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Autor: El Faddagh, Mahha/ Nagenborg, Michael.
Titel: Gewalt ist eine Lösung – leider.
Quelle: Rötzer, Florian (Hg.): Virtuelle Welten – reale Gewalt. Hannover 2003, S. 44-49.
Verlag: Verlag Heinz Heise.
Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Autoren.
Mahha EI-Faddagh/ Michael Nagenborg
Gewalt ist eine Lösung – leider
Die Attraktivität von Gewaltdarstellungen lässt sich besser verstehen, wenn man sich die Tabuisierung von Gewalt im Alltag vor Augen führt
Die Anwendung von physischer Gewalt ist eine Handlungsoption, die jedem Menschen jederzeit zur Verfügung steht. Spätestens seit dem Zeitalter der Aufklärung haben wir ein gespaltenes Verhältnis zur Gewalt. Probleme durch Gewalt zu lösen, gilt als primitiv und barbarisch, was wir nicht sein wollen. Allein der Staat verfügt in den Ausnahmesituationen Verbrechen und Krieg über das Recht, Gewalt anwenden zu lassen. Im Alltag hingegen handeln wir nach der Maxime, dass Gewalt eine Lösung ist, die es nicht geben darf.
Gerade weil Gewalt für viele von uns nicht alltäglich ist, wird sie zu einem der entscheidenden Rohstoffe in der Aufmerksamkeitsökonomie. Sowohl aufgrund des Skandals, der in unseren Augen entsteht, wenn andere sie anwenden, aber auch, weil wir bereit sind, uns von der Einfachheit und Natürlichkeit des Gewaltakts in der fiktiven Welt der Medien unterhalten zu lassen. Wäre es nicht schön, wenn auch wir unsere Probleme wie im Western oder im Action-Film von „Mann zu Mann“ austragen könnten?
Die Ablehnung von Gewaltdarstellungen – insbesondere dann, wenn Gewalt als einfachste Lösung präsentiert wird – ist dabei nicht zuletzt vor dem Hintergrund der Ablehnung von Gewalt im Alltag zu betrachten. Diejenigen, die ohnehin davon überzeugt sind, dass der Mensch des Menschen Wolf und deswegen nur mittels strenger Gesetze in Schach zu halten ist, sind dementsprechend misstrauisch, ob wir angesichts dieser attraktiven Darstellungen nicht doch irgendwann schwach werden und zuschlagen.
Bernd Hüppauf spricht in seinem Aufsatz „Krieg, Gewalt und Moderne“ (1994) davon, dass der Aufstieg des Bürgertums von einer Denaturalisierung der Gewalt begleitet wird. Damit meint er, dass Gewalt nicht länger als Teil einer natürlichen und gottgewollten Ordnung betrachtet wird. Unseres Erachtens spricht einiges dafür, eher von einer Naturalisierung der Gewalt zu sprechen, was aber zu dem gleichen Ergebnis führt: In einer Gesellschaft, die sich an der Kultivierung der Menschheit als Leitidee orientiert, ist für die einfachen, natürlichen Handlungen kein Platz mehr. Kultiviertheit bedeutet nicht zuletzt, auf rohe Gewalt zu verzichten.
Dieser Gewaltverzicht ist nicht unproblematisch, wenn die Gesellschaft mit Gewalt konfrontiert wird. Sollte man in einer solchen Situation zu dem Schluss gelangen, dass Gewalt gerechtfertigt oder zumindest notwendig ist, dann gerät diese Gesellschaft in einen massiven Selbstwiderspruch.
Carl von Clausewitz warnt in seinem Buch „Vom Krieg“ (1835) jene „menschfreundlichen Seelen“ vor dem Irrtum, „es gebe ein künstliches Entwaffnen oder Niederwerfen des Gegners, ohne zuviel Wunden zu verursachen, und das sei die wahre Tendenz der Kriegskunst[:] Der Krieg ist ein Akt der Gewalt, und es gibt in der Anwendung keine Grenzen... .“
Diese Maßlosigkeit in der Anwendung von Gewalt nach außen scheint uns eines der spezifischen Merkmale der Moderne. Da wir uns nicht als potenzielle Gewalttäter betrachten und deshalb nicht über ein sinnvolles Maß für Gewalt sprechen können, werden wir im Ernstfall zu den schlimmsten Barbaren, die wir uns vorstellen können. Der prinzipielle Gewaltverzicht kann durchaus aus dem christlichen Gebot der Nächstenliebe abgeleitet werden. Dabei wird auch seine prinzipielle Schwäche deutlich. Kann das alttestamentarische „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ noch als Gerechtigkeitsregel betrachtet werden, so gibt es keine Ordnung jenseits der Grenze des Gewaltverzichts. Ist das Tabu gebrochen, so brechen alle Dämme.
Im Gegensatz zu unserer eigenen Gewalt nach außen, die es zu rechtfertigen gilt, wird die Gewaltanwendung im Inneren unseres Landes stets als sinnlos und unvernünftig betrachtet. Es gibt keinen Grund zu rebellieren, es gibt keinen Grund, Amok zu laufen. Wer es dennoch tut, der ist ein Dummkopf oder ein Geisteskranker.
