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Autor: Fritzsche, Hans.
Titel: Rundfunk im totalen Krieg.
Quelle: Konrad Dussel/Edgar Lersch (Hrsg.): Quellen zur Programmgeschichte des deutschen Hörfunks und Fernsehens (Quellensammlung zur Kulturgeschichte, Bd. 24). Göttingen/Zürich 1999. S. 153-155.
Verlag: Muster-Schmidt Verlag.
Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Herausgebers.
Hans Fritzsche
Rundfunk im totalen Krieg
Reichsminister Dr. Goebbels hat in seiner Eigenschaft als Reichsbevollmächtigter für den totalen Kriegseinsatz entschieden, daß das Rundfunkprogramm in gewohnter Vielfalt erhalten bleiben soll; dabei ließ er sich von der Erwägung leiten, daß künstlerische Erlebnisse, die im Konzertsaal oder im Theater einigen Tausend zugänglich sind, über den Rundfunk Millionen vermittelt werden können.
Dessen ungeachtet muß gerade der Rundfunk, der in allen seinen Äußerungen vom Pulsschlag der Zeit bewegt wird, unter das Gesetz des totalen Krieges treten. Seine Mitarbeiter waren sich dieser Verpflichtung von Anfang an bewußt. Schon seit Jahren stehen mehr als die Hälfte der Rundfunkschaffenden bei der Wehrmacht. Ganze Sendebetriebe im Reich wurden in den ersten Kriegsjahren geschlossen, um Arbeitskräfte und technische Geräte für wichtige Aufgaben des deutschen Auslandsrundfunks freizubekommen. Ein Reichsprogramm, das sich in den Hauptempfangszeiten in zwei Sendefolgen aufspaltet, wird über die Reichssender und den Deutschlandsender ausgestrahlt; das bedeutet, regional und landschaftlich gesehen, Verzicht auf vieles, was später wieder einmal zu neuer Entfaltung kommen wird. Wenn nunmehr der Rundfunk auf Kriegsdauer auch die Weiterentwicklung des Fernsehens einstellt, im verstärkten Maße Frauen und Schwerkriegsbeschädigte als Sprecher heranzieht und für den technischen Betrieb ausbildet, seine Verwaltung weitgehend vereinfacht, so kann er noch einen beachtlichen Prozentsatz von Kräften der Rüstung und der Wehrmacht zur Verfügung stellen, ohne daß die Qualität des Rundfunkprogramms dadurch herabgesetzt werden müßte.
Eine rationelle Arbeitsweise im Sendebetrieb gewährleistet das Magnetofonaufnahmeverfahren, das der Großdeutsche Rundfunk bereits vor Jahren eingeführt hat, damals lediglich in der Absicht, die technische und künstlerische Qualität seiner Sendungen zu steigern. Aus vorliegenden Magnetofonaufnahmen können heute Programme bestritten werden, die den Klang großer Namen und schöner Stimmen auch in diesen Wochen und Monaten des totalen Kriegseinsatzes gegenwärtig halten. Künstler, die für Rundfunkaufnahmen vom Arbeitseinsatz vorübergehend freigegeben werden, können mit geringem Zeitaufwand einen bleibenden Beitrag zum Rundfunkprogramm leisten.
Es bedarf wohl keines besonderen Hinweises darauf, daß das Rundfunkprogramm mit seinen politischen und künstlerischen Sendungen gerade im Krieg eine starke Aufnahmebereitschaft bei Front und Heimat findet.
Neben seinen regelmäßigen politischen Sendungen, dem Bericht zur Lage, den Kommentaren, den Korrespondenten- und Frontberichten, den Vorträgen bedeutender Persönlichkeiten aus dem öffentlichen Leben, aus Wissenschaft und Technik und der aktuellen funkischen Berichterstattung im Zeitspiegel, wird sich der Rundfunk angesichts der großen Einschränkungen auf dem Gebiet der Fachliteratur und der Zeitschriftenpresse in noch stärkerem Maße als bisher der Behandlung interessanter Themen der verschiedensten Wissensgebiete widmen. Die morgendliche Sendung „Zum Hören und Behalten“, die hierfür in erster Linie in Frage kommt, hat schon in kurzer Zeit einen festen Hörerkreis aus allen Berufs- und Bildungsschichten gewonnen – wie zahlreiche Hörerbriefe beweisen.
Die Einstellung der Vortragsabende und Dichterlesungen verpflichten den Rundfunk zu einer stärkeren Intensivierung seiner künstlerischen Wortsendungen. Eine schon begonnene Sendereihe „Stimme unserer Dichter“, in der Dichter der Gegenwart aus ihren Werken lesen, wird weitergeführt. Eine neue Sendereihe „Unsterbliches deutsches Wort“ wird Vortragsfolgen aus dem unausschöpflichen Reichtum deutscher Dichtung und Literatur bringen, von Meisterkräften vorgetragen.
Eine der vornehmsten Aufgaben des Rundfunks wird es sein, das Erbe des deutschen Konzert- und Theaterwesens zu erhalten und zu pflegen. Aufführungen der ersten deutschen Operninstitute hat der Rundfunk seit langem in seinem Programm berücksichtigt und sie gleichzeitig auf Magnetofon festgehalten. Wiederholungen dieser Aufführungen werden dazu beitragen, die künstlerischen Leistungen hervorragender Darsteller, die nun für einige Zeit auf den Opernbühnen nicht in Erscheinung treten können, in lebendiger Erinnerung zu halten. Eine neu beginnende Sendereihe „Bühne im Rundfunk” stellt sich die Aufgabe, die bekanntesten Bühnenwerke vom Drama bis zum Lustspiel in Bearbeitungen für den Rundfunk als Querschnitt oder auszugsweise zu senden und wird so auch dieser Kunstgattung eine Pflegestätte im Rundfunk einräumen. Die Spitzenorchester und ersten Solisten des Reiches stehen für Konzertsendungen weitgehend zur Verfügung. Mit ihnen können bekannte und beliebte Sendungstypen und Sendereihen weitergeführt und neu eingerichtet werden.
Von den unterhaltenden Musiksendungen ist die leichte rhythmische Unterhaltungsmusik seit Jahren stark umstritten. Unsere Soldaten fordern sie und betonen, daß ihnen die aufrüttelnden Impulse dieser Musik befreiende Entspannung nach großen Anstrengungen und neuen Auftrieb geben. Die Wünsche unserer Soldaten bestimmen uns, auch diese Musikgattungen zu pflegen und weiter zu entwickeln, selbst wenn einige Volksgenossen in der Heimat glauben, darin eine weltanschauliche Gefährdung sehen zu müssen. Wir richten an sie die berechtigte Bitte, jede unfruchtbare Diskussion darüber auf Kriegsdauer einzustellen. Im übrigen bietet der Rundfunk eine so reiche Auswahl von klangschöner, gefälliger Unterhaltungsmusik, daß diejenigen, die den modernen tänzerischen Rhythmen ablehnend gegenüberstehen, ebenfalls auf ihre Kosten kommen können.
In diesem Zusammenhang empfehlen wir, die Ankündigungen in der Tagespresse und die Programmhinweise zu beachten und aus dem Reichtum des Gebotenen das Erwünschte auszuwählen. Ein planvolles Rundfunkhören entlastet auch den Empfänger, der bei der Knappheit an Ersatzröhren dieser Schonung dringend bedarf.
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