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Autoren: Früh, Werner/ Wünsch, Carsten.
Titel: Wirkung.
Quelle: Jürgen Hüther/ Bernd Schorb (Hrsg.): Grundbegriffe Medienpädagogik. 4., vollständig neu konzipierte Auflage. München 2005. S. 420-428.
Verlag: kopaed verlagsgmbh.
Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlags.
Werner Früh / Carsten Wünsch
Wirkung
Medienwirkungen existieren seit es Medien gibt und waren als solche noch nie strittig. Das Eigentümliche ist jedoch, dass dieselben Effekte meist parallel sowohl im Zusammenhang mit Hoffnungen als auch mit Befürchtungen diskutiert werden: Befürchtet wird z.B. „Volksverhetzung" durch Propaganda, „Verdummung" durch seichte Unterhaltung, Nivellierung des Geschmacks, Erziehung zur Gewalt, Förderung der individuellen Isolation oder systematische Beeinflussung der Wähler. Die Hoffnungen beziehen sich dagegen auf Information und Aufklärung, die Integration komplexer Gesellschaften, Vermittlung eigener und fremder Kultur, was zu Solidarität und Toleranz einerseits sowie Transparenz und Kompetenz hinsichtlich Politik, Wirtschaft und Kultur führen und den Menschen Orientierung und eine Handlungsgrundlage für ihr individuelles und soziales Verhalten schaffen soll. Außerdem könne sich das Publikum mit Hilfe der Medien entspannen und vergnügen und sich ggf. öffentlich profilieren etc.. Die wichtigste Hoffnung ist jedoch verfassungsrechtlich verankert (Art.5 GG) und erwartet vom Mediensystem einige Funktionen, ohne die eine demokratische Gesellschaft nicht existieren könnte: Information, Mitwirkung an der Meinungsbildung, Kontrolle und Kritik. Ob Hoffnungen oder aber Befürchtungen eher zutreffen, ist fast immer strittig, ja sogar der Wirkungsbegriff selbst wird kontrovers diskutiert. Bis dato existiert keine allgemein akzeptierte Definition (vgl. z.B. Merten 1994; Bonfadelli 1999, S. 15ff.). Die Unterschiede zwischen den verschiedenen Vorstellungen von Medienwirkungen lassen sich anhand folgender Fragen beschreiben.
Soll man nur jene Wirkungen einschließen, welche durch die rezipierten Medieninhalte verursacht werden oder auch solche, die sich auf formale Medienmerkmale oder die bloße Zuwendung zu Medien zurückführen lassen?
Muss eine von den Medien verursachte Veränderung vorliegen oder lässt sich die Verhinderung einer Veränderung (Stabilisierung) auch als Wirkung verstehen?
Sind nur Wirkungen auf Individuen oder auch solche auf Gruppen, soziale Systeme und deren Strukturen und somit auf die gesamte Gesellschaft gemeint?
Schließen Wirkungen auf das Individuum nur Beeinflussungen des Verhaltens ein oder auch solche von Einstellungen, Wissen und Emotionen?
Wie viel Zeit darf zwischen der Ursache und deren Wirkung liegen, um noch von einer Medienwirkung zu sprechen?
Betrachten wir also nur kurzfristige oder auch mittel- und langfristige Wirkungen?
Muss die Wirkung direkt mit der Ursache verbunden sein oder kann sie auch erst indirekt als Resultat einer mehrstufigen Kausalkette zustande kommen?
Sind nur Effekte, welche nach der Rezeption auftreten, Medienwirkung oder sollen auch kommunikative (Aufmerksamkeit, Informationsverarbeitung) und präkommunikative Phänomene (Antizipation, wie z.B. Vorfreude) einbezogen werden?
Beschränken wir uns nur auf intendierte Wirkungen oder schließen wir nicht intendierte, eher beiläufige Effekte mit ein?
Sind Medienwirkungen nur bei den Rezipienten oder auch bei den Journalisten und Akteuren zu suchen, über die berichtet wird?
