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Autor: Gangloff, Tilmann P..

Titel: Fernsehen als Zerrspiegel. Gewalt ist eine Krankheit der ganzen Gesellschaft.

Quelle: Tilmann P. Gangloff/Stephan Abarbanell (Hrsg.): Liebe, Tod und Lottozahlen. Fernsehen in Deutschland: Wer macht es? Was bringt es? Wie wirkt es? Hamburg, Stuttgart 1994. S. 166-174.

Verlag: J. F. Steinkopf Verlag.

Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Autors.



Tilmann P. Gangloff

Fernsehen als Zerrspiegel: Gewalt ist eine Krankheit der ganzen Gesellschaft

Aggressivität, Gewalt, Brutalität: Nach wie vor sind sie gesellschaftlich verpönt und vom bürgerlichen Kunstverständnis ausgegrenzt. Dennoch wurden sie ganz selbstverständliche Bestandteile der Unterhaltungsmedien, und dort haben sie sich verselbständigt.

Gleichzeitig wird allenthalben die zunehmend aggressive Atmosphäre der Gesellschaft beklagt – und die Medien müssen als Prügelknabe herhalten. Doch Gewalt in all ihren Formen macht sich nahezu überall bemerkbar, wo das soziale Miteinander wettbewerbsähnliche Formen annimmt: auf Schulhöfen, auf dem Wohnungsmarkt, im Straßenverkehr. Vor allem aber das Fernsehen soll sich ändern: Eine Symptomkur, die sich der Tatsache verdankt, daß Politiker und andere besorgte Mitmenschen ihre Kinder wenigstens in der scheinbaren Sicherheit ihres Zuhauses vor einer Verrohung beschützen wollen.

Wie die Gewalt selbst, so hat sich auch die Diskussion über sie längst verselbständigt: Weil in der Anprangerung des Mißstandes natürlich auch die Möglichkeit der (parteipolitischen) Profilierung erkannt wird.

Die Ursachen aber liegen tiefer und wären selbst dann nicht behoben, wenn das Fernsehen von heute auf morgen verboten würde. "Aggressive und gewalttätige Kinder werden nicht als solche geboren, sondern im Laufe ihrer Lebensgeschichte, ihrer Sozialisation, zu solchen gemacht. Ein Schlüssel zum Verständnis liegt im Familienbereich. Viele Familien sind heute in eine Existenzkrise geraten und ‚produzieren' psychisch und nervlich gestörte, sozial oft irritierte und verwahrloste, teilweise auch vernachlässigte und mißhandelte Kinder"1, stellt der Gewaltforscher Klaus Hurrelmann fest. Solche Kinder werden in Kindergarten und Schule aggressiv und gewalttätig, weil ihnen die Voraussetzungen für das Einhalten von sozialen Verhaltensregeln fehlen.

Offiziell werden laut Hurrelmann in der BRD jährlich rund 1.400 Fälle von körperlicher Kindesmißhandlung registriert, die Zahl registrierter sexueller Mißhandlungen ist zehnmal so hoch. Beide Zahlen sagen jedoch nach Meinung Hurrelmanns nichts über die tatsächlichen Ausmaße aus. Nach seinen Schätzungen sind mindestens 1 Prozent aller Kinder und Jugendlichen hierzulande von körperlicher Gewalt in den Familien betroffen und mindestens 10 Prozent, nach anderen Schätzungen sogar wesentlich mehr, von schweren Formen sexueller Gewalt. 15 Prozent der Kinder und Jugendlichen leben in Verhältnissen, die an Verwahrlosung grenzen.2

Die Ursachen dafür, daß die Keimzelle des Staates, die Familie, ihre Aufgabe nicht mehr erfüllt, liegen für Hurrelmann zumeist in langanhaltender elterlicher Spannung, besonders im Vorfeld einer Trennung. Wirtschaftliche Krisensituationen verschärfen diese Spannung naturgemäß. Ein weiterer wesentlicher Faktor neben der sozialen Isolation der (zu) klein gewordenen Familie ist der gesellschaftliche Umbruch, der zu einer Verunsicherung gerade der Männerrolle geführt hat. Sexuelle Gewalt wird fast immer von Männern ausgeübt und ist zudem eine "geschlechtstypische Form von Aggressivität, die sich ganz überwiegend gegen Mädchen und Frauen richtet."3

