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Autorin: Götz, Maya.
Titel: 'Wir sind dagegen!' Kinder in Deutschland und ihre Wahrnehmung vom Krieg in Irak.
Quelle: TelevIZIon 16/2003/2 München 2003. S. 27-36.
Verlag: Internationales Zentralinstitut für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI).
Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Autorin.
Maya Götz
»Wir sind dagegen!«
Kinder in Deutschland und ihre Wahrnehmung vom Krieg im Irak
Kinder in Deutschland standen dem Krieg im Irak ablehnend gegenüber. Von der Berichterstattung erwarteten sie sich mehr Informationen vor allem über die Lage der Menschen im Irak. In ihren Fantasien zum Krieg hätten einige von ihnen Saddam Hussein gerne unterstützt und sahen in den Amerikanern die Angreifer, die mit hinterhältigen Tricks und mit einem Lächeln Kinder erschießen.
Krieg, Unglücke, Terroranschläge und Katastrophen sind Teil der Medienberichterstattung und damit auch Teil des Alltags Heranwachsender. Wie selbstverständlich nehmen sie auf ihre Art an den Ereignissen wie dem Attentat des 11. September oder an den Nachrichten über den Krieg teil. Doch was bedeutet das für sie? Mit welchen Emotionen ist die Kriegsberichterstattung verbunden und was memorieren die Kinder dauerhaft von diesen medienvermittelten Ereignissen?
Die Forschung ist der Bedeutung der Kriegs- und Terrorberichterstattung für Kinder mehrfach nachgegangen. Studien zumeist aus der Wirkungsforschung gehen der Frage nach Angst- und Stressreaktionen auf den Grund. Hier zeigt sich, dass Kriegsberichterstattung, ähnlich wie die Nachrichtenrezeption allgemein (vgl. Smith u. a. 2002, Cantor u. a. 1996), von vielen Kindern als »manchmal erschreckend« wahrgenommen wird (Schuster u. a. 2001). Die Fernsehberichterstattung über den Golfkrieg war zwar nur für einen kleinen Teil der befragten Kinder und Eltern sehr beängstigend (van der Voort u. a. 1992, Cantor u. a. 1993, Morrison/ MacGregor 1993), die Berichte über das Attentat vom 11. September führten jedoch (auch) bei den amerikanischen Kindern zu Stresssymptomen (Pfefferbaum u. a. 2003). Kriegs- und Terrorberichterstattung, so lässt sich der Forschungsstand zusammenfassen, sind für Kinder mit einer ganzen Reihe von Emotionen verbunden (vgl. auch Wober/Young 1993) und potenziell auch mit Angst, wenn auch in weit geringerem Maße als erwartet.
Kinder wollen sich über die Ereignisse informieren, wie beispielsweise eine finnische Studie zeigt (Toivonen u. a. 1997). Die Ereignisse des letzten Golfkrieges waren für Kinder und Jugendliche ein relevantes Thema, über das sie mehr wissen wollten und um deren Folgen sie sich sorgten. Sehmotiv bei amerikanischen Kindern war neben dem Informationsbedürfnis (bei 26 % der befragten Kinder) die Suche nach Spannung (32 %). Jedes fünfte Kind erhoffte sich in den Nachrichten eine gezielte Bestätigung der eigenen Position, indem über den positiven Verlauf und die Fähigkeiten der Alliierten berichtet wird. Kinder, die sich allgemein eher verletzlich fühlen, vermeiden oftmals die Kriegsberichterstattung (Hoffner u. a. 1994).
Aus der Berichterstattung memorieren sich Kinder bestimmte Zusammenhänge. Hierbei verankern sich Personalisierungen deutlich besser als abstrakte Ideologien. Die Kinder erinnern sich eher an schlechte Nachrichten als an gute (Toivonen u. a. 1997). Eine qualitative australische Studie zum letzten Golfkrieg (Gillard u. a. 1993) weist darauf hin, dass Kinder in 60 % der Fälle ein deutliches Gut-Böse-Schema konstruieren, wobei Hussein bzw. der Irak als das Böse und Bush bzw. die Alliierten als das Gute gesehen wurden.
In der Studie »Kinder erzählen und malen vom Krieg« geht das IZI in Zusammenarbeit mit internationalen WissenschaftlerInnen der Frage nach, wie Kinder den Krieg im Irak und seine Berichterstattung sahen. Ziel ist es, einen Einblick in das Wissen von Kindern über die Ereignisse und ihre subjektive Bedeutung zu bekommen und etwas von den Wahrnehmungen und Wünschen der Kinder zur Medienberichterstattung zu erfahren. Daher befragten wir Kinder in der ersten Woche nach Beginn des Krieges im Irak (20.3. bis 27.3.2003). In offenen, themenzentrierten Interviews erzählten die Kinder von ihrem Wissen um die Zusammenhänge, von ihren Emotionen und Fantasien zum Irak-Krieg und wie sie die Berichterstattung wahrnahmen. In kreativen Anteilen malten die Kinder ihre Vorstellungen vom Krieg und was sie im Fernsehen darüber sehen möchten. Es ist eine qualitative Studie, deren besonderes Interesse im mehrnationalen Vergleich liegt. Entsprechend kam der gleiche Interviewleitfaden in Deutschland, Österreich, den USA und Israel zum Einsatz und eröffnete Perspektiven, wie die Wahrnehmung des Krieges in die regionalen bzw. nationalen Situationen und Diskurse eingebunden ist. Die ausgewählten Länder nahmen dabei jeweils eine besondere Position zum Krieg im Irak ein. Die USA waren die kriegsführende Macht. Die Interviews wurden in San Diego, Kalifornien, geführt, einer Stadt mit einem großen Militärstützpunkt und einem entsprechend hohen Bezug zu den Kriegshandlungen (s. Seiter und Pincus in diesem Heft). In Israel bereiteten sich die Menschen auf die Angriffe ihres Landes mit Langstreckenraketen vor – eine brisante Situation in einem Land, in dem Gewalt und Terror mit zum Alltag gehören (s. Lemish in diesem Heft).
