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Autor: Peter Gleber.

Titel: Kino als Überlebensmittel. Anfänge und Bedeutung dieses Mediums in der französischen Zone unter besonderer Berücksichtigung der Großstadt Ludwigshafen am Rhein. 1945-1949.

Quelle: Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins ZGO. Karlsruhe 1997, S. 403-429.

Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Autors.



Peter Gleber

Kino als Überlebensmittel

Anfänge und Bedeutung dieses Mediums in der französischen Zone unter besonderer Berücksichtigung der Großstadt Ludwigshafen am Rhein. 1945 – 1949.



Inhaltsverzeichnis

1. Die allgemeinen Bedingungen in der französischen Zone für das Kino der Nachkriegszeit 5

2. Der Wiederaufbau der Lichtspieltheater in Ludwigshafen 1945 - 1949 - ein kurzer Überblick 12

3. Die Angebotspalette der Ludwigshafener Kinos 1945-1949 17

4. Vergleich der Ergebnisse mit der Angebotsentwicklung in Mannheim, Kaiserslautern und Speyer 28



Als im Januar 1946 im Ludwigshafener „Pfalzbau“ der französische Streifen „Die Satansboten“ von Marcel Carnè gespielt wurde, kam es in dem bis auf den letzten Platz besetzten Filmpalast mehrfach zu schallendem Gelächter1. Bei dem 1942 unter dem Originaltitel „Les visiteurs du soir“ gedrehten, im Mittelalter spielenden Drama handelt es sich um eine tragische Liebesgeschichte2. Einen Grund zur Heiterkeit gab es also nicht. Die Presse empfahl deshalb voller Empörung

den nur auf Lachen eingestellten Besuchern der Kinovorstellung ..., einen Zirkus oder ein Lachkabaret zu besuchen, da ihr Geld dort besser angelegt ist und sie andererseits nicht die anderen Zuschauer belästigen und stören3.

Waren die Pfälzer Cinèasten Kulturbanausen, die französische Filmkunst nicht zu schätzen wußten? Was war passiert? Gezeigt worden war der Streifen in der französischen Originalversion ohne Untertitel. Da die meisten Besucher jedoch kein Wort französisch verstanden, war es nicht verwunderlich, daß die fremdartig klingende Sprache, verbunden mit der Unkenntnis über die Handlung Lachen hervorrief. Ein Blick in die 1945/46 erschienenen Tageszeitungen der französischen Zone zeigt, daß ähnliche Vorfälle in jenen Tagen häufig vorkamen. Die Franzosen waren die Ärmsten unter den Alliierten, ihr Heimatland war von den Deutschen verwüstet worden und sie hatten in Deutschland die Verantwortung über eine stark zerstörte Zone, wo es zudem an städtischen Zentren mangelte. Der Wiederaufbau der Kinolandschaft ging deshalb zunächst schleppend voran. Die traditionellen Filmproduktions- und Synchronisationszentren lagen alle in der amerikanischen und der sowjetischen Zone, weshalb an eine Übersetzung französischer Filme noch nicht zu denken war. Die deutschen Streifen waren ebenso diskreditiert, wie das System unter dem sie entstanden waren und mußten erst einer langwierigen Prüfung unterzogen werden. Trotz der unbefriedigenden Situation strömten die Menschen in die Filmpaläste, um wenigstens für ein paar Stunden den Alltag in Trümmern und Not zu vergessen. Täglich wurden die Besucherschlangen länger vor den notdürftig instandgesetzten Fassaden mit den bunten Reklametafeln in apokalyptischer Umgebung.

Das Bedürfnis nach Ablenkung und Unterhaltung, die Sehnsucht nach tröstenden Geschichten, die Vergewisserung, daß man zu den Davongekommenen zählt - all dies war schier übermächtig4.

Kino war als Überlebensmittel fast genauso wichtig wie Nahrung, Kleidung und Wohnung.

Obwohl das Lichtspielwesen jetzt schon seit über hundert Jahren unser Leben begleitet, hat die kleinräumige Filmgeschichte erst in den achtziger Jahren, im Zuge der allgemeinen Regionalisierungstendenz in der historischen Forschung, Interesse gefunden. Es war vom Typus her vor allem chronologische, lexikographische, überblicksartige oder partikularisierende Geschichtsschreibung. In einzelnen Räumen wurde „Nahtlosigkeit“ und nachschlagewerkartige Genauigkeit bei langen Untersuchungszeiträumen angestrebt. Das oft dürftige Quellenmaterial in einzelnen Epochen wurde unterfüttert mit der allgemeinen, überregionalen Entwicklung5, eine Problematik, die bei vielen regionalgeschichtlichen Arbeiten zu beobachten ist. Betrachtet man die Bibliographie von Joachim Steffen6, so fällt auf, daß es vor allem die Anfangsjahre der regionalen Kinematographie seit 1895 bis in die zwanziger Jahre unseres Jahrhunderts waren, die im Blickpunkt der Forschung standen. Dies hat sich auch im Jubiläumsjahr 1995 nicht grundlegend geändert. Die Frage des Wiederanfangs von Film und Kino in der Besatzungszeit wurde vorwiegend in großem Rahmen7 behandelt. Obwohl eine befriedigende wissenschaftliche Bearbeitung dieses Bereichs in der französischen Zone bisher fehlt8, widmet sich bereits eine Darstellung dem Gebiet des heutigen Landes Rheinland-Pfalz9. Im regionalen und lokalen Bereich herrschte die oben bereits erwähnte Form der Dokumentation und Chronik vor10.

Film ist zwar ein ubiquitäres und beliebig reproduzierbares Medium, das das Kleinteilige und Eingegrenzte überschreitet11. Einzelne Streifen vermitteln

jedoch durch ihre Inhalte und mit der Eigenart ihrer ästhetischen Gestaltung zum Zeitpunkt ihrer ersten, der Produktion unmittelbar folgenden Auswertung in den Kinos eine bestimmte Botschaft, wirken im Kontext mit anderen medialen Aussagen ... vielfach als zeittypisches Dokument12.

Die kundenorientierte Auswahl der Spielpläne läßt wiederum Schlüsse auf die Mentalität der Trümmergesellschaft zu, da Kino das einzige audiovisuelle Medium der Nachkriegszeit war und eine weit größere Breitenwirkung hatte als heute. Bei der Untersuchung der Besatzungszeit stellt sich zudem die Frage, wie die Spielpläne durch die französische Besatzungspolitik beeinflußt worden sind, die dem Kino eine Rolle als kulturpolitisches Erziehungsinstrument zudachte13. Um solch ein tiefenwirksames Vorhaben umzusetzen, bedarf es eines klar abgegrenzten Untersuchungsraumes. Dazu eignet sich Ludwigshafen, das 1946 die einzige Großstadt der französischen Zone war14. Hier entwickelte sich rasch eine nennenswerte Anzahl kleiner privater, aber auch unter direktem Einfluß der Militärregierung stehender Großkinos, wie beispielsweise die bereits erwähnten ehemaligen UFA-Paläste „Pfalzbau“ und „Rheingold“. Zudem boten die Vororte in der unmittelbaren Nachkriegszeit ein kleinstädtisch-ländliches Milieu, das mit dem der Innenstadt kontrastierte.

An vergleichsweise konventionellen und leicht zugänglichen Quellen lassen sich indessen die politischen und mentalitätsgeschichtlichen Dimensionen von Film und Kino nachweisen: In der Tageszeitung „Die Rheinpfalz“ hat das Angebot der Lichtspielhäuser von Anfang an ausgiebigen Niederschlag gefunden. In Ludwigshafen erschien sie erstmals am 29. September 194515, vier Tage später lief im „Pfalzbau“ der Spielbetrieb an. Die serielle Auswertung dieser Quelle erlaubt es, am lokalen Fallbeispiel die politisch-gesellschaftlichen Implikationen des Mediums zu klären. Zum Vergleich werden bisher unveröffentlichte Projektberichte zu anderen Städten16 der französischen Zone und zur Ludwigshafener Schwesterstadt Mannheim17. (Amerikanische Zone) hinzugezogen. Anhand einschlägiger Akten über das Lichtspielwesen und der zeitgenössischen Einwohnerbücher wird die Entwicklung der Lichtspieltheater umrissen. Zunächst folgt jedoch eine allgemeine Einführung in die rechtlichen, politischen und ökonomischen Rahmenbedingungen von Film und Kino in der französischen Zone, denn vor allem sie waren es, die die Situation vor Ort prägten.



1. Die allgemeinen Bedingungen in der französischen Zone für das Kino der Nachkriegszeit

Schon vor dem Zusammenbruch des Dritten Reiches waren weite Teile Deutschlands in der Hand alliierter Truppen, dort galt somit Besatzungsrecht. Bereits im November 1944 hatten die Alliierten das Gesetz Nr. 191 erlassen, das den Deutschen das Herstellen, den Verleih und die Vorführung von Filmen verbot. Die Wichtigkeit des alliierten Medienmonopols während der Kriegshandlungen geht auch aus Paragraph 6 dieses Gesetzes hervor: Jeder Verstoß gegen die Bestimmungen dieses Gesetzes wird ... mit jeder gesetzlichen Strafe, einschließlich der Todesstrafe bestraft18 Vier Tage nach der deutschen Kapitulation lockerten die Siegermächte ihre Medienpolitik durch die Nachrichtenkontroll-Vorschrift Nr. 1. Danach wurde u.a der Vertrieb und die Vorführung gebilligter Filme, vorausgesetzt, daß ein Filmvorführungsschein jeder ausgegebenen und vorgeführten Filmkopie beigefügt ist, und daß die Filmvertriebsstelle von dem zuständigen Nachrichtendienstkontrollamt gebilligt ist19, erlaubt.

Durch Lizenzierung war die rechtliche Basis für das Wiedererstehen der Film- und Kinowirtschaft geschaffen worden. Besonders Wochenschauen und sogenannte Umerziehungsfilme eigneten sich als Nebenprogramm der Kinoveranstaltungen zur Aufklärung der Deutschen über die nationalsozialistischen Verbrechen. Gleichzeitig stand das ehemals bedeutende Propagandainstrument von Josef Goebbels unter strengster Überwachung durch die Sieger.

Am 5. Juni 1945 wurden die einzelnen Besatzungszonen geschaffen und gemäß wechselseitiger Vereinbarung der Alliierten zogen sich die Amerikaner Anfang Juli 1945 zugunsten der französischen Besatzungstruppen aus Südwürttemberg, Hohenzollern, Südbaden, aus Teilen des Rheinlands, Rheinhessen und der Pfalz zurück. Die Franzosen ergänzten die bisherigen alliierten Bestimmungen, indem sie in ihrer Zone die vollständige Erfassung aller Kinoapparate und die Ablieferung von Filmen und zwar von Negativen und Positiven und belichteten und unbelichteten Filmen und von Filmkopien jeden Formats anordneten20.

Das im Bereich der französischen Zone relativ geringe Vermögen der ehemals reichseigenen UFA-Film-GmbH (UFI), die 1942 von den Nazis gegründet worden war - es handelte sich unter anderem um die ehemaligen UFA-Paläste in Koblenz, Ludwigshafen und Mainz - wurde im Auftrag der Militärregierung treuhänderisch verwaltet21.

Ebenso wie in der amerikanischen Zone wurde eine Verfügung zur Verhinderung übermäßiger Machtanhäufung auf dem Gebiete der deutschen Filmindustrie22 erlassen. Hintergrund war das Bestreben, jede Machtkonzentration innerhalb der deutschen Wirtschaft und damit jede Monopolbildung zu vermeiden. Unter anderem durfte ein Unternehmer in einem Land- oder Stadtkreis nur eine bestimmte Anzahl von Kinos besitzen, die sich nach der Einwohnerzahl richtete23.