Untersuchungen am Biefelder Zentrum für Kindheits- und Jugendforschung haben ergeben, daß ein wesentliches Moment der Gewaltspirale der Leistungsdruck ist, dem bereits kleine Kinder aufgrund der elterlichen Erwartungen ausgesetzt sind: Schon früh werden "Kinder mit den teilweise harten und brutalen Spielregeln einer bedingungslosen Wettbewerbsgesellschaft konfrontiert."4 Dieser hohe Druck, so Hurrelmann, werde von den Kindern vollständig verinnerlicht, so daß sie diese Erwartungen auch an sich selbst stellen. Konsequenterweise führt Mißerfolg daher möglicherweise zu einer starken Verletzung des Selbstwertgefühls, was wiederum, je nach Charakter, psychosomatische Folgen haben (Nervosität, Unruhe) oder eben, nach außen gerichtet, zu einer Steigerung des Aggressionspotentials führen kann.

In Kindertagesstätten zum Beispiel wird ungleich stärker als früher die Beobachtung gemacht, daß Kinder Konflikte vermehrt gewalttätig lösen wollen. Gleichzeitig sind Kinder immer weniger in der Lage, die Folgen ihrer aggressiven Handlungen einzuschätzen. Das führt zu einem Phänomen, dem Eltern und Erzieherinnen besonders fassungslos gegenüberstehen: Gewalt wird immer noch ausgeübt, wenn der Gegner längst besiegt ist. Gewalt äußert sich aber auch in psychischen Aktionen: Schwächere werden bedroht, gehänselt oder durch erzwungene Handlungen gedemütigt; oft genügt die Androhung des Gruppenausschlusses, um die Hackordnung zu stabilisieren. Symptomatische Begleiterscheinung dieser Verrohung ist ein zunehmend aggressiverer Sprachgebrauch.

"Anlaß zu Unruhe, aber nicht zu Alarmstimmung"

Allerdings relativiert Hurrelmann die öffentliche Diskussion über die Zunahme der Aggressivität in Kindergärten und Schulen. Die Verbreitung von Gewalt habe sich bei weitem nicht so dramatisch entwickelt, wie das in den Medien dargestellt werde, zumal einige Einrichtungen stark betroffen seien, während an anderen die Entwicklung gänzlich vorbeigehe: “Insgesamt besteht, was diesen Sachverhalt angeht, Anlaß zu Unruhe. aber nicht zu Alarmstimmung”.5 Eindeutig zugenommen hätten jedoch verbale Aggressionen mit sexuellen, politischen und rassistischen Komponenten: “Systematische Demütigung von Menschen des anderen Geschlechts, mit anderer Hautfarbe und anderer ethnischer Herkunft sind verbürgt.”6 Während sich das Verhalten weiter Teile der Schülerschaft kaum geändert hat, werden die Übergriffe einer kleinen Gruppe - nach Schätzungen der Bielefelder Forscher 5 bis 6 Prozent - immer skrupelloser und brutaler. “Es wird weiter geschlagen und weiter getreten, auch wenn das Opfer schon kampfunfähig am Boden liegt”.7 Die Täter, die dabei vermehrt auch Waffen und waffenähnliche Gegenstände einsetzen, kennen keinen “Ehrenkodex” mehr, der ihre Opfer früher noch vor grenzenloser Brutalität geschützt hätte. In Befragungen gaben die Täter an, daß ihnen das Schicksal der Opfer egal sei, "sie zeigen Gefühlskälte und Desinteresse am Befinden und möglicherweise am Leben eines anderen Menschen."8

Die Ursachenforschung führt ins Elternhaus: Aggressive Kinder in der Schule stammen aus einem Umfeld, in dem sie selbst sehr viel Gewalt erleben. Daß die Schüler – überwiegend handelt es sich um Jungen – aggressiv werden, liegt zumeist daran, daß sie nicht akzeptiert werden und sich selbst als Versager einstufen. Hohe Aggressionswerte sind überwiegend bei solchen Schülern festzustellen, die mit dem System Schule nicht zurechtkommen, schlechte schulische Leistungen vorzuweisen haben und sich entweder mittels ihrer Aggressivität an dem System rächen oder aber auf sich aufmerksam machen wollen.

Daß Jungen ihre Aggressivität signifikant deutlicher als Mädchen nach außen tragen, heißt nicht, daß Mädchen keine Probleme haben; sie richten die Aggressionen jedoch eher nach innen, werden krank oder verfallen in Depressivität. Dieser Geschlechterunterschied in der Symptomatik dürfte auf den Einfluß von Erziehungs- und Umweltfaktoren zurückzuführen sein: Mädchen wird ganz allgemein weniger Aggressivität zugestanden.

