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Autoren: Früh, Werner/ Wünsch, Carsten.

Titel: Wirkung.

Quelle: Jürgen Hüther/ Bernd Schorb (Hrsg.): Grundbegriffe Medienpädagogik. 4., vollständig neu konzipierte Auflage. München 2005. S. 420-428.

Verlag: kopaed verlagsgmbh.

Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlags.



Werner Früh / Carsten Wünsch

Wirkung

Medienwirkungen existieren seit es Medien gibt und waren als solche noch nie strittig. Das Eigentümliche ist jedoch, dass dieselben Effekte meist parallel sowohl im Zusammenhang mit Hoffnungen als auch mit Befürchtungen diskutiert werden: Befürchtet wird z.B. „Volksverhetzung" durch Propaganda, „Verdummung" durch seichte Unterhaltung, Nivellierung des Geschmacks, Erziehung zur Gewalt, Förderung der individuellen Isolation oder systematische Beeinflussung der Wähler. Die Hoffnungen beziehen sich dagegen auf Information und Aufklärung, die Integration komplexer Gesellschaften, Vermittlung eigener und fremder Kultur, was zu Solidarität und Toleranz einerseits sowie Transparenz und Kompetenz hinsichtlich Politik, Wirtschaft und Kultur führen und den Menschen Orientierung und eine Handlungsgrundlage für ihr individuelles und soziales Verhalten schaffen soll. Außerdem könne sich das Publikum mit Hilfe der Medien entspannen und vergnügen und sich ggf. öffentlich profilieren etc.. Die wichtigste Hoffnung ist jedoch verfassungsrechtlich verankert (Art.5 GG) und erwartet vom Mediensystem einige Funktionen, ohne die eine demokratische Gesellschaft nicht existieren könnte: Information, Mitwirkung an der Meinungsbildung, Kontrolle und Kritik. Ob Hoffnungen oder aber Befürchtungen eher zutreffen, ist fast immer strittig, ja sogar der Wirkungsbegriff selbst wird kontrovers diskutiert. Bis dato existiert keine allgemein akzeptierte Definition (vgl. z.B. Merten 1994; Bonfadelli 1999, S. 15ff.). Die Unterschiede zwischen den verschiedenen Vorstellungen von Medienwirkungen lassen sich anhand folgender Fragen beschreiben.

Die empirische Medienwirkungsforschung hat sich seit dem Ersten Weltkrieg nach und nach organisiert und in Forschungsinstituten und Universitäten etabliert. Zur Beschreibung der weiteren Entwicklung dieses mittlerweile fast unüberschaubar großen Forschungsfeldes wurden seither mehrere Vorschläge entwickelt. Am beliebtesten ist die Unterscheidung in je eine Phase der starken und der schwachen Medienwirkungen, also ein Zweiphasenmodell (Schenk 2002, S. 57ff.). Donsbach (1991, S. 18ff.) sieht dagegen drei, McQuail (1994, S. 328ff.) sogar vier Phasen.
Bei näherer Betrachtung erscheinen alle derartigen Phasenmodelle als überpointierte Beschreibungen aus unterschiedlichen Perspektiven. Tatsächlich überschneiden sich die „Phasen" sehr stark oder laufen gar parallel. Zumindest das Zweiphasenmodell der starken und schwachen Medienwirkungen ist nur vor dem Hintergrund der lange dominierenden „Kampagnenforschung" verständlich. Unter Wirkungen verstand man im Rahmen von Werbeaktionen, Kriegspropaganda oder politischen Wahlkampagnen ausschließlich die Beeinflussung von Meinungen, Einstellungen und Verhalten. Bezieht man dagegen auch Einflüsse auf Wissen (Kognitionen) oder gar auf Institutionen, Gesellschaften und Kulturen ein, so hat es einen solchen Phasenverlauf nach stark/schwach nie gegeben. Beispielsweise betreibt die empirische Verständlichkeitsforschung seit den 30er-Jahren bis heute einen unverändert hohen Forschungsaufwand, um die Effizienz von Medienangeboten beim Wissenstransfer zu optimieren. Und die als Grundlage der „schwachen" Wirkungsthese formulierte „Verstärkerregel" wurde bereits 1940 von Lazarsfeld, Berelson und Gaudet, also zu Beginn der „starken" Wirkungsphase, entdeckt. (>Medienforschung)