In Baden-Baden, am Sitz der Besatzungsregierung nahm die Nachrichtenkontrolle ihre Arbeit auf. Die zuständige Abteilung Kino (Section Cinèma) wachte dort über die Durchführung der aufgezählten Verbote. Von dieser Behörde kamen auch Impulse für den Aufbau der wichtigsten privatwirtschaftlich, aber französisch dominierten Verleih- und Produktionsgesellschaften24. Bei der Produktionsfirma Internationale Filmunion (IFU)25 wurden vor allem französische Streifen synchronisiert, wie beispielsweise „Fabiola“ (Frankreich [F]/ Italien [I] 1948) oder der Sartre-Film „Das Spiel ist aus“ („Les jeux sont faits“, F 1947), aber auch einige deutsche Nachkriegsspielfilme wie „Die große Liebe“ (Deutschland [D] 1949)26. Die Produktionsstätte diente auch zur Herstellung von Kultur- und Umerziehungsfilmen, wobei die Technik von der UNITEK kam, die auch Kinotechnik produzierte. Bis zur Monopolverordnung gehörten zur IFU auch einige Filmtheater in Koblenz, Trier, Kehl, Mainz und Ludwigshafen. Die Gesellschaften Rhein-Donau und die Internationale Film-Allianz (IFA) waren im Verleihgeschäft tätig und die Firma Blick in die Welt produzierte die gleichnamige Wochenschau. Leiter der Behörde und Gründer dieser Unternehmen war der französische Filmoffizier Marcel Colin-Reval, der in den ersten Jahren mit seiner fundierten Filmerfahrung die bestimmende und gestaltende Persönlichkeit in der französischen Zone war.

Die Section Cinèma war nicht nur Impulsgeber für die Filmwirtschaft, sie hatte vor allem behördliche Aufgaben. Jeder Streifen, der in den Besatzungszonen produziert, verliehen oder vorgeführt wurde, mußte schriftlich durch einen einkopierten Filmvorführschein gebilligt sein. Die Section Cinèma entschied nach politischen Vorgaben gegen Nazi-Ideologie, Militarismus und zugunsten der Interessen der französischen Besatzungsmacht darüber, welche Produktionen in die Kinos gelangen durften27. Dabei standen vor allem die fertigen oder halbfertigen NS-Produktionen auf dem Prüfstand. Daß beispielsweise Filme des prominenten NS-Propagandaregisseurs Veit Harlan, die auf der Verbotsliste der Besatzer standen, wie „Verwehte Spuren“ (1938) und „Die goldene Stadt“ (1942)28 trotzdem gezeigt wurden, ist ein Nachweis für die relativ großzügige Auslegung der Spielplankontrolle. Die Section Cinèma setzte außerdem die Verleihbedingungen fest. Französische Filme wurden bis zur Gründung der Trizone 1948 gegenüber den anderen ausländischen Produktionen und deutschen Filmen besonders gefördert. Trotzdem hat die Filmwissenschaft nachgewiesen, daß deutsche Kriegsproduktionen, sogenannte Reprisen die größte Gruppe auf dem Spielplan der Kinos in der unmittelbaren Nachkriegszeit bildeten. Zur Aufführung gelangten auch „Überläufer“. Das waren Filme, die noch 1944/45 kurz vor der Kapitulation geplant und konzipiert worden waren und in der Nachkriegszeit nach einigen Zensur- und Schnittauflagen der Besatzer uraufgeführt wurden29. Die Menschen der Trümmerzeit vergaßen den grauen, deprimierenden und von Not geprägten Alltag, wenn sie die Stars der guten, alten UFA-Zeit wiedersahen. Deshalb begann die Section Cinèma ihre Politik zu ändern: Harmlose Komödien rissen nun die zahlreich in die Kinovorstellungen strömenden Deutschen aus der Trostlosigkeit und förderten damit indirekt ihren Aufbauwillen. Dagegen sollte das Beiprogramm aus Wochenschauen und Dokumentarstreifen auf die Verantwortung der Deutschen für die nationalsozialistische Gewaltherrschaft hinweisen: Ein Beispiel ist der KZ-Film „Die Lager des Grauens“30, der Mitte 1946 gezeigt wurde. Bereits ab April des gleichen Jahres lief in Ludwigshafen der Dokumentarfilm „Todeslager“31 im Beiprogramm. Ein Zweibrücker Kino zeigte aktuell zum Geschehen am 25.10.1946 den Vorfilm „Nürnberger Prozeß“32. Auf Betreiben der Direction de l’information wurde 1947 in der gesamten Zone der Propagandafilm „Un an aprés“ gezeigt. Der Film führte den Besiegten die moralischen und materiellen Folgen ihrer totalen Niederlage vor und wurde von den Deutschen deshalb abgelehnt33.

Nicht nur die Filmpolitik, sondern auch die Film- und Kinowirtschaft unterlag nach 1945 der Kontrolle der Militärbürokratie. So galt für alle im Kinobereich tätigen Personen, die Inhaber von Sälen, Lichtspielbetrieben, das kaufmännische und technische Personal die Registrierungspflicht. Dabei mußten sie den Fragebogen der Militärregierung und ein Registrierungsformular ausfüllen. Im Unterschied zum Lizenzierungsverfahren, das von der Section Cinèma in Baden-Baden ausgeführt wurde, war hier zunächst die nach geordnete Section Cinèma vorort zuständig. Da der umfassende Kontrollanspruch der Besatzungsbehörde jedoch an den pragmatischen Erfordernissen der Kinowirtschaft scheiterte, konnten teilweise vor Ort unzerstörte Kinos kontinuierlich weiterbetrieben werden, sofern ihre Inhaber nicht durch Aktivitäten im Dienste des nationalsozialistischen Unrechtssystems belastet waren. Das war beispielsweise in Speyer der Fall34. In Ludwigshafen, wo alle Lichtspieltheater zerstört waren, kam es dagegen zu umfangreichen und zeitraubenden Neugenehmigungsverfahren35.

Die Anträge für die Neuzulassung mußten bei Landratsämtern oder Polizeidirektionen eingereicht werden. Voraussetzung für die Bearbeitung war die Vorlage der folgenden Unterlagen in doppelter Ausfertigung36.

  1. Gutachtliche Stellungnahme des Bürgermeisters, Landrats bzw. der Polizeidirektion

  2. Gutachten des zuständigen Wirtschaftsverbandes der Filmtheater

  3. Befähigungsnachweis und Bescheinigung über die wirtschaftlichen Verhältnisse des Antragstellers durch die Industrie- und Handelskammer

  4. Bau- und Einrichtungsplan des Kinos

  5. Personalfragebogen und Entnazifizierungsbescheid des zukünftigen Betreibers

  6. Pachtvertrag für den Saal

  7. Stellungnahme zu Bau und Einrichtung durch den Technischen Überwachungsverein

  8. Bescheinigung über Herkunft (Kaufvertrag o.ä.) der Vorführmaschinen



Bis 1949 war die französische Militärbürokratie zuständig für den Betrieb von Lichtspieltheatern. Im Jahre 1950 ging die Zuständigkeit auf deutsche Behörden über.

Um ein Lichtspieltheater zu führen, wurde ein ausgebildeter Filmvorführer benötigt, der einen Vorführerschein hatte. Ein Filmvorführer mußte die knappen und teueren Projektoren nicht nur bedienen, sondern gegebenenfalls reparieren können. Zu seiner Arbeit gehörte zudem das fachmännische Kleben gerissener Filme. Der Umgang mit den hochbrennbaren Nitrofilmen war ein riskantes Unterfangen, weshalb die Lehrzeit sechs Monate dauerte. Der Lehrling mußte sie bei einem von den Besatzungsbehörden genehmigten Filmvorführer in einem Kino entsprechender Größe absolvieren. Diese Ausbildung konnte auch durch einen zehnwöchigen Intensivlehrgang ersetzt werden. Der sechswöchige Abschlußlehrgang mit abschließender Prüfung fand in den beiden Filmvorführerschulen (Centres Techniques du Cinèma) statt, die die französische Militärregierung mit Geldern des ehemaligen UFI-Konzerns im rheinhessischen Eich bzw. im württembergischen Moosheim einrichtete37.

Kino wurde in der Nachkriegszeit schnell zu einem populären Zeitvertreib und zur Therapie für vom Krieg hinterlassene seelische Wunden. In der französischen Zone war die Ausgangslage bei der Kinoversorgung deutlich schlechter als in den anderen Zonen, wie der Filmoffzier Colin-Reval zu berichten wußte:

Über 100 Filmtheater mußten [1945] neu oder zum Teil neu wieder aufgebaut werden.Auf Betreiben der Section Cinèma wurden die damals noch sehr knappen dazu benötigten Materialien freigegeben und über 20 Brocklin-MIP-Maschinen aus Frankreich nach Deutschland gebracht38.

Bereits 1946, ein Jahr später, waren es in der französischen Zone schon 440 Kinos39 mehr als das Vierfache wie im Kapitulationsjahr. Damit war die Zone bei etwa 13 Prozent der Einwohnerschaft und 20 Prozent der Kinos deutlich besser ausgestattet als das übrige Westdeutschland40. Das beweist auch die Entwicklung des Lichtspielwesens in einigen Städten im nördlichen Teil der französischen Zone41. Im von Frankreich beherrschten Raum sind, ähnlich wie überall in Westdeutschland, die Besucherzahlen seit 1946 kontinuierlich angestiegen. Eine Ausnahme bildete das Jahr 1948, als die Deutsche Mark eingeführt wurde und die Menschen mit dem neuen wertvollen Geld sparsamer umgingen42. Der durchschnittliche Eintrittspreis für eine Filmvorführung hatte vor dem Krieg 86 Pfennige betragen, er stieg bis 1947 auf über eine (Reichs-)Mark. In der unmittelbaren Nachkriegszeit ließen sich viele Kinobesitzer wegen der Geldentwertung und dem akuten Brennstoffmangel mit Holz und Briketts bezahlen. Nach der Währungsreform pendelte sich der Eintrittspreis wieder beim Vorkriegsniveau ein. Das führte dazu, daß die Bruttoeinnahmen der Filmtheater stiegen. Unter der Besatzungsherrschaft lag die effektive Vergnügungssteuerbelastung mit etwa 25 Prozent ungewöhnlich hoch43. Die französische Militärregierung betrachtete sie als willkommenes Instrument, um durch Steuererleichterung oder gänzliche Befreiung französischer Filme die eigenen kulturellen, geistigen und politischen Maßstäbe durchzusetzen. Trotz der wirtschaftlich positiven Entwicklung gab es auch kritische Stimmen: So merkte eine eifrige Kinogängerin in der Wormser Allgemeinen Zeitung an,

... daß gerade die Vorstellungen während des Nachmittages sehr schlecht besucht sind. ... Wäre es unter diesen Umständen nicht angebracht und könnte hier das vielgerühmte soziale Empfinden nicht einmal zur Tat werden, wenn man beispielsweise Arbeitslosen und Unterstützungsempfängern für diese Vorstellungen eine Vergünstigung gewährte?44

Die Zerstörung der Kinos ließ die zukünftigen Kinobetreiber nach geeigneten Räumlichkeiten Ausschau halten. Unzerstörte Säle waren jedoch in der Nachkriegszeit begehrte Objekte, was einen Ludwigshafener Hausbesitzer letztendlich dazu bewog,

seinen Saal, an dessen Erhaltung als Versammlungsraum die Parteien, Vereine, Tanzinstitute u.a. interessiert sind, schon deswegen nicht für den Ausbau als Lichtspieltheater zur Verfügung stellen, weil sich die Interessenten von der Beschaffung der Baumaterialien zu Dacheindeckung und Saalinstandsetzung stark bemüht haben45.