Die empirische
Medienwirkungsforschung hat sich seit dem Ersten Weltkrieg nach und
nach organisiert und in Forschungsinstituten und Universitäten
etabliert. Zur Beschreibung der weiteren Entwicklung dieses
mittlerweile fast unüberschaubar großen Forschungsfeldes
wurden seither mehrere Vorschläge entwickelt. Am beliebtesten
ist die Unterscheidung in je eine Phase der starken und der schwachen
Medienwirkungen, also ein Zweiphasenmodell (Schenk 2002, S. 57ff.).
Donsbach (1991, S. 18ff.) sieht dagegen drei, McQuail (1994, S.
328ff.) sogar vier Phasen.
Bei näherer Betrachtung
erscheinen alle derartigen Phasenmodelle als überpointierte
Beschreibungen aus unterschiedlichen Perspektiven. Tatsächlich
überschneiden sich die „Phasen" sehr stark oder
laufen gar parallel. Zumindest das Zweiphasenmodell der starken und
schwachen Medienwirkungen ist nur vor dem Hintergrund der lange
dominierenden „Kampagnenforschung" verständlich.
Unter Wirkungen verstand man im Rahmen von Werbeaktionen,
Kriegspropaganda oder politischen Wahlkampagnen ausschließlich
die Beeinflussung von Meinungen, Einstellungen und Verhalten. Bezieht
man dagegen auch Einflüsse auf Wissen (Kognitionen) oder gar auf
Institutionen, Gesellschaften und Kulturen ein, so hat es einen
solchen Phasenverlauf nach stark/schwach nie gegeben. Beispielsweise
betreibt die empirische Verständlichkeitsforschung seit den
30er-Jahren bis heute einen unverändert hohen Forschungsaufwand,
um die Effizienz von Medienangeboten beim Wissenstransfer zu
optimieren. Und die als Grundlage der „schwachen"
Wirkungsthese formulierte „Verstärkerregel" wurde
bereits 1940 von Lazarsfeld, Berelson und Gaudet, also zu Beginn der
„starken" Wirkungsphase, entdeckt. (>Medienforschung)
Informativer erscheint eine andere Strukturierung. Die Kommunikator- und Rezipientenperspektive, verbunden insbesondere mit dem Stimulus-Response- (S-R) und dem „Uses and Gratifications"-Ansatz (UaGA), existieren als alternativ mögliche Sichtweisen parallel. Je nach Forschungsinteresse wird eine von beiden zu Grunde gelegt. Die sog. „Kampagnenforschung", die sich für die Wählerbeeinflussung interessiert, ebenso wie die Werbewirkungsforschung (>Werbung) basieren immer auf dem S-R-Modell, weil sie an der Optimierung der Medienwirkung interessiert sind, während sich die Publikumsforschung am UaGA orientieren wird, weil sie herausfinden will, bei welchen Medienangeboten die Nutzungschance einerseits und die individuelle Bedürfnisbefriedigung andererseits am größten sind.
