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Autor: Gangloff, Tilmann P..

Titel: Jugend und Fernsehen: Es war nie leicht jung zu sein.

Quelle: Horst Schäfer (Hrsg.): Lexikon des Kinder- und Jugendfilms. Meitingen 1998.

Verlag: Corian Verlag Heinrich Wimmer.

Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Autors.



Tilmann P. Gangloff

Jugend und Fernsehen:
Es war nie leicht, jung zu sein

Jede Epoche hat Probleme mit ihrer Jugend; erste Zeugnisse dafür finden sich bereits in grauer Vorzeit. Und genauso ist vermutlich jede Generation überzeugt, die ihr nachfolgende stelle den Tiefpunkt der Entwicklung dar. Vor allem heutzutage aber gibt es auch das andere Extrem: In geradezu selbstverleugnender Manier wird von angeblich aufgeklärten Menschen Verständnis für die angeblich unverstandene Jugend geheuchelt, wird beispielsweise öffentlich als Spießer oder gar Reaktionär gegeißelt, wer sich dagegen wehrt, daß die gleichfalls angebliche Graffiti-Kunst jeden freien Fleck auf Hauswänden und S-Bahn-Zügen mit Sprühdosen-Ejakulaten bedeckt.

Im Fernsehen finden beide Parteien, die hemmungslosen Jugend-Kultis wie auch die Konfliktbeschwörer, ihr Podium. Das Fernsehen, nie faul, wenn es darum geht, Konflikte zum nationalen Notstand hochzusenden, schlägt fleißig Kapital aus dem Generationenzwist und schürt die Vorurteile nach Kräften. Und so wird die Jugend vor allem von den Mitgliedern der Randgruppen repräsentiert: hier Punks, da Skins, hier militante Tierschützer, da Ecstasy-verfallene Techno-Tänzer, hier potentielle Rechtsradikale, da rettungslose Sektenjünger. Infolgedessen überwiegt bei der Darstellung jugendlicher Lebenswelten in den Medien der Kulturpessimismus. Jugendliche werden sogar in den ausdrücklichen Jugendsendungen des Fernsehens als Krawallmacher, Drogenabhängige, Neinsager oder Rechtsradikale dargestellt. Und da das Jugendbild der meisten Menschen aus zweiter Hand stammt - meist wissen sie über die eigenen Kinder weniger als über die Nachbarn -, dient vor allem das Fernsehen, das "Fenster zur Welt", als Informationsgrundlage. Gerade ältere Menschen, die viel Zeit vor dem Fernsehgerät verbringen, sind überzeugt, die Welt sei krimineller, als sie tatsächlich ist; ganz Ähnliches gilt für ihr Bild von der Jugend. Aber auch jüngere Erwachsene, denen im Alltag Jugendliche allenfalls als wildgewordene Skateboarder auffallen, beziehen ihr Wissen über die Jugend vor allem aus dem Fernsehen.

Wann immer die Jugend der neunziger Jahre charakterisiert wird, fällt unausweichlich und wie ein Markenzeichen das Schlagwort "Generation X". Es wurde geprägt von dem Autor Douglas Coupland1. Sein gleichnamiger Roman beschreibt eigentlich nichts anderes als das Leben ganz normaler junger Menschen, das vor allem von einer bitteren Erkenntnis geprägt ist: Sie werden nie den Wohlstand ihrer Eltern erreichen, sie werden vermutlich Berufe ergreifen müssen, die mit ihren Traumberufen nichts zu tun haben. Infolgedessen verweigern sie sich der Gesellschaft, werden zu inneren Aussteigern. Vor ein paar Jahren nannte man diese Haltung "Null Bock" oder "No Future", heute nennt man ihre Anhänger eben "Generation X": weil sie sich allen Kategorisierungen entzieht und damit natürlich wieder kategorisierbar ist.

Parallel zu diesem Etikett gibt es andere, kaum schmeichelhaftere: Als Angehörige der "Konfetti-Generation" zum Beispiel werden Menschen eingestuft, die sich angeblich dem Hedonismus verschrieben haben, die egozentrisch oder gar solipsistisch um sich selbst kreisen; früher gab es dafür den Spruch "Lieber Feste feiern als feste arbeiten".