Die Bundesrepublik Deutschland stellte sich ausdrücklich gegen den Krieg. Mit Österreich ist zudem ein Land vertreten, das sich von der Führung und der öffentlichen Meinung her weniger eindeutig positionierte.1 Um den spezifischen Positionen in den Ländern gerecht zu werden, haben wir uns entschlossen, die ersten Ergebnisse in drei separaten Artikeln darzulegen. Anders als zum Beispiel im Vergleich von »großen Tagträumen« und der Bedeutung von Medien in ihnen (vgl. Götz/Lemish/Aidman/Moon 2002) zeigten sich in diesem Vergleich einige Ähnlichkeiten, vor allem aber Unterschiede. Dies lässt erahnen, wie tief Kinder in ihrer Wahrnehmung von den Ereignissen in ihrer Lebenswelt und dem in ihr geführten Diskurs verankert sind.
Das Thema Krieg im Irak war lange vor Beginn der Kampfhandlungen in der bundesdeutschen Medienlandschaft präsent. »Der angekündigte Krieg« (Titelthema Spiegel 37/02) wurde zu einem Aspekt für die Bundestagswahlen und bekam eine ganz eigene Konnotation (vgl. Spiegel 36/ 2002). Die Presse berichtete überwiegend kritisch über den »falschen Krieg« (Die Zeit 2.1.2003). Erste Presseanalysen zeigen, dass sich in der Berichterstattung bei Kriegsbeginn eine überwiegend ablehnende Haltung widerspiegelte (COMDAT 2003, S. 29 ff.). Die Medien, so Christiane Eilders, verfielen »in einen fast moralisierenden Ton« (Eilders 2003, S. 3) scharfer Ablehnung.
Die Stimmung in der bundesdeutschen Bevölkerung positionierte sich überwiegend gegen den Krieg. In einer FORSA-Befragung vom Januar 2003 lehnten 81 % einen Militärschlag ab (Frankfurter Rundschau 17.1.2003), Die Welt zitierte im Februar eine Studie, in der nur 9 % der Deutschen einen Militärschlag der USA befürworteten (Die Welt 4.2.2003), und nach der Süddeutschen Zeitung im März lehnte die überwältigende Mehrheit (84 %) im Politbarometer das militärische Vorgehen gegen den Irak ab (Süddeutsche Zeitung 29.3.2003). Die Berichterstattung entsprach diesem Konsens von Regierung und Bevölkerung (Eilders 2003, S. 4).
Durch die dauerhafte Präsenz des Themas rückte der Krieg im Irak in den Relevanzrahmen und damit ins Bewusstsein der Kinder und wurde Teil ihrer Wirklichkeit (im Sinne Berger/Luckmann 1965). Es ist ein rein medienvermitteltes Thema, von dem Kinder »direkt« in der Berichterstattung in Fernsehen, Radio und Zeitung erfuhren oder aber durch Gespräche mit anderen über das, was diese aus den Medien erfahren hatten.
Wie Kinder mit diesem Thema umgehen, welche Emotionen und Vorstellungen sie mit dem Thema verbinden und welche Wünsche sie an die Berichterstattung haben, erfragten wir bei 87 Kindern zwischen 6 und 11 Jahren. Die Erhebung wurde bundesweit durchgeführt und fand im häuslichen Umfeld, zumeist in den Kinderzimmern der 46 Mädchen und 41 Jungen, statt. Es handelt sich um eine qualitative Befragung, deren Ziel es ist, Tendenzen zu verstehen, darzustellen und zu veranschaulichen.
Die befragten Kinder wussten zumeist, dass es Krieg gab, nur zwei hatten kurz nach Kriegsbeginn noch nichts davon gehört. Kinder wussten von Bombardierungen, der Zerstörung von Häusern und dem Sterben von Menschen. Einige stellten Zusammenhänge zu Saddam Hussein her, wenige zu den Ereignissen des 11. September.
Medien waren die Hauptinformationsquellen, allen voran das Fernsehen, gefolgt von Radio und Zeitung. Im Fernsehen waren es vor allem Nachrichten für Erwachsene, die sie teils mit den Eltern angesehen hatten. Die Kinder erinnerten sich am häufigsten an das ZDF als Ort der Erstbegegnung mit dem Thema, gefolgt von ARD und RTL. Einige hatten ganz gezielt Nachrichten für Kinder und Sondersendungen eingeschaltet.
Viele Kinder erfuhren von den Ereignissen auch aus ihrem Umfeld. Sie waren Thema in der Peer-Group und in der Schule. Gut die Hälfte der befragten Kinder hatten bereits mit den LehrerInnen über das Thema gesprochen. Es fanden Aktionen auf Klassen- oder Schulebene statt. So malten oder beteten die Kinder im Unterricht oder gingen gemeinsam zu Demonstrationen. Aus der Perspektive der Kinder hatte dies vor allem den Sinn, dass auch andere sehen, dass sie dagegen sind.
Ja, so Blumen gemacht und die haben wir in der Schule ans Fenster geklebt und dann habe ich ein Kriegsschiff gemalt und mit rotem Stift durchgekreuzt. Und oben ein Schild darüber geschrieben. (Manuel, 7 Jahre)
Ja, wir haben in der Schule Briefe geschrieben an Bush, z. B. »No War« oder »wir finden Krieg Scheiße« und das übersetzt unsere Lehrerin dann auf Englisch und schickt es dann ab. (Jakob, 8 Jahre)
Auch zu Hause war der Krieg ein Thema. Rund zwei Drittel der befragten Kinder berichteten von Gesprächen mit den Eltern. Im Alltag, auf dem Weg zur Schule oder beim Abendessen erklärten die Eltern den Kindern die Zusammenhänge oder diskutierten mit ihnen. Zum Teil pädagogisch sehr engagiert, zum Teil eher oberflächlich.
Das Wissen der Kinder war unterschiedlich detailliert. Einige beschrieben, wie sie Inhalte aus den Medien oder Gesprächen aufgeschnappt hatten, sie jedoch nicht ganz einordnen konnten. Andere wiederum bewiesen im Interview ein hohes Detailwissen zur aktuellen Lage und zu Zusammenhängen und argumentierten mit einer hohen Komplexität.2
Für den größten Teil (37 Kinder) der Befragten waren beide Seiten, Amerika und der Irak, diejenigen, die den Krieg führten. Ein nicht zu unterschätzender Anteil (26 Kinder) sah in Amerika bzw. George Bush und seinen Alliierten die Akteure, die »schuld« am Krieg waren.