Während sich das öffentliche Interesse vor allem auf den Schulhof konzentriert, spielt der Freizeitbereich für jugendliche Aggressivität eine nicht weniger entscheidende Rolle, zumal der Einfluß der Familie im zweiten Lebensjahrzehnt. naturgemäß wesentlich schwächer wird. Parallel dazu wächst die Bedeutung von Cliquen und Freundesgruppen, in denen oft eine strenge Hierarchie mit hohem Anpassungsdruck herrscht. Die Regeln der Clique werden zum Maß aller Dinge und garantieren Anerkennung, Prestige und Geborgenheit, die in dieser Form anderswo nicht geboten werden. Die Ergebnisse der Kombination aus Gruppenzwang, Profilierungssehnsucht und dem aus der Solidarität der Gemeinschaft gewachsenen Selbstwertgefühl lassen sich nicht selten an Kriminalstatistiken ablesen.

Dieses soziologische Phänomen an sich ist nichts Neues. Neu ist aber der Kommerzialisierungsdruck, dem auch Jugendcliquen mittlerweile ausgesetzt sind, weil der Wettbewerb um Ansehen innerhalb der Gruppe stärker als früher über Statussymbole (Markenjeans, Fahrzeuge etcetera) ausgetragen wird. Auch hier gilt: Wer im Konsumwettbewerb auf der Strecke bleibt, ist gefährdet, diese Frustration in Aggressivität umzuwandeln (was natürlich auch für die Gruppe als Ganzes gelten kann).

Fast noch entscheidender für die Einschränkung der Entfaltungsmöglichkeiten im Freizeitbereich aber ist die Kinder- und Jugendfeindlichkeit gerade der Großstädte. Wo Beton und Asphalt vorherrschen, wo der Autoverkehr Vorfahrt hat und städteplanerische Entwürfe nicht von Menschlichkeit, sondern von technokratischer Rationalität geprägt sind, bleiben kaum noch Möglichkeiten, Spieltrieb, Spontaneität und Abenteuerlust freien Lauf zu lassen. Wenn das natürliche Aggressionspotential keinen positiven Weg findet, nimmt es eben, vereinfacht gesagt, den nächstgelegenen negativen Kanal.

Vor allem Politiker werden weit von sich weisen, ihrerseits ebenfalls zu gesellschaftlicher Aggressivität beizutragen. Viele Jugendliche (und nicht nur sie) empfinden die herrschenden politischen Strukturen jedoch als gewalttätig: Zum einen bildet Politik ein eigenes System, das nicht nur die Wünsche und Bedürfnisse der Menschen vernachlässigt, es muß vielmehr auch als System erscheinen, das praktisch unangreifbar ist. Hinzu kommt eine Form von gesellschaftsimmanenter Gewalt: Die bestehenden Verhältnisse führen zwangsläufig zu einer Ungleichheit der Chancen.

Eine Verbreitung von Gewalttätigkeit (oder auch nur die Bereitschaft dazu) könnte man gewissermaßen als "soziales Fieber" einstufen. "Gewalt und Aggressivität ist immer eine soziale Krankheit‘“, ein "Signal dafür, daß die Grundkonstruktion der Kommunikation und der Beziehung von Menschen zueinander in eine Krise geraten ist."9 Die Aggressivität ist also einem Alarmsignal vergleichbar, sie ist ein Versuch, sich aus einer als unangenehm empfundenen Situation zu befreien.

Die Rolle der Medien für Jugendliche

Keine Frage, daß die Medien, deren Bedeutung gesamtgesellschaftlich in den vergangenen Jahrzehnten ohnehin enorm gewachsen ist, gerade für Jugendliche eine nicht zu unterschätzende Rolle spielen. Beispielsweise vermitteln die Massenmedien einen großen Teil ihrer Lebenserfahrungen. Sie sind ein fester Bestandteil ihrer Freizeit, ihres gesamten Lebens. Gerade auf Kinder und Jugendliche üben die Medien, insbesondere das Fernsehen, einen enormen Reiz aus: Junge Menschen sind begierig, so viel wie möglich über die Welt jenseits ihres eigenen Erfahrungshorizontes herauszubekommen. Gleichzeitig ist natürlich die Kluft zwischen dem eigenen Alltag und jenem Leben, wie es in den Medien dargestellt wird, gerade für Kinder und Jugendliche riesig. Präziser ausgedrückt: Das Wissen um den fiktiven Charakter der Fernsehsendungen einerseits sowie die Erkenntnis, daß der dort präsentierte schöne Schein in der Realität kaum umsetzbar ist, wachsen mit dem Älterwerden.