Auch das Fehlen von Vorführmaschinen machte den Besitzern der Lichtspieltheater zu schaffen. Wie bereits oben erwähnt, ließ die Militärregierung alle Vorführmaschinen einziehen. Zwar konnten findige Kinobesitzer ihre wertvollen Objekte oftmals in Sicherheit bringen, sie mußten aber permanent mit Beschlagnahme rechnen, wenn sie die Geräte veräußern oder im neueröffneten Kino einsetzen wollten46.

Wenn Glühbirnen, Feuerlöschvorrichtungen oder feuerbeständige Türen fehlten, war die ganze Diplomatie des jungen Unternehmers gefragt und jede Hilfe des „Amtsschimmels“ war erbeten: Als Behörde haben Sie bestimmt die Autorität und Verbindung, die fehlenden Gegenstände zu besorgen. Deshalb dürfen wir Sie vielleicht bitten, die Beleuchtungskörper für uns zu kaufen47. Einige betriebsfähige Kinos oder einzelne Logenplätze wurden von der französischen Besatzungsverwaltung reserviert und für die Truppenbetreuung der Streitkräfte verwendet. Das führte mitunter zu Spannungen, wobei es vorkommen konnte, daß arrogante Besatzungswillkür dem Kinobesitzer Gefängnis einbrachte, wenn er die Plätze anderweitig vergab48. In Speyer wurde das Alhambra zur Hauptvorführzeit für Franzosen reserviert. Deutsche Cinèasten durften erst die Spätvorstellungen besuchen, so daß sie gegen zweiundzwanzig Uhr in Warteschlangen am Kinoeingang den heimkehrenden Soldatenfamilien Spalier stehen mußten49.

Es waren meistens Frauen, die die Schwierigkeiten der Nachkriegszeit meistern mußten. Das gängige Bild der „steineklopfenden Trümmerfrau” hatte auch beim Aufbau von Lichtspieltheatern reale Bezüge: War „Frau Theaterbesitzer“ vor dem Kriege eine Seltenheit, so dominierten Frauen nach 1945 als Besitzerinnen der privaten Kleinkinos. Die Fachpresse50 erklärte das Phänomen folgendermaßen: Viele Frauen führen heute die Betriebe für ihre gefallenen oder nicht heimgekehrten Männer. Daß Frauen in der Männerdomäne der Filmtheaterwirtschaft keine Probleme hatten, wurde auch damals schon anerkennend festgestellt:

Die meisten Theaterbesitzerinnen sind vorsichtig, mißtrauisch und völlig illusionslos. In ihren geräumigen Handtaschen liegt neben der Puderdose das Dispositionsbuch, in dem Prozentsätze und Einnahmen fein säuberlich vermerkt sind.



2. Der Wiederaufbau der Lichtspieltheater in Ludwigshafen 1945 - 1949 - ein kurzer Überblick

1945 war Ludwigshafen in eine Trümmerwüste verwandelt, es blutete aus tausend Wunden51, wie es später ein Journalist in poetische Sprache kleidete. 124 Fliegerangriffe hatten seit 1940 ganze Arbeit geleistet. Die Innenstadt war zu zwei Dritteln, die direkt angrenzenden Bezirke waren etwa zur Hälfte völlig zerstört. Selbst in den 1938 eingemeindeten Vororten lag der Zerstörungsgrad zwischen 25 und 37 Prozent. Die Bevölkerung, deren Zahl 1939 bei 144.000 gelegen hatte, war auf 55.000 Einwohner geschrumpft. Tausende hausten in zugigen, engen Wellblechbaracken. Trotz der katastophalen Wohn- und Ernährungssituation strömten wieder Menschen in die Industriemetromole, die bereits 1946 mit über 100.000 Einwohner einzige Großstadt der französischen Zone wurde52. Von den im Jahre 1942 vor den großen Zerstörungen durch den Luftkrieg vorhandenen acht53 Kinos war keines mehr betriebsbereit. Es verwundert deshalb nicht, daß die Ludwigshafener länger auf Filmvorführungen warten mußten als andere. Im westpfälzischen Kaiserslautern hatten sich bereits im Monat der bedingungslosen Kapitulation des Dritten Reiches wieder zwei ortsfeste Lichtspieltheater etabliert54. Da es im schwer zerstörten und übervölkerten Ludwigshafen an bestehenden Sälen, an Baumaterial, Einrichtungsgegenständen und nicht zuletzt an Vorführungsgeräten mangelte, war es die Militärregierung, die aus der Trümmerlandschaft wieder Kinoträume wachsen ließ. Man stößt zwar vor allem bei Befragungen der Nachkriegsgeneration immer wieder auf Berichte von ambulanten Kinovorführungen in Hinterzimmern von Gaststätten, Kantinen, kirchlichen Räumen und Festhallen. Da sie kaum zu rekonstruieren sind, finden sie hier keine nähere Erwähnung. Die erste nachweisbare Dauereinrichtung war das bereits oben erwähnte „Pfalzbau“-Theater. Dieses Großkino lag zentral in der Ludwigshafener Innenstadt am Brückenkopf nach Mannheim, wo sich heute der Berliner Platz befindet. Im Zweiten Weltkrieg wurde der 1928 erbaute, zum ehemaligen UFA-Konzern gehörende größte Filmpalast der Region mit 1374 Sitzen schwer beschädigt. Die UFA-Treuhandverwaltung stellte ein Kino mittlerer Größe in einem ehemaligen Garderobenraum her, so daß der „Pfalzbau“ bereits am 29. September 194555 wiedereröffnet werden konnte56. Gezeigt wurde die Komödie „Sophienlund“, eine bewährte Reprise aus der Vorkriegszeit, die 1943 unter der Regie von Heinz Rühmann gedreht wurde. Die zuvor gezeigte Wochenschau widmete sich besonders dem Besuch General de Gaulles in den Vereinigten Staaten. Das erste Kinoprojekt in der größten Stadt der französischen Zone hatte offenbar die besondere Unterstützung der Militärregierung genossen, denn es dauerte neun Monate bis private Unternehmer die bereits geschilderten typischen Nachkriegshürden bei der Einrichtung eines Lichtspieltheaters überwinden konnten.

Am 14. Juni 1946 eröffnete Hedwig Doll das „Lichtspielhaus am Schillerplatz“ etwa acht Kilometer von der Ludwigshafener Innenstadt entfernt in Oggersheim. Bereits seit den dreißiger Jahren hatte sich hier das „Tonbild“-Theater eingemietet bis das Gebäude im Krieg schwer zerstört worden war. Hedwig Doll besaß keine Kino- und Geschäftsführungspraxis. Ihr Ehemann, Mitinhaber eines im Krieg zerstörten Ludwigshafener Musikhauses, war noch nicht aus der Gefangenschaft zurückgekehrt, als sie ihren Wunsch, ihr Lichtspielhaus am Schillerplatz zu eröffnen, in die Tat umsetzte57. Bei der Premiere sollte die Musikkomödie „Rosen in Tirol“ gezeigt werden. Der Film wurde 1940 in Deutschland von Gèza von Bolvàry nach der Operette „Der Vogelhändler“ inszeniert. Die Besetzung mit Johannes Heesters, Hans Moser und Theo Lingen hätte wohl auch in Oggersheim ein Kassenschlager werden können. Die zuständige Unterbehörde der Section Cinèma in Ludwigshafen verbot jedoch die Aufführung und ordnete für die Eröffnung den Kriminalfilm „Fallensteller“ („Piéges“, 1939) an, der in der französischen Originalversion gezeigt wurde und deshalb beim Publikum geringen Zuspruch fand. Der Kinosaal mit etwa 250 Plätzen bot auch Raum für Liederabende, klassische Konzerte, Kleinkunst und andere kulturelle Veranstaltungen.

Das Oggersheimer „Tonbild“, das Vorgängerunternehmen des „Lichtspielhauses am Schillerplatz“, fand noch 1946 eine notdürftige Bleibe. Trotz der provisorischen Unterbringung im Saal der Gaststätte „Wittelsbacher Hof“ begann sofort ein regelmäßiger Spielbetrieb. Am 16. April 1949 konnte das „Tonbild“-Theater dauerhaft in einem städtischen Gebäude in der damaligen Bahnhofstraße untergebracht werden. Das Kino trug fortan den zeitgemäßen Namenszusatz „Weißes Rössl“.

Als zweites innenstädtisches Großkino nahm das „Rheingold“-Theater in der Prinzregentenstraße im Hemshof seinen regulären Spielbetrieb auf. Das wie der Pfalzbau im Herbst 1928 eingerichtete Kino war erst seit 1935 UFA-Palast und bot Platz für 1200 Zuschauer. Als einziger Ludwigshafener Saal ist das „Rheingold“ von den verheerenden Kriegsschäden halbwegs verschont geblieben. Noch 1945 lief ein unregelmäßiger Spielbetrieb wieder an. Zunächst mußte sich das Kino den Saal mit verschiedenen Veranstaltungen teilen: Sogar Theater-Vorstellungen - beispielsweise „Die Fliegen“ von Jean-Paul Sartre – fanden hier statt. 1946 half das Ludwigshafener Chemieunternehmen BASF mit einer finanziellen Zuwendung dem Saal wieder ein nobles Ambiente zu verleihen:

Mit der Erwartung , daß mit der Errichtung dieser Heimstätte der Kultur viele Tausende unserer Bürger frohe Entspannung und Erholung finden mögen, um dann mit frischem Mut zum Alltagsschaffen zurückzukehren

wurde am 2. Juli 1946 die Wiedereröffnung gefeiert. In der Tagespresse schlug man wegen des beschwingten Revuefilms aus der NS-Zeit (D 1942) eher nachdenkliche Töne an:

Hab’ mich lieb”, nannte sich der Hauptfilm des Abends, und wenn Marika Rökk dabei ist, muß schon eine große Revue passieren ..., nur fragen wir uns dabei: Haben wir in unserer Zeit dafür noch Verständnis?58

Man hatte offenbar Verständnis, wie es die Spielfilmpalette beweist. Mit dem „Pfalzbau“ und dem „Rheingold“ hatte die UFA-Treuhand-Gesellschaft nun in Ludwigshafen eine Monopolstellung, sieht man von den beiden Kleinkinos im acht Kilometer westlich gelegenenen Oggersheim ab. Angeboten wurden drei Vorstellungen am Tag und eine Nachtvorstellung mit eigenem Programm.

