulturverständigung aussehen kann.

Wie immer dabei im Einzelnen die thematische Ausrichtung solcher Projekte fokussiert sein mag, sie muss an den Interessen, Bedürfnissen und Problemen der Betroffenen ansetzen. Deshalb sollte sich aktive Video-/Medienarbeit als Teil der Jugend- und Kul­turpädagogik begreifen mit dem Ziel der Vermittlung einer allgemeinen lebensprakti­schen Handlungskompetenz. Den immer dominanter werdenden Medien als Sozialisati­onsagenturen und den möglicherweise daraus resultierenden Defiziten im sozialen Ver­haltensrepertoire der Jugendlichen könnte dadurch entgegengewirkt werden, dass der verständliche Wunsch der jungen Menschen, sich durch eine überbordende Medienzu­wendung eigene Realitäten zu schaffen, durch konkrete und alltägliche Erkenntnis-, Erleb­nis- und Mitteilungsweisen immer wieder ausbalanciert wird. Nur in einer lebensweltlich ausgerichteten Jugend- und Medienpädagogik ist ein solcher Anspruch einlösbar.

Literaturempfehlungen:

Adelmann, R./Hoffmann, H./Nohr, R. F. (Fig.): REC - Video als mediales Phänomen. Weimar 2002.

Uka, W.: Video. In: Faulstich, W. (Hg.): Grundwissen Medien. 3. Aufl. München 1989, S. 392­-412.

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1Bis 2000 VHS- und DVD-Verleih

2Bis 1998 VHS- und DVD-Verkauf

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