Beide Paradigmen
folgen jedoch letztlich dem Kausalmodell. In traditioneller Denkweise
suggeriert der Wirkungsbegriff eine einseitig gerichtete Beziehung
zwischen zwei Größen, deren zeitlich frühere die
Ursache, die folgende die Wirkung ist. Ganz deutlich ist diese
einseitige Kausalitätsvorstellung als direkte Wirkung der
Medienbotschaft im S-R-Modell erkennbar. Dem UaGA liegt jedoch
vordergründig eine finale Logik zu Grunde: Das Publikum wählt
souverän jene Medieninhalte aus, von denen es sich maximale
Bedürfnisbefriedigung verspricht. Genauer betrachtet tastet
jedoch eine solche „Rezipientenperspektive" die logische
Funktion der Medienaussage als Ursache und die Eindrücke beim
Rezipienten als Wirkung nicht an. Die Bedürfnisse des Publikums
dienen nur als Verteilungskriterium bei der aktiven Zuweisung von
Wirkungschancen. Der nach wie vor kausale Wirkungszusammenhang wird
lediglich final erklärt: Wirksam kann nur diejenige
Medienaussage werden, von der das Publikum hinreichende
Gratifikationen erwartet und der deshalb eine bedingte Wirkungschance
gewährt wird. Bedingt, weit die Medienbotschaft nur in der
subjektiv interpretierten Form wirksam werden kann (gemäß
dem aus dem Symbolischen Interaktionismus stammenden „interpretativen
Paradigma"). Schnell wurde klar, dass dieses Konzept des
souveränen, aktiven Rezipienten nur „auf dem anderen Auge
blind war'. Dies vermeidet der Dynamisch-transaktionale Ansatz (DTA)
(Früh 1991). Er ist weder ein Kausal- noch ein Final-, sondern
ein Transformationsparadigma. Der DTA integriert Kommunikator-
(„Wirkungs-") und Rezipientenperspektive (UaGA) und
ergänzt sie zugleich. Demgemäß sind zunächst
alle Kriterien relevant, die auch in diesen beiden Paradigmen gelten.
Integrations- und Erweiterungspotenzial lassen sich an den Merkmalen
Transaktion, Dynamik und molarer Kontext demonstrieren.
Der
Rezipient ist im DTA Akteur (handelndes Subjekt) und Betroffener
(Objekt) zugleich - und zwar entweder abwechselnd oder gleichzeitig.
Ganz abstrakt lässt sich dies mit den Denkmodellen der Dynamik
und der Transaktion als neuem Beziehungstypus demonstrieren. Wenn der
Rezipient merkt, dass er beeinflusst oder genötigt werden soll,
ist oft ein Teil der Wirkung schon erfolgt. Der Rezipient mag
auswählen, was ihm angenehm erscheint und es so interpretieren,
wie er es kann oder möchte, dennoch wählt er immer nur aus
einem Angebot, das ihm der Kommunikator zur Verfügung stellt,
und wenn er ein bestimmtes Angebot wählt, selegiert er immer
mehr als das. Wer sich ein Fußballspiel ansehen mag, wählt
notwendig auch die Trikot- und Bandenwerbung, die er eigentlich
meiden möchte. Jede Handlung bringt solche „Kollateralschäden"
mit sich, unabhängig davon, ob man dies will oder nicht.
Insofern handelt sich der Rezipient, auch wenn er souverän nach
seinen Bedürfnissen auswählt und interpretiert, immer auch
unwillkommene Effekte mit ein. Wenn der Kommunikator diese
Mechanismen kennt, kann er sie auch gezielt zur Einflussnahme nutzen.
Dies ist ein Beispiel für eine Transaktion, die dem Rezipienten
simultan eine aktive und passive Rolle zuweist.
Wenn nun aber -
formal gesprochen - eine Ursache in manchen Fällen nicht wirken
kann, ohne sich selbst zu verändern, dann lassen sich die
Wirkungs- und Rezipientenperspektive nicht mehr trennen. Wirkungen
entstehen dann auch nicht nur am Ende einer kausal gerichteten
Beziehung, sondern an allen relevanten Teilen des
Kommunikationszusammenhangs. Und welches die relevanten Teile sind,
beschreibt der molare Kontext.
Zur Spezifizierung des molaren Kontextes vertritt der DTA ein Modell des triadischen Ursachenfittings. Wirkungen entstehen durch das Zusammenspiel dreier Einflussdimensionen: 1. Personenmerkmale, 2. Stimulus-/Medienmerkmale und 3. Merkmale des situativen und gesellschaftlichen/kulturellen Kontextes. Wirkung entsteht immer und zwar gemäß der jeweiligen Konstellation dieser drei Faktorenbündel (Früh 2002). Berücksichtigt man außerdem, dass sich diese Faktorenbündel dynamisch entwickeln und verändern, wobei frühere Zustände einer Ursachenvariable (z.B. die frühkindliche Sozialisation) spätere Zustände bzw. Handlungen beeinflussen können, sodass Variablen in einem selbst-referenziellen Prozess immer wieder die Ursachen ihrer eigenen Veränderung sind, dann ist das kausalanalytische durch ein dynamisch-transaktionales Denken ersetzt. Es verwendet einen etwas anderen Wirkungsbegriff.