Also, es sind die Angreifer, das sind die Briten und Amerikaner. Und die, die sich halt verteidigen, das ist der Irak. (Oliver, 10 Jahre)
Ich weiß schon, dass George Bush dafür verantwortlich ist. (Kerem, 9 Jahre)
George Bush ist den Kindern als Name deutlich gegenwärtiger als Saddam Hussein. Gefragt nach dem Grund für diesen Krieg, konstruierten die Kinder vor allem zwei Beweggründe: der Waffenbesitz des Irak und das Öl, das die Amerikaner und Briten gerne hätten.
Also, Bush sagt ja, es wäre wegen Saddam Hussein, weil die das Land befreien wollen. Ich glaube, es geht gar nicht darum. Es gibt mehrere Gründe: einmal vielleicht auch ein bisschen deswegen, aber auch wegen dem Öl. Weil, Amerika hat ziemlich wenige Ölstellen und der Irak hat ziemlich viel. (Jan, 9 Jahre)
Vielleicht, weil, im Irak, da ist das Öl so billig. Und die Engländer haben vielleicht nicht mehr so viel Geld und weil das ja so billig ist, dann wollen sie, dass sie das kriegen. (Katinka, 9 Jahre)
Eine Reihe von Kindern (jeweils 13) stellten einen Zusammenhang zum 11. September her. Seltener sahen deutsche Kinder einen Kriegsgrund in der Person Saddam Husseins, und einige vermischen dabei Saddam Hussein und Osama Bin Laden.
Zwei Drittel der befragten Kinder waren sich sicher, dass die meisten Menschen auf der Welt gegen den Krieg seien. Dies meinten sie bei Berichten über Demonstrationen und Protestaktionen gesehen zu haben. Menschen allgemein, aber vor allem die im Irak, könnten nach Ansicht der Kinder nicht für den Krieg sein. Denn sie trügen die Folgen und Menschen würden verletzt, was keiner gutheißen könne außer Herrn Bush. Von diesem nahmen einige Kinder an, er sei für den Krieg, und die, die mit ihm übereinstimmten, freuten sich über das Leiden der Menschen.
Ich glaub, der Präsident von der USA, der will auch den Krieg. Die haben da ganz viele Waffen und ich glaub, die wollen diese Waffen auch ausprobieren, so richtig ausprobieren. (Kathrin, 11 Jahre)
Ein Drittel der Kinder vermutete Unterschiede in der Einstellung zum Krieg. Zumeist bauten sie ein deutliches Gegensatzpaar zwischen »wir« und »die anderen« auf. Für die Kinder standen »wir« dabei auf der moralisch eindeutig besseren Seite.
Die Information, dass der Krieg ausgebrochen sei, war für deutsche Kinder mit Emotionen verbunden. Sie erzählten von Befürchtungen, vom Krieg selbst betroffen zu sein, und entwarfen Szenarien eines Dritten Weltkrieges. Erste Gedanken waren bei vielen auch grundsätzliches Unverständnis und eine ablehnende Haltung. Viele Kinder erzählten, sie machten sich häufig Gedanken über das Thema Krieg; selbst die, die es eigentlich vermeiden wollten, »mussten einfach« darüber nachdenken. In ihren Gedanken standen Schicksal und Leiden der Menschen im Irak im Mittelpunkt.
Ja. Die armen Menschen, ihre Papas, die sterben, oder ihre Männer. Die sind traurig. (Fabian, 7 Jahre)
Die Kinder versetzten sich dabei in die Lage der Kinder im Irak und stellten sich das Leiden aus einer Kinderperspektive vor. Sie dachten über die eigene Positionierung nach und forderten für sich ein schnelles Kriegsende. Es gab aber auch Gedanken über die aktuellen Kampfhandlungen oder grundsätzliche Überlegungen, warum es eigentlich Krieg gibt.
Etwa die Hälfte der Kinder stellten Veränderungen in ihrem Alltag fest. Einige Kinder nahmen sich als trauriger und ruhiger wahr. Sie merkten, wie sich ihre Einstellung und Vorstellung zum Thema Krieg verändert hatte. Andere erzählten, dass Krieg derzeit das allgegenwärtige Thema sei. In der Klasse werde darüber gesprochen, in den Medien sei es ständig zu sehen und in der näheren Umgebung verweisen Plakate und Demonstrationen auf das Thema. Einige Kinder berichteten auch von ihren Ängsten und dem Unwohlsein:
Ja, ich hab auch ein bisschen Angst, dass es dann einen Weltkrieg geben kann, weil die so doof sind. Und dass ich mit meinen Haustieren flüchte. (Monique, 8 Jahre)
Wie Monique überlegen Kinder, was ein Krieg für sie bedeuten würde. Dabei imaginieren sie aus ihrer jetzigen Lebenssituation heraus. Monique beispielsweise hat drei Mäuse und zwei Katzen, für die sie verantwortlich ist. Die Probleme, die sie entsprechend aus ihrer jetzigen Lebenswelt heraus entwirft, sind gut nachvollziehbar. Den realen Problemen einer Flucht im Kriegsfall entsprechen Moniques Vorstellungen jedoch kaum.
Nur ein kleiner Teil der Kinder erzählte wenige Tage nach Ausbruch des Krieges, von den Ereignissen geträumt zu haben. Die erzählten Träume drehten sich um Kriegsszenarien und die eigenen Verwicklungen in Kampfhandlungen, in denen sie selbst Opfer sind, durch den Tod der Familie oder den eigenen Tod.
(…) Einmal, da wurde meine Familie erschossen. Deshalb habe ich eben so Gedanken über den Krieg, die mich echt manchmal zur Verzweiflung bringen, wenn jetzt in Deutschland Krieg aufkommt. (Sandra, 10 Jahre)
In zwei Fällen träumen sich Jungen aber auch in die Rolle des Angreifenden.