Man sieht: Es hat sich also eigentlich gar nichts geändert. Der Unterschied zu früher: Heute gibt es Menschen, die vom Etikettenverteilen leben, zum Beispiel die Trendforscher. Und weil man beim Fernsehen schon lange nicht mehr auf Intuition, Instinkt und Erfahrung vertraut, müssen Zahlen und Fakten bei der Orientierung helfen; und diese wiederum beschaffen die Trend- und Marktforscher.

Da es sich vor allem das privatrechtliche Fernsehen nicht leisten kann, Durchschnitt zu präsentieren, werden die Extreme so lange gepflegt, bis sie imageprägend sind: nicht für die Sender, sondern für die Gruppierungen. Bereits bestehende Vorurteile werden zementiert und um neue ergänzt, was unterm Strich den Jugendlichen in den Augen der Älterne den Ruf verschafft: Mit dieser Jugend ist kein Staat zu machen. Just dieser Ausspruch aber dürfte so alt sein wie die Organisierung menschlicher Gesellschaften in Staatengebilden. Der Unterschied zwischen früher und heute: Damals wurden die Generationen noch nicht von quotentgeilen Fernsehsendern gegeneinander aufgehetzt. Aber vermutlich gab es auch damals schon Demagogen, die sich mit billien Vorurteilen Mehrheiten verschafft haben.

Verschärft wird der Generationenkonflikt heutzutage auch durch die Medienforschung beziehungsweise die Medienwirkungsforschung. Wiederum führt die Pauschalisierung von Einzelfällen zu Horroszenarien. Gallionsfigur der Hysteriker und Fatalisten ist der Augsburger Pädagoge Werner Glogauer, für den der Untergang des Abendlandes nur eine Frage der Zeit ist. Schuld daran werden, natürlich, die Medien sein. Bislang hat das Abendland ja eine Menge ausgehalten: das Kino, das Radio, das Fernsehen, die Comics, den Rock'n'Roll - die Medientrends wurden noch stets salonfähig gemacht, und nicht einmal der Punk konnte die Gesellschaft aus den Angeln heben. Nun aber ist Schluß: Der Breitseite aus MTV, Computerspielen, Internet und Fernsehgewalt sind wir, oder richtiger: sind die Jugendlichen nicht mehr gewachsen. Den Todesstoß erhält das Fundament der Gesellschaft von morgen durch eine musikalische Richtung, der ohnehin die meisten Menschen mit noch intakten Hörwerkzeugen äußerst skeptisch gegenüberstehen: den Heavy-Metal-Spielarten Black Metal und Death Metal. Deren satanische Texte nämlich, führt Werner Glogauer in seinem Buch "Kriminalisierung von Kindern und Jugendlichen durch Medien" aus2, beinhalten Aufrufe zu Suizid, Vernichtung, Mord und Totschlag. Das infame: Die Texte werden rückwärts abgespielt in die Musik integriert, sind also nicht bewußt wahrzunehmen, weshalb man ihnen im Unbewußten ausgeliefert ist. Das klingt verdächtig nach dem schlicht gestrickten Reiz/Reaktions-Modell, das die Wirkungsforschung bereits vor Jahrzehnten hinter sich gelassen hat: Identische Reize führen bei den Rezipienten unvermeidlich zu ganz bestimmten Reaktionen. Für Glogauer wirken die Medien jedoch im Verbund: Zu den satanischen Versen gesellen sich brutale Computer- und Videospiele, indizierte Filme im Fernsehen und fragwürdige Freizeitvergnügungen wie das populäre "Gotcha" (der Gegner wird mit Farbklecksen beschossen).

Gerade in Fachkreisen ist die Debatte über Glogauers Thesen ungewöhnlich polemisch ausgefallen, zumal Glogauer dem "Verein zur Förderung der psychologischen Menschenkenntnis" (VPM) immerhin so nahe steht, daß er bei Veranstaltungen dieser rechten Psychosekte Vorträge hält. Grundsätzlich kritisieren Glogauers Gegner seine methodisch unsaubere Arbeitsweise, zumal er eben nicht mit einem systemischen Ansatz arbeite, sondern einzig die Medien für alles Übel in der Gesellschaft verantwortlich mache.