Massenkommunikation, und damit auch Rezeption als deren wesentlicher Bestandteil, ist kein Bündel linearer Transportprozesse von Information, an deren „Ende" beim Publikum dann Wirkungen entstehen. Nach dem DTA enthält Massenkommunikation nicht Wirkungen als einen ihrer Bestandteile, sondern sie ist Wirkung. Man kann nicht kommunizieren ohne Wirkungen hervorzurufen. Und sie treten nicht nur beim Rezipienten, sondern bei allen beteiligten Faktoren auf. Sie entstehen auf der realen wie der virtuellen Ebene und sie können sich in Zuständen wie in Prozessen manifestieren. Die Beziehungen untereinander sind verschiedenartig, auch zeitverzögert, indirekt/mehrstufig oder antizipiert, selbst Kumulationen, Rückkopplungen und qualitative Sprünge sind möglich. Der dynamisch-transaktionale Wirkungsbegriff lässt sich wie folgt definieren: „Medienwirkungen sind alle tatsächlichen oder verhinderten Veränderungen (Konservierungen, Retardierungen) aller Faktoren, die direkt oder indirekt an einem Kommunikationsprozess beteiligt sind, in dem Medien mitwirken und die auf diese Mitwirkung zurückführbar sind."
Die ggf. sinnvollen
Eingrenzungen dieser allgemeinen Definition sind normativer Art und
deshalb erst nachfolgend als begründungsbedürftige
Beschränkungen vorzunehmen. Z.B. ist es üblich, die in
der kommunikativen Phase erfolgenden Wirkungen als „Rezeption"
und langfristige, oft auch mehrstufige Wirkungen als „Folgen"
von Medienkommunikation zu bezeichnen. Auch werden häufig
diffuse, den Medien nicht mehr klar als Ursache zuzuschreibende
Wirkungen (z.B. manche sozialisatorischen Effekte) ausgegrenzt, wobei
ein nicht immer klar spezifiziertes Schwellenkriterium unterstellt
wird. Der Begriff „Medienwirkungen" bezeichnet dann nur
diejenige Menge von Wirkungen, in denen der Medieneinfluss
signifikant identifizierbar ist. Solche Eingrenzungen sind dann
vielleicht ad hoc hilfreiche, aber dennoch normativ-pragmatische
Verkürzungen des Wirkungsbegriffs.
Aus einer
pädagogischen Perspektive sind einige Wirkungen besonders
relevant.
Über den
Forschungsstand der Gewaltwirkungsforschung zu schreiben ist insofern
schwierig, als nicht einmal eine einheitliche Definition des
Konstrukts >„Gewalt" existiert, geschweige denn
vergleichbare methodische Zugänge. Es verwundert kaum, dass es
eine Vielzahl unterschiedlicher Theorien und relativ heterogene
Forschungsergebnisse dazu gibt. Wir wollen hier nicht auf die in
vielen Publikationen erwähnten Theorien, wie z.B. die der
Katharsis, Habitualisierung, Imitation, Stimulation oder der
kognitiven Unterstützung (vgl. Kunczik 1998) und entsprechende
Befunde eingehen, sondern auf höherer Abstraktionsebene eine
Systematisierung vornehmen.