Für das Problem, dass es dennoch Menschen gibt, die zur Gewalt neigen und diese ausüben, gibt es in einer solchen Gesellschaft Experten, die dafür Sorge tragen sollen, dass so etwas hier nicht passiert: Sozialpädagogen, Psychologen und Psychiater. Ihre Aufgabe ist es nicht nur, den auffällig gewordenen Menschen dabei zu helfen, sich selbst wieder an das Projekt der Kultivierung der Menschheit anzuschließen. Sie sind auch auf die Idee der Gewaltprävention verpflichtet.
Bereits Ende des 18. Jahrhunderts wurde insbesondere dann ein medizinischer Gutachter zur Beurteilung eines Mörders herangezogen, wenn dieser „vorher nie auffällig geworden, [und] ein Motiv nicht auf der Hand lag“, wie Maren Lorenz in ihrem Buch „Kriminelle Körper – Gestörte Gemüter“ (1999) darlegt. Die Idee, dass Medien einen Einfluss auf die Bluttat haben, spielte in diesen Fällen keine Rolle, war jedoch für die Erklärung des Selbstmords von entscheidender Bedeutung. Die Erklärung eines Suizids über den „Werther“-Effekt ist hierbei sicherlich das bekannteste Beispiel. Die Akzeptanz dieser These hat ihren Ursprung wohl nicht zuletzt in den positiven Folgen einer solchen Feststellung für die Hinterbliebenen: Sie konnten die Leiche des Suizidanten christlich beerdigen.
Mit dieser Erklärung des Suizids durch äußere Faktoren, die es einzuschränken galt, geht auch der Versuch einher, den Suizidanten als solchen zu erkennen, bevor er zur Tat schreitet. Als Voraussetzung hierfür, so Lorenz, galt der geschärfte medizinische Sinn; dennoch blieb die Verantwortung, die Symptome rechtzeitig zu erkennen, lange Zeit bei dem unmittelbaren sozialen Umfeld. Da Lorenz darauf hinweist, dass die Symptome des Selbstmörders denen des Mörders gleichen, kann davon ausgegangen werden, dass auch die Sorge bekannt war, dass jemand ohne Grund zum Mörder werden könnte.
Die Verantwortung für die Prävention von Gewalttaten liegt heute nicht mehr nur bei denjenigen Personen, die dem Täter nahe stehen; die Gesellschaft selbst zeigt Verantwortung, indem sie die Überwachung des Individuums professionalisiert hat. Da ist die Polizei, die seit dem Ende des 18. Jahrhunderts für alles zuständig ist, was geschieht, und da sind auch die anderen – in Worten Foucaults – panoptischen Strukturen, von denen die Schule eine ist, zu denen man auch die Sport- und Schützenvereine zählen kann.
Panoptische Strukturen lassen sich nicht prinzipiell ablehnen. Was wir als soziales Netz bezeichnen, ist im Wesentlichen eine solche panoptische Struktur. Diese Struktur hat im Fall Robert Steinhäusers offensichtlich versagt. Die Gründe hierfür werden noch geklärt werden müssen. Hier sei nur eine Anmerkung erlaubt: Die Psychiatrie ist ein fester Bestandteil dieses Kontrollsystems, doch in der Diskussion über die Tat von Erfurt hatte sie keine Stimme. Dies ist umso erstaunlicher, da eine Schuldzuweisung an die Medien gerichtet worden ist. Diese These gilt traditionell, wie wir gesehen haben, als Teil des psychiatrischen/psychologischen Diskurses. Auch heute noch bildet die Medienwirkung innerhalb dieser Disziplinen einen umfangreichen Forschungsschwerpunkt.
Das Bemerkenswerte ist: Hätte sich der Amokläufer von Erfurt nicht selbst gerichtet, wir hätten zumindest erwartet, dass geklärt worden wäre, ob dieser Mensch vielleicht psychisch krank war. Nun, wo er tot ist, werden diejenigen, die ansonsten gerne in schlimmen Fällen von Schulverweigerung und Delinquenz um Antworten gebeten werden, nicht gefragt. Dies kann unseres Erachtens zum einen so gedeutet werden, dass wir uns unsere Hilflosigkeit im Umgang gerade mit jugendlichen Gewalttätern nicht eingestehen wollen, zum anderen, dass die Beiträge dieser Experten zur Zeit nicht erwünscht sind.
Ein schönes Beispiel für das Letztere ist der offene Brief von Gerhard Schröder zum Thema „Mediengewalt“. Darin heißt es:
„Wir werden wohl nie über einen unmittelbaren wissenschaftlichen Beweis für einen direkten Zusammenhang von Taten wie dieser und der Darstellung von Gewalt verfügen. Aber ist das überhaupt notwendig?“
Wie wir gesehen haben, war dies früher zumindest einmal notwendig. Bundeskanzler Schröder würde in vielen Bereichen einen solchen Beweis durchaus als notwendig ansehen. Nur hier nicht. Offenbar liegt der Sachverhalt auf der Hand: Wenn ein Jugendlicher diese Musik hört und diese Spiele spielt, dann muss so etwas ja passieren. Auch, wenn es millionenfach nicht passiert.