Informativer erscheint eine andere Strukturierung. Die Kommunikator- und Rezipientenperspektive, verbunden insbesondere mit dem Stimulus-Response- (S-R) und dem „Uses and Gratifications"-Ansatz (UaGA), existieren als alternativ mögliche Sichtweisen parallel. Je nach Forschungsinteresse wird eine von beiden zu Grunde gelegt. Die sog. „Kampagnenforschung", die sich für die Wählerbeeinflussung interessiert, ebenso wie die Werbewirkungsforschung (>Werbung) basieren immer auf dem S-R-Modell, weil sie an der Optimierung der Medienwirkung interessiert sind, während sich die Publikumsforschung am UaGA orientieren wird, weil sie herausfinden will, bei welchen Medienangeboten die Nutzungschance einerseits und die individuelle Bedürfnisbefriedigung andererseits am größten sind.

Beide Paradigmen folgen jedoch letztlich dem Kausalmodell. In traditioneller Denkweise suggeriert der Wirkungsbegriff eine einseitig gerichtete Beziehung zwischen zwei Größen, deren zeitlich frühere die Ursache, die folgende die Wirkung ist. Ganz deutlich ist diese einseitige Kausalitätsvorstellung als direkte Wirkung der Medienbotschaft im S-R-Modell erkennbar. Dem UaGA liegt jedoch vordergründig eine finale Logik zu Grunde: Das Publikum wählt souverän jene Medieninhalte aus, von denen es sich maximale Bedürfnisbefriedigung verspricht. Genauer betrachtet tastet jedoch eine solche „Rezipientenperspektive" die logische Funktion der Medienaussage als Ursache und die Eindrücke beim Rezipienten als Wirkung nicht an. Die Bedürfnisse des Publikums dienen nur als Verteilungskriterium bei der aktiven Zuweisung von Wirkungschancen. Der nach wie vor kausale Wirkungszusammenhang wird lediglich final erklärt: Wirksam kann nur diejenige Medienaussage werden, von der das Publikum hinreichende Gratifikationen erwartet und der deshalb eine bedingte Wirkungschance gewährt wird. Bedingt, weit die Medienbotschaft nur in der subjektiv interpretierten Form wirksam werden kann (gemäß dem aus dem Symbolischen Interaktionismus stammenden „interpretativen Paradigma"). Schnell wurde klar, dass dieses Konzept des souveränen, aktiven Rezipienten nur „auf dem anderen Auge blind war'. Dies vermeidet der Dynamisch-transaktionale Ansatz (DTA) (Früh 1991). Er ist weder ein Kausal- noch ein Final-, sondern ein Transformationsparadigma. Der DTA integriert Kommunikator- („Wirkungs-") und Rezipientenperspektive (UaGA) und ergänzt sie zugleich. Demgemäß sind zunächst alle Kriterien relevant, die auch in diesen beiden Paradigmen gelten. Integrations- und Erweiterungspotenzial lassen sich an den Merkmalen Transaktion, Dynamik und molarer Kontext demonstrieren.
Der Rezipient ist im DTA Akteur (handelndes Subjekt) und Betroffener (Objekt) zugleich - und zwar entweder abwechselnd oder gleichzeitig. Ganz abstrakt lässt sich dies mit den Denkmodellen der Dynamik und der Transaktion als neuem Beziehungstypus demonstrieren. Wenn der Rezipient merkt, dass er beeinflusst oder genötigt werden soll, ist oft ein Teil der Wirkung schon erfolgt. Der Rezipient mag auswählen, was ihm angenehm erscheint und es so interpretieren, wie er es kann oder möchte, dennoch wählt er immer nur aus einem Angebot, das ihm der Kommunikator zur Verfügung stellt, und wenn er ein bestimmtes Angebot wählt, selegiert er immer mehr als das. Wer sich ein Fußballspiel ansehen mag, wählt notwendig auch die Trikot- und Bandenwerbung, die er eigentlich meiden möchte. Jede Handlung bringt solche „Kollateralschäden" mit sich, unabhängig davon, ob man dies will oder nicht. Insofern handelt sich der Rezipient, auch wenn er souverän nach seinen Bedürfnissen auswählt und interpretiert, immer auch unwillkommene Effekte mit ein. Wenn der Kommunikator diese Mechanismen kennt, kann er sie auch gezielt zur Einflussnahme nutzen. Dies ist ein Beispiel für eine Transaktion, die dem Rezipienten simultan eine aktive und passive Rolle zuweist.
Wenn nun aber - formal gesprochen - eine Ursache in manchen Fällen nicht wirken kann, ohne sich selbst zu verändern, dann lassen sich die Wirkungs- und Rezipientenperspektive nicht mehr trennen. Wirkungen entstehen dann auch nicht nur am Ende einer kausal gerichteten Beziehung, sondern an allen relevanten Teilen des Kommunikationszusammenhangs. Und welches die relevanten Teile sind, beschreibt der molare Kontext.