Ja, manchmal habe ich schon vom Krieg geträumt, dass ich da in einer Uniform war und da jemanden abschießen musste. Das hat mir nicht gefallen. (David, 10 Jahre)
Bei aller Schwierigkeit, diese Selbstaussagen der Kinder auszudeuten, wird doch deutlich, dass es bedrohliche, mit verschiedensten Ängsten verbundene Szenarien sind.
Die Mehrheit der befragten Kinder (70 %) sahen sich im Fernsehen Sendungen zum Irak-Krieg an. Eine Reihe von Kindern suchte ganz gezielt nach Informationen, andere sahen bei ihren Eltern mit oder erfuhren quasi im Vorbeigehen etwas. Nicht immer verstanden sie alles. Dennoch waren sich die befragten Kinder weitestgehend darüber einig, dass das Thema Krieg für Kinder nicht ausgespart werden solle.
Ja, eigentlich geht das die Kinder was an, weil es ist ja auch wichtig, dass die anderen Länder Bescheid wissen. Und auch wenn es manchmal Angst macht, sollte man wissen, was in an deren Ländern geschieht und ich finde es eigentlich sehr wichtig, dass man auch hier über den Krieg, der eigentlich ziemlich weit weg ist, Bescheid weiß. (Anastasia, 9 Jahre)
Den befragten Kindern hatte in der Berichterstattung gut gefallen, dass ihnen mit Hilfe von Bildern eine Vorstellung von der Lage vermittelt wurde. Sie lobten die ausführliche Berichterstattung, waren beeindruckt davon, dass die Reporter ihr eigenes Leben gefährdeten, um uns zu informieren. Die Kinder genossen auch die Berichte und den Aktionsaufruf gegen den Krieg:
Dass auch manche demonstriert haben, dass manche gerufen haben: ›Kein Krieg!‹, das hat mir recht gut gefallen. (Charly, 9 Jahre)
Die Kinder hatten das Gefühl, durch die Berichterstattung eine Vorstellung davon bekommen zu haben, was Krieg eigentlich heißt:
Alexandra: Weil jetzt hab ich’s verstanden, weil, ich dachte ja erst, dass die sich nur prügeln. Und da habe ich ja jetzt gesehen, dass da Feuer ist. (Alexandra, 8 Jahre)
Für Alexandra entsteht ein Bild vom Krieg, das mit der Grausamkeit der Realität jedoch nur an einigen Momenten übereinstimmt. Wenn etwas einen Einblick ermöglichte, dann die Bilder. Sie haben aus der Perspektive der Kinder einen besonderen Wert für die Verständlichkeit und sie können emotional bewegen:
Nein, sie (die Sendung) hat mir nicht sehr viel gebracht, auch nicht das Radio, aber die Bilder. Die Bilder haben was gebracht, dass ich dazu richtig in Schwung gekommen bin und nachgedacht habe, dass die da irgendeinen Fehler gemacht haben. (Ivett, 8 Jahre)
Ivett beschreibt, wie erst die Bilder sie »in Schwung« gebracht hatten, sich gegen den Krieg zu stellen. Vermutlich meint sie hiermit eine emotionale Betroffenheit, welche die Bilder ausgelöst hatten und sie zum Nachdenken brachten. Die zentrale Erkenntnis für sie war es, dass »die«, vermutlich die Mächtigen dieser Welt, »irgendeinen Fehler gemacht haben«. Ein Gedanke in Richtung politische Emanzipation, der im Sinne politischer Bildung ein wichtiger Ansatzpunkt ist.
Die Erstbegegnung mit dem Thema fand, wie beschrieben, meist mit der Medienberichterstattung statt, die für Erwachsene gestaltet wurde. Ein Viertel der Kinder erzählten, sie würden regelmäßig logo! sehen. Zwar hatten zu dem Zeitpunkt des Interviews erst einige gezielt Beiträge zu dem Thema in den Kindernachrichten oder Kikania gesehen, diese Kinder lobten die Sendungen jedoch ausdrücklich:
Im KI.KA heißt es logo!, da erklären sie die Sachen auch immer ganz schön für Kinder und ohne dass Kinder große Angst bekommen (...). Bei der Kindersendung hat mir gefallen, dass sie da mit den Kindern ganz offen drüber geredet haben und dass sie den Kindern mit Kinderwörtern versucht haben zu erklären und da hab ich’s eigentlich auch besser verstanden, als wenn ich mit Mama und Papa unten die Erwachsenennachrichten geguckt hab. (Anastasia, 9 Jahre)

Bild 1: Ludwig (9
Jahre) sucht in den Nachrichten nach Antworten auf seine Fragen zum
Krieg.
Die meisten der Kinder hielten Nachrichten für etwas sehr Wichtiges, auch wenn sie sich selbst nicht regelmäßig welche ansahen. Die Kinder hatten zum Teil sehr detaillierte Wünsche nach Informationen und grundsätzliche Fragen, zum Beispiel nach den Funktionsprinzipien von Atomsprengköpfen und chemischen Waffen. Sie hatten Fragen zu konkreten Machtverhältnissen (Wer hat die besseren Waffen?) und zur aktuellen Situation (s. Bild 1).
Mich interessiert: Wer macht mit wem Krieg ? Wer ist noch alles dabei? Wer hat bessere Chancen zu gewinnen? Wie sehen die Soldaten aus? Wie viele sind es und welche Waffen haben sie? Wie sieht es im Irak aus, gibt es Zerstörungen? Gibt es Verletzte? Wie viele? (Ludwig, 9 Jahre)
Die Fragen der Kinder waren aber oftmals auch sehr grundlegender Art, wie Johannes (7 Jahre), der wissen wollte, wie eine Atombombe eigentlich funktioniert. Nach Meinung der Kinder hätten Experten zu Wort kommen sollen. Nina denkt hier zum Beispiel an jemanden von der Bundeswehr:
Wenn man lange bei der Bundeswehr war, dann weiß man auch, was da auf einen zukommt, wenn Krieg ist. Man bereitet sich da ja auch vor. Dann weiß man auch, was auf einen zukommt. (Nina 10 Jahre)
Die Berichterstattung, die Kinder sich wünschen, soll zum einen »ehrliche« Bilder vom Krieg zeigen, in denen die Wirklichkeit des Krieges nicht aus
gespart bleibt.