Zunächst sind zwei Perspektiven
zu unterscheiden: Die erste ist die statistische, die sich auf
Aggregatdaten bzw. Populationen bezieht. Sie orientiert sich an
Trends, an Mehrheiten. Gewalt liegt dann vor, wenn eine signifikante
Menge von Personen aggressiv handelt. Die zweite Perspektive
betrachtet das Konstrukt kategorial und orientiert sich am
Individuum. Sie fragt: Was ist Gewalt und wie kommt sie zu Stande? Ob
dies bei einer Mehrheit oder auch nur einer einzigen Person
geschieht, ist zunächst zweitrangig. Bei der
Aggregatperspektive erhält man Gewaltpotentiale für Klassen
von Medienmerkmalen (bei durchschnittlichen bzw. im Experiment
bei nur ganz bestimmten Kontextbedingungen und bei
durchschnittlichen Persönlichkeitseigenschaften). Man kann so
herausfinden, dass z.B. brutale Gewalt in den Medien im Allgemeinen
nicht sehr attraktiv erscheint und nur ganz wenige Menschen (nicht
signifikant) davon aggressiv werden; also statistisch kein Einfluss.
Es lässt sich dabei aber nicht ausschließen, dass
Minderheiten dennoch Brutales außerordentlich reizvoll finden,
was einige davon sogar zu Gewalthandlungen veranlasst. Eine solche
statistische Argumentation über Aggregatdaten ist wichtig,
um die quantitative Relevanz eines Phänomens für ein
Kollektiv einschätzen zu können. Untersuche ich dagegen nur
bei einer oder wenigen Personen die gesuchten Zusammenhänge
(individuelle Perspektive), dann weiß ich zwar, ob eine solche
Wirkung überhaupt möglich ist und wie sie zu Stande kam,
allerdings nur bei dieser einen Person. Die Antwort auf dieselbe
Frage würde hier entgegengesetzt heißen: Ja,
Gewaltdarstellungen im Fernsehen können zu Gewalthandlungen
führen. Ob dies auf gesellschaftlicher Ebene in
besorgniserregendem Umfang geschieht oder auf einige nie ganz
vermeidbare Einzelfälle beschränkt bleibt, ist nicht
abschätzbar. Man sieht, dass beide Perspektiven wichtig sind und
sich ergänzen.
Gewalt ist vermutlich
nie vollständig eliminierbar. Die Evolution hat uns physisch und
psychisch in einer Weise geformt, die in uns unter bestimmten (ggf.
überlebensnotwendigen) Bedingungen Aggression aufkommen
lassen. Das Ziel besteht darin, sie zu minimieren bzw. in sozial
verträgliche Formen zu überführen. Insofern ist Gewalt
immer ein sozial bewerteter Begriff, der mit schädigender
Intention und Schuld verbunden ist. Damit können Schäden
und Leid, für die es keinen absichtsvollen Täter (als
Individuum oder Kollektiv) gibt, sinnvollerweise nicht als
Gewalt bezeichnet werden, obwohl eindeutig Opfer zu Schaden kamen.
Früh (2001) schlägt deshalb einen Täter-zentrierten
Gewaltbegriff vor. Damit lässt sich die sog. „nichtintentionale
Gewalt" nicht mehr dem Gewaltbegriff subsumieren und sollte
„Schädigung" genannt werden (z.B. bei den Opfern
einer Naturkatastrophe etc.).
Auf der Grundlage dieser drei
Kriterien - Wertgebundenheit, Schädigung und Täterintention
- besteht ein Gewaltakt somit aus Täter, Opfer und einem
Verhalten mit schädigender Intention. Demnach kann Gewalt
wie folgt definiert werden: „Gewalt ist die realisierte
oder beabsichtigte, bewusste (nicht unbedingt geplante) Schädigung
von Personen, Tieren, Pflanzen oder Sachen." (Früh 2001)
Mit Hilfe der so definierten Bestandteile von Gewalt lassen sich
durch entsprechende Kombinationen unterschiedliche Gewalttypen
beschreiben: a) personale Gewalt; b) antisoziale Gewalt; c)
institutionelle Gewalt; d) kulturelle Gewalt; e) subversive
Systemgewalt; f) assimilierte Alltagsgewalt (Früh 2001).
Will man das große
Feld der Gewaltforschung angemessen verstehen, sollte man zwei
weitere Differenzierungskriterien beachten. Sieht man Gewalt als
kurzfristiges, episodisches Phänomen (Gewaltakt), dann bekommt
man bevorzugt einzelne individuelle Handlungen in den Blick. Theorien
wie die Stimulations- oder die Imitationsthese sind Beispiele dafür.