Zur Spezifizierung des molaren Kontextes vertritt der DTA ein Modell des triadischen Ursachenfittings. Wirkungen entstehen durch das Zusammenspiel dreier Einflussdimensionen: 1. Personenmerkmale, 2. Stimulus-/Medienmerkmale und 3. Merkmale des situativen und gesellschaftlichen/kulturellen Kontextes. Wirkung entsteht immer und zwar gemäß der jeweiligen Konstellation dieser drei Faktorenbündel (Früh 2002). Berücksichtigt man außerdem, dass sich diese Faktorenbündel dynamisch entwickeln und verändern, wobei frühere Zustände einer Ursachenvariable (z.B. die frühkindliche Sozialisation) spätere Zustände bzw. Handlungen beeinflussen können, sodass Variablen in einem selbst-referenziellen Prozess immer wieder die Ursachen ihrer eigenen Veränderung sind, dann ist das kausalanalytische durch ein dynamisch-transaktionales Denken ersetzt. Es verwendet einen etwas anderen Wirkungsbegriff.

Massenkommunikation, und damit auch Rezeption als deren wesentlicher Bestandteil, ist kein Bündel linearer Transportprozesse von Information, an deren „Ende" beim Publikum dann Wirkungen entstehen. Nach dem DTA enthält Massenkommunikation nicht Wirkungen als einen ihrer Bestandteile, sondern sie ist Wirkung. Man kann nicht kommunizieren ohne Wirkungen hervorzurufen. Und sie treten nicht nur beim Rezipien­ten, sondern bei allen beteiligten Faktoren auf. Sie entstehen auf der realen wie der virtuellen Ebene und sie können sich in Zuständen wie in Prozessen manifestieren. Die Beziehungen untereinander sind verschiedenartig, auch zeitverzögert, indirekt/mehr­stufig oder antizipiert, selbst Kumulationen, Rückkopplungen und qualitative Sprünge sind möglich. Der dynamisch-transaktionale Wirkungsbegriff lässt sich wie folgt definieren: „Medienwirkungen sind alle tatsächlichen oder verhinderten Veränderungen (Konservierungen, Retardierungen) aller Faktoren, die direkt oder indirekt an einem Kommunikationsprozess beteiligt sind, in dem Medien mitwirken und die auf diese Mitwirkung zurückführbar sind."

Die ggf. sinnvollen Eingrenzungen dieser allgemeinen Definition sind normativer Art und deshalb erst nachfolgend als begründungsbedürftige Beschränkungen vorzuneh­men. Z.B. ist es üblich, die in der kommunikativen Phase erfolgenden Wirkungen als „Rezeption" und langfristige, oft auch mehrstufige Wirkungen als „Folgen" von Medien­kommunikation zu bezeichnen. Auch werden häufig diffuse, den Medien nicht mehr klar als Ursache zuzuschreibende Wirkungen (z.B. manche sozialisatorischen Effekte) ausgegrenzt, wobei ein nicht immer klar spezifiziertes Schwellenkriterium unterstellt wird. Der Begriff „Medienwirkungen" bezeichnet dann nur diejenige Menge von Wirkun­gen, in denen der Medieneinfluss signifikant identifizierbar ist. Solche Eingrenzungen sind dann vielleicht ad hoc hilfreiche, aber dennoch normativ-pragmatische Verkürzun­gen des Wirkungsbegriffs.
Aus einer pädagogischen Perspektive sind einige Wirkungen besonders relevant.