Ich würde zeigen, wie die Bomben einfallen, damit die Leute wissen, wie schlimm das ist, was da alles passiert; dass man davon Bilder sieht und wie die abgeschossen werden oder so. (Pepe, 10 Jahre)
Andererseits ist es ihnen aber auch wichtig, dass die Informationen nicht zu beängstigend sind.
Ich würde den Kindern das mit verständlichen Wörtern erklären und möglichst auch so, dass die Kinder keine Angst haben und den Fernseher ausmachen und sofort ins Bett laufen. (Anastasia, 9 Jahre)
Viele der Kinder kritisierten an der Berichterstattung zum Irak-Krieg die zu wortlastigen Beiträge, die zudem Spezialwörter enthielten, die sie nicht verstehen konnten. Einige bemängelten aber auch, dass die gezeigten Aufnahmen nicht aufregend oder inhaltstragend genug waren. Hier gilt es, die Balance von ehrlicher Berichterstattung zu finden, die nicht zu beängstigend ist und verständliche und ästhetische Ansatzpunkte bietet, ohne ethische Grenzen zu überschreiten.

Bild 2: (Kathrin 11
Jahre): Der Vater ist tot, die Mutter mit den Kindern auf der Flucht.
Neben Informationen würden Kinder in ihren selbst geplanten Sendungen mehr von der Situation und dem Alltag der Menschen berichten. Sie suchen nach konkreten Informationen zur Lage der Menschen.
Katinka: Ja, wie es den Menschen geht. Das zeigen die
überall nicht.
Interviewerin: Sondern, was zeigen die
eher?
Katinka: Immer nur Krieg, Krieg, wo sie schießen.
(Katinka, 9 Jahre)
Für Katinka lag der Schwerpunkt der Berichterstattung auf der Darstellung der Waffengefechte. Sie hätte sich aber viel mehr für das Schicksal der Menschen interessiert. Katrin (11 Jahre) erzählte von ihrer Vorstellung vom Krieg, in der eine Mutter mit ihren Kindern fliehen muss. Der Vater liegt erschossen im Gras und die Häuser brennen. Die Mutter drängt die Kinder zur Eile und es bleibt keine Zeit, den heruntergefallenen Teddy noch aufzuheben (s. Bild 2). In der Sendung würde Kathrin diese oder eine andere Mutter zu Wort kommen lassen, damit sie von ihrem Leiden erzählen kann (s. Bild 3).

Bild 3: (Kathrin 11
Jahre): Eine Mutter berichtet in den Nachrichten vom Leid der
Familie.
Besonderes Interesse bestand auch an der Lage von Kindern im Irak, zum Teil mit deutlichen identifikatorischen Momenten. Die Kinder versuchten, sich in die Lage dort hineinzuversetzen, und stellten sich Fragen nach der Versorgung von Verletzten und Kriegswaisen. Sehr deutlich war dabei ihr Wunsch nach Hoffnung zu spüren und ihre Erleichterung, wenn Kinder zum Beispiel trotz allem immer noch lachen konnten.

Bild 4: Monique (8
Jahre) wünscht sich ein Händereichen von Bush und Hussein.
Die anderen Präsidenten applaudieren
Die Kinder suchten aber nicht nur nach Informationen zur konkreten Situation, sie hätten auch gerne Alternativen zum Krieg gesehen. Da war zum einen der Wunsch, der Krieg möge bald beendet sein. George Bush und Saddam Hussein geben sich die Hand, die anderen Präsidenten applaudieren (s. Bild 4). Der Wunsch der Kinder nach Frieden war stark und nicht alle waren an weiteren Informationen zum Krieg im Irak interessiert. Andere hätten gerne mehr über die Möglichkeiten gewusst, warum Menschen eigentlich Kriege veranstalten oder wie der Krieg hätte verhindert werden können.
Die Kinder hätten in ihren Sendungen den Protest gegen den Krieg ausgedrückt. Angela (10 Jahre) beispielsweise hätte Herrn Schröder und ein Kind in ihrer Sendung zu Wort kommen lassen. Beide hätten die Unsinnigkeit des Krieges betont, bei dem nur unnötig Menschen sterben (s. Bild 5).

Bild 5: Angela (10
Jahre): Ein Kind und Bundeskanzler Schröder sprechen im
Fernsehen über die Unsinnigkeit des Krieges.
Die Neutralität, die Journalismus zumindest anstrebt, war von den Kindern in dieser Situation nicht gewünscht. Janine (10 Jahre) hätte sich von den logo!-Moderatoren erhofft, dass diese explizit ihre eigene Meinung gesagt hätten. Andere hätten gerne mehr von den Demonstrationen erfahren und Ideen dazu bekommen, was sie selbst hätten tun können, um ihre Ablehnung zu zeigen. Ideen und Vorschläge der Kinder, die stark darauf hindeuten, dass Kinder sich die Widerspiegelung ihrer eigenen Meinung in der Berichterstattung wünschen.
In der Befragung baten wir die Kinder, auf einem Blatt Papier zu malen, was ihnen als Erstes zum Krieg einfällt. In diesen Zeichnungen und den Geschichten, welche die Kinder um sie herum erzählten, artikulierten die Kinder ihre Konstruktion von den Geschehnissen.
In vielen Bildern der Kinder zum Krieg dominieren Kampfszenen, bei den Jungen etwas häufiger als bei den Mädchen.
Bewegungslinien kennzeichnen die Aktionen von Abschießen, Sich-im-Flug-Befinden, Verletztsein (das Blut spritzt) und Leiden. Stehen Kampfszenen im Mittelpunkt der Vorstellung, so stehen sich meist zwei Parteien gegenüber. Häufig Mann gegen Mann oder auch Gruppe gegen Gruppe. Es sind Vorstellungen eines Nahkampfes, bei denen Menschen mit gezückter Pistole aufeinander schießen. Die Vorstellung des Krieges basiert hier vermutlich eher auf fiktionalen Fernsehstoffen, die auf die aktuelle Situation, zum Beispiel durch grüne Tarnanzüge, angepasst werden.