Die Situation des Ludwigshafener Lichtspielwesens änderte sich erst 1948, als sich die Zahl der Theater auf sechs erhöhte: „Skala“ nannte sich die ambulante Spielstätte, die am 8. Januar 1948 in der Goetheschule in Oppau eröffnet wurde. Im Unterschied zu den anderen Kinos gab es hier im Eröffnungsjahr noch kein Vollprogramm, erst 1949 begann ein regelmäßiger Spielbetrieb. In Friesenheim eröffnete Ida Mücklich am 17. April 1948 die „Metropol“-Lichtspiele. Sie war die Witwe eines bekannten Hemshöfer Kinobesitzers der Vorkriegszeit. 1944 hatte Ida Mücklich die erforderlichen Vorführapparate ... nach der Zerstörung ihres Theaters nach Friedrichsfeld bei Mannheim ausgelagert.... Zwar waren diese unzerstört geblieben, da Mannheim jedoch in der amerikanischen Zone lag, mußte die Besitzerin bei der Militärregierung einen Antrag zur Heimholung der ausgelagerten Filmgeräte stellen. Dafür brauchte sie wiederum eine Bestätigung, daß ihr Ludwigshafener Kino im Krieg zerstört worden war59. Als die Gefahr einer französischen Beschlagnahme gebannt war, galt es für Ida Mücklich das Raumproblem zu lösen. Hier kam ihr die katholische Kirchengemeinde Sankt Gallus zu Hilfe und stellte den Gemeindesaal zur Verfügung.

Im Gründungsjahr der Bundesrepublik, 1949, erlebte die Kinolandschaft einen tiefgreifenden Wandel: Die Zahl der Spielstätten war auf zehn angewachsen. Alle Neueröffnungen fanden in den Vororten – an der Peripherie - statt. In Rheingönheim, im Süden von Ludwigshafen, eröffnete am 10. Februar 1949 das „Capitol“ in der Hauptstraße 57 - gegenüber dem dortigen Gemeindehaus. Dann ging alles Schlag auf Schlag. Im Sommer, genauer gesagt am 17. Juni bekam die Gartenstadt ein Kino im Volkshaus, Weißdornhag 1. In der Mundenheimer Bahnhofstraße 36 eröffnete Jakob Schließmeyer am 30. Juli die „Kasino“-Lichtspiele. Der Kinosaal mit maximal 400 Sitzplätzen wurde im evangelischen Gemeindesaal eingerichtet. Mit der warmen Tapete, geschmackvollen Leuchten und Gardinen und der neuartigen Klappbestuhlung macht das Theater einen gediegenen Eindruck60, wie es die Presse zu berichten wußte. Als Eröffnungsfilm lief „Das unsterbliche Antlitz“ (Österreich [Ö] 1947), der sich mit dem Leben des Malers Anselm Feuerbach in Rom Mitte des 19. Jahrhunderts widmet.

Am 15. Oktober nahm in der Mundenheimer Straße das „Raschig“-Filmtheater seinen Betrieb im Veranstaltungssaal der gleichnamigen Chemiefirma auf. Zur Eröffnung wurde in dem vollbesetzten Theater vor 600 Zuschauern der Operettenfilm „Fregola“ (Ö 1948) gezeigt.

Daß sich die unter unmittelbarem Einfluß der Besatzungsregierung stehende UFA-Treuhand gerade in Ludwigshafen so stark engagierte, liegt offenbar nicht nur an den beiden Großeinrichtungen aus Zeiten der Weimarer Republik. Die Pfalzmetropole brauchte ein an gemessenes Angebot an Kinoplätzen, denn das benachbarte größere Mannheim war bis 1948 von der Pfalz durch die Grenze zwischen amerikanischer und französischer Zone völlig abgeschnitten. Die geringe Privatinitiative in der Anfangszeit resultierte offenbar aus der außergewöhnlich starken Zerstörung, dem daraus resultierenden Mangel an geeigneten Immobilien und der schlechteren Materiallage in der französischen Zone. Diese Tatsachen, verbunden mit der hohen Einwohnerzahl der Großstadt riefen nicht nur die Ökonomen unter den Besatzern, sondern auch die Politiker, die Kino als wichtiges Informations- und unverzichtbares Unterhaltungsmedium ansahen, zum Handeln auf. Daß Ludwigshafen in den vierziger und fünfziger Jahren ein guter Markt für Film und Kino war, beweist der starke Anstieg der privaten kleinen Spielstätten im Gründerjahr der Bundesrepublik auf insgesamt zehn Lichtspieltheater61. „Kinosterben“ war kein Begriff in dieser Zeit der dramatischen Aufwärtsentwicklung, die Ludwigshafen im Jahre 1956 sechzehn Lichtspielhäuser bescherte. Erst mit dem Aufkommen des Fernsehens waren in den späten sechziger Jahren viele Besitzer zur Aufgabe gezwungen. Betroffen waren nicht nur die kleinen Theater an der Peripherie, die weniger aktuelle Filme spielten, sondern auch die beiden Großkinos aus den zwanziger Jahren in der Innenstadt - sie galten als zu groß. Heute sind alle Kinos der Nachkriegszeit aus dem Stadtbild verschwunden, es gibt nur noch die beiden Fünfziger-Jahre-Kinos „Union“ und „Corso“. Doch hier bahnt sich eine Neuentwicklung, die diese Lichtspielhäuser gefährden könnte. Seit Ende der achtziger Jahre entstanden in vielen deutschen Städten sogenannte Multiplex-Kinos. Auch in Ludwigshafen ist ein solches Kinocenter mit insgesamt 3000 Sitzplätzen in verschiedenen Sälen geplant. Doch schon die Konzeption - verschiedene kleinere und mittlere Filmtheater mit unterschiedlichen Vergnügungs- und Restaurationsbetrieben unter einem Dach - verrät die neue Rolle des Lichtspielwesens. Kino ist heute nicht mehr das zentrale visuelle Informations- und Unterhaltungsmedium mit Breitenwirkung, wie es bis in die sechziger Jahre der Fall war, sondern bildet eine Sparte in einem breiten Vergnügungsangebot.



3. Die Angebotspalette der Ludwigshafener Kinos 1945-1949

Spielfilme reflektieren

dominierende Bewußtseinslagen ... der Gesellschaft und der Zeit, in der und für die sie gemacht wurden. Umso bedauerlicher ist es, daß sie den meisten Historikern ... als historische Quelle suspekt sind62.

Gerade die Alltags-, die Mentalitäts- und die Regionalgeschichte des 20. Jahrhunderts würde anhand dieser Quellen mehr Tiefenschärfe gewinnen. Doch nicht nur die Interpretation von Filmen, sondern vor allem das Filmangebot ist für den Historiker von Interesse. Anfangs wurde bereits auf die empirische Methode der Auswertung von Kinoanzeigen in der Tagespresse eingegangen. Um Filme nach Herkunftsland und Genre einordnen zu können, mußten sie unter Zuhilfenahme verschiedener Lexika63 einzeln recherchiert werden. Gerade französischsprachige Produktionen waren oftmals mit mehreren deutschen Titeln im Angebot und damit schwieriger zu ermitteln als beispielsweise deutsche, britische oder amerikanische Filme. Eine lexikographische Datensammlung aller Produktionen, die in der französischen Zone gezeigt wurden, würde die Arbeit wesentlich erleichtern und wäre für die Zukunft wünschenswert. Bei der empirischen Erforschung des Filmangebots wurden verschiedene Aspekte berücksichtigt:

Zum einen wurde die unterschiedliche Verteilung von Filmen nach Produktionsland und Herstellungsjahr analysiert. Bei der Beschreibung der Aufgaben der Section Cinèma wurde bereits angesprochen, dass die Spielpläne der Kinos in der französischen Zone besatzungspolitischen Beschränkungen unterlagen. Besonders vor der Bildung der Trizone im Jahre 1948 unterschied sich die Angebotspalette, vor allem was die Herstellerländer von Spielfilmen betrifft, erheblich von den anderen Besatzungszonen64.

Zum anderen wurden die Häufigkeit der verschiedenen Filmerscheinungsformen bewertet. Welche Genres setzten sich in der Nachkriegszeit durch? Wie waren die Filme gestaltet, die damalige Zeitgenossen in viel größerer Zahl als heute in die Kinos strömen ließen? Diese Fragen können nicht zuletzt Aufschluß über die Ängste und Sehnsüchte der Menschen, sowie deren soziale und politische Lebensverhältnisse in der Trümmerzeit geben.

Als Instrumentarium zur Differenzierung des Spielplans wurden sieben Genreklassen gewählt, denen die gezeigten Filme zugeordnet wurden:

  1. Komödien

  2. Musikfilme

  3. Melodramen und Schicksalsfilme

  4. Abenteuerfilme

  5. Western

  6. Kriminalfilme

1945 im Jahr der Kapitulation ließen sich in Ludwigshafen nur 14 Filme65 in einem Lichtspieltheater feststellen: Neun Streifen stammten aus deutscher Kriegsproduktion, waren also zwischen 1939 und 1945 hergestellt worden und somit Reprisen aus der Zeit vor 1945. Gemeinsam hatten solche Produktionen („Sophienlund“, D 1943; „Wir bitten zum Tanz“, D 194; „Der erste Ball“, D 1944; „Romantische Brautfahrt“, D 1944; „Die Frau meiner Träume“, D 1943; „Rosen in Tirol“, D 1940; „Der weiße Traum“, D 1943 und „Der Majoratsherr“, D 1943/44) auch das Genre: Es handelte sich um unverfängliche Lustspiele und Musikfilme ohne realistische Handlung, die schon in der Kriegszeit viele Freunde gefunden hatten und deshalb auch zur sogenannten Stunde Null den von Goebbels erwünscht en Erfolg der Ablenkung und Zerstreuung garantierten. In der Besetzung fanden sich heute noch bekannte Schauspieler/-innen, wie Marika Rökk, Hans Moser, Theo Lingen, Johannes Heesters und Willi Birgel etc. Die technisch brillianten, aber in der Handlung simplen UFA-Filme zeigten systemstabilisierende, allgemein akzeptierte, autoritär getönte Normen und Werte, zu deren Kanon es gehörte, Politik erst gar nicht zu thematisieren. Komödien hatten in der Kriegszeit die Funktion, Durchhaltevermögen und Widerstands willen der Deutschen im Bombenalltag zu stärken. Auch in der trostlosen, entbehrungsreichen Nachkriegszeit transportierten diese Filme ihre tröstende und stabilisierende Botschaft66.

Die anderen fünf Filme stammten aus der Heimat der Besatzer: „Der erste Ball“ („Premier Bal“, F 1941) paßt mit seinem heiteren Inhalt zu den deutschen Filmen. Bei „Versprechen einer Unbekannten“ („Promesse á l’inconnue“, F 1942), „Wetterleuchten“ („Lumiere d’ètè“, F 1943), „Oberst Chabert“67 („Le colon“, F 1943) einem Streifen nach einem Roman von Honorè de Balzac und „Die Satansboten“68 („Les visiteurs du soir“, F 1942) von Marcel Carnè handelte es sich um Liebesfilme und Dramen. Die fünf französischen Produktionen waren Originalversionen, wovon wohl einige notdürftig mit deutschen Untertiteln versehen waren. Sie hatten wegen des Sprachproblems nur geringe Chancen auf Zuspruch.

In Ludwigshafen kam es 1946 zu einer starken Angebotsausweitung: In vier Lichtspieltheatern wurden 126 Filme69 gespielt, wobei ein ähnlicher Trend wie 1945 zu verzeichnen ist. Deutsche und französische Produktionen stellten mit 60 bzw. 58 Filmen den größten Anteil. Weitere acht Streifen kamen aus Österreich vor 1938, aus den USA, Großbritannien und der Sowjetunion. Deutsche Produktionen, wiederum Reprisen oder Überläufer, die bei Kriegsende auf den Schneidetischen lagen, hatten als Lustspiele, Operettenfilme und Verwechslungskomödien den gleichen Inhalt wie das deutsche Angebot vor 1945.