1. Gewalt

Über den Forschungsstand der Gewaltwirkungsforschung zu schreiben ist insofern schwie­rig, als nicht einmal eine einheitliche Definition des Konstrukts >„Gewalt" existiert, geschweige denn vergleichbare methodische Zugänge. Es verwundert kaum, dass es eine Vielzahl unterschiedlicher Theorien und relativ heterogene Forschungsergebnisse dazu gibt. Wir wollen hier nicht auf die in vielen Publikationen erwähnten Theorien, wie z.B. die der Katharsis, Habitualisierung, Imitation, Stimulation oder der kognitiven Unterstützung (vgl. Kunczik 1998) und entsprechende Befunde eingehen, sondern auf höherer Abstraktionsebene eine Systematisierung vornehmen.
Zunächst sind zwei Perspektiven zu unterscheiden: Die erste ist die statistische, die sich auf Aggregatdaten bzw. Populationen bezieht. Sie orientiert sich an Trends, an Mehrheiten. Gewalt liegt dann vor, wenn eine signifikante Menge von Personen aggres­siv handelt. Die zweite Perspektive betrachtet das Konstrukt kategorial und orientiert sich am Individuum. Sie fragt: Was ist Gewalt und wie kommt sie zu Stande? Ob dies bei einer Mehrheit oder auch nur einer einzigen Person geschieht, ist zunächst zweitran­gig. Bei der Aggregatperspektive erhält man Gewaltpotentiale für Klassen von Medien­merkmalen (bei durchschnittlichen bzw. im Experiment bei nur ganz bestimmten Kon­textbedingungen und bei durchschnittlichen Persönlichkeitseigenschaften). Man kann so herausfinden, dass z.B. brutale Gewalt in den Medien im Allgemeinen nicht sehr attraktiv erscheint und nur ganz wenige Menschen (nicht signifikant) davon aggressiv werden; also statistisch kein Einfluss. Es lässt sich dabei aber nicht ausschließen, dass Minderheiten dennoch Brutales außerordentlich reizvoll finden, was einige davon sogar zu Gewalthandlungen veranlasst. Eine solche statistische Argumentation über Aggre­gatdaten ist wichtig, um die quantitative Relevanz eines Phänomens für ein Kollektiv einschätzen zu können. Untersuche ich dagegen nur bei einer oder wenigen Personen die gesuchten Zusammenhänge (individuelle Perspektive), dann weiß ich zwar, ob eine solche Wirkung überhaupt möglich ist und wie sie zu Stande kam, allerdings nur bei dieser einen Person. Die Antwort auf dieselbe Frage würde hier entgegengesetzt hei­ßen: Ja, Gewaltdarstellungen im Fernsehen können zu Gewalthandlungen führen. Ob dies auf gesellschaftlicher Ebene in besorgniserregendem Umfang geschieht oder auf einige nie ganz vermeidbare Einzelfälle beschränkt bleibt, ist nicht abschätzbar. Man sieht, dass beide Perspektiven wichtig sind und sich ergänzen.

Gewalt ist vermutlich nie vollständig eliminierbar. Die Evolution hat uns physisch und psychisch in einer Weise geformt, die in uns unter bestimmten (ggf. überlebensnot­wendigen) Bedingungen Aggression aufkommen lassen. Das Ziel besteht darin, sie zu minimieren bzw. in sozial verträgliche Formen zu überführen. Insofern ist Gewalt immer ein sozial bewerteter Begriff, der mit schädigender Intention und Schuld verbunden ist. Damit können Schäden und Leid, für die es keinen absichtsvollen Täter (als Indivi­duum oder Kollektiv) gibt, sinnvollerweise nicht als Gewalt bezeichnet werden, obwohl eindeutig Opfer zu Schaden kamen. Früh (2001) schlägt deshalb einen Täter-zentrier­ten Gewaltbegriff vor. Damit lässt sich die sog. „nichtintentionale Gewalt" nicht mehr dem Gewaltbegriff subsumieren und sollte „Schädigung" genannt werden (z.B. bei den Opfern einer Naturkatastrophe etc.).
Auf der Grundlage dieser drei Kriterien - Wertgebundenheit, Schädigung und Täterinten­tion - besteht ein Gewaltakt somit aus Täter, Opfer und einem Verhalten mit schädigen­der Intention. Demnach kann Gewalt wie folgt definiert werden: „Gewalt ist die realisier­te oder beabsichtigte, bewusste (nicht unbedingt geplante) Schädigung von Personen, Tieren, Pflanzen oder Sachen." (Früh 2001) Mit Hilfe der so definierten Bestandteile von Gewalt lassen sich durch entsprechende Kombinationen unterschiedliche Gewalttypen beschreiben: a) personale Gewalt; b) antisoziale Gewalt; c) institutionelle Gewalt; d) kul­turelle Gewalt; e) subversive Systemgewalt; f) assimilierte Alltagsgewalt (Früh 2001).