Gefährlich an Glogauers Thesen ist die für Laien scheinbar unwiderlegbare Plausibilität seiner Argumentationsführung, deren Resümee feststellt: Moderne Medien machen Kinder und Jugendliche kriminell, verleiten sie zu Mord und Totschlag, zu Sadismus und Quällust, zu Sexualdelikten, Grabschändungen, zu Verkehrsgefährdungen. All dies vermag Glogauer allerdings nicht zu beweisen; er begnügt sich mit pauschalen Behauptungen, diffusen Unterstellungen und Vorurteilen. Glogauer, so seine Kritiker, könne keinen einzigen Fall anführen, bei dem Mediengewalt als Ursache identifizierbar war. Allenfalls Zusammenhänge würden herbeibemüht und entsprechend umgedeutet. Und schließlich sei es unverantwortlich, Kindern und Jugendlichen "sämtliche Abnormitäten, soziale Abweichungen, Gefährlichkeiten und Pathologien anzulasten".3

Die wissenschaftliche Kritik an Glogauers Arbeitsweise gilt immer wieder seiner Forschungsmethode, der Einzelfallanalyse, mit der er nachweisen will, daß die Medien und ihr kriminalisierender Einfluß verantwortlich sind für auffälliges bis kriminelles Verhalten der entsprechenden Kinder und Jugendliche sind. Seine Formulierungen zielen nicht selten in plakativer Art auf bereits vorhandene Ängste: "Ein Zwölfjähriger brach beim Spielen (am Computer, tpg) mit Schaum vor dem Mund zusammen"; "Wer anfällig für epileptische Anfälle ist, reagiert auf Flackern und Flimmern besonders sensibel"4.

Andere Wissenschaftler assistieren Glogauer mit ihren Pessimismen, die allerdings durchweg nicht Resultat von Forschung sind, sondern nur Beobachtungen widergeben: Durch unkontrollierten Medienkonsum wachse eine Generation passiver und einsamer Jugendlicher heran; Jugendliche seien immer weniger in der Lage, sich sozial zu verhalten, Rücksicht zu nehmen und Gemeinschaft zu pflegen. Der Jugendliche von heute: ein Soziopath?

Tatsächlich gibt es Signale, die ernst genommen werden müssen. Schließlich lassen sich zur Genüge jugendliche Verhaltensweisen beobachten, die Anlaß zur Beunruhigung darstellen: Wenn Jugendliche im Alltag egozentrisch aus ihrer Wahrnehmung all solche Dinge herausfiltern, die ihnen lästig sind, wenn sie, quasi-autistisch, um sich selbst kreisen und sich immer dann, wenn sie aus ihrem Sonnensystem herausgerissen werden, kaum konzentrieren können, dann mag das über die Symptome vergangener Generationen hinausgehen. Doch selbst der Denkfehler, das Fernsehen als Alleinverursacher hierfür anzuklagen, ist nicht neu: Schon dem Buchdruck, schon dem antiken Theater wurde vorgeworfen, es treibe die Jugend in den geistigen Ruin.

Neu ist allerdings die bedingungslose Monokausalität unserer Zeit: Das Fernsehen ist an allem schuld, ein Urteil, das vor allem von Politikern gern gefällt wird. Indem sie behaupten, das Fernsehen und seine jüngeren verwandten GameBoy, Computer und Nintendo-Konsolen seien die Hauptursache aller möglichen gesellschaftlichen Mißstände, vereinfachen sie (absichtlich?) einen komplexen Sachverhalt. Ein gutes Beispiel hierfür ist die kindliche Aggressivität. Wer hier als Schuldigen das Fernsehen vermutet, denkt zu kurz: Kindliche Aggressivität ist keine direkte Folge gewalthaltiger TV-Sendungen, sondern ein Spiegelbild des kindlichen Lebensalltags, in dem das Fernsehen ebenso eine Rolle spielt wie die Atmosphäre im Elternhaus, der Leistungsdruck in der Schule und die gleichaltrigen Bezugspersonen.

Da das Fernsehen immer wieder als Sündenbock und als Ursache für eine zunehmende Aggressivität gerade unter Jugendlichen herhalten muß, soll auf die Frage der Wirkung von Gewaltdarstellungen näher eingegangen werden.

"Aggressive und gewalttätige Kinder werden nicht als solche geboren, sondern im Laufe ihrer Lebensgeschichte, ihrer Sozialisation, zu solchen gemacht. Ein Schlüssel zum Verständnis liegt im Familienbereich. Viele Familien sind heute in eine Existenzkrise geraten und 'produzieren' psychisch und nervlich gestörte, sozial oft irritierte und verwahrloste, teilweise auch vernachlässigte und mißhandelte Kinder", stellt der Gewaltforscher Klaus Hurrelmann fest5. Solche Kinder werden in Kindergarten und Schule aggressiv und gewalttätig, weil ihnen die Vorraussetzungen für das Einhalten von sozialen Verhaltensregeln fehlen.