Kampfszenen wurden aber auch als ein menschenleeres Szenarium dargestellt. Flugzeuge werfen Bomben auf Häuser ab oder, wie in drei Bildern, fliegen in Hochhäuser hinein. Bilder aus den Nachtangriffen vermischen sich hier mit deutlichen Medienspuren der Ereignisse vom 11. September. Wolkenkratzer und Flugzeuge erinnern vom Erscheinungsbild und den Größenverhältnissen her mehr an die Bilder von New York als von Bagdad.
Bomben wurden entweder kugelrund, ähnlich Kanonenkugeln, oder länglich, mit dem Hinweis, es handle sich um Lenkraketen, gezeichnet. Hinzu kam z. B. bei Steven (10 Jahre) ein eckiger Kasten mit einem Zeichen im runden Kreis, der aus einem Flugzeug fällt. Eine »Nuklearrakete«, wie er erzählte. Bereits hier wird die Vermischung aktueller mit vorherigen Medienereignissen deutlich.
Während die einen Kinder Kampfhandlungen, Waffen und die Zerstörung von Häusern malten, stellten andere das Leid der Menschen in den Mittelpunkt ihrer Vorstellung. Menschen, die sterben oder schon gestorben sind, trauernde Hinterbliebene und Menschen in Angst. Sie stellten weinende Menschen dar und versuchen, das Leiden von Verletzten bildlich festzuhalten, wie Sonja (7 Jahre), die einen Verblutenden malte (s. Bild 6).

Bild 6: Sonja (7
Jahre): Das Leid der Menschen im Krieg – verbildlicht durch
einen Verblutenden.
Auf einigen Bildern sitzen Familien im Luftschutzbunker gefangen, sind sicher, aber fühlen sich unwohl. Die Dramatik des Leidens spiegelt sich auch in den Geschehnissen wider, welche die Kinder malten. So zeichnete Linda (10 Jahre) ein Szenario, in dem eine Mutter ihrer Tochter mit den Worten »Tschüss meine Tochter« aus dem brennenden Fenster noch einen Teddy zuwirft (s. Bild 7). In den Konstruktionen der Kinder mischen sich verschiedenste aktuelle Quellen mit eigenen inneren Bildern, in die andere fiktionale Stoffe und andere Berichterstattung bereits eingewoben sind. Nicht immer überblicken die Kinder die Dimensionen eines Krieges und ein pädagogischer Ansatzpunkt wäre hier die Erweiterung des Wissens um Entstehung und Folgen eines militärischen Schlages.

Bild 7: Linda (10
Jahre): Verbrennende Mutter wirft ihrer Tochter ihren Teddy zu und
verabschiedet sich.
In den Episoden, welche die Kinder in den Bildern malten und erzählten, finden sich ebenfalls wiederkehrende Vorstellungen, wer in welcher Rolle in diesem Krieg agierte. Es sind individuelle Bedeutungskonstruktionen (im Sinne Bachmair 1996), über deren Hintergründe es sich im Einzelnen zwar nur spekulieren lässt, deren Rekonstruktionen jedoch ausgesprochen lohnenswert sind.3

Bild 8: Monique (8
Jahre) und ihr Bild vom Irak-Krieg: Die Amerikaner stellen eine
tödliche Falle.
Monique (8 Jahre) erzählt von ihren Vorstellungen über die aktuellen Ereignisse (Bild 8):
Monique: Da machen die gerade Krieg und da steht ein Bunker. Da zeigt gerade ein Mensch die weiße Fahne raus. Dann sagen die: ›Okay, wir kommen jetzt rein.‹ Und dann wollen die eigentlich doch noch weiterschießen. Und der eine hat eine Kanone stehen und dahinter liegen die ganzen Bomben. (…) Die Leute in dem Bunker sind von USA und die anderen, die auf dem Berg stehen, sind von Irak. Die (USA) wollen, dass die ganzen Menschen reinkommen, damit sie die besser erschießen können und nicht überall durchlaufen müssen, weil das zu gefährlich dann ist. Die von der USA wollen die Irak-Leute da reinlocken, weil die dann die besser totkriegen, damit das Schutzschild nicht mehr so groß ist für Saddam. Damit sie den besser finden können.
Auf dem Bild stellte sie einen Turm aus Stein dar, den sie als Bunker bezeichnete. Die Fenster sind vergittert, da sonst die Bomben ins Haus kommen könnten. Auf einem Berg stehen die Angreifer, wobei zwei Menschen bereits »vom Berg heruntergefallen und von Pistolen getroffen sind«. In der Episode stellte sie sich die USA in der Rolle derjenigen vor, die versuchen, die Iraker in eine Falle zu locken, um möglichst viele von ihnen mit möglichst geringen eigenen Verlusten erschießen zu können. Wie kommt eine 8-Jährige zu einer solchen Fantasie?
Der Ort, an dem die Szene spielt, entstammt aller Wahrscheinlichkeit nach anderen (Medien-)Geschichten, in denen eine Art Burg gestürmt oder belagert wird. Sie nahm das Wort Bunker, das in der Berichterstattung der ersten Tage sehr präsent war. Einzelheiten wie die vergitterten Fenster als Schutz vor Bomben ergänzte sie. In der Handlung schrieb sie den Amerikanern ein Motiv zu: Möglichst viele Iraker sollten umgebracht werden, damit das Schutzschild für Saddam nicht mehr so groß sei. Dies würde es leichter machen, ihn zu finden. Das Bild des Schutzschildes wurde (u. a.) von George Bush in seiner Rede zum Kriegsbeginn benutzt.
Ergänzend gab es Meldungen (z. B. Financial Times 20.3.2003), die auf die Gefahr hinwiesen, dass Saddam Hussein Menschen als Schutzschilde vor militärischen Einrichtungen platziere. Monique nahm dieses Bild auf und stellte sich quasi alle Iraker als eine Art Masse vor, die Saddam Hussein verdeckten.4 Der Tod möglichst vieler Iraker erleichterte es, den Gesuchten zu finden. Bei der Dezimierung dieses Schutzschildes wollten die Amerikaner möglichst wenig die eigenen Soldaten gefährden, ein in den Medien häufig zitiertes Ziel. Um es zu erreichen, setzten die Amerikaner einen hinterhältigen Trick ein, sie schwenkten die weiße Flagge, wollten aber dennoch weiterschießen. Wie Monique zu dieser Vorstellung kam, ist im Detail sicherlich nicht mehr nachzuvollziehen, vielleicht hatte sie Bilder wie das Titelblatt des Focus (24.3.2003) mit der Schlagzeile: »Krieg der tödlichen Tricks« gesehen. Der Trick, den die Amerikaner in ihrer Darstellung spielen, ist dabei weit von der Realität des Krieges entfernt und erinnert abermals an Kriegsszenarien historisch orientierter Spielfilme.