Nahezu unumgänglich begegnen die Kinder und Jugendlichen in den Medien, wiederum speziell in den Sendungen des Fernsehens, einem erheblichen Ausmaß von Aggression und Gewalt. Die Frage ist nun: Welchen Einfluß haben Gewaltdarstellungen? Wie sehr dienen sie als Vorbild für das eigene Handeln? Sicher ist jedenfalls, daß das Fernsehen nicht allein die Ursache gesellschaftlicher Aggressionen ist. Und legitim ist auch die Schlußfolgerung, daß die durch die Medien vermittelte Gewalt bei Jugendlichen, die in ihrem eigenen Umfeld ein hohes Maß von Aggression und Gewalt erfahren, verstärkenden Charakter und für bestimmte Situationen wohl auch Vorbildfunktion hat: Weil man durch das Fernsehen lernen kann, wie sich gewisse Konflikte zur eigenen Zufriedenheit lösen lassen. Als gesichert kann gleichfalls die Feststellung gelten: Wer ohnehin ein hohes Aggressionspotential hat, wird bevorzugt solche Sendungen anschauen, die dieser aggressiven Stimmung entgegenkommen (zum Beispiel Action-Filme).

Wie in den meisten Teilbereichen des alltäglichen Verhaltens, so läßt sich sowohl für die Frage der Medienrezeption als auch für die des Aggressionspotentials feststellen: Ausschlaggebendes Vorbild sind fast immer die Eltern. Ist für die Eltern körperliche Gewalt das bevorzugte Mittel für die Lösung von Konflikten, so werden ihre Kinder sich nicht anders verhalten. Gleichzeitig sieht die Forschung eindeutige Zusammenhänge zwischen einem vernachlässigenden Erziehungsstil und dem kindlichen Konsum von Gewaltfilmen. Anders als von Politikern dargestellt, sind die Gewaltdarstellungen in den Filmen jedoch mitnichten die Ursachen für das Aggressionspotential der Kinder. Die einzige Schlußfolgerung, die man legitimerweise ziehen kann, ist die, daß der Konsum von Gewaltfilmen als Indikator für fehlgeschlagene Erziehungsbemühungen interpretiert werden kann.

Bei Kindern und Jugendlichen, deren Alltag ihren Hunger nach Erlebnissen, ihre Lust auf Abenteuer selbst bei besten Voraussetzungen kaum stillen kann, spielen die Medien traditionell eine große Rolle; was früheren Generationen die Märchen oder auch die Erzählungen am Kaminfeuer boten, hat heute das Fernsehen übernommen. Kinder und Jugendliche mit einem unausgewogenen Angebot von Erlebnissen und Erfahrungen wenden sich verstärkt dem Fernsehen und hier vor allem den erregungssteigernden Botschaften zu, um diese Bedürfnisse zu stillen. Dabei kann ein Suchteffekt eintreten, der dazu führt, daß die täglich gesuchte Reizdosis etwa in Form von Gewaltdarstellungen gesteigert werden muß. Die Einführung des kommerziellen Fernsehens in Deutschland kam diesem Bedürfnis entgegen: Aufgrund der Konkurrenzsituation der Sender untereinander kann der Zuschauer sicher sein, daß ihm die notwendige Erregung auf irgendeinem Kanal geboten wird. Selbstverständlich befinden sich nicht nur Jugendliche in dieser Suchtsituation, bei ihnen ist der Bedarf an Erregung und Stimulation entwicklungsbedingt allerdings besonders hoch, befinden sie sich doch körperlich und seelisch in einer Umbruchsituation. Daher kann man davon ausgehen, daß Medieneffekte gleich weicher Art bei Kindern und Jugendlichen besonders stark sind.