Die Ursachen dafür, daß die Keimzelle des Staates, die Familie, ihre Aufgabe nicht mehr erfüllt, liegen für Hurrelmann zumeist in langanhaltender elterlicher Spannung, besonders im Vorfeld einer Trennung. Wirtschaftliche Krisensituationen verschärfen diese Spannung naturgemäß. Ein weiterer wesentlicher Faktor neben der sozialen Isolation der (zu) klein gewordenen Familie ist der gesellschaftliche Umbruch, der gerade zu einer Verunsicherung der Männerrolle geführt hat. Sexuelle Gewalt wird fast immer von Männern ausgeübt und ist zudem eine geschlechtstypische Form von Aggressivität, die sich ganz überwiegend gegen Mädchen und Frauen richtet.

Untersuchungen am Biefelder Zentrum für Kindheits- und Jugendforschung haben ergeben, daß ein wesentliches Moment der Gewaltspirale der Leistungsdruck ist, dem bereits kleine Kinder aufgrund der elterlichen Erwartungen ausgesetzt sind: Schon früh werden "Kinder mit den teilweise harten und brutalen Spielregeln einer bedingungslosen Wettbewerbsgesellschaft konfrontiert." Dieser hohe Druck, so Hurrelmann, werde von den Kindern vollständig verinnerlicht, so daß sie diese Erwartungen auch an sich selbst stellen. Konsequenterweise führt Mißerfolg daher möglicherweise zu einer starken Verletzung des Selbstwertgefühls, was wiederum, je nach Charakter, psychosomatische Folgen haben (Nervosität, Unruhe) oder eben, nach außen gerichtet, zu einer Steigerung des Aggressionspotentials führen kann.

Allerdings relativiert Hurrelmann die öffentliche Diskussion über die Zunahme der Aggressivität in Kindergärten und Schulen: Die Verbreitung von Gewalt habe sich bei weitem nicht so dramatisch entwickelt, wie das in den Medien dargestellt werde, zumal einige Einrichtungen stark betroffen seien, während an anderen die Entwicklung gänzlich vorbeigehe.

Auch andere Forscher sind der Meinung, das nicht die Gewalt, sondern vielmehr die Sensibilität für Aggressivität zugenommen hat. Jedenfalls sind zwei unabhängig voneinander durchgeführte Untersuchungen an hessischen und baden-württembergischen Schulen übereinstimmend zu dem Ergebnis gekommen, daß Gewaltakte an Schulen in den letzten Jahren nicht signifikant zugenommen haben. Bei den aggressiven Verhaltensweisen handele es sich in der Regel zudem um "verbale Gewalt". Da die öffentliche Diskussion sehr großzügig mit dem Begriff Gewalt umgeht, wurde auf eine enge Definition verzichtet; auf diese Weise ergab sich ein breites "Gewalttätigkeits-Spektrum", das von Beschimpfung über Schlägerei bis hin zum Diebstahl reichte. Wie umfassend der Begriff Gewalt interpretiert wurde, zeigt der Umstand, daß nicht nur das Grölen politischer Parolen, sondern auch scheinbare Kavaliersdelikte wie Schulschwänzen oder Schwätzen im Unterricht als "Gewaltphänomene" eingestuft wurden6.

Meßgrundlage der baden-württembergischen Untersuchung war die Summe der Gewaltakte, die von 100 Schülern einer Schule im Verlauf eines Jahres begangen worden sind. Für den Vergleich der beiden Studien heißt das: Gewaltvorkommnisse haben zwischen 1991 und 1994 um 1,6 Delikte pro 100 Schüler zugenommen. Allerdings verzeichneten 40 Prozent der untersuchten Schulen überhaupt keine Zunahme beziehungsweise sogar eine Abnahme an Gewaltakten.

Interessant ist auch die "Hitliste" mit den Ursachen für gewalttätiges Verhalten. Hier werden an erster Stelle genannt: familiäre Entwurzelung (86 Prozent), gewaltverherrlichende Filme, Musik und Computerspiele (86 Prozent), Erosion des Rechts- und Unrechtsbewußtseins und Wertezerfall (84,9 Prozent) sowie schulische Überforderung (82,4 Prozent). Und wer glaubt, daß schulische Gewalt vor allem ein Ausdruck der sogenannten Neuen Armut sei, der wird an neunter Stelle der Ursachen für gewalttätiges Verhalten die Wohlstandsverwahrlosung (61,4 Prozent) entdecken.