Die Psychiatrie als Teildisziplin der Medizin könnte durchaus eine Antwort geben, die zur Zeit erwünscht ist; denn ein entsprechender Medienkonsum steht nachweisbar in Korrelation zu einer gesteigerten Aggression. Zu diesem Schluss kommt etwa Susan Villani in ihrem Übersichtsartikel „Impact of Media an Children and Adolescents: A 10-Year Review of the Research“ (2001).
Aggression und Gewalt sind jedoch zwei getrennte Phänomene, wobei Aggression eben nicht zu physischer Gewalt führen muss. Und diesen Teil der Antwort will man nicht so gerne hören. So weisen Craig A. Anderson und Brad J. Bushman in ihrem Artikel „The Effects of Media Violence on Society“ (März 2002) in Einklang mit anderen Forschern darauf hin, dass es im Wesentlichen zwei Optionen angesichts auch des von ihren Versuchen erhärteten Verdachts gäbe, dass Medien Aggression fördern: „Reduzierung der Aussetzung an Mediengewalt“ und/oder „Veränderung der Einstellung der Kinder zur Gewalt“.
Kurz nach PISA dürfte der Hinweis auf die zweite Option nicht gerne gehört sein. Nicht nur, dass unsere Kinder in den Grunddisziplinen versagen; wir müssten auch noch eingestehen, dass sie von uns nicht jene Medienkompetenz erlernen, die es ihnen erlaubt, zwischen Realität und Fiktion zu unterscheiden. Da ist das Verbot von bestimmten Inhalten die einfachere und kostengünstigere Lösung, die aber weder dem europäischen Recht noch der Tatsache der globalen Netzkultur auf Dauer gerecht wird.
Wir sollten deshalb diese zweite Option nicht aus den Augen verlieren. Sie beinhaltet jedoch, dass wir offener über Gewalt und Gewaltdarstellungen reden müssen. Wir dürfen es uns nicht zu einfach machen, indem wir den Counterstrike-Spieler und den Horrorvideo-Fan als Sadisten abstempeln und etwa die masochistischen Komponenten des Konsums entsprechender Inhalte ausblenden. Denn in diesen Spielen geht es nicht nur um die Lust am Töten, sondern auch um die Angst, getötet zu werden. Erklärungen, welche darauf abheben, dass Gewaltdarstellungen Gewaltideen in die unschuldigen Seelen der Zuschauer pflanzen, beachten diesen masochistischen Aspekt nicht. Solche Erklärungsmuster sind dem komplexen Vorgang der Verarbeitung von interaktiven Medieninhalten seltsam unangemessen – und über diese Vorgänge, aber auch über die Mediennutzung im Allgemeinen wissen wir im Grunde erstaunlich wenig.
Für dieses Wissen scheint Herr Schröder auch in Zukunft kein Geld ausgeben zu wollen: „Ist das überhaupt notwendig?“ – Der rhetorischen Frage ist ein klares „Ja“ entgegenzustellen, wenn wir vernünftig über die Kollateralschäden der Informationsgesellschaft sprechen wollen. Im Übrigen liegen erste Ergebnisse vor und es ist lediglich ein Ausdruck populistischer Arroganz, wenn in Wahlkampfzeiten die unerwünschten Antworten der Wissenschaft nicht oder nur zum Teil beachtet werden.
Maren Lorenz weist in ihrem Buch auch darauf hin, dass mit der wissenschaftlichen Erklärung des Selbstmords im 18. Jahrhundert die sozialen Hintergründe der Tat immer weiter ausgeblendet wurden. Es wird Zeit, diese wieder näher zu betrachten. Es wird Zeit für einen Paradigmawechsel in der Medienwirkungsforschung. So viel steht fest: Medienkonsum kann aggressives Verhalten fördern. Aggression muss nicht in physische Gewaltanwendung umschlagen. Es bleibt die Frage: Unter welchen Rahmenbedingungen ist die Gefahr, die von Gewaltdarstellungen ausgeht, am geringsten?
Gewalt ist eine Option, die jedem Menschen jederzeit offen steht – angesichts dieser Tatsache gilt es, den Gewaltverzicht als kulturelle Leistung anzuerkennen und zu pflegen.
Craig A. Anderson/ Brad J. Bushman: The Effects of Media Violence on Society. S. 2377-2378, in: Science. Vol. 295, 29. März 2002.
Susan Villani: Impact of Media an Children and Adolescents: A 10-Year Review of the Research. S. 392-401, in: J. Am. Acad. Child Adolesc. Psychiatry, 40 (4), April 2001.
Bernd Hüppauf: Krieg, Gewalt und Moderne. S. 12-40, in: Frauke Meyer-Gosau/ Wolfgang Emmerich (Hrsg.): Gewalt. Faszination und Furcht. Leipzig: Reclam 1994.
Maren Lorenz: Kriminelle Körper – Gestörte Gemüter. Die Normierung des Individuums in der Gerichtsmedizin und Psychiatrie der Aufklärung. Hamburg: Hamburger Edition 1999.
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