Die Reduzierung der einstigen Großfamilie auf die Überreste einer Kleinstfamilie mit nur einem erziehenden Elternteil muß sich außerdem problematisch auf das Bedürfnis von Kindern und Jugendlichen nach Identifizierungsangeboten auswirken, zumal selbst in vollständigen Familien das soziale Vorbildverhalten nur noch in geringerem Maß vorgelebt wird. Auch diese Leerstelle wird rasch von Vorbildern aus Kino und Fernsehen besetzt. "Der Prägewert von medialen Darstellungen dürfte in diesem Sektor deswegen besonders hoch geworden sein. Er vermischt sich mit informativen Wirkungen, der Vermittlung von Einstellungen und Weltbildern. Die Medien prägen das Weltbild mit Normen, Werten und Rollenbildern besonders dort, wo eigene Erfahrungen und eigene Erlebnisse fehlen und wo sich Einstellungen noch nicht gebildet haben oder nur in Rudimenten vorhanden sind."10

Gefordert sind die Eltern

Nach einer solchen Übersicht über mögliche oder sogar wahrscheinliche, in jedem Fall aber unerwünschte Wirkungen des Fernsehen werden Leser in vielen Fällen allein gelassen: Das Problem ist erkannt und beschrieben, doch Lösungsvorschläge werden nicht geboten. Hurrelmann fordert eine drastische Einschränkung von Gewaltdarstellungen in den öffentlichen Medien sowie die Schaffung von Erlebnis- und Erfahrungsräumen für Jugendliche. Als flankierende Maßnahme müsse die Medienerziehung intensiviert sowie ein Medienrat eingerichtet werden. Dieser sollte Mediendarstellungen beurteilen und Empfehlungen aussprechen (einen ersten kleinen Schritt in diese Richtung stellt die Freiwillige Selbstkontrolle der kommerziellen Fernsehveranstalter, FSF, dar, B. II. 3.: Der Versuch des Marktes, sich selbst zu regulieren). Natürlich sind aber auch und vor allem die Eltern gefordert: Nicht nur, weil sie für ihre Kinder Vorbildfunktion besitzen, sondern auch, weil sie selbst im zweiten Lebensjahrzehnt auf viele Lebensbereiche ihrer Kinder Einfluß haben. Zwar können sie wenig daran ändern, wenn die Leistungsanforderungen in der Schule einseitig sind; Unter- oder Überforderung in der Schule aber lassen sich zum Beispiel durch einen Wechsel der Schulform ändern. Auch auf den Freizeitbereich, dessen Angebote oft einzig auf raschen Konsum ausgerichtet sind und der daher vor allem oberflächliche Bedürfniserfüllung bietet, können Eltern, wenn sie sich ein bißchen Mühe geben, durchaus Einfluß nehmen.

Letztlich prägend sind auch die politischen Einstellungen der Eltern. Staatsverdrossenheit und pessimistische Zukunftserwartungen von Eltern werden nicht ohne Folgen auf ihre Kinder bleiben. Gerade bei Kindern und Jugendlichen ist die Gefahr groß, daß sie angesichts von Umweltkatastrophen in Kombination mit der Hilflosigkeit der Erwachsenen Ohnmachts- und Zukunftsängste bekommen; Gefühle von Machtlosigkeit, Sinnleere und Entfremdung sind eine mögliche Folge. Dabei sind Kinder eigentlich bereits mit der Nachrichtenlage eines durchschnittlichen Tages überfordert. Eine nicht unerhebliche Rolle spielt in diesem Zusammenhang auch die Art und Weise der Vermittlung von Nachrichten. Gerade in den Reportagen kommerzieller Sender dient die Nachrichtenlage vor allen der Effekthascherei. Wenn nun diese Lust an der Überzeichnung auf solche Jugendliche trifft, deren soziales Beziehungsnetz ohnehin löchrig ist, die im Alltag nicht die Unterstützung und Zuwendung erhalten, die ihnen zusteht, neigen sie möglicherweise dazu, ihr Heil in simplen Welterklärungsmodellen zu suchen. Dies ist ein möglicher Grund für den derzeitigen Erfolg von politisch extremen und religiös fundamentalistisch oder sektiererisch ausgerichteten Gruppierungen. Sie bieten solchen Menschen (auch dies gilt natürlich für Erwachsene gleichermaßen) einen Halt, deren Ohnmachtgefühle ansonsten zu Demoralisierung und Depression führen könnten.