Die Forschungsergebnisse von Klaus Hurrelmann sind etwas differenzierter. Während sich das Verhalten weiter Teile der Schülerschaft kaum geändert hat, werden die Übergriffe einer kleinen Gruppe - nach Schätzungen der Bielefelder Forscher fünf bis sechs Prozent - immer skrupelloser und brutaler. "Es wird weiter geschlagen und weiter getreten, auch wenn das Opfer schon 'kampfunfähig' am Boden liegt". Die Täter, die dabei vermehrt auch Waffen und waffenähnliche Gegenstände einsetzen, kennen keinen "Ehrenkodex" mehr, der ihre Opfer früher noch vor grenzenloser Brutalität schützte. In Befragungen gaben die Täter an, daß ihnen das Schicksal der Opfer egal sei, "sie zeigen Gefühlskälte und Desinteresse am Befinden und möglicherweise am Leben eines anderen Menschen."

Die Ursachenforschung führt ins Elternhaus: Aggressoren in der Schule stammen aus einem Umfeld, in dem sie selbst sehr viel Gewalt erleben. Daß die Schüler - überwiegend handelt es sich um Jungen - aggressiv werden, liegt zumeist daran, daß sie nicht akzeptiert werden und sich selbst als Versager einstufen. Hohe Aggressionswerte sind überwiegend bei solchen Schülern festzustellen, die mit dem System Schule nicht zurechtkommen, schlechte schulische Leistungen vorzuweisen haben und sich entweder mittels ihrer Aggressivität an dem System rächen oder aber auf sich aufmerksam machen wollen. Eine gleichfalls nicht zu unterschätzende Rolle spielt neben oft fehlenden beruflichen Perspektiven die Einschränkung der Entfaltungsmöglichkeiten im Freizeitbereich - Freizeit ist außerdem meist auch recht teuer - und in dieser Hinsicht vor allem die Kinder- und Jugendfeindlichkeit gerade der Großstädte. Wo Beton und Asphalt vorherrschen, wo der Autoverkehr Vorfahrt hat und städteplanerische Entwürfe nicht von Menschlichkeit, sondern von Rationalität geprägt sind, bleiben kaum noch Möglichkeiten, Spieltrieb und Abenteuerlust freien Lauf zu lassen. Wenn das natürliche Aggressionspotential keinen positiven Weg findet, nimmt es eben, vereinfacht gesagt, den nächstgelegenen negativen Kanal.

Eine Verbreitung von Gewalttätigkeit (oder auch nur die Bereitschaft dazu) könnte man gewissermaßen als "soziales Fieber" einstufen. Gewalt und Aggressivität ist laut Hurrelmann immer eine "soziale Krankheit", ein "Signal dafür, daß die Grundkonstruktion der Kommunikation und der Beziehung von Menschen zueinander in eine Krise geraten ist." Die Aggressivität ist also einem Alarmsignal vergleichbar, ist ein Versuch, sich aus einer als unangenehm empfundenen Situation zu befreien.

Dennoch ist es natürlich keine Frage, daß die Medien, deren Bedeutung gesamtgesellschaftlich in den vergangenen Jahrzehnten ohnehin enorm gewachsen ist, gerade für Jugendliche eine nicht zu unterschätzende Rolle spielen. Sie sind ein fester Bestandteil ihrer Freizeit, ihres gesamten Lebens. Gerade auf Kinder und Jugendliche üben die Medien, insbesondere das Fernsehen, einen enormen Reiz aus: Junge Menschen sind begierig, so viel wie möglich über die Welt jenseits ihres eigenen Erfahrungshorizontes herauszubekommen. Gleichzeitig ist natürlich die Kluft zwischen dem eigenen Alltag und jenem Leben, wie es in den Medien dargestellt wird, gerade für Kinder und Jugendliche riesig. Und da spätestens seit 1968 gesellschaftlich institutionalisierte Vorbilder demontiert wurden - nur ein Beispiel: die Kirchen -, suchen sich Jugendliche ihre Vorbilder eben woanders; die Lücke wird prompt gefüllt von den naheliegendsten Helden, jenen aus Film und Fernsehen. Die aber, die Stallones, van Dammes und Schwarzeneggers, bevorzugen zur Konfliktlösung stets den einfachen Weg: erst schlagen, dann fragen.