Sieht man Gewalt dagegen dynamisch als eine sich permanent
entwickelnde individuelle Disposition, so wird man sich eher mit den
Lebensgeschichten von Menschen und ihren langfristigen realen und
medialen Kontexten beschäftigen. Dies ist dann die
>Sozialisationsperspektive
mit ihrer bekanntesten Ausformulierung in der sozialen Lerntheorie.
Die erste Perspektive betrifft einige bestimmte Medienangebote und
konzentriert sich auf wenige potenzielle Täterpersonen, die auf
Grund ihrer genetischen und sozialisatorischen Prädispositionen
eher am Rande der Gesellschaft stehen. Die zweite bezieht sich
dagegen auf eine ganze Medienangebotskultur und alle Mitglieder einer
Gesellschaft. Hier geht es nicht darum, ob Einzelne plötzlich zu
Gewalttätern werden, sondern ob das Werte- und Normensystem
unserer Gesellschaft zunehmend violente Strukturen assimiliert, die
sich über Erziehung, Gruppendruck und Umweltbeobachtung
permanent selbst verstärken.
Beachtung verdient auch das
jeweils zu Grunde gelegte Wirkungsmodell. Häufig wird implizit
von einem „einsinnigen" S-R-Konzept ausgegangen:
(Medien-)Gewalt führt zu (personaler) Gewalt. Der
dynamisch-transaktionale Wirkungsbegriff legt jedoch auch andere
Zusammenhänge nahe: Gewalt kann auch zu Verunsicherung, Angst,
Solidarität etc. führen, wie umgekehrt auch Sozialneid,
Minderwertigkeitsgefühle, Egozentik und anderes zu Aggression
und Gewalt führen können.
Neben den häufiger
untersuchten kurzfristigen Effekten stehen in den letzten Jahrzehnten
immer mehr die langfristigen Wirkungen im Mittelpunkt des
Forschungsinteresses. Gerbner (z.B. 2000) argumentiert, das Fernsehen
sei lebenslang zu einer zweiten Umwelt für uns geworden. Deshalb
prägten sich die Inhaltsstrukturen der Medien durch ständige
Wiederholung als „Realität" ein. Und dies ist hier
von besonderer Relevanz, denn den weitaus größten Teil des
Wissens über die Welt, uns selbst und die Gesellschaft haben wir
nicht selbst erfahren, sondern er wurde uns durch Medien vermittelt.
Zu diesen Realitätsvorstellungen gehören nicht nur
faktische Gegebenheiten, sondern auch unsere Wertvorstellungen, die
gesellschaftlichen Regeln des Zusammenlebens oder Relevanzkriterien,
die Wichtiges und Unwichtiges differenzieren und mehr. Neben Büchern
spielen hier vor allem >Massenmedien eine bedeutende Rolle.
Viele empirische Studien belegen jedoch, dass Medien die Welt
keineswegs „objektiv" (vgl. dazu Schulz 1997, S. 50ff.),
vollständig oder wenigstens repräsentativ abbilden.
Vielmehr wählen sie nach journalismustypischen Kriterien (sog.
„Nachrichtenwerte') bestimmte Nachrichten aus,. wobei die
Merkmale, die zur Auswahl führten, noch überbetont, andere
dafür einfach weggelassen werden. Unter diesem Blickwinkel wird
uns eine völlig „verzerrte" Medienrealität
präsentiert. Diese Wertung ist jedoch nur dann richtig, wenn wir
es als die Aufgabe der Medienberichterstattung (insgesamt) ansehen,
als originalgetreuer Mittler der Realität aufzutreten.