Inzwischen hatte die Section Cinèma eine größere Menge französischer Filme kopieren lassen, die zumindest mit deutschen Untertiteln versehen waren. Unter den Produktionen Frankreichs dominierten in Ludwigshafen solche aus der Kriegszeit. 1940-1944 war Frankreich von Hitlerdeutschland besetzt, die südlichen Teile Frankreichs standen unter der Herrschaft des autoritären Vichy-Regimes, dessen Zensurinstanzen dafür sorgten, daß der französische Film sich von politisch verfänglichen Themen fernhielt. Daher war in dieser Phase Evasion - erzwungene Flucht aus der Realität - die Devise des französischen Films, die meisten Regisseure widmeten sich dem neuen Stil ästhetizistischer Wirklichkeitsferne und brachten es dabei zu bedeutenden Leistungen. Im Gegensatz zu den deutschen Reprisen bestach das Angebot an französischen Kriegsproduktionen nicht nur durch technische Qualität, sondern vor allem durch die anspruchsvollere Themenauswahl. Die Franzosen dichten Filme beschrieb es in der Nachkriegszeit der Filmexperte Johannes Eckardt70

... Ich erinnere nur an Andrè Gide, (Jean) Giraudoux, (Paul) Claudel, (Jean) Anouilh, (Jean) Cocteau, (Jean-Paul) Sartre. Der französische Film hat aus dieser Verbindung mit den führenden Dichtern des französischen Volkes seit je sich bestrebt, ernste Probleme des menschlichen Lebens aufzugreifen.

Die Qualität des französischen Films war in Deutschland unbestritten. Im Jahre 1948 wurde Carnès „Die Kinder des Olymp“ („Les enfants du paradis“, 1943-1945) in einer Umfrage bei den westdeutschen Kinotheaterbesitzern zum künstlerisch besten Film gekürt71. Er gilt auch heute noch als einer der besten französischen Filme. „Die Kinder des Olymp“, zu dem Jacques Prèvert das Drehbuch schrieb, leitete eine neue Nachkriegsepoche des französischen Films ein. Die Auswahl französischer Filme in Ludwigshafen hatte ihre Schwerpunkte in den Sujets Krimi, Melodram und Abenteuerfilm. Da die Kinos bei Vorführungen deutscher Streifen überfüllt waren, sich jedoch die Nachfrage nach französischen Produktionen beim deutschen Publikum in Grenzen hielt, mußte ihre Verbreitung gefördert werden. Beim monopolartigen besatzungseigenen Verleih galt 1946 für einige Monate die Regel, daß jeder Kinobesitzer, der einen deutschen Film ausleihen und vorführen wollte, auch eine französische Produktion zeigen mußte72. Zuweilen intervenierten die Besatzungsbehörden bei den Kinobesitzern, damit sie französische Film ins Programm aufnahmen. Auch der als Vorfilm eingesetzte KZ-Dokumentarfilm „Todeslager“ war eine Auflage der Besatzungsbehörden. Er mußte in der ersten Hälfte des Jahres im einzigen Ludwigshafener Theater, dem „Pfalzbau“, neben der Wochenschau vor jedem Spielfilm gezeigt werden.

Bemerkenswert ist die unterschiedliche Programmgestaltung der Ludwigshafener Kinos. Die beiden unter dem direkten Einfluß der französischen Besatzung stehenden UFA-Theater in der Ludwigshafener Innenstadt zeigten deutlich mehr französische Filme als die beiden in der zweiten Jahreshälfte gegründeten Vorstadtkinos in Oggersheim (Vgl. Tabelle). In den in der zweiten Hälfte des Jahres 1946 eröffneten Vorstadtkinos dominierten deutsche Kriegsproduktionen, im Tonbild wurden bis auf eine österreichische Vorkriegsproduktion ausschließlich deutsche (23) Filme gezeigt73. Der Zwang zu französischen Filmen war also zumindest in der zweiten Hälfte des Jahres nicht mehr erkennbar. Mit der Verbotsliste der alliierten Besatzungsmächte nahmen es die französischen Behörden vor Ort offenbar nicht so genau. Denn im „Pfalzbau“ überraschte das indizierte Sittendrama „Die goldene Stadt“74 (D 1942) des NS-Regisseurs Veit Harlan. Harlan war als Regisseur des rassistischen, heute noch verbotenen Propagandafilm „Jud Süß“ (D 1940) bekannt geworden.

1947 stieg das Angebot auf 168 Filme75, obwohl die Zahl der Vorführstätten gleich blieb. Dafür waren vor allem die deutschen Produktionen (107 Filme) verantwortlich.

Immer noch wurden amerikanische (7) und britische (4) Produktionen kaum gezeigt. Unter dem Posten „Andere“ (12) summieren sich sowjetische, deutsch-ungarische und deutsch-französische Gemeinschaftsproduktionen. Französische Filme (37) nahmen insgesamt an Bedeutung ab, obwohl einzelne Genres Publikumsrenner wurden. Vor allem Schicksalsfilme waren in den Kriegsjahren in Frankreich die sicherste Kapitalanlage für die Produzenten76. Dieses Genre schaffte es nach dem Kriege auch deutsche Zuschauer zu Tränen zu rühren, um sie schließlich durch ein „Happy End“ zu trösten. Mehrfach lief in verschiedenen Ludwigshafener Kinos „Der blaue Schleier“ („Le voile bleu“, F 1942) oder der melodramatische Streifen „Im Fieber der Liebe“ („Fiévre“, F 1941) von Jean Delannoy. Delannoy war auch Regisseur des Schicksalsfilms „Der ewige Bann“ („L’Eternel retour“, F 1943). Großes Interesse fanden in Ludwigshafen auch französische Kriminalfilme, wie der geschickt gemachte Streifen „Der Mörder wohnt in Nr. 21“ („L’assasin habite au 21“, F 1942) von Henri-Georges Clouzot. Innerhalb der deutschen Filme etablierten sich 25 Filme, die vor 1938 produziert worden waren. Gespielt wurden auch schon drei deutsche Nachkriegsfilme, darunter die DEFA-Produktion „Die Mörder sind unter uns“ (D 1946) von Wolfgang Staudte, mit Hildegard Knef in der weiblichen Hauptrolle. Der Film konnte bereits im Mai 1947, etwa ein halbes Jahr nach seiner Premiere in Berlin, im Ludwigshafener „Rheingold“ anlaufen. In der britischen und amerikanischen Zone wurde die Produktion aus der sowjetischen Zone erst zwei Monate später freigegeben.


Pfalzbau

Rheingold

Schillerplatz

Tonbild

Andere

Deutschland bis 1938

1

1

1

1

4

Deutschland bis 1945

10

6

18

22

56

Österreich

1

-

1

1

3

USA

2

-

-

-

2

Großbritannien

-

1

-

-

1

Frankreich

36

18

4

-

58

Andere

2

-

-

-

2


1: Das Spielfilmangebot in einzelnen Ludwigshafener Kinos 1946 nach Produktionsland. Quelle: Serielle Auswertung von Kinoanzeigen in: RHPF, 1. Januar bis 31. Dezember 1946

Auf die einzelnen Lichtspielhäuser verteilen sich die Filme wie folgt: Das „Lichtspielhaus am Schillerplatz“ und das „Tonbild“-Theater in Oggersheim zeigten immer noch mit Vorliebe deutsche Produktionen (33/32), darunter vorwiegend Reprisen (25/26). Amerikanische, englische und österreichische Produktionen wurden in diesen beiden Kinos kaum gezeigt.

Auch im „Rheingold“ und im „Pfalzbau“ spielten deutsche Produktionen (23/21) inzwischen eine wichtige Rolle, lagen aber immer noch niedriger als an der Peripherie. Bemerkenswert ist, daß immer noch rund ein Drittel der Auswahl des „Rheingold“ und des „Pfalzbau“-Theaters aus französischen Streifen (12/9) bestand. In den beiden innerstädtischen Theatern liefen keine österreichischen und britischen Filme. Im Rheingold spielten amerikanische (3) wie sowjetische Produktionen (4) eine geringe Rolle.

Im Jahre 1948 wurden in Ludwigshafener Spielstätten 232 Filme77 angeboten. Der Zuwachs war vor allem durch die Neueröffnungen des „Metropol“ und des „Scala“ im nördlichen Stadtgebiet von Ludwigshafen zustande gekommen. Das Angebot aus dem Heimatland der Besatzungsmacht stagnierte bei 36, bei gleichzeitiger Steigerung der deutschen Produktionen (155). 17 britische und sieben amerikanischen Spielfilme setzten immer noch geringe Akzente. In den einzelnen Lichtspieltheatern kam es jedoch zunehmend zur Differenzierung des Angebots. Im „Rheingold“-Theater wurde der Trend zu mehr Vielfalt und zu neueren Filmen am deutlichsten. Hier war der Anteil deutscher Filme (18) niedriger als bei den anderen Spielstätten, zumal hier nur 25 Prozent des Gesamtangebots (11) auf deutsche Kriegsproduktionen fielen. Dagegen war eine breite Palette ausländischer, beispielsweise amerikanischer (6), britischer (4), französischer (12) und österreichischer (3) Produktionen vertreten.

Im „Pfalzbau“ (27), im „Lichtspielhaus am Schillerplatz“ (27), im „Tonbild“ (30), sowie in den beiden neueröffneten Theatern „Metropol“ (31) und „Scala“ (23) war der Anteil deutscher Filme größer. Der Anteil französischer Streifen war im Spielplan des Metropol mit zwei Filmen besonders gering und mit neun Filmen im Rheingold und im Lichtspielhaus Schillerplatz am höchsten.

1949 gab es in Ludwigshafen durch die Eröffnung von Capitol, Filmtheater Gartenstadt, Casino und Raschig-Filmtheater zehn Spielstätten. Folglich erhöhte sich auch das Spielfilmangebot auf 577 Produktionen78, über zwei Drittel davon wurden im zweiten Halbjahr 1949 gezeigt. Diese Entwicklung lag nicht allein am Aufkommen der neuen Spielstätten, da sich auch bei den sechs Kinos, die bereits 1948 existierten, eine Vergrößerung des Angebots feststellen ließ. Offenbar wurden hier zusätzliche Vorstellungen eingeschoben. Nicht nur durch die Anzahl, sondern auch durch unterschiedliche Herkunft und breitere Themenpalette der Filme sind die Spielpläne reichhaltiger geworden. Das unterstreichen die meistgespielten Produktionen des Jahres. An erster Stelle der Ludwigshafener Hitliste stand der amerikanische Film „Das Lied von Bernadette“ („The song of Bernadette“, USA 1943). Das historisch-religiöse Drama um eine Nonne der die Muttergottes in Lourdes erschien, hatte den Roman von Franz Werfel zur Grundlage. Es stand in sechs Theatern mehrfach auf dem Spielplan. An zweiter Stelle folgte der deutsche Nachkriegsfilm „Die Söhne des Herrn Gaspary“ (D 1948), er wurde wiederholt in vier Kinos gezeigt. Den dritten Rang belegte ein britischer Film „Die Madonna der sieben Monde“ („Madonna of the seven moons“, GB 1944), ebenfalls ein dramatisches Rührstück. Diese „Hitliste“ weist bereits auf einen nachdrücklichen Bedeutungsgewinn von Filmen aus dem englischsprachigen Raum hin. Im französisch besetzten Ludwigshafen erhöhte sich die Zahl amerikanischer Filme (119) und nahm den zweiten Platz ein. Britische Produktionen (96) gewannen ebenso verstärkt die Gunst des Ludwigshafener Publikums. Auch französische Produktionen (46) waren, in absoluten Zahlen stärker als im Vorjahr vertreten, ihre Bedeutung fiel jedoch gegenüber den Anfangsjahren mit weniger als zehn Prozent auf die vierte Stelle zurück. Das Interesse der Besucher an einem breiten internationalen Filmangebot war groß, nach einer langen Phase der Beschränkungen durch Nationalsozialismus und durch französische Besatzungsbehörden.