In den populären Erzeugnissen der Unterhaltungsindustrie, in den Kinofilmen und Computerspielen, begegnen die Kinder und Jugendlichen einem erheblichen Ausmaß an Aggression und Gewalt. Selbst wenn man davon ausgeht, daß die gesellschaftliche Aggressivität nicht monokausal auf dargestellte Gewalt zurückzuführen ist, so heißt das ja noch lange nicht, daß dargestellte Gewalt überhaupt keine Wirkung hat. Die Frage ist daher: Wie sehr dient fiktive Gewalt als Vorbild für das eigene Handeln? Legitim scheint mir die Schlußfolgerung, daß die durch die Medien vermittelte Gewalt bei Jugendlichen, die in ihrem eigenen Umfeld ein hohes Maß von Aggression und Gewalt erfahren, verstärkenden Charakter und für bestimmte Situation wohl auch Vorbildfunktion hat: Weil man durch das Fernsehen lernen kann, wie sich gewisse Konflikte zur eigenen Zufriedenheit lösen lassen. Als gesichert kann gleichfalls die Feststellung gelten: Wer ohnehin ein hohes Aggressionspotential hat, wird bevorzugt solche Sendungen anschauen, die dieser aggressiven Stimmung entgegenkommen (zum Beispiel Action-Filme).

Wie in den meisten Teilbereichen des alltäglichen Verhaltens, so läßt sich sowohl für die Frage der Medienrezeption als auch des Aggressionspotentials feststellen: Ausschlaggebendes Vorbild sind fast immer die Eltern. Ist für die Eltern körperliche Gewalt das bevorzugte Mittel für die Lösung von Konflikten, so werden ihre Kinder sich nicht anders verhalten. Gleichzeitig sieht die Forschung eindeutige Zusammenhänge zwischen einem vernachlässigenden Erziehungsstil und dem kindlichen Konsum von Gewaltfilmen. Die einzige Schlußfolgerung, die man daher legitimerweise ziehen kann, ist die, daß der Konsum von Gewaltfilmen als Indikator für fehlgeschlagene Erziehungsbemühungen interpretiert werden können.

Bezieht man das Fernsehen in den Diskurs um den Generationenkonflikt mit ein, wird man rasch feststellen, daß es in diesem diffusen Konglomerat von Vorurteilen, enttäuschten Hoffnungen und eigenen Umwelt- und Zukunftsängsten eine Schlüsselrolle spielt. Erwachsene, das weiß man vielleicht noch aus der eigenen Jugend, messen gern mit zweierlei Maß; das gilt auch für das Fernsehen, das sie mal als Götze, mal als Dämon einstufen: Dämon, weil es die Jugend verroht, und Götze, weil die Erwachsenen selbst einen Großteil ihrer Freizeit dem Fernsehen opfern. Ausgerechnet in diesem Punkt aber unterscheiden sie sich ganz erheblich von der Jugend: Für die ist Fernsehen zwar wichtig, aber es gibt viel Wichtigeres. Fernsehsüchtig sind, wenn man diesen Begriff überhaupt verwenden will, allenfalls die Eltern.

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1Vgl. Douglas Coupland, "Generation X. Geschichten für eine immer schneller werdende Kultur". München 1991

2Werner Glogauer, "Kriminalisierung von Kindern und Jugendlichen durch Medien", Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden; vierte Auflage: 1994

3Vgl. Hans-Dieter Kübler, "Glogauers Horror-Szenario". Buchbesprechung in medien praktisch, Ausgabe 2/91, S. 71f.

4Glogauer 1994, a.a.O., S. 29.

5Dieses und die folgenden Zitate stammen aus: Klaus Hurrelmann, "Gewalterfahrungen im Jugendalter. Überlegungen zur Bedeutung realer, medial vermittelter fiktiver und medial vermittelter realer Gewalt." Unveröffentlichtes Manuskript. Bielefeld 1993

6Im Detail nachzulesen sind die Ergebnisse der Untersuchung im "Eltern-Journal", herausgegeben von Ministerium für Kultus und Sport Baden-Württemberg, Postfach 10 34 42, 70029 Stuttgart.

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