Will man das große Feld der Gewaltforschung angemessen verstehen, sollte man zwei weitere Differenzierungskriterien beachten. Sieht man Gewalt als kurzfristiges, episodisches Phänomen (Gewaltakt), dann bekommt man bevorzugt einzelne individuelle Handlungen in den Blick. Theorien wie die Stimulations- oder die Imitationsthese sind Beispiele dafür. Sieht man Gewalt dagegen dynamisch als eine sich permanent entwickelnde individuelle Disposition, so wird man sich eher mit den Lebensgeschichten von Menschen und ihren langfristigen realen und medialen Kontexten beschäftigen. Dies ist dann die >Sozialisationsperspektive mit ihrer bekanntesten Ausformulierung in der sozialen Lerntheorie. Die erste Perspektive betrifft einige bestimmte Medienangebote und konzentriert sich auf wenige potenzielle Täterpersonen, die auf Grund ihrer genetischen und sozialisatorischen Prädispositionen eher am Rande der Gesellschaft stehen. Die zweite bezieht sich dagegen auf eine ganze Medienangebotskultur und alle Mitglieder einer Gesellschaft. Hier geht es nicht darum, ob Einzelne plötzlich zu Gewalttätern werden, sondern ob das Werte- und Normensystem unserer Gesellschaft zunehmend violente Strukturen assimiliert, die sich über Erziehung, Gruppendruck und Umweltbeobachtung permanent selbst verstärken.
Beachtung verdient auch das jeweils zu Grunde gelegte Wirkungsmodell. Häufig wird implizit von einem „einsinnigen" S-R-Konzept ausgegangen: (Medien-)Gewalt führt zu (personaler) Gewalt. Der dynamisch-transaktionale Wirkungsbegriff legt jedoch auch andere Zusammenhänge nahe: Gewalt kann auch zu Verunsicherung, Angst, Solidarität etc. führen, wie umgekehrt auch Sozialneid, Minderwertigkeitsgefühle, Egozentik und anderes zu Aggression und Gewalt führen können.

