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Autor: Hans Flesch.
Titel: Mein Bekenntnis zum Rundfunk.
Quelle: Funk, H. 36, 1925, S. 445.
Die Veröffentlichung ist gemeinfrei.
Hans Flesch
Mein Bekenntnis zum Rundfunk
Aus der Medizin in die Kunst: dieser seltsam scheinende Sprung kam mir durchaus nicht ungelegen; ich wäre vielleicht kein schlechter oder gar ein gleichgültiger Arzt geworden, denn jede geistige Beschäftigung kann dem Geistig-Regsamen irgendwie „Kunst“ sein, kann ihn aus dem Verwaltenden zum Schaffenden machen. Aber es ist leichter zu schaffen und zu schöpfen, wenn die ganze Liebe der Arbeit gehört und nicht nur die Liebe des Verstandes, die wir „Interesse“ nennen.
Also Berlin sendete schon, Leipzig war eben eröffnet; von Erfahrungen jedoch in irgendeinem praktischen Sinne konnte noch keine Rede sein. So stellte ich denn selbständig mein Programm auf, von dem Grundgedanken geleitet: es gibt eine zweifache Verwendungsmöglichkeit des Rundfunks in künstlerischen Dingen, abgesehen von seiner Aufgabe als Vervielfältigungsmittel für Nachrichten der verschiedensten Art.
Zunächst ist der Rundfunk als intellektueller Vermittler und Helfer zum besseren Verständnis von Kunstwerken zu werten, als Vermittler nur und Helfer, nicht jedoch als „Darsteller“. Denn die künstlerische Wirkung eines Kunstwerks beruht auf der suggestiven Kraft, die nur durch das unmittelbare Hören ausgelöst werden kann; und durch die Dazwischenschaltung der Maschine wird dieser „seelische“ Teil der Wirkung aufgehoben, mindestens stark gestört und geschwächt. Und nur der intellektuelle Teil bleibt unangefochten. Da wir nun beim Anhören unbekannter musikalischer Werke durch die Arbeit, das Verstehen und Erfassen eines Musikstückes, nicht zum wesentlichen seelischen Genuß kommen, der sich uns erst beim zweiten oder dritten Anhören offenbart, so scheint mir hier die wichtigste Aufgabe des Rundfunks zu beginnen.
Das Rundfunk-Hören ist eine Art Partiturlesen für jedermann, d. h. es vermittelt dem Laien dieselbe Art von Kenntnissen - natürlich nicht im gleichen Maße und auf ganz anderm Wege! -, die der Musiker durch die Lektüre der Partitur erwirbt. Deshalb bin ich gegen die vielverbreitete Ansicht, den Rundfunk als eine Bequemlichkeits-Einrichtung zu feiern: die alles hübsch bis ins Haus bringt, bis in den weichen Klubsessel, daß man nur zuzugreifen braucht und die Unbequemlichkeiten der Theater- und Konzertbesuche erspart. Nein, der Rundfunk ist dazu da, die Bequemen und Unentschlossenen zu solchem Besuch anzureizen!
Und wir haben in Frankfurt diesen Gedanken planmäßig durchgeführt: bringen einmal ein paar Arien oder Duette aus einer Oper, die Empfänglichkeit vorzubereiten, geben dann das Werk als Sendespiel, für den Rundfunk eigens bearbeitet, bieten schließlich eine „direkte Übertragung“ und dann - stellen wir unsern Teilnehmern Karten für die Bühnenaufführung zur Verfügung. Der Erfolg dieser Einrichtung hat unsere Erwartungen weit übertroffen.
Dann die zweite Möglichkeit des Rundfunks, wo er als selbständige Kunstgattung auftritt: die „Sendespiele“, Einmal habe ich den Versuch unternommen, ein rundfunk- charakteristisches Hörspiel zu schaffen, schrieb - als Nichtschriftsteller, als Theoretiker eigentlich – die „Zauberei auf dem Sender“, um durch den Zusammenklang der Geräusche eine rundfunkeigentümliche Kunstgattung anzudeuten; diese Groteske wäre nie auf die Bühne oder in den Konzertsaal übertragbar, und das ist das Entscheidende.
Denn die „Hörspiele“, die sonst wohl von den Sendern aufgeführt worden sind, waren bekannte Dramen, die akustisch ausgestaltet wurden; dagegen wäre grundsätzlich gewiß nichts einzuwenden, aber in diesem Bereich wirkt der Rundfunk wieder nur als Vermittler. Oder man hat optisch arme Schauplätze gewählt und sie akustisch reich illustriert; das beste, was mir in dieser Beziehung zur Kenntnis gekommen ist, war ein Hörspiel von Rolf Gunold, „Bellinzona“ betitelt, das mir jedoch seines flachen Inhalts wegen in dieser Form nicht rundfunkreif scheint; immerhin ist die akustische Untermalung dieses Hörspiels vorzüglich ausgedacht. Im Grunde genommen sind auch diese Versuche nicht das letzte, was wir für den Rundfunk brauchen: denn wenn man einen optisch armen Schauplatz wählt und ihn akustisch noch so glänzend ausmalt, so tut man doch nichts Anderes als - ein Ersatzmittel schaffen. Das echte Hörspiel muß sich aber auf akustischer Grundlage aufbauen, muß aus dem Akustischen selbst wachsen.
Und dieses Spiel liegt wohl noch in der Zukunft.
Und solange es nicht geschaffen, muß der Rundfunk auf Ur-Eigenes verzichten, muß sich „begnügen“, ein Kulturwerber zu sein, der den Teilnehmern die Herzen öffnet, daß sie aufnahmefreudig werden für das, was der Rundfunk als sein Vorbild betrachtet: wahre Kunst und Kultur.
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