Monique baute also auf einem inneren Bild vom Krieg auf, das mediengeprägt und bereits vorhanden war. Sie ergänzte es z. B. durch einzelne Worte des aktuellen Diskurses wie »Bunker«, Metaphern wie »Iraker als Schutzschild für Saddam Hussein« und das Ziel der Amerikaner, möglichst wenig die eigenen Leute zu gefährden. Sie konstruierte sich eine Episode (vgl. Klemm 2002), bei der Iraker als entmenschlicht und Amerikaner als Versprechensbrecher agieren. Es entstand eine Mischung aus Wissen um die aktuelle Situation und Imagination, bei der Monique für sich (und die Interviewende) Bedeutung herstellte. Die amerikanischen Soldaten wurden hierbei in keiner positiven Heldenrolle gesehen. Diese mehr oder weniger latent vorhandene antiamerikanische Haltung ist ein durchgängiges Moment bei den deutschen Kindern.
Bei einer ganzen Reihe von Kindern wurde der Wunsch deutlich, den Irak und Saddam Hussein zu unterstützen. Ines (8 Jahre) wünschte sich, »(…) dass die Soldaten aus dem Irak stärker sind«. Ines nahm (vermutlich) eine Information, die im Diskurs gegenwärtig war: die deutliche militärische Überlegenheit der Amerikaner (z. B. in logo! vom 20.3.2003). Im Sinne einer kindertypischen Deutung stellte sie sich auf die Seite des Schwächeren und wollte den Irak unterstützen. Ihre Hoffnung war, »dass sie den Krieg gewinnen«. Die Amerikaner würden eingesperrt, was sie dann im Bild auch malte.
Thomas (6 Jahre) fantasierte einen Angriff auf George Bush. »Weil Bush, der ist stark und macht ein anderes, kleines Land platt. Das hat keine Chance mehr.« Er entwarf ein Szenarium, bei dem Bush gezielt getroffen, am Arm verletzt, aber nicht unbedingt getötet wird. Dann, so die Vorstellung von Thomas, würden die Amerikaner sofort mit den Kampfhandlungen aufhören und neu wählen. Das dauere zwar ein »paar Tage«, erzählte Thomas, aber dann wäre der Krieg vorbei. Auch Simon (9 Jahre) entwickelte Wunschszenarien, in denen George Bush persönlich angegriffen wird. Er fantasierte von einer Lenkrakete, die von einem irakischen Flugzeug »losgelassen« wird und direkt auf Herrn Bush zufliegt. Erst als dieser im letzten Augenblick schreit: »Halt, nein, kein Krieg mehr«, wird sie zurückgerufen.
Das Ziel der Kinder war es, den Krieg zu beenden. Bei dem Entwurf, wie dies möglich wäre, nutzten die Jungen bestimmte Begriffe wie »Lenkrakete« oder »wählen« und folgten ihren vorhandenen Deutungsmustern. Bei den beiden Jungen war es die Idee, dass durch Bedrohung das Ende des Krieges erzwungen werden könne. Da für sie (mediengestützt) der Krieg durch George W. Bush personifiziert war, galt es, diesen zu attackieren.
Die Vorstellung der befragten Kinder von Saddam Hussein lässt nur bei ganz wenigen eine kritische Perspektive erkennen. Vorstellungen wie in den USA oder Israel, in denen Hussein eindeutig als Gegner oder problematischer Politiker konnotiert wurde, kamen nicht vor. Einige erzählten, dass der Diktator sich einiges zu Schulden hatte kommen lassen. So konstruierte Robert (9 Jahre) den Kriegsgrund:
Der Bush hat halt mitgekriegt, dass der Saddam Husse sein Volk quält und die ganzen Spendengelder, die für den Irak gekommen sind, hat der Saddam Husse eingesackt.
Elly (10 Jahre) nahm an, Saddam Hussein habe »sich nicht so gut verhalten gegenüber den anderen Ländern und dass die Sachen gemacht haben, die vielleicht nicht so gut waren.«
Auch Thomas (6 Jahre, s. o.) wusste Details von Saddam Hussein: »Der Saddam, der hat halt mit Chemiewaffen ein Land angegriffen. Der ist eigentlich auch schlimm«. Er erzählte: »Pauls Lehrerin findet den Saddam schlimmer als den Bush. Ist eigentlich auch. Aber der Bush ist der Stärkste gerade.« Sein Anliegen war daher eindeutig: Er wollte Bush angreifen.
Die Kinder nahmen eine grundsätzliche Wertung von Saddam Hussein als problematische Person wahr. Doch es fehlte an festen Vorstellungen. In den Bildern und den Geschichten, wie Kinder sich den Krieg vorstellen, erscheint Saddam Hussein als Person nicht.
Im kollektiven Gedächtnis von Erwachsenen ist die Problematik des Diktators bekannt, z. B. aus den Ereignissen des vorherigen Golfkrieges. Da der öffentliche Diskurs in Deutschland sich jedoch kaum auf diese Argumentationslinie eingelassen hatte, war das weniger präsent. Die befragten Kinder lebten zum Zeitpunkt dieser Ereignisse meist noch nicht. Entsprechend konnten sie die potenzielle Konnotation von Personen zwar wahrnehmen, aber nicht wirklich verstehen. Hintergrundinformationen, für Kinder verständlich und ansprechend aufbereitet, wären hier wichtig gewesen.

Bild 9: Julia (9
Jahre): Amerikanische Soldaten schießen auf irakische Kinder.
In mehreren Bildern und Geschichten findet sich das Moment, dass Amerikaner Freude am Krieg finden und mit Begeisterung auf die Iraker schießen. Besonders eindrucksvoll malte dies Julia (9 Jahre). Dei amerikanische Soldaten schießen mit einem Lächeln im Gesicht auf irakische Kinder (s. Bild 9).