Die Verantwortung des Fernsehens

Die Massenmedien, insbesondere das Fernsehen, haben eine hohe Verantwortung. Die Wettbewerbssituation hat mit sich gebracht, daß Aggressionspotentiale und Gewaltdarstellungen als Lockmittel eingesetzt werden. Das gilt für Sendungen, in denen der Sozialdarwinismus vorgelebt wird (Recht hat, wer sich am besten durchsetzen kann) ebenso wie für die Magazine, in denen die Sensationslust der Zuschauer sowie die Notsituation etwa von Unfallopfern ausgebeutet wird, um billige Reizbefriedigungen zu verschaffen. Für Hurrelmann besteht kein Zweifel, "daß auch diese Form von Sendungen aggressive und gewalthaltige Elemente befördert und dann, wenn sie zur Gewaltschau verkommt, zu Abstumpfung und Gefühlskälte führen kann. Auch in anderen Sendungen, bei denen menschliche Gefühle und menschliche Spannungen und Konflikte öffentlich zur Schau gestellt werden, droht die Gefahr, daß durch die Dramaturgie der Darstellung Gefühle eher abgestumpft denn gepflegt und thematisiert werden."11 Der Fairness halber sei hier noch angemerkt, daß die von Hurrelmann geschilderten Sendeformen, nachdem sie sich einmal als erfolgreich erwiesen, keineswegs auf kommerzielle Sender beschränkt blieben.

Trotz der Gründung der FSF bezweifeln die Kritiker der kommerziellen Fernsehsender deren Fähigkeit zur Selbstregulierung. Hurrelmann beispielsweise wirft ihnen implizit antidemokratische Tendenzen vor, wenn er feststellt, auch die Medien dürften sich nicht aus ihrer Verantwortung herausstehlen, "die sie für die Sicherung einer demokratischen und menschenwürdigen Kultur haben, von der sie letztlich ja auch leben. Auch die Medien dürfen nicht die Gruppe der schwachen, der sozial, leistungsmäßig und auch psychisch unterprivilegierten Kinder und Jugendlichen vernachlässigen, deren spezifische Bedürfnisse und Belange, Sorgen und Nöte nun einmal mit in das Spektrum einer offenen Gesellschaft gehören."12

Dieser Beitrag beruht zu großen Teilen auf Texten von Klaus Hurrelmann. Hurrelmann ist Professor am Zentrum für Kindheits- und Jugendforschung der Universität Bielefeld und hat sich als Gewaltforscher einen Namen gemacht. Die wesentliche Quelle, aus der auch sämtliche Zitate stammen: Klaus Hurrelmann, Gewalterfahrungen im Jugendalter, Überlegungen zur Bedeutung realer, medial vermittelter Fiktiver und medial vermittelter realer Gewalt. Unveröffentlichtes Manuskript, Bielefeld 1993

Literatur

W Breyvogel (Hg.), Lust auf Randale. Jugendliche Gewalt gegen Fremde, Bonn 1993

M. Brusten/K. Hurrelmann, Abweichendes Verhalten in der Schule, München 1973

U. Engel/K. Hurrelmann, Psychosoziale Belastung im Jugendalter. Empirische Befunde zum Einfluß von Familie, Schule und Gleichaltrigengruppe, Berlin/New York 1989

Dies., Was Jugendliche wagen, Weinheim 1993

J. Feltsches, Disziplin, Konflikt und Gewalt in der Schule, Heidelberg 1978

T. P. Gangloff, Frieden schaffen ohne Waffen. Aggression in der Schule: Mit dem Konstanzer Trainingsmodell lernen Lehrer Konflikte bewältigen, in: Rheinischer Merkur vom 30.8. 1991

K. Hurrelmann, Wie kommt es zu Gewalt in der Schule und was können wir dagegen tun?, in: Kind, Jugend, Gesellschaft 4/1991, S. 103-108

R. Klockhaus/B. Habermann-Morbey, Psychologie des Schulvandalismus, Göttingen/Toronto/Zürich 1986

J. Mansel/K. Hurrelmann, Alltagsstress bei Jugendlichen, Weinheim 1991

M. Spreiter (Hg.), Waffenstillstand im Klassenzimmer. Vorschläge, Hilfestellungen, Prävention, Weinheim/Basel 1993

E. Zeltner, Kinder schlagen zurück. Jugend-Gewalt und ihre Väter, Bern 1993

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1A.a.O., S.1

2Vgl. ebd.

3Ebd.

4A.a.O., S. 3

5A.a.O., S. 6

6Ebd.

7Ebd.

8Ebd.

9A.a.O., S. 24

10A.a.O., S.11

11A.a.O., S.18

12A.a.O., S.27

10