Angesichts der unüberschaubar großen Zahl von Ereignissen,
die in jedem Augenblick auf der Welt geschehen, der begrenzten
Kapazität der Medien und der noch begrenzteren
Auffassungskapazität der Menschen ist dies jedoch weder möglich
noch sinnvoll. Ohnehin wäre der allergrößte Teil der
Ereignisse für die meisten Menschen irrelevant. Außerdem
ist fraglich, ob eine „unverzerrte" Realitätsdarstellung
in ihrer Wirkung zu adäquateren Realitätsvorstellungen
führen würde als eine „verzerrte", weil das
Publikum die Medienrealität nicht einfach „eins zu eins"
übernimmt. Ihm sollte es bei hinreichender Medienkompetenz
möglich sein, die perspektivische Information mit der gebotenen
Distanz zu nutzen und angemessen in seine kognitive Struktur zu
transformieren. Die empirischen Ergebnisse zeigen, dass das Publikum
nur einen geringen Kernbestand der Medieninformationen direkt
übernimmt. Ein Teil der Rezipienten geht damit in der Folge nun
aktiv um, verarbeitet die Inhalte also nachhaltig durch Auslassen,
Zusammenfassen, Kommentieren, Schlussfolgern, Assoziieren oder die
Herstellung von Querverbindungen zu anderem Wissen. Ein anderer Teil
nutzt sie passiv, indem er sie zwar zunächst gut versteht, das
Wissen in der Folge aber zunehmend verblasst und zerfällt.
Obwohl es sich also vom Medienangebot mehr und mehr entfernt,
entsteht langfristig nur beim aktiven Typus ein dynamisches und
komplexes Realitätsbild mit Erklärungs- und
Orientierungsfunktion (Sozialisationseffekt der Medien).
Unter
bestimmten Bedingungen ist es jedoch auch möglich, dass Medien
Realitätsvorstellungen fast alleine etablieren. Vor allem bei
Kindern, wo noch keine ausgeprägten Realitätsvorstellungen
als Vergleichsmaßstab und Korrektiv vorliegen, können sie
relativ leicht den „freien Platz" besetzen. Aber auch bei
Erwachsenen ist dies unter bestimmten Bedingungen noch möglich.
Wenn die Berichterstattung z.B. hinsichtlich der Themenauswahl
(Agenda-Setting), der vertretenen Meinungstendenzen oder der
Proportionalität bestimmter Darstellungs- und Inhaltsstrukturen
(z.B. Betonung von Emotionen, Dynamik und Negativismen wie Gewalt,
Unglücken, Fehlleistungen von Politikern etc.) konsonant ist,
dann steigt die Wahrscheinlichkeit, dass das Publikum diese Merkmale
in seine Realitätsvorstellungen übernimmt.
Das Publikum kann die spezifisch strukturierten Medienangebote nur dann adäquat in angemessene Realitätsvorstellungen transformieren, wenn es einerseits eine hohe Medienkompetenz besitzt und andererseits die Medien diesen Restrukturierungsprozess durch die Einhaltung professioneller Regeln und eindeutige Indikatoren erleichtern. Medienkompetenz meint dabei, dass das Publikum erstens angemessene Vorstellungen von Medien und ihrer Arbeitsweise besitzt. Es muss wissen, dass diese strukturierend und interpretierend in die Realität eingreifen, sodass eine „objektive", lediglich proportional reduzierte Berichterstattung schon vom Selbstverständnis der Journalisten her (überwiegend Kritiker von Missständen, weniger neutrale Berichterstatter (vgl. dazu Schulz 1997, S. 60) nicht zu erwarten ist. Sie sollten die gesellschaftliche Rolle und Interessenlage der Journalisten kennen, um sie als Interpretationsfaktor korrigierend berücksichtigen zu können, und sie müssen schließlich ganz banal die formalen Gestaltungsmittel wie journalistische Stilformen, Rückblenden, Schnitte, Ironisierungen etc. kennen, um audiovisuelle Darstellungen richtig zu interpretieren.
Bonfadelli, H.: Medienwirkungsforschung I. Konstanz 1999.
Früh, W.: Medienwirkungen: Das Dynamisch-Transaktionale Modell. Opladen 1991.
Schenk, M.: Medienwirkungsforschung. Tübingen 2002.
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