Die Erwachsenen sind groß und zwei von ihnen zielen auf ein Kind, das »Mama« ruft. Auf die Nachfrage im Interview, ob es Absicht gewesen sei, dass die Soldaten lächeln, bejahte Julia: »Die wollen ja die Kinder erschießen!«. Und wieder stellt sich die Frage, wie eine 9-Jährige auf ein solches Bild kommt.
Ein möglicher Angelpunkt für diese Fantasien könnten Bilder jubelnder oder zumindest lachender amerikanischer Soldaten sein. In verschiedenen Medien wurden Amerikaner gezeigt, die sich zuversichtlich äußerten und sich jubelnd oder zumindest lächelnd präsentierten. Ein anderer Angelpunkt ist vermutlich das Wissen um das Sterben von Kindern im Irak. Wie dieses im Einzelnen geschieht, wurde in der Berichterstattung (zu Recht) nicht gezeigt. Julia verband die zwei Momente und stellte sich vor, wie die Kinder zu Tode kommen. Es entstand (vermutlich mediengestützt aus fiktionalen Stoffen) eine Szene, in der Soldaten lächeln, denn sie ziehen ja begeistert in den Krieg, wo sie wie bei einer Hinrichtung auf die wehrlosen Kinder schießen.
Spätestens bei Julias Bild wird deutlich, wie sehr sich Kinder mit diesen Themen beschäftigen. Sie ziehen aus der Berichterstattung bestimmte Bilder, Handlungsepisoden und Konnotationen. Das aktuelle Geschehen vermischt sich mit Bekanntem aus früheren Ereignissen wie den Terroranschlägen des 11. September und fiktionalen Geschichten. In dem Bemühen um Verständnis und Integration dieser aktuellen Bilder und Diskussionen stellen sie Zusammenhänge zwischen den einzelnen Wissensinseln und Eindrücken her. Hierbei kommt es zum Teil zu Fehldeutungen,e auserct des Kindes gut nachvollziehbar, aber problematisch sind: der Wunsch, Saddam Hussein mehr Waffen zur Verfügung zu stellen oder George Bush zu bombardieren, oder das Bild von amerikanischen Soldaten, die hinterhältige Tricks anwenden oder lächelnd Kinder hinrichten.
Viele Dinge, die für Erwachsene selbstverständlich sind, wie dass (auch) Amerikaner nicht gerne töten, sind für Kinder, die zum Teil das erste Mal einem konkreten Krieg und seiner Bedeutung begegnen, nicht klar. Hier hätte es einer gezielten Unterstützung der Kinder durch eine kindernahe, reflektierte Berichterstattung bedurft, die zum Beispiel Hintergrundinformationen über Saddam Hussein zur Verfügung stellt und auch grundlegende Fragen, wie: »Warum gibt es Krieg?« oder »Töten Soldaten gerne?«, nicht scheut.
In den quantitativen und qualitativen Tendenzen der Befragung wird deutlich, wie Kinder Medienbilder und gesellschaftlichen Diskurs mit individuellen Themen und Deutungsmustern vermischen. Die öffentliche Diskussion zum Krieg war in Deutschland in den Medien wie auch in den Schulen zumeist eindeutig gegen den Krieg. Dies eröffnete Kindern pädagogische Freiräume, denn selten stimmten ihre Positionen und ihre Aktivitäten zu weltpolitischen Themen mit dem Diskurs der Erwachsenen so überein. Egal wie kindgemäß ihre Äußerungen zu dem Thema auch waren, sie entsprachen der Position der Erwachsenen. Aussagen wie: »(…) wenn Bush so weitermacht, dann wird er auch zum Diktator« (Jan, 9 Jahre) oder: »Ich hab mir erstmal gedacht, wie blöd Bush ist« (Pepe, 10 Jahre) oder selbst unflätige Bemerkungen wie: »Der Bush ist ein Wichser« (Thomas, 6 Jahre) wurden von den Erwachsenen vermutlich mit einem Lächeln aufgenommen, sprachen die Kinder doch etwas aus, was sich so mancher Erwachsene auch schon gedacht hatte. Dies unterstützte das Selbstvertrauen der Kinder und förderte Aktivität. Ob in der Schule oder zu Hause, die Kinder merkten, dass es sich lohnt, politisch aktiv zu werden, sei es auch nur im kleinen Kreise. Eine ganz wichtige Erfahrung, die politische Bildung und Engagement fördern kann. Gleichzeitig birgt die Eindeutigkeit aber auch die Gefahr in sich, ein einfaches GutBöse-Schema zu fördern, bei dem Saddam Hussein eben nur gut und George Bush nur böse ist. Diese Personalisierung und Entwicklung eines einfachen Gut-Böse-Schemas ist für die kindliche Aneignung der Kriegsberichterstattung nicht untypisch (vgl. Gillard u. a. 1993). In dieser Studie wurde an Einzelbeispielen deutlich, wie sich Kinder Stücke aus der Medienberichterstattung und dem gesellschaftlichen Diskurs herausnehmen. Wo sie kein konkretes Wissen haben, imaginieren sie sich Zusammenhänge und Details. Dabei folgen sie den dominanten Diskursen. Es entstehen Deutungsmuster und Fantasien.
Im Sinne einer nachhaltigen Friedenspädagogik und einer qualitätsorientierten Berichterstattung ist es notwendig, hier im Detail noch mehr zu reflektieren.
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Maya Götz, Dr. phil., ist Leiterin des Internationalen Zentralinstituts für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI) in München.
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1Die Ergebnisse dieser Teilstudie werden zu einem späteren Zeitpunkt veröffentlicht.
2Diese Komplexität spiegelt sich in den hier abgedruckten Zitaten nicht immer wider, da hier Ausschnitte von protoypischen Aussagen ausgewählt werden mussten.
3 Zur Methode siehe Neuß 1999, Götz/Lemish/ Aidman/Moon 2001.
4Hinzu kommt vielleicht auch der Diskurs um die Doppelgänger, der in der ersten Woche des Kriegsbeginns z. B. im Focus veröffentlicht wurde.