Pfalzbau

Rheingold

Schiller-platz

Ton bild

Metropol

Scala

Capi tol

Garten-Stadt

Kasino

Raschig

Gesamt

Deutschland bis 1938

12

12

13

10

12

8

9

5

6

2

87

Deutschland bis 1945

20

11

7

4

20

8

4

9

2

4

81

Deutschland ab 1945

18

13

8

16

14

2

6

3

7

2

89

Österreich

5

9

7

7

5

-

1

2

2

3

41

USA

27

29

20

18

9

-

9

4

1

2

119

Großbritannien

16

9

16

15

18

6

9

3

3

1

96

Frankreich

7

5

6

9

8

-

6

-

3

3

46

Andere

1

6

1

-

5

1

1

-

2

1

18


Das Spielfilmangebot in einzelnen Ludwigshafener Kinos 1949 nach Produktionsland. Quelle: Zusammengestellt durch serielle Auswertung von Kinoanzeigen in: RHPF 1949 und durch Recherche in entsprechenden Lexika (vgl. Anm. 63).

Bei den englischsprachigen Produktionen waren nicht nur die melodramatischen Stoffe, wie „Das Lied der Bernadette“ beliebt. Beste Beispiele im Ludwigshafener Angebot sind die heute noch bekannten

Kriminal- und Spionagefilme „Die 39 Stufen“ („The thirty-nine steps“, GB 1935) und „Verdacht“ („Suspicion“, USA 1941) von Alfred Hitchcock, aber auch „Zwielicht“ („The october man“, GB 1947). Auch Abenteuerfilme, wie „Gefährliche Reise“ („Caravan“, GB 1946), „Abenteuer in der Südsee“ („Son of Fury“, USA 1942) und „ Der Herr der sieben Meere“ („The sea hawk“, USA 1940) mit Erol Flyn in der Hauptrolle, bereicherten die Kinopalette. Das Westerngenre brachte „Der große Bluff“ („Destry rides again“, USA 1939) mit Marlene Dietrich und Stewart Granger in den Hauptrollen den Ludwigshafener Cinèasten näher. Mit „Der Glöckner von Notre Dame“ („The hunchback of Notre-Dame“, USA 1939) wurde den Kinozuschauern nicht nur ein bis heute bekannter historischer Filmstoff, sondern auch das Werk des in Ludwigshafen geborenen Hollywoodregisseurs William Dieterle präsentiert.

Trotz der beiden englischsprachigen Filme in der Spitzengruppe hatten deutsche Produktionen (257) noch immer den größten Anteil an den Ludwigshafener Spielplänen. Es waren jedoch nicht mehr nur Kriegsreprisen, sondern zunehmend auch Filme, die vor 1938 und nach 1945 produziert worden sind. Produktionen aus der Mitte der Dreißiger waren vor allem klassische Musikfilme, wie „Der Kaiserwalzer“ (D 1932) oder anspruchslos-volkstümliche Komödien, wie „Alles weg’n dem Hund“ (D 1935) mit dem Komiker Weiß Ferdl in der Hauptrolle. Auch „Mädchenräuber“ (D 1936) und „Blinde Passagiere“ (D 1935), die beiden deutschen Produktionen des weltbekannten dänischen Komikerpaares Pat und Patachon wurden mehrfach gezeigt. In Ludwigshafen stellten 89 Nachkriegsstreifen die größte Gruppe unter den deutschen Produktionen dar. In Form von leichten Unterhaltungsfilmen knüpften der Zirkusfilm „Tromba“ (D 1949) und die Verwechslungskomödie „Zwölf Herzen für Charly“ (D 1949) mit Heli Finkenzeller nahtlos an die UFA-Zeit an.

Zunehmend drängten auch sogenannte Zeitfilme in die Ludwigshafener Kinos, wie es der Streifen „Die Söhne des Herrn Gaspary“ (D 1948), die Nummer zwei der Kino-Höhepunkte zeigt. Diese zeitnahen Stories thematisieren die NS-Zeit („Morituri“, 1948), die Nachkriegszeit (wie der 1948 gedrehte Kriminalfilm „Blockierte Signale“) oder beides („Zwischen gestern und morgen“, D 1947). Fast alle zwischen 1946 und 1950 in Deutschland gedrehten Filme zeichneten sich durch Zeitnähe aus, die man rückblickend Trümmergenre79 nennt. Der bereits 1948 gezeigte erste deutsche Film „Die Mörder sind unter uns“ stellte sich noch am ehesten der Vergangenheit. Es ist die Geschichte eines skrupellosen Fabrikbesitzers der Nachkriegszeit, der als Massenmörder entlarvt wird, dabei bleibt jedoch offen, ob und wie der Täter bestraft werden soll. Die nachfolgenden Trümmerfilme gingen weniger offen mit der deutschen Vergangenheit um. Die Täter wurden verdunkelt, entpersonifiziert, der Wirklichkeit entrückt, als das Böse schlechthin dargestellt80. Die Zeitfilme der unmittelbaren Nachkriegszeit beschränkten sich meist darauf, die Bewältigung privater Schicksale zu zeigen, ohne die Ursachen und die Verantwortlichen aus der NS-Zeit zu zeigen81. Dabei verzichtete der Trümmerfilm bewußt auf allzu realistisches Zeigen von Ruinen, Not, Gewalt und Schlachtszenen.

Deutsche, amerikanische und britische Produktionen dominierten nicht nur das gesamte Ludwigshafener Angebot, sondern bestimmten mit geringen Abweichungen auch die Palette der einzelnen Ludwigshafener Kinos. Beim „Rheingold“ waren britische Filme unterrepräsentiert zugunsten von amerikanischen und österreichischen Streifen, während das „Metropol“ vermehrt britische Produktionen zeigte und US-Filme in geringerem Maße im Angebot hatte. Der klassische Unterschied zwischen Peripheriekinos und Innenstadttheatern war, was ausländische Produktionen betrifft, nicht mehr klar erkennbar. Internationale Produktionen waren nun auch in einzelnen kleineren Vorstadtkinos („Schillerplatz“, „Tonbild“ und „Capitol“) zu sehen, hingegen zeigten Innenstadtkinos auch verstärkt deutsche Produktionen. Es fällt aber auf, daß die Mehrzahl der Vorstadtkinos, insbesondere die Neugründungen ihren Programmschwerpunkt immer noch bei deutschen Kriegsproduktionen suchten. (vergleiche Tabelle)


1945

1946

1947

1948

1949

Deutschland

9

60

107

155

257

Österreich

-

3

1

4

41

USA

-

2

7

8

119

Großbritannien

-

1

4

17

96

Frankreich

5

58

37

36

46

Andere

-

2

12

12

18

Gesamt

14

126

168

232

577


Das Spielfilmangebot in Ludwigshafen 1945 - 1949 nach Produktionsland. Quelle: Zusammengestellt durch serielle Auswertung von Kinoanzeigen in: RHPF 1945-1949 und durch Recherche in entsprechenden Lexika (vgl. Anm. 63).

Wie 1946 wurden auch 1949 Veit Harlan-Filme gezeigt, diesmal im Oggersheimer „Tonbild“. Im Januar lief der bereits zwei Jahre zuvor im „Pfalzbau“ gezeigte sogenannte Sittenfilm „Die goldene Stadt“82 und im April stand der indizierte Streifen „Opfergang“83 auf dem Programm.



4. Vergleich der Ergebnisse mit der Angebotsentwicklung in Mannheim, Kaiserslautern und Speyer

Vergleicht man die Entwicklung der Angebotspaletten in Ludwigshafen und Mannheim84 so lassen sich viele, offensichtlich besatzungspolitisch motivierte Unterschiede feststellen. Das beginnt 1945 mit dem mageren Spielfilmangebot in beiden Städten. Während in Ludwigshafen zu zwei Dritteln deutsche Reprisen und zu einem Drittel französische Filme gezeigt wurden, beinhaltete das Mannheimer Kinoprogramm nur amerikanische Produktionen. Hier wird die ökonomische Stärke der amerikanischen Filmwirtschaft sichtbar, die keine Synchronisationsprobleme kannte. Hinzu kam die anfänglich rigide Säuberungspolitik der Amerikaner. Die Franzosen konnten dagegen keine vergleichbare Menge eigener Filme anbieten, um flächendeckend die neueröffneten Kinos zu versorgen.

Die Bipolarität zwischen deutschen Filmen und Produktionen aus den jeweiligen Besatzungsländern wurde in der französischen Zone bereits 1946 durch Förderung und Zwang erreicht. In der amerikanischen Zone kam es ein Jahr später zum Gleichstand zwischen amerikanischen und deutschen Spielfilmen durch ein starkes Anwachsen deutscher Reprisen. Dieses Wachstum war möglich, weil die Besatzungsbehörden genügend Filmmaterial geprüft und zensiert hatten. Das Jahr 1949 führte zu einer fast gleichen Angebotsstruktur. Insgesamt wurde das Spielfilmangebot sehr viel bunter als in den Vorjahren. Das relativ gesehen geringere Gewicht französischer Filme in Ludwigshafen und die prozentual schwächere Akzentuierung amerikanischer Filme in Mannheim stellt eine interessante Entwicklung dar. Es liegt die Vermutung nahe, daß die Politik der Besatzer zwischen 1945 und 1947, die jeweiligen Heimatproduktionen künstlich zu fördern, zu einer Übersättigung der Zuschauer geführt hatte. Sicherlich haben zwei Daten des Jahres 1948 die Palette des Kinoprogramms in Ludwigshafen und Mannheim geprägt: Die Währungsreform im Juni und der Beginn des freien trizonalen Filmaustauschs im Oktober 1948. Die Währungsreform beeinflußte das Verhalten der Kinogänger, da sie nun mit der D-Mark sparsamer umgingen und sich beim Kinobesuch stärker als bisher von ihrem Interesse leiten ließen. Das konnte nicht ohne Wirkung auf die Angebotspalette bleiben. Der trizonale Filmaustausch bedeutete zudem das Ende der Abgrenzungspolitik der Franzosen gegenüber der britisch-amerikanischen Bizone. Die Kinobesitzer konnten nun britische und amerikanische Filme verstärkt auch in der französischen Zone ausleihen und sie ihrem Publikum anbieten. Ebenso wurden französische Filme vermehrt auch in den Kinos der beiden anderen Zonen gezeigt. Das Interesse der Besucher an einem breiten internationalen Filmangebot war da, nach einer langen Phase der Beschränkungen durch Nationalsozialismus und danach durch französische Besatzungsbehörden. Trotz der Internationalisierung des deutschen Filmangebotes seit 1949 war immer noch eine Dominanz deutscher Filme in Ludwigshafen und Mannheim festzustellen, mit zunehmender Tendenz zum deutschen Nachkriegsfilm. Dabei läßt sich, ebenso wie 1946-48 auch, ein Unterschied zwischen innerstädtischen Bereichen und Peripherien feststellen: In den Vorort-Kinos wurden deutsche Produktionen, davon besonders Reprisen, stärker favorisiert als in der City. In den Innenstadtkinos wurden dagegen immer höhere Angebotsquoten für ausländische Filme erreicht als an der Peripherie. Diese allgemeine Entwicklung wurde in Ludwigshafen vor allem 1946 durch die Intervention der Besatzungsbehörden verstärkt. Die politische Beeinflussung war deshalb in der Innenstadt größer, weil dort auch die beiden treuhänderisch verwalteten UFA-Theater waren. Bei der Untersuchung der Spielfilmpalette in Ludwigshafen lassen sich folgende Tendenzen feststellen, die unter anderen besatzungspolitischen Vorzeichen auch in Mannheim zu beobachten sind:

  1. Die Dominanz deutscher Reprisen bzw. amerikanischer Produktionen mangels filmischer Alternativen zu Beginn der Besatzungszeit.