2. Realitätsvermittlung

Neben den häufiger untersuchten kurzfristigen Effekten stehen in den letzten Jahrzehnten immer mehr die langfristigen Wirkungen im Mittelpunkt des Forschungsinteresses. Gerbner (z.B. 2000) argumentiert, das Fernsehen sei lebenslang zu einer zweiten Umwelt für uns geworden. Deshalb prägten sich die Inhaltsstrukturen der Medien durch ständige Wiederholung als „Realität" ein. Und dies ist hier von besonderer Relevanz, denn den weitaus größten Teil des Wissens über die Welt, uns selbst und die Gesellschaft haben wir nicht selbst erfahren, sondern er wurde uns durch Medien vermittelt. Zu diesen Realitätsvorstellungen gehören nicht nur faktische Gegebenheiten, sondern auch unsere Wertvorstellungen, die gesellschaftlichen Regeln des Zusammenlebens oder Relevanzkriterien, die Wichtiges und Unwichtiges differenzieren und mehr. Neben Büchern spielen hier vor allem >Massenmedien eine bedeutende Rolle. Viele empirische Studien belegen jedoch, dass Medien die Welt keineswegs „objektiv" (vgl. dazu Schulz 1997, S. 50ff.), vollständig oder wenigstens repräsentativ abbilden. Vielmehr wählen sie nach journalismustypischen Kriterien (sog. „Nachrichtenwerte') bestimmte Nachrichten aus,. wobei die Merkmale, die zur Auswahl führten, noch überbetont, andere dafür einfach weggelassen werden. Unter diesem Blickwinkel wird uns eine völlig „verzerrte" Medienrealität präsentiert. Diese Wertung ist jedoch nur dann richtig, wenn wir es als die Aufgabe der Medienberichterstattung (insgesamt) ansehen, als originalgetreuer Mittler der Realität aufzutreten. Angesichts der unüberschaubar großen Zahl von Ereignissen, die in jedem Augenblick auf der Welt geschehen, der begrenzten Kapazität der Medien und der noch begrenzteren Auffassungskapazität der Menschen ist dies jedoch weder möglich noch sinnvoll. Ohnehin wäre der allergrößte Teil der Ereignisse für die meisten Menschen irrelevant. Außerdem ist fraglich, ob eine „unverzerrte" Realitätsdarstellung in ihrer Wirkung zu adäquateren Realitätsvorstellungen führen würde als eine „verzerrte", weil das Publikum die Medienrealität nicht einfach „eins zu eins" übernimmt. Ihm sollte es bei hinreichender Medienkompetenz möglich sein, die perspektivische Information mit der gebotenen Distanz zu nutzen und angemessen in seine kognitive Struktur zu transformieren. Die empirischen Ergebnisse zeigen, dass das Publikum nur einen geringen Kernbestand der Medieninformationen direkt übernimmt. Ein Teil der Rezipienten geht damit in der Folge nun aktiv um, verarbeitet die Inhalte also nachhaltig durch Auslassen, Zusammenfassen, Kommentieren, Schlussfolgern, Assoziieren oder die Herstellung von Querverbindungen zu anderem Wissen. Ein anderer Teil nutzt sie passiv, indem er sie zwar zunächst gut versteht, das Wissen in der Folge aber zunehmend verblasst und zerfällt. Obwohl es sich also vom Medienangebot mehr und mehr entfernt, entsteht langfristig nur beim aktiven Typus ein dynamisches und komplexes Realitätsbild mit Erklärungs- und Orientierungsfunktion (Sozialisationseffekt der Medien).
Unter bestimmten Bedingungen ist es jedoch auch möglich, dass Medien Realitätsvorstellungen fast alleine etablieren. Vor allem bei Kindern, wo noch keine ausgeprägten Realitätsvorstellungen als Vergleichsmaßstab und Korrektiv vorliegen, können sie relativ leicht den „freien Platz" besetzen. Aber auch bei Erwachsenen ist dies unter bestimmten Bedingungen noch möglich. Wenn die Berichterstattung z.B. hinsichtlich der Themenauswahl (Agenda-Setting), der vertretenen Meinungstendenzen oder der Proportionalität bestimmter Darstellungs- und Inhaltsstrukturen (z.B. Betonung von Emotionen, Dynamik und Negativismen wie Gewalt, Unglücken, Fehlleistungen von Politikern etc.) konsonant ist, dann steigt die Wahrscheinlichkeit, dass das Publikum diese Merkmale in seine Realitätsvorstellungen übernimmt.

Das Publikum kann die spezifisch strukturierten Medienangebote nur dann adäquat in angemessene Realitätsvorstellungen transformieren, wenn es einerseits eine hohe Medienkompetenz besitzt und andererseits die Medien diesen Restrukturierungsprozess durch die Einhaltung professioneller Regeln und eindeutige Indikatoren erleichtern. Medienkompetenz meint dabei, dass das Publikum erstens angemessene Vorstellungen von Medien und ihrer Arbeitsweise besitzt. Es muss wissen, dass diese strukturierend und interpretierend in die Realität eingreifen, sodass eine „objektive", lediglich proportional reduzierte Berichterstattung schon vom Selbstverständnis der Journalisten her (überwiegend Kritiker von Missständen, weniger neutrale Berichterstatter (vgl. dazu Schulz 1997, S. 60) nicht zu erwarten ist. Sie sollten die gesellschaftliche Rolle und Interessenlage der Journalisten kennen, um sie als Interpretationsfaktor korrigierend berücksichtigen zu können, und sie müssen schließlich ganz banal die formalen Gestaltungsmittel wie journalistische Stilformen, Rückblenden, Schnitte, Ironisierungen etc. kennen, um audiovisuelle Darstellungen richtig zu interpretieren.

Literaturempfehlungen:

Bonfadelli, H.: Medienwirkungsforschung I. Konstanz 1999.

Früh, W.: Medienwirkungen: Das Dynamisch-Transaktionale Modell. Opladen 1991.

Schenk, M.: Medienwirkungsforschung. Tübingen 2002.

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