  2. Die Bipolarität zwischen deutschen Filmen und Produktionen der Besatzungsmacht in den Jahren 1946 bzw. 1947.

  3. Die Diversifikation des Angebotes nach dem Fall der Zonengrenzen für den Filmverleih im Jahre 1948. Es bahnte sich die Phase der fünfziger Jahre an, wo das Spielfilmangebot mehrheitlich durch deutsche und amerikanische Produkte bestimmt wurde.



Vergleicht man die Entwicklung des Filmangebots in Ludwigshafen mit der in Kaiserslautern (1945-1947), so fällt auf, daß in Kaiserslautern wesentlich mehr deutsche Reprisen angeboten wurden und dafür weniger französische Filme (1945: 30 Reprisen/keine französischen Filme; 1946: 93/12; 1947: 95/18)85. Die Stärke deutscher Reprisen im Kapitulationsjahr und die grundsätzliche Bipolarität zwischen deutschen und französischen Filmen im Angebot in den Jahren 1946/47 ist jedoch auch in Kaiserslautern sichtbar. In Speyer läßt sich 1949/50 eine Angebotsvielfalt feststellen, die der Situation in Ludwigshafen ähnlich ist86. Beim dortigen, nach Produktionsländern geordneten Spielfilmangebot läßt sich die gleiche Rangfolge wie in Ludwigshafen feststellen. Auch bei der Untersuchung der Angebotspaletten in Kaiserslautern und in Speyer kann man Parallelen zu Ludwigshafen erkennen.

Der Vergleich zwischen Ludwigshafen und Mannheim stellt klar: Außer der räumlichen Einbindung, der Sozialstruktur u.a. bestimmte vor allem die Zugehörigkeit zur einen oder anderen Besatzungszone das Spielfilmangebot verschiedener Städte zwischen 1945 und 1949. Mit Sicherheit lassen sich die drei herausgefilterten Phasen auch in anderen Städten der französischen Zone, etwa in Freiburg, Konstanz, Mainz oder Trier beobachten. Der am Beispiel von Ludwigshafen nachgezeichnete Angebotsunterschied zwischen Zentrum und Vororten zugunsten deutscher Produktionen läßt auch Schlüsse auf den ländlichen Raum zu. Man kann davon ausgehen, daß Untersuchungen im überwiegend ländlichen und kleinstädtischen Bereich der französischen Zone eine noch eindeutigere Dominanz deutscher Filme ergeben hätte als bei der hier vorliegenden Untersuchung87. Die Normalisierung des Filmangebotes 1949/50 führte zu einem Ende der Sonderstellung des Filmangebotes in der französischen Zone. In den fünfziger Jahren gab es keine signifikanten Abweichungen zur allgemeinen Entwicklung in Deutschland. Es kam bundesweit zu einem starken Anstieg amerikanischer Produktionen. Unterzieht man jedoch die Entwicklung in Deutschland in den fünfziger Jahren einer kritischen Prüfung, so kann man eher von einer Bipolarität der Angebotsstruktur sprechen. Deutsche und amerikanische Spielfilme beherrschten gleichermaßen den Markt88. Erst in den sechziger Jahren hatte die Stunde Hollywoods geschlagen, aber - wohlgemerkt im Fernsehen89.

Im Unterschied zu Amerikanern, Briten oder Sowjets, die die Auffassung vertraten, Film sei entweder eine industriell hergestellte Ware oder ein sozialistisches Propagandainstrument, fühlten sich die Vertreter der Grande Nation dazu berufen, dieses Medium als kulturelles Erziehungsinstrument einzusetzen. Anspruchsvolle französische Spielfilme, eigens konzipierte Wochenschauen, Kultur- und Erziehungsfilme sollten Deutschland nach dem Willen der Besatzungsmacht geistig und damit auch politisch umgestalten. Daß dieses hochgesteckte Ziel undurchführbar war, lag zunächst daran, daß das französische Besatzungsgebiet eine ökonomische Mangelzone war, die zudem kaum städtische und filmwirtschaftlich wichtige Infrastruktur besaß. Die wenigen Filmtheater waren meist im Krieg völlig zerstört worden. An einen raschen Aufbau von Filmproduktion, Filmverleih und Kinobetrieb war unter diesen Bedingungen nicht zu denken, zumal es auch in Frankreich Kriegszerstörung und wirtschaftliche Probleme gab. Dennoch gelang es der zuständigen Section Cinèma erstaunlich schnell eine filmische Infrastruktur aufzubauen. In Ludwigshafen, der größten Stadt ihrer Zone setzte die französische Militärregierung wichtige Akzente zur Wiederbelebung des Lichtspielbetriebs. Die beiden treuhänderisch verwalteten UFA-Theater gehörten zu den ersten Kinos in der Stadt.

Den Ludwigshafenern kam der Mangel an synchronisierten französischen Filmen entgegen. Kino war für sie ein erschwingliches Vergnügen, das nicht nur der Zerstreuung diente, sondern auch ein Überlebensmittel war in einer Welt voller Trümmer und Not. Entspannen wollte sich der Kinobesucher bei den bekannten und bewährten UFA-Produktionen aus der Zeit vor 1945. Dabei handelte es sich vor allem um Komödien, Musikfilme und Melodramen. Der deutsche Cinèast wählte die kulturelle Kontinuität zur NS-Zeit, er wollte nicht über die im Namen aller Deutschen begangenen Verbrechen belehrt werden. Im Gegensatz dazu förderte die Section Cinèma 1946 die Verbreitung von Produktionen aus Frankreich und ordnete die Vorführung von Dokumentarfilmen an, die sich mit der NS-Vergangenheit kritisch auseinandersetzten. Bei den Filmexperten der Militärregierung begann sich schließlich die Einsicht durchzusetzen, daß der Wille der Kinobesucher zu respektieren sei und daß man auch durch die begleitende Wochenschau und durch Filmfestivals Werbung für Frankreich und dessen Politik betreiben konnte. Die Wandlung der französischen Filmpolitik im zweiten Halbjahr 1946 läßt sich bereits 1947 in den Ludwigshafener Kinos feststellen. In den treuhänderisch verwalteten UFA-Theatern wurden bereits vermehrt deutsche Reprisen gezeigt. Der wirtschaftliche Anschluß der französischen Besatzungszone an die Bizone führte endgültig zu einem Bedeutungsverlust französischer Streifen. Zwar sank ihr Anteil in Ludwigshafen nicht, aber durch das rasante Wachstum des Film- und Kinoangebots im Jahre 1949 gelangten französische Filme ins Abseits. Eine außergewöhnliche, durch die Besatzungspolitik herbeigeführte Entwicklung fand ein schnelles Ende. Trotz der Ausweitung des Angebots aus dem englischsprachigen Raum begann eine Boomphase des deutschen Nachkriegsfilms. Das betraf jedoch kaum den wenig populären Trümmerfilm, der 1948/49 in deutsche Kinos kam. Die Sehnsucht nach einer heilen, unzerstörten und unkomplizierten Welt ließ ein in Deutschland einzigartiges Genre entstehen: den Heimatfilm. Für diese Zeit lassen sich ähnliche Feststellungen zur Mentalität - zu escapistischen Bedürfnissen - breiter Bevölkerungsschichten treffen wie für die Besatzungszeit, in der noch die Reprisen aus der NS-Zeit die escapistische Funktion inne hatten.

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1 Dieser Aufsatz entstand auf der Basis von empirischem Material, das 1988/89 von Bernd Helmling, Karl-Friedrich Michel, Sibylle Schneickert und vom Autor im Rahmen eines Projektes über ”Die Entwicklung der Kinotheater in Ludwigshafen in den Jahren 1945-1949” an der Universität Mannheim zusammengetragen wurde. Angeregt und unterstützt wurde das Thema vom Präsidenten des Bundesarchivs, Herrn Professor Dr. Friedrich P. Kahlenberg und Herrn PD Dr. Wilhelm Kreutz. Der Projektbericht ist einsehbar im Stadtarchiv Ludwigshafen [StA LU]

2 Katholisches Institut für Medieninformation/Katholische Filmkommission für Deutschland (Hg.), Lexikon des internationalen Films. Die ganze Welt des Film auf CD-ROM (München 1996)

3 Die Rheinpfalz [RHPF] vom 12.1.1946, S. 5

4 Vgl. Karl Prümm, Ergebnisse, Tendenzen, Perspektiven. Zum Stand der regionalen Filmforschung, in: Joachim Steffen/Jens Thiele/Bernd Poch, Spurensuche. Film und Kino in der Region (Oldenburg 1993) S. 24

5 Vgl. Prümm (wie Anm. 3) S. 26 ff

6 Vgl. Steffen (wie Anm. 3) S. 184 ff

7 Hier setzt die Arbeit von Peter Pleyer immer noch Maßstäbe: Deutscher Nachkriegsfilm 1946-1948 (Münster 1965); vgl. auch Deutsches Filmmuseum (Hg.), Zwischen gestern und morgen. Westdeutscher Nachkriegsfilm 1946-1962 (Frankfurt am Main 1992); Wolfgang Becker, Norbert Schöll, In jenen Tagen. Wie der deutsche Nachkriegsfilm die Vergangenheit bewältigte (Leverkusen 1995); zur Kinowirtschaft vgl. auch Johannes Hauser, Der Neuaufbau der westdeutschen Filmwirtschaft (Pfaffenweiler 1989)

8 Vgl. Angelika Ruge-Schatz, Grundprobleme der Kulturpolitik in der französischen Besatzungszone, in: Claus Scharf, Hans-Jürgen Schröder (Hg.), Die Deutschlandpolitik Frankreichs und die französische Zone 1945-1949 (Wiesbaden 1983) S. 108

9 Peter Gleber, Zwischen gestern und morgen. Film und Kino im Nachkriegsjahrzehnt, in: Franz-Josef Heyen, Anton M. Keim (Hg.), Auf der Suche nach neuer Identität. Kultur in Rheinland-Pfalz im Nachkriegsjahrzehnt (Mainz 1996) S. 451-520

10 Eine Auswahl hierzu: Karl Fuhrmann, Erinnerungen an ein Vorstadtkino. Zur Geschichte des Biewerer Lichtspieltheaters, Neues Trierisches Jahrbuch 35 (1995) S. 179-194; Bernhard Kukatzki, Schifferstadter Kinogeschichte(n) (Schifferstadt 1996); Bernd Schneider, 100 Jahre Koblenzer Filmtheater (Koblenz 1995); die Dokumentation zur Zweibrücker Kinogeschichte von Helmut Lauer (Zweibrücken 1986) beschränkt sich auf die wenig differenzierte Bestätigung zeittypischer Denkmuster, kann aber als als Quelle bzw. als kompilierter Erlebnisbericht kritisch gewürdigt werden.

11 Vgl. Prümm (wie Anm. 3) S. 19

12 Friedrich P. Kahlenberg, Film, in: Wolfgang Benz (Hg.), Die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland - Politik, Wirtschaft, Gesellschaft, Kultur, Bd. 4 (Frankfurt/ Main 1989) S. 465

13 Ruge-Schatz (wie Anm. 8) S. 110; RHPF vom 23.10.1946, S. 1; vgl. auch die allgemeine Entwicklung: Jérôme Vaillant, Was tun mit Deutschland? Die französische Kulturpolitik im besetzten Deutschland von 1945, in: Manfred Heinemann (Hg.), Umerziehung und Wiederaufbau. Die Bildungspolitik der Besatzungsmächte in Deutschland und Österreich (Stuttgart 1981) S. 201 ff.

14 Christoph Kleßmann, Die doppelte Staatsgründung. Deutsche Geschichte 1945-1955 (Bonn 1986) S. 70

15 Stefan Mörz, Vom Westboten zur Rheinpfalz (Ludwigshafen 1994) S. 132

16 Birgit Hoffmann/Hartmut Schäfer/Rüdiger Schwinke, Kino in Speyer 1945-1950. Das Spielfilmangebot in der Nachkriegszeit, Projektbericht (Universität Mannheim 1989); Detlef Kratz, Das Kino als Kulturfaktor. Das Beispiel Kaiserslautern, Magisterarbeit (Universität Mannheim 1989)

17 Vgl. Stefan Berninger/Bernd Dieterle/Frank Dziersk/Michael Kremer/Peter Martin/Sigrid Roßteutscher/Martina Sauer/Claudia Scherer/Gerd Teynor/Claudia Wertheim, ”Und das Leben geht weiter”. Kinotheater in Mannheim 1945-1949, Projektbericht (Universität Mannheim 1989)

18 Gesetz Nr. 191 vom 24. November 1944, abgedruckt in: Pleyer (wie Anm. 6) S. 382 f.

19 Nachrichtenkontrollvorschrift Nr. 1 vom 12. Mai 1945, Paragraph 2c, 3d und e, abgedruckt in: Pleyer (wie Anm. 6) S. 383 f.

20 Verordnungen Nr. 34 und 35, in: Journal Officiel. Amtsblatt des französischen Oberkommandos in Deutschland, 16 (1. März 1946) S. 117 f.

21 Vgl. Hierzu Georg Roeber/Gerhard Jacoby, Handbuch der filmwirtschaftlichen Medienbereiche. Die wirtschaftlichen Erscheinungsformen des Films auf den Gebieten der Unterhaltung, der Werbung, der Bildung und des Fernsehens (München 1973) S. 102

22 Verfügung 134, in: Journal Officiel, 293/294 (5. u. 9. August 1949) 2098 ff.

23 Vgl. Gleber (wie Anm. 9) S. 455

24Vgl. Gleber (wie Anm. 9) S. 460 ff.

25 Vgl. Reinhard Lahr, Blick in die Welt. Die Film-Union in Remagen seit 1947, in: Ulrich Löber (Hg.), Odeon-Scala-Capitol (Koblenz 1995) S. 111 ff.

26 Vgl. Lahr (wie Anm. 25) S. 116

27 Vgl. Roeber/Jacoby (wie Anm. 21) S. 89 f.

28 Vgl. Gleber (wie Anm. 9) S. 458.

29 Vgl. Kahlenberg (wie Anm. 12) S. 466.

30 Vgl. Lauer, (wie Anm. 10) S. 83

31 Vgl. Gleber (wie Anm. 9) S. 503.

32 Vgl. Lauer, (wie Anm. 10) S. 83

33 Ruge-Schatz (wie Anm. 8) S. 108; RHPF vom 23.10.1946, S. 1; vgl. auch die allgemeine Entwicklung: Jérôme Vaillant, Was tun mit Deutschland? Die französische Kulturpolitik im besetzten Deutschland von 1945, in: Manfred Heinemann (Hg.), Umerziehung und Wiederaufbau. Die Bildungspolitik der Besatzungsmächte in Deutschland und Österreich (Stuttgart 1981) S. 201 ff.

34 Hoffmann u.a. (wie Anm. 16) S. 8

35 StA LU, ZR I (2462) Betrieb von Lichtspieltheatern

36 Rundschreiben der Provinzialregierung Pfalz vom 10. Januar 1949, Landesarchiv Speyer [LA SP] H 13/138

37 Vgl. Tabelle bei Gleber (wie Anm. 9) S. 469 und 482

38 Die Filmwoche (identisch mit Neue Filmwoche bzw. ab Juni 1949 Illustrierte Filmwoche). Filmzeitschrift der franz. Zone [IFW], 52 (1948) S. 561

39 RHPF, 23.10.1946, S. 1.

40 Vgl. Tabelle bei Gleber (wie Anm. 9) S. 470

41 Vgl. hierzu Gleber (wie Anm. 9) S. 470 ff.

42 Vgl. Hauser (wie Anm. 7) S. 373 f.

43 Angaben nach Roeber/Jacoby (wie Anm. 21) S. 333

44 Wormser Zeitung vom 25. November 1949, S. 5

45 StA LU, ZR I/2462, Lichtspiele Friesenheim.

46 Vgl. Zeitzeugenbefragung des Autors mit Frau Hedwig Doll am 26. April 1994, StA Ludwigshafen, teilweise abgedruckt in Gleber (wie Anm. 9) S. 492 f.

47 Überprüfung der Lichtspieltheater, 15. Dezember 1947, Stadtarchiv Speyer [StA SP], VIII/C4 (b)

48 Vgl. Zeitzeugenbefragung, (wie Anm. 46) S. 492

49 StA SP, VIII/C4 (b); Vgl. dazu auch Hoffmann (wie Anm. 16) S. 9

50 IFW, 38 (1949) S. 494

51 Vgl. Auch: ”In memoriam Rheingold-Kino”. Nachruf auf einen Publikumsmagneten, in: Neue Lu, 11 (1988) S. 17

52 Ich habe die angenehme Pflicht, Herrn Prof. Dr. Michael Erbe für die Einsicht in sein Manuskript zu danken: La fin de guerrre et le renouveau. Ludwigshafen à ”la première heure”, S. 2, erscheint 1997 in: Historiens & Géographes, Revue de l’Association des Professeurs d’Histoire et de Géographie

53 Einwohnerbuch der Stadt Ludwigshafen 1942.

54 Vgl. Kratz, (wie Anm. 16) S. 27 f.

55 RHPF vom 3. Oktober 1945

56 Vgl. Ludwigshafener Wochenblatt vom 28. 8. 1996

57 Zu den Anfangsschwierigkeiten vgl. Zeitzeugenbericht (wie Anm. 46) S. 483 ff.

58 RHPF, zitiert nach: ”In memoriam Rheingold-Kino”, (wie Anm. 51) S. 17; Vgl. auch die Stellungnahme eines anderen Zeitgenossen: Hermann Kadow, Kino von innen und außen, in: Frankfurter Hefte, 5 (1946) S. 7

59 Lichtspiele Friesenheim, 11. März 1946, StA LU ZR I/2462

60 RHPF vom 2. 8. 1949

61 Einwohnerbuch der Stadt Ludwigshafen 1949/50

62 Irmgard Wilharm, Lizenzfilme der Nachkriegszeit als Quellen für das historische Bewußtsein der Deutschen, in: Bundeszentrale für politische Bildung (Hg.), Bundesrepublik Deutschland, Geschichte-Bewußtsein (Bonn 1989) S. 187 f.

63 Alfred Bauer, Deutscher Spielfilmalmanach 1929-1950, Bd. 1, 2. Aufl. (München 1976); Ders., Deutscher Spielfilmalmanach 1946-1955, Bd. 2 (München 1981); Dennis Gifford, The British Film Catalogue 1895-1985. A reference guide, 2. Auflage (London 1986); Leslie Halliwell, Halliwell’s Film and Video-Guide, 10. Überarbeitete und erweiterte Auflage (New York 1995); Lexikon des internationalen Films (wie Anm. 1); Ephraim Katz, The Macmillan international film encyclopedia, 4. Auflage (London 1996); Jean Loup Passek (Hg.), Dictionnaire du Cinéma (Paris 1991).

64 Gleber (wie Anm. 9) S. 494 ff.

65 Spielplan Ludwigshafen 1945 zusammengestellt von Karl-Friedrich Michel aus: RHPF von 1945.

66 Zu deutschen Reprisen vgl. Bogusaw Drewniak, Der deutsche Film 1938-1945. Ein Gesamtüberblick (Düsseldorf 1987); Zum Phänomen der Überläufer vgl. Kahlenberg (wie Anm. 12) S. 472.

67 Deutscher Alternativtitel ”Gräfin Chabert”.

68 Deutsche Alternativtitel „Die Nacht mit dem Teufel”, ”Der Teufel gibt sich die Ehre”

69 Spielplan Ludwigshafen 1946 zusammengestellt von Karl-Friedrich Michel aus: RHPF von 1946

70 IFW, 11 (1949) S.168

71 IFW, 42 (1948) S. 402

72 Lauer (wie Anm. 10) S. 72 und S. 82.

73 Vgl. Gleber u.a.(wie Anm. 1) S. 14 u. S. 16

74 73 Vgl. Verbotsliste, abgedruckt in: Pleyer (wie Anm. 7) S. 432

75 Spielplan Ludwigshafen 1947 zusammengestellt von Sibylle Schneickert aus: RHPF von 1947

76 Jerzy Toeplitz, Geschichte des Films, Bd. 2: 1934-1945 (München 1972) S. 1399



77 Spielplan Ludwigshafen 1948 zusammengestellt von Bernd Helmling aus: RHPF von 1948

78 Spielplan Ludwigshafen 1949 zusammengestellt vom Autor aus: RHPF von 1949

79 Zum Trümmerfilm vgl. Pleyer (wie Anm. 7) S. 51 ff.; Kahlenberg (wie Anm. 12) S. 470 ff.; Hermann Glaser, Kleine Kulturgeschichte der Bundesrepublik Deutschland 1945-1989 (Bonn 1991) S. 119 ff.; Klaus Kreimeier, Die Ökonomie der Gefühle. Aspekte des westdeutschen Nachkriegsfilms, in: Deutsches Filmmuseum (Hg.), Zwischen gestern und morgen. Westdeutscher Nachkriegsfilm 1946-1962 (Frankfurt am Main 1992) S. 8 ff.

80 Vgl. Claudius Seidl, Die große Lüge. Das deutsche Kino im Jahre Null, in: Spiegel special. Die Deutschen nach der Stunde Null 1945-1948, 4 (1995) S. 74.

81 Vgl. Wilharm (wie Anm. 62) S. 193 ff.

82 Vgl. Verbotsliste abgedruckt in: Pleyer (wie Anm. 7) S. 432

83 Vgl. Verbotsliste abgedruckt in: Pleyer (wie Anm. 7) S. 438

84 Vgl. Berninger u.a. (wie Anm. 17); vgl. Gleber (wie Anm. 9) S. 495

85 Vgl. Kratz (wie Anm. 16); vgl. Gleber (wie Anm. 9) S. 495

86 Vgl. Hoffmann (wie Anm. 16); vgl. Gleber (wie Anm. 8) S. 495

87 Vgl. Hierzu auch Martin Loiperdinger, Amerikanisierung im Kino? Hollywood und das westdeutsche Publikum der Fünfziger Jahre, in: Theaterzeitschrift. Beiträge zu Theater, Medien, Kulturpolitik 28 (1989) S. 54.

88 Vgl. Filmblätter 52/53 (1960), abgedruckt in Loiperdinger (wie Anm. 87) S. 55.

89 Vgl. Hierzu auch Loiperdinger (wie Anm. 87